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Full text of "Vierteljahrsschrift Für Gerichtliche Medizin Und Öffentliches Sanitätswesen ( 2. F.= N. F.) 52.1890"

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UNIVERSITY OF IOWA 



























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UNIVERSIIY OF IOWA 






Vierteljahrsschrift 

für 

gerichtliche Medicin 

und 

öffentliches Sanitätswesen. 


Unter Mitwirkung der Königl. wissenschaftlichen Deputation 
för das Medicinalwesen im Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten 

herausgegeben 


Dr. Hermann Eulenberg, 

Geheimer Ober - Medicinal - Rath. 


Nene Folge. LH Band. 


BERLIN, 1890. 

VERLAG VON AUGUST HIRSCHWALD. 

HW. 88. UNTER DBH LINDEN. 


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UMIVERSITY OF IOWA 




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UMIVERSITY OF IOWA 











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v. 52 .- 5 3 


Inhalt 

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I. Qerlohtllohe Medioin. 1-118. 209—823 


1. Ueber das Eindringen von Rrtränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 

Von Dr. L. W. Fagerlond .1. 234 

2. Ueber einen Fall von genuiner acuter Panoreasentzündung nebst Be¬ 

merkungen über die anatomische und forensische Bedeutung der Pan- 
oreasblutungen. Von Dooent Dr.Dittricb . 43 

8. Ueber die Sklerose der Kranzarterien des Herzens als Ursache plötz¬ 
lichen Todes. Von Dr. AIgot Key-Abergin Stockholm. (Schluss) . . 57 

4 . Zwei motivirte Gutachten über' chronische Alkoholisten. Von Dr. 

Alfred Richter . 67 

5. Geistesstörung nach Kopfverletzung. Von Dr. Peterssen-Borstel 85 

6. Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. Von Dr. Schmitz in 

Bonn a. Rb. 97 

7. Superarbitrium der K. wissenschaftl. Deputation für das Medicinalwesen 

vom 20. November 1889, betreffend Kindesmord. (Erster Referent: 
Skrzeczka.) .209 

8. Ueber postmortale Blutveränderungen Von Prof. Dr. F. Falk in Berlin 215 

9. Ueber ein neues werthvolles Zeichen des Ertrinkungstodes. Von Dr. 

C. Seydel in Königsberg.262 

10. Ueber Rippenbrücbe vom geriohtsärztlichen Standpunkte aus. Von 

Dr. Arnstein in Ratibor.265 

11. Gebärmutterriss. Schuld der Hebamme? Gutachten von Dr. Schiller 

in Wehlau (Ostpreussen).278 

12. Ein weiterer Fall von Simulation von Schwachsinn bei bestehender 

Geistesstörung. Von Dr. Clemens Neisser in Leubus.291 

13. Ueber den Tod durch Chloroform und Chloral vom gerichtsärztlichen 

Standpunkte. Von Dr. J. Bornträger. .306 

I. Oaffbntliohea Sanititswesen. 119—183. 324—388 

1. Die Ancbylostomen-Krankbeit. Von Dr. Sohlegtendal in Lennep. 119 

2. Das Hebammen wesen im Kreise Zauch-Belzig — jetzt und vor 25 Jahren. 

Von Dr. Gleitsmann in Belsig.138 

3. Die Einführung der Impfungen mit Thierlympbe in den Jahren 1882 

bis 1888 im Medioinalbezirke Glauchau. Von Dr. Ernst Hankel in 
Glauobau.158 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF IOWA 

















IY 


Inhalt. 


Mte 

4. Zar Aetiologie der oroapösen Pneamonie. Von Dr. Riesell . . 167. 824 

5. Reichsgerichtliche Entscheidungen auf Grand des Deutschen Straf¬ 
gesetzbuches. Von Oberstabsarzt Dr. H. Frölich. (Fortsetzung) . 178 

6. Ueber die Abnahme der Lungenphthisis in höheren nordischen Breiten. 

Von Gustav Wykowski aus Mohilew am Dniepr.839 

7. Ueber Kohlenoxydvergiftung bei Theerdestillation. Von Dr. F. Greiff 

in Mannheim.859 

8. Arbeiterschutz und Unfallverhütung. Von Kreisphysikus Dr. E. Roth 

in Belgard.366 

9. Zur Casaistik des Kampfes gegen den Geheimmittelunfug. Von Dr. 

Albert Weiss, Geh. Med.-Rath in Düsseldorf (Fortsetzung) . . . 881 

III. Kleiner« Mittheilungen, Referate, Uteraturnotizen . . 184—204. 389—418 

a) Statistisches und Historisches. 184. 389 

b) Gerichtliche Medicin und forensische Casaistik. 187. 392 

c) Psychopathologie, Neuropathologie.191. 399 

d) Toxicologisohes; Berufskrankheiten und deren Vorbeugungsmaass¬ 
regeln . 194. 404 

e) Hygiene des alltäglichen Lebens; Nahrangsmittel und deren Fäl¬ 
schungen .410 

0 Parasitenkunde und Bakteriologie (Desinfection).199. 412 

IV. Amtllohe Verfügungen . 205-208. 419—420 

Betreffend: Kurse über Gesundheitspflege und Heilgymnastik für 
Seminar-Turnlehrer; — Bekämpfung der Verbreitung der Schwindsucht 
in Strafgefangenen- und Besserungsanstalten; — Die Einholung und 
Bezahlung der Gutachten der Medicinalbeamten bei der Prüfung von 
zu Begräbnissplätzen bestimmten Grundstücken; — Berechtigung der 
Chefärzte der Militärlazarethe zur Ausstellung von Leichenpässen; — 

Die Prüfung der Apotheker. 

Abgrenzung des Begriffs „Todtgeburt“ mit Rücksicht auf die Ge¬ 
burten-Statistik; — Bekanntmachungen erledigter Kreismedicinal-Be- 
amtenstellen; — Aufnahme von Geisteskranken aus dem Auslande etc. 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 













I. Gerichtliche Medicin. 


1 . 

Heber das Eindringen ven Ertränknngsflfissigkeit in die 

Gedärme.') 

Von 

Dr. Ii. W. Fftgerlund, 

Assistent an dein pathologisch-anatomischen Institute und Doccnt der gerichtlichen Mcdicirrzu 

Helsingfors. 


Wie bekannt bilden in allen Ländern überhaupt im Wasser ge¬ 
fundene Leichen einen wesentlichen Theil derjenigen, welche ein Gegen¬ 
stand gerichtlich-medicinischer Untersuchungen werden und über deren 

* 

Todesart man das Gutachten des Gerichtsarztes einholt. Es ist daher 
auch natürlich, dass, besonders in einem Lande wie Finnland, dessen 
Einwohner in Folge des grossen Reichthums an Seen, der langge¬ 
streckten Küste, der~weit ausgebreiteten Scheeren mehr,, als in man¬ 
chem-anderen Lande der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt sind, ge¬ 
rade diese Todesart vor allen anderen dazu geeignet ist, sich die Auf¬ 
merksamkeit des Gerichtsarztes zuzuziehen. In der That wird Finn¬ 
land in dieser Beziehung nur von Norwegen übertroffen: hier ist 
nämlich, sowohl durch die Beschaffenheit des Landes als durch die 
sich weit erstreckende Seefahrt und den grossartigen Fischfang in 
offener See, die obengenannte Gefahr in noch höherem Grade als bei 
uns vorhanden. Mit Ausnahme dieses Landes dürfte es aber kein 


*) Die in Bezug auf diese Frage angestellten Untersuchungen sind an dem 
gerichtlich-medicinischen Institute zu Wien ausgeführt, im December 1888 in 
schwedischer Sprache herausgegeben worden und werden jetzt mit einigen Kür¬ 
zungen in deutscher Uebersetzung mitgetheilt. 


Viertelj&hnichr. 1 *er. Med. N. F. LII. 1.» 

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1 

Original frorrr 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



2 Dr. Fagerlund, . 

anderes in Europa geben, wo der Ertrinkungstod so häufig wäre 
wie in Finnland. Die untenstehende Tabelle, welche ausschliesslich 
mit Berücksichtigung derjenigen Fälle aufgestellt worden ist, in wel¬ 
chen das Ertrinken durch Verunglückung eingetroffen war, zeigt näm¬ 
lich, dass von 10 000 Lebenden durchschnittlich in einem Jahre er¬ 
trinken in Finnland 2,91, in Schweden 2,59, in Norwegen 4,18, in 
Dänemark 1,30, in Preussen 0,97, in Frankreich 1,08 und in Bel¬ 
gien 1,08. 


Die'AnzaÜl der Ertrunkenen von 10 000 Lebenden 1 ). 


Jahr. 

Finnland 



Dänemark. 

Preussen. 

Frankreich. 

Belgien. 

1886 

2,73 

1,99 

• 

- 

• 



1885 

2,67 

2,34 

4,11 

— 

— 

— 

— 

1884 

2,18 

2 47 

3,55 

1,22 

— 

— 

— 

1883 

2,78 

2,56 - 

3,31 

1.24 


— 

— 

1882 

3,43 

3,13 

4,42 

1,25 

— 

— 

1.09 

188b 

3,29 

2,33 

4,32 

1,27 

0,93 

1,04 

1,20 

1886 

2,97 

2,70 

4,76 

. 1,28 

1,02 

1,01 

1,07 

1879 

2,82 

2.44 

3,33 

1,24 

0.91 

1,09 

— 

1878 

2,78 

248 

4,21 

1,26 

0,96 

0,85 

— 

1877 

2,45 

2,52 

3,64 

1,27 

1,26 

0,84 

— 

1876 

2,84 

2,70 

4,49 

1,28 

— 

1,54 

— 

1875 

2,85 

2,50 ■ 

4,06 

1,30 

i 

1,16 

1,10 

1874 

8,12 

2,97 

5,09 

1,38 

0,86 

— 

— 

1873 

3,22 

3,05 

4,94 

1,33 

1,11 

— 

— 

1872 

3,52 

3,04 . 

4,11 

1,40 

0,90 

— 

— 

1871 

2,63 

2,43 

4,31 

1,41 

0,94 

— 

V 

1870 

3,22 

2,39 

— 

1,41 

0,81 

— 

0,94 


Betrachten wir darauf näher die während der letzten 18 Jahre 
in Finnland • ausgeführten gerichtlichen Obductionen, so sehen wir, 
dass Wasserleichen durchschnittlich im Jahr 10,35 pCt. sämnfltlicher 
gerichtlich-medicinischer Fälle ausgemacht haben. Wie sich das Ver- 
hältniss weiter gestaltet zwischen denjenigen Fällen, in welchen die 
mehr eingehende Untersuchung gezeigt hat, dass das Ertrinken durch 
Verunglückung eingetroffen ist, und denjenigen, in welchen Selbst¬ 
mord oder Mord Vorgelegen haben, geht deutlicher aus der folgenden 


') Diese Tabelle ist mit Hülfe der im hiesigen statistischen Centralbureau 
zugänglichen Arbeiten aufgestellt, welche man gefälligst mir zur Disposition über¬ 
lassen hat. Unter diesen Arbeiten mögen genannt werden: Bidrag tili Finlands 
officiela Statistik, Bidrag tili Sveriges officiela Statistik, Norges officiela Statistik, 
Danmarks Statistik, Jahrbücher für die amtliche Statistik des preussischen Staates, 
Statistique de la France, Annuaire statistique de Belgique. 


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lieber das Eindringen von Ertränkungsilüssigkeit in die Gedärme. 


3 


Tabelle hervor, und zwar ist dieselbe nach den Jahresberichten des 
Medicinalamtes in Finnland und den von diesem Amte aufbowahrten 
Obductionsprotocolleo aufgestellt worden. 


Jahr. 

Summe sämmtlicher gericht- 
lich-medicinischer Fälle. 

Selbst¬ 

mord 

durch 

Ertrin¬ 

kung. 

Mord 

durch 

Ertrin¬ 

kung. 

Ertrinken 

durch 

Verun¬ 

glückung 

Procent sämmtliclur Wasser¬ 
leichen der sämmtliehrii ge¬ 
richtlich-medicinischcn Fälle. 

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Summe. 

Männer. 

Weiber. 

Summe. 

Männer 

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Summe. 

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335 

8 

6 

14 

_ 

i 

i 

22 

2 

24 

11,64 

35.90 

2,56 

61,54 

1886 

490 

10 

4 

14 

— 

2 

2 

24 

— 

24 

8,16 

35,00 

5,00 

60,00 

1885 

373 

9 

6 

15 

i 

1 

2 

34 

3 

37 

14,48 

27,78 

3,70 

68,52 

1884 

394 

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7 

12 

2 

1 

3 

30 

— 

30 

11,42 

26,67 

6,66 

66,67 

1SS3 

405 

3 

3 

6 


2 

2 

34 

3 

37 

11,11 

13.33 

4,45 

82,22 

1882 

372 

7 

3 

10 

— 

— 

— 

39 

— 

39 

13,17 

20,41 

0,00 

79,59 

1881 

348 

5 

1 

6 

— 

3 

3 

31 

— 

31 

11,49 

15,00 

7,50 

77,50 

1880 

333 

6 

5 

11 

— 

1 

1 

19 

5 

24 

10 81 

30,55 

2,78 

66,67 

1878 

330 

7 

5 

12 

2 

— 

2 

19 

1 

20 

10,30 

35,30 

5,88 

58,82 

1S78 

344 

3 

3 

6 

3 

— 

3 

24 

1 

25 

9.88 

17,65 

8,82 

73,53 

1877 

382 

3 

5 

8 

1 

2 

3 

28 

2 

30 

10,73 

19,51 

7,32 

73,17 

1876 

379 

2 

3 

5 

2 

1 

3 

18 

1 

19 

7,12 

18,52 

11,11 

70,37 

1875 

403 

4 

3 

7 

i 

3 

4 

IG 

4 

20 

7,69 

22,58 

12,90 

64,52" 

1874 

381 

3 

5 

8 

2 

1 

3 

24 

— 

44 

9,19 

22,86 

8,57 

68,57 

1873 

387 

4 

5 

9 

3 

3 

6 

35 

2 

37 

13,44 

17,31 

11,54 

71,15 

1872 

388 

4 

2 

6 

1 

1 

2 

20 

— 

20 

7,22 

21,43 

7,14 

71,43 

1S71 

386 

3 

2 

5 

2 

3 

5 

15 

3 

18 

7,25 

17,86 

17,86 

64,28 

1S70 

373 

5 

2 

7 

2 

2 

4 

25 

6 

31 

11,26 

16,67 

9,52 

73,81 


Wenn eine Leiche in einer Flüssigkeit angetroffen wird, sei es 
nun im Meere, in einem See, Fluss, Bach, Sumpf oder Brunnen, in 
einer Pfütze, in einem Zuber oder sonst einem Gefässe, in einer Kloake, * 
Mistgrube oder dergleichen, so entstehen, besonders wenn es sich um 
die Leiche einer unbekannten Person handelt, die Fragen: 1) ob dar 
Verstorbene lebendig oder todt in’s Wasser gerathen ist; 2) ob er 
durch Verunglückung, ob aus freiem Willen oder durch das Ein- " 
greifen eines Anderen dahin gekommen ist; 3) wie lange die Leiche 
im Wasser gelegen hat. Diese Fragen haben eine so vielumfassend« 


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1 * 

Original frei • 

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4 


Dr. Fagerlund, 


Literatur hervorgebracht, dass nur wenige Gebiete der gerichtlichen 
Medicin so viele Bearbeiter aufzuweisen haben. Nichtsdestoweniger 
mangelt es noch immer an einem charakteristischen Zeichen, durch 
dessen Vorhanden- oder Nichtvorhandensein man mit Sicherheit be¬ 
stimmen könnte, inwiefern ein Mensch durch Ertrinken den Tod ge¬ 
funden hat oder nicht. Das Bedürfniss und das Wünschenswerthe, 
ein solches Zeichen zu besitzen, hat sich wohl schon in allen Zeiten 
geltend gemacht, und das Bestreben, dieses zu finden, ist ebenfalls 

stets vorhanden gewesen und trat besonders lebhaft in der ersten 

* • 

Hälfte und um die Mitte dieses Jahrhunderts hervor; eine Menge von 
bedeutenden Gerichtsärzten schenkte damals dem Ertrinkungstode 
ganz besondere Aufmerksamkeit. Wenn man aber auch noch immer 
ein solches charakteristisches Kennzeichen des Ertrinkungstodes ent- 

• behrt, so ist man dennoch heut zu Tage durch Studien an Menschen- 
leichcn, sowie durch Beobachtungen und Experimente an Thieren so 
weit gekommen, dass man durch Zusammenpassen sämmtlicher Er¬ 
gebnisse der betreffenden Obduction in den meisten Fällen mit Be- 

__ stimmtheit erkennen kann, ob die Person durch Ertrinken den Tod 
gefunden hat oder nicht. Dennoch giebt es noch immer eine Menge 
Fälle, welche nicht nur die Scharfsinnigkeit des Gerichtsarztes hart 
auf die Probe stellen, sondern welche sogar seinen Bestrebungen, das 

Ä wirkliche Verhältnis zu erforschen, trotzen. Deshalb fährt inan auch 
heute noch fort, alle diejenigen Merkmale genau zu mustern, welche 
&]$ Zeichen des Ertrinkungstodes aufgestellt sind. Desgleichen lebt 
auch noch immer das Bestreben fort, die Anzahl der schon erworbenen 
Merkmale zu vermehren, um dadurch nicht nur die beweisende Kraft 
der übrigen grösser zu machen, sondern auch dem Arzte in allen 
denjenigen Fällen Anleitungen zu bieten, wo die übrigen Zeichen un¬ 
deutlich sind. Auch diese meine Abhandlung geht darauf aus, die 
Aufmerksamkeit auf einen bis jetzt beim Ertrinken ziemlich wenig 

• beachteten Befund zu lenken, und zu zeigen, welche Schlüsse man 
aus diesem Befunde ziehen kann, wenn es sich darum handelt, diese 
•Todesart betreffende Fragen zu beantworten. Es ist dies das Ein¬ 
dringen der Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 

, Das Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von Ertränkungsflüssig¬ 
keit im Magen ist schon seit den ältesten Zeiten ein Gegenstand der 

• besonderen Aufmerksamkeit der Gerichtsärzte gewesen und das Vor¬ 
finden derselben hat lange für ein sehr zuverlässiges Zeichen des Er¬ 
trinkungstodes gegolten, und zwar um soviel mehr, da dieses 


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UMIVERSITY OF IOWA 



Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 5 

Zeichen einen vitalen Act in den letzten Lebensaugenblicken vcr- 
rauthen lässt. 

Schon im Jahre 1575 sagt Ambroise Pare, dass die Zeichen 
davon, dass ein Mensch bei lebendem Leibe in’s Wasser geworfen 
worden ist, darin bestehen, dass man Magen und Bauch mit Wasser 
angefüllt findet, dass der Nase schmutziger Schleim entströmt, dem 
Munde aber Schaum und Gischt, und dass in den meisten Fällen die 
Nase blutet. Gewöhnlich sind die Fingerspitzen des Ertrunkenen ab¬ 
geschürft, dadurch dass er im Sterben den Bodensand kratzt in der 
Absicht etwas zu ergreilen, um sich zu retten, und dass er wie ein 
Tobender und Rasender stirbt. Ist er dagegen als todt in’s Wasser 
geworfen, so sind weder Magen noch Bauch aufgetrieben, da alle 
Gänge zusammengefallen und verschlossen waren und der Verstorbene 
nicht mehr athmete; auch trifft man alsdann weder Schleim vor der 
Nase, noch Schaum vor dem Munde, noch Spuren an den Fingern 
und an der Stirn an'). 

Schon vor Parö war Jacobus Sylvins fast derselben Ansicht 
gewesen. In der Uebersicht, welche er im Jahre 1555 von den ana¬ 
tomischen Werken des Hippocrates und Galen liefert, betont er ganz 
besondere den Umstand, dass frische Leichen von ertrunkenen Men-i 
sehen diejenigen sind, welche sich am meisten zu anatomischen Dis- 
sectionen eignen, wenn man nämlich mit den Händen auf den Magen 
drückte und dadurch das viele in den Magen eingedrungeDe Wasser 
durch den Oesophagus ausleerte 2 ). 

Auch Fortunatus Fidelis*) (1603) und Rodericus a Castro 4 ) 


') Ambroise Pare, Oeuvres completes. Edit. Malaigne. Paris 1841. 
Tom. III, pag. 651. — Vergleiche auch: Ambrosii Parei opera chirurgica. 
Edit. Jacobi Guillemeav, Parisiis MDLXXXII. De renuntiationibus et cadaverum 
embammatibus tractatus. pag. 878. 

3 ) Sylvius, Jacobus, Hippocrates et Galeni anatomiam Isagoge 1555. 
Citirt uach Morgagni opera omnia. Tom. III. De sedibus et causis morborum. 
Batavii 1765 üb. II (De morbis thoracis). Epistolae anatomico medicae XIX, 
pag. 160. Art. 40: . . . quod in his omnia sunt integra. si aqvae inagnam vim 
ex \entriculo manibus compresso per oesophagum effuderis. 

3 ) Fidelis, Fortunatus, De relationibus medicorum, sect. IV. Panorm. 
in Sicilia 1603. Cap. IV de sufTocatis. Citirt nach Mendc, L. J. C., Ausführ¬ 
liches Handbuch der gerichtlichen Medicin. Leipzig 1819. Bd. I, pag. 407. 

4 ) Rodericus a Castro, Tractatus medico-politicus seu de officiis me- 
dico- politicis. Lib. IV. Hamburg 1614. Citirt nach Mende. 1. c. Bd. I, 
pag. 407. 


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4 . 

Original fro-m 

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6 


Dr. Pagerlund, 


(1614) erwähnen unter den Zeichen des Ertrinkungstodes einen „ auf¬ 
getriebenen Bauch (alvus etiam intumescit)“: PI ater macht aber 
schon die Bemerkung, dass Fälle Vorkommen, wo nur eine sehr ge¬ 
ringe Wassermenge im Magen der Ertrunkenen angetroffen wird. Er 
beantwortet nämlich die von ihm 1614 aufgeworfene Frage: „Sollten 
wohl diejenigen, welche im Wasser ertrinken, durch Erstickung 
sterben?“ in folgender Weise: „Dass diejenigen, welche im Wasser 
untergeheD, nicht dadurch sterben, dass sie allmälig zu viel Wasser 
verschlucken, sowie man es allgemein glaubt, sondern weil sie er¬ 
sticken, wird also bewiesen: das Wasser kann nur dann in den Magen 
eindringen, wenn der Mensch schluckt; da das Schlucken aber eine 
von unserem freien Willen abhängige Bewegung ist, so kann es so¬ 
wohl im Wasser als ausserhalb desselben verhindert werden, und 
weil man zum Schlingen nicht*gezwungen werden kann, ist es klar, 
* dass wenn auch vielleicht in der Gefahr und in der Angst etwas 
Wasser verschluckt wird, so geschieht dies in geringer Menge und ist 
dasselbe durchaus nicht im Stande, den Leidenden so schnell zu 
tödten. Diese Beobachtung habe ich bei der Untersuchung des Magen¬ 
inhalts einiger Ertrunkener gemacht, bei denen ziemlich wenig Wasser 
in dem genannten Organe angetroffen wurde. Auch ist es sicher, dass 
jenes Wasser, welches von den aus dem Wasser gezogenen Körpern 
abtrieft, wenn man diese mit dem Kopfe nach unten kehrt, eher den 
Kleidern der Ertrunkenen entströmt. Wenn daher das Einathmen von 
Luft vermittelst der Respiration durch das Wasser verhindert wird, 
wenn anstatt der Luft Wasser in die Luftröhre dringt, so wird da¬ 
durch die Erstickung bewirkt, und diese führt wiederum den Tod 
herbei“ *). 

Paulus Zacchias, hierin mit Pare, Fortunatus, Fidelis und 
Rodoricus a Castro übereinstimmend, erklärt dagegen 1621 —1652 
„dass bei denjenigen, welche lebend in’s Wasser gerathen sind, der 
Bauch mit Wasser angefüllt und aufgetrieben ist. Er fügt jedoch 
hinzu, er sei dennoch der Ansicht, „dass diejenigen, welche im Wasser 
ersticken, eher in Folge der gehemmten Respiration sterben, als in 
Folge der Wassermenge, die sie verschluckt hätten .... Bei dem¬ 
jenigen hingegen, welcher als todt in’s Wasser geworfen worden ist, 
bemerkt man nicht solches, denn weder schwillt sein Bauch an, da 


’) FelicisPlatori, Questionum medicarum. Basileae 1656. pag. 100. 
Questioues Pathologicae No. 55. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 7 

ja bei dem Todten alle Gänge und Kanäle zusammen fallen und somit 
das Eindringen dos Wassers verhindert wird, noch dringt Schaum aus 
seinem Munde“ ‘). 

Waldschmidt 2 ) versichert jedoch schon im Jahre 1688, dass 
es ihm niemals möglich gewesen sei, im Magen oder in der Brust 
der Ertrunkenen auch nur einen einzigen Tropfen Wasser zu finden. 
Nach Tourdes’ Angaben soll die medicinische Facultät zu Leipzig 
schon im Jahre 1689 erklärt haben, dass das Vorhandensein von 
Wasser im Magen der Ertrunkenen ein‘Befund von geringer Zuver¬ 
lässigkeit sei, auf welchen man kein grosses Gewicht legen ■dürfte 
und welches sogar den Gerichtsarzt irre führen könne 3 ). 

Ebenso behauptet Becker (1704), dass das Wasser nicht in den 
Magen der Ertrinkenden dringen könne und dass er bei den von ihm 
ausgeführten Obductionen von Ertrunkenen, sowie bei seinen Er- 
tränkungsexperimenten an Thieren entweder gar kein Wasser oder 
nur eine sehr unbedeutende Menge desselben ip Magen angetroffen 
habe. „Sowohl die Aerzte als auch der grosse Haufe,“ sagt er 4 ), 
„sind der Ansicht, dass diejenigen, welche im Wasser ertränkt wer¬ 
den, eine solche Menge dieser Flüssigkeit in sich aufnehmen müssen, 
dass der ganze Magen angefüllt wird und anschwillt, d. h. dass Ab¬ 
domen und Thorax (denn in den Namen venter will man auch diesen 
letzteren einbegreifen) so angefüllt werden, dass nichts mehr darin 
Platz findet. Die von einer so grossen Wassermenge ausgedehnten 
Eingeweide können ihre Functionen nicht weiter fortsetzen, die Be¬ 
wegungen des Horzens, der Lungen und des Blutes sind gehemmt,“ 
selbst die Königin der Eingeweide, das Herz, hört auf ihre Pflicht zu 
“thun, der Lebensfunke erlöscht und erstarrt in Folge der Kälte des 


Pauli Zacchiae, Questionum Medicolegalium. Ed. cura Juan Danielis 
Horstii. Lugduni 1676. Lib. V, tit. II, quest. XI, pag. 394. 

-) Epheroeridium medico. physicar. german. acad. imper. Leopoldinae Na- 
turac Curiosorum. Decuria II. Annus 6. Norriunbergiao MDCLXXXVIII. Ob- 

servat. 153. D. Joh. Jacobi Waldschmidii Anatome aquis submersorum. 

Hinc in‘submersiS ne guttulam quidem aquae in ventriculo, aut in tboracc repff- 
rire nunquam lieuisse, confirmavit. 

3 ) Tourdes, G., Dictionnaire encyclopedique des Sciences m4dicales. 
3if>me serie. -Tom. 12. Submersion, pag. 507. 

*) Johan Conradi Becker, Paradoxum medico-legale de submersorum 
morte sine pota aqua. Alsfeldiae 1704. §§ VI. IX. XLVII. Enthalten in: M. 

B. Valentini corpus juris medicolegale. Francofurti ad Moenum. 1722. Novellae 
Medicolegales pag. 105. Casus XVI, § VI : ... . 


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8 


Dr. Fagerlund, 


Wassers. Sobald das Herz zugestopft ist, werden die übrigen Theile 
des Körpers nicht mehr bestrahlt, und auf diese Weise kommt der 
Mensch um. . . . Durch einige .... (an Menschen sowie an Thieren) 
gemachte Beobachtungen habe ich mir eine bessere Einsicht erworben, 
und um Rechtsgelehrte sowie Aerzte hierauf aufmerksam zu machen, 
kann ich es nicht unterlassen, dies aufzuzeichnen, und versichere ich 
ljiermit, dass Ertrunkene ohne Wasser sterben, d. h. weder in die 
Lungen noch in die Gedärme Wasser aufnehmen, und dass während 
der nächstfolgenden Augenblicke nach dem Ertrinken der Schlund so 
zuge^chlossen wird, dass das Eindringen des Wassers in die Lungen 
und in die Gedärme unmöglich wird, und dass man daher den Tod 
der Verunglückten ausschliesslich einer gehemmten Respiration zu¬ 
schreiben muss.“ Und er fügt noch hinzu: „Da der Weg durch den 
Schlund abgesperrt worden ist, so gelangt kein Wasser bis in den 
Magen und wenn eine ganz geringe Menge dieser Flüssigkeit einge¬ 
drungen ist und sich .mit dm Chylus vermischt hat, so ist dieses 
während der ersten Augenblicke des Sinkens, bei irgend einer Schling¬ 
bewegung, geschehen, bevor das Blut zu fliessen aufhörte, bevor die 
Gefässe anschwollen und der Schlund zusammengedrückt wurde.“ 

Littrc dagegen schreibt im Jahre 1719, dass er bei ertrunkenen 
Menschen „einen aufgetriebenen Bauch, ziemlich viel Wasser im Magen, 
woniger in den Gedärmen und eine geringe Menge in den Lungen“ 
angetroffen habe 1 ). 

1725 macht Albertus die Bemerkung, dass nur ein wenig 
Wasser im Magen der Ertrunkenen vorgefunden wird, falls diese nicht 
in ihrer äussersten Noth dasselbe in sich gezogen haben, welches 
jedoch nicht immer vorkomrat 2 ). 

Sönac besteht 1725 fest darauf, dass die Ertrinkenden durch¬ 
aus kein Wasser verschlucken können, und wenn sie es doch thun, 
so geschieht dies in zu.geringer Menge, um davon zu sterben 3 ). 

In dem von Reaumur im Aufträge der wissenschaftlichen Aca- 
demie zu Paris 1740 herausgegebenen Rathgeber bei Errettung von 


*) Sur les noyes. Histoire de l’academie royale des Sciences. Annee 
MDCCXIX. Paris MDCCXX1. pag. 26 ... . 

2 ) D. Michaelis Alberti systema jurisprudentiae medicae directum et 
cum praefatione Christiuni Thomasii. Halae MDCCXXV. pag. 224, § XIII . . . 

3 ) Sur les noyes. „ Histoire de l’academie royale des Sciences. Annee 
MDCCXXV. Paris MDCCXXVII. pag. 12 ... . 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 9 

Ertrunkenen“ 1 * ) wird auch darauf hingewiesen, wie man durch Dis- 
sectionen, welche erprobte Anatomiker ausgeführt haben, die Er¬ 
fahrung gewonnen hat, dass Wasser gewöhnlich nur in einer geringen 
Menge im .Magen der Ertrunkenen angetroffen wird. 

Röderer schreibt wiederum im Jahre 1750, dass wenn die Ver- 
• suche mit lebendigen Thieren so angestellt werden, dass ein gesundes 
munteres Thier im Wasser untergetaucht und daselbst gehalten wird, 
so werden .die Werkzeuge der Kehle und des Schlundes, durch die 
Furcht und *die Bemühungen einzuathmen, so in Bewegung gesetzt, 
dass sowohl in die Lungen als in den Magen Wasser eingezogen und 
gleichsam eingeathmet und zugleich verschluckt wird. Eben dies ge¬ 
schieht, wenn unter gleichen Umständen ein Mensch im Wasser ver¬ 
unglückt *). 

. 1751 erklärt Hebenstreit 3 ), er sei der Ansicht, dass die¬ 

jenigen, welche plötzlich in einen tiefen Fluss versenkt werden, nicht 
Wasser trinken können, dass aber diejenigen, welche im Kampfe mit 
dem Tode einige Zeit an der Oberfläche verbleiben, sich nicht davon 
abhalten können, Wasser zu verschlucken, woher auch dies kein be¬ 
ständiges, dennoch aber kein zu verachtendes Zeichen sei, besonders 
wenn die im Magen des Verstorbenen angetroffene Flüssigkeit der¬ 
jenigen ähnlich ist, in welcher die Leiche gefunden wurde. Um diese 
Frage zu beleuchten, citirt er eine von ihm ausgeführte Section eines 
Kindes, das die Mutter bei der Geburt in ein Wasser und Menschen- 
koth enthaltendes Gefäss hatte fallen lassen. Bei diesem Kinde fand 
er den Bauch - von einer stinkenden Flüssigkeit aufgeschwollen und 
ausgespannt, und zwar überzeugte er sich durch eine nähere Unter¬ 
suchung derselben Flüssigkeit davon, dass sie keine Amniosflüssigkeit, 
sondern mit.der in dem Gefässe, in welches das Kind fiel, iden¬ 
tisch sei. 

Ausserdem war H. der Ansicht, dass Ertrinkende mit einer Inspi¬ 
ration (inspirando) sterben, und dass das sich contrahirende Diaphragma 
die Eingeweide des Bauches nach unten schiebt, wodurch dieser letz- 


l ) Avis pour donner du seoours ä ceux que l’on croit noyes. Zu finden in: 
Louis. Lettres sur la oertitude des signes de la mort. Paris 1752, pag. 250... 

De submersis aqua observationes. Programm. Göttingen 1750. §53. 
Citirt nach v. Müller. Entwurf der gerichtlichen Arzneywissonschaft. Frank¬ 
furt am Main 1801. Bd. IV, pag. 24. 

3 ) Hebenstreit, D. Jo. Ern., Anthropologia forensis. I.ipsiae MDCCLI, 
sect. II, membr. II, cap. II, art. III. De laesionibus thoracis. § 6, pag. 483 . . . 


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10 


Dr. Fagerlund, 


tero aufgetrieben wird. Diejenigen, welche todt in’s Wasser gerathcn, 
und die demnach mit einer Exspiration (exspirando) gestorben sind, 
haben also keinen aufgetriebenen Bauch (wenn nicht in Folge einer 
beginnenden Verwesung). 

Louis, welcher der erste war, der bei seinen mit Thieren ge¬ 
machten Ertränkungsversuchen gefärbte Flüssigkeiten benutzte, um . 
besser beobachten zn können, bis wie weit die Ertränkungsflüssigkeit 
in den Versuchsthieren vordringt, bleibt im Jahre 1752 dabei, dass 
man wohl nicht behaupten könne, dass die Ertrinkenden gar kein 
Wasser verschlucken, dass aber das Wasser, welches sie verschluckt 
hätten, nicht ihren Tod verursachen könnte 1 ). 

Auch Evers sagt im Jahre 1753, es sei nicht zu bezweifeln, 
dass man im Magen der Ertrunkenen dasselbe Wasser antrifft, worin 
sie ertrunken sind, dass er durch an Leichen ertrunkener Menschen 
gemachte Beobachtungen, sowie durch Untersuchungen an in gefärbten 
Flüssigkeiten ertränkten Thieren gefunden habe, dass das Wasser nur 
durch das Schlucken allein in den Magen eindringt und dass man es 
folglich nur bei denen findet, welche lebend ins Wassor gerathcn sind 
und welche nicht vorher einen mit Speise so angefüllten Magen hatten, 
dass dort für Wasser kein Platz mehr übrig war. Um sich davon 
zu überzeugen, inwiefern nach dem Tode Wasser in den Magen ein- 
dringen könne, versenkte er todte Thiere in gefärbte Flüssigkeiten, 
wo er sie bis zur eintretenden Verwesung liegen Hess; nie fand er 
aber Wasser in ihrem Magen, nicht einmal, wenn er ihnen eine solche 
Lage gegeben hatte, dass ihnen das Wasser mit seinem Gewichte 
gerade in den Mund hineinrann. Er hat niemals bemerkt, dass das 
Wasser bei Ertrunkenen weiter als in den Magen, d. h. bis in die 
Därme, vorgedrungen wäre 2 )- — Haller 3 ) stimmt mit Evers über¬ 
ein, doch erzählt er zugleich, er habe bei jungen von ihm ertränkten 
Hunden Lungen und Magen ganz frei von Wasser angetroffen, auch 


! ) Louis, Lettres sur la certitude des signes de la mort. Paris 1752. 
pag. 236. 

2 ) Experimenta circa submersos in animalibus instituta. Diss. Presido. 
J. G. resp. auctor E. J. A. Evers. Gottingiae MDCCLIII, § XXIV—XXXIII. 

3 ) Haller Albertus, Opuscul. pathol. observat. LXII. Citirt nach: 
Günther, Revision der verschienenen Ansichten über die Todesart der Er¬ 
trunkenen und Erhängten, nebst Prüfung derselben. (Zeitschrift für die Staats¬ 
arzneikunde, herausgegebou von Adolph Henke. Bd. XIII. 1827. Heft 2. 
pag. 345.) 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 11 


wenn die Thiere den Mund unter dem Wasser geöffnet und die Zunge 
ausgestreckt hatten'). 

Morgagni 2 ) giebt zwar im Jahre 1761 zu, dass weder er, noch 
sein Lehrer Valsava die Gelegenheit gehabt hätten, Leichen ertrun¬ 
kener Menschen zu seciren. Im Magen ertränkter Thiere hat er jedoch 
niemals Wasser angetroffen, will aber dennoch durchaus nicht die von 
anderen Verfassern angeführten Beispiele eines entgegengesetzten Ver¬ 
hältnisses in Zweifel ziehen. 

De Haen macht 1769 in folgender Weise auf die Unzuverlässig¬ 
keit dieses Zeichens aufmerksam: Sollten nicht solche ertrinken, 
welche kurz vorher Wasser oder ähnliche Flüssigkeiten getrunken 
hatten, und da nun die Meisten keine solche im Magen der Leichen, 
andere wiederum dieselbe angetroffen haben, sollte man da nicht, an¬ 
nehmen müssen, dass diese Vorgefundene Flüssigkeit gerade die kurz 
vor dem Tode getrunkene sei? 3 ) 

Von den beiden schwedischen Gerichtsärzten Kiernander 4 ) 
(1777) und Martin 5 ) (1783) stimmt erstercr ganz und gar mit 
Mich. Albertus, Letzterer mit Hebenstreit überein. 

, Walter dagegen, welcher die Gelegenheit gehabt hat, eine Menge 
Ertrunkener zu untersuchen, behauptet 1785, niemals Wasser im Magen 
derselben angetroffen zu haben 6 ). 

Plenk erwähnt 1786 unter den Merkmalen des Todes durch 
Ertrinken des Befundes von Wasser oder einer anderen Ertränkungs- 
flüssigkeit im Magen der Verstorbenen 7 ). 

') Haller Albertus, De respiratione experim. P. 2 ad. d. 39 not. i. 
Citirt nach Morgagni opera omnia Patavii 1765. Tom. III, lib. II. Epist. anat. 
med. XIX. Art. 43. 

*) Jo. Baptista Morgagni opera omnia Tom. III. De sedibus et causa 
morborum. Batavii 1765, lib. II. Epistolae anatomico-medica XIX, pag. 160, 
art. 40 — 44. 

3 ) Antonii de Ilaön, Ratio modendi. ParsXIII. Wiennao 1769. Cap.III. 

De auxiliis praestandis his, qui aut in aqua, aut aliis de causis sufTocati sivo 
morte propinqui videntur, sive veram mortem simulaverant. §. III. 

4 ) Kiernander, Jon., Utkast tili medicinallagfarenhelen. Stockholm 
1777, pag. 724. 

5 ) Martin, Roland, Läkaregrunder tili biträde för styresmän och domare. 
Stockholm 1777. pag. 724. 

6 ) Walter, J. G., Von den Krankheiten des Bauchfelles und dos Schlag¬ 
flusses. Berlin 1785. 

7 ) Josephi Jacobi Plenk, Elementa medicinae et chirurgiae forensis. 
Ed. secunda. Wionnae 1786, pag. 30 ... . Signa aqua submersorum rivorum 


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12 


Dr. Pagerlund. 


Auch Schimm erzählt 1788, er habe gefunden, dass Wasser bei 
Thieren immer in den Magen, aber niemals bis in die Därme vor¬ 
dringt, dass Ertrinkende in Folge des in die Lungen eindringenden 
Wassers sterben und dass, nach dem Tode, kein Wasser weder in den 
Magen, noch in die Lungen eindringen kann •). Ebenso sagt auch 
Viborg 1807, dass ertrinkende Thiere Wasser verschlucken 2 ). 

Augustin 3 ) sagt im Jahre 1803, dass das im Magen etwa vor¬ 
handene Wasser mit dem verglichen werden müsse, worin der Todte 
gefunden wurde, um daraus schliessen zu können, ob der Todte davon 
verschluckt und also von demselben ertrunken sei. Zu den Zeichen 
davon, dass der Verstorbene schon als Todter ins Wasser gerathen 
ist, zählt er die Abwesenheit des Wassers und fremdartiger Substanzen 
in der Luftröhre und im Magen. Er theilt uns zugleich ein von dem 
preussischen Ober-Collegio-Medico 1788 gegebenes „Responsum“ mit, 
in welchem es sich um ein im Wasser gefundenes Kind handelt und 
in welchem der Befund von verschlucktem Wasser im Magen unter 
den definitiven Kennzeichen des Ertrinkungstodes aufgezählt wird. — 
Auch Gadelius nennt 1804 unter den Kennzeichen des Ertrinkens 
den Befund von Wasser im Magen 4 ). 

1826 macht Klein 5 ) darauf aufmerksam, dass er noch niemals 
Wasser in den Lungen und in den Bronchien, jedes Mal dagegen 
etwas, oft sogar recht viel solches im Magen gefunden hat und 1820 


sunt: 1) Suffocationis signa generalia. 2) In ventriculo plus minus aquae, aut 
fluidi quod corpus circumdedit. 

*) Schimm, Franc. Anton, Diss. de submersis. Argentorati 1788. — 
(Citirt nach: Müller, J. Val. Entwurf der gerichtlichen Arzneiwissenschaft. 
Bd. IV. Frankfurt am Main 1801, pag. 27.) 

2 ) Wiborg, E., Ueber das Ertrinken. Neues nordisches Archiv für Natur¬ 
kunde, Arzneiwissenschaft und Chirargie von Pfaff, Scheel und Rudolphi. 
Bd. I, 1807, S. 1—44 und 295—298. Vergleiche: Kopp, J. H., Jahrbuch 
der Staatsarzneikunde II. 1809, pag. 413. 

3 ) Augustin, F. L., Von den Kennzeichen zur Entscheidung der Frage: 
Ob ein im Wasser gefundener Mensch lebendig in’s Wasser gerathen und darin 
ertrunken, oder ob er vorher gestorben und hernach in’s Wasser geworfen sey? 
Archiv der Staatsarzneikunde von F. L. Augustin. Bd. I. Erstes Stück. Berlin 
1803, pag. 22. 

4 ) Gadelius, Eric., Handbok i mediciuallag-farenheten. Stockholm 1804, 
pag. 215. 

5 ) Klein, Bruchstücke zu der gerichtlichen Medicin. Hufeland’s Journal 
der praktischen Heilkunde. 1816. November. Vergleiche: Jahrbuch der Staats¬ 
arzneikunde, herausgegeben von J. H. Kopp. Bd. X. 1817, pag. 215. 


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Ueber das Eindringen von Ertränknngsflüssigkeit in die Gedärme. 13 


sagt Metzger 1 ), dass, wenn die Zeichen äusserlicher Gewalt, welche 
den Tod hätten bewirken können, fehlen, so ist die grösste Wahr¬ 
scheinlichkeit des Ertrunkenseins vorhanden, und besonders scheint 
diese Meinung dann richtig zu sein, wenn sich Wasser im Magen findet, 
indem das Schlingen Leben voraussetzt. 

ln seinem epochemachenden, zwischen 1821—1823 erschienenen 
Werke Traitö de la raödecine lögale sagt Orfila 3 ): Der Magen von 
Ertrunkenen enthält last immer Wasser, während es sich in dem von 
Subjecteu, die man nach dem Tode ins Wasser gesenkt hat, nicht 
findet; diese Flüssigkeit dringt selbst in dieses Eingeweide von dem 
ersten Augenblicke des Ertrinkens, wie unsere Versuche, jene von 
Dr. Piorry und von Dr. Edward Jenner Coc beweisen; dieses 
Zeichen kann für den Beweis des Ertrinkens bei lebendem Leibe nur 
insofern Werth haben, als anerkannt ist, dass die im Magen gefun¬ 
dene Flüssigkeit jener ganz ähnlich sei, welche den Körper umgiebt, 
dass sie nicht vor dem Ertrinken verschluckt, nicht nach dem Tode 
in den Magen eingespritzt worden sei. 

Schon im Jahre 1829 ist Devergie 3 ) derselben Meinung wio 
Orfiia und noch 1840 vertheidigt er dieselben Ansichten, nur macht 
er das letztere Mal darauf aufmerksam, dass Wasser auch in einigen 
Theilen der Därme angetroffen werden kann. 

Marius sagt 1831 4 ), dass Wasser nicht selten im Magen ange¬ 
troffen wird, bisweilen sogar in beträchtlichen Mengen. 

Klose (W. F. W.) versichert, er habe in den meisten Fällen 
den Magen stark mit Wasser angefüllt gefunden und Klose (C. L.) s ) 
fügt 1831 folgende Bemerkung hinzu: Auf jeden Fall kann dieses 
Zeichen nur dann Beweiskraft haben, wenn der Verstorbene nicht in 
blossem Wasser ertrunken ist und die Flüssigkeit, in welcher dio 
Leiche gefunden wurde, mit der im Magen vorhandenen übereinstimmt. 

Metzger, Job. Dan., Kurzgefasstes System der gerichtlichen Arznei¬ 
wissenschaft. Aafl. 5. Königsberg and Leipzig 1820, § 194 b. 

2 ; Traite de la medecine legale. Tome II. 

*) Devergie, Alph, Coup d’oeil göneral sur les signes qui peurent faire 
connaitre que fimmersion a eu lieu du vivant de l’individu. Annales d'hygiene 
publique et de medecine lög&le. Tome II. Paris 1829. pag. 438. — Devergie, 
Alph. Medecine lögale theorique et pratique. Paris 1840. Tome II, pag. 413... 
1 2. Existence d’euu dans l’estomac et dans une partie des intestins. 

4 ) Masius, Georg Heinr., Handbuch der gerichtliohen Arzneiwissen- 
schaft. Bd. II, Abtbl. 2 von Carl Ludwig Klose. Stendal 1831, pag. 321. 

s ) Ibidem pag. 321 not. z. • 


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14 


Dr. Fagerlund, 


Nach dem Tode dringt kein Wasser in den Magen und dennoch be¬ 
weist auch die Abwesenheit dieses Merkmals nichts, weil möglicher¬ 
weise der Ertrunkene im Wasser nicht geschlungen hat. 

Kaiser sagt 1832'): .... „Es kann sonach die Möglichkeit, 
dass während des Ertrinkens Wasser verschluckt wird und in den 
Magen gelangt, keineswegs geleugnet werden, aber das Zugegenscin 
von Wasser in dem Magen für sich kann nicht als sicherer Beweis 
für den Ertrinkungstod gelten; nur in Verbindung anderer Zeichen 
und Verhältnisse für den Ertrinkungstod verdient es beachtet zu 
werden und kann selbst den Beweis für den Erstickungstod erhöhen. 
Ich glaube, dass bei solchen Menschen und Thieren, die todt in’s 
Wasser geworfen werden, kein Wasser mehr in den Magen gelangen 
kann .... Kann es wirklich und bestimmt dargethan werden, dass 
in dem Magen eine Flüssigkeit von derselben Qualität angetroffen 
wird, wie die war, in welcher der Unglückliche ertrank, so wird da¬ 
durch die Beweiskraft dieses Zeichens allerdings erhöht, zur Untrüg- 
lichkeit gelangt es aber auch hier nicht, wie überhaupt das Zugegen¬ 
sein von Wasser im Magen zu den unsicheren und trüglichen Zeichen 
des Todes im Wasser gehört.“ Er erwähnt auch des Befundes von 
Ertränkungsflüssigkeit in den Därmen. 

Albert spricht sich 1833 in folgender Weise hierüber aus 2 ): 
„Es ist allerdings wahr, dass jedes Individuum, welches lebend und 
gesund in’s Wasser kommt, ehe es noch zu athmen beginnt, einige 
Malo mit dem Munde Wasser einfängt, nichtsdestoweniger findet man 
doch nach meinen Versuchen, sowie nach jenen des Herrn Professor 
Meier, Plattner, Morgagni und anderen Aerzten ausgeführten, 
bei vielen so wenig von der Flüssigkeit im Magen, dass man sie, 
wenn sie angefärbt ist, nicht erkennen kann, besonders wenn sie sich 
mit dem Speisebrei, der meistens zugegen ist, vermischt hat. Jedoch 
geschieht es auch bisweilen, wie ich selbst einige Mal beobachtete, 
dass bei Individuen, die nach dem Tode noch länger im Wasser liegen, 
vorzüglich aber bei jenen, welche todt dahin gelangen, die Flüssig¬ 
keit durch die gelähmte Speiseröhre allmälig in den Magen dringt 

') Kaiser, Karl Ludwig, Ueber das Wesen und die besonderen Formen 
des Todes durch Ertrinken. Zeitschrift für die Staatsarzneikunde, herausgegeben 
von Adolph Henke. 16. Ergänzungsheft. Erlangen 1832, pag. 54—57. 

2 ) Albert, Ueber die Todesart des Ertrinkens. Zeitschrilt für die Staats¬ 
arzneikunde, herausgegeben von Adolph Henke. 13. Jahrgang, 4. Viertel¬ 
jahrsheft 1833, pag. 359. *-• 


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Deber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 15 

und den Raum desselben ausfüllt. Es kann deshalb dieses Zeichen 
zu diesem unseren Zwecke nicht benutzt werden, weil es in den meisten 
Fällen schwer zu erkennen ist und, wenn es auch gefunden wird, 
dennoch nicht entscheiden kann, weil es auch bei den todt ins Wasser 
Gelangten vorkommt.“ 

Wie ein Wiederhall aus vergangenen Zeiten lautet Thorason’s 1 * ) 
Ausspruch 1839: „Im Magen findet man nur eine geringe Menge 
Wasser oder gar keins, und selbst wenn Wasser in diesem Organe 
-vorhandeu ist, so kann es auf koine Weise zum Tode beigetragen 
haben*. Wahrscheinlich wird man seltener Wasser im Magen finden, 
wenn der Körper nach dem Tode ins Wasser geworfen, als wenn er 
lebendig ertränkt worden ist.* 

Löffler (1844) a ), welcher ebenfalls den Befund von Wasser im 
Magen, zuweilen sogar in den Därmen Ertrunkener beobachtot hat, 
ist ganz derselben Ansicht wie Orfila in Hinsicht der Wichtigkeit 
und Bedeutung, welche man dem Vorhandensein dieser Flüssigkeit 
beilegen kann. 

Tischendorf 3 ) macht 1847 darauf aufmerksam, dass man des 
Befundes von Ertränkungsflüssigkcit im Magen selten entbehren müsse 
und dass dieser Befund um soviel mehr in die Augen fällt, je hef¬ 
tiger der Todeskampf war. Wo jedoch diese Flüssigkeit reines Wasser 
ist, wird dieses Zeichen an und für sich einen weniger sicheren Halte¬ 
punkt d^rbicten. 

Maschka 4 ), welcher bei den von ihm theils lebendig, theils 
todt in eine gefärbte Flüssigkeit untergetauchten Thieren noch nie 
jenes Ertränkungsmcdium im Magen und unter 14 Ertrunkenen nur 
bei *2 einen wässerigen Mageninhalt angetroffen hat, schreibt im Jahre 
1849: Wie wir bereits früher durch die angeführten an Thieren vor- 

i y A. T. Thomson, Vorlesungen über gerichtliche Arzneiwissenschaft. 
In’s Deutsche übertragen unter Redaction des Dr. Fr. J. Behrend. Leipzig 
1840. pag. 456. 

a ) Löffler, F., Der Tod durch Ertrinken. Adolph Henke’s Zeitschrift für 
die Staatsarzneikunde, fortgesetzt von Dr. A. Siebert. 24. Jahrgang. 1844. 
prittes Vierteljahrsheft, pag. 48. 

3 ) Tischendorf, Julius Valentin. Practische Beiträge zur Lehre vom 
Tode durch Ertrinken. Deutsche Zeitschrift für Staatsarznei künde, herausgegeben 
von Schneider u. A. Jahrgang 1847. Neue Folge. Zwoiter Band. Heft I, 
pag. 665. 

4 ) Maschka, Der Ertrinkungstod. Vierteljahrsschrift für die practische 
Heilkunde. Jahrgang 1849. Prag. Bd. III, pag. 139. 


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16 


Dr. Fagerlund, 


genommenen Versuche und Eröffnungen ertrunkener menschlicher Leichen 
gezeigt haben, kommt die Ertränkungsflüssigkeit äusserst selten im 
Magen vor und ist somit schon durch ihre Seltenheit kein bestimmtes 
Merkmal des Ertrinkungstodes. Aber selbst in den Fällen, wo bei 
Ertrunkenen wirklich ein wässeriges Magencontentum vorgefunden 
wird, ist dasselbe noch immer kein untrügliches, da der Ertrunkene 
noch kurz vor seinem Tode Wasser zu sich genommen haben konnte, 
das sich natürlich nach bald darauf erfolgtem Absterben noch da 
befindet. Also nur in den Fällen, wo Sand oder andere fremde Körper,, 
die das Wasser mit sich zu führen pflegt, in dem wässerigen Magen¬ 
inhalte vorgefunden würden, wäre man berechtigt den Schluss zu ziehen, 
dass dieses Individuum wirklich ertrunken ist, da nach bereits erfolg¬ 
tem Absterben theils wegen der eng aneinander liegenden Wände des 
Oesophagus, theils wegen der auch im Tode geschlossen gebliebenen 
Sphinctcren, die Flüssigkeit niemals bis in den Magen gelangen kann, 
sowie man auch vice versa höchst selten bei Sectionen (bei sonst 
normalen Texturverhältnissen) den Mageninhalt in der Speiseröhre 
findet. 

Bock 1 ) äussert sich 1850 in folgender Weise: Im Magen findet 
sich wohl nie oder nur äusserst selten, eine Spur der Ertränkungs¬ 
flüssigkeit .... Am werthvollsten ist noch das Vorhandensein eigen- 
thümlicher in der Ertränkungsflüssigkeit vorhandener Stoffe im Magen 
des Leichnams. 

m 

Brach 2 ) (1851) hegt ganz und gar dieselben Ansichten wie 
Orfila. 

Ogston 3 ) fand 1851 unter 53 Leichen bei 36 Wasser im Magen. 
Die Menge des Wassers betrug bald nur 1 oder 2 Unzen, bald war 
sie so gross, dass sie das erwähnte Organ bedeutend ausdehnte. 

Kanzler 4 ) sagt 1852, dass der Befund von Flüssigkeit im 
Magen 

') Bock, C. E., Gerichtliche Sectionen des menschlichen Körpers. Leipzig 
1850, pag. 45. 

2 ) Brach, B., Die neueren Ansichten der gerichtlichen Medicin über den 
Tod im Wasser und durch das Wasser. Adolph Henke’s Zeitschrift für die 
Staatsarzneikunde, fortgesetzt von Dr. Fr. J. Behrend. 13. Jahrgang. 1851. 
Viertes Vierteljahrsheft, pag. 339. 

3 ) Ogston, Pathologische Studien an der Leiche von Ertrunkenen. London 
Gaz. May and July 1851. Citirt nach Schmidt’s Jahrbüchern. 1852, pag. 112. 

4 ) Kanzler, Der Tod durch Ertrinken. Vierteljahrsschrift für gerichtliche 
und öffentliche Medicin. 1852. Bd. II, pag. 233. 


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Qrigin&l fmm 

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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 1 7 


1. unter besonderen Umständen einen gewissen Werth haben 
könne, nämlich dann: _ 

a) wenn gleichzeitig mehrere andere wichtigere Zeichen des 
Wassertodes bei der Obduction sich vorfinden, in welchem 
Falle der Beweis für den Wassertod erhöht wird, 

b) wenn im concreten Falle bei der späteren gerichtlichen 
Feststellung der Identität des Entseelten sich ergiebt, dass 
derselbe den besonderen Umständen nach längere Zeit vor 
dem Sturz ins Wasser kein Getränk genossen haben könne; 

*2. unter Umständen mit absoluter Gewissheit beweisen könne, 
dass das betreffende Individuum ertrunken sein müsse, näm¬ 
lich dann: 

a) wenn sie Sand, kleine Steinchen, Rudimente von Wasser¬ 
pflanzen (Butomus umbellatus, Sparganium natans, Lemna 
vulgaris, Typha latifolia etc.) und andere fremde Körper, 
welche das Wasser mit sich zu führen pflegt, enthält: denn 
dieselben können unmöglich erst nach dem. Tode in den 
Magen gelangt sein, 

b) wenn sie identisch mit derjenigen ist, worin die Leiche 
lag und dabei gleichzeitig eine solche Beschaffenheit hat, 
dass sie sich einestheils durch Farbe, Geruch u. s. w. deut¬ 
lich zu erkennen giebt, anderntheils nicht wohl als Getränk 
genossen sein kann. Sie ist dann nach meiner Meinung 
das werthvollste Kriterium des Ertrinkungstodes unter 
allen. Fände man z. B. eine Leiche in einem schmutzigen 
Sumpfwasser oder gar in Mist- oder Kloakenjauche und 
wurde bei der Obduction mit Sicherheit eine gleichartige 
Masse nachgewiesen, so stände unwiderleglich fest, dass 
das Individuum lebendig in den Sumpf oder die Jauche 
gerathen und darin ertrunkon oder ertränkt sei. 

Bei lebenden Thieren, welche er in dunkelgefarbte Flüssigkeiten 
ertränkte, fand er niemals etwas derselben im Magen vor. Bei schon 
vorher getödteten Thieren, die nachher bis 96 Stunden in Kloaken¬ 
jauche gelegen, hat er niemals etwas von jener Flüssigkeit in dem 
ebengenannten Organe angetroffen, und zwar nicht einmal, wenn er 
ihnen das Maul auf beiden Seiten bis nach hinten zum Gelenk des 
Unterkielers aufschnitt, einen Kork zwischen den Kiefern bofestigto 
und die Thiere so im Wasser lagerte, dass der Kopf und das auf die 
eben beschriebene Weise offen gehaltene Maul nach oben standen. 


Vierteljuhrfschr. f. ger. Med. N. P. LII. 1. 

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18 


Dr. Fagerlund, 


Pappenheim 1 ) meint 1853, dass folgende Ursachen den Ein¬ 
tritt von Flüssigkeiten jj? den Magen von Leichen verhindern könnten: 

1. Zusammenkleben der Lippen; 2. wasserdichter Schluss der 
Zähne; 3. Verschluss des Gaumenganges durch Ankleben der imbi- 
birten oder nicht imbibirten Zunge an den Gaumen; 4. Zusammen¬ 
liegen, Zusammenkleben der Speiseröhrenwände; 5. Todtenstarre der 
Speiseröhre resp. der Cardia. „. . . Auf jeden Fall“, sagt er weiter, 
„wird aber die Anwesenheit von Flüssigkeit (selbst in grosser Masse) 
im Magen von Leichen mit hohem Fäulnissgrade für die Diagnostik 
des Ertrinkungstodes ohne jegliche Beweiskraft sein. Das Zeichen 
wird aber einen hohen Werth für die Fälle haben, deren Revision 
die noch andauernde Widerstandskraft der oben besprochenen Momente 
aufweist.“ 

Zschokke 2 ) erzählt 1853: „In keiner einzigen (von 12 Leichen) 
konnte also verschlucktes Wasser constatirt werden und dieses bewegt 
mich, die Anwesenheit von Wasser im Magen für einen äusserst zweifel¬ 
haften, unsicheren Beweis des Wassertodes zu halten. Wenn es sich 
findet, so entstellt immer die Frage: wurde es nicht schon vor dem 
Tode getrunken? und ist dieses von solchem zu unterscheiden, das 
während des Todeskampfes verschluckt wurde? .... Endlich soll 
sich sogar nach dem Tode Wasser im Magen ansammeln können. 
Wenn sich auch ein solcher Vorgang nicht leicht erklären lässt, so 
macht er doch diese Erscheinung zu einem viel zweifelhafteren Zeichen 
des Wassertodes.“ 

Wistrand giebt (1853) an, der Magen sei oft mit irgend einer 
Flüssigkeit angefüllt; auch meint er, dass nur, wenn diese identisch 
mit derjenigen befunden wird, in welcher der Körper angetroffen wird, 
oder wenn sie mit Sand, Schlamm oder anderen fremden Stoffen ver¬ 
mischt ist, so könne sie als ein Beweis des Ertrinkens betrachtet 
werden 3 ). 

Bei 80 ertränkten Thieren fand er nur in einigen Fällen (bei 


! ) Pappen he im, Zur Diagnostik des Todes durch Ertrinken. Viertel- 
jahrssebrift für gerichtliche und öffentliche Medicin. Bd. IV. Berlin 1853, 
pag. 122. 

2 ) Zschokke, lieber plötzliche Todesfälle und Erkentitniss ihrer Ursachen, 
sowie über Veränderung der Leichen durch Fäulniss. Deutsche Zeitschrift für 
die Staatsarzneikunde. N. F. Erster Band. 1855, Heft I, pag. 170. 

3 ) Wistrand, A. T. och A. H. Handbok i rättsmodicinen. Bd. 11. Stock¬ 
holm 1853, pag 051 und 6G1. 


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lieber das Eindringen von Ertränkungsllüssigkeit in die Gedärme. 


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weitem nicht in allen) Spuren von dem Ertränkungsmedium im 
Magen ’). 

v. Faber 2 ) fand 1856 in 4 Fällen (von 20 Ertrunkenen) 12 bis 
16 Unzen mit Schleim vermischtes Wasser im Magen, und zwar konnte 
man annehmen, dass diese Flüssigkeit von aussen her eingedrungen sei. 

Oasper schreibt 1856*), dass „in den meisten Fällen mehr oder 
weniger Wasser im Magen wirklich gefunden wird, von einer ganz 
schwappenden Anfüllung an bis zu wenigen Esslöffeln. . . . Ausser 
gewöhnlichem Wasser kann ein günstiger Zufall es bewirken, dass 
man eine eigentümliche Ertränkungsflüssigkeit, die nie ein Mensch 
trinkt . . . ., im Magen, wenn auch in noch so geringer Menge, findet, 
und dann ist wieder ein unumstösslicher Beweis des wirklich erfolgten 
Ertrinkungstodes hergestellt.“ 1860 4 ) macht er zugleich darauf auf¬ 

merksam, dass die Fälle ungemein häufig sind, in denen man, zumal 
bei Leichen, die noch nicht lange im Wasser gelegen hatten, das 
verschluckte Wasser deutlich und unvermischt auf dem dickeren Speise¬ 
brei schwimmen sieht. 

Taylor-Wald 5 ) (1858) meint, dass Wasser fast immer, und 
wahrscheinlich zum grössten Theile unfreiwillig, verschluckt wird, 
dass aber dieser Befund nur in denjenigen seltenen Fällen einen un- 
umstösslichen Beweis für den Ertrinkungstod liefert, wenn sich in 
dem verschluckten Wasser solche Partikeln finden, die offenbar aus 
der Flüssigkeit stammen, in der die Leiche gefunden wird, als Wasser¬ 
linsen, Moos, Schlamm, Moorerde, oder wenn die Flüssigkeit eine 
solche, die weder je ein Mensch trinkt, noch die vermöge ihrer brei¬ 
artigen Beschaffenheit ohne die vitale Action des Schluckens, selbst 
bei längerem Aufenthalte der Leiche in derselben, durch die Speise- 


*) Wistrand, Aug. Tim. Experimenter pä dödado djur; eit bidrag tili 
undersökningarna om drunknades dödssält. Tidskrift för läkare och pharmaceuter 
1838. No. 11 och 12. Findet sich auch in: „Deutsche Zeitschrift für die 
Staatsarzneikunde“ Bd. XI, 1851, pag. 235, unter dem Titel: Beobachtungen 
über verschiedene Zustände der Lungen bei ertränkten und auf andere Weise ge- 
’.ödteten Thieren. 

'-) v. Faber E.. Resultate von einer Reihe Legalsectionen mit Bemerkungen 
über den Selbstmord. Deutsche Zeitschrift für die Staatsarzneikunde. Neue 
Folge. Bd. VIII, pag. 89. 

*) Casper, Johann Ludwig, Fractisches Handbuch der gerichtlichen 
Medicin. Berlin 1857, pag. 566. . . . 

4 ) Ibidem. Dritte Aufl. Bd. II. Berlin 1860, pag. 610. 

i ) Wald, Hermann, Gerichtliche Medicin. Leipzig 1858. Bd. I, pag. 182 


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20 


Dr. Fagerlnnd, 


röhre in den Magen dringen könnte. Der Mangel an Wasser ira Magen 
ist für ihn kein Beweis gegen den Ertrinkungstod und seiner Ansicht 
nach ist das Eindringen von Flüssigkeit in den Magen auch nach 
dem Tode nicht unmöglich. 

Märklin 1 ) theilt uns 1859 einen Fall mit, in dem er Sand im 
Magen und im obersten Theile der Dünndärme eines neugeborenen 
Kindes antraf, welches noch nicht geathmet hatte. Er ist der An¬ 
sicht, das lebende Kind sei unmittelbar nach der Geburt in das sand¬ 
führende Wasser gebracht worden .... und sagt er weiterhin: „so 
würde sich für die gerichtliche Medicin daraus der Satz entwickeln 
lassen, dass das Schlingen resp. des Inhalts des Magens unter beson¬ 
deren Umständen einen Beweis für stattgehabtes Leben eines Neu¬ 
geborenen nach der Geburt abgeben könne, auch dann, wenn weder 
die Erscheinungen der vorhanden gewesenen Respiration, noch jene 
der stattgefundenen Blutcirculation aufzufinden sind.“ 

Lambert 2 ) glaubt auch nicht, dass der Befund von Wasser im 
Magen einen grossen Werth als Merkmal des Ertrinkens haben könnte, 
seitdem man bewiesen hat, dass Wasser auch nach dem Tode in den 
Magen eindringen kann. Nur dann kann dieser Befund einen gewissen 
Werth haben, wenn fremde Körper, wie Steine, Sand, Theile von 
Wasserpflanzen u. dgl. im Magen angetroffen werden. 

Liman 3 ) schreibt 1862: „Jeder Ertrinkende schluckt unwill¬ 
kürlich und nothgedrungen Ertränkungsflüssigkeit, woraus immer sie 
bestehen möge. Dieser Befund würde daher ein klassischer sein, 
wenn nicht bei notorisch Ertrunkenen der Magen öfters leer gefunden 
würde .... Leer wird der Magen gefunden, wenn nur wenig Wasser 
verschluckt war und bei vorgerückter Verwesung dasselbe verdunstet 
oder ausgeflossen ist. Man findet aber auch bei noch frischen Leichen 
den Magen mitunter leer, wenn das Wasser durch den Pylorus in die 
Därme geflossen ist, wo es alsdann noch constatirt werden kann . . . . 
Man nimmt an, dass Mageninhalt stets den vitalen Act des Sehlin¬ 
gens voraussetzt, daher aus dem Befunde specifischer Stoffe im Magen 


') Märklin, Uebor Leben ohne Atbmen Neugeborener. Vierteljahrsschrift 
für gerichtliche und öffentliche Medicin. Bd. XVI. Berlin 1859, pag. 35. 

2 ) Lambert, Otto, Ueber die Merkmale des Ertrinkungstodes. Diss. 
Giessen 1860, pag. 22. 

3 ) Liman, Ertränkungsflüssigkeit in Luftwegen und Magen als Kriterium 
des Ertrinkungstodes. Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin. 
Bd. XXI. Berlin 1862, pag. 200. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsfliissigkeit in die Gedärme. 


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ein unumstösslicher Beweis des Ertrinkungstodes hergestcllt sei ... .« 
Um jedoch den Werth dieses Satzes zu prüfen, legte er Kinderleichcn 
in mit Schlamm vermischtes Wasser, und zwar wurde dabei unter 
16 Versuchen 7 Mal der specifische Stoff im Magen gefunden. „Diese 
Versuche“, sagt Liman, „haben einstweilen keinen anderen Werth, 
als dass sie das Dogma erschüttern, dass sie beweisen, dass unter 
günstigen, aber durchaus nicht zu fernliegenden Umständen Ertränkungs- 
tlüssigkcit und specifische Stoffe nach dem Tode in den Magen (und 
die Luftwege) gelangen können . . . Er lenkt schliesslich die Auf¬ 
merksamkeit auf diejenigen Fälle, in denen man bei z. B. in Kloaken 
gefundenen Kindern, deren Lungen noch vollkommen fötal waren, 
specifische Stoffe im Magen angetroflfen hat, welche Erscheinung 
Casper') für eine von vorrespiratorischen Schlingbewegungen her¬ 
rührende erklärt. Hierzu sagt wiederum Liman: „Ich bin nun 
durchaus nicht gewillt zu leugnen, dass es Vorkommen kann, dass, 
wenn ein Kind scheintodt oder sterbend in eine Flüssigkeit geräth 
und fremde Körper sich in die Schlingorgane drängen, das verlängerte 
Mark zur Vermittelung von Schlingbewegungen gereizt werden könne, 
ohne dass es gleichzeitig zur Vermittelung von Athembewegungen 
an gereizt zu werden braucht .... Er führt sogar nach Taylor- 
Wald einen Fall als Beweis an, wo so zu sagen der erste Respira- 
tionszug und der Tod durch Ertrinken zusammenfallen, fügt aber dann 
hinzu: »Alle übrigen mir bisher bekannt gewordenen Fälle (4), 
namentlich der von Märklin (s. Seite 20 dieser Abhandlung) 
betrafen in der Fäulniss schon sehr weit vorgerückte Leichen, die 
offenbar lange in den Flüssigkeiten gelegen hatten und lassen sich 
mit Rücksicht auf die oben angeführten Versuche einfacher und un¬ 
gezwungener dahin erklären, dass die Flüssigkeit in die todten Organe 
der in den Flüssigkeiten faulenden Leichen hinabgesickert ist.“ Auf 
diese seine Ansicht besteht er noch im Jahre 1882, in der in diesem 
Jahre herausgegebenen 7. Auflage seines Handbuches. 

Schauenstein 2 ) hebt 1862 hervor, dass der Befund von Er- 

') Gasser, Johann Ludwig, Practisches Handbuch der gerichtlichen 
Medicin. Dritte Auflage. Bd. IF. Berlin 1860, pag. 612. Er fügt jedoch hinzu: 
aus deren Befind an diesem Orte folglich an sich nicht, wie in allen übrigen 
Lebensaltern daraus geschlossen werden darf, dass das Kind lebend (athmeod) in 
die Flüssigkeit gelangt rar. - -- 

2 , Schauenstein. Adolf Lehrbuch der ^oiichUiohen \ ; edioin. Wien 
1862, pag. 422. 


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Dr. Fagerlund, 


Ertränkungsflüssigkeit im Magen, wenn dieselbe irgendwie eine spe- 
cifische ist, als ein Beweis davon betrachtet werden kann, dass der 
Ertrunkene lebend ins Wasser gerathen ist. Ist die Flüssigkeit hin¬ 
gegen reines Wasser, so wird, falls dasselbe nicht in sehr grossen 
Mengen vorhanden ist, die Entscheidung oft schwer. Ist die Ver¬ 
wesung weit vorgeschritten, so dürfte man diesem Zeichen eine ge¬ 
ringere Bedeutung geben, denn wenn auch viele Versuche das Gegen- 
theil zu beweisen scheinen, so ist bei einer günstigen Lage der Leiche 
das Eindringen von Flüssigkeit in den Verdauungskanal wenigstens 
nicht unmöglich. 

Casper 1 ) betont 1863 in seinen klinischen Novellen den Um¬ 
stand, dass in den Fällen, wo in dem Magen auffallend wenig Wasser 
angetroffen wird, dasselbe oft durch den Pylorus in die Dünndärme 
hinabgeflossen ist, woselbst man oft solche Massen desselben antrifft, 
dass man sich überhaupt gar nicht denken könnte, es sei als Trunk 
eingeführt worden. Uebrigens vereinigt er sich jetzt mit Liman in 
Betreff der Möglichkeit eines mechanischen Eindringens von Wasser 
in den Magen nach dem Tode, und zwar verlässt er hiermit seine 
frühere und noch 1860 (im Handbuche) verfochtene Ansicht in dieser 
Frage. Hinsichtlich des Befundes specifischer Stoffe in der verschluck¬ 
ten Flüssigkeit meint er, dieselben seien von dem absoluten Beweise 
zu einem bloss adjutorischen herabgesunken. 

Roth 2 ) (1865) betrachtet das Vorhanden- oder Nichtvorhandcn- 
sein von Wasser im Magen als einen nur zufälligen Befund. 

Skrzeczka 3 ) fand (1867) mit Ausnahme eines einzigen Falles 
(von 14) immer Wasser im Magen der Ertrunkenen. Er sagt: „War 
zugleich Speisebrei im Magen, so stand das Wasser mehrmals als 
gesonderte, ziemlich klare Schicht darüber und konnte hierdurch von 
bei Lebzeiten getrunkenem Wasser, was sich mit vorhandenem Speise¬ 
brei mischte, unterschieden werden.“ 

Büchner sagt 1867 4 ): Das Vorkommen von Ertränkungsflüssig- 


*) Casper, Johann Ludwig, Klinische Novellen zur gerichtlichen 
Medicin. Berlin 1863, pag. 544. 

2 ) Roth, A. H. Theodor, Der Tod durch Ertrinken. Berlin 1865, 
pag. 107. 

3 ) Skrzeczka, Zur Lehre vom Erstickungstode. Vierteljahrsschrift für 
gerichtliche UJfd: eflfe*tiielre" r M§dneiiK : N«eue .Folge» Bd. 7. Berlin 1867, pag.252. 

4 ) B u cib o4r*>,fi?p i ?t' v LeKr : tkiÄhtder < getichriiciiei) Medicin. München 1867, 

pag. 312. ,,,,,, . 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 


23 


keit im Magen ist ein nahezu sicheres Kennzeichen des Ertrinkungs¬ 
todes, da in den Magen einer Leiche die Ertränkungsflüssigkeit nicht 
wohl eindringen kann, so lange die Leichenzersetzung nicht sehr fort¬ 
geschritten ist. Die Ertränkungsflüssigkeit kommt in den Magen des 
Ertrinkenden, indom sie durch die offenen Nasenlöcher eindringt, so 
in den Rachen und an den Eingang des Schlundes gelangt und diesen 
zu unwillkürlichen Schlingbewegungen reizt. Geringe Mengen der 
Ertränkungsflüssigkeit im Magen sind schwerer zu erkennen, da sie 
mit dem Speisebrei oder mit vorausgegangenem Getränk vermengt, 
oder auch bei den Bemühungen zur Herausbeförderung der Leiche 
aus dem Wasser wieder aus dem Magen entwichen sein können. Am 
leichtesten ist die Auffindung der Ertränkungsflüssigkeit im Magen 
der Ertrunkenen, wenn die Ertränkungsflüssigkeit specifische Stoffe 
enthält, wenn demnach das Ertrinken in trübem Wasser, in einer 
Pfütze, in der Abtrittsgrube etc. statthatte. 

Auch Falk führt (1869)*) an, dass man ungemein häufig im 
Magen und seihst im Dünndarm eine durch ihre Beschaffenheit sich 
als Ertränkungsmasse charakterisirende Flüssigkeit antrifft. 1875 2 ) 
fügt er hinzu, er habe in Thierversuchen, in denen er klare, aber 
durch chemische Rcactionen leicht nachweisbare Flüssigkeiten ver¬ 
wandte, regelmässig dieselben in den Luftwegen, höchst selten aber 
ira Magen und Dünndarm vorgefunden. 

Wydler glaubt 1869, sich auf 2 Obductionen und eine beträcht¬ 
liche Menge von Thierexperimenten stützend, gefunden zu haben, dass 
der Befund von Schaum und Luftblasen im Magen frischer Wasser¬ 
leichen ein Beweis des Ertrinkungstodes sei 3 ). 

Briand und Chaude 4 ) stimmen 1874 mit Orfila und Do- 
vergic überein. 

Bcrgeron und Montano 5 ) behaupten 1877 bei ihren Versuchen, 

') Falk, Friedrich, Ueber den Tod im Wasser. Virchow’s Archiv für 
pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin. L5d. 47. 
Berlin 1869, pag. 80. 

2 ) Falk, Friedrich, Casuistische Notizen IV. Diese Vierteljahrsschrift. 
Bd. XXIII. Berlin 1875, pag. 33. 

3 ) Wydler, F., Zur Diagnose des Ertrinkungstodes. Aarau 1869. Ref. in 
Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin. Neue Folge. Bd. X. 
Berlin 1869, pag. 379. 

4 ) Briand et Chaude, Manuel coinplet de medecine Legale. Paris 1874, 
pag. 416. 

5 ; G. Bergeron et J. Montano, Kecherches experimentales sur la mort 

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Dr. Fagerlund, 


immer Luftbläschen in der Speiseröhre angetroffen zu haben, wenn 
der Magen eine während des Ertrinkens verschluckte Flüssigkeit 
enthielt. 

v. Hofmann 1 ) sagt 1881, dass sich die Ertränkungsflüssigkeit 
auch im Magen finden kann, und zwar spricht er sich über diesen 
Befund in folgender Weise aus: „Sie gelangt dahin offenbar in den 
ersten Stadien der Dyspnoe, indem das eindringende Wasser theils 
instinktive, theils reflektorische Schlingbewegungen veranlasst. Die 
Mengen, die verschluckt werden, variiren sehr. Stärkere Anfüllung 
des Magens mit Wasser haben wir nur ausnahmsweise beobachtet, 
und bei kleinen Mengen ist es schwer, ja unmöglich, dieselben von 
anderweitiger Magenflüssigkeit zu unterscheiden, während, wenn das 
Ertrinken in specifischen Flüssigkeiten geschah, die Unterscheidung 
leicht gelingt. Dass die Ertränkungsflüssigkeit auch nach dem Tode 
in den Magen eindringen kann, ist von v. Hofmann durch eine 
grosse Anzahl Versuche constatirt worden. „Am leichtesten dringen 
wässerige Flüssigkeiten ein, schwerer dagegen schlammige oder dicke 
und zähe . . . ., auch haben wir uns überzeugt, dass schon ein ge¬ 
ringes Verlegtsein der Luftwege oder des Oesophagus mit Schleim 
genügt, um das tiefere Eindringen von Flüssigkeiten zu verhindern, 
sowie wir auch gefunden haben, dass postmortal niemals grosse Mengen 
der Flüssigkeit iu die Lunge oder in den Magen eindrangen.“ (Die¬ 
selben Ansichten hegt er auch in der 4. Auflage seines Handbuchs.) 

Belohradsky 2 ) hebt 1881 hervor, dass nach seiner Erfahrung, 
sowie auch nach deijenigen anderer, der Befund von Wasser im Magen 
ein recht gewöhnlicher sei. Unter 31 Fällen sah er in 12 Luftbläs¬ 
chen im Mageninhalt, und unter 43 schon früher gemachten Obduc- 
tionen ebenfalls 12 Mal dieselbe Erscheinung. Er betont weiterhin 
die grosse Bedeutung, welche man dem Vorhandensein specifischer 
Stoffe in der im Magen Vorgefundenen Ertränkungsflüssigkeit zuer¬ 
kennen muss und denkt ebenso wie Liman und v. Hofmann, dass 
das Eindringen der Ertränkungsflüssigkeit auch nach dem Tode mög¬ 
lich sei. 


par submersion. Annales d’hygiene publique et de medecino legale. 2iömo 
Sörie. Tom. XLV1II. Paris 1877, pag. 362. 

') v. Hofmann, Eduard, Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. Zweite 
Auflage. Wien und Leipzig 1881, pag. 518. (Die orsto Auflage erschien 1877.) 

2 ) Belohradsky, Wenzel, Tod durch Ertrinken. Maschka’s Handbuch 
der gerichtlichen Medicin. Bd. I. Tübingen 1881, pag. 692. 


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Leber das Eiindringen von Ertränkungsflüssigkeit in dio Gedärme. 


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Ogston') behauptet 1882, bei der Untersuchung von 130 Er¬ 
trunkenen in 3 pCt. der Fälle Wasser im Magen angctrolFen zu 
haben. 

Johann Hnevkovsky 2 ) fand 1883 von 26 Fällon in 7 der¬ 
selben postmortal in den Magen eingedrungenes Wasser. 

Tourdes 3 ) fand 1883 unter 93 Ertrunkenen 37 Mal viel, 34 Mal 
wenig und 22 Mal gar kein Wasser im Magen. 

Wernich 4 ) weist 1883 auf den Umstand hin, dass die Mengen 
von Ertränkungsflüssigkeit, welcho der ins Wasser Gerathenc meistens 
schon in den ersten Stadien der Dyspnoe durch Schlingbewegungen 
in seinen Magen befördert, so sehr variiren, dass man den Magen 
bisweilen von Wasser schwappend, zuweilen mit kaum erkennbaren 
Mengen von Flüssigkeit gefüllt vorfindet, und glaubt er, ein sicheres 
Urtheil über den Ertrinkungstod wird dann geäussert werden können, 
wenn unter anderem reichliche Ertränkungsflüssigkeit im Magen und 
in den Lungen angetrofifen wird. 

Lesser 5 ) konnte 1884 unter 30 Fällen in 9 derselben keine 
erkennbare Menge der Ertränkungsflüssigkeit im Magen frischer Wasser¬ 
leichen, constatiren, in 14 Fällen waren dio Magencontenta mehr oder 
weniger dünnflüssig; die Mengen der Flüssigkeit variirten sehr. In 
3 Fällen schwamm das Wasser als eine besondere Schicht über den 
Speisen im Magen und in 4 Fällen fand sich Wasser allein oder mit 
etwas Schleim vermischt vor. Bei schon verwesten Leichen (unter 
30 Fällen) war in 3 Fällen der Magen leer und ebenso oft fanden 
sich in ihm rein wässerige Massen; in 14 Fällen war der Mageninhalt 
dünnflüssig, in 2 Fällen dünnbreiig und 8 Mal dickbreiig; in einigen 
der letzten Fälle waren wässerige Beimischungen nicht zu erkennen. 


') Ogston, F. jun., A critical review of the post mortem signs of drown- 
ing. Edinbourg med. Journ. April 1882, pag. 865. Citirt nach Virehow- 
Hirscb. Jahresbericht für 1882, pag. 502. 

2 ) Hnevkovsky, Johann, Das Schleimhautpolster der Paukenhöhle beim 
Fötus und Neugeborenen. Wiener medicinische Blätter. 1883. No. 34. 

3 ) Tourdes, G., Submersion. Dictionnaire oncyclopödique des Sciences 
medicales. 1883. 2ieme ser. Tom. 12. 

• 4 ) Wernich, A., Ueber die als Neuroparalyse. Nervenschlag, Shock be- 
zeichnete Todesart vom gerichtsärztlichen Standpunkte. Diese Vierteljahrsschrifi 
N. F. Bd. XXXVIII. 1883, pag. 52. 

*i Lesser, Adolf, Ueber die wichtigsten Scctionsbefundo bei dem Tode 
durch Ertrinken in dünnflüssigen Medien. Diese Vierteljahrsschrift. N.F. Bd XL. 
Berlin 1884, pag. 14. 


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26 


Dr. Pagerland, 


Ebenso constatirtc er, dass mitunter sehr beträchtliche Mengen der 
umgebenden Flüssigkeit post mortem in den Magen dringen. 

Bougier 1 ) erklärt 1883, sowohl auf eigene, als auf die Unter¬ 
suchungen Anderer gestützt, das Wasser dringe in den Magen Er¬ 
trunkener von einigen Gramm bis 1 und 2 Liter. Bei demjenigen, 
welcher lebendig ins Wasser gerathen ist, geschieht das Schlingen 
bei der Inspiration. Von 23 Menschenleichen und 17 todten Hunden, 
welche in verschiedenartige gefärbte Flüssigkeiten gelegt wurden, fand 
er bei keinem einzigen die Flüssigkeit im Magen vor. Daher besteht 
er auch darauf, dass der Befund von Wasser im Magen eines Ertrun¬ 
kenen einen sehr grossen Werth habe und dass dieses Zeichen nicht 
unbeachtet bleiben darf, besonders wenn es sich um einen zweifel¬ 
haften Fall handelt. 

Auch Draper 2 ), welcher 1885 in 149 von ihm beobachteten 
Ertrinkungsfällen den Magen entweder leer oder Speisetheile und ge¬ 
ringe Mengen von Flüssigkeit enthaltend vorfand, nimmt jedoch unter 
den Merkmalen des Ertrinkungstodes den Befund von Wasser im 
Magen auf, und zwar von reinem Wasser oder von Wasser mit Schlamm 
vermischt. 

Obolonsky 8 ) fand 1888 unter 18 von ihm in eine gefärbte 
Flüssigkeit gelegte Kinderleichen bei 5 derselben von der ebengenann¬ 
ten Flüssigkeit im Magen vor und glaubt er, das Eindringen von 
Wasser in den Magen werde dadurch möglich gemacht, dass die in 
diesem Organe enthaltene Luft und entwickelten Gase schon bei einem 
leichten Drucke oder Stosse ausdrängen und an deren Statt Wasser 
in den Magen einfliesst. So kann das Vorhandensein von Wasser im 
Magen keine entscheidende Bedeutung haben bei der Beantwortung 
der Frage, ob ein lebendiger Mensch oder eine Leiche ins Wasser 
gerathen ist, besonders wenn nur unbedeutende Mengen von Wasser 
in dem Organe entdeckt werden. Bei Ueberfüllung aber des Magens 
mit der Flüssigkeit, in welcher die Leiche gefunden war, müssen wir 
auf eine während des Lebens stattgefundene Ertränkung schliessen, 


') Bougier, Henri, Peut-on diagnostiquer la mort par submersion? 
These. Paris 1885, pag. 123. 

2 ) Draper, Ueber den Ertrinkungstod. Boston Medical and Surgical Re¬ 
porter. Nov. 1885. Nach dieser Vierteljahrsschrift. N. F. Bd. XLVIl. Berlin 
1887, pag. 350. 

3 ) Obolonsky, N., Beiträge zur forensischen Diagnostik. Diese Viertel¬ 
jahrsschrift. N. F. Bd. XLVII1. Berlin 1888, pag. 348. 


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Ueber das Eindringen Ton ErtränkungsflOssi^keit in die GedKrme. 27 

da ein postmortales Eindringen der Flüssigkeit in den Magen zufolge 
der Bedingungen, welche ein solches hervorrufen, immer nur beschränkt 
sein kann. Er macht zugleich darauf aufmerksam, dass die Gegen¬ 
wart schaumiger Flüssigkeit im Blagen leicht durch das Herunter- 
schlucken solcher zu erklären wäre; fügt aber hinzu, dass man nicht 
vergessen dürfe, dass bei Todtgeborenen, an denen Belebungsversuche 
gemacht wurden, die schaumige Flusigkeit im Magen eine alltäg¬ 
liche Erscheinung vorstellt. 

Paltauf’) schliesslich erklärt 1888, dass der Befund von Er- 
tränkunggflüssigkeit im Magen und in den Därmen ein recht häufiger 
ist; in der Mehrzahl der Fälle gelingt es, diese daselbst zu vermuthen. 
Die Menge verschluckter Flüssigkeit kann bis zu einem Liter betra¬ 
gen. Meist ist sie, wenn nicht Speiseiuhalt sich im Magnn befindet, 
durch Schleim und Epithel u. s. w. getrübt. Die Schleimhaut ist im 
Bereiche der Wassejfüllung sehr blass, wie ausgewässert. Der übrige 
Theil derselben zeigt gewöhnliche BlutfüTle. Im Magen vorhandener 
Inhalt ist bald mit der Ertränkungsflüssigkeit gemengt, bald steht 
diese über jenem. Durch den besonders von Albert, Liman und 
v. Hof mann gelieferten Beweis'des Eindringens der Flüssigkeit auch 
in den Magen untergetauchter Leichen hat dieser einst werthvolle 
Befund sehr an Bedeutung verloren. Die Möglichkeit einer Verwech¬ 
selung mit Nahrungsinhalt ist immer im Auge zu behalten; desglei¬ 
chen ist nach specifischen Stoffen, herrührend aus dem Ertränkungs- 
medium zu fahnden. Im Meer Ertrunkene würden mit dem Meerwasser 
zahlreiche Chloride verschlucken,* die unter gewissen Voraussetzungen 
(gesalzene Speisen!) Bedeutung haben könnten .... Durch die Fäul- 
niss kann sich flüssiger Mageninhalt langsam per imbibitionem et 
transudationem verlieren. •A&ch über das Eindringen von Ertränkungs¬ 
flüssigkeit in den Darm kann kein Zweifel bestehen. Lässt sich der 
Nachweis liefern, dass man solche vor sich hat, so ist man der Dia¬ 
gnose so ziemlich näher gerückt. Lehrreiche Objekte für solche Unter¬ 
suchungen bieten im Kanalinhalt ersäufte Neugeborene, in deren Dünn¬ 
darm man die Jauche u. g. w. oft recht weit nach unten verfolgen 
kann.“ 

Wie wir aus den angeführten Fällen sehen, bildet der Befund 
von Wasser im Magen kein an und für sich sicheres Zeichen des 


') Paltauf, Arnold, Ueber den Tod durch Erlrinken. Wien und Leipzig 
1 bt>8, pag. 11. 


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28 


Dr. Fagerlund, 


Ertrinkungstodes, sondern kann dieser Umstand nur in einem gcwisssen 
Maasse die übrigen Merkmale unterstützen, welche zu beweisen scheinen, 
dass der Tod durch Erträukung eingetroffen sei. Indessen sind in 
dem Vorhergehenden auch alle die in der Literatur vorkommenden 
Mittheilungen angeführt worden, welche den Uebergang von Flüssig¬ 
keiten in den Dünndarm Ertrunkener behandeln. Wie hervorgeht, 
sind diese Mittheilungen sehr spärlich und* überhaupt ist diese Er¬ 
scheinung bis jetzt von den Gerichtsärzten vernachlässigt worden. 
Herr Professor E. v. Hofmann in Wien hat meine Aufmerksamkeit 
auf diesen Umstand gelenkt, und somit habe ich diese Frage einem 
näheren Studium unterworfen. Dabei habe ich das hochzuschätzende 
Glück gehabt, unter der persönlichen Leitung des Herrn Professor 
v. Hofmann in seinem Laboratorium die meisten der folgenden 
Untersuchungen an Kinderleichen und Thieren zu unternehmen. Mit 
grösster Liebenswürdigkeit hat er sowohl das Untersuchungsmaterial 
als sämratlichc diese Frage erläuternde Protocolle über die an dem 
medico-forensischen Institute zu Wien gemachten Sectioneu mir zur 
Disposition gestellt und erlaube ich mir hiermit, Herrn Professor 
v. Hofmann meinen tiefsten Dank'auszusprechen. 

Wenn es sich darum handelt auszuforschen, inwiefern der Befund 
von Ertränkungsflüssigkei* in den Därmen als ein Zeichen des Er¬ 
trinkungstodes betrachtet werden kann, so liefern uns namentlich die 
Leichen der in einer specifischen Flüssigkeit Umgekommenen die besten 
und werthvollsten Aufklärungen. Bei den'von Prof. v. Hofmann in 
Wien ausgeführten Sectionen war in folgenden auszugsweise mitzu- 
thcilenden Fällen die Ertränkungsflüssigkeit bis in die Därme vor¬ 
gedrungen. * 

* • 

I. Gerichtliche Section den 10. April 1877. Neugeborenes Kind der 
K. H., Köchin, 23 Jahre alt, welches dieselbe am 7. April 5 Uhr früh gebar und 
in den Abort fallen liess. Es wurde aus demselben noch lebend herausgeholl, 
starb aber gegen 12 Uhr Mittags iu der Findelanstalt. wohin es kurz vorher über¬ 
gebracht worden war. 

Der Körper, 2320 g schwer, 50 cm lang, etwas abgemagert, die Haut¬ 
docken blass, auf der rechten Gesichtsseito und den abwärtigem Körperstellen mit 
spärlichen, blassviolelten Todtenflocken besetzt. Der gerade Kopfdurehmessrr 11, 
dor quere 8, der diagonale 1 2.4 cm enthärtend. ‘Kopfhaar spärlich, lichtbraun, 
2 cm lang. Bindehäute blass, Hornhäute milchig getrübt. Lippen braunroth, 
vertrocknet, Knorpel der Nase und Ohrmuschel wenig elastisch. Hals lang und 
dünn, Brustkorb wenig gewölbt. Am Nabel ein 25 cm langer, braunroth ver¬ 
trockneter unterbundener Nabolschn^rrest, der am Nabel selbst noch etwas sülzig 
erscheint; Hodensack etwas ödematös, beide Hoden in demselben. Gliedmassen 


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Ueber das Eindringen von Ertriinkungsflüssigkeit in die Gedärme. 29 


beweglich. Nägel hornig, die Fingerspitzen überragend. In dem unteren Knorpel 
der Oberschenkelknochen ein 4 mm breiter Knochenkern. Am hinteren Theile 
der rechten Schulter findet sich ein 2 cm vom oberen Winkel des Schultorblattes 
beginnender und an der Aussenseite des Oberarmkopfes endender, anfangs 
2—3 mm breiter und dann in eine Linie übergehender 4 cm langer, braunroth 
vertrockneter Streif ohn$ Suffusion im Unterhautgewebe. An der Rückenfläche 
des letzten Gliedes des rechten kleinen Fingers findet sich eine linsengrosse Haut¬ 
vertrocknung und eine zweite am Rücken de» rechten Mittelfingers über dem Ge¬ 
lenke am 1. und 2. Fingergliede. 

Innerlich: Kopfhaut* blutarm ^ ohne* Blat^ustritt. Vordere Fontanelle 
2,5 cm lang und 1,5 cm breit. Schädeldach unverletzt. Die inneren Hirnhäuie 
blutarm, zart. Das Gehirn weich und blutarm; Kammern eng, Adergeflechte 
blass; die Hirnhäute der Basis blutarm; das kleine Gehirn weich und blutarm. 
In den Blutleitern spärliches dunkelflüssiges Blut; ziemlich viel in den grossen 
Halsvenen; die Sohilddrüse massig blutreieh, die Luftröhre schiefergrau verfärbt, 
einen missfarbigen, Jauche ähnlichen Inhalt führend, welcher sich ebenfalls in 
dünner Schicht im Rachen findet. Daselbst und im Kehlkopfeingange die Schleim¬ 
haut schiefergrau verfärbt. Im linken Brustfellsack etwa 5ccm blutigen Serums. 
Die Lungen zusammengefaljen. Die Oberfläche der linken Lunge gelblioh weiss, 
hellroth und dunkelroth marmorirt. polsterartig anzufühlen und am Durchschnitt 
überall lufthaltig, blutreich und aus den Bronchialdurchschnitten tnissfarbigen 
Schaum entleerend. Die rechte Lunge ebenso marmorirt wie die linke; unter 
ihrem Ueberzuge in Reihe gestellte, bis erbsengrosse Blasen sich vorfindend, na¬ 
mentlich am Unterlappen und an der inneren Fläche des Mittellapper.s. Die 
Substanz überall luft- und schaumlfaltig und blutreich, aus den Bronchien eben¬ 
falls blutig tingirten Schaum entleerend. Das Herz von gewöhnlicher Grösse; 
in den Vorhöten beiderseits etwas p dünnflüssiges Blut. Klappen und Herzfleisch 
normal. Die Leber schlaff, massig bluthaltig, in'ihrer Blase spärliche grüne 
Galle. Milz breiig weich, massig bluthaltig. Im Magen ein mit schiefergrauen 
Flocken und Fartikelchen gemengter röThlicher Schleim. Schleimhaut blass. Die 
Nieren gelappt, massig bluthaltig. Nabelarterien zusammengezogen, die linke 
etwas flüssiges Blut enthaltend. Harnblase leer. Dünndarm überall von Luft 
ausgedehnt, im Wasser schwimmend. Im Dünndarm gallig gefärbter Schleim, 
in welchem sich stellenweise graue Pajtikelchen unterscheiden lassen; 
im Dickdarm, fast seiner ganzen Läoge nach, Kindspech. Der ansteigende Ast 
ausserdem Luftblasen enthaltend; die Schleimhaut überall normal. 

Gutachten. 1. Die mikroskopische Untersuchung der jaucheähnlichen 
Flüssigkeit, welche in der Luftröhre und im Rachen gefunden wurde, ergab aussor 
einer Menge Fäulnissorganismen (Bakterien) verschiedene Pffanzenzellen und 
Pflanzenfasern. Reste quergestreifter Muskelfasern. Gallenfarbstoff, Fett und Fett- 
kn stalle, sowie im Magen theils Kohlige. theiis sandige Partikelchen, demnach 
Dinge, die sich in Kloakenjauche zu finden pflegen, welcher auch das makrosko¬ 
pische Verhalten der Flüssigkeit und der ihr anhaftende unangenehme Geruch 
entsprach. Dieselben Substanzen wurden auch in dem missfarbigen schaumigen 
Inhalte der Luftröhrenäste, sowie im Magen und im oberen Theile des 
Dünndarmes «nd endlich sogar ip beiden Paukenhöhlen nachgewiesen. 

Unter diesen Umständen kann kein Zweifel darüber bestehen, dass das 


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30 


Dr. Fagerlund, * 

untersuchte Kind Kloakenjauche geschluckt und aspirirt habe, sowie darüber, 
dass dasselbe durch Verlegung seiner Luftwege mit diesen Stoffen am Stickfluss 
gestorben ist, wofür auch ausser dem Abgang jeder nachweisbaren Verletzung 
der Blutreichthum der Lungen, die unregelmässige Vertheilung der Luft in den¬ 
selben, sowie das interstitielle Emphysem der rechten Lunge spricht, welches 
letztere offenbar bei den angestrengten Respirations- (insbesondere Exspirations-) 
bewegungen entstanden ist, welche das Kind machte, um sich von den in seinen 
Luftwegen steckenden Hindernissen»zu befreien. 

2. Der Tod ist einzig und allein in Folge dieser Verlegung der Respira¬ 
tionswege durch die genannten Stoffe» ujjQ» in Folge»dej allgemeine* Natur der¬ 
selben erfolgt und es ergab sich kqjn Befund, dem hierbei sonst ein Einfluss 
hätte zugeschrieben werden können. 

3. Insbesondere muss bemerkt werden, dass das untersuchte Kind bei 
seiner Länge von 50 cm und dem bereits 4 mm breiten Knochenkern in der 
unteren Epiphyse des Oberschenkelkrwrpels entweder vollkonftnen ausgetragen 
war, oder, diesem Zeitpunkt bereits ganz nahe stehend und daher, da es auch 
sonst vollkommen normale Bildung zeigte, geeignet war, selbstständig weiter 
zu leben. 

Die geringe Entwickelung des Fettpolsters ist durch kerne Erkrankung der 
Frucht bedingt worden und steht mit dem Tode derselben in keinem Zusammen¬ 
hänge. 

4. Die Hautabschürfungen an der rechten Schulter und am rechten Hand¬ 

rücken sind ganz unbedeutende Verletzungen und sind wahrscheinlich beim Fall 
in den betreffenden Kanal, vielleicht' auoh erst beim Herausziehen des Kindes aus 
demselben entstanden. ** 

5. Dass die Frucht noch lebend aus dem Abort gezogen wurde und noch 

7 Stunden lang leben konnte, erklärt sich dai$us, dass die Luftwege nicht voll¬ 
kommen durch die KloakenstSffe abgesperrt wurden, sondern theilweise, freilich 
in nur geringem Grade, frei und für die Luft zugänglich geblieben sind. Das 
freie Ende der mumificirten Nabelschnur*zeigte sich nach mehrstündiger Auf¬ 
weichung im Wasser schief abgetrennt, der höher gelegene Rand der Nabel¬ 
schnurscheide zwar geradrandig, der tiefer gelegene dagegen etwas gefranzt und 
in einem 2 cm langen Schlitz gegen den Nabel zu sich fortsetzend. Die Nabel¬ 
arterien dadurch blossgelegt und jp der gleichen Höhe abgesetzt. Die Nabel¬ 
schnur ist daher wahrscheinlich gerissen oder mit einem stumpfeh Werkzeuge 
durchgetrennt worden. • . 


II. Gerichtliche Section IQ. Juli 1£T86. J. K., 31 Jahre alt, Kanalräumer¬ 
gehilfe. 

Tod den 14. Juli nach 10 Uhr Abends beim Räumen einer Senkgrube in 
Rudolfsheim (Buchgasse 5). Sofort nachdem J. K. in die Senkgrube hinabge¬ 
stiegen war, fiel er bewusstlos in die Kanaljauche hinein. 

Körper gross, kräftig, von gut entwickeltem Fettpolster. An zahlreichen 
Stellen, besonders an Kopf- und Schamhaaren mit Kanaljauche verunreinigt. 
Haut im Gesichte, am Hals und an der ganzen Hinterfläche des Körpers dunkel¬ 
violett, sonst blass. Bindehäute stark injicirt,punktförmig ecchyiffosirt mit Kanal¬ 
stoffon bedeckt. Pupillen mittelweit; aus Mund und Nase braunrothe Flüssigkeit 


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lieber das Eindringen von Ertränkungsllüssigkeit in die Gedärme. 


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sich entleerend; Lippen- und Zahnfleisch schmutzig violett. Hals und Brustkorb 
proportionirt. Bauch flach und gespannt. Genitalia und After normal, Glieder 
todtenstarr. lieber beiden Stirnhöckern streifige Hautabschürfungen ohne Blut 
Unterlaufungen. 

Innerlich: Schädeldecken blutreich, Schädeldach unverletzt, von gewöhn¬ 
licher Dicke. Die Hirnhäute zart, blutreich; Gehirn blutreich, von normaler Con- 
sistenz. Kammern eng, Wände der Vorderhörner stellenweise mit einander ver¬ 
wachsen. Basalarterien schlaff, in den Blutleitern viel dunkelflussiges Blut. 
Schädelgrund unverletzt. Im Rachen, im Kehlkopf und in der Luftröhre reich¬ 
liche, den Wänden anhaftende Kanalstoffe. Schleimhaut überall dunkelviolett 
mir verwachsenen, bis banfkorngrossen Ecchymosen an der Hinterfläche des Kehl¬ 
deckels. Zwerchfell rechts am 5., links am 6. Rippenknorpel. Lungen stark 
gedunsen, beim Eröffnen des Brustkorbes sich vordrängend, so dass die linke 
die rechte mit dem Rande des Oberlappens überragt. Linke Lunge ohne Ecchy¬ 
mosen, blutreich, stark lufthaltig, am Schnitt reichlich blutig-schaumige Flüssig¬ 
keit entleerend, doch nur in den grösseren Bronchien Kanalstoffe enthaltend, in 
den übrigen Bronchien blutiger Schaum. Schleimhaut überall dunkelroth, ohne 
auffallende Schwellung. Rechte Lunge ebenso, im Unterlappen jedoch auf der 
Schnittfläche durch bis bohnengrosse dunklere und weniger lufthaltige Stellen 
marmorirt und auch in den kleineren Bronchien sandige Kanalstoffe enthaltend. 
Herz faustgross mit zahlreichen punktförmigen Ecchymosen, besonders über der 
rechten Kammer, contrabirt, reichliches dunkelflüssiges Blut enthaltend. Klappen 
und Intima Aortae zart, etwas blutig durchtränkt; Herzfleisch fest. Leber und 
Milz von normalem Aussehen und mittlerem Blutgehalt. Im Magen etwa 100 g 
eines dünnen, zerkaute Wurststücke einschliessenden Inhalts, welcher nach Kanal¬ 
jauche riecht und reichliche sandige graue Stoffe aufweist. Schleimhaut schmutzig¬ 
violett. etwas verdickt. Nieren blutreich, glatt; in der Blase reichlicher klarer 
Harn. Gedärme massig gebläht, blassviolett; im Dünndarm reichlicher, gallig 
gefärbter normaler Inhalt, welchem im obersten fast 1 m langen Stücke san¬ 
dige graue Kanalstoffe in nach abwärts abnehmender Menge 
beigemischt sind. Im Dickdarm reichliche dünnbreiige Kothmassen. Schleim¬ 
haut überall blassviolett. In der Speiseröhre und in den unteren Abschnitten 
der Luftröhre reichliche Kanalstoffe. Schleimhaut in ersterer blass, in letzterer 
dunkelviolett. 


III. Gerichtliche Section 27. Oktober 1886. Neugeborenes Kind weib¬ 
lichen Geschlechts der A. W., Handarbeiterin. 

Die von A. W. am 26. Oktober gerufene Hebeamme M. E. fand das neu¬ 
geborene Kind sammt Nachgeburt in einem Wasser enthaltenden Weinling todt 
liegen, in welchem sich etwa 3 Liter Wasser befanden, so dass das Kind leicht 
untergetaucht werden konnte. Die Mutter gab an, dass das Wasser von der Ent¬ 
bindung herrührte; es war jedoch auch das ganze Bett von der bei der Entbin¬ 
dung sich entleerenden Flüssigkeit nass. Die Hebeamme nahm die Nabelunter¬ 
bindung und fruchtlose Wiederbelebungsversuche vor. Die Mutter giebt an, 
zugleich von W r ehen und von Leibesnoth befallen, die Noth in einem grossen 
Weinling verrichtet zu haben, wobei das Kind sammt der Nachgeburt in den 
Weinling hinoinfiel. Sie habe das Kind, welches nicht athmete, herausgenommen 


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82 


Dr. Fagerlnnd, 


und sei damit ins Bett gegangen; wer das Kind wieder in den Weinling gelegt, 
wisse sie nicht. Ihre Schwester A. S. sei die erste Person, welche zu ihr kam, 
gewesen. Dieselbe entschlägt sich jeder Aussage. 

Kind weiblichen Geschlechts, 27(30 g schwer, 48 cm lang. Haut blass, 
an der linken Gesichtshälfte und am Kücken mit spärlichen, blassvioletten 
Todtenfleeken durchsetzt, fast überall, besonders am Kopfe und am Rücken mit 
käsiger Schmiere und am Kopfe, sowie an zahlreichen Stellen des Rumpfes und 
der Extremitäten mit angetrocknetem Blute bedeckt; Unterhautfett ziemlich gut 
entwickelt, doch schlaff, Kopf proportionirt, der gerade Kopfdurchmesser 11, 
der quere 8,4, der diagonale 12.4 cm. Kopfumfang 33 cm. Kopfhaar dicht, 
hellbraun, bis 2.5 cm lang. Bindehaut rechts massig injicirt. Pupillen mittel- 
weit. Mund und Nase frei. Schleimhaut blauviolott. Hals proportionirt, Schul¬ 
terbreite 12 und nach miissigem Zusammendrücken 11 cm. Brustkorb gut ge¬ 
wölbt, Bauch vorgewölbt, weich;' am Nabel ein bis 11 cm langer, mit einem 
rothen Bändchen unterbundener, in beginnender Vertrocknung begriffener, gallig 
durchtränkter Nabelschnurrest mit quer und glatt abgeschnittenem freien Ende. 
Genitalien normal, am After massige Mengen Kindspech. Glieder etwas steif. 
Nägel hornig, die Fingerspitzen eben überragend. In den unteren Ansatzknor¬ 
peln der Oberschenkelknochen ein 5 mm breiter Knochenkern. Aeussere Ver¬ 
letzung, auch nach erfolgter Reinigung der Leiche, nicht zu bemerken. 

Innerlich: Schädeldecken blutarm, die vordere Fontanelle 2 cm breit. 
Schädeldach unverletzt, fest. Hirnhäute zart, von mittlerem Blutgehalt, Gehirn 
weich, mässig bluthaltig. Kammern eng, in den Blutleitern reichlich dunkel- 
flüssiges Blut. Schädelgrund unverletzt. In der Luftrölfte, im Kehlkopfe und 
im Rachen feinblasiger, schwach blutig tingirter Schaum. Schleimhaut blass¬ 
violett ohne Eccliymosen. Das Zwerchfell beiderseits am 5. Rippenknorpel. 
Lungen in den vorderen Brustraum vorragend, die Seitentheile des Herzens be¬ 
deckend, — beide in Verbindung mit dem Herzen im Wasser schwimmend; linke 
Lunge massig gedunsen, blass und dunkolviolett marmorirt, polsterartig anzu- 
fühlen, mit vereinzelten punktförmigen Ecchymosen besetzt, beim Einschnei¬ 
den knisternd und am Schnitt reichlichen feinblasigen Schaum entleerend, mässig 
blutreich und in den Bronchien reichlichen feinblasigen Schaum enthaltend; 
Schleimhaut der letzteren blassviolett. Ins Wasser gelegt, schwimmt die Lunge 
vollkommen, sowohl im Ganzen als auch in bohnengrosse Stücke zerschnitten. 
Die rechte Lunge stärker gedunsen, am Schnitt von schaumiger Flüssigkeit fast 
überströmend, sonst wie links. Herz contrahirt, ohne Ecchymosen, dunkelflüssiges 
Blut enthaltend. Klappen und Herzfleisch normal. Leber gross, blutreich. Milz 
schlaff, blutarm. Magen massig ausgedehnt, von aussen blassviolett, nach vor¬ 
genommener Unterbindung herausgenommen, im Wasser schwimmend; in dem¬ 
selben eine reichliche Menge wie geronnenes Blut aussehenden mit 
Luftblasen gemengten Inhaltes. Schleimhaut blassviolett, mit wie ge¬ 
ronnenes Blut aussehendem Schleim belegt. Dickdarm im Wasser untersiukend, 
überall, mit Ausnahme der untersten Partie der S-förmigen Schlinge, dunkel¬ 
grünes reichliches Kindspech enthaltend. Der Dünndarm überall blassviolett, 
im Wasser sinkend, im Zwölffingerdarm spärlicher, blutig tingirter 
Schleim, in den übrigen Dünndarmpartien, mit Ausnahme kurzer 
Unterbrechungen wie geronnenes Blut aussehender Inhalt. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 33 


. Schleimhaut wie blutig durchtiänkt, ohne sonstige Veränderung. Nieren von 
minierem Biutgebalt, glatt. Harnblase leer. Nabelgefässe gut contrahirt, leer. 
Inuere Genitalien normal. Die beiliegende Nachgeburt 410 g schwer, der Mutter¬ 
knochen bis 18 cm breit, .an seiner Aussenflächs mit frisch geronnenem Blute 
in massigem Grade bedeckt, von normalem Aussehen. An seiner Innenfläche 
2 bis nussgrosse und eine bohnengrosse keilförmige, nach innen sich vertiefende, 
blassgelbliche, derbere, ziemlich scharf umschriebene Stelle enthaltend. Nabel¬ 
schnurrest nahe am Rande des Mutterkuchens abgehend, 44 cm lang, bis 1 cm 
breit; das freie Ende quer upd glatt abgetrennt. Das mitgebrachte Thongefäss 
ist im Lichten 35 cm weit und 15 cm tief, mit 2 Thonhenkeln versehen, an 
welchen ein Messingdraht angebracht ist, welcher um die pine Hälfte der oberen 
Peripherie des Gefässes herumgespannt ^st. Am Boden des Gefässes befindet sich 
eine 3 om hohe Schicht stark blutiger, wässeriger Flüssigkeit, in welcher der den 
Acten beigelegte, blaugrün gestreifte, blutig durchtränkte Fetzen und reichliche 
bis apfelgrosse Irische Blutgerinnsel sich finden. 

Gutachten. .1. Das untersuchte Kind war 48 cm lang, 2760 g schwer 
und besass einen 0,5 cm breiten Knochenkern in dem unteren Ansatz des Ober¬ 
schenkelknochens. Dasselbe war demnach, zwar vielleicht nicht vollständig, doch 
nahezu ausgetragen und jedenfalls fähfg, ausserhalb des Mutterleibes weiter zu 
leben. • 

2. Dasselbe ist, wie die gleiohmässige, insbesondere durch die Lungen¬ 
schwimmprobe nachgewiesene Füllung der Lungen mit Luft, die eben wegen ihrer 
Gleichmässigkeit und weil der'Magen nur wenig, der Darmkanal keine Luft ent¬ 
hält. nicht vom Lufteinblasen von Mund zu Mund und bei der Frische der Leiche 
auch nicht von Fäulniss herrühren kann, beweist, lebend geboren worden und 
hat wenigstens durch einige Augenblicke frei goathmet. 

3. Es ist. wie aus der dunkelflüssigen Beschaffenheit des Blutes uud der 
Ecchymosenbilduog an den Lungen hervorgeht, zunächst an Erstickung ge¬ 
storben. 

4. Da die Luftröhre und die Lungen eine grosse tyenge blutig-schleimiger 
Flüssigkeit enthielten, da ferner im Magen und fast im ganzen Dünndarm 
locker geronnenes Blut sich fand, welohes nur durch Schlucken, keineswegs 
aber erst nach dem Tode hineingelangt sein konnte, so ist es offenbar, dass der 
Erstickungstod durch Ertrinken in stark bluthaltiger Flüssigkeit herbeigeführt 
worden ist. 

5. Ein Geborenwerden des Kindes auf dem Woinling, in welchem dessen 
Leiche gefunden wurde, war geeignet, den Tod auf die genannte Weise zu be¬ 
wirken, da hierbei das Rind in Fruchtwasser und Blut gelangt und darin er¬ 
trunken s^in konnte. Der Umstand, dass die Lungen vollkommen lufthaltig 
waren, spricht nicht gegen einen solohen Vorgang, da es möglich ist, dass das 
Kind doch einige Augenblicko mit dem Kopfe ausserhalb der betreffenden Flüssig¬ 
keiten gewesen war. 

6. Die geringe Entwickelung der Geburtsgeschwulst am Kopfe und der 
Umstand, dass die Nachgeburt in ungetrennter Verbindung mit dem Kinde ge- 
funden*wurde, spricht für einen raschen Verlauf der Geburt. 

7. Die Flüssigkeit in dem Weinlinge stand 3 cm hoch und betrug, wie 
nachträglich constatirt wurde, I400ccm; das Kind konnte daher ganz wohl darin 


Vl«m|jaJirM*hr. f. gtr. HmL N. F. LU. X. 

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S 

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34 


Dr. Fagerlund, 


ertrinken. Sie bestand, wie die nähere Untersuchung ergab, vorzugsweise aus * 
Blut und einer massigen Menge wässeriger Flüssigkeit, die ganz gut nur Frucht* 
wasser gewesen sein konnte, da sie dessen Besltyidtheile enthielt. Nach Stehen¬ 
lassen der Flüssigkeit in einem hohen und schmalen Glase bestand das erhaltene 
Sediment nur aus Blutgerinnseln und liess mit freiem Auge nur vereinzelte kleine 
wie Pflanzentheilchen aussehende fremde Körper erkennen. Mikroskopisch wurden 
ausser Blutbestandtheilen reichliche Wollhaaro, Epidermisstöcke, sowie Pflanzen 
theilchen und Schmutzpartikeln gefunden. Letztere Verunreinigung beweist, dass 
das Gefäss nicht ganz rein gewesen ist, nicht aber, dass darin zur Zeit der Ge¬ 
burt eine grössere Menge von Spülicht oder dergleichen gewesen sei. Kothmassen 
Hessen sich nicht nachweisen und kein fäculenter Geruch; wohl aber Spuren von 
Kindspech. Ob grössere Mengen von Hajn in der Flüssigkeit vorhanden sind, 
lässt sich nur durch chemische Untersuchung constatiren. Kleinere konnten auch 
von dem neugeborenen Kinde herrühren. 1 ) 

* 

m 

IV. Gerichtliche Section 12. Januar 1888. Männliches, neugebornes Kind, 
der E. M., 29 Jahre alt, ledige Magd. Im Mai seien die Menses ausgeblieben. 
Am 21. Deoember 1887 sei die Geburt heimlich erfolgt ohne Hindernisse, nach¬ 
dem sie den Zustand der Gravidität geleugnet hatte. Das Kind soll todl zur Welt 
gekommen sein. Die Mutter will den Nabelstrang nicht abgeschnitten und das 
Kind in Fetzen gewiokelt und in den Abort geworfen haben (am 21. December). 
Am 11. Januar 1888 gefunden. 

Kind männlichen Geschlechts. 3310 g schwör, 52,5 cm lang, fast überall 
mit sandigem Kanalinhalt verunreinigt, nach dessen Entfernung die Haut im 
Gesicht, an der Vorderfläche des Halses und Rumpfes tbeils schmutzig rosenroth, 
theils grünlich missfarbig, die Oberhaut an den meisten Stellen leicht abstreifbar. 
Hinterfläche des Körpers blassgrünlich mit leicht abstreifbarer, stellenweise schon 
abgestreifter Epidermis. Durch Fäulnissgase leicht gedunsen. Kopf etwas in die 
Länge gezogen; der gerade Kopfdurchmesser 10,8 cm, der quere 8,4 cm, der 
lange 13,0 cm. Kopfumfang 33,0 cm. Kopfhaar dicht, dunkelbraun, bis 2,5 cm 
lang, noch fest haftend. Kopfhaut bereits grünlich. Gesicht, besonders die Augen¬ 
lider, gedunsen. Conjunctivae schmutzigviolett ohne Ecchymosen. Corneae zur 
Undurchsichtigkeit getrübt. Augäpfel blutig durchtränkt. In den Nasenöffnungen 
und der vorderen Partie der Mundhöhle sandiger Kana'linbalt; Schleimhaut theils 
schmutzigviolett, theils grünlich. Ohren schmutzigviolett, elastisch. Hals durch 
Fäulnissgase etwas^ gedunsen, an demselben, ebensowenig wie in der Umgebung 
des Mundes und der fyse, äussere Verletzungen. Schulterdistanz 13 und nach 
massigem Zusammendrücken 12 cm. Thorax gut gewölbt. Bauch schlaff und weich. 
Am Nabel ein missfarbiger, fast 7 cm langer Nabelschnurrest mit quer # und glatt 
abgetrenntem freien Ende. Genitalien grünlich missfarbig, die Oberhaut stelien- 


') Die im Thongefässe enthaltene Flüssigkeit wurde chemisch untersuoht 
und duroh die chemische Untersuchung wurde erprobt, dass 200 ccm Flüssigkeit 
0,1836 g Harnstoff enthielt, also 1400 ccm = 1,2852 g, was beiläufig 60 ccm 
Harn entspricht. Ebenso fanden sich in 200 ccm der Flüssigkeit 0,028 g*Harn¬ 
säure, welche der oben gefundenen Menge an Harnstoff wohl entspricht. — Der 
Harn des Neugeborenen betrug 7—8 ccm mit durchschnittlich 0,4 pCt. Harnstoff. 


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Ueber das Eindringen von Ertränknngsflässigkeit in die Gedärme. 35 


weise in Petzen abgängig, sonst leicht abstreifbar. Nägel hornig, die Finger¬ 
spitzen überragend. In den unteren Ansatzknorpeln der Femora ein 6 mm breiter 
Knoohenkern. An der Vorder- und Aussenfläche des linlftn Knies fehlt die Haut 
in der Grösse einer Kinderhandfläche; die Ränder dieses Defektes sind wie zer¬ 
nagt. blass und ebenso wie der missfarbige Grund ohne Spuren von Reaktions¬ 
erscheinungen. Sonst ist äusserlich keine Verletzung nachweisbar. 

Innerlich: Scbädeldecken etwas missfarbig, mässig blutreich, über der hin¬ 
teren Partie der linken Scheitel- und Schläfegegend in massigem Grade sülzig 
infiltrirt. Schädeldach unverletzt. Dura theils schmutzig-violett, theils grünlich, 
glatt. Innere Hirnhäute mittel blutreich, ziemlich stark blutdurchtränkt, jedoch 
ohne Blutaustritt. Gehirn fast zerfliessend weich, sohmutzig blassviolett, ohne 
Spuren von Extravasaten. Kammern eng; kleine Gehirn'zerfliessend weich ohne 
Extravasate. In den Blutleitern mässig viel dunkelflässigen Elutes. Zwischen 
den Weichtheilen des Halses und der Haut daselbst keine Blutaustritte oder son¬ 
stige Verletzungen. Im Rachen und Kehlkopf sandiger Kanalinhalt. Im oberen 
Antheile der Trachea kein Inhalt, im unteren spärlich blutig tingirter Schaum. 
Schleimhaut, besonders im Rachen, grünlich missfarbig, gpnst normal. Zwerch¬ 
fell rechts am 4., links am 5. Rippenknorpel. Von den Lungen nur die rechte 
io den vorderen Brustraum vorragend. Beide Lungen im Verband mit dem Herzen 
im Wasser schwimmend, ebenso jede für sich, die Ijnke jedoch mit dem Ober¬ 
lappen nach abwärts strebend. Im Stamme des Bronchus beider Lungen miss¬ 
farbige Stoffe, die rechts sandige Theilohen enthalten. Linke Lunge im ganzen 
Oberlappen und in den oberen Partien des Unterlappens fast“überall gleichmässig 
schmutzig violett, mit isolirten bis linsengrossen helleren Steller.. In den unteren 
Partien des Unterlappens grössten theils heller gefärbt, etwas gebläht, mit deut¬ 
lich erkennbaren lufthaltigen Bläschen; daselbst polsferartig,*sonst fast fleisch- 
artig anzufühlen, ohne Ecchymosen. Am Schnitt überall ziemlich blutreich. Im 
Oberlappen schaumlose blutige Flüssigkeit, im Unterlappen nur wenig schaum- 
haltige Flüssigkeit entleerend. Die Bronchien, soweit erkennbar, bloss Sohaum 
enthaltend. Von der zerschnittenen Lunge sinken der ganze Oberlappen und 
sämmtliche bohnengrosse Stücke. Der Unterlappen schwimmt unvollständig und 
von dessen bohnengrossen Stücken halten sich nur 8 aus dqp ‘vorderen Partien 
über Wasser, die nach massigem Ausdrücken zwischen den Fingern ebenfalls 
untersinken. Rechte Lunge mässig gedunsen, zahlreiche, bis über bohnengrosse 
hellere und gleichmässig mit Luft gefüllte Lungenbläschen zeigende Stellen ent¬ 
haltend, sonst blassviolett, von fleiscbartigem Aussehen. Am Schnitt blutreich, 
überall reichlich blutige, doch nur wenig schaumhaltige Flüssigkeit und aus den 
grösseren Bronchien Kanalinhalt entleerend. Von der zerschnittenen Lunge 
schwimmt jeder der drei Lappen. Von den bohnengrossen Stücken des Ober¬ 
lappens sinken 5 sofort, von den übrigen mehr als die Hälfte nach dem Aus¬ 
drücken zwischen den Fingern, vom Mittellappen 3 sofort j^nd ebenso die übrigen 
bis auf einen nach dem Zusammendrücken. Vom Unterlappen schwimmen sämmt- 
licbe Stücke, von denen jedoch, nach dem Ausdrücken, mehr als die Hälfte zu 
Boden sinkt. Herz von normaler Grösse, schlaff, mit einer hanfkorngrossen Ecchy- 
mose an der Vorderfläohe, überalf blutig durchtränkt, spärliches, dunkelflüssiges 
Blut enthaltend. Klappen und Myocardium sonst normal. Leber gross, blutreich, 

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Dr. Fagerlund, 


etwas missfarbig, ipa Wasser sinkend. Magen schlaff, von aussen blassviolett, 
im Wasser schwimmend, in demselben missfarbiger bis bobnengrosse Luft¬ 
blasen einscliliessender Inhalt in der Menge von circa einem halben Kaffeelöffel, 
in dem sieb mohjikorngrosse Sandkörner befinden. Schleimhaut überall 
schmutzigviolett, sonst normal. Dickdarm überall strotzend mit Meconium gefüllt, 
im Wasser sinkend. Dünndarm schmutzig blassviolett, von diesem nur die 
mittleren Schlingen des Jejunum schwimmend, in demselben spärlich etwas 
missfarbiger Schleim. Im Duodenum, int obersten Dünndarm eben¬ 
falls missfarbiger Schleim, in dem sich makroskopisch keine Fremdkörper 
nachweisen lassen. Schleimhaut überall etwas missfarbig, ohne sonstige Verände¬ 
rung. Nieren etwas missfarbig, blutreich; in der Harnblase reichlich trüber Harn. 
Nach Herausnahme der Eingeweide keine weitere Verletzung. 

Gutachten« 1- Das untersuohte Kind war 3310 g schwer und 52,5 cm 
lang; darnach ausgetragen und ganz normal gebildet. 

2. Aus dem insbesondere durch die Schwimmprobe nachgewiesenen, wenn 
aueh geringen, «ber nur auf die Lungenbläschen beschränkten Luftgehalt der 
Lungen sowie des Magens und oberen Dünndarmes, welcher bei dieser Verkei¬ 
lung und da die übrigen inneren Organe ganz luftleer waren, nicht von Faulniss 
hergeleitet werden kann, geht hervor, dass das Kind Luft geathmet und daher 
nach der Geburt wenigsten^ einige Augenblicke gelebt haben muss. 

3. Dasselbe ist, wie aus der allgemein dunkelflüssigen Beschaffenheit des 
Blutes und der Ecchymosenbildung am Herzen hervorgeht, zunächst an Erstickung 
gestorben. 

4. Diese Erstickung ist zweifellos durch Ertrinken in Kanalinhalt oder 
diesem ähnlichen Stoffe veranlasst worden, da nicht nur in den grösseren Luft¬ 
röhren und im Ma£en, sohdern bei der mikroskopischen Untersuchung der von 
der Schnittfläche der Lungen abgestreiften Flüssigkeit und auch in dem dem 
Dünndarme entnommenen, misstorbigen Schleim und zwar bis 
59 cm in dem Darme hinab, feinsandige und Kohlenpartikelchen, 
Reste von Pflanzentheilchen und ähnliche Stoffe gefunden wurden« 
wie sie im Kanalabfall, Spülicht und dergleichen sich finden, und die namentlich 
so lief in den Düttqjlarm hinein nicht erst an der Leiche, sondern nur während 
des Lebens hineingelangt sein konnten. . 

5. Verletzungen wurden an dem Kinde nicht vorgefunden, ausser einem 
ganz reactionslosen Defect der Haut am Knie, welcher offenbar durch Ratten ver¬ 
anlasst worden ist. 

6. Der Umstand, dass die Leiche vorzugsweise nur äusserlicb und nicht im 
höheren Grade von der Fäulniss ergriffen war, widerspricht nicht der Angabe, 
dass das Kind bereits 3Monate vor dem Auffinden geboren worden ist, da zu der 
betreffenden Zeit eine starke Gefrierkälte herrschte, welche den Eintritt der Fäul¬ 
niss zu verhindern oderjsu verzögern geeignet war. 

7. Die Nabelschnur zeigte auch nach dem Aufweichen und Reinigen im 
Wasser ein quer abgetrenntes Ende, dessen Rand jedoch auf der einen Seite fein 
gezackt war, so dass es immerhin möglich ist, dass die Schnur nicht durch¬ 
schnitten, sondern durchrissen oder mit den Fingernägeln durchquetscht, viel¬ 
leicht auch von Ratten abgenagt worden ist. 


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lieber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 37 

V. Sani tatspolizeiliche Seotion. Selbstmord darch Ertrinken am 26. Januar 
1888. J. M., 20 Jahre, Geschäftsdiener. 

Graciler Körperbau; starke Gänsehaut. Schrumpfung desSorotum. Schlamm 
am Kopfe und an anderen Stellen. Keine Maceration an den Händen. Weisser, 
dichter Schaum vor dem Munde. Schädel mässig*tang, schmal mit stark vor¬ 
springenden Juga cerebralia, doch offenen Nähten. 

Innerlich: Hirnhäute mässig blutreich, zart. Hirnwindungen spärlicher, 
nicht abgeflacht. Hirn teigig, blass. Kammern eng. In den Luftwegen bis in 
die Bronchien massenhafter dichter weisser Scfiaum und blasser Schleim. Zwerch¬ 
fell rechts am 5., links am 6. Rippenknorpel. Lungen gedunsen, einander über¬ 
ragend, blutreich, am Schnitt ziemlich reichliches sohaumiges Serum entleerend; 
in beiden Pleurasäcken je 3 Deoiliter klaren blassen Transsudates. Herz con- 
trahirt ohne Ecchymosen. Im Magen und im oberst Tn Theile des Jeju¬ 
num reichliche wässrige Flüssigkeit. Nieren blutreich. Epiphyse des 
Humerus von der Diaphyse durch 2 mm dicke Knorpelgrenze getrennt. — Ob¬ 
duclionsdiagnose und Gutachten lauteten auf Selbstmord durch Er^fänkung. 

VI. Gerichtliche Section am 24.März 1888. Männliches neugeborenes Kind 
am 22. März im Abortkanal des Hauses*Ottakring, Hauptstrasse 31, gegen 2 Uhr 
Nachmittags sammt der daran hängenden Nachgeburt aufgefunden. Dieser Ab¬ 
ort oommunicirt mit den übrigen im Hause nicht, steht im Hofe, ist leicht für 
Jedermann zugänglich. Das Kind lag unmittelbar unter demSitzbretl. Am Nach¬ 
mittag hörte man stöhnende Laute von dem Abort. 

Körper männlichen Gesohlechts sammt der Placenta 2660 g schwer, 47 cm 
laug, gut gebildet von mässigem Fettpolster. Haut im Gesicht und am Rücken 
schmutzig violett, sonst blass, am Kopfe mit reichlichem, sonst mit spärlichem 
sandigen Kanalinhalt bedeckt. Kopf proportiouirt, sein gerader Durchmesser 
10 cm, sein querer 7,4 cm, sein diagonaler 11,8 cm, sein Umfaog 29 om be¬ 
tragend. Kopfhaar braun, dicht, bis 1 cm lang. Augenlider gedunsen. Con- 
junctiva stark injicirt, etwas geschwollen^ ohne Ecchymosen. Pupillen mittelweit. 
Im Munde und in der Nase spärlicher Kanaliqh&R. Mundschleimhaut schmutzig 
violett, feucht. Hals und Thorax proportionirt. Schulterbreite 11,8 cm und nach 
mässigem Zusammendrücken 10 cm betragend. Bäuch weich und flach, mit dem¬ 
selben durch eine 59 cm lange sülzige, leicht missfarbige Nabelschnur die 
16 cm lange und 500 g schwere, mit Kanalinhdlt verunreinigte, sonst frische 
Placenta in Verbindung, an dessen Aussenfläche einer der Randlappen, im Um¬ 
fange fast eines Hühnereies, blassgelblich verfärbt, am Schnitt derb und glatt 
ist. Genitalien und After normal. Nates nicht verfärbt. Glieder schlaff, die 
Nägel hornig, die Fingerspitzen überragend. In der unteren Femurepiphyse ein 
3 mm breiter Knochenkern. Der Rücken des linken Mittelfingers an einer 
bohnengrossen Stelle durch Ratten benagt. Sonst nirgends eine äussore Ver¬ 
letzungsspur. 

Innerlich: Schädeldecken blutreich, über der hinteren Partie des rechten 
Os parietale ziemlich stark blutig serös infiltrirt. Meningen zart, bleich. Hirn 
von mittlerem Blutgehalt, weich. Kammern eng mit normale:« Inhalt, in dem # 
Sinus reichliches dunkelflüssiges Blut. Schädelbasis unverletzt. In den Luft- 


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Dr. Fagerlund, 


wegen reichlicher feinblesiger Schaum, der nur im Rachen kleine Sandkörnchen 
enthält. Schleimhaut überall rosenroth, sonst normal. Zwerchfell rechts am 3., 
linbs am 4. Rippenknorpel. Lungen in den vorderen Brustraum vorragend, das 
Herz seitlich bedeckend. In Verbindung mit dem Herzen im Wasser vollkommen 
schwimmend; ebenso jede für sich. Linke Lunge gedunsen, blass und dunkel¬ 
violett marmorirt mit deutlich erkennbaren luftgefüllten Lungenbläschen und mit 
zerstreuten, bis banfkorngrossen Ecchymosen, beim Einsetmeiden knisternd, am 
Schnitt blutreich^ massenhaften fejnblasigen Schaum entleerend, der zur mikrosko¬ 
pischen Untersuchung zurückgesetzt wird und auoh in den Bronchien enthalten 
ist. Von der zerschnittenen Lunge schwimmen sowohl die einzelnen Lappen als 
sämmtliche bohnengrosse Stücke. Rechte Lunge genau ebenso. Herz contrahirt, 
mit vereinzelten punktförmigen Ecchymosen, reichlich dunkelflüssiges Blut ent¬ 
haltend. Klappen un? Herzfleisch normal. Leber gross, blutreich. Milz schlaff, 
von mittlerem Blutgehalt. Magen stark gebläht, im Wasser schwimmend, in 
demselben ausser zahlreichen Luftblasen etwa zwei Kaffeelöffel einer blassen, 
wässerig schleimigen Flüssigkeit, in der sich zahlreiche, theils 
weissliohe, theils schwärzliche, sandige Partikel nachweisen 
lassen. Schleimhaut mässig injicirt ohne Schwellung. Dickdarm strotzend, mit 
Meconium gefüllt, im Wasser sinkend. “Dünndarm contrahirt, im Wasser sin¬ 
kend, in den oberen Antheilen blassen, stellenweise missfarbigen 
Schleim, in dem unteren Meconium enthaltend. Schleimhaut überall blass. 
Nieren blutreich; Blase leer. Nach Herausnahme der Eingeweide keine weitere 
Verletzung. 

Gutachten. 1. Das untersuchte Kind war 2160 g schwer, 47 cm lang 
und besass einen nur 3 mm breiten Knochenkern in dem unteren Ansatzknorpel 
des Oberschenkelknochens, war demnach noch nicht völlig ausgetragen, jedoch 
bereits lebensfähig und dürfte, etwa einen Monat vor dem normalen Ende der 
Schwangerschaft zur Welt gekommen sein. 

2. Dasselbe ist lebend geboren worden, da Lungen und Magen, insbe¬ 
sondere bei der Schwimmprobe, lufthaltig gefunden wurden und dieser Luft- 
gebalt im vorliegenden Falle wedpr von Fäulniss noch von Lufteinblasen, son¬ 
dern nur von Luftathmen abgeleitet werden kann. Doch kann dieses Athmen nur 
kurze Zeit gedauert haben, da*der Dünndarm noch keine Luft enthielt und der 
Dickdarm strotzend mit Kindspech gefüllt war. 

3. Aus der dunkelflüsstgen Beschaffenheit des Blutes und der Ecohymo- 
sirung der Lungen und des Herzens lässt sich schliessen, dass das Kind zunächst 
an Erstickung gestorben, welche, wie der reichliche Schaum in den Luftwegen 
und in den Lungen, sowie der insbesondere nachträglich durch mikroskopische 
Untersuchung oonstatirte Befund von Abortstoffen auf der Schnittfläche der 
Lungen, ferner im Magen und bis 75 cm weit in den Dünndarm hinein 
beweisen, duroh Ertrinken in Abortsjauohe, somit auf gewaltsame Weise zustande 
gekommen ist. 

4. Verletzungen wurden an dem Kinde nicht vorgefunden. 

5. Die Entbindung ist offenbar eine rasche gewesen, da die Geburts- 
jjeschwulst am Köpf nur wenig entwickelt war, und die Nabelschnur noch mit 

dem Mutterkuchen in Verbindung stanct. 


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üeber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 39 

6. Die Leiche war vollkommen frisch, kann daher nur kurze Zeit in dem 
Abort gelegen haben*). 

An demselben Tage wurde auch von Prof. Dr. E. v. Hof mann zu Wien 
eine gerichtlich-medioinische Obduotion an einer am 22. März vom Kanalräumer 
in einem Kanäle gefundene Kinderleiohe verrichtet. Da dieses Kind aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach todt geboren worden war und also todt in den Kanal ge¬ 
worfen, wird das hierüber geführte Protokoll auoh hier mitgetbeilt, da es nicht 
nur geeignet ist, die Verschiedenheit zwischen den Obduotionserscheinungen in 
diesem und dem eben erwähnten Falle zu beleuchten, sondern auch zu zeigen, 
wie wenig Neigung das Ertränkungsmedium überhaupt hat in die Lungen und in 
den Digestionskanal solcher einzudringen, die als Leichen hineingerathen sind. 

Die 33 jährige Wäscherin- K. 8. wird als Mutter dieses Kindes bezeichnet. 
Dieselbe hat angeblich 5 mal (darunter 3 mal abortirt) geboren. Am 19. März 
fand ihre Quartiergeberin Blutspuren am Fussboden ihres Cabinets und Hess die 
B. in’s Krankenhaus bringen, wo man deutliche Zeichen einer vor kurzer Zeit er¬ 
folgten Geburt an ihr fand. Sie giebt an, einen BlutQuss am oben genannten 
Tage gehabt zu haben, leugnet aber die Geburt eines Kindes. 

• Der Körper weiblichen Geschlechts, 1030 g schwer, 39 cm lang, von 
schwächlichem Aussehen, Haut vielfach mit sandigem Kanalinhalt verunreinigt 
und nach dessen Entfernung überall theils schmutzig violett, theils grünlich. 
Kopf proportionirt; sein gerader Durchmesser 8,4 cm, sein querer 6,0 cm, sein 
diagonaler 9,4 om, sein Umfang 26 cm. Kopfhaar spärlich bis 1 cm lang. 
Conjunctivae und Bulbi oculi blutig durchtränkt. Im Munde und in dy Nase 
reichlicher sandiger Kanalinhalt. Im Gesichte, am Halse und in den Leisten¬ 
beugen reichlich Vernix caseosa. Mundschleimhaut missfarbig, ohne sonstige 
Veränderung. Hals und Thorax proportionirt. Schulterbreite höchstens 8,4 cm. 
Bauch eingesunken, schlaff; am Nabel ein 11,5 om langer missfarbiger Nabel- 
sebnurrest mit vorläufig unkenntlicher Beschaffenheit des freien Endes. Genitalien 
klaffezfd, die grossen Labien fettarm. Panniculus adiposus nur schwach ent¬ 
wickelt. Am Anus Meconium. Glieder schlaff. Nägel weich, die Fingerspitzen 
eben erreichend. In dem unteren Femurepiphysenknorpel kein Knochenkern. Im 
Fersenbein ein 6 mm und im Talus ein 4 mm breiter. Fast an der ganzen 
Aussenseite der oberen Extremität ist die Haut in unregelmässiger Begrenzung 
und stellenweise auch die sonstigen Weiohtheile bis auf die Knochen abgängig; 
die Ränder dieser Stellen sind wie zernagt und ebenso wie der missfarbige und 
mit Kanalinhalt bedeckte Grund, ohne Spuren von Reactionserscheinungen. 
Nagelglied des linken Zeige- und des rechten Kleinfingers, sowie die Endglieder 
der meisten Zehen abgängig und die Stumpfe von gleicher Beschaffenheit wie 
obige Defecte. Sonst äusserlich keine Verletzung. 

Innerlich: Schädeldecken mässig blutreich, überall missfarbig, ohne Blut¬ 
unterlaufung. Scbädelknochen an der Gegend der rechten Seitenfontanelle an 
einer kreuzergrossen, unregelmässigen Stelle sammt der Dura durchbrochen, ohne 
Reactionserscheinungen und durch diese Oeffnung sandiger Kanalinhalt in die 
Scbädelhöhle eingetreten und über die hintere Hälfte der rechten Hirnhemisphäre 
ausgebreitet. Schädelknochen sonst unverletzt. Meningen zart, sehr blutreich. 


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Dr. Fagerlund, 


VII. Die am 7. April 1888 verrichtete Obduction der Leiche des 19jährigen 
K. P., Kellner, der am 4. April*im Kaiserwasser zu Wien um 4 Uhr Nachmittags 
beim Kahnfahren verunglückt und ertrunken ist. 


Hirn missfarbig, zerfliessend weich. In den Seitenventrikeln eine beträchtliche 
Menge geronnenen Blutes, sonst nirgends Blutaustritte nachweisbar. Schädel¬ 
basis unverletzt. Weichtheile des Halses durch Fäulniss missfarbig, ohne Blut¬ 
austritte. In der Trachea missfarbige Flüssigkeit, ohne Schaum und ohne Fremd¬ 
körper. Im Kehlkopf und im Rachen spärlicher Kanalinhalt. Schleimhaut überall 
missfarbig. Zwerchfell beiderseits am 3. Rippenknorpel. In beiden Pleurasäcken 
reichlich blutig seröse Flüssigkeit. Lungen in den hinteren .Brustraum zurück, 
gesunken, klein, schlaff, in Verbindung mit dem Herzen im Wasser sinkend- 
ebenso jede für sich. Die linke gleicbmässig' schmutzig violetjnit spärlichen 
punktförmigen Eccbyroosen, von fleischartiger Consistenz, am Schnitt gleich¬ 
mässig, blutig durchtränkt und spärliche schaumlose Flüssigkeit entleerend, ofine 
auffälligen Inhalt in den Bronchien. Die einzelnen Lappen und sämmtliche 
bohnengrosse Stücke der zerschnittenen Longe im Wasser vollkommen sinkend. 
Rechte Lunge ebenso beschaffen. Herz missfarbig, schlaff, mit verwachsenen bis 
hanfkorngrossen Eccbymosen, spärlich missfarbiges Blut enthaltend. KlappQn 
und Herzfleisch normal, blutig durohtränkt. Leber und Milz schlaff, missfarbig, 
blutig durchtränkt, ihr Ueberzug stellenweise von Fäulnissgasen abgehoben. 
Magen missfarbig, gebläht, im Wasser schwimmend; in demselben ein Kaffee¬ 
löffel voll blutiger missfarbiger Flüssigkeit, in der sich vereinzelte sandige Körn¬ 
chen linden. Schleimhaut überall missfarbig, sonst normal. Dickdarm überall 
mit Meconium stark gefüllt, im Wasser sinkend. Vom Dünndarm die unterste 
15 cm lange Schlinge durch eine unregelmässige Oeffnung in dem rechten hin 
teren Bauchrand herangezerrt, missfarbig; der sonstige Dünndarm blutig durch¬ 
tränkt, im Wasser sinkend mit missfarbig schleimigem Inhalt, in dem sich keine 
Fremdkörper nachweisen lassen. Nieren blutig durchtränkt. Blase leer. Innere 
Genitalien normal. Nach Herausnahme der Eingeweide keine weitere Verletzung. 

Gutachten. 1. Die untersuchte Frucht war nur 1030 g schwer, 39 cm 
lang, war demnach noch nicht ausgetragen und wahrscheinlich nooh gar nicht 
lebensfähig. Sie dürfte etwa um die 28. Schwangerschaftswoche herum zur Welt 
gekommen sein. 

2. Da die Lungen, wie insbesonders durch die Schwimmprobe qonstatirt 
wurde, vollkommen luftleer waren, der geringe Luftgehalt im Magen aber auch 
nur von Fäulniss herrühren kann, so lässt sich nicht behaupten, dass die Frucht 
lebend geboren wurde; höchst wahrscheinlich ist dieselbe bereits todt zur Welt 
gekommen, was um so mehr angenommen werden kann, als in den Seitenkam¬ 
mern des Gehirns ausgetretenes Blut gefunden wurde, und dieser Blutaustritt, 
welcher wohl während des Geburtsactes und durch denselben zustande gekommen 
sein wird, den Tod der Frucht noch vor Beendigung desselben hat bewirken 
können. 

3. Eine der lebenden Frucht beigebrachte Verletzung wurde nicht vorge¬ 
funden, dagegen zahlreiche und ausgebreitete Defeote der Haut’und der Weich¬ 
theile und selbst der Knochen in der Gegend der rechten Seitenfontanelle, welche 
offenbar postmortal durch Ratten veranlasst worden sind. 


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Ueber das Eindringen von Ertr&nkangsflüssigkeit in die Gedärme. 41 


Körper kräftig, gut gebaut. Gänsehaut. Reichliche Todtenfleoke auch an 
der Vorderseite. Verunreinigung mit Wellsand und Schlamm. Mehrfache Ex- 
coriationen am linken Arm ohne SufFusionen. Am Munde blutig tingirter Schaum, 
Epidermis der Hände etwas macerirt, links stärker. Zwischen den Fasern der 
Brusimuskel (Pectoralis major und minor) rechts und links zahlreiche, bis bohnen- 
grosso Extravasate. Oedem der aryepiglottischen Falten. Lungen stark ballonirt, 
massig blutreich, sehr viel Flüssigkeit am Schnitt entloerend. Im Magen massen¬ 
haft wässerige Flüssigkeit (wie Reiswasser), die sich bis in’s obere Ileum durch 
das ganze Duodenum und Jejunum verfolgen lässt. Schleimhaut in allen diesen 
Darmtheilen ausgewässert und bleich. 


Till. Sanitätspolizeiliche Seotion am 16. Mai 1888, verrichtet am Leich¬ 
nam des kurz nach der Geburt verstorbenen männliohen Kindes der M. S. 

Körper 56 om lang, Pannioulus adiposus gut entwickelt. Die Haut an 
zahlreichen Stellen, besonders am Kopf und am Rücken mit Kindspech verun¬ 
reinigt. Kopf gegen den Scheitel in die Länge gezogen. Kopfhaar 2 cm lang, 
blond; Conjunctivae injioirt nrit einzelnen stecknadelknopfgrossen Ecchymosen. 
Am Bauche ein 7 cm langer, gallig imbibirter, frischer Nabelstrangrest; abge¬ 
schnittenes Ende gut erhalten. Scrotum ödematös. Am Anus Meconium. Nägel 
hornig, die Fingerspitzen überragend. In der unteren Femurepiphyse ein 5 mm 
breiter Knocbenkern. 

Innerlich: Schädeldecken blutig, über der mittleren Partie des rechten 
Scheitelbeins stark sülzig infiltrirt. Im linken Scheitelbeine zahlreiche, rundliche, 
bis bohnengrosse Ossificationsdefeote. Meningen zart. Hirn blutreioh, weich, 
Ventrikeln eng. ln den Sinus viel dunkelflüssiges Blut. In den Luftwegen und 
im Rachen reichlicher mit Meconium gemengter Schleim. Schleimhaut überall 
schmutzig violet mit zerstreuten,- stecknadelknopfgrossen Ecchymosen, besonders 
im Kehlkopf. Zwerchfell rechts am 4., links am 5. Rippenknorpel. Beide Lungen 
in den hinteren Prustraum zurüokgesunken, schlaff, im Wasser sinkend, ebenso 
jede für sich. Linke dunkelviolet mit zerstreuten, hanfkorngrossen, helleren, wie 
es scheint lufthaltigen Stellen, fleischartig und blutreich, am Schnitt schaumlose 
Flüssigkeit entleerend, in den grösseren Bronchien meconiumhaltiger Schleim. 
Jeder Lappen nnd sämmtliche bohnengrosse Stückchen sinkend. Rechte Lunge 
von gleicher Beschaffenheit. Herz mit zerstreuten, bis hanfkorngrossen Ecchy- 
mosen. Beiderseits viel dickflüssiges Blut enthaltend, sonst normal. — Leber 
gross, blutreich, Milz sehr blutreich. Magen mässig ausgedehnt, im Wasser sin¬ 
kend, reichlich Meconium, keine Luftblasen enthaltend. Schleimhaut violet, stark 
injicirt. Dünndarm dunkelviolet, stark injicirt. Im Duodenum und in der obersten 
Schlinge des Jejunum spärliches Meconium. Das übrige Jejunum und der obere 
Ileum leer, im unteren Ileum Kindspech. Schleimhaut stark injicirt ohne Schwel¬ 
lung. Nieren blutreich, glatt. Der Dickdarm in Flexura sigmoidea mit Meconium 
gefüllt, sonst leer. Diagnose der Obduotion: Fötale Erstickung. 


4. Die Nabelschnur zeigt nach erfolgtem Aufweiohen ein unregelmässig ge¬ 
franstes Ende; dürfte demnach abgerissen sein. 

5. Es widerspricht nichts der Angabe, dass die Frucht schon am 19. März 
geboren worden und-seitdem in dem betreffenden Abort gelegen bat. 


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Dr. Fagerlund. 


IX« Uebungssection am 21. Februar 1888. Leiohnam eines während der 
Entbindung gestorbenen Kindes. 

Der Körper männliohen Geschlechts, 51cm lang, normal gebaut, mit ziem¬ 
lich gut entwickeltem Panniculus adiposus. Die Haut am Rücken blauroth, sonst 
blass, stellenweise mitBlul und Kindspech verunreinigt und fast überall mit Haut- 
sohmiere bedeckt. Der Kopf in der Scheitelgegend etwas in die Länge gezogen 
mit oa. 2 cm langen Haaren bedeckt. Die Conjunctivae mit zahlreichen punkt¬ 
förmigen Eccbymosen. Am Nabel ein 10 cm langer Nabelschnurrest mit glattem, 
scharf abgeschnittenen Ende. Die Nägel hornig, die Fingerspitzen überragend. 
In der unteren Femurepiphyse ein 5 mm breiter Knochenkern. 

Innerlich: Schädeldecken blutig imbibirt und in der Scheitelgegend blut¬ 
unterlaufen. Schädelknochen unverletzt. Hirnhäute zart. Hirnsubstanz weich, 
etwas blutreich. Kammern eng, leer. In den venösen Blutleftern flüssiges dun¬ 
kles Blut. Im Rachen, im Kehlkopfe und in der Luftröhre mitMöoonium gemengter 
Schleim in geringer Menge. Die Lungen in der hinteren Partie der Brusthöhle 
zusammengefallen, von fleischartiger Coosistenz sammt dem Herzen im Wasser sin¬ 
kend. Jede Lunge für sich, sowie auch jedor einzelne Lappen ebenfalls im Wasser 
sinkend. Die linke Lunge dunkelviolet, mit zerstreuten kleineren subpleuralen 
Eccbymosen, am Schnitt blutreich, beim Druck eine blutig gefärbte,, schaumlose 
Flüssigkeit; die Bronchien mit Meconium gemengten Schleim enthaltend. In 
bohnengrosse Stückchen zerschnitten, sinken sie sämmtlich. Rechte Lunge ebenso 
beschaffen wie die linke. Das Herz fest, mit zahlreichen kleinen subpericardialen 
Ecchymosen. In den Ventrikeln etwas dunkelflüssiges Blut. Herzmusculatur und 
Klappen normal. Ueber Leber, Milz und Nieren nichts zu bemerken. Der Magen 
im Wasser sinkend, zum grössten Theile mit Kindspeoh gefüllt. Die Schleimhaut 
bleich. Dünndarm und Dickdarm im Wasser sinkend. Duodenum und 25 cm 
vom Jejunum ebenso wie der unterste .Theil vom Ileum etwa 8 cm 
von Valv. Bauhini entfernt, vollkommen mit KindSpeoh gefüllt. Die 
Strecke zwischen diesen (ca. 77 cm) zeigt, mit Zwischenrä umen von 
3 — 5 cm, Streifen von eben demselben Kindspech. Schleimhaut blass. 
Im untersten Theile des Colon ascendens eine geringe Menge von Kindspech. 
Oberer Theil desselben, sowie der Colon transversum und Colon descendens leer, 
wogegen im unteren Theile des Rectums eine geringe Menge von Kindspech. 

X. Zugleich will ich noch einen Fall anführen, welcher sich auf eine münd¬ 
liche Mittheilung des Herrn Assistenten Dr. A. Pal tauf in Wien gründet. Während 
der Osterferien war Dr. Pal tauf nämlich nach Graz gereist und wohnte daselbst 
einer von Prof. Eppinger am 3. April 1888 ausgeführten medico-forensischen 
Obduction bei. Die zu untersuchende Leiche war die eines Mädchen von 7 Mo¬ 
naten, welches durch Verunglückung in’s Wasser gefallen war, und zwar gerade 
an einer Stelle, wo einige Kloakenröhren der Stadt ausmünden. Bei dieser Ob¬ 
duction wurden alle Organe vollkommen frisch befunden und ausser den gewöhn¬ 
lichen Zeichen des Ertrinkungstodes, Sand und Schmutzstoffe im Munde, 
im Rachen, im Kehlkopf, in den Bronchien, Lungen, im Oesophagus, ein Wenig 
itn Magen und in einer Strecke von 30 cm bis in die Dünndärme 
hinab. — Ich habe über diesen Fall kein vollständiges Protokoll erhalten können. 

(Fortsetzung und ßebluss folgt.) 


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2 . 


(Jebcr eiiei Fall geaniaer acuter PaacreaseatzAadaag 
Bebst leaterkaagea Aber die aaateaiisehe aad fereasisehe 
Bedeataag der Paaereasblataagea. 

Von 

Docent Dr. Paul Dittrlch, 

Assistanten am garichtlich-medlelni&chcn Institute der K. K. deutschen Universität zu Prag. 


Die genuinen Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse gehören, zu¬ 
mal wenn wir von den Geschwulstbildungen derselben, deren Anzahl 
nach den bisherigen literarischen Mittheilungen allerdings ebenfalls 
keine grosse ist, absehen, gewiss zu den äusserst seltenen Befunden. 
Ich habe dabei ganz besonders jene Fälle im Auge, in denen die 
Erkrankung des Pancreas entweder intra vitam schwere Erscheinungen 
setzt oder bei der Section als alleinige oder doch wenigstens als 
wesentlichste und selbständige pathologische Affection im mensch¬ 
lichen Organismus erscheint. Es gehören in diese Gruppe der Erkran¬ 
kungen die Hämorrhagien und die acuten Entzündungen des Pancreas. 

Was zunächst die Hämorrhagien des Pancreas anbelangt, so 
finden wir, abgesehen von etwaigen Hämorrhagien traumatischen Ur¬ 
sprungs, mehrere Angaben in der Literatur über Fälle von spontanen 
Pancreasblutungen, welche während des Lebens der betreffenden Indi¬ 
viduen schwere Krankheitserscheinungen gesetzt haben und denen die 
Bedeutung der alleinigen Todesursache beigelegt wurde. 

Ich möchte aus der Reihe dieser Fälle nur jene Beobachtungen 
hervorheben, welche gemäss einer genauen anatomischen Untersuchung 
zur Annahme einer spontanen Entstehung der Hämorrhagieu geführt 
haben und nach der Ansicht der betreffenden Autoren den Exitus 
lethalis herbeigefuhrt hatten. 

Der erste, welcher auf die Bedeutung von Pancreasblutungen als Ur¬ 
sache eines plötzlichen Todes aufmerksam gemacht hat, war Zenker'). 
Derselbe berichtete auf der 47. Naturforscherversammlung zu Breslau 
im Jahre 1874 über drei Fälle, in denen er bei der Obduction der 


') Zenker: Ueber Hämorrhagien des Pancreas als Ursache plötzlichen Todes. 
(Tageblatt der 47. Versammlung Deutscher Naturforscher und Acrzte in Breslau. 

1874 . & 211 .) 


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44 


Dr. Dittrich. 


Leichen von Personen, welche plötzlich, ohne vorher wesentliche Krank¬ 
heitserscheinungen dargeboten zu haben, gestorben waren, theils aus¬ 
gedehntere, theils geringere ßlutungsherde im Pancreas gefunden hat. 

Bloss in zwei Fällen sah Zenker die Pancreasblutung als sichere 
Ursache des plötzlichen Todes an. In beiden Fällen, welche sehr fett¬ 
leibige Personen betrafen, von denen die eine an Epilepsie gelitten 
hatte, fand man hämorrhagische Infiltration und hochgradige Fett¬ 
degeneration des Pancreas, das eiue Mal auch blutigen Erguss in’s 
Duodenum. In einem dritten Falle, welcher einen ertrunkenen Potator 
betraf, fand sich gleichfalls blutige Infiltration und Fettdegeneration 
des Pancreas, sowie blutiger Erguss in’s Duodenum vor. Hier hat je¬ 
doch Zenker wegen der gleichzeitig bestehenden, wenn auch nicht sehr 
stark ausgeprägten Zeichen des Ertrinkungstodes der Pancreasblutung 
nicht dieselbe Bedeutung beigemessen wie in den beiden anderen Fällen. 

Es ist ganz begreiflich, dass in der Folge den Häraorrhagien des 
Pankreas von Seiten der pathologischen Anatomen, ganz besonders 
aber von Seiten der Gerichtsärzte eine gewisse Aufmerksamkeit zu¬ 
mal bei plötzlich erfolgtem Tode zugewendet wurde, da man ent¬ 
sprechend den Mittheilungen Zenker’s erwarten durfte, in derartigen 
Befunden öfter den unmittelbaren Grund für plötzliche Todesfälle zu 
finden. Trotzdem sind bis jetzt nur wenige solcher Fälle bekannt ge¬ 
worden. Dieselben waren zum Theile gewiss nicht uncomplicirte 
Pankreasblutungen, und erscheint es mir überhaupt zweifelhaft, ob 
eine Pankreasblutung an und für sich im Sinne Zenker’s den Men¬ 
schen zu tödten im Stande ist. 

In anderen Fällen finden wir wiederum in den Sectionsproto- 
kollen Angaben über pathologische Veränderungen im Organismus, 
welche die Ursache des Exitus lethalis schon an und für sich ohne 
Heranziehung der bestehenden Pankreasblutung hinlänglich aufzuklären 
im Stande sind. Ich möchte dies auch für die Fälle Zenker’s gelten 
lassen, indem es sich hier einerseits um fettleibige Personen, anderer¬ 
seits aber gerade in dem einen Falle um eine Erkrankung gehandelt 
hat, bei welcher der Tod nicht gar so selten plötzlich erfolgt, ohne 
dass man überhaupt anatomisch die unmittelbare Ursache des plötz¬ 
lich eingetretenen Todss klarzulegen im Stande wäre. 

So lange also der Beweis tür die Annahme Zenker’s nicht er¬ 
bracht ist, so müsste man, falls den Pankreasblutungen die Bedeu¬ 
tung ursächlicher Momente bei plötzlichen Todesfällen vom gerichts- 
ärztlichen Standpunkte zugeschrieben werden soll, fordern, dass es 


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lieber einen Fall von genuiner acuter Pancreasentzündung etc. 


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sich /um mindesten um solche Fälle handle, in denen jedo anders¬ 
artige Erkrankung im Körper, welche erfahrungsgemäss auch öfter 
zum plötzlichen Tode führt — wio beispielsweise die Obesitas uni¬ 
versal is — ausgeschlossen werden kann. 

Pankreasblutungen geringeren Grades entwickeln sich ja, wie man 
sich bei den Sectionen überzeugen kann, gewiss auch secundär bei 
verschiedenen Krankheiten, namentlich bei Herzfehlern. Dieselben 
bilden dann aber lediglich zufällige und nebensächliche Veränderungen. 
Schon Klob') hat auf das nicht seltene Vorkommen interstitieller 
Hämorrhagien des Pankreas hingewiesen und erwähnt, dass sich die¬ 
selben aus sogenannten mechanischen Hyperämien ableiten lassen. 
Doch fand er sie bloss bei hochgradigen Stauungsvorgängen im Be¬ 
reiche der Pfortader. 

Ueberblicken wir die Zahl der Fälle von reiner Pankreasblutung, 
so finden wir ausser den drei Fällen Zenker’s eigentlich nur we¬ 
nige analoge Beobachtungen in der Literatur verzeichnet, in denen 
eine Pankreasblutung als unmittelbare Todesursache angesehen wurde. 

Allerdings führt Draper 3 ) fünf Fälle eigener Beobachtung an, 
in denen nach seiner Ansicht die in keinem Falle beträchtliche Pan- 
kreasblutnng die Ursache des plötzlichen Todes gewesen sein soll, 
ohne dass sich jedoch der Autor über die Art des etwaigen Zu¬ 
sammenhanges äussern würde. 

ln dem einen dieser Fälle war die Blutung bei einer 36jährigen 
Alkoholistin durch ein Trauma bewirkt worden. Der Tod war erst 
eine Woche später eingetreten. 

Wenn nun auch sonstige auffällige anatomische Veränderungen 
bei der Section nicht gefunden wurden, so glaube ich gerade diesen 
Fall einmal wegon der traumatischen Grundlage der Pankreasblutung 
und ausserdem wegen des gleichzeitig bestehenden Alkoholismus nicht 
etwa als eine Stütze für die Ansicht Zenker’s über die Bedeutung 
der Pankreasblutungen als Ursache des plötzlichen Todes ansehen zu 
können, da es immerhin denkbar ist, dass gerade die durch den Al¬ 
koholismus gesetzten Veränderungen den plötzlichen Tod bedingt haben 
mochten. Ganz besonders sind in dieser Beziehung die durch die 

') Klob: Zar pathologischen Anatomie des Pancreas. Oestcrr. Zeitschrift f. 
praktische Heilkunde. 1860. No. 33 

*) Draper: Pancreatic hemorrhage and sudden death. (Transactions of the 
Association of American Physicians. I. p. 243.) Referirt im Centralbl. für die med. 
Wissenschaften. 1887. S. 506. 

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Dr. Dittrich, 


Endarteriitis chronica deforroans nicht selten gesetzten Veränderungen 
der Coronararterien des Herzens, sowie die mit Recht von v. Hof- 
mann 1 ) besonders hervorgehobenen, häufig vorkomrnenden Degene¬ 
rationsvorgänge im Herzfleische zu nennen. 

Dieselben Bedenken treten auch hinsichtlich der vier übrigen 
Fälle von spontaner Pankreashämorrhagie Draper’s auf, in deren 
einem übrigens eine Erkrankung des Cireulationsapparates vorlag, 
während es sich in einem anderen Falle ebenfalls wieder um eine 
Alkoholistin handelte, so dass es immerhin möglich erscheint, dass 
diese Pankreasblutungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. 

In dem Falle von Rehm a ), welcher eine Frau im Alter von 
37 Jahren betrifft, die in Folge von Erstickung durch Erwürgen ge¬ 
storben war, fand sich nebstdem ein auf traumatischem Wege hervor¬ 
gebrachter Bluterguss im Pancreas vor. Während nun Rehm bei der 
forensischen Begutachtung dieses Falles sich dahin äusserte, dass der 
Tod als blosser Erstickungstod angesehen werden darf, hat Zenker, 
dessen Obergutachten in diesem Falle eingeholt wurde, den gleich¬ 
zeitig erfolgten Stoss in den Unterleib gegen die Bauchspeicheldrüse 
und den hier Vorgefundenen Bluterguss ganz besonders hervorgehoben, 
indem er sich vorstellte, dass von dem hier befindlichen Nervenge¬ 
flechte reflectorisch eine Herzlähmung bewirkt worden war. Wenn ich 
mich auch in diesem speciellen Falle der Ansicht Rehm’s anschliessen 
möchte, so kann allerdings nicht vollends ausgeschlossen werden, dass 
auch allein durch eine derartige, den Unterleib treffende Gewaltein¬ 
wirkung der Tod hätte eintreten können, doch keineswegs durch die 
Pancreasblutung als solche, sondern vielmehr nach Analogie des 
Goltz’schen Klop r versuches als directer Effect der bis auf die Nerven¬ 
geflechte fortgepflanzten mechanischen Einwirkung. 

Es scheint mir sonach auch der Fall Rehm’s keineswegs mit 
unter diejenigen Fälle gerechnet werden zu dürfen, welche zu Gunsten 
der Ansicht Zenker’s über den Zusammenhang zwischen Pankreas¬ 
blutungen und plötzlichem Tode verwerthet werden können, und zwar« 
einerseits deswegen, weil hier die Erstickung schon an und für sich 
den Exitus lethalis zu erklären im Stande ist, und andererseits auch 
aus dem Grunde, weil die Hämorrhagie in der Bauchspeicheldrüse 


*) v. Hofmann: Lehrbuch der geriohtl. Hedicin. 4. Auflage. 1887. S. 362. 
*) Rehm: Tod durch Erwürgen. Gleichzeitiger Stoss in die linke Ober¬ 
bauchgegend, dadurch Bluterguss um das Pancreas. (B'riedreioh’s Blätter für ge¬ 
richtliche Medicin und Sanitätspolizei XXXIV. Jahrg. 1883. S. 325.) 


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Ueber einen Fall von genuiner acuter Pancreasentzündung etc. 


4 7 


durch ein verhältnissmässig gewaltiges Trauma herbeigeführt worden 
sein mochte, welches durch seine Einwirkung auf den Unterleib, auch 
ohne dass es zu einer Pankreasblutung gekommen wäre, den Tod 
hätte herbeiiühren können. 

Wie bereits erwähnt, halte ich zur Entscheidung der Frage, ob 
in einem gegebenen Falle eine reine Pankreasblutung vorliegt, die 
mikroskopische Untersuchung des Organs für dringend geboten. Aus 
diesem Grunde will ich diejenigen Fälle, in denen dieselbe unter¬ 
blieben ist, keiner näheren Erörterung unterwerfen, wobei ich betonen 
will, dass spontane Pankreasblutungen auch als Begleiterscheinungen, 
beziehungsweise Folgeerscheinungen einer acuten Entzündung des Pan¬ 
kreas Vorkommen, in welchem Falle man dann von einer Pancreatitis 
haemonrhagica sprechen kann. 

Ich hatte in der lejzten Zeit Gelegenheit, einen derartigen Fall 
lu beobachten, welcher ein mannigfaches Interesse sowohl in ana¬ 
tomischer als auch in forensischer Beziehung darbietet. 

Es bandelte sich am einen 21 Jahre alten Sträfling des k. b. Strafgerichtes 
in Prag, welcher am 14. Mai 1. J. um 3 Uhr Morgens in seiner Zelle einen Er* 
hängungsversuch unternommen hatte. Er wurde noch rechtzeitig abgeschnitten, 
blieb einige Minuten bewusstlos, wurde jedoch bald wieder zum Bewusstsein 
gebracht. Von diesem Zeitpunkte an stellten sich äusserst heftige kolik¬ 
artige Schmerzen im Unterleibe ein, welche ununterbrochen bis zu dem am 
15. Mai um 11 Uhr Abends im Collaps erfolgten Tode anhielten. Spätere Nach¬ 
forschungen haben ergeben, dass der Mann auch schon vier Wochen vor seinem 
Tode einen acht Stunden währenden Kolikanfall durchgemacht hatte, nach dessen 
Aufhören er jedoch wiederum ungestört seiner Beschäftigung als Badewärter in 
der Strafanstalt nachgehen konte, bis am Abend des 13. Mai ein neuerlicher 
derartiger Anfall mit äusserst vehementen, nicht genau localisirten Schmerzen 
besonders in der Oberbauchgegend in der Gegend des Quercolons eintrat. Die 
Schmerzen waren möglicherweise die Ursache des Selbstmordversuches gewesen. 

Von Seite der Gerichtsbehörde war die Obduction der Leiche nicht angeordnet 
worden; ich habe dieselbe vielmehr instructionis causa auf Ansuchen meines Chefs 
des Herrn Regierungsrathes Prof. R. v. Maschka vorgenommen, da von ihm der 
Verdacht einer fremden Gewalteinwirkung nicht vollständig ausgeschlossen wurde. 

Bei der Section des robusten Mannes fand* ich am Halse als Ueberrest der 
durch den Erhängungsversuch gesetzten Veränderungen nebst einer seichten, 
leicht gerötheten Strangfurche blos eine erbsengrosse Blutung im Musculus thyreo- 
hyoideus*der linken Seite. Die Milz war in massigem Grade acut geschwollen. 
Alle übrigen Organe erschienen mit Ausnahme des Pankreas und seiner Um¬ 
gebung von normaler Beschaffenheit. Die mikroskopische Untersuchung des Herz¬ 
fleisches ergab vollständig normale Verhältnisse. 

Nach Eröffnung der Bauchhöhle fand man nun, dass das die Bursa omen- 
talis begrenzende Zellgewebe, sowie das peripankreatische Zellgewebe sehr stark 
blutig suffundirt und dadurch theils dunkelroth, theils schwärzlich verfärbt war. 


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Dr. Dittrich, 


Die Serosa des Magens Hess bloss entsprechend der grossen Curvatur des letzteren 
eine Reihe umschriebener, kleiner, oberflächlicher Blutaustretungen erkennen. 

Das Pankreas war 16 cm lang und besass in seiner Mitte einen Dicken¬ 
durchmesser von 3,5 cm. Seine Form entsprach vollkommen der Norm. Das 
Gewebe des Pankreas war allenthalben sehr locker, äusserst leicht zerreisslich 
und war, wie man am frischen Durchschnitte erkennen konnte, in grosser Aus¬ 
dehnung von ausgebreiteten Hämorrhagien durchsetzt. Die Blutungen waren 
grösstentheils ganz frisch und Hessen sich dann mit Leichtigkeit wegwischen. 
Im Bereiche des Pankreaskopfes konnte man makroskopisch noch deutlich die 
normale Structur und Farbe des Organs erkennen, doch war auch hier das Gewebe 
bereits sehr stark gelockert. Der mittlere Aniheil, sowie der Schweif der Bauch¬ 
speicheldrüse erschienen dagegen in eine schwarzbraune, an vielen Stellen schon 
bei leisestem Drucke fast zerfliessende Masse umgewandelt, in deren Bereiche 
man nur an sehr wenigen Stellen noch einzelne zerstreute, höchstens hirsekorn- 
grosse Inselchen von Gewebe wahrnahm, welches schon bei der Betrachtung mit 
unbewaffnetem Auge in seinem Baue an Pankreasgewebe erinnerte. Es war sonach 
augenscheinlich das Caput pancreatis der von der .Erkrankung am wenigsten 
ergriffene Abschnitt des Organs. * 

Beim ersten Anblicke hatte ich daran gedacht, dass es sich hier 
um eine reine Hämorrhagie im Pankreas mit consecutiver mechanischer 
Zerstörung des Gewebes handle, doch fiel mir sofort auf, dass ich 
nach Ausübung eines leisen Druckes auf den Pankreaskopf mit dem 
Messer von der Schnittfläche auch eine aus dem Parenchym hervor¬ 
quellende röthlichgraue, dickere, eiterartige Flüssigkeit in massiger 
Menge abstreifen konnte; gleichzeitig fand man etwa zwei Esslöffel 
einer gleichen Flüssigkeit in der Beckenhöhle. Das Peritoneum war fast 
überall, wenn auch nur massig injicirt, und ausserdem war die Se¬ 
rosa des Magens an einer umschriebenen Stelle so ziemlich ent¬ 
sprechend der Mitte der grossen Curvatur mit fibrinösen Exsudat¬ 
lamellen bedeckt. 

Schon mit Rücksicht auf den eben erwähnten Befund lag die 
Vermuthung nahe, dass es sich in dem vorliegenden Falle nicht um 

eine reine Hämorrhagie des Pankreas, sondern um eine acute hämor- 

* 

rhagisch-eitrige Entzündung des Pankreas mit nachfolgender Perito¬ 
nitis handle. Die volle Gewissheit hierüber konnte man aber nur. 
durch die mikroskopische Untersuchung erlangen. Dieselbe ist nur 
in sehr wenigen der als primäre Pankreasblutung gedeutete^ Fälle 
vorgenommen worden, ein Umstand, welcher gerechten Zweifel 
hinsichtlich der Richtigkeit der Diagnose in den meisten dieser 
Fälle aufkommen lässt. Denn auch in meinem Falle machte 
das Aussehen des Pankreas bei makroskopischer Betrachtung zu¬ 
vörderst den Eindruck einer reinen Pankreasblutung, und erst die 


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l'eber einen Fall von genuiner acuter Panoreasentziindung etc. 


49 


aufmerksame Betrachtung der Schnittfläche wies durch die Möglich¬ 
keit des Nachweises einer eitrigen Infiltration des Pankreas, sowie 
der Entzündungserscheinungen am Peritoneum auf einen gleichzeitig 
bestehenden Entzündungsprooess des Pankreas hin. Dies ist auch der 
Grund, weshalb ich nicht mit Bestimmtheit die Fälle von Stork 1 )» 
Hodson Rugg 2 ), Kollmann 3 ), Challand und Rabow 4 ) und Dra- 
per 3 ) als reine Pankreasblutungen ansehen möchte. Die Angabe Princo 
Morton's* 5 ), dass das Pankreas in seinem Falle zum grössten Theile 
zerstört und in einen schwärzlichen gangränösen Brei verwandelt war, 
und dass mikroskopisch Blutung und Necrose gefunden wurde, scheint 
mir schon von vornherein eher für einen acuten Entzündungsprooess 
des Pankreas zu sprechen. 

Dafür, dass des öfteren solche Fälle von primärer hämorrha¬ 
gischer Pancreatitis mit grosser Neigung zu Blutungen vorgekommen 
sind, sprechen die Beobachtungen von Löschner 1 ), Oppolzer 9 ), 
Hilly 9 ), Friedreich 10 ), Haidien 11 ), Gerhardi 12 ), Birch-Hirsch- 
feld ,s ) und Fitz 14 ). 


*) Cit. bei Bigsby: Pathologische und therapeutische Beobachtungen über 
d.e Krankheiten des Pancreas. Refer. in Schmidi’s Jahrbüchern. Suppl. I. S. 161. 
7 ) Refer. in Schmidt’s Jahrbüchern. Bd. 68. S 195. 

*) O. Kollmann: Zur Casuistik der Häraorrhagie des Pancreas. Bayr. ärztl. 
lntelligenzbiatt. 1880. No. 39. 

4 ) Challand et Rabow: Un cas de mort par hemorrhagie du pancreas chez 
une alienee. (Bull, de la soc. med. de la Suis.se romande 1877.) Refer. im Cen¬ 
tralblatt für medic. Wissenschaften. 1878. No. 18 
s ) L. c. 

•> Prince Morton: Pancreatic apoplexy with a report of two cascs. (Boston 
med. and surg. Journ. July 13 und 2t>.) Refer. in Virchow-Hirsch Jahresbericht. 
18v>. II. S. 180. 

7 ) Löschner: Zur Pancreatitis. (Weitenwcber’s Beiträge zur Medicin. 1842.) 
Rcfrr. in Schmidt’s Jahrbüchern. Bd. 40. S. 31. 

? ) Oppolzer: Ucber Krankheiten des Pancreas Wiener medic. Wochenschr, 
1867. No. 1. 

*) Hillj: Kin Fall von acuter hämorrhagischer Pancreatitis. Correspondenz- 
bla*t für Schweizer Aerzte 1877. No. 22 

l# ) Friedreich: Acute Pancreatitis. v. Ziemssen’s Handbuch der spec. Path. 
und Ther. 2 Aufl. 1878 Bd. VIII. 2. Hälfte. S. 259. 

ll ) Hai dien: Acute Pancreatitis im Wochenbette. Centralbl. für Gynäkol. 
Bd. VIII. 1884. No. 39. 

n ) Gerhardi: Pancrcaskrankheiten und Ileus. Virchow’s Archiv. Bd. 106. 
S. 3oS. 


,3 ) Birch - H irschfeld: Lehrbuch der pith. Anat. 3. Auflage. 1887 S 638 
u ) Reginald H. Fitz: Acute Pancreatitis. A consideration of pancroatio 


Vierleijahj 

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ihr. f. *er. 

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K«d. N. F. LU. 1. 

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* Original frem 

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50 


Dr. Dittrich, 


In allen diesen Fällen war es im Verlaufe des Entzündungspro- 
cesses zu mehr oder weniger umfänglichen Blutungen in das Pan¬ 
kreas gekommen. 

Keineswegs aber Hess sich etwa in allen Fällen von primärer 
acutem Pankreasentzündung auch ein Bluterguss in das Parenchym 
der Bauchspeicheldrüse nachweisen. Vielmehr waren manche Fälle 
anscheinend rein eitriger Natur, so ein im allgemeinen Krankenhause 
zu Wien beobachteter Fall'), ferner die Fälle von Riboli 2 ), Haller 
und Klob 3 ), Frison 4 ) und Fränkel 5 ). 

Endlich gehören hierher noch vier Fälle von vollständiger Se¬ 
questration des Pankreas, von denen einer von Rokitansky 6 ), die 
drei anderen von H. Chiari 1 ) beobachtet worden sind. Diesen Fällen 
schliesst sich noch ein fünfter, erst kürzlich von Fitz 0 ) mitgetheilter 
Fall an, in welchem ein gangränöses Pankreas durch den Darm ent¬ 
leert wurde. Das betreffende Individuum erfreut sich gegenwärtig — 
nach einem Zeitraum von 17 Jahren — des besten Wohlbefindens. 

Wir sehen sonach, dass abgesehen von traumatischen Blutungen 
ausser in den Fällen von Zenker eigentlich keine einzige sichere 


hemorrhage, hemorrhagic, suppurative and gangrenous pancreatitis and of disse- 
minated fat-necrosis. (New York med. Record. XXXV. 9, 10; March 1889 and 
Bost. med. and surg. Journ. CXX. 9, 10, 11. 1889.) Referirt in Schmidt’s Jahr¬ 
büchern. Bd. 222. S 135. 

*) Aerztlichcr Bericht des K. K. allg. Krankenhauses in Wien vom Jahre 
1859. Wien 1860. S. 92. 

*) Referirt in Scbmidt’s Jahrbüchern. Bd. 102. S. 177. 

a ) Haller und Klob: Ein Fall von Entzündung des Pancreas. (Zeitschrift 
der K. K. Gesellschaft der Aerzte in Wien 1859. No. 37.) 

4 ) Frison: Pancr6atite suppuröe; ictere par retention de bile; diaböte Sucre; 
mort. (R6cueil de m6m. de m6d. mil. Mai-Juin 1876 ) Refer. in Virchow-Uirsch 
Jahresber. 1876. II. S 222. 

8 ) Eugen Fränkel: Ueber einen tödtlich verlaufenen Fall idiopathischer 
subacuter Pancreasentzündung. (Zeitschr. f. klin. Med. 1882. IV. S. 277 ) 

•) Angeführt bei H. Chiari: Wiener medic. Wochenscbr. 1876. No. 13. — 
Ueber den Fall Rokitansky^ findet sich im Musealcataloge des pathol.-anat. 
Institutes zu Wien die Bemerkung: „Pancrcatis pars potissima textu celiuloso- 
necrotico obvestita, alvo rejecta.“ 

*) H. Chiari: Ueber einen Fall von Sequestration des Pancreas nach Per¬ 
foration des Magens durch Ulcera rotunda. (Wiener medicinische Wochenschrift. 
1876. No. 13.) 

H. Chiari: Ueber zwei neue Fälle von Sequestration des Pancreas. (Wiener 
medicinische Wochenschrift. 1880. No. G und 7.) 

# ) L. c. 


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Ueber einen Fall von genuiner acuter Pancrhasentzündung etc. 


51 


Beobachtung von primärer Pankreasblutung vorliegt, wenn wir von 
einer kurzen Notiz über einen derartigen von Klebs 1 ) beobachteten 
Fall absehen. Gerade dieser Fall, in welchem keine andere Todes¬ 
ursache nachzuweisen war, ist aber nicht ohne Bedeutung, da Klebs 
ausdrücklich angiebt, dass durch die mikroskopische Untersuchung 
keinerlei interstitielle Veränderungen in seinem Falle constatirt werden 
konnten. Ueber das Zustandekommen der Blutungen in diesem Falle 
macht Klebs keine weiteren Angaben. 

ich glaube daher nochmals darauf hinweisen zu dürfen, dass in 
allen Fällen, in denen sich bei einem sonst vollkommen gesunden In¬ 
dividuum im ganzen Körper keine anderen Veränderungen ausser einer, 
aber nicht durch ein Trauma bewirkten Pankreasblutung vorfinden, 
welche den nöthigen Aufschluss über die unmittelbare Todesursache 
geben könnten, es geboten erscheint, durch mikroskopische Unter¬ 
suchung festzustellen, ob es sich um eine reine Hämorrhagie des 
Pankreas oder um eine solche handelt, welche nur als Symptom, be¬ 
ziehungsweise als Folgeerscheinung einer acuten Pancreatitis anzusehen 
ist, da bei der Betrachtung mit uubowafFnetem Auge, falls eine stär¬ 
kere Extravasation von Blut stattgefunden hat, die entzündlichen Ver¬ 
änderungen, wenn nicht deutliche Abscessbildung vorhanden ist, leicht 
übersehen werden könnten, ein Umstand, welcher für die Beurtei¬ 
lung einschlägiger Fälle von der grössten Bedeutung ist. 

Das mikroskopische Bild gestaltete sich in meinem Falle, was die Natur 
des Krankheitsprocesses anbelangt, ziemlich einheitlich; dagegen Hessen sich den 
bereits makroskopisch erkennbaren Unterschieden in den verschiedenen Abschnitten 
des Pankreas entsprechend auch bei der mikroskopischen Untersuchung bedeu¬ 
tende graduelle Differenzen const&tiren. 

Im Bereiche des Pankreaskopfes, woselbst nur verhaltnissmässig gering¬ 
fügige Blutung nachzuweisen war, und der Process überhaupt dem mikrosko¬ 
pischen Aussehen nach am wenigsten vorgeschritten zu sein schien, konnte man, 
wie entsprechend dem dem normalen analogen Baue dieses Abschnittes des Or¬ 
gans vorauszusehen war, auch mikroskopisch eine dem normalen Pankreas ent¬ 
sprechende acinöse Trennung des Parenchyms mit wohl erhaltenem interstitiellem 
Gewebe erkennen. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, dass sich in diesem 
Theile des Pancreas keine pathologischen Vorgänge nachweisen Hessen. Viel¬ 
mehr zeigten sich die Gewebselemente bereits hier hochgradig alterirt; auch bot 
die Untersuchung dieser Gewebspartien gerade den Vortheil dar, dass man auoh 
frühere Stadien — ich will nicht sagen die Anfangsstadien — der Erkrankung 


*) Klebs: Handbuch der pathologischen Anatomie 
lung. S. 555. 


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1876. Bd. I. 2. Abthei- 

4 * 

Original frorn 

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52 


Dr. Pittrich, 


histologisch untersuchen und sich eine Vorstellung über das Wesen des ganzen 
Krankheitsprocesseg verschaffen konnte. 

Man fand an vielen Stellen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Blut¬ 
gefässen und häufig auch sonst im interstitiellen Bindegewebe eine dichte An¬ 
sammlung leicht färbbarer Leukocyten, welche in Form von rundlichen Herden 
angehäuft waren. An der Peripherie der letzteren konnte man häufig eine ziem¬ 
lich rasch, aber doch nur stufenweise sich steigernde Abnahme der Färbbarkeit 
der Zellen bemerken. Eine diffuse kleinzellige Infiltration konnte man dagegen 
nicht wahrnehmen. 

Die Drüsenzellen waren an Durchschnitten durch das Gewebe des Pankreas¬ 
kopfes meist noch deutlich von einander zu unterscheiden, doch zeigten nur relativ- 
wenige derselben eine der Hämatoxylinfärbung entsprechende intensivere Kern¬ 
färbung. Der grösste Theil der Drüsenzellen liess zwar noch einen meistens gegen 
das Zellprotoplasma hin ziemlich scharf abgegrenzten Kern wahrnehmen, doch war 
derselbe ebenso wie das Protoplasma selbst durch den Farbstoff nur schwach 
gefärbt worden. Kern und Protoplasma erschienen von körniger Beschaffenheit 
und zeigten häufig Andeutungen von Zerfall zu einem körnigen Detritus. 

Jedenfalls konnte mau constatiren, dass der Process in den centralen Partien 
des Pankreaskopfes bedeutend weiter vorgeschritten war als in den peripher ge¬ 
legenen Abschnitten desselben. 

Die mikroskopische Untersuchung des mittleren Drittels sowie des Schweifes 
des Pankreas liess nur an äusserst wenigen kleinen Stellen noch Gewebselemente 
erkennen, welche in ihrem Aussehen annähernd an Drüsenzellen der Bauch¬ 
speicheldrüse erinnerten. Der grösste Theil war aber in eine gleichmässige kör¬ 
nige Zerfallsmasse umgewandelt, welche theils garnicht, theils nur äusserst 
schwach gefärbt erschien und iu welcher sich nebst ganz vereinzelten, etwas 
intensiver gefärbten weissen Blutkörperchen ausgedehnte frischere und ältere 
Blutextravasate, in Form von diffusen Anhäufungen rother Blutkörperchen, mit 
dazwischenliegenden, theils einzelnstehenden, theils zu kleineren und grösseren 
Gruppen angehäuften dunkelbraunen ßlutkrystallen, vorfanden. 

Die Wand der Blutgefässe war, soweit man dieselbe überhaupt noch er¬ 
kennen konnte, zu einer gleichmässig gekörnten Zerfallsmasse umgewandelt. 

Drüsengänge konnte man eigentlich nur noch in einzelnen Theilen des 
Pankreaskopfes wahrnehmen, während man sie in den am stärksten veränderten 
Gewebspartien des mittleren Drittels und des Schweifes des Organs vermisste, 
da sie offenbar einerseits durch die starke entzündliche Infiltration verdeckt bder 
andererseits bereits ebenfalls dem necrotischen Uutergange anheimgefallen waren. 


Haben bereits die früher erwähnten makroskopisch wahrnehm¬ 
baren Veränderungen des Pankreas, so insbesondere der Gehalt des¬ 
selben an einer röthlichgrauen dickeren Flüssigkeit, ferner aber auch 
die secundären entzündlichen Erscheinungen am Peritoneum bei dem 
Mangel anderweitiger primärer Entzündungsherde im Körper dafür ge¬ 
sprochen, dass wir es hier mit einem primären Entzündungsprocesse 
des Pankreas zu thun haben, so fand diese Vermuthung in dem Er¬ 
gebnisse der mikroskopischen Untersuchung ihre Bestätigung. Die- 


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Ueber einen Fall von genuiner acuter Pancreaseutzündung etc. 


53 


selbe ergab nämlich, dass es sich in der That am einen das ganze 
Organ oecupirenden Entzündungsprocess handle, als dessen anato¬ 
misches Zeichen die an vielen Stellen bemerkbare dichte kleinzellige 
Infiltration gelten muss. Die Necrose, welche grosse Gebiete des Pan¬ 
kreas betraf, muss wohl als eine weitere Folge des Entzündungs- 
processcs angesehen werden, welcher schliesslich zur Vereiterung und 
zur vollständigen Zerstörung des Organs führte. Gewiss wäre es, 
falls das Individuum noch einige Zeit gelebt hätte, ebenso wie in 
den Fällen von Rokitansky und Chiari zur vollständigen Se¬ 
questration des Pankreas, dessen Zusammenhang mit seiner nächsten 
Umgebung in meinem Falle bereits jetzt ein äusserst lockerer war, 
gekommen. Der Process blieb nun nicht etwa auf das inter¬ 
stitielle Gewebe desselben beschränkt, sondern griff auch auf die 
Gefässe desselben über, deren Wandungen zum grössten Theile eben¬ 
falls necrotiseh geworden waren, wodurch es zu den ausgebreiteten 
Blutungen im Pankreas gekommen ist. 

Entsprechend diesem Bilde in der Entwicklung des Processes 
reihe ich diesen Fall den als Pancreatitis haemorrhagica bezeichneten 
Erkrankungen an. Diese Bezeichnung, welche auch Friedreich und 
Klebs für jene Entzündungsprocesse der Bauchspeicheldrüse, welche 
mit Blutungen in das Organ und seine Umgebung einhergehen, ge¬ 
braucht haben, gilt eben für eine bestimmte Groppe der acuten Pan¬ 
kreatitis. 

Birch-Hirschfeld erwähnt zwei Fälle von Pancreatitis haemor^ 
rhagica. Beide Fälle betrafen Potatoren. ■ Die Krankheitserschei¬ 
nungen bestanden in plötzlich auftretenden kolikartigen Schmerzen 
ub«*r der Nabelgegend, hohem Fieber, Delirien, Erbrechen reichlicher 
grünlicher Massen. Der Tod erfolgte bereits am zweiten Tage der 
Erkrankung. Bei der Sectiou fand man ausser den dem Alcoholismus 
entsprechenden Veränderungen eine beträchtliche Schwellung, Hyper¬ 
ämie und Ecchvmosirung der Schleimhaut und der Submucosa des 
Duodenums und Jejunums, blutig gefärbten Darminhalt daselbst. Im 
Ductus pancreaticus fand sich ein blutig jauchiger Inhalt vor. Das 
Pankreas war bedeutend vergrössert, an den meisten Stellen von 
schmutzig braunrother Farbe; auf der Schnitlflächo liessen sich aus 
den Ausführungsgängen der Lappen und Läppchen schmutzig grau- 
rothe Pfropfe hervordrücken. Bei der mikroskopischen Untersuchung 
fand sich das interacinöse Gewebe von Rundzcllen und rothen Blut¬ 
körperchen durchsetzt. Die Drüsenepithelien waren vergrössert, dabei 


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54 


Dr. Dittricb, 


stark körnig; in manchen Acini waren die Drüsenzellen in einen fein¬ 
körnigen Detritus zerfallen. 

Mein Fall scheint grosse Aehnlichkeit mit den Beobachtungen 
Birch-Hirschfeld’s zu besitzen. 

Höchst selten wird man wohl bei derObduction vom Kliniker auf eine 
acute Entzündung des Pankreas hingelenkt werden. Dies ist auch nicht zu 
verwundern, wenn man bedenkt, dass die Krankheitserscheinungen in 
den Fällen von acuter Pancreatitis zwar nach den bisherigen Erfah¬ 
rungen stets ziemlich analog waren, jedoch noch zu keinem abge¬ 
schlossenen Symptomencoroplex geführt haben, welcher schon intra 
vitam die richtige Diagnose mit annähernder Sicherheit stellen liesse. 
Trotz dieser Schwierigkeit hinsichtlich der Diagnose solcher Fälle hat 
Oppolzer in seinem Falle schon intra vitam die Diagnose auf eiue 
acute Entzündung des Pankreas gestellt. 

In meinem Falle war die Diagnose während des Lebens in 
suspenso gelassen worden, und erst durch die Section konnte man 
Klarheit über die Erkrankung erlangen. 

Es war nun zunächst zu entscheiden, ob die Affection des Pan¬ 
kreas, welche bei der Obduction vorgefunden wurde, der Effect einer 
äusseren Gewalteinwirkung (welche, falls sie überhaupt stattgefunden 
hätte, erst vermuthlich unmittelbar nach dem Selbstmordversuche, 
also verhältnissmässig kurze Zeit vor dem Tode, hätte erfolgen können,) 
sein möchte oder nicht. 

Diese Frage musste nun gemäss dem Sectionsbefunde und der 
mikroskopischen Untersuchung entschieden in negativem Sinne beant¬ 
wortet werden, und zwar aus mehreren Gründen. 

Gesetzt den Fall, es hätten sich bei der makroskopischen Unter¬ 
suchung des Pankreas und seiner Umgebung keinerlei Veränderungen 
gezeigt, welche a priori auf einen Entzündungsprocess hingedeutet 
hätten, so wäre der Verdacht einer fremden Gewalteinwirkung bei 
dem Umstande, dass ja die Hämorrhagicn die bei weitem auffälligsten 
Erscheinungen bildeten, immerhin gerechtfertigt gewesen. Hätte es 
sich jedoch um ein Trauma, welches entsprechend der ausgedehnten 
Blutung ziemlich heftig hätte sein müssen, gehandelt, so hätte man 
sicherlich schon äusserlich an den Bauchdecken Zeichen einer äusseren 
Gewalteinwirkung oder wenigstens in der Bauchmusculatur wenn auch 
geringe Blutextravasate wahrnehmen müssen. Davon war aber auch 
nicht die geringste Spur wahrzunehmen. Schon dieser Umstand sprach 
gegen die traumatische Natur des Processes. 

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Ueber einen Pall von genuiner acuter Pancreasentzündung etc. 


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Die mikroskopische Untersuchung ergab ausgebreitete Nekrose 
des Pankreas und zwar in solcher Ausdehnung, dass dieselbe binnen 
*20 Stunden sich nur durch ein plötzliches, den Hauptstamm der Ar- 
teria pancreatico-duodenalis oder die Arteria mesaraica superior be¬ 
treffendes Circulationshinderniss hätte erklären lassen. Ein solches 
war jedoch ebenfalls nicht vorhanden gewesen. 

Berücksichtigen wir schliesslich unsere bisherigen Erfahrungen 
über die Nekrose dor Bauchspeicheldrüse an der Hand der von Chiari 
in klinischer, wie anatomischer Beziehung eingehend beschriebenen 
Fälle, ganz abgesehen von der gerado in dieser Hinsicht nicht wesent¬ 
lich in’s Gewicht fallenden vollständigen Sequestration des Organs, 
so finden wir, dass der Beginn der Erkrankung auf verhältnissmässig 
lange Zeit vor der Ausstossung des nekrotischen Pankreas, beziehungs¬ 
weise vor dem Exitus letalis, zurückreicht. 

Auch im vorliegenden Falle waren, wie nachträgliche Erhebungen 
ergaben, bereis vier Wochen vor dem Tode Krankheitssymptome auf¬ 
getreten, welche für eine längere Dauer des Proccsses sprachen; ja 
es muss aber sogar dahingestellt bleiben, ob nicht auch schon früher 
Symptome vorhanden gewesen waren, die sich mit der Erkrankung 
des Pankreas hätten in Einklang bringen lassen. 

Schon jedes einzelne der genannten Momente spricht entschieden 
gegen den traumatischen Ursprung der Pankrcasblutung, alle zusammen- 
genomroen beseitigen jeden Zweifel hierüber. 

Der anatomische Befund deutet vielmehr mit Bestimmtheit darauf 
hin, dass wir es hier mit einer nicht traumatischen Blutung zu thun 
haben, welche die directe Folge eines durch den Entzündungsprocess 
bewirkten Zerfalles der Wandungen der Blutgefässe ist. 

Was das ätiologische Moment der Entzündung des Pankreas 
anbelangt, so kann ich hierüber hinsichtlich meines Falles ebensowenig 
eine bestimmte Aufklärung geben wie andero Autoren. Die meisten 
derselben haben diese Frage überhaupt gar nicht berührt. Nur 
Klebs 1 ) spricht sich dahin aus, dass die Ursache der Erkrankung 
vielleicht in einer corrodirendon Wirkung des Pankreassecretes zu 
suchen sei. 

Mein Fall bietet keine Anhaltspunkte für die Klarlegung der 
Aetiologie desselben. Doch möchte ich immerhin andeuten, dass nach 
unseren heutigen Kenntnissen die Möglichkeit eines mykotischen Ur- 


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*) L c. S. 556. 

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Dr. Dittrich, 


Sprungs des Erkrankungsprocesses wohl nicht wird völlig ausgeschlossen 
werden können. Man müsste dann in meinem Falle von primärer 
Pancreatitis an eine Invasion pathogener Mikroorganismen vom Darme 
auf dem Wege der Ausführungsgänge der Bauchspeicheldrüse denken, 
da die Veränderungen in den centralen Partien des Organs, also 
weiter gegen den Hauptstamm des Ductus pancreaticus hin im Bereiche 
des Pankreaskopfes, in welchem noch die Vertheilung der verschie¬ 
denen Stadien des Processes erkannt werden konnte, am weitesten 
vorgeschritten waren. 

Wenn es mir nun auch nicht gelungen ist, in dem fast voll¬ 
ständig nekrotisch zerfallenen Organe Mikroorganismen mikroskopisch 
nachzuweisen, so sei wenigstens auf eine von Hanau 1 ) in jüngster 
Zeit gemachte analoge Beobachtung in der Ohrspeicheldrüse kurz hin¬ 
gewiesen. Hanau ist es nämlich gelungen, in fünf Fällen durch die 
mikroskopische Untersuchung festzustellen, dass die Speicheldrüsen¬ 
entzündung durch Eindringen von Mikrokokken in die Speichelgänge 
von der Mundhöhle aus hervorgerufen worden ist. 

Im vorliegenden Falle fand man im Becken etwas Flüssigkeit 
vor, welche ebenso aussah, wie diejenige, welche bei Druck auf das 
Gewebe des Pankreaskopfes hervorquoll. Ich möchte diese Flüssig¬ 
keit keineswegs lediglich als ein Product der Peritonitis ansehen, son¬ 
dern möchte eher glauben, dass vielleicht eine Berstung der Oberfläche 
des entzündeten Pankreas erfolgt war, in deren Anschlüsse sich etwas 
von der das Pankreas infiltrirenden Flüssigkeit in die freie Bauch¬ 
höhle entleert hatte, und dass diese Flüssigkeit ihrerseits erst Anlass 
zu der bei der Section noch in einem frühen Stadium befindlichen 
Entzündung des Peritoneums gegeben hatte. 

Der Tod war im Collaps, der durch die Peritonitis und die AII- 
gemeininfection, welch’ letztere anatomisch ganz besonders durch den 
wenn auch nicht sehr bedeutenden acuten Milztumor gekennzeichnet 
war, seine Erklärung fand, eingetreten. 

Eine Veränderung des Plexus coeliacus konnte in diesem Falle 
nicht wahrgenommen werden. Uebrigens konnte ja eigentlich auch in 
meinem Falle von einem plötzlichen Tode nicht die Rede sein, indem 
das betreffende Individuum nach dem Auftreten der stürmischen Er¬ 
scheinungen noch 8 Stunden lang gelebt hatte. 

l ) A. Hanau: Ueber die Entstehung der eiterigen Entzündung der Speichel¬ 
drüsen. Beiträge zur pathol. Anatomie und zur allgemeinen Pathologie. 1S89. 
Bd. IV. S. 487. 


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lieber einen Fall von genuiner acuter Pancreasentzüudung eto. 


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Reubold 1 ), auf dessen Ausführungen ich hierhinweisen möchte, 
hat bereits in eingehender Weise die forensischo Bedeutung der Pan¬ 
kreasblutungen kritisch beleuchtet. 

Wenn auch nicht von vornherein die Bedeutung des Plexus coe¬ 
liacus bei plötzlichen Todesfällen absolut ausgeschlossen werden darf, 
ein solcher vielmehr für manche Fälle als erwiesen angesehen worden 
muss, so muss man zum mindesten behaupten, dass ein derartiger Zu¬ 
sammenhang bei den spontanen Pancreasblutungen nach den bisherigen 
Untersuchungen und entsprechend dem zumeist keineswegs einwurfs¬ 
freien Untersuchungsmaterial nur als hypothetisch, sonach vorläufig 
für den Gerichtsarzt als belanglos hingestellt werden muss. 

Prag, im Juli 1889. 


3. 

Feber die Sklerose der Kranzartcriea des Herzeas als Ursache 

plötzlichen Todes. 

Von 

o 

Dr. Algot Key-Aberg in Stockholm. 

(Schluss.) 


Hiermit gehe ich schliesslich zu der Untersuchung eiucr Gruppe 
von drei Fällen (No. 11 —13) über, die sich unläugbar in Bezug auf 
die Form des Auftretens der arteriosclerotischen Veränderungen in 
den Kranzarterien nicht unwesentlich von den bisher angeführten 
unterscheiden. 


Pall XI. 

E. B.. Gewerbtreibender, 30 Jahre alt, Wien; starb, von einer längeren 
Reise zuriiekgekehrt. plötzlich kurz nach der Einnahme einer Mahlzeit. Ver- 
mulhete Syphilis. Obducirt 1 */ 2 Tag nach dem Tode. 

Von mittlerer Grösse, kräftig gebaut, gut genährt. 

Die Aorta zeigt nur unbedeutende Veränderungen. In den Sinus Val- 
salvae und vorzugsweise an der oberen Grenze derselben finden sich eine Menge 


') Reubold: Ueber Pancrcasblutung vom gerichtsärzüichen Standpunkte. 
(Festschrift. Albert v. Kölliker zur Feier seines 70. Geburtstages gewidmet 
von seinen Schülern. Leipzig. Verlag von Wilhelm Engelmanu. 1887.) 


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O 

Dr. Key-Aberg, 

unbedeutende, weiche, schwach gelbweisse, etwas erhabene, nur die Intima inter- 
essirende, punktförmige Flecke. Sonst ist die Ascendens sowie auch der Arcus 
frei von Veränderungen. Im Isthmus, theils der Mündung des obliterirten Ductus 
arteriosus entsprechend, theils etwas unterhalb derselben, ist die Intima an der 
unteren Wand gleichsam zusammengeschnürt, und dort kommen einige zusammen- 
geflosseno, gelbweisso, weiche, erhabene Flecke vor. In der Aorta thoracica kom¬ 
men an der hinteren Wand zwei längsgehende, mit einander beinahe parallele 
und aus kleinen Punkten, ähnlich den im Sinus beobachteten, bestehende, 
schmale Bänder vor, von denen ein jedes eine Reihe von den Mündungen der 
Intercostalarterien umfasst. In der Bauchaorta sind diese Flecko etwas zahl¬ 
reicher. Der Umkreis der Aorta ist unmittelbar über den Klappen 7.0, an der Mitte 
des Arcus 7.0, gleich jenseits der Subclavia sin. 6,4, etwas unterhalb der Mün¬ 
dung des Duotus arteriosus 5,5. gleich darauf 5,7, hierauf eine allmähliche 
Verschmälerung des Gefasses bis in die Höhe der Coeliaca, wo das Maass 
5,2 cm ist. 

Andere Arterien: In den Halsgefässen und den Subclaviae zerstreute, 
weiche, gelbweisse Flecken, welche nur die Intima interessiren. Die Arteria basi- 
laris und die Aeste derselben ohne Veränderungen. Die Arleriae cerebri mediae 
an mehreren, ziemlich weit von einander entfernten Stellen durch in der Wand 
befindliche gelbweisse, sehnig feste, längliche Einlagerungen verengt. Die Haupt¬ 
stämme der Baucharterien nur im Anfangslheil unbedeutend gelbflammig, in den 
feineren Zweigen unverändert. Die Untersuchung der peripheren Arterien der 
Extremitäten war nicht zugelassen. 

Die Mündungen der Kranzarterien des Herzens sind von einer An¬ 
zahl gelblicher, erhabener, punktförmiger Flecken von der oben beschriebenen 
Art umgeben, zeigen aber keine anmerkungswerthe Verengung. 

Die beiden Kranzarterien sind von ihrem Anfang an, soweit ihre 
Aeste in der Musculatur sich verfolgen lassen, und zwar die linke Arterie viel¬ 
leicht in einem noch etwas höheren Grade als die rechte, über grosse Strecken, 
welche oft den ganzen Umkreis des Gefasses umfassen, stark verdickt, gelbweiss 
und an mehreren Stellen verkalkt und, diesen Veränderungen entsprechend, in 
hohem Grade verengt. Zwischen solchen Panien können hier und da. Vorzugs 
weise aber in den grösseren Aesten. kleinere Gebiete Vorkommen, wo die Innen- 
soite des Gefasses relativ unverändert aussiebt und das Lumen etwas weiter ist. 

Das Herz ohne abnorme Fettbelegung, schlaff; in der rechten Hälfte dun¬ 
kles, flüssiges Blut und lockere Coageln, in der linken dunkles, flüssiges Blut. 
Maass des Herzens: die Breite über der Basis in der Kranzfurche 9 cm, die 
Länge von dem rechten und dem linken Rande der Wurzel der Arteria pulrno- 
nalis resp. 8,5 und 9 cm. Die Spitze wird nur von der linken Kammer gebildet. 
Die rechte Kammer hat die gewöhnliche Weite; die Musculatur misst bis an die 
Trabekel nirgends mehr als 3 mm und variirt zwischen 2—3. Der linke Vorhof 
ist von gewöhnlicher Weite. Die linke Kammer gegen die Spitze abgerundet. 
Die Musculatur misst bis an die Balkenmuskeln auf einem parallel mit und am 
Septum gemachten Schnitt an der Grenze zwischen dem oberen und dem mitt¬ 
leren Drittel des Schnittes 12, zwischen dem mittleren und dem unteren Drittel 
desselben 10 mm und nimmt dann gegen die Spitze hin stark an Dicke ab. Auf 
einem durch den linken Rand des Herzens gelegten Sohnitt erhält man an den 

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Sklerose der Kranzarterien des Herzens als Ursache plötzlichen Todes. 59 


entsprechenden Stellen dieselben Maasse. Balken- und Papillarmnskeln nicht 
hypertrophisch. Das Endocardium nicht verdickt. Die Aortaklappe der Mi¬ 
tralis und die unteren Partien der Aortaklappen nur unbedeutend fleckig ver¬ 
dickt. Die Ostia des linken Herzens ohne Anmerkung. Die Pulmonalisklappen, 
die Tricuspidalis und die Arteria pulmonalis gesund. Die Herzmusculatur 
schmutzig rothbraun und zähe. In der linken Kammerwand, besonders gegen die 
Spitze hin, hier und da einige feine, sehnige Bindegewebsstriche. 

Mikro skopische Untersuchung der Musculatur. Ausserordentlich 
starke Pigmentirung und ausgedehnte parenchymatöse Trübung in den im All¬ 
gemeinen dünnen Muskelfasern; nirgends im Herzen eine Fettdegeneration. 

Uebrige bemerkenswerthe Verhältnisse: Die harte Gehirnhaut ver¬ 
dickt und sehr fest an den Schädel anhaftend. Die weiche Gehirnhaut verdickt, 
stark serös infiltrirt. Das Gehirn bleich, ziemlich stark ödematös. Massig starkes 
Lungenödem. Nieren, Milz und Leber sehr blutreich und ohne chronische Ver¬ 
änderungen. Kein Hydrops. Im Magen eine reiohliche Menge undigerirter 
Nahrung. 

Pall XII. 


M. L.. Frau eines Arbeiters, 62 Jahre alt, Wien. Nachdem dieselbe den 
ganzen Tag hindurch gesund gewesen war und gearbeitet hatte, fühlte sie sich 
am Abend plötzlich unwohl und klagte über Engbrüstigkeit. Kurz darauf ein 
röchelnder Laut aus der Brust und so der Tod. Obducirt 2 l /j Tage nach 
dem Tode. 

Von mittlerer Grösse; sehr fett. 

Aorta. In den Böden der Sinus Valsalvae und gleich oberhalb der Aorta¬ 
klappen eine unbedeutende, weissgelbe Fleckigkeit, im Uebrigen die Ascendens 
ohne bemerkbare Veränderungen. Im Arcus hinwieder beginnt ein durch die 
ganze Aorta bis zur Bifurcation hinab sich fortsetzender, hochgradig atheromatöser 
Process in der Form von zahlreichen und confluirenden, erhabenen, weichen, 
sehr ulcerirten gelben Flecken mit unbedeutender Kalkablagerung. In den Uiacae 
hören diese Veränderungen allmählich auf. Umkreis des Gefässes: unmittelbar 
oberhalb der Klappen 6,8 cm, an der Mitte des Arcus 7,8, im Isthmus 5,8, 
gleich darauf 6,0 cm die ganze Brustaorta hindurch. Die Baucbaorta erweitert. 

Andere Arterien. Die grossen Hals- und die oberen Extremitätsarterien 
stellenweise weich gelbfleckig. Die grösseren Arterien des Gehirns und mehrere 
Aeste derselben stark diffas-rigid. Die Arterien der Beine zeigen in den Aesten 
nach den Füssen einige gelbliche, stecknadelknopfgrosse, weiche Flecke. Die 
Arteriae radiales, renales und die Arteria lienalis ohne Veränderungen. 

Die Mündungen der Kranzarterien des Herzens ohne Verändeungen. 

Die Kranzarterien von ungefähr gewöhnlicher Weite, beide aber bis in 
ihre feinsten, in der Musculatur verfolgbaren Verzweigungen in einem ungefähr 
gleich hohen Grade, sehr stark gelbweiss gefleckt und an vielen Stellen sehr 
rigide. 

Das Herz. Massige Fettbekleidung; etwas schlaff; in beiden Abtheilungen 
dunkles, dünnflüssiges Blut; die Spitze ausschliesslich von der linken Herz¬ 
kammer gebildet. Maass des Herzens: die Breite über der Basis in der Kranz¬ 
furche 10 cm, die Abstände von dem rechten und dem linken Rande der Wurzel 


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60 


Dr. Key-Aberg, 


der Art. pulmonalis zu den Spitzen der respeciiven Kammern 8,5 und 9,5 cm. 
Die rechte Kammer von gewöhnlicher Weite und gewöhnlicher Dicke der Muscu- 
lalur, in welcher sich keine Fettinfiltration zeigt. Der linke Vorhof ohne Ver¬ 
änderung. Die linke Kammer ziemlich stark dilatirt, gegen die Spitze stark ge¬ 
rundet. Die Musculatur dieser Kammer auf einem mit dem Septum parallelen 
und an demselben gelegten Schnitt an der Grenze zwischen dem oberen und dem 
mittleren Drittel desselben 16 und zwischen dem mittleren und dem unteren 
Drittel 13 mm. Das Endocardium in der linken Kammer oben etwas verdickt. 
Die Klappen in dem linken Herzen unbedeutend fleckig verdickt und vollständig 
functionsfähig. Die Ostia ohne Veränderung. Die Arteria pulmonalis und die 
Klappen im rechten Herzen gesund. Die Herzmusculatur ziemlich fest und von 
einer bleichen, etwas unreinen braunrothen Farbe. 

Mikroskopische Untersuchung der Musculatur. Hier und da, beson¬ 
ders aber in den inneren Muskelschichten der linken Kammer, eine feine Körnig¬ 
keit, welche bei Zusatz von Essigsäure verschwindet; überall eine äusserst starke 
Pigmentirung, nirgends aber eine Fettdegeneration der Muskelfasern. 

Uebrige bemerkenswerthe Verhältnisse: Die weiche Gehirnhaut auf 
der Convexität etwas verdickt, serös infiltrirt. Das Gehirn bleich, ödematös; die 
Seitenventrikel desselben ziemlich stark erweitert. Etwas senil atrophische 
Organe. Starkes Lungenödem. Kein Hydrops. 


fall XIII. 


E. R., Doctor der Rechte, 39 Jahre alt, Wien. Von einem Spaziergang 
augenscheinlich vollkommen gesund zurückgekehrt, fühlte er sich plötzlich un¬ 
wohl und starb nach einigen Augenblicken. Soll stets oine gute Gesundheit ge¬ 
habt und nur hin und wieder an Congestionen nach dem Kopfe gelitten haben. 
Obducirt 1 */ 4 Tage nach dem Tode. Von mittlerer Grösse, starkem Körper¬ 
bau, fett. 

Aorta. An der oberen Grenze der Sinus Valsalvae und die Coronarostia 
umfassend ein ungefähr 1 cm breiter, circulärer Gürtel, bestehend aus zahl¬ 
reichen, dicht an einander liegenden, zum Theil confluenten, stecknadelknopf¬ 
grossen und etwas grösseren weichen Flecken von im Allgemeinen kreideweisser. 
nur hier und da etwas in’s Gelbe spielender Farbe, welche deutlich über das 
Niveau der Gefässfläche erhaben sind. Etwas schräg über der linken Aortaklappe 
und mit dem ebenerwähnten Gürtel zusammenhängend, ein Gebiet von ungefähr 
der Grösse eines Dreipfennigstückes ebenfalls von weissen, hier im Allgemeinen 
etwas grösseren, scharf abgerundeten und erhabenen kleinen Flecken übersäet. 
Hin und wieder ein solcher Fleck auch in der Ascendens. Im Arcus mehrere un¬ 
gefähr die Grösse eines Fünfpfennigstückes zeigende, runde Flecken mit weissen, 
wallförmig erhabenen Rändern und vertieften, hellgraurothen Centren. An der 
Mündung des obliterirten Ductus arteriosus zeigt sich ein circular um das Gofäss 
gehender Gürtel, zusammengesetztaus 3 breiten, hoch erhabenen, knorpelharten, 
speckig aussehenden, grauweissen Flecken. In der Aorta thoracica zahlreiche, 
hauptsächlich in der Längsrichtung des Gefässes sich ausdehnende, bis zu 6 mm 
breite, theilweise gelbliche, theilweise graugelatinöse erhabene Flecken. In der 
Bauchaorta grosse unregelmässige Unebenheiten derselben Art. Ein Theil der 


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Sklerose der Kranzarterien des Herzens als Ursaohe plötzlichen Todes. 61 


beschriebenen Veränderungen bezieht sich nur auf die Intima (so) die kleinen Flecken 
in der Ascendens und im Arcus), ein anderer die Intima und die Media. Die 
Aorta nicht erweitert. 

Andere Arterien: Inden Ilauplslämmen von den Arcus aortae längs¬ 
gehende weiche, gelbweisse Streifen. Die Arteriae radiales unverändert. Sowohl 
in den Basalarterien des Gehirns, wie auch in den feineren Aesten derselben in 
den Häuten und im Gehirn zerstreut liegendo grössere und kleinere, in den 
grösseren Aesten bis zu erbsengrosse, flache, gelbweisse, knorpelharte Flecken, 
denen entsprechend die Gefässe im Allgemeinen Zusammenschnürungen aufweisen. 
Die Arterien der Nieren und der Milz, ebenso diejenigen der unteren Extremi¬ 
täten unverändert. 

Die Mündungen der Kranzarterien des Herzens sind durch zahl¬ 
reiche. um sie herum gruppirte, kleine, erhabene Flecken etwas verengt. 

Die Kranzarterien. Beide sind bis in die feinsten in der Musculatur 
verfolgbaren Zweige sehr stark gelbweissfleckig und in entsprechendem Grade 
steif in der Wand. Hier und da findet sich in den Flecken der Anfang einer 
deutlichen Verkalkung, im Allgemeinen aber haben dieselben eine knorpelharte 
Consistenz. Die Arterien sind in ihrem ganzen Verlaufe an keiner Stelle nennens¬ 
wert verengt und auf den zwischen den gelbweissen, harten Flecken sparsam 
eingestreut liegenden kleinen Gebieten scheint die Gefässwand atrophisch zu sein, 
auch ist sie taschenartig etwas ausgebuchtet. 

Das Herz und der Herzsack sind ziemlich stark fettbelegt; das Herz 
schlaff; in beiden Abtheilungen dunkles, dünnflüssiges Blut. Maasse des Herzens: 
breit in der Kranzfurche über der Basis 11 cm. Die Abstände von dem rechten 
und dem linken Rande der Wurzel der Artcria pulmonalis bis zu den Spitzen der 
respectiven Kammern 10,8 und 10 cm. Die Spitze wird von der rechten und 
der linken Kammer gebildet. Die rechte Kammor erweitert; die Musculatur der¬ 
selben misst vom Fettlager bis an die Trabekel oben 4 mm und gegen die Spitze 
bin ist sie etwas an Dicke abnehmend. Die Trabekel etwas hypertrophisch. Der 
linke Vorhof erweitert. Die linke Kammer erweitert, die Spitze gerundet. Die 
Musculatur dieserKammer bis an die Trabekel auf einem am Septum und parallel 
damit gelegten Schnitt an der Grenze des oberen und mittleren Drittels desselben 
14 mm und an der Grenze des mittleren und unteren Drittels reichlich 12 mm; 
auf einem durch den linken Rand geführten Schnitt an den entsprechenden 
Stellen 15 und 13 mm. Das Endocardium* an den Gipfeln der Papillarmuskeln 
verdickt. Die Aortaklappen nur in den basalen Partien etwas verdickt; das 
Aortaostium unverändert. Auf der Aortaklappe der Biouspidalis ein paar klei¬ 
nere, etwas rigide, gelbweisse Flecken. Das linke Oslium atrio-ventriculare von 
gewöhnlicher Weite. Die Arteria pulmonalis und die Klappen im rechten Herzen 
gesund. 

Die Herzmusculalur ist in beiden Abtheilungen schlaff und etwas 
brüchig, sowie von einer schmutzig graurothen, eine deutliche Schattirung in’s 
Braune zeigenden Farbe. In der äusseren Schicht der rechten Kammer finden 
sich gelbe Sreifen von Fett, welche jedoch nur gegen dieSpitze hin einen wesent¬ 
licheren Theil der Wand bilden. In den grossen Papillarmuskeln der linken 
Kammer in den Gipfeln einige sehnige Striche. Sonst keine Schwielenbildungen 
im Herzen. 


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62 


* 


Dr. Key- A berp. 

Mikroskopische Untersuchung der Musculatur. Eine allgemeine 
parenchymatöse Körnigkeit in den Muskelfasern, ebenso eine allgemeine, starke, 
braune Pigmentirung derselben. In der rechten Kammer kommt nur in der einen 
und der anderen Faser der äusseren Schichten zwischen den Fettstrichen eine 
äusserst feinkörnige Fettdegeneration vor. In der linken Kammer zeigen nur die 
Papillarmuskeln hier und da eine beginnende feinkörnige derartige Degeneration. 

Uebrige bemerkenswerthe Verhältnisse: Starke Verdickung der 
weichen Gehirnhaut, welche ausserdem massig serös infiltrirt ist. Das Gehirn 
sehr blutreich, etwas ödematös; die Seitenventrikel etwas erweitert. Die linke 
Lunge überall mittelst Bindegewebsadhärensen fest mit der Umgebung vereinigt. 
Beide Lungen sehr blutreich. Kein Lungenödem. Feitlober mit mikroskopisch 
nachweisbarer unbedeutender Atrophie der Centren der Acini. Vergrösserte 
cyanotisch indurirte Nieren. Die Milz ziemlich gross, fest, rothbraun. Kein 
Hydrops. 

In dem ersten dieser Fälle (No. II) waren also beide Kranz¬ 
arterien bis in ihre feinsten, in der Musculatur verfolgbaren Aeste 
stark sclerotisch verändert und gleichzeitig allgemein verengt. Par¬ 
tielle Stenosen oder Obliterationen, wie sie in den vorhergehenden 
Fällen beobachtet worden sind, kamen in diesem Fall inzwischen 
ebenso wenig vor als in den beiden folgenden. In diesen letzteren 
waren die Arterien nicht einmal allgemein verengt, doch beide, wie 
in dem ersten Fall, bis in die feineren Muskeläste hinaus stark scle¬ 
rotisch. Besonders in dem letzten Fall war ausserdem eine Atrophie 
der zwischen den rigiden Gebieten liegenden Flecken der Gefässwand 
augenscheinlich, wenn auch eine solche in den anderen Fällen nicht 
gefehlt hat. 

In dem einen wie in dem anderen dieser 3 Fälle erscheinen die 
vorhandenen Gefässveränderungen im Vergleich zu denjenigen, welche 
wir in den vorhergehenden Fällen kennen gelernt haben, unbestreit¬ 
bar relativ gering. Und doch hege ich in Anbetracht des allge¬ 
meinen Bildes, welches die Obduction in jedem dieser Fälle zeigte, 
keine Zweifel darüber, dass nicht auch hier die fraglichen Gefäss¬ 
veränderungen die wirksame Ursache zum Tode durch Herzparalyse 
gewesen sind. Die Erklärung eines solchen Verhältnisses scheint mir 
wieder nicht gern in einem anderen Umstand gesucht werden zu 
können als in der bedeutenden Verminderung, ja zum Theil voll¬ 
ständigen Verlust der Elasticität und Contractilität des ganzen arte¬ 
riellen Systems des Herzens, was mit seinen leicht cinzusehenden 
Consequenzen die unmittelbare Folge einer auch über die feineren 
Aeste dieses Systems ausgebreiteten Artcriosclerose, wie sie in diesen 

Fällen aufgetreten, sein muss. 

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Sklerose der Kranzarterien de9 Herzens als Ursache plötzlichen Todes. 63 


Die Herzrousculatur war in den beiden ersten dieser Fälle voll¬ 
ständig frei von Feltdegeneration, und nur in dem letzteren derselben 
zeigte sieh eine feinkörnige derartige Degeneration zwischen den Fett¬ 
streifen in der rechten Kamraerwand und in den Papillarmuskeln der 
linken Kammer. Albuminöse Trübung und starke Pigmentirung kamen 
in ihnen allen vor. 

Blicken wir nun auf das zurück, was die jetzt angeführten 
13 Fälle in Bezug auf die Frage lehren, zu deren Beleuchtung sie in 
erster Reihe dienen sollten, nämlich die Frage von dem Vorkommen 
von Fettdegeneration in der Herzmusculatur in solchen Fällen 
plötzlich eingetroffener Herzparalyse, wo die Paralysis allem Anschein 
nach durch eine mit valvulären oder anderen selbstständigen 
Veränderungen im Herzen uncomplicirte Arteriosclerose in den 
Kranzarterien oder an den Mündungen derselben bedingt worden ist, 
so finden wir Folgendes: 

1. In vier Fällen (3, 5, 11, 12) haben sowohl Fettdegenoration 
wie auch necrotische Erweichung der Herzmusculatur voll¬ 
ständig gefehlt. 

2. In zwei Fällen (6, 8) von Myomalacia cordis hat die Mus- 
culatur nur in dem einen Fall, und dann auch nur in der 
nächsten Umgebung des erweichten Gebietes, eine Fettdegene¬ 
ration gezeigt. 

3. ln zwei Fällen (2, 10) ist in einzelnen Balkenmuskeln der 
linken Kammer und in dem einen dieser beiden Fälle, ausser¬ 
dem in dem einen Papillarmuskel derselben Abtheilung des 
Herzens eine grobkörnige Fettdegeneration angetroffen worden. 

4. ln drei Fällen (1, 9, 13) ist in dem ausserhalb der Balken¬ 
muskeln gelegenen Theil der rechten Kammerwand zwischen 
daselbst befindlichen Strichen interstitiell abgelagerten Fettes 
eine feinkörnige Fettdegeneration beobachtet worden, während 
gleichzeitig in zwei Fällen kleinere, an noch auf andere Weise 
veränderte Partien in der Musculatur der linken Kammer 
grenzende Gebiete die fragliche Degeneration gezeigt haben 
und in dem dritten Fall (13) die Papillarmuskeln der linken 
Kammer feinkörnig fettdegenerirt gewesen sind. 

5. Nur in zwei Fällen (4, 7) ist die Herzmusculatur in 
einer grösseren und allgemeineren Ausbreitung fettdege¬ 
nerirt gewesen. In dem einen dieser Fälle war nämlich 

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64 


Dr. Key - A berg, 


die Degeneration über das ganze Verzweigungsgebiet der lin¬ 
ken Kranzarterie ausgebreitet, und in dem anderen hatte sie 
in einer sehr feinkörnigen Form das ganze Herz iuteressirt. 

Es dürfte hieraus liervorgehen, dass die Fettdegeneration der 
Hcrzmusculatur in Fällen der hier fraglichen Art nur relativ selten 
in einer solchen Ausbreitung und Stärke vorkoramt, dass es berech¬ 
tigt sein kann, in ihr die nächste Ursache der Herzparalyse zu sehen. 

Die beiden hier angeführten Fälle, wo die Annahme eines solchen 
Ursachsverhältnisses unbestreitbar berechtigt erscheint, sind beide 
durch das übrigens bei keinem andern der 13 Fälle beobachtete Ver¬ 
hältnis gekennzeichnet, dass die Herzparalyse in einem Augenblick 
eingetreten ist, wo das schon vorher bis auf eine sehr geringe Weite 
verengte Lumen des Hauptstammes (resp. der Mündung) der einen 
Kranzarterie durch eine an der Gefässwand gleich neben der Ver¬ 
engung haftende Thrombe eine fernere und so bedeutende Verengung 
erlitten hatte, dass es unmöglich erschien, an dem anatomischen 
Präparat sicher zu entscheiden, inwiefern durch dieselbe während des 
Lebens ein absolutes Hinderniss für den Durchgang des Blutes ent¬ 
standen war, oder ob nicht möglicherweise noch, wenn auch in ganz 
minimalen Mengen, Blut unter der Diastole des Gefässes vorbei¬ 
gepresst werden konnte. 

Die letztere dieser beiden Alternativen scheint mir inzwischen 
das wahrscheinlichere zu sein, indem ich in den Fällen, wo un¬ 
bestreitbar eine GefässVerstopfung Vorgelegen, niemals eine aus- 
gebreitetere Fettdegeneration wahrgenommen, sondern stets nur 
necrotische oder von der Necrose herrührende Veränderungen beob¬ 
achtet habe. 

Aber in welcher oder welchen Veränderungen im Herzen hat 
man dann wohl in den Fällen, in denen keine ausgebreitetere Fett¬ 
degeneration vorkommt, den nächsten Anlass zu der Herzparalyse zu 
suchen ? 

Sagen wir gleich, dass die Antwort auf diese Frage öfters, wenn 
es sich darum handelt, eine befriedigende Erklärung für das Eintreten 
der Paralyse gerade in dem Zeitraomente, mit dem sie verbunden ge¬ 
wesen ist, zu geben sehr grosse und in gewissen Fällen unüberwind¬ 
liche Schwierigkeiten darbietet. 

Relativ leicht in ihrer Ursache zu erklären scheint die Herz¬ 
paralyse zwar in denjenigen Fällen zu sein, wo im Herzen eine 
mehr oder weniger ausgebreitete Necrose angetroffen wird. Die Er- 

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Sklerose der Kranzarterien des Herzens als Ursache plötzlichen Todes. 65 


fahrung spricht jedoch dafür, dass, wie ich im Obigen schon einmal 
Gelegenheit gehabt habe, hervorzuheben, derartige Necrosen, selbst 
ziemlich grosse, in überwiegender Anzahl „in Heilung übergehen“ und 
dass der Verlust an Muskelsubstanz, den das Herz durch eine der¬ 
artige Necrose erleidet, nicht seiten durch eine vicariirende Muskel¬ 
hypertrophie ersetzt wird. Das Eintreten der Herzparalyse in zahl¬ 
reichen Fällen von Myomalacie muss also offenbar noch auf anderen 
Umständen als dem necrotischen Process an und für sich beruhen. 
Einen solchen, in verschiedenen Fällen allem Anschein nach sehr 
wirksamen Umstand, bestehend in der Befindlichkeit mit der Necrose 
gleichzeitiger und von der Sklerose bedingter wesentlicher Hindernisse 
für die Blutcirculation in anderen Theilen des Herzens habe ich 
bereits oben gelegentlich der Besprechung der beiden Fälle von 
Myomalacia cordis betont'). Betreffs anderer solcher Umstände, 
welche in einem gegebenen Fall sich wahrscheinlich geltend machen 
zu können scheinen, kann ich aus eigener Erfahrung nur hervorheben, 
dass, besonders aber dann, wenn die Necrose ein grösseres Gebiet 
des Herzens interessirt, die Gefahr einer eintretenden Herzparalyse in 
directem Verhältniss zu der Schnelligkeit zu stehen scheint, mit der 
die Veränderungen im Gefässe, durch welche die Necrose hervor¬ 
gerufen worden ist, sich entwickelt haben. 

ln der Mehrzahl der Fälle aber, wo im Herzen weder eine 
Fettdegeneration in anmerkungswerthem Grade noch frische necro- 
tische Veränderungen sich nach weisen lassen und wo, was am 
häufigsten der Fall ist, die Kranzarterien ausserdem keine anderen als 
offenbar schon seit längerer Zeit bestehenden Veränderungen zeigen, 
muss man zugestehen, dass die anatomischen Verhältnisse im Herzen 
genau genommen das plötzliche Eintreten der Herzparalyse nicht in zu¬ 
friedenstellender Weise erklären*), sowie auch, dass man in denselben 
Verhältnissen das letzte Glied in der Kette der Beweise dafür ver¬ 
misst, dass die Paralyse in Wirklichkeit durch die arteriellen Gefäss- 
veränderungen bedingt worden war. 

Indessen zeugt die Erfahrung bestimmt dafür, dass die Formen, 
unter denen die Kranzartcriensklerose auch unter den zuletzt erwähn¬ 
ten Verhältnissen im Stande ist, ganz plötzlich eine Lähmung des 
Herzens zu verursachen, zahlreich und wechselnd sind. Ich muss 

') LI. Bd., 1. Heft, S. 27. 

*) Vergleiche L. Bd., 1. Heft, S 4 7. 

Vierteljahmehr. f. gtr. Med. N. F. L1I. 1. 

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66 


Dr. Key • Aberg. 

mich jedoch hier darauf beschränken, nur das hervorzuheben, was 
ihnen allen gemeinsam zu sein scheint, nämlich die Erzeugung auf 
ausgedehnte Gebiete des Herzens zurückwirkender Hindernisse 
für die Circulation in des Organes eigenen Gefässen. 


Mehrere von den Fällen, welche ich hier oben mitgetheilt habe, 
ebenso viele aus der literarisch überlieferten Casuistik, bieten hin¬ 
sichtlich der Frage von der physiologischen Bedeutung mehr oder 
weniger umfassende Unterbrechungen der Blutcirculation in den 
Kranzarterien des Herzens sehr interessante Gesichtspunkte dar. 
Dieses Interesse kann dadurch nur vermehrt werden, dass mehrere 
der Bilder, welche sich uns hier darbieten, offenbar geeignet sind, sehr 
starke Zweifel darüber aufkommen zu lassen, inwiefern die in wichtigen 
Hinsichten übereinstimmenden physiologischen Experimente, mit denen 
die Namen v. Bezold 1 ), Samuelson 3 ), Cohnheim und v. Schult- 
hess-Rechberg*), Söe, Bochefontaine und Roussy 4 ) verknüpft 
sind, für die menschliche Pathologie ihre volle Giltigkeit haben. 

Möglicherweise dürften neue Experimente Klarheit in diese Frage 
bringen. 


*) v. Bezold, Von den Veränderungen des Herzschlages nach Verschliessung 
der Coronararterien. Untersuchungen aus dem physiologischen Laboratorium in 
Würzburg, I, S. 256, 1867. 

a ) B. Samuelson, Centralblatt f. d. med. Wissenschaften, Ko. 12, 1880. 
Zeitschrift f. klin. Medicin, 2, 1880 und Virchow’s Archiv, Bd. 86, 1881. 

3 ) Cohnheim und v. Schulthess - Rochberg, Ueber die Folgen der 
Kranzarterienrerschliessung für das Herz. Virchow’s Archiv, Bd. 85, 1881. 

*) G. Säe, Bochefontaine et Roussy, Arrdt rapide des contraotions 
rythmiques des ventricules cardiaques sous l’influence de l’occlusion des artäres 
coronaires. Comptes Rendus de l’aoademie des Sciences, Paris, Janv. 1881, und 
B. Roussy, Thöse de Paris, S. 44 und folgende, 1881. 


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4. 


Zwei ■•tivirte CiUchtei Aber chronische Alkoholisten. 

Von 

Dr. Alfred Richter, 

Oberarzt der Irrenanstalt der Stadt Berlin au Dalldorf. 


Die nachfolgenden zwei Fälle von chronischem Alkoholismus, so 
analog wie sie einander sein mögen, ergänzen sich dennoch. Da sie 
den Bezug zwischen Epilepsie und chronischem Alkoholismus er¬ 
läutern, und Fälle der Art ein regelmässiges Contingent für Ex¬ 
plorationstermine bilden, so mögen sie als Typen zur Publication 
gelangen. 


Am 17. Mai 1888 fand in der Irrenanstalt der Stadt Berlin zu 
Dalldorf ein Explorationstermin statt, in welchem der gerichtliche 
Physikus Herr Dr. M. und ich den Tischlergesollen Friedrich August 
0. für unvermögend erklärten, die Folgen seiner Handlungen zu über¬ 
legen. Da der p. 0. indess bereits wiederholt in Anstalten gewesen, 
auch gerichtlich explorirt war, so bedurfte es zur Begründung dieses 
Gutachtens eines näheren Eingehens in die Krankheitsgeschichte und 
der Einsicht des betreffenden Actenmaterials. 


Der Tischlergeselle Friedrich August 0., evangelisch, ist ehelich geboren 
den 2. April 1842 in E. Sein Vater, Postillon ebendaselbst, ist gestorben, seine 
Mutter, eine geborne A., lebt daselbst als Wittwe. Sein Vater war nach Aussage 
des Patienten Trinker; sonst sollen Nervenkrankheiten und Geistesstörungen in 
der Familie des Provocaten nicht vorgekommen sein. 

Seit 1866 lebte 0. ununterbrochen in Berlin. 1875 verheirathete er sich 
mit Amalie K. und zeugte mit derselben drei Kinder. 1880 wurde er nach 
eigener Angabe wegen strafbaren Eigennutzes verurlheilt. Seit 1883 lebt er ge¬ 
trennt von seiner Frau, ohne gerichtlich geschieden zu sein. Sonst ist über die 
Vergangenheit des 0. Nichts bekannt. 

Am 10. Juli 1883 kam 0. in die Irrenabtheilung der Königlichen Charitö. 
Ein notorischer Säufer, war er in einem derartigen Erregungszustände, dass er 
mit einem säbelartigen Instrument mehrfach unter Brüllen und Toben auf seine 
Frau losging, die Fenster zerschlug, wobei er sich selbst beschädigte, naoh den 
Kindern und der Frau mit verschiedenen Gegenständen warf und dabei unver¬ 
ständliche Dinge bervorbrachte, als sähe er Andere, die ihn verfolgten etc. Der 
ganze Habitus desselben war der des Gewohnheitssäufers; das tiefrothe. gedun- 


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5 * 

UNfVERSITV OF IOWA 



68 


Dr. Richter. 


sene, mit verschiedenen Schnitt- und Risswunden bedeckte Gesicht, das Zittern 
der Zunge und der Hände, die stammelnde Sprache, die stieren Augen, die grosse 
Erregtheit, endlich das Ausweichen auf die ihm gestellten Fragen resp. deren 
unsinnige Beantwortung, standen im Einklänge mit dem von den Nachbarn ge¬ 
schilderten Erregongszustande. Hiernacli erklärte ihn der betreffende Bezirks- 
physikus als unter dem Einflüsse des chronischen Alkoholmissbrauches stehend 
(Delirium tremens) und seine Ueberfülirung in ein Krankenhaus dringend er¬ 
forderlich. In die Charitd kam er leicht verwirrt mit deutlichem Tremor, hatte 
mehrere Schrammen im Gesicht, die er von seiner Frau mit einem Plätteisen er¬ 
halten haben wollte. Potus: Korn 20 Pf.; keine Krämpfe. Er wurde bald klar 
und geordnet, so dass er bereits am 14. Juli geheilt entlassen werden konnte. 

Am 25. Februar 1884 kam 0. zum zweiten Male nach der Charite; oin 
notorischer Säufer und arbeitsscheuer Mensch, hatte er sich durch Alkoholgenuss 
wieder in eine derartige Aufregung versetzt, dass er auf seine Ehefrau mit einem 
Hobeleisen los ging und, als er hieran von einer Aftermietherin gehindert wurde, 
derselben eine tiefe Querwunde am linken Vorderarm beibrachte. Er wurde mit 
der Stirne gegen ein Haus lehnend auf offener Strasse gefunden, scheinbar seiner 
Sinne nicht mächtig. Er beantwortete die an ihn gestellten Fragen mit stam¬ 
melnder Sprache und grinsendem Lächeln ziemlich correct, war sich auch dessen 
bewusst, dass er einer Mitbewohnerin seines Hauses eine Verletzung beigebracht, 
wusste aber sonst von dem Tage der Untersuchung durch den Arzt und dem vor¬ 
her Nichts anzugeben. Sein sehr unstätes Wesen, sein ängstlicher Blick, deut¬ 
liches Gliederzittern und der Mangel der Erinnerung an die an diesem Tage mit 
ihm vorgegangenen Dinge Hessen es, da Trunkenheit zur Zeit ausgeschlossen 
war, unzweifelhaft erscheinen, dass bei demselben wiederum Delirium tremens in 
der Entwicklung begriffen. Zur Charite gebracht, war er schon viel ruhiger ge¬ 
worden, schlief die erste Nacht ohne Medication und betrug sich auch sonst 
ruhig. Dagegen zeigte or einen deutlichen Tremor der Hände und Zunge. Ueber 
seine Verbringung nach der Charitö und die vorausgegangene ärztliche Unter¬ 
suchung war er orientirt; dagegen wollte er von Thätlichkeiten gegen seine Frau 
Nichts wissen. Epileptische Antecedentien fehlten wiederum. Potus: Korn und 
Bitterer 20 Pf. und darüber pro die. Am 4. März als geheilt entlassen. Auf die 
Anfrage der Staatsanwaltschaft bei dem Königlichen Landgericht I. Berlin vom 
4. März desselben Jahres, ob sich aus dem gegenwärtigen Zustande des 0. 
scbliessen lasse, dass er bereits am 24. Februar, wo er sich einer vorsätzlichen 
Körperverletzung mittelst eines Hobeleisens schuldig gemacht, geisteskrank und 
dispositionsunfähig gewesen sei, wurde am 22. März erwidert, dass 0. bei sei¬ 
ner Aufnahme in die Charitd am 25. Februar d. J. an Delirium tremens gelitten 
und dass aus dem Zustande desselben geschlossen werden könnte, dass er am 
24. Februar geisteskrank und dispositionsunfähig war. 

Am 24. April 1884 kam 0. zum dritten Male in die Charitö. Er hatte, 
nachdem er die ganze Woche hindurch getrunken und Nichts gearbeitet, die 
Familie insultirt. Er sollte sich auf die im Bette schlafenden kleinen Kinder ge¬ 
worfen und hieran verhindert alsdann dieEhefraa mit einem Stuhle attaquirt und 
mit Fusstritten malträtirt haben. Den Tag darauf wurde er, vor sich hingrübelnd, 
den Kopf zwischen die Kniee gesenkt, auf einem Stuhle sitzend vorgefunden, 
sollte auch bereits am Tage vorher in der Werkstatt durch ähnliche Attitüden 


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Zwei moti viele Gutachten über chronische Alkoholisten. 


69 


und durcti wildes Umherrennen und verwirrte Redensarten, „ich bin bestohlen 
worden“, den Eindruck bestehender Geisteskrankheit hervorgerufen haben. Er 
betrug sich bei der Untersuchung auf der Polizeiwache höchst stumpf und 
gleichgiltig, stierte vor sich hin, gab zu getrunken zu haben, leugnete aber jede 
Brutalität. Er schien sich der Dinge, die mit ihm vorgegangen und die er selbst 
vollbracht, absolut nicht erinnern zu können. In der Charitö kam er in einem 
Zustande stumpfer Gleichgiltigkeit an, verhielt sich ruhig, anfänglich stumpf, 
nachher freier und geordnet. Von dem zu Hause Vorgefallenen hatte er, nach 
seiner Angabe, durchaus keine Erinnerung. Da eine Wiederk >hr der Erregung 
bei 0. nur durch Verhinderung neuen Alkoholmissbrauchs vermieden werden zu 
können schien, so musste nach dem Verhalten des 0. als wahrscheinlich be¬ 
fürchtet werden, dass zu diesem Zwecke die Unterbringung desselben in eine 
Arbeits- oder Irrenanstalt sich nothwendig zeigte. Der 0. wurde deshalb am 
17. Mai 1884 nach dem Arbeitshaushospital zu Rummelsburg und zwar unge¬ 
teilt entlassen. Daselbst blieb er bis zum 16. Juli 1884. In der Verhandlung 
am 25. Mai 1884 bezeichnete er sich daselbst als gemuthskrank. Den 6. Juni 
kam er in Rummelsburg bereits betrunken nach Hause, so dass ihm der Ausgang 
untersagt wurde. Von Rummelsburg aus wurde 0. zu seiner Ehefrau beurlaubt. 
Am 23. December 1884 kehrte 0. von seinem Urlaub nach Rummelsburg zurück, 
um am 18. Pebruar 1885 abermals einen Urlaub zu seiner Ehefrau anzutreten. 

Am 19. Juni 1885 kam 0. zum vierten Male in die Charitd. Nach dem 
Gutachten des Dr. R. vom 18. Juni war eine Geistestörung z. Z. an ihm nicht 
□achzuweisen. auch nicht die imbecille Basis einer solchen, denn er beantwortete 
alle möglichen Fragen mit Ueberlegung und durchweg treffend, dabei ein ziem¬ 
lich gutes Gedächtniss an den Tag legend. Ob Explorat an periodischem Wahn¬ 
sinn und gelegentlichen Tobsucbtsanfallen leide, dürfte jedoch nur durch fort¬ 
gesetzte Beobachtung festzustellen sein. In der Charite machte er den Eindruck 
eines Potator strenuus und zeigte ein schwachsinniges Wesen; der körperliche 
Zustand war leidlich. Er war in der Chnritd ruhig. Am 13. Juli wurde er unge¬ 
teilt nach Dalldorf entlassen. Von hier wurde am 29. Juli über ihn berichtet, 
dass er sich vollkommen beruhigt habe und sich fleissig beschäftige; jedoch sei 
durch den Alkoholmissbrauch sein Geist im Allgemeinen bereits so geschwächt, 
dass er als blödsinnig zu bezeichnen sei. 

Unter dem 26. Februar 1886 stellte nun die Frau des 0. den Antrag auf 
Wahnsinnigkeitserklärung; in einem Termin am 16. März 1886 erklärte aber der 
Sachverständige Herr Dr. S., dass sich 0. geistig gebessert habe. Bei seinen 
Antecedentien aber und da er eine Abstumpfung seiner ethischen Fähigkeiten, 
Einsichtslosigkeit und Energielosigkeit, nicht verkennen lasse, bis zu einem ge¬ 
wissen Grade auch die Intelligenz gelitten habe, glaubte der Herr Sachverstän¬ 
dige ein definitives Urtheil noch nicht abgeben zu dürfen und schlug Prorogation 
auf 6 Monat vor. 

Im Juni 1886 erbot sich die Schwester des 0. ihn aus der Irrenanstalt 
Dalldorf zu sich zu nehmen, da sich seine Frau einen „Bräutigam“ angeschafft 
und sie sich als Schwoster ihres Bruders annehmen werde. Derselben wurde or- 
widert, dass Ü. nur dann die Möglichkeit, ausserhalb der Anstalt zu verbleiben, 
böte, wenn er Aufsicht und Abhaltung von Spirituosengenuss fände. Darauf ver¬ 
blieb er noch vorläufig in Dalldorf. 


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70 


Dr. Richter. 


Am 28. October 1886 fand abermals ein Termin statt, in welchem wiede¬ 
rum als Sachverständiger Herr Dr. S. fungirte. Nach ihm hatte sich nach dem 
letzten Termin 0. in der Anstalt rnhig und verständig gehalten, sich in der 
Tischlerwerkstatt fleissig beschäftigt und als tüchtiger Arbeiter gezeigt und in 
keiner Weise zu Bemerkungen in der Krankheitsgeschichte Anlass gegeben. Er 
war über die Ursache seiner Krankheitszustände orientirt, gab zu, dass er stark 
getrunken hätte, und wenn er auch diesen seinen Fehler auf der einen Seite 
duroh Aerger über die Frau zu motiviren suchte, so gab er doch zu, dass er auch 
selbst (durch mangelnden Erwerb und durclr Trunksucht! seiner Frau Anlass zu 
Tadel gegeben habe. Er war überzeugt, dass seine Frau bis auf die letzte Zeit 
ihm treu geblieben sei, und wenn er von den letzten Monaten das Gegentheil an- 
nabm, so stützt er sich hierbei auf die Erzählungen seiner Schwester. Er wollte 
aber, wenn er herauskäme, sich erst von der Wahrheit dieser Angaben über¬ 
zeugen und dann die legalen Schritte thun, um seine Rechte zu wahren, wobei 
er hauptsächlich an die Kinder dachte. Diese Ideenfolge konnte nach Allem als 
eine pathologische nicht betrachtet werden, und da er auch sonst zur Zeit Sym¬ 
ptome geistiger Störung nicht erkennen liess, mit Ausnahme vielleicht einer sehr 
geringen Herabminderung des Willens, so konnte er z. Z. nicht für unfähig an¬ 
gesehen werden, die Folgen seiner Handlungen zu überlegen. Es wurde deshalb 
der Antrag der Ehefrau des 0. unter dem 10. November 1886 zurückgewiesen, 
nachdem 0. am 7. November aus der Irrenanstalt zu Dalldorf zu seiner Schwester 
entlassen war. 

0. lebte nun bis zum 1. März 1887 bei dieser seiner Schwester. Trotz 
dieser Trennung suchte er sich immer wieder seiner Ehefrau zu nähern und be¬ 
drohte bei diesen Versuchen dieselbe in der gefährlichsten Weise. Auf seinen 
Geisteszustand untersucht, charakterisirte er sich sofort als ein äussorst schwach¬ 
sinniges Individuum mit grossem moralischen Defect. Gedächtniss und Intelli¬ 
genz hatten beide gleich sehr gelitten. Er konnte sein Vorleben nur in sehr 
dürftiger Weise beschreiben, hatte von Zeitrechnung keine Vorstellung und von 
den ihm obliegenden Pflichten als Ehemann und Familienvater einen äusserst 
lückenhaften Begriff. Nach der Wahrnehmung des betreffenden Bezirksphysikus 
litt 0. an Schwachsinn. Nach dem Charitd-Journal suchte er sich in der letzten 
Zeit seiner Frau zu nähern, wurde, als er sie besuchen wollte, angeblich nicht 
eingelassen, ging „einen trinken“ und machte, zurückgekehrt, groben Scandal, 
so dass er polizeilich entfernt und nach der Charite geschafft wurde. Er zeigte 
sich in der Charitd als ein schwachsinniges Individuum mit grossem moralischen 
Defect. Die Schilderung seines Vorlebens war mangelhaft, ebenso das, was er 
von Zeitrechnung wusste. Potus: 0,40 (früher), Pupillen gleich weit, reagirten 
auf Lichteinfall, Zunge zitternd herausgestreckt, starker Tremor manuum. Knie¬ 
phänomen vorhanden, keine Sprachstörung. Am 1. März wurde er ungeheilt 
nach Dalldorf entlassen. 

Von hier aus wurde unter dem 10. März 1887 über ihn geschrieben, dass 
er nachweisbar nicht die nothwendige Energie besässe, dem für ihn schädlichen 
Alkoholgenuss zu entsagen, er werde infolge dessen voraussichtlich wieder in 
Zustände krankhafter Art gerathen, in welchen er die Folgen seiner Handlungen 
zu überlegen unfähig sei und müsse demnach für blödsinnig im Sinne des Ge¬ 
setzes erachtet werden. Und unter dem 1. August wurde über ihn berichtet, 


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Zwei motivirte Gutachten über chronische Alkoholisten. 


71 


dass 0. jetzt natnrgemäss von schweren Krankheitszeichen frei sei, jedoch könne 
nach dem bisherigen Verläufe eine Enthaltsamkeit von Spirituosen auf die Dauer 
nicht mit Bestimmtheit vorausgesetzt werden. Dass der 0. alsdann in Zustände 
erheblicher Störung verfalle, sei nach den früheren Beobachtungen erwiesen. 

Unter dem 2. Februar 1888 schrieb nun der Unterzeichnete von hier aus 
über ihn an die Staatsanwaltschaft bei dem Königlichen Landgericht I. in Berlin, 
dass sich bei ihm allmälig die Folgen des chronischen Alkoholgenusses einge¬ 
stellt hätten; er gerathe nach geringen Mengen geistiger Getränke schnell in 
krankhafte Reizbarkeit, werde gewaltthätig, verwirrt und behalte von den be¬ 
treffenden Vorfällen keine Erinnerung. Namentlich bringe sich seine krankhafte 
Aufgeregtheit dann seiner Frau gegenüber zur Geltung. Aber auch sonst habe 
er geistig gelitten und namentlich etbisoh; es sei ihm gleichgiltig, dass er sich 
in der Irrenanstalt unter Irren befinde; er habe das Interesse an seiner Familie 
verloren und ihm selbst liege nichts daran, wieder in Freiheit zu kommen. Sonst 
spreche er im Zusammenhang, sein Gedächtniss sei nicht allzu schlecht und er 
beschäftige sich; aber auch hier trete sofort seine Krankheit grell in den Vorder¬ 
grund, wenn er einmal Gelegenheit gehabt hätte, mehr als die ihm zukommende 
Flasche Bier zu trinken. Er sei im Sinne des Gesetzes als blödsinnig zu be¬ 
zeichnen. 

Darauf stellte der Erste Staatsanwalt bei dem Königlichen Landgericht I. 
Berlin unter dem 3. März 1888 selbst den Antrag auf Entmündigung. Die in 
dem Gesammlzustande des Patienten seither wieder eingetretenen alten wie hin- 
zugetrelenen neuen Erscheinungen trügen einen entschieden psychopathischen 
Charakter und verschafften unzweifelhaft die Ueberzeugung, dass nunmehr der¬ 
jenige Moment gekommen sei, welcher Abspreohung der bürgerlichen Handlungs¬ 
fähigkeit im Interesse des Provocaten selbst, wie der Gesellschaft für geboten er¬ 
scheinen lasse. Die Alkoholsucht vollführe an ihren Opfern ein langsames, aber 
sicher fortschreitendes Zerstörungswerk, welches dieselben im Laufe der Jahre 
allmälig zu den gefährlichsten Ausbrüchen der Tobsucht (Rabies) und zur Läh¬ 
mung des gesammten Gehirnapparates überführe. Diese graduelle Entwickelung 
sei in vorliegendem Falle vorhanden und aus den seit dem ablehnenden Beschluss 
vom 10. November 1886 abgegebenen ärztlichen Gutachten vom 20. März 1887 
und 9. Februar 1888 ersichtlich. Darnach erscheine der Zustand des 0. in fort¬ 
schreitender Verschlimmerung begriffen. Bereits geringe Quantitäten geistiger 
Getränke bestimmten eine bis zu Gewaltthätigkeiten gesteigerte Reizbarkeit, 
welche in Verwirrung und Verlust der Erinnerungskraft d. h. der Fähigkeit, Vor¬ 
stellungen und Geschehnisse geistig festzuhalten, sich auflöse. In ethischer Rich¬ 
tung trete die Wirkung dieses Zustandes noch deutlicher hervor etc., und der Pro- 
vocat erscheine nach obigen thatsächlichen Ausführungen als blödsinnig im Sinne 
des Gesetzes. 

Darauf wurde am 17. Mai 1888 in der Irrenanstalt der Stadt Berlin zu 
Dalldorf der bereits Eingangs erwähnte Termin abgebalten. 

Ich habe im Vorhergehenden Alles, was über den Provokaten 
seit seiner ersten Internirung in der Charite, im Jahre 1883, als 
Geistesgestörten geschrieben worden ist, ausführlich wiedergegeben, 
weil aus demselben, wie es übersichtlich an einander gereiht ist, 


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72 


Dr. Richler, 


sich eigentlich von selbst der Schluss ergicbt, dass der Provokat 
seit jenem Jahre ununterbrochen krank war, ununterbrochen gehirn¬ 
krank, zufolge chronischer Alkoholvergiftung und dass nur die 
Aeusserungsweise dieser Erkrankung in ihrer Intensität schwankte. 
Wenn es auch durchaus nicht nothwendig ist, dass ein gehirnkranker 
Mensch auch geistesgestört ist, wiewohl er beständig in grosser Ge¬ 
fahr schwebt, es zu werden, so lehrt doch die Erfahrung, dass ein 
Mensch, dessen Gehirn zufolge Alkoholgenusses, der eine gewisse 
Reihe von Jahren auf dasselbe mit tJeberschreitung bestimmter 
Grenzen einwirkte, afficirt wurde, selbst dann als geistesgestört be¬ 
zeichnet werden muss, wenn er es zufolge momentaner Aeusserungen 
kaum zu sein scheint, sicher als geistesgestört, wenn auch nur ganz 
geringe pathologische Symptome in den Zeiten, wo er es nicht zu 
sein scheint, sich zeigen. Geistesgestörte brauchen durchaus nicht 
verkehrtes Zeug zu sprechen und solche, die verständig reden, 
brauchen durchaus nicht geistesgesund zu sein; über den Geistes¬ 
zustand eines Menschen kann nur die klinische Würdigung desselben 
richtig urtheilen und kein Gesetzesparagraph schreibt vor, dass man 
sich zur Beurtheilung des Zustandes eines Provokaten bloss an das 
klammern müsste, was derselbe im Termin spricht. Alkoholisten 
nun sind es gerade, welche, wenn sie sich eine Zeit lang des Alkohol¬ 
genusses enthielten, oft viel weniger krank erscheinen als sie es sind; 
und den meisten wird es selbst überlassen, den Beweis ihrer Gestört¬ 
heit zu liefern, indem sie immer und immer wieder in die Anstalten 
zurückkehren, aus denen man sie ihres guten äusseren Verhaltens 
wegen entliess. 

Diese Entlassungen sind auch geboten, denn nach den ersten 
Attaquen des Deliriums erlangen jene Patienten der Regel nach ihre 
frühere geistige Frische wieder; und erst allraälig tritt jener Zustand 
des chronischen Alkoholismus ein, in dem anfänglich ihr psychisches 
Verhalten ein labiles wird, bis die Intelligenz merklicher abgestumpft 
erscheint auch in nüchternen Zeiten, weil ihre Grundlage, das Gehirn, 
allraälig erkrankte. 

Die ersten Symptome der dauernden Hirnerkrankung bei chro¬ 
nischer Alkoholintoxication, welche unter dem Bilde des labilen 
psychischen Verhaltens verlaufen, sind vor Allem grössere Empfäng¬ 
lichkeit gegen auch geringe Quantitäten Alkohol. Wurden Trinker erst 
nach grösseren Quantitäten betrunken, so werden sie es jetzt nach 


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kleineren, wurden sie es erst nur nach Schnaps, so werden sic es 
dann bereits nach Bier, und hatten sie erst im Trünke noch eine gewisse 
Haltung, so verlieren sie dieselbe späterhin stets und vollkommen. 
Sodann werden sie im Trünke reizbar; sie gerathen mit ihrer Kneip- 
umgebung in Conflikt, und Unfug, Körperverletzung und Hausfriedens¬ 
bruch sind die beständig wiederkehrenden Strafregister der Alko¬ 
holisten. Dann stellt sich Arbeitsscheu ein; sie treiben sich umher, 
und in ihrer Polizei-Akte finden wir die Sistirungen wegen Obdach¬ 
losigkeit, nächtlichen Umhertreibens und die ersten Correctionsstra- 
fen. Hierauf schliesst sich die Eifersucht gegen ihre Frau an, mit 
deren Eintreten sich häufig die erste Urtheilschwäche geltend macht. 
Für das Zurückgehen ihrer wirthschaftlichen Verhältnisse geben sie nur 
ungern sich selbst Schuld, sondern der Frau, welche mit dem Trinken 
des Mannes anf eigene Thätigkeit angewiesen, wenn sie diese nicht 
immer entfalten kann, der Faulheit geziehen wird; sucht sie Trost 
bei der Umgebung, so ist für den Mann das Misstrauen in jeder 
Beziehung, wie er meint, gerechtfertigt. Der häusliche Zwist wird 
zur Tagesordnung, die Sorge um die Kinder verschlimmert die Ver¬ 
hältnisse, die Trinker fühlen sich selbst krank und unfähig, und die 
Correlation zwischen Sorge und Trunk erscheint natürlich. Jetzt löst 
sich die Ehe, sei es dass gerichtliche Scheidung stattfindet, oder dass 
die Eheleute getrennt von einander leben: immer nähern sich die 
Trinker triebartig der Frau, denn sie erscheint ihnen trotz Allem 
doch vielleicht als der einzige Halt; aber bereits unvermögend den 
Trunk zu lassen und zu arbeiten, belästigen sie dieselbe nur — und 
diese, längst auf sich selbst angewiesen, lässt den Trinker sistiren; 
so ist es die Frau, die das Unglück des Mannes nach seiner falschen 
Auffassung verschuldet, und das Gefühl der Eifersucht vermischt sich 
mit dem verwandten der Rache: schwere Misshandlungen und Ver¬ 
letzungen der Frau erfolgen häufig. Nun kommen die Trinker bereits 
auf Jahre in die Anstalten. Unter dem Regime dieser bessern sic 
sich und arbeiten in denselben fleissig, so dass ihre Leiter immer 
wieder versucht werden, sie zu entlassen. Auf freiem Fussc wirkt zwar 
das Regime der Anstalt noch eine Zeit nach; jedoch bald vermögen sie 
dem Hang zum Alkohol nicht zu widerstehen, und das abermalige 
Verbringen in die Anstalt wird erforderlich. Jetzt verzweifeln sie, 
lebensüberdrüssig, an sich selbst; denn das Versprechen, den Alkohol 
zu meiden und der Frau sich nicht wieder zu nähern, vermochten sic 


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Dr. Richter. 


nicht zu halten. Inzwischen haben ihre geistigen Leistungen so nach¬ 
gelassen, dass sie, angetrunken, überhaupt nicht mehr wissen, was sic 
thun, oder an ihre Handlungen nur ganz dunkele Erinnerung haben, 
oder die Erinnerung sehr schnell verlieren. Befragt, müssen sie die¬ 
selben, im besten Glauben, rundweg ableugnen, aber von der Gewalt 
der Thatsachen überführt, beschönigen sie dieselben oder überlassen 
sich trüber Apathie, geben dem sie untersuchenden Arzte nur noch 
ausweichende Antworten und überlassen demselben in stumpfer Resig¬ 
nation das Urtheil über ihren Zustand. Nun hat auch das Gedächt¬ 
nis im Allgemeinen gelitten, die gesunden Lebensinteressen sind ver¬ 
loren gegangen, und jene geistige Trägheit stellt sich ein, welche jetzt 
schon nach geringen Mengen Alkohol in Verwirrtheit und Aufgeregt¬ 
heit ausartet. 

Und verlief die Sache etwa anders bei 0.? 1883/84 war er 

zwei Mal wegen Delirium potatorum in der Charite und bei seiner 
dritten Internirung in dem letzteren Jahre wurde er bereits als an 
chronischem Alkoholismus leidend, bezeichnet; also die ersten zwei 
Male wurde er geheilt, nach dem dritten Delirium zeigte sich bereits 
die geistige Schwäche. Mag bei ihm, wie er im Colloquium vom 
17. Mai d. J. sagt, wirthschaftlicher Rückgang und häuslicher Aerger 
wirklich das Erste gewesen sein und den Trunk des 0. mit ver¬ 
anlasst haben, Arbeitsscheu stellte sich jedenfalls auch bei ihm ein. 
Das gab er in dem Colloquium vom 18. October 1886 zu, sowie 
er auch selbst gestand (nach seiner ersten Aufnahme), die Sucht und 
den Hang zu trinken gehabt zu haben; die Frau aber äusserte in 
demselben Termin, dass 0. schon in seiner Jugend getrunken hätte. 
Dass er nach Genuss von Alkohol (für 20 Pf.) „sehr aufgeregt“ wurde 
und sich darnach „angegriffen“ fühlte, gesteht er selbst zu. Dass er von 
der üblichen Eifersucht der Trinker zum mindesten periodisch geplagt 
gewesen sei, erwähnt seine Frau ebenfalls in diesem Termin; dies 
war auch bestimmt der Fall, denn sie hatte gewiss die wenigste Veran¬ 
lassung, gerade eine solche Aeusserung (er hätte bereits 1882/83 er¬ 
klärt: die Kinder seien nicht seine Kinder) zu thun. Und hatte nicht auch 
0. die Neigung, mit Bezug auf seine Verbringungen nach der Charite, 
sich als unschuldig und seine Frau als schuldig hinzustellen (Kranken¬ 
geschichte 9. 12. 1888: „Er habe sich vor seiner letzten Internirung 
wieder zu seiner Frau begeben, sei hingegangen, sie habe ihn nicht 
eingelassen und, wio das so ist sei er wieder hierher geschafft worden. 
Es könne möglich sein, dass er ihr eine boshafte Antwort gegeben, 


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getrunken habe er damals nicht, wie es gesagt worden, ganz und 
gar will er es nicht leugnen, nein, aber bloss ....“) während er sie 
doch in der gefährlichsten Weise bedroht hatte? Sagte er nicht, er 
wäre ira Juli 1883 von seiner Frau verletzt wordon, während er mit 
einem säbelartigen Instrument auf sie losging? Und leugnet 0. nicht 
im Termin vom 28. 10. 1886, sich gegen seine Frau und Kinder 
gewaltthätig benommen zu haben, während dieses doch constatirt 
war, oder litt er nicht an jener Erinnerungslosigkeit für seine Hand¬ 
lungen, die seine Sistirungen veranlassten? Hatte er nicht die Er¬ 
innerung daran verloren, dass er am 25. Februar 1884 auf der 
Strasse gestanden hatte, mit der Stirn gegen ein Haus gelehnt, 
dass er vor seiner zweiten Aufnahme in die Königl. Charite auf 
seine Ehefrau mit einem Hobeleisen losgegangen war und dass er 
vor seiner dritten Aufnahme seine Frau mit einem Stuhle attaquirt 
und mit Fusstritten maltraitirt hatte? — Und auch in Dalldorf bestritt 
er unter dem 14. 3. 1887 die Thatsache, dass er vor seiner fünften 
Aufnahme in die Charitö seine Frau in der gefährlichsten Weise be¬ 
droht hatte. Mag man aber im Einzelfalle das Leugnen dieser Ge- 
waltthätigkeiten und Bedrohungen oder ihr wirkliches Vergessensein 
oder ihr unbewusstes Ausführen nicht immer auseinander halten 
können, die Regelmässigkeit ihres Vorkommens bei Alkoholisten be¬ 
weist ihre zum Krankheitsbilde gehörige, vom Willen des Patienten 
unabhänge Gesetzmässigkeit. Und stand man n\cht auch von 0. 
im October 1886 ab, ihn trotz „vielleicht einer sehr geringen Her¬ 
abminderung der Willensenergie“ für blödsinnig im Sinne des Ge¬ 
setzes zu erklären, sondern entliess ihn aus Dalldorf, wohin er be¬ 
reits nach noch nicht vier Monaten zurückkehrt, nachdem er sich seiner 
Ehefrau immer wieder zu nähern gesucht und dieselbe in der ge¬ 
fährlichsten Weise bedroht hatte? Uebernahra so 0. nicht selbst 
den Beweis seiner Unzurechnungsfähigkeit? Und war denn 0. im 
Stande, dem krankhaften Zuge nach dem Trinken Widerstand zu 
leisten? Im Dalldorfer Krankenjournal vom Februar 1888 ist ro- 
gistrirt, dass er auch hier manchmal mehr als die ihm zu¬ 
kommende eine Flasche Bier zu trinken scheine, und im April 
1888 hatte er ,nach demselben Journal zwei Flaschen Schnaps bei 
sich und zeigte sich aufgeregt. Wo bleiben da seine Versprechungen? 
Und fiel nicht bereits bei seinem vierten Aufenthalt in der Charitö 
1885 seiu schwachsinniges Wesen auf und ebenso als er am 1. März 
1887 untersucht wurde? Und ist sein Gedächtniss nicht geschwächt? 


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Dr. Richter, 


weiss er doch nicht, ob er drei oder vior Male in der Charite wegen 
seines Trinkens war, während es doch fünf Male gewesen sind! Ich 
meine, diese Zeichen wären für ihn bemerkenswert!!, wenn er sie zu 
merken vermöchte! Und ist ihm die Intelligenz nicht geschwächt, 
wenn er nicht weiss, wie viel 17-}-3 ist und 17 + 2? Wird denn durch 
den Umstand, dass 0. nicht unlogisch und unvernünftig spricht — 
obwohl seine Ausdrucksweise unbeholfen genug und oft wenig zu¬ 
sammenhängend ist — der klinische Beweis seiner chronischen Ge¬ 
hirnerkrankung, seiner andauernden Geistesstörung resp. seiner Geistes¬ 
schwäche widerlegt? Gewiss nicht! — 

Wissenschaftliche Diagnose: Alcoholismus chronicus. Dementia 
alcoholica. Provokat ist infolge seiner Geistesgestörtheit unvermögend, 
die Folgen seiner Handlungen zu überlegen und als blödsinnig im 
Sinne des Gesetzes zu bezeichnen. 


Am 23. Juni 1888 fand in der Irrenanstalt der Stadt Berlin zu 
Dalldorf in Sachen St. Entmündigung ein Termin statt, in welchem 
ich den St. für unvermögend erachtete, die Folgen seiner Handlungen 
zu überlegen. Da dieses Urtheil aber nicht allein durch das Proto¬ 
koll des Termins begründet werden konnte, es vielmehr dazu eines 
genaueren Eingehens auf das Vorleben des Provokaten bedurfte, so 
musste ich mir ein schriftliches motivirtes Gutachten Vorbehalten 
und bat, mir zu diesem Zwecke die Akten zugehen zu lassen. 


Der Paul Wilhelm August St., evangelisch, ist geboren ehelich am 15. No¬ 
vember 1853 zu Berlin. Sein Vater war nach Aussage des Provocaten Potator 
und hat einmal an Krämpfen gelitten; ein Onkel mütterlicherseits wäre Selbst¬ 
mörder gewesen. 

Provocat arbeitete nach seiner Einsegnung als Schreiber bei einem Rechts¬ 
anwalt. Von October 1871 bis October 1874 diente er bei der Unterofficiers- 
schule in Potsdam. Seit October 1874 diente er bei dem 3. Pommerschen 
Infanterie-Regiment No. 14. Gefreiter war er Juni 1874, Unterofficier November 
1874 und Sergeant Juni 1877 geworden. 

Von März 1875 bis Juni 1878, wo er wegen wiederholter Misshandlung 
eines Untergebenen und Nichtbefolgung eines gegebenen Dienstbefehls mit einer 
Gesammtstrafe von vier Wochen Mittelarrest bestraft wurde, hatte er sechs Dis- 
oiplinarstrafen erhalten und wurde ihm im Mai 1878 in das Führungsattest ge¬ 
schrieben, dass er sich nicht immer gut geführt hätte. 


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Bis zum Februar 1879, wo St. wegen vorsätzlichen Bestimmens eines 
Untergebenen durch Missbrauch seiner dienstlichen Stellung zur Abstattung 
eines falschen Rapports, wegen wiederholter vorsätzlicher Beschädigung König¬ 
licher Dienstgegenstände, Trunkenheit ausser Dienst, Ausbleibens aus dem Quar¬ 
tier ohne Urlaub nach Zapfenstreich und Verunreinigung einer Kasernenstube mit 
Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, Degradation zum Gemeinen 
nnd 7 Monaten und 14 Tagen Gefängniss bestraft wurde, hatte er noch fernere 
6 Disciplinarslrafen erhalten; und zwar im Juni 1878 wegen Trunkenheit ausser 
Dienst, August 1878 weil er sich als Wachthabender duroh Trunkenheit zur Aus¬ 
übung seines Dienstes unfähig gemacht, October 1878 weil er unpünktlich zum 
Antreten zur Arbeit erschien und November 1878 wegen Ausbleibens aus seinem 
Quartier über die beurlaubte Zeit, Trunkenheit ausser Dienst und weil er ohne 
jeden Grund in einem Bierlocal sein Seitengewehr mit der Aeusserung gezogen 
hatte: * Jetzt kann’s losgehen I“; sodann December 1878 wegen grober Pflicht- 
Vernachlässigung und Belügen eines Vorgesetzten auf Befragen in dienstlichen 
Angelegenheiten und Januar 1879, weil er ohne Grund vom Dienste zurückge¬ 
blieben war. Hierbei sei bemerkt, dass in der Verhandlung vom 30. Januar 1879 
ein Zeuge aussagte, dass St. sohon seit einiger Zeit den Eindruck mache, als 
wenn er nie ganz nüchtern wäre. 

Vom Februar bis September 1879 büsste er nun seine Strafe im Festungs- 
gefängniss zu Spandau ab, und ergaben die daselbst über ihn geführten Acten 
Nichts gegen ihn. Ehe er aus Spandau entlassen wurde, ward ihm von seinem 
Regiment mitgetheilt, dass seine Dienstverpflichtung, zufolge seiner Eigenschaft 
als Unterofficierschüler, zwar bis 1880 reiche, diese jedoch auf Antrag des Regi¬ 
ments aufgehoben und so seine Entlassung berbeigeführt werden sollte. 

Nachdem Provocat in dieser unrühmlichen Weise seine militärische Lauf¬ 
bahn beendet, heirathete er 1880 und zeugte C Kinder, von denen zwei leben, 
vier nickt ausgetragen starben; er nährte sich als Hausdiener, Portier, Ar¬ 
beiter etc. 

Am 9.October 1885 kam nun Provocat zum ersten Male in die Irrenabthei¬ 
lung der Königlichen Charite. Das Attest des Bezirksphysikus sagt über ihn aus, 
dass er an tobsüchtigen Aufäilen leide, in welchen er in hohem Grade aufgeregt, 
laut und lärmend sei, sowie eine grosse Zerslörungssucht an den Tag lege. Heute 
'9. October 1885) habe er in einem solchen Anfalle die Möbel in seiner Wohnung 
zertrümmert und seine Ehefrau mit einem Beil angegriffen. Er habe schon in 
früheren Zeiten Zeichen vorübergehenden Wahnsinns geäussert und sich einmal 
zum Fenster seiner Wohnung hinaus aufgehängt. Auf eine Eingabe der Frau 
des Patienten vom 26. October, nach der sie ihn wieder bei sich aufnebmen 
wollte, weil er augenblicklich ganz gesund erscheine, wurde unter dem 29. er¬ 
widert. dass St. an pathologischen Rauschzuständen litte, in denen er allerlei 
gemeingefährliche Handlungen beginge, die sich allerdings vorwiegend gegen die 
eigene Frau richteten. Ausserdem zeige er nichts Besonderes. Bei der Kürze der 
Behandlung sei eine Garantie, dass solche Zustände nicht wiederkehrten, natür¬ 
lich nicht vorhanden und es müsste der Frau jede Verantwortung für die even¬ 
tuellen Folgen aufgebürdet werden, wenn der Kranke entlassen würde. 

Im Charite Journal war über'ihn notirt: »Einfache Seelenstörung. Patho¬ 
logische Rauschzustände. Nach Angabe der Frau trinkt Patient schon lange, 


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f)r. Richter, 


wenn auch massig, gerieth aber schon nach geringen Quantitäten regelmässig in 
die heftigsten Aufregungssustände. Ganz unberechenbar herzt und bedroht er 
mit dem Tode seine Kinder, schimpft die Frau in der gemeinsten Weise, bedroht 
alle mit Todtstechen, zertrümmert alles, dessen er nur habhaft werden kann, 
droht auch mit Selbstmord, hatte in der That sich einmal zum Fenster hinaus¬ 
gehenkt, ein anderes Mal sich zu erdrosseln versucht, ln diesen Anfällen soll er 
sich überhaupt wie ein Wahnsinniger geberden, mit den Zähnen knirschen und 
gelegentlich in einen starrkrampfähnlicben Zusland verfallen. Nachher ist er 
sehr schlaff, schläft längere Zeit und will von dem ganzen Anfall nichts wissen. 
Krämpfe fehlen, ln der lotzten Zeit sind die Anfälle häufiger und intensiver ge¬ 
worden. Patient kommt am 9. October wegen eines solchen Anfalles, in dem er 
alles zertrümmerte und seine Frau mit einem Beil bedrohte, zur Anstatt, ist 
ruhig, vollständig orientirt. zeigt keine motorischen Alkoholerscheinungen, stellt 
die vorstehenden Angaben in Abrede, oder aber giebt sie zu, indem er sie zu 
Bagatellen modificirt; die Selbstmordversuche erklärt er für Scherz. Patient ist 
dauernd ruhig, ist anfangs ärgerlich über seine Delention, später aber gewinnt 
er eine gewisse Krankheilseinsicht und giebt die Möglichkeit seiner Anfälle, die 
er früher als erlogen bezeichnete, zu, schiebt dieselben auf Arbeitslosigkeit und 
Schnaps. Am 5. November wird er auf intensives Drängen der Frau, welche 
noch angiebt, dass er ausserhalb der Anstalt durchaus ruhig und verständig sei. 
als nngeheilt entlassen.“ Unter dem 23. November wurde von der Charite aus 
noch nachträglich über ihn berichtet, dass er an pathologischen Rauschzuständen 
litte, die mit Rücksicht auf die dauernd wirksame Grundursache und die erheb¬ 
liche Neigung zu Recidiven als heilbar nicht bezeichnet werden könnten. 

Unter dem 1. October 1886 brachte ihn ein Pbysikatsattest zum zweiten 
Male in die Irrenabtheilung der Königlichen Charitö. Derselbe sei ein gewohn- 
heitsmässiger Trinker, aber verfalle auch, ohne sichtlich betrunken zu sein, in 
hochgradige Erregungszustände, in welchen er hauptsächlich seine Frau und 
andere Personen der Umgebung misshandle und verfolge. Derartige Krankheits¬ 
zustände hätten sich in der letzten Zeit in anhaltender Weise gezeigt, so habe er 
in tobsuchtsartiger Wuth Geräthe und Gegenstände in seiner Wohnung zertrüm¬ 
mert und sich wiederholt gegen seine Frau und seine Mutter vergriffen. Der Frau 
des St. wurde auf ein Entlassungsgesuch vom 18. October geantwortet, dass sie 
die volle Verantwortung für alle Handlungen des Mannes übernehmen müsse. Das 
damals über ihn geführte Journal lautet: „Alcoholismus chronicus. 1. 10. 1886. 
St. kommt ruhig zur Abtheilung, spricht etwas erregt und ladet die ganze Ver¬ 
antwortung seines Benehmens auf seine allzu heftige Frau ab, die ihn wegen 
seines Schnapsgenusses überall hin verfolge. Trank in letzter Zeit pro die für 
1 öPf. Schnaps (?). Wirkliche Tobsuchtsanfälle, wie sie im Attest erwähnt sind, 
in denen er sich an anderen Personen vergriffen und Gegenstände zertrümmert 
hat, zieht er entschieden in Abrede. Pupillen reagiren, Zunge zeigt mässigen 
Tremor, Kniephänomen vorhanden. 5. 10. Patient ist ruhig, Stimmen hat er 
nie gehört. 19. 10. dauernd ruhig, will sich den Schnapsgenuss bestimmt ab- 
gewöhnen, gebessert entlassen.“ Auch unter dem 13. November 1886 wurde 
über ihn nachträglich aus der Königlichen Charite berichtet, dass er an patho¬ 
logischen Rauschzuständen, infolge chronischen Alkoholmissbrauchs, leide, und 


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dass bei der Grundlage seines Leidens dasselbe als heilbar nicht angesehen 
werden könne. 

Am 1. Deceniber 1886 kam St. zum dritten Male nach der Irrenabtheilung 
der Königlichen Charite, nach dem Polizeibericht an Delirium tremens leidend. 
Die Erwiderung auf ein Entlassungsgesuch der Frau vom 24. 12. lautet, dass 
er sieb als Delirant in der Anstalt befinde und an pathologischen Rauschzuständen 
leide. Da er sich in letzter Zeit ruhig und geordnet benommen, stände seiner 
Entlassung etc. So wurde er am 27. 12. gebessert entlassen. Das über ihn ge¬ 
führte Journal lautet: „Alcoholismus chronicus. Pathologische Rauschzustände. 
St. hat nach seiner kürzlichen Entlassung nur einen Tag keinen Schnaps ge¬ 
trunken. Er trank für wenigstens 20 Pf. täglich, manchmal für 50 Pf. Nord¬ 
häuser; 15 Pf. genügten schon, um ihn betrunken zu machen. Vom Nachmittage 
an war er immer schon betrunken. Zu Hause wüthete er gegen Weib und Kind, 
schimpfte und schlug dieselben, drückte die Frau in eine Glasthüre, bedrohte sie 
mit dem Messer, warf ihr die Blumentopferde in das Gesicht, demolirte die Mö¬ 
bel, wollte die Kanarienvögel und Goldfische in der Stube schlachten etc., kam 
in Strümpfen auf die Wache, als ihn die Polizei abholte. 1. 12. St. kommt 
mit wüstem und verstörten Aussehen zur Anstalt. Er kann sich vieler Thaten 
von Hause nicht mehr entsinnen, zieht vieles in Abrede. Keine Hallucinationen, 
keine Delirien. Pupillenreaction prompt; Kniophänomen vorhanden; starker Tre¬ 
mor der Zunge und Hände. St. verhält sich in der Anstalt ruhig und geordnet. 
Gebessert entlassen 27. 12. 1886.* 

Am 3. Januar 1887 kam St. zum vierten Male in die Irrenabtbeilung der 
Königlichen Charite. Erst vor wenigen Tagen aus derselben entlassen, sei er in 
den letzten Tagen mehr oder weniger angetrunken gewesen und in diesem Zu¬ 
stande in einen pathologischen Rauschzustand gerathen. Er sei in einem tob¬ 
süchtigen Zustande gewesen, in welchem er wiederholt seine Frau mit schweren 
Angriffen bedroht und dieselbe schon gemisshandelt hätte, wenn er nicht durch 
andere Personen daran gehindert worden wäre. In diesen Wuthanfallen sei 
namentlich seine Frau und seine eigene Mutter seinen Angriffen ausgesetzt. Das 
damals über ihn geführte Charitö-Journal lautete folgendermaassen: „Einfache 
Seelenstörung. Alcoholismus chronicus. 4. 1. Patient wurde zwei Tage nach 
seiner Entlassung wieder thällich gegen seine Frau und Kinder, so dass von 
Neuem seine Einlieferung erfolgen musste. Patient kam ruhig zur Anstalt; die 
in dem Attest gemachten Angaben bestreitet er. Am Tage seiner Entlassung 
will er ein Glas Glühwein, die folgenden Tage ein Glas Grog getrunken haben, 
welche die Ursache seines Tobzustandes waren. Pupillenreaction und Kniephä¬ 
nomen vorhanden, keine Lähmung am Fascialisgebiet, Zunge wird gerade her- 
ausgestreckt, zittert etwas. Tremor manuum vorhanden. St. ist über Zeit und 
Ort orientirt, keine wesentlichen Intelligenzdefecte. 11. 1. St. fühlt sich wohl 
und benimmt sich ruhig und geordnet, bestreitet aber immer noch die im Attest 
und von seiner Frau gemachten Angaben. 17. 1. St. wird unheilbar nach Dall¬ 
dorf entlassen.“ Von hier wurde am 26. 1. über ihn an die Königliche Staats¬ 
anwaltschaft berichtet, dass er ein alter Säufer sei, und zwar trinke er schon seit 
über zehn Jahren. In trunkenem Zustande bekomme er krankhafte Wuthzustände, 
in denen er gewaltthätig werde, nicht wisse was er thue und keine Erinnerung 


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80 


Dr. Richter, 


an das Gethane habe. Er sei im Allgemeinen etwas geistesschwach und sein Ge¬ 
dächtnis sei sehr unzuverlässig. Im Sinne des Gesetzes sei er als blödsinnig zu 
bezeichnen und bedürfe der Anstaltspflege. Im Januar sagte hier die Frau vom 
Patienten aus, dass er immer getrunken hätte und seit zwei Jahren nichts mehr 
vertragen könne: schon nicht für 5 Pf. Er war dann immer furchtbar aufgeregt, 
besonders gegen seir.e Frau, schimpfte sie io gemeinen Ausdrücken, misshandelte 
sie und zerschlug Sachen. Ein solcher Zustand dauerte mitunter Tage lang. Kein 
Delirium. In den Zwischenzeiten war Patient auch aufgeregt, zerstreut, in sei¬ 
nem Ideengang abspringend. Keine sexuellen Verdächtigungen der Frau. Trank 
aus Gewohnheit, nicht ans Angst. Oft Kopfschmerzen, besonders wenn er ge¬ 
trunken hatte; dann fing er an zu toben. In der letzten Zeit schlaflos, keine 
schweren körperlichen Krankheiten; von Lues keine Symptome. Vomitus matu- 
tinus. Keine Krämpfe, schlechte Lebensverhältnisse. 

Auf eine Entlassungsanfrage der Frau vom April wurde von hier aus ge¬ 
antwortet, dass Patient, vom Spiritusgenuss abgehalten, nicht störend sei und 
dem Königlichen Polizeipräsidium wurde am 1. Mai geschrieben, dass St. oft 
rückfällig geworden sei, dass der längere Anstaltsaufenthalt wohl Nutzen haben 
würde, dass aber eine Beurlaubung, vorausgesetzt, dass die persönlichen Ver¬ 
hältnisse die Abhaltung von Spirituosen nicht zu sehr erschwerten, zulässig er¬ 
scheine. Darauf widersprach das Königliche Polizeipräsidium der Beurlaubung, 
da die häuslichen Verhältnisse der Ehefrau die Aufnahme des Mannes nicht ge¬ 
statteten. Auf eine Entlassungsanfrage der Frau im Juni wurde von hier aus 
geantwortet, dass der Zustand des St. an verändert geblieben sei und auf eine 
zweite Eingabe der Frau in demselben Monat wurde an das KÖnigliohe Polizei¬ 
präsidium geschrieben, dass eine Beurlaubung des St., der hier ruhig und ge¬ 
ordnet gewesen, einmal auf kurze Zeit, bei Aussicht auf Vermeidung von Trink- 
excessen, zu Bedenken Anlass nicht geben dürfte. Darauf wurde St. im Juli beur¬ 
laubt. In Dalldorf war er immer fleissig gewesen, zwei Male jedoch musste er von 
der Feldarbeit zurück behalten werden; einmal weil er Scandal gemacht, ein 
ander Mal weil er. einen Fluchtversuch angestellt hatte. 

Bereits im November schrieb nun die Frau St. an die hiesige Direction, 
dass sie ihren Mann unmöglich länger behalten könnte, dass sie seit einigen 
Woohen schon nicht mehr des Lebens sicher wäre. Er drohe stets mit Halsab- 
schneiden und habe sie auch schon zu wiederholten Malen zu würgen versucht. 
St. wurde jedoch erst am 2. April 1888 der Anstalt Dalldorf wieder zugeführt. 

Hier sagte er am 4. aus, dass er auf Veranlassung seiner Frau durch die 
Polizei nach dem Revier und von dort durch einen Wärter nach Dalldort geholt 
worden sei. Sie hätten sich wegen eines Mädchens, das seine Frau aufgenommen, 
und das sich in seine Angelegenheiten hineingemischt hätte, veruneint. Er habe 
sich im Winter mit Schneeschippen beschäftigt. Die Frau habe auch seinen Stief¬ 
sohn gegen ihn gehetzt: schlage doch dem Stiefvater mit dem Knüppel über den 
Kopf. Er sei heftig, wenn er gereizt werde; aber auch seine Frau sei heftig und 
beschimpfe ihn in Gegenwart fremder Personen „Dalldorfer Bruder“ etc. Alle 
Augenblicke sei sie zu einem Schutzmann gelaufen, um ihn aufzufordern, hinauf 
nach ihrer Wohnung zu gehen und den Mann zu ermahnen. Die Wuthanfälle, die 
er früher gehabt, seien von seiner Frau übertrieben. Seine Frau habe ihn sogar 
mit dem Schrubber geschlagen. 


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Zwei motivirte Gutachten über chrouische Alkoholisten. 


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Denselben Monat wurde von hier aus an die Königliche Staatsanwaltschaft 
berichtet, dass St. ein chronischer Alkoholist sei. der zeitweilig, namentlich wenn 
er getrunken. Wuthanfälle bekomme. In der Anstalt, wo er dem Einflüsse des 
Alkohols und anderer erregender Momente entzogen sei. verhalte er sich ruhig. 
Im Sinne des Gesetzes sei er als blödsinnig zu eraohten. Und im Mai besagt ein 
Bericht an die Armendirection, dass St. an pathologischen Kausohzuständen 
leide; in denselben sei er für die Folgen seiner Handlungen nicht verantwortlich 
zu machen. Hier in der Anstalt führe er sich sehr gut und sei fleissig. Da dem 
Trünke ergebene Menschen, wie St., unter ungünstigen äusseren Verhältnissen 
sich ausserordentlich schnell und auffällig verschlimmerten, so sei der St. trotz 
seiner momentanen guten Führung als dispositionsunfähig zu bezeichnen. In 
demselben Monat (13. Mai) wurde hier noch einmal die Frau des St. vernommen. 
Sie sagte, dass ihr Mann schon beim Militär immer so aufgeregt gewesen wäre, 
sowie seit ihrer Verheirathung 1880. Schon 1880 hätte er immer gleich ge¬ 
sagt: ich stosse Dioh über den Hänfen. Er wisse nie von was, er möge thun, 
was er wolle. Wenn sie sage: Mein Gott, Paul, was hast Du denn gestern wieder 
gemacht, — sage er:ihr könnt mir gut was Vorreden; auch schon beim Militär 
hätte er nicht gewusst, was er machte, und hätte gesagt, die Colleges redeten 
ihm Etwas vor. Ein eigentlicher Trinker sei er nicht; wenn er für 10 Pf. Schnaps 
wirklich trinke, dann sei er gleich aufgeregt bei der geringsten Kleinigkeit, der 
Kopf werde ibm dann schwer, er setze sich hin und halte ihn, sehe anders aus 
und das Auge stiere. Ja er sehe dann nicht nur verändert aus, sehe sich gar nicht 
ähnlich. Ehe er im Ootober 1886 nach der Cbaritd kam, hätte er sich einge¬ 
schlossen und Niemanden mehr in die Wohnung bereingelasson. Da hätte es 
der Wirth selbst beantragt, dass er nach der Charite käme, er hätte es ja ge¬ 
sehen, dass der Mann nicht betrunken war. Nachdem sie ihn damals wieder zu 
sich genommen, sei es ein paar Wochen gegangen, dann hätte es wieder so an¬ 
gefangen. Als er im Decemherl886 des dritte Mal naoh der Charitö gekommen, 
sei die Frau am Abend weggegangen, da er ganz ruhig war; als sie wieder naoh 
Hause gekommen, hätte er ein Seidel genommen und gesagt: ich werde es Dir 
an den Kopf schlagen, wenn Du herunter kommst (er wohnte als Portier im 
Keller). Sie hätte ihm nichts getban gehabt. Hinterher bitte er, sie möchte es 
nicht übel nehmen, er wolle es nicht wieder thun. Nach der Entlassung aus 
Dalldorf im Juli 1887 sei die Geschichte regelmässig alle 4 Wochen wieder auf¬ 
getreten ; immer sei es den 26. jeden Monats. So wollten sie am 2. Weihnachts¬ 
feiertage (bei seiner 4. Aufnahme in die Königliche Charitö, 3. 1. 1887) in ein 
Theater gehen; als sie nirgends Billets bekamen, sei der Mann so aufgeregt ge¬ 
worden und hätte gesagt: Ihr wollt mich wohl zum Besten haben, ich lasse mich 
von keinem Menschen zum Besten haben und so sei er davon gerannt. Er hätte 
die Frau sogar in der Friedrichstrasse schlagen wollen. Einen Monat sei es 
übrigens schlimmer aufgetreten als den anderen. — Vor seiner 5. Aufnahme in 
Dalldorf im April 1888 hättte er vom Montag an die Woche gewirthsohaftet, die 
ganzen 8 Tage vor den Osterfeiertagen, dann komme und gehe der Mann, komme 
und gebe; er esse den ganzen Tag nichts und trinke fortwährend Wasser. Kopf¬ 
schmerzen hätte er sonst weniger geäussert, aber an diesen Tagen stehe er stets 
und reibe sich die Stirn. Im Laufe der Jahre sei überhaupt die Sache schlimmer 

VfeTfUihffhT. I. gtr. M«d. K. F. LU. 1. g 


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Dr. Richter, 


geworden. Am 2;'). April d. .). hat Le er zur Frau gesagt, als sie ihn besuchte, 
er wäre dieses Mal ganz allein nach Dalldorf gegangen, während er doch that- 
sächlieh durch einen Wärter vom Polizeibureau geholt worden war. Nach dem 
Polizeirevier sei er allerdings mit dem Schutzmann gutwillig gegangen. Am 
ersten Osterfeiertag (den Tag vor seiner zweiten Aufnahme in Dalldorf) sei er 
wieder fortgegangen und hätte sämmtliche Thüren aufgeschlossen; das hätte er 
schon zum zweiten Male gemacht. Im Januar d. J. sei er daran gewesen, frei¬ 
willig mit nach Dalldorf zu kommen; er hätte gemeint, sie solle mit ihm Droschke 
1. Classe hinausfahren; warum gerade I. Classe wisse sie auch nicht. Als sie ihn 
bis zur Hausthüre hatte, sei er nicht mitgekommen. Ihr Mann sage, das sei ein 
Erbfehler von ihm, sein Vater sei auch periodisch weggegangen und hätte Alle 
verlassen. Die Mutter ihres Mannes hätte immer zu ihm gesagt: Dein Vater war 
doch auch so wie Du, wenn auch ruhiger. Alle Schwestern ihres Mannes, ja die 
ganze Familie klage über den Kopf; eine Schwester gebe immer nach der Nerven- 
klinik. Seine letzte Strafe hätte ihn auch so mitgenommen, wenn er später einen 
angestellten Collegen traf, einen Schutzmann oder Telegraphenbeamten, sei er 
immer ausser sich gewesen und hätte sich nie über die Sache wegsetzen können. 

Am 8. Mai d. J. wurde nun St. nach der Colonie verlegt. Er beschäftigte 
sich daselbst fleissig. trank aber manchmal, wenn auch nicht übermässig Wenn 
er getrunken hatte, lief er ohne Mütze ganz starr und ohne Bewusstsein im Hofe 
umher. Dass er sich jeden Monat einmal in regelmässigerWeise verschlimmerte, 
wurde nicht bemerkt ; Patient selbst sagt darüber, dass ihm dieses nicht bewusst 
sei, er sei doch kein Frauenzimmer, das seine Periode hätte; er fühle wenigstens 
nichts davon, dass es ihm jeden Monat zu einer bestimmten Zeit schlechter 
gehen sollte. 

Nachdem St. am 23. Juni c. den oben beregten Termin gehabt hatte, 
ontwich er am 1. Juli. Am nächsten Tage erschien seine Mutter und erzählte, 
dass er sich den Abend vorher bei seiner Schwester eingefunden hätte, sofort 
wieder gegangen sei, jedoch ohne Freunde oder seine Frau aufzusuchen. Und 
denselben Tag kam ein Brief von der Frau an, nach dem sie selbst nicht wisse, 
was ihren Mann gestern mit einem Male so furchtbar erregt hätte (die Frau hatte 
ihn in der Colonie besucht); er hätte sich in dem Local, in dem sie sassen, so 
sonderbar betragen, dass sie ihm einen kleinen Vorwurf gemacht hätte; da sei er 
gleich erregt gewesen und davon gelaufen. 

Am 22. Juli c. sagte seine Frau hier aus, St. hätte ihr geschrieben, dass 
er sich in Bremerhafen befände. 


Wir haben es im Provokaten, wie die Erhebungen und Beob¬ 
achtungen ergeben, mit einem Säufer zu thun; Provokat trinkt nach 
der Angabe, die er bei seiner ersten Aufnahme in Dalldorf machte, 
seit 1873, nach der Angabe im Colloquium seit 1874 (in welchem 
Jahr er Unterofficier, „Avaneilter“, wurde), den Akten zufolge seit 
1878. Wie so oft bei Potatoren, so scheint bei ihm die Trunksucht 
Folge eines krankhaften Triebes gewesen zu sein, denn Provokat 
stammt aus einer zu Nervenkrankheiten disponirten Familie (sein 


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Zwei motiviile Gutachten über chronische Alkoholisieu. 


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Vater war ebenfalls Potator, seine Schwestern nervös und ein Onkel 
mütterlicherseits ein Selbstmörder). Auch beim Provokaten begann 
die Misöre damit, dass er sich durch den Trunk seine Lebensstel¬ 
lung verdarb. Dann sollte auch ihm der Alkohol ein Sorgenbrecher 
seiu; doch wurde das Mittel, welches ihn zeitweise über seine traurige 
Lage hinwegtäuschte, sein weiterer Verderb und brachte ihn bis zu 
Selbstmordversuchen. Während er uun bereits vor seiner ersten Auf¬ 
nahme in die Königliche Charite (1885) pathologische Erregtheit be¬ 
reits nach geringen Quantitäten Alkohol zeigte, bot er doch „nüchtern“ 
während seiner ersten Detention „nichts Besonderes“ dar; hiermit 
stimmt überein, dass bei ihm anfangs schwere motorische Erschei¬ 
nungen fehlten, und er auch eine gewisse Einsicht in seinen Zustand 
hatte. Doch seine Entlassungen missglückten und sein Befinden war 
bei den späteren Aufnahmen in die Königliche Charitö immer ein 
schlechteres als bei den vorhergehenden. 

Auch er litt, wie so viele Potatoren, an dem Unvermögen, sich 
der Handlungen, welche er in seinen Erregtheitszustäuden begangen, 
zu entsinnen. Dieses Unvermögen charakterisirt namentlich das 
Krankheitsbild der Epilepsie, und in der That gehen die Aufgeregt¬ 
heilszustände der Epileptiker und Alkoholisten oft in einander über 
resp. sind einander identisch, wie denn überhaupt der Alkoholismus 
anerkanntermassen zur Epilepsie disponirt: dass Alkoholisten epilep¬ 
tische Anfälle bekommen, ist etwas Allgewöhnliches und letztere 
kommen in Wegfall mit der Entziehung des Alkohols. St. litt aber 
nicht nur au jenem epileptischen Erinnerungsunvermögen, er scheint auch 
an Zuständen gelitten zu haben, welche epileptischen „Krämpfen" 
sehr ähnlich waren; seine Frau sagte: er verfällt gelegentlich in 
einen starrkraropfähnlichen Zustand, ist nachher ganz schlaff und 
schläft läugere Zeit — eine ähnliche Schilderung entwarf sie auch, als 
sich Provokat das zweite Mal iu Dalldorf befand. Selbst reine 
Epileptiker bieten derartige Zustände nicht selten dar und der Um¬ 
stand, dass Provokat im Sommer 1886 an Schwarzwerden vor den 
Augen litt, wie er Januar 1887 in Dalldorf aussagte, lässt ihn nur 
noch mehr als einen Epileptiker erscheinen. 

Bei jenem epileptischen Erinnerungsunvermögen sei übrigens noch 
bemerkt, dass Alkoholisten allerdings aus Utilitälsrücksichten von 
ihnen begangene, ihnen wohl bewusste Handlungen, oft beschönigen 
oder zu verschiedenen Zeiten bewusst verschieden erzählen oder später 
zufolge von Gedächtnisschwäche unbewusst verschieden erzählen oder 


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Dr. Richter, 


bewusst ganz ableugnen. Ino Einzelfalle ist es ja nicht immer leicht, 
gctiuu zu entscheiden, wieviel hierbei auf ihre Willkür zu setzen ist, 
die betreffende Handlung selbst aber, um die es sich dabei handelt, 
wird meist straffrei sein, da sie nicht unter freier Willensentschliessung, 
sondern im krankhaften Zustande vollbracht wurde. Fällt es übrigens 
doch schon einem Geistesgesunden oft nicht leicht, sich aller Hand¬ 
lungen genau zu entsinnnn, welche er im Rausche beging — während 
der Handlung selbst mag noch Ueberlegung genug vorhanden sein, 
um sie eventuell strafbar erscheinen zu lassen —, um wieviel schwerer, 
ja oft unmöglich, mag es einem chronischen Alkoholisten, also einem 
Gchirnkranken sein, sich der in trunkener Erregtheit begangenen Hand¬ 
lungen zu entsinnen, selbst wenn sie nicht begangen wurden unter 
completem Ausschluss aller Vorstellungen. 

Ferner sei hier der einfältigen Handlungen gedacht, welche Pro- 
vokat vornehmen wollte und welche Alkoholisten last typisch sind, 
so hier das Schlachten der Goldfische und Kanarienvögel, das Laufen 
nach der Wache in blossen Strümpfen etc. Sie erklären sich alle 
aus dem geschwächten Ueberlegungsvermögen. 

Dass ihm seine Frau untreu sei (das alte Klagelied der Alkoho¬ 
listen), hat Provokat nicht behauptet; dahingegen wähnt auch er von 
seiner Frau verfolgt zu werden; er bedrohte sie und wurde 
gewaltthätig gegen dieselbe. Auch an seiner Trunksucht war sie 
schuld. 

Sodann scheint Provokat vorübergehend an ebenfalls Säufern 
typischen persecutorischen Sinnestäuschungen gelitten zu haben; denn 
wenn er sich verschloss, hat er gewiss die Stimmen seiner Verfolger 
gehört, mag er es nun vergessen haben oder leugnen. Die perio¬ 
dischen Verschlimmerungen, welche seine Fray beobachtet haben will, 
die aber hier nicht zur Beobachtung kamen, mögen thatsächlich be¬ 
standen haben, wenn sie sich dem Provokaten auch nicht einprägten; 
spricht doch der Volksmund in richtiger Beobachtung von Quartal¬ 
säufern. 

Das ganze Krankheitsbild, wie es aus dem Geschilderten hervor¬ 
geht, ist typisch; bestimmte klinische Symptome, wie der zeit¬ 
weilige Kopfschmerz, die zeitweilige Appetitlosigkeit, die zeitweilige 
Schlaflosigkeit, seine grosse Unsicherheit in Personalangelegenheiten, 
also Gedächtnissschwäche und das Unvermögen zu rechnen (er war 
ein alter Unterofficierschüler mit guter Schulbildung!), beweisen die 
thatsächlicbe Hirnerkrankung des Provokaten. 


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Zwei motivirte Gutachten über chronische Alkoholisten. 


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Wissenschaftliche Diagnose: Epilepsia alcoholica. 

Provokat ist zufolge der Geistesschwäche, welche sich bei ihm 
bereits bemerklich macht und infolge jener Erregtheitszustände mit 
ihren Folgen, die sich auch schon nach sehr geringen Quantitäten 
Alkohol, oder sogar ohne dieselben, einzustellen pflegen, und wäh¬ 
rend deren er unter krankhaftem Ausschluss der Uebcrlogung han¬ 
delt, als blödsinnig im Sinne des Gesetzes zu erachten und als un¬ 
vermögend die Folgen seiner Handlungen zu übersehen. 


5. 

Gefotosstftmg aach Kopfverletzung. 

Gutachten 

aus Anlass der Unfallversicherung. 

Von 

Dr. Feteraaen-Bwratel, 

II. Arst der ProTlniial-IrreDansUlt tu Banslau. 


Da die durch Kopfverletzungen erzeugten Geisteskrankheiten in 
neuerer Zeit in Folge der Unfallversicherung eine erhöhte Wichtigkeit 
gewinnen, so dürfte das nachfolgende Gutachten über eine solche 
Geisteskrankheit, die namentlich durch das längere Latenzstadium 
nach der Verletzung auffällt, nicht ohne allgemeines Interesse sein. 


G esohi oh tsor Zahlung. 

Paul Lehmann aus Sagan, geboren den 7.Februar 1855, ist durch Erblich¬ 
keit nicht zu Seelenstörnngen disponirt. Sein Vater, ein Fabrikarbeiter, starb 
58 Jahre alt an Wassersncht; seine Matter im 53. Lebensjahre an einer acut¬ 
entzündlichen Krankheit. Die Geschwister des Patienten sind sämmtlich geistig 
und körperlich gesund. Bis zum 14. Lebensjahre besuchte Lehmann mit gutem 
Erfolge die Schule, wechselte, nachdem er die Schule verlassen, zweimal die 
Lehrstellung und wurde vom 17. Lebensjahre ab Fabrikarbeiter. Er soll leb¬ 
haften, bisweilen heftigen Charakters gewesen sein. Nachdem Patient drei .lahro 
seiner Militärpflicht genügt hatte, vetheirathete er sich im Jahre 1880. Die Ehe. 
die kioderlos blieb, war eine durobans glückliche. Im Anfang der Ehe soll Leh¬ 
mann nach Angaben seiner Ehefran etwas getrunken, diesem Laster aber auf die 


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Dr. Peterssen-Borstel, 


dringenden Vorstellungen seiner Frau hin kurze Zeit später völlig entsagt haben. 
Die Frau schildert ihren Mann als einen immer gutwilligen und fleissigen, stets 
freundlichen und gegen sie liebevollen Menschen. 

Im Jahre 1883 ging Lehmann mit Einwilligung seiner Ehefrau nach Berlin, 
um dort mehr Geld zu verdienen. 

Derselbe war noch nicht ein halbes Jahr in Berlin, als er ganz abgerissen 
und ohne alle Sachen zu seiner Frau zurückkehrte, die ihn dann wieder einklei¬ 
den musste. Er hat während dieses halben Jahres der Frau kein Geld geschickt, 
soll in Berlin nur kurze Zeit gearbeitet haben, und dann „durch schlechte Men¬ 
schen arbeitslos geworden sein“. Weitere Angaben konnte die Ehefrau des p. 
Lehmann über den Berliner Aufenthalt desselben nicht machen. Nach seiner 
Rückkehr aus Berlin war Lehmann in seinem Verhalten völlig unverändert; viel¬ 
leicht war er noch etwas frommer geworden, wie früher, — er soll stets „sehr 
fromm in Glaubenssachen“ gewesen sein. — Er bekam nach seiner Rückkehr aus 
Berlin zuerst Arbeit in einem Kiesschacht, später in einer Saganer Fabrik. In 
dieser Fabrik arbeitete Lehmann bis zum Jahre 1884 oder 1885, zu welchem 
Zeitpunkte ihm gekündigt wurde. Er habe seine Arbeit nicht ausführen können, 
soll ihm nach Angabe seiner Ehefrau als Grund der Kündigung angegeben wor¬ 
den sein. Im Jahre 1885 will Lehmann — nach seiner eigenen Angabe — in 
der Fabrik bei einer Arbeit verunglückt sein, indem ihm ein Eisensplitter in die 
Hand kam und ihn eine Zeitlang arbeitsunfähig machte. Als Lehmann die Fabrik 
verliess, war die Ehefrau desselben kränklich, und daher beschlossen sie, um es 
leichter zu haben, einen Hausirhandel anzufangen. Anfangs ging es mit dem 
Handel ziemlich gut, aber bald kamen sie in Folge der massenhaften Concurrenz 
in ihren Verhältnissen mehr und mehr zurück. Unter diesen Umständen zogen 
sie es vor, den Handel aufzugeben, und sah sich der p. Lehmann wieder naoh 
Arbeit um, die er in der Zwirnfabrik von J. D. Gruschwitz und Söhne zu Neu¬ 
salz a. 0. fand. Diese Firma schildert den p. Lehmann als einen ausserordentlioh 
stillen und ruhigen Arbeiter, der äusserst sparsam war und sehr bescheiden in 
seiner Ernährung lebte: eigentlich zu schlecht für die immerhin schwerere körper¬ 
liche Arbeit beim Flachsstapeln etc., die er zu verrichten hatte. 

Nachdem Lehmann 9 Tage in der erwähnten Fabrik thätig gewesen war, 
wurde er dort am Donnerstag den 10. März 1887 von einem Unfall betroffen. Er 
war damit beschäftigt, für die Breclimaschinen passende Flachsbündel zu legen, 
als von einer Höhe von ca. 8 Fuss herab durch ein Versehen des Schlossers ein 
ca. 4,7 kg schwerer Winkelhebel herabfiel, welcher den Lehmann seitlings am 
Hinterkopf traf und dort eine ca. 1 '/ 2 —2 Zoll grosse Wunde verursachte. Der 
Verletzte blieb bei völligem Bewusstsein, ging selbst zur Pumpe hinaus, um sich 
abzuwaschen, und Hess sich hierauf vom Hechelmeister Hilgner verbinden, dem 
er selbst erklärte, dass ihm ganz wohl sei. Er wollte sich auch keinen Kranken¬ 
zettel geben lassen, sondern nahm seine Arbeit wieder ruhig auf und arbeitete 
noch den ganzen Vormittag bis 12 Uhr. Der Kassenführer der Krankenkasse von 
J. D. Gruschwitz und Söhne sandte den Patienten jedoch noch an demselben 
Tage in das St. Johanniter-Krankenhaus zu Neusalz. Die auf der linken Seite 
des Scheitels befindliche tiefe Wunde, die genäht wurde, soll nicht per primam 
verheilt sein, sondern mehrere Wochen geeitert haben. Am 29. März verliess er 
die Krankenanstalt wieder als „geheilt“ und nahm alsbald seine frühere Be- 


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Geistesstörung naob Kopfverletzung. 


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sch&ftigung wieder auf. Die Ehefrau giebt au, sie habe in dem Charakter und 
in dem Verhalten ihres Mannes nach der Verletzung bis zu dem später zu er¬ 
wähnenden Beginn seiner geistigen Erkrankung keine Veränderung gegen früher 
bemerkt. Während ihr Mann in Neusalz arbeitete, wohnte sie in Peterswaldau; 
alle 14 Tage, wenn Lohntag gewesen, kam er nach Peterswaldau, brachte seinen 
Lohn mit und gab jeden Pfennig ab. Im Monat Juli 1887 bokam Lehmann zwei¬ 
mal „ Krampfzufälle“, von denen früher nie etwas bemerkt worden war. Seit 
dieser Zeit wurde er nicht mehr im Maschinensaale, sondern im Flachsspeicher 
beschäftigt. Lehmann erzählt selbst über diese Krampfanfälle, dass er eines Mon 
tag Nachmittags im Juli plötzlich umgesunken und vielleicht 10 Minuten liegen 
geblieben sei; vor diesem Anfulle habe er sich ganz wohl gefühlt, speciell weder 
Kopfschmerz noch Schwindel gehabt; während dos Anfalles habe er Nichts von 
sich gewusst. Nachdem er wieder zu sich gekommen, sei ihm so schlaff zu Muthe 
gewesen, und ein paar Tage später sei der zweite Anfall auf die nämliche Weise 
verlaufen. Hierzu erwähnt die Ehefrau, dass ihr Mann im Juli an einem Lohn¬ 
tage wie gewöhnlich nach Peterswaldau gekommen und sie ihm entgegengegangen 
sei. Wie sie ihm entgegenkam, fand sie ihres Maones Aussehen gänzlich ver¬ 
ändert und sagte: „Du siehst aber schlecht aus“; hierauf habe Lehmann ihr er¬ 
widert. ich bin krank gewesen, ich habe die Krämpfe gehabt Ausser dem 
schlechten Aussehen ihres Mannes ist der Ehefrau des Lehmann damals nichts 
Krankhaftes an ihrem Manne aufgefallen. Dann hat p. Lehmann bis zum 8. Sep¬ 
tember wieder Fabrikarbeit gethan; an diesem Tage meldete er sich krank und 
wurde in’s Johanniter-Krankenhaus zu Neusalz gesandt. Doch schon am näohsten 
Tage wurde er aus dem Krankenhaus entlassen, weil es nach Angabe des Kran- 
kenbausarztes „den Anschein hatte, als ob p. Lehmann geistesgestört sei“ und 
Patienten mit dergleichen Krankheiten dort nicht aufgenommen werden dü fen. 
Die Fabrikkrankenkasse beabsichtigte deshalb, ihn in dem Krankenhause der 
Barmherzigen Brüder in Steinau a. 0. aufnehmen zu lassen; während hierüber 
aber die Verhandlungen schwebten, war Patient spurlos verschwunden. Aus einem 
Briefe der Fabrikkrankenkasse an die Armendirection Berlin erfahren wir noch 
Einiges über das Verhalten des p. Lehmann im Beginn seiner Erkrankung: „Auf 
uns machte sein Benehmen jedoch weniger den Eindruck eines wirklich Geistes¬ 
gestörten, sondern er erschien uns eher als ein schlauer SimulaDt. umsomehr, als 
er durchblicken liess, dass er nun als Geisteskranker vollständig arbeitsunfähig 
sei, und wegen einer Kopfverletzung, die er am 10. März a. er. bei uns erlitten 
hatte, und die ihn nur ganz kurze Zeit arbeitsunfähig gemacht hatte, dauernd 
Unterstützung zu beanspruchen habe. Als wir ihm erklärten, dass sich dies fin¬ 
den würde, für’s Erste wollten wir sehen, ihn zu seiner Heilung nach Steinau 
a. 0. in das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder aufnehmon zu lassen, ent- 
gegnete or, er wisse schon, was er thun würde. Er ging darauf ruhig nach Haus 
in sein Quartier, hat auch wohl einmal den ihn behandelnden Arzt besucht, doch 
•ils wir am 14. September die Genehmigung zu seiner Aufnahme in das Kranken¬ 
haus von den barmherzigen Brüdern erhielten, und wir ihn dorthin bringen woll¬ 
ten. war er spurlos verschwunden.“ Aus einem Briefe der Krankenkasse vom 
12. September 1887 an den Convent der barmherzigen Brüder zu Steinau inter 
essirt uns noch (Acten des Magistrats Sagau über den p. Lehmann): „Jetzt plötz¬ 
lich erklärt er (Lehmann) arbeitsunfähig zu sein und behauptet, dass seine 


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Dr. Peterssen-Borstel, 


Krämpfe and sein Unwohlsein von der Kopfwunde berrühre. Er beansprucht 
eine lebenslängliche Unterstützung und scheint uns einen schwachsinnigen Men¬ 
schen simuliren zu wollen .... Er soll sich sehr schlecht genährt haben, and 
glauben wir selbst, dass er wohl duroh schlechte Lebensweise ziemlich abge¬ 
schwächt ist.“ 

Ueber den Beginn der Geisteskrankheit ihres Mannes machte die p. Leh¬ 
mann zu uns folgende Angaben: Etwa 14 Tage bis 3Woohen, ehe Lehmann in’s 
Krankenhaus zu Neusalz aufgenommen wurde, also am 8. September, habe sie 
eine Veränderung in dem Verhalten ihres Mannes bemerkt; derselbe war stiller 
wie sonst, als wenn er so „simulirte“, und sagte öfter: „es lange nicht mehr 
zu“, trotzdem sie damals doch ihr Auskommen hatten; er liess sich aber immer 
wieder von der Frau bereden. Ueber den Krankenbausaufenthalt ihres Mannes 
weiss die Frau nur anzugeben, dass sie gehört habe, er sei daselbst sehr unruhig 
gewesen, habe Bettstellen umgerissen, das Essen nachgesohmissen und sei des¬ 
halb wieder entlassen worden. Wie die Frau einige Tage später in die Fabrik 
von J. D.Grusohwitz und Söhne ging, um sich nach ihrem Manne zu erkundigen, 
war derselbe inzwischen bereits spurlos verschwanden. Am 14. September 1887 
finden wir den Lehmann in Berlin wieder. Nach dem Gutachten des Arztes am 
städtischen Krankenhause zu Sagan, Dr. Liebert, datirt vom 22. Januar 1888, 
soll Lehmann in Berlin wegen geistiger Störung (Eindringen in das Königliche 
Palais) am 15. September 1887 in die Neue Charitö gebracht worden sein. Hierzu 
muss bemerkt werden, dass sich weder in dem Gutachten des Berliner Polizei¬ 
arztes, noch in den in der Charite und in Dalldorf über den p. Lehmann geführ¬ 
ten Acten eine Notiz darüber findet, dass der p. Lehmann in das Königliohe 
Palais einzadringen versucht habe. Dr. R., der den Kranken in der Stadtvoigtei 
untersucht hat, bekundet in seinem Gutachten vom 14. September 1887, dass 
der p. Lehmann an Schwachsinn mit melancholischer Gemüthsverstimmung leide, 
welche zeitweise und unter dem Einflüsse erregender Umstände sich zur krank¬ 
haften Aufregung steigere. In der Stadtvoigtei legte Patient Zeiohen allgemeiner 
Verworrenheit in Handlangen und Aeusserungen an den Tag. Er rieb sich Stie¬ 
felschmiere in’s Gesicht und in’s Haupthaar, nahm einem anderen Gefangenen 
den Wundverband ab und sagte, das wäre der seine, und erklärte, er wolle zum 
Fenster hinausfliegen. 

In dem Schluss des Gutachtens wird die Unterbringung des p. Lehmann in 
eine Irrenanstalt wegen gemeingefährlicher Geistesstörung für um so mehr ge¬ 
boten erklärt, da derselbe ohne jegliche Aufsicht und ohne Obdaoh in Berlin 
existire, und sich selbst überlassen bald wieder in einen aufgeregten Zustand ge- 
rathen und zu gemeingefährlichen Handlungen Veranlassung geben würde. Am 
15. September erfolgte die Aufnahme in die Irrenstation der Königlichen Charitä 
zu Berlin. Bei der Aufnahme in die Charitd verhielt sich der Patient ruhig. Er 
äusserte verschiedene Wahnideen meist religiösen Charakters; er sei von der 
Stadtvoigtei in die Charitö gebracht, um Probe zu bestehen; er lebe von Luft und 
Wasser: das sei eine Gnade von Jungfrau Maria; er habe augenblicklich kein 
Blut; es sei ewiger Frühling, owige Wonne auf der Welt duroh ihn; er habe den 
Teufel geschmissen; er wolle zum Kaiser. Diese Wahnideen verblassten bis Ende 
September und zu diesem Zeitpunkte war bis auf eine mässige Dementia in dem 
Verhalten des Patienten niohts Abnormes mehr zu bemerken. Anfang Ootober 


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Geistesstörung nach Kopfverletzung. 


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wurde Patient tobsüchtig, redete viel von mysteriösen Sachen, verglich sich mit 
Christus, zerriss seine Sachen nnd sass nackend in der Zelle. Fliegen fütternd, 
indem er behauptete, die Fliegen wären Teufel, die er bezwungen. Die Krank¬ 
heitsdiagnose lautete: Paranoia religiöse in Schüben. Dementia. 

Am 24. October wurde Lehmann als ungeheilt in die Irrenanstalt Dalldorf 
überführt. Die körperliche Untersuchung in Dalldorf ergab an Abnormitäten: 
Ueber der Stirn eine strichförmige Narbe, ebenfalls über dem linken Scheitelbein; 
dieselben schmerzen weder spontan noch beim Druck. Zunge zittert ein wenig. 
Geringer Tremor digitorum. Schienbeine etwas nach aussen geschweift. Die Er¬ 
nährung des Patienten wird als mässig, seine Musculatur als stark bezeichnet. 
Während seines Aufenthalts in Dalldorf äusserte Patient allerlei Grössenideen, er 
wäre Branddirector, habe einen feuersicheren Kammgarnanzug von den Herren 
Officieren. die bei der Feuerprobe waren, bekommen; sein Name Lehmann habe 
sehr viel Werth; ans Lehm mache man Waohsfigurencabinette und Panoptikum. 
Daneben bestanden hypochondrische Klagen; er bekomme nicht genug zu essen, 
er habe Drücken im Magen und unangenehmes Gefühl im Unterleib. Er sammelte 
viel, trug in der Tasobe eine alte Blechbüchse und einen alten Papierumschlag 
mit sich herum, um etwas hineinthun zu können, trennte seine Strümpfe auf und 
zerstörte eines Tages in der Badestube verschiedene Gegenstände. Sein Beneh¬ 
men wird als fortgesetzt grob und albern bezeichnet. Am 12. December klagt 
Patient über Kopfschmerzen und Schwindel: die Arme seien ihm so matt. Er 
macht in seinen Reden einen verworrenen Eindruck; am 29. December wurde 
Lehmann in das städtische Krankenhaus zu Sagan überführt. Dort musste er in 
den ersten 3 Wochen isolirt gehalten werden, weil er Decke und Leibwäsche zer¬ 
riss. Schüsseln zerschlug, Theile der Zelle zerstörte und in gefährlicher Weise 
Aerzte nnd Wärter bedrohte. Seit dieser Zeit wurde der Patient zwar allmälig 
ruhiger, äusserte jedoch noch allerlei Wahnideen: er sei in Dalldorf auf Bretter 
gebunden und auf glühende Kohlen gelegt und vergiftet worden. 

Mitunter fuhr er auf und sohrie: „Ach Gott, der Balken fällt mir auf den 
Kopf u oder „jetzt kommen die Hunde schon wieder“. In der letzten Zeit vor 
seiner Ueberführung nach Bunzlau verhielt er sioh vollkommen ruhig, schrieb 
öfters Briefe an den Polizeiinspector, um seine goldene Freiheit wieder zu er¬ 
langen, machte auch Entschädigungsansprüche für seine im Dienste davongetra¬ 
genen Verletzungen geltend und bat um Untersuchung der Wunden. Aus dem 
Gutachten des Dr. Liebert, Arztes am städtischen Krankenhause zu Sagan, vom 
22. Januar 1888 ist noch hervorzuhebon: Lehmann redet jetzt spontan meist ge¬ 
ordnet selten abspringend. Hat Gefühl für Angehörige und Religion. Gedächt¬ 
nis fast intact, mit Ausnahme der Ereignisse, welche in Berlin seine Unterbrin¬ 
gung in die Irrenanstalt veranlassten. Auch sonst nooh nicht klare Einsicht in 
seinen Krankheitszustand. Seine Umgebung beurtheilt er jetzt richtig und hat 
keinerlei Sinnestäusohuugen. 

Am 13. Februar 1888 wurde p. Lehmann in die Piovinzial-Irrenanstalt 

Bunzlau überführt. 


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Dr. Peterssen Börstel, 


Befund und Krankenjournal. 

Die körperliche Untersuchung des p. Lehmann in der hiesigen 
Anstalt ergab an Abnormitäten: Auf der linken Seite des Scheitels 
etwa in Handbreithöhe über der Ohrmusehel und ca. 2 cm rückwärts 
von dieser eine 3—4 cm lange, sich von vorn nach hinten erstreckende, 
weisse, nicht mit dem Knochen verwachsene, nicht druckempfindliche 
und auch für stärkeres Klopfen nicht empfindliche Narbe; beiderseits 
etwas angewachsene Ohrläppchen; mehrfach cariöse und defecte Zähne; 
am linken Unterschenkel Varicen; eine kleine Narbe an der Innen¬ 
fläche der Basis der ersten Phalange des rechten vierten Fingers; 
Beweglichkeit der Finger der rechten Hand weder activ noch passiv 
behindert. In psychischer Beziehung zeigte Lehmann hier anfangs 
Symptome, die man unter Berücksichtigung der voraufgegangenen 
heftigen Aufregungszustände wohl am Einfachsten als ein nachfolgen¬ 
des Stadium der Erschöpfung bezeichnen kann. Trotz völlig ruhigen 
und äusserlich geordneten Verhaltens konnte man doch bei näherer 
Beobachtung in dem Gemüthszustande des Patienten eine gewisse De¬ 
pression nicht verkennen. 

Er war still und einsilbig, in seinen Antworten wortkarg, ver¬ 
kehrte wenig mit seinen Mitkranken, ging, wenn er unbeschäftigt war, 
viel für sich auf dem Corridor auf und nieder. 

In Gesprächen beantwortete er zwar die an ihn gestellten Fragen 
nach seinen persönlichen und nach allgemein bekannten Verhältnissen 
richtig; sein Gedächtniss für die Vorgänge während der Krankheit 
war jedoch recht lückenhaft, und schliesslich bestand völliger Mangel 
an Krankheitseinsicht, indem er behauptete, sowohl jetzt wie früher 
gesund gewesen zu sein, ohne angeben zu können, warum er denn 
als gesunder Mensch in verschiedenen Irrenanstalten gewesen sei und 
warum er hierher gekommen sei. 

„Das Uebrige weiss ich nicht.“ Allmälig wurde Patient reger 
und gesprächiger, seine Bewegungen wurden frischer und lebendiger, 
sein Mienenspiel lebhafter und es stellte sich wenigstens zum Theil 
Krankheitseinsicht ein. Er macht ■ jetzt über den Ausbruch seiner 
Krankheit folgende Angaben: Er habe an dem Tage, ehe er in das 
Neusalzer Krankenhaus aufgenommen sei, so einen schlechten Kaffee 
von seiner Wirthin bekommen, er habe dann so einen Groll in sich 
gehabt, weil die Wirthin tüchtig gezankt habe, ihm sei dann die 
Galle in’s Blut übergetreten und er sei kränklich und elend geworden, 


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Geistesstörung nach Kopfverletzung. 


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habe sich einen Krankenzettel geben lassen und sei in’s Krankenhaus 
gegangen. Nachdem er aus demselben nach einem Tage wieder ent¬ 
lassen sei, habe er seine in Berlin dienende Schwester, die er lange 
nicht gesehen habe, einmal besuchen wollen und sei deshalb nach 
Berlin gereist. In Berlin habe er die Schwester nicht finden können 
und sei durch das Umhcrlaufen ganz schwach und elend geworden, 
so dass er kaum mehr habe fortkönnen. Die Nächte habe er auf 
Bänken zugebracht; da er fast gar nicht mehr fortkonnte, sei er 
schliesslich auf’s Polizeirevier gegangen und habe sich dort gemeldet; 
vom Polizeirevier sei or in die Hausvoigtei geführt, dort untersucht 
und dann in einem grünen Wagen nach der Charite gebracht worden. 
Er sei in die Charite gekommen, weil man ihn doch für geisteskrank 
gehalten haben müsse. Für die Vorgänge in der Charitö und in Dall¬ 
dorf hat Patient nur eine undeutliche Erinnerung. Er erinnert sich 
zwar, dass er dort aufgeregt gewesen ist, will jedoch nur bösartig ge¬ 
worden sein, weil er von den Wärtern gemisshandelt und in eine 
Zelle gesperrt sei. Von den geäusserten Wahnvorstellungen weiss er 
nichts mehr. Für die Vorgänge in Sagan hat Patient deutlichere Er¬ 
innerung. Er motivirt jedoch seinen tobsüchtigen Erregungszustand 
damit, dass Niemand zu ihm gekommen sei, deshalb habe er Wirt¬ 
schaft gemacht; die Decken habe er zerrissen und die Schüsseln zer¬ 
schlagen. um was vorzuhaben. Hierher sei er gekommen, damit die 
Sache hier, nachdem er gesund geworden sei, zu Ende geführt werde. 
Die Ursache seiner Krankheit will er selbst in der ertittenen Kopf¬ 
verletzung suchen, da er früher nie krank gewesen sei. 

Lehmann, der jetzt bis auf die eben beschriebene undeutliche Er¬ 
innerung an mannigfache Vorgänge während seiner Krankheit und bis 
auf einen theilweisen Mangel an Krankheitseinsicht ein völlig normales 
Verhalten zeigt, ist am 2. Juni 1888 nach Sagan entlassen worden. 
Er hat in der oben genannten Fabrik wieder Arbeit gefunden, sorgt 
für seine Familie und befindet sich völlig wohl. 

Rückblick und Gutachten. 

Recapituliren wir nochmals kurz die wichtigsten Punkte dieser 
Krankengeschichte, so sehen wir den p. Lehmann am 10. März 1887 
in der Fabrik von J. D. Gruschwitz und Söhne durch einen aus be¬ 
trächtlicher Höhe herabfallenden Winkelheber eine Kopfverletzung er¬ 
leiden. Die Kopfverletzung hinterlässt, nachdem die Wunde in etwa 
drei Wochen verheilt ist, scheinbar keinerlei Folgen für den Patienten» 


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92 


l)r. Peterssen- Börstel, 


indem derselbe seine Arbeit in gewohnter Weise wieder aufnimmt und 
sich ganz wohl fühlt. Dann treten plötzlich im Juli desselben Jahres 
zweimal epileptiforme Anfälle auf, und am 8. September wird im 
städtischen Krankenhause zu Sagau eine Seelenstörung constatirt, 
deren Beginn wenigstens 14 Tage bis 3 Wochen vor diesem Termine 
zu verlegen sein dürfte, da seit jenem Zeitpunkte die Frau bei ihrem 
Manne Charakter Veränderung und hypochondrisch-melancholische Wahn¬ 
ideen bemerkt hat. 

Gehen wir nunmehr zu der Frage über, ob die Geisteskrankheit 
des p. Lehmann mit dessen Verletzung vom März vorigen Jahres in 
einem ursächlichen Zusammenhänge steht, so haben wir zunächst zu 
prüfen: 

Ob schon vor der eventuell als Ursache anzunehmenden Kopf¬ 
verletzung eine psychische Störung beim Lehmann vorhanden 
gewesen ist, — 

zweitens, ob eine Prädisposition zu Geisteskrankheiten beim Leh¬ 
mann stattfindet und — 

drittens, ob ausser der Kopfverletzung in dem Vorleben des 
Lehmann ursächliche Momente aufzufinden sind, welche Seelen¬ 
störungen hervorzurufen vermögen. 

Die erste Frage muss entschieden verneint werden. In der gau- 
zen Vorgeschichte des Patienten ist kein Punkt aufzufinden, der daran 
denken liesse, dass Lehmann vor der Kopfverletzung geistesgestört 
gewesen sei. Die Frau schildert ihren Mann als einen immer gut¬ 
willigen, stets freundlichen und gegen sie unverändert liebevollen 
Menschen, und die Firma J. D. Grüschwitz und Söhne stellt ihm das 
Zeuguiss eines ausserordentlich stillen und ruhigen Arbeiters aus, der 
äusserst sparsam war und sehr bescheiden lebte. 

Ferner ist p. Lehmann durch Erblichkeit nicht zu Seelenstörun¬ 
gen disponirt, wie aus dem Gutachten des Herrn Dr. Liebert vom 
22. Januar 1888 erhellt. Wohl aber ist eine individuelle Disposition 
nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Vorleben des Lehmann be¬ 
finden sich zwei dunkle Punkte, die für ein labiles Gleichgewicht in 
seiner psychischen Anlage sprechen. Der eine ist die halbjährige Ver¬ 
schollenheit in Berlin 1883, wo er durch schlechte Menschen arbeits¬ 
los geworden sein will und von wo er ganz abgerissen zu seiner Frau 
zurückkommt. Der andere ist die Neigung zum Trunk, die sich in 
der ersten Zeit der Ehe, also etwa 1881, gezeigt hat, von der er 
dann aber nach übereinstimmendem Zeugniss seiner Ehefrau und 


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Geistesstörung nach Kopfverletzung. 


‘J3 

der Arbeitgeber gelassen hat. Beide Umstände sprechen dafür, dass 
Lehmann wohl eine gewisse verminderte Widerstandskraft, folglich 
eine leichte individuelle Prädisposition besitzt. 

Bei der dritten Frage, betretfend andere ursächliche Momente, 
müssen wir nochmals auf die Thatsache, dass Patient früher getrun¬ 
ken haben soll, eingehen, und auch den Punkt erörtern, der von 
der Firma J. D. Gruschwitz und Söhne als Ursache der Geistesstö¬ 
rung betrachtet zu werden scheint: die schlechte Ernährung des 
Patienten. Als directo Ursache der Seelenstörung kann der Alkoho¬ 
lismus beim p. Lehmann mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Ab¬ 
gesehen davon, dass durch Alkohol hervorgerufene Krankheitsbilder 
ein ganz anderes Gepräge zu haben pflegen, wie das bei dem p. Leh¬ 
mann beobachtete, ist es wohl ausgeschlossen, dass ein Mensch, der 
7 Jahre vorher „etwas“ getrunken haben soll, nachdem er 7 Jahre 
völlig solide gelebt und ein durchaus normales Verhalten gezeigt, 
plötzlich an alkoholistischer Geistesstörung erkranke. Auch die 
schlechte Ernährung ist als Ursache der Geistesstörung beim p. Leh¬ 
mann auszuschliessen. Es ist zwar constatirt, dass körperliche Krank¬ 
heiten, welcho die Ernährung schwer beeinträchtigen, dass wiederholte 
Blutverluste, Inanition das Auftreten geistiger Krankheiten zu be¬ 
günstigen, resp. dieselben hervorzurufen vermögen. Diese Seelcn- 
störungen pflegen aber zunächst eine Erhöhung der nervösen Erreg¬ 
barkeit und schliesslich Gemüthsstumpfheit und Auftreten völliger 
Apathie zu bewirken (Kraepelin). Dies Krankheitsbild deckt sich 
also in keiner Weise mit dem beim p. Lehmann beobachteten; ferner 
pflegen durch chronische Ernährungsstörungen keine epiieptiformen 
Anfälle zu entstehen, und schliesslich kann man überhaupt doch nicht 
bei einem Arbeiter von einer schweren Beeinträchtigung der körper¬ 
lichen Ernährung sprechen, wenn derselbe bis zu seinem Verfall in 
Geisteskrankheit schwere körperliche Arbeit und zwar, wie man an¬ 
nehmen muss, zur Zufriedenheit geleistet hat; da sonst doch ent¬ 
schieden in dem Zeugniss des Fabrikherrn, das ihn als einen ausser¬ 
ordentlich ruhigen und stillen Arbeiter hinstellt, der Thatsache, dass 
er seiner Arbeit nicht mehr habe genügen können, Erwähnung gethan 
wäre. Auch hat, wie oben erwähnt, die Ehefrau den p. Lehmann erst 
nach den erlittenen Krampfanfällen schlechter aussehend gefunden. 

Es bleibt somit von ursächlichen Momenten im Vorleben des 
Patienten, die eine Geisteskrankheit hervorzurufen vermögen, nur übrig 
die erlittene Kopfverletzung. 

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94 


Dr. Poterssen-Börstel. 


Dass durch Kopfverletzungen Geistesstörungen hervorgerufen wer¬ 
den können, ist eine wissenschaftlich feststehende Thatsache, und zwar 
verdient ausdrücklich hervorgehoben zu werden, dass auch Kopfbeschä¬ 
digungen, die entweder gar keine oder nur sehr geringe äussere Ver¬ 
letzungen setzten, wie wissenschaftlich feststeht, Seelenstörungen im 
Gefolge haben können. 

Hiernach betrachtet, ist es eo ipso nicht nur möglich, sondern 
sogar wahrscheinlich, dass — bei dem Mangel sonstiger ätiologischer 
Momente — die Ursache der Seelenstörung des p. Lehmann in der 
erlittenen Kopfverletzung zu suchen ist. 

Man pflegt meistens die nach einer Verletzung entstehenden 
Seelenstörungen einzutheilen in primär-traumatisches und in secundär- 
traumatisches Irresein. Da im Falle Lehmann die Geistesstörung nicht 
direct im Anschluss an die Kopfverletzung entstanden ist, kann sie 
nicht zur Gruppe des primär-traumatischen Irreseins gehören. Bei den 
spät nach einer Verletzung auftretenden Seelenstörungen sind, fast 
regelmässig in der Zeit, die zwischen der Kopfverletzung und dem 
Ausbruche der eigentlichen Geistesstörung liegt, sogenannte Prodromal¬ 
erscheinungen vorhanden, vornehmlich Geraüthsveränderungen, Schwin¬ 
del, Kopfschmerzen, subjective Sinneserapfindungen und so weiter. 
Diese Prodromalersoheinungen sind bei der Beurtheilung des even¬ 
tuellen Zusammenhanges einer Geistesstörung mit einer Kopfverletzung 
um so wichtiger, da sie gleichsam die Brücke bilden, welche von der 
Kopfverletzung zur Seelenstörung führt, und da sie uns sonach sichere 
Schlüsse auf den Zusammenhang der Geistesstörung mit der Kopfver¬ 
letzung gestatten. 

Im Falle Lehmann fehlen monatelang alle derartigen Prodromal¬ 
erscheinungen. Deswegen ist aber der Zusammenhang mit einer er¬ 
littenen Kopfverletzung nicht auszuschliessen, weil es »einige wohl 
constatirte Fälle giebt, in denen nach einem wirklich psychisch freien 
Intervall die Geistesstörung ohne ein occasionelles Moment auftrat, 
und auch durch die Section der Zusammenhang zwischen ihr und einer 
früher vorhandenen Kopfverletzung bewiesen werden konute“ (Guder). 

Zwischen die Kopfverletzung und das Auftreten der eigentlichen 
Geistesstörung mitten hinein fallen die beiden epileptiformen Anfälle. 
Sie geben uns den ersten Beweis von einer Schädigung des Central- 
norvensystems durch die Kopfverletzung und sind somit als Prodro- 
raalerscheinung der nachfolgenden Psychose zu betrachten. Auch 
sprechen sie zu Gunsten der Annahme eines Zusammenhangs der 


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Geistesstörung nach Kopfverletzung. 


95 


Geistesstörung des p. Lehmann mit der erlittenen Kopfverletzung, da 
nach wissenschaftlichen Erfahrungen gerade epileptische Anfälle nicht 
selten nach und in Folge von Kopfverletzungen zur Beobachtung ge¬ 
langen und man durchaus berechtigt ist, dieselben beim Mangel son¬ 
stiger ätiologischer, die Epilepsie begünstigender Momente mit höch¬ 
ster Wahrscheinlichkeit auf die erlittene Kopfverletzung zurückzu- 
fuhren; auch spricht hierfür, dass Lehmann weder früher jemals an 
epileptischen Anfällen gelitten hat, noch diese Anfälle seitdem jemals 
wiedergekehrt sind. 

Aus der Form der Geistesstörung selbst lassen sich zwar nach 
Angabe verschiedener Autoren keine absolut sicheren Schlüsse ziehen» 
da „die nach Kopfverletzungen folgenden Geistesstörungen keineswegs 
eine scharf charakterisirte Species bilden, sondern den verschiedensten 
Psychosen angehören, die in Verlauf und Ausgang wesentlich diffe- 
riren“ (Guder). 

Immerhin werden doch allgemeine Züge der nach Kopfverletzun¬ 
gen entstehenden Psychosen erwähnt; so ein das psychische Krank¬ 
heitsbild durchsetzender schwachsinniger Zug, eine grosse gemüthliche 
Reizbarkeit, Neigung zu Schwindelanfällen, subjective Empfindungen, 
eigenthümliche Gefühle in den Gliedern, im Unterleib, in der Brust, 
Kopfschmerzen (Guder). Prüfen wir nunmehr das Krankheitsbild des 
p. Lehmann auf diese gemeinsamen Züge hin, so finden wir darin 
fast alle angeführten Symptome in ausgeprägtem Maasse wieder. Der 
das psychische Krankheitsbild durchsetzende schwachsinnige Zug tritt 
beim p. Lehmann markant hervor, wie aus dem Gutachten des Dr. R. 
vom 14. September 1887, „Schwachsinn mit melancholischer Gemüths- 
verstimmung“, ferner aus der während der Beobachtung des p. Leh¬ 
mann in der Irrenstation der Charite dort gestellten Diagnose: Para¬ 
noia reiigiosa, Dementia. — evident hervorgeht, und auch in den im 
Dalldorfer Journal fixirten schwachsinnigen Grössenideen und in dem 
dort beobachteten lebhaften Sammeltrieb weitere Bestätigung findet. 
Mit -der grossen gemüthliehen Reizbarkeit“ kann man wohl das im 
Dalldorfer Krankenberichte journalisirte grobe und alberne Benehmen, 
das entschieden für Reizbarkeit des Gemüths spricht, in Parallele 
setzen. Die Neigung zu Schwindelanfällen finden wir im Dalldorfer 
Journal vom 12. December 1887 fixirt; auch über Kopfschmerzen 
klagt der Patient nach demselben Journal, und sehr charakteristisch 
und auffallend ist endlich die Uebereinstimmung zwischen „den eigen- 
thümlichen Gefühlen in den Gliedern, im Unterleib, in der Brust“ 


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9G 


Dr. I'et erssen- Börstel. 


und den Aufzeichnungen des Dalldorfer Journals: „Klagt über Drücken im 
Magen und unangenehmes Gefühl im Unterleib, die Arme seien ihm so matt, 
äussert fortgesetzt hypochondrische Klagen.“ Sonach zeigt das Krank¬ 
heitsbild, das der p. Lehmann geboten, in seinen Symptoraon vielfach 
eine hochgradige Uebereinstimmung mit denjenigen Zeichen, die als 
gemeinsame Züge der nach Kopfverletzungen entstehenden Psychosen 
angeführt werden, wodurch noch die Wahrscheinlichkeit wächst, dass 
die Seelenstörung des p. Lehmann auf die erlittene Kopfverletzung 
zurückgeführt werden muss. Unter Berücksichtigung der vorstehenden 
Ausführungen müssen wir demnach zu dem Schlüsse kommen, dass 
bei dem Mangel jedes anderen ursächlichen Momentes, bei dem Auf¬ 
treten von epileptiformen Anfällen und bei der Form der Seelen¬ 
störung des p. Lehmann, die in ihren Symptomen hochgradige Ueber- 
einstiramung mit denjenigen Zeichen zeigt, die als gemeinsame Züge 
der nach Kopfverletzungen entstehenden Seelenstörungen aufgeführt 
werden, es als höchst wahrscheinlich zu erachten ist, dass die Geistes¬ 
krankheit des p. Lehmann mit dessen Verletzung vom März vorigen 
Jahres in einem ursächlichen Zusammenhänge steht. 

Die leichte individuelle Prädisposition, die wir oben erwähnt 
haben, kann dabei nur als ganz allgemeine Basis für die Entwick¬ 
lung der Psychose betrachtet werden und vermindert die Wichtigkeit 
einer bestimmten Ge 1 egenheitsUrsache in keiner Weise. 

Mit absoluter Sicherheit hätte sich das Abhängigkeitsverhältniss 
zwischen Kopfverletzung und Seelenstörung im Falle Lehmann be¬ 
weisen lassen, wenn im baldigen Anschluss an die Kopfverletzung be¬ 
stimmte Symptome von Geistesstörung aufgetreten wären; da aber 
eine längere angeblich geistig normale Zwischenzeit zwischen der Kopf¬ 
verletzung und dem Ausbruche der Geisteskrankheit liegt, müssen wir 
unser Gutachten dahin abgeben, dass cs mit höchster Wahrscheinlich¬ 
keit anzunohmen ist, dass die Geisteskrankheit des p. Lehmann mit 
dessen Verletzung vom März vorigen Jahres in einem ursächlichen 
Zusammenhänge stehe. 


Für die gütige Erlaubniss zur Veröffentlichung vorstehenden Gut¬ 
achtens gestatte ich mir, meinem hochverehrten Chef, Herrn Director 
Dr. Sioli, meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 


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6 . 


Der lypaetisMs ii ftreasiseher Besiehaag. 

Von 

Dr. A. Sehnita in Bonn a./Rh. 

'Nach einem auf der 61. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu 
Köln a./Rb. in der Section für gerichtliche Uedioin gehaltenen Vortrage.) 


Karze Zeit, nachdem Mesmer im Jahre 1778 dem „andank¬ 
baren“ Wien den Rücken gekehrt and den Schauplatz seiner Wunder- 
thaten nach Paris verlegt hatte, verbreitete sich in der Seinestadt das 
Gerächt, in dem Hause des Herrn Mesmer kämen bei den magne¬ 
tischen Proceduren Anstand und gute Sitte arg in’s Gedränge. Dem 
»on dit“ folgte auf dem Fasse eine Denunciation bei Hofe, so dass 
König Ludwig XVI. sich veranlasst sah, eine besondere Commission 
mit dieser Angelegenheit zu betrauen. Der mit der Untersuchung be¬ 
auftragte Polizeilieutenant stellte an Deslou, den Helfershelfer Mes- 
mer’s, unter anderen verschiedene Fragen, welche sich auf den 
sexuellen Missbrauch der magnetisirten Personen bezogen. Die Ant¬ 
wort fiel bejahend aus, d. h. Deslou sagte und gab zu, dass eine 
magnetische oder in Krise befindliche Frau leicht missbraucht werden 
könne. Der Zeuge ging weiter und folgerte, dass deshalb nur Aerzte, 
welche durch ihren Stand zur Ehrenhaftigkeit verpflichtet seien, das 
Recht und Vorrecht haben dürften, den Magnetismus auszuüben’). 
Um mich mit dem Leser und besonders den älteren Herren Collegen 
zu verständigen, so nehme ich an — und dieses ist doch wohl 
die allgemein ärztliche Ansicht —, dass der vor, durch und nach 
Mesmer cultivirte animalische Magnetismus und der moderne Hypno¬ 
tismus identisch sind. So sagt auch M. Crocq*): „. . . il est övident 
que ces deux choses — le magnötisme animal et l’hypnotisme — se 
confondent. Ce qu’on nomme aujourd’hui hypnotisroe c’est ce que... 


*; ofr. Gilles de la Tourette, Der Hypnotismus und die verwandten 
Zustände vom Standpunkte der gerichtlichen Medioin. Autoris. deutsche Ueber- 
setzong. 1889. S. 9. 

*) Bulletin de 1’acaddmie royale de medecine de Belgique. IV. Serie. — 
Tome 11. No. 7. Anode 1888. S. 585. 


V|«n«ljahni6br. f. |«r. Mid. N. F. L*1I. 1. 

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98 Dr. Schm itz, 

on appelait le magnötisme animal. Ce sont choses absolument iden- 
tiques. “ 

Sowohl aus der eben mitgetheilten Pariser Untersuchung und 
nicht weniger aus den einschlägigen literarischen Arbeiten der da¬ 
maligen Zeit ersehen wir, dass gleich bei dem Emporblühen des ani¬ 
malischen Magnetismus auch auf die mit demselben verbundenen 
Nachtheile aufmerksam gemacht wurde, es war bekannt, dass der¬ 
selbe in den Händen des erfahrenen Arztes ein Heilmittel für manche 
Krankheitszustände darstelle, in den Händen des unerfahrenen, unge¬ 
bildeten und unwissenschaftlichen Amateurs oder Charlatans ein ebenso 
gefährliches, die Gesundheit des Geistes und des Körpers bedrohendes 
und schädigendes Agens, dem leichtsinnigen oder böswilligen Unter¬ 
nehmer ein Mittel zur Erreichung seiner verbrecherischen Absichten 
werden könne. 

In der wissenschaftlichen Ergründung der magnetischen bez. 
hypnotischen Erscheinungen sind die deutschen Forscher hinter den 
Ausländern nicht zurückgeblieben und haben die Arbeiten der letz¬ 
teren aufmerksam verfolgt. Das zeigt sich gleich beim ersten Blick 
in die betreffende Literatur. Von einer absichtlichen Vernachlässigung 
des Auslandes, wie es uns vorgeworfen worden ist, kann gar keine 
Rede sein. Aber auf der anderen Soite glaube ich sagen zu dürfen, 
dass es bei uns heute noch gerade so ist, wie zur Zeit Mesmer’s, 
dass unser Blut viel zu kalt ist und zu langsam rollt, um im ersten 
Augenblick alles bona fide hinzunehmen, was als wissenschaftliches 
Material zu importiren versucht wird, dass gerade die deutschen 
Männer, Dank ihrer gründlichen und exacten Forschungen, viel zu 
selbstständig sind, um sich vom Auslande imponiren zu lassen. Dieses 
war mehr weniger in früheren Zeiten so, dadurch hat sich in unseren 
Tagen die deutsche Wissenschaft so glänzend, wenn auch unter trau¬ 
rigen Verhältnissen bewährt und wir wollen hoffen, dass sie diesen 

guten Ruf bewahren wird. 

Unsere medicinischen Schulen gingen zu Anfang dieses Jahr¬ 
hunderts mit dem thierischen Magnetismus kritisch zu Werke und 

wenn das Problem damals ebenso wenig wie heute vom rein ärzt¬ 

lichen Standpunkte gelöst werden konnte, so machten die tüchtigsten 
Männer der Wissenschaft doch wenigstens den Versuch, die vielen un¬ 
antastbaren Phänomene zu ergründen und wissenschaftlich zu erklären. 
Die besten ärztlichen, physiologischen und philosophischen Journale 
öffneten gerne, zuweilen freilich zu leicht, ihre Spalten für Arbeiten 


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Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. 


99 


auf diesem Gebiet. Lesen wir Reil’s Archiv, durchblättern wir 
Hufeiand’s Journal, studiren wir Schelling’s Jahrbücher, überall 
finden wir das beste Zeugniss für das edle, rein wissenschaftliche 
Streben vieler deutschen Aerzte und Naturforscher der damaligen Zeit, 
den thierischen Magnetismus genauer zu erforschen. Den fremd¬ 
ländischen Auswüchsen und fränkischen Spielereien traten die ge- 
achtetsten und namhaftesten Kliniker der deutschen Hochschulen ent¬ 
gegen. Unter den vielen will ich nur zwei mit Namen nennen: zuerst 
Christian Friedrich Nasse, Professor und Director der medici- 
nischen Klinik der Rheinischen Hochschule, welcher ebenso wie der 
portugiesische Abb6 de Faria') die magnetischen Manipulationen, 
das Bestreichen und Berühren des Mediums im Gegensatz zu Mes¬ 
mer und Anderen für völlig überflüssig erklärte und deu festen Willen 
und die psychische Einwirkung des Magnetiseurs für allein ausreichend 
hielt. Mehr wie einer suchte der Bonner Kliniker die an das Wunder¬ 
bare grenzenden psychologischen Erscheinungen physiologisch zu er¬ 
klären. ln seiner Abhandlung: „Ueber das Schauen in die Zukuuft 
beim magnetischen Schlafwachen“ begrenzt er scharf dieses von ande¬ 
ren Experimentatoren so märchenhaft ausgedehnte Vermögen des Som¬ 
nambulismus. Von gleichem Ansehen als Forscher nach der Wahrheit 
in der Wissenschaft nenne ich den Verfasser der Makrobiotik, den 
unsterblichen Hufeland, welcher den Magoetiseurs scharf auf die 
Finger sah und die Angaben über Hellsehen, die Clairvoyance der Ge¬ 
brüder Puysögur mit ihren phantastischen und abenteuerlichen Er¬ 
klärungen für Täuschung oder Betrug erklärte*). Das herrlichste und 
beste Zeugniss stellte den deutschen Forschern aus Husson als 
Vorsitzender des Ausschusses der Academie royale de mödecine in 
seinem Berichte über den thierischen Magnetismus vom 13. December 
1825*). Der Franzose schliesst mit einem Appell an das französische 
Nationalgefühl: .Alle berühmten Männer des Nordens,“ sagt er, 
.haben sich mit dem Magnetismus beschäftigt und ihre Meinung 
darüber gebildet. Ist es nicht Ehrensache für die französischen Aerzte 
nicht hinter den deutschen Aerzten zurückzubleiben in der Erforschung 
dieser Erscheinungen. Dank diesen Forschungen hat man in jenen 

') De la cause du sommeil luoide ou 6tode la nature de l’bomme. par 
l’abbd de Faria. Paris 1819. Tome l, p. 41. Ref. Gilles de la Tourette, 
A. a. 0. S. 19. 

*) Haeser, Lebrboob der Gesohichteder Medioin. Jena 1881. II.Bd. S.788. 

s ) Gilles de la Tourette, A. a. 0. S. 98. 

T 

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100 


Dr. Schmitz 


Ländern die Anwendung des Magnetismus gesetzlich regeln können.. . . 
Ist nicht endlich die Zeit gekommen, wo die französische Medicin be¬ 
freit von Zwang . . . selbst zu untersuchen und zu beurtheilen anfangen 
darf, was an Thatsarhen von Männern bezeugt wird, deren Wahrhaftig¬ 
keit, Unabhängigkeit und Talent die ganze Welt ihre Huldigung dar- 
bringt! ** 

Einen neuen Aufschwung schien der thierische Magnetismus unter 
dem Namen des Hypnotismus im Jahre 1841 zu nehmen durch den 
englischen Forscher und Chirurgen James Braid in Manchester, zu¬ 
mal der hypnotische Zustand wegen seiner anästhesirenden Erschei¬ 
nungen geeignet erschien, in die Chirurgie eingeführt zu werden. In- 
dess konnte Braid’s Hypnose nicht in die Schranken treten, mit dem 
Chloroform, welches im Jahre 1846 zuerst von Simpson in Edin- 
burg als Anaestheticum bei Operationen empfohlen wurde, mit einem 
Mittel, bei dessen Anwendung die Herbeiführung des erwünschten 
Schlafes von dem Chirurgen und nicht von der Disponibilität des 
Patienten abhängig war. 

Der schlummernde Magnetismus trat wieder auf die Weltbühne 
im Jahre 1879 besonders in Folge der Schaustellungen des dänischen 
Impresario Carl Hansen und Anderer, durch welche deutsche For¬ 
scher, unter ihnen an erster Stelle Rudolf Heidenhain, Professor 
der Physiologie in Breslau, bewogen wurden, sich mit den Erschei¬ 
nungen des Hypnotismus wissenschaftlich zu beschäftigen und für die 
Phänomene eine physiologische Erklärung zu suchen. In Heiden- 
hain’s Fussstapfen traten Andere, welche ich hier nicht alle nennen 
kann und will; und heute findet man von diesem oder jenem For¬ 
scher Mittheilungen fast in jedem ärztlichen Tageblatt. Also zurück¬ 
geblieben in der wissenschaftlichen Erforschung des Hypnotismus sind 
wir keineswegs. Aber die von Liögeois angeregte Frage der Be¬ 
ziehungen des Hypnotismus zum Civil- und Kriminalrecht, welche 
in den letzten 5 Jahren Gegenstand lebhafter Erörterung war, und an 
deren Discussion sich als französische Vertreter des raedico-legalen 
Standpunktes besonders Charcot, Brouardel, Mesnet und Gilles 
de la Tourette betheiligten'), ist von anderen Forschern, besonders 
solchen der Nancy er Schule, in falscher Weise beantwortet worden. 
Deshalb dürfte es wohl der Mühe sich lohnen, offen Stellung zu dieser 


') Alb. Freiherr von Schrenck-Notzing, Ein Beitrag zur therapeu¬ 
tischen Verwerthung des Hypnotismus. Leipzig 1888. S. 28. 


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Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. 101 

Frage zu nehmen und den Hypnotismus gerade in forensischer Be¬ 
ziehung näher zu beleuchten. 

Während de la Tourette die Hypnose als Therapeuticura nur 
auf die Hysterie mit ihren mannigfachen Erscheinungen beschränkt, 
ist sie von anderen Autoren zur Anwendung gekommen bei einer 
grossen Zahl von Nervenkrankheiten mit den verschiedensten Sensi- 
bilitäts- und Motilitätsstörungen: Ausser der Hysterie auch bei Epi¬ 
lepsie, Neurasthenie, Nervosität, Kopfschmerz, Migräne u. s. w.; dann 
mit mehr oder weniger Erfolg bei chronischen Intoxicationen, bei Alko¬ 
holikern und Morphinisten, in der Chirurgie und Gcburtshülfe. Wenn 
ich nun die Herbeiführung des hypnotischen Zustandes zu Heilzwecken 
für zulässig erklären muss, so kann ich auf der anderen Seite nicht 
unterlassen, auf die Gefahren bei der Anwendung des Hypnotismus 
hinzuweisen. Möbius 1 ) sagt zwar, die Frage, ob durch das Hypno- 
tisiren an den Versuchspersonen pathologische Veränderungen bewirkt 
werden könnten, sei grundlos bejaht worden; alle vorurtheilsfreien 
Beobachter stimmten darin überein, dass dauernde Schädigungen der 
Versuchspersonen nie und nirgends beobachtet worden seien. Ver¬ 
fasser widerlegt sich aber solbst, wenn er kaum einige Zeilen weiter 
schreibt: „Von vielen Personen wird nach der Hypnose über Be¬ 
nommenheit des Kopfes, von einigen über Kopfschmerz, Schwindel, 
Uebelkeit geklagt. Diese Symptome können mehrere Stunden an- 
halten; auch eine gewisse nervöse Reizbarkeit hinterlassen die Ver¬ 
suche bei empfindlichen Personen. Sonst nichts.“ Ist das denn nicht 
genug, um mit gutem Gewissen von schädlichen Einflüssen und Ge¬ 
fahren für die Gesundheit durch Hypnotisirung zu sprechen?! Möbius 
wird in seiner Darstellung der Ungefährlichkeit des hypnotischen Zu¬ 
standes secundirt von Bernheim 2 ). „Die Hypnose,” sagt letzterer 
Autor, „ist kein krankhafter Zustand, sie schafft keine neuen Func¬ 
tionen oder aussergewöhnlichen Erscheinungen, sondern sie entwickelt 
nur, was bereits im wachen Zustande vor sich geht, sie steigert ver¬ 
möge der mit ihr verbundenen psychischen Veränderung die Suggerir- 
barkeit, die wir Alle normaler Weise bis zu einem gewissen Grade 
besitzen. Sie verändert unseren psychischen Zustand nur in dem 


*) P. Jol. Möbius, Ueber den Hypnotismus. Schmidt’s Jahrbücher Bd. 190, 
Jahrg. 1881, No. 4, S. 87. 

2 ) H. Bernheim, Die Suggestiou und ihre Heilwirkung. Autoris. deutsche 
Ausgabe von Sigm. Freud. Leipzig 1888. S. 136. 


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Dr. Schmitz, 


Sinne, dass die nun anlangenden Eindrücke und Sinnesbilder sich mit 
grösserer Lebhaftigkeit und grösserer Schärfe ausprägen.“ Indirect 
gesteht der französische Forscher doch ein, dass die Hypnose kein 
normaler, mithin ein abnormer Zustand ist mit gesteigerter Erregbar¬ 
keit der Psyche. Zwischen diesem und dem krankhaften wird auch 
Herr Bernheim nicht immer die Grenze ziehen können. Gegen Ende 
seines Werkes 1 ) kommt der Autor dann noch einmal auf die „Gefahren 
des Hypnotismus“ zu sprechen und muss einräumen, dass der hyp¬ 
notische Zustand genug derselben in sich birgt, welche er theilweise 
offen zugesteht, theilweise erst durch weitere Resultate constatirt 
wissen will. Wiewohl ich nach meinen Erfahrungen in vielen Punkten 
Bernheim's Ansichten widersprechen muss, so stimme ich doch darin 
mit ihm überein, dass die eventuellen Schädlichkeiten eines Mittels 
uns nicht abhalten können, von seinen guten Eigenschaften Gebrauch 
zu machen. Was in dieser Hinsicht von Morphium, Alkohol 3 ) etc. 
gilt, ist auch für den Hypnotismus zutreffend. 

Den wenigen Forschern, welche die Schädlichkeiten des hypno¬ 
tischen Zustandes mehr oder weniger ableugnen, stehen viele gegenüber, 
welche auf diese Gefahren hinweisen und Beispiele anführen. Ein 
näheres Studium der Geschichte des thierischen Magnetismus belehrt 
uns, dass schon die älteren Autoren wiederholt auf die Gefahren 
durch denselben hingewiesen haben. So sagt, um nur ein Beispiel 
anzuführen, bereits H. Schwarzschild 8 ): „Der Arzt, der vorsichtige 
Arzt, muss sowohl den Charakter der Krankheit kennen als auch die 
richtige Anwendung des thierischen Magnetismus. Er muss vor Allem 
wissen, wann er zu beginnen und wann er aufzuhören hat. Zulange 
fortgesetzte Behandlung erschlafft oder überreizt die Nerventhätigkeit. 
Beides^hat seine schädlichen Folgen. Der Operateur versündigt sich 
und vergeht sich gegen die Gesundheit seines Mitmenschen.“ 

Auch in der neueren Literatur haben sich Beispiele genug ange¬ 
sammelt, welche für die Gefährlichkeit des Hypnotismus hinreichend laut 
reden. So theilte Finkelnburg 4 ) auf dem Congresse für innere 


*) A. a. 0. S. 410. 

3 ) A. Schmitz, Der Weingeist als Heilmittel. Prager medicin. Wooben- 
sohrift 1878. 

8 ) H. Scbwarzsohild, Magnetismus, Somnambulismus, Clairvoyance in 
12 Vorlesungen. 2 Bde. Cassel 1853/54. II. Bd. S. 264. 

4 ) Verhandlungen des Congrosses für innere Medioin. Wiesbaden 1882. 
S. 141. 


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Der Hypnotismus in forensisoher Beziehung. 


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Medicin zu Wiesbaden 1882 einen Fall evidenter Gesundheitsschädi¬ 
gung durch hypnotisirende Einwirkung mit. Aehnliche Fälle habe 
ich in meiner Praxis beobachtet und stimme ganz mit de la Tou¬ 
ret te‘) überein, wenn er schreibt: „Nichts ist geeigneter, Hysterie 
zu erzeugen als der Hypnotismus. Bei Hysterischen selbst kann er 
grosse Unzuträglichkeiten haben.“ Wenn hier und da in der Literatur 
betont wird, häufig hypnotisirte Personen hätten die Gefährlichkeit 
ihres Zustandes eingesehen, ihr Traumleben selbst geschildert, Ekel 
davor empfunden und Heilung von einem solchen Zustande gesucht, 
so kann ich die Zahl dieser Fälle um mehrere vergrössern. Nicht nur, 
dass Kranke, an chronischem Alkoholismus oder Morphinismus lei¬ 
dend, bei mir Hülfe suchten, ich hatte auch Gelegenheit, Personen zu 
behandeln, deren Nervensystem zerrüttet war, zum nicht geringsten 
Theile durch daheim häufig, an einem Tage oft mehrmals, vorgenom¬ 
mene Hypnotisirung. Eine Dame verlangte von mir wiederholt in den 
hypnotischen Zustand versetzt zu werden, weil sie in demselben allein 
sich noch behaglich und wohl fühle, während desselben angenehme 
Träume und woblthuende Empfindungen habe, ausserhalb des Traum¬ 
lebens sich aber selbst zur Last wäre. Ein Herr, Neurastheniker, 
motivirte mit ähnlichen Klagen das Verlangen nach der Hypnose. Sie 
litten neben ihrem Nervenleiden an „Hypnomanie“. Die Unheilstif¬ 
ter waren in diesen Fällen keine Aerzte, sondern Laien, sog. Heil¬ 
magnetiseure, welche die »Wunderkuren* ausführten und die Gesund¬ 
heit ihrer Mitmenschen auf diese Weise schädigten. Wir sehen also, 
wohin es führt, wenn ein so gefährliches Medicament auf den Markt 
geschleudert, von gewissenlosen oder unberufenen Personen verabreicht 
wird. Deshalb wohl ist in allen neuoren Werken über Hypnotismus 
auch nur von der Ausübung desselben durch Aerzte die Rede. So 
sagt v. Schrenck 2 ): »Die Gefährlichkeit der Hypnose hängt in den 
meisten Fällen von der Uebung des Arztes ab; und die Simulation 
ist zweifelsohne, heute wenigstens, eine viel seltenere Erscheinung wie 
Unkenntniss und mangelhafte Uebung der Aerzte den hypnotischen 
Proceduren gegenüber.* Da der Hypnotismus auch in den Händen 
des Arztes kein indifferentes Mittel ist, sollte man nur in solchen 
Fällen zur Hypnose, zur Psychotherapeutik, seine Zuflucht nehmen, 
in denen andere Behandlungsmethoden nichts nützen oder grössere 

1 ) Q. de la Tourette, a. a. 0. S. 305. 

*) Albert, Freiherr v. Sohrenok-Notzing, a. a. 0. S. 54. 

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Dr. Schmitz, 


Gefahren mit sich bringen. Deshalb mahnt auch M. Gluge 1 ) daran, 
dass der Gebrauch des Hypnotismus nicht ohne Gefahr für die Kran¬ 
ken, noch für die gesunden Personen ist. 

Wenn ich hoffen darf, die mit der Einleitung des hypnotischen 
Zustandes für die Gesundheit verbundenen etwaigen Gefahren genügend 
nachgewiesen zu haben, so ist die Staatsbehörde nicht nur berechtigt, son¬ 
dern verpflichtet, dem Laien die Vornahme dieser Proceduren zu untersagen. 

Möbius hat inzwischen auch wohl seine Ansicht geändert und 
wirft den Regierungen nicht mehr ein ungerechtes Verfahren gegen 
die Wander- und Wundermagnetiseure vor, wie es an genannter Stelle 
von ihm geschieht. (Jebrigens sind die von den verschiedensten Re¬ 
gierungen getroffenen Massregeln, betreffend die Vurnahme des thieri- 
schen Magnetismus, nicht nur neuesten Datums. Soviel ich aus der 
Literatur ersehen konnte, ging Preussen ziemlich zuerst vor. Unter 
dem 7. Januar 1817 2 ) erschien eine Ordre von König Friedrich 
Wilhelm III., in welcher sich der hohe Sinn für Kunst und freie Wissen¬ 
schaft, wie er unserem Herrscherhause stets eigen war und ist, zu er¬ 
kennen giebt: „Ich will mir,“ heisst es da, „über den Magnetismus 
kein Urtheil gestatten, da Ich überhaupt der Meinung bin, dass die 
Regierung über wissenschaftliche Gegenstände nicht entscheiden, diesen 
den freiesten Spielraum lassen und nur die Hindernisse wegräumen 
müsse, die sich ihnen etwa entgegensetzen.“ .... Jedoch heisst es 
sub 3: „Damit einstweilen der Missbrauch möglichst verhütet werde, 
soll nur gesetzlich approbirten Aerzten erlaubt sein, magnetische 
Kuren vorzunehmen.“ Da nach der Gewerbeordnung für das deutsche 
Reich das Kuriren und Heilen von Krankheiten freigegeben ist, so ist 
damit auch die erwähnte preussischc Verordnung nicht mehr zu Recht 
bestehend zu betrachten; schwer wird es halten, den Hypnotiseuren, Heil¬ 
magnetiseuren und den neuerdings erstandenen Magnetopathen von 
Gesetzeswegen beizukommen. Nur dann werden sie, wie jeder Andere, 
zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie sich gegen die 
§§ 223 ff. des D. St.-G.-B. vergehen, wenn die für die Versuchsperson 
stattgehabten schädlichen Folgen der Hypnotisirung, im Sinne des 
Gesetzes Körperverletzungen, nachgewiesen werden. Um die durch 
Hypnotisirung, sei es zu Heilzwecken oder zu Schaustellungen ge- 

*) Bulletin de l’acadömie royale de mädecin de Belgique. IV. Serie. 
Tome II. No. 8. A. 1888. 

*) W. Horn, Das preussische Medicinalwesen. Berlin 1863. II. Theil. 
S. 183. 


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Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. 


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setzten und verursachten nachtheiligen Folgen für Körper und Geist 
zu ahnden, bedarf es keiner neuen Strafparagraphen, indem die im 
Strafgesetzbuche vorhandenen vollkommen ausreichen. In den wenig¬ 
sten Fällen werden die §§ 223—229 zur Anwendung kommen, indem 
die vorsätzliche und beabsichtigte Körperverletzung kaum, und 
nur die beabsichtigte Hervorrufung des hypnotischen Zustandes nach¬ 
gewiesen werden kann. Um so mehr werden die Aerzte und die 
fahrenden Magnetiseure die §§ 230 und 232 zu beachten haben, von 
denen der erstere lautet: „Wer durch Fahrlässi gk eit die Körper¬ 
verletzung eines Anderen verursacht, wird mit Geldstrafe bis zu 
neunhundert Mark, oder mit Gefängniss bis zu zwei Jahren bestraft.“ 

„War der Thäter zu der Aufmerksamkeit, welche er aus dem 
Auge setzte, vermöge seines Amtes, Berufes oder Gewerbes besonders 
verpflichtet, so kann die Strafe auf drei Jahre Gefängniss erhöht 
werden.“ 

Vielfach ist die Frage aufgeworfen worden, so von Ludwiger 
in der Jahressitzung des Vereins der deutschen Irrenärzte im Jahre 
1887 in Frankfurt a. M., dann von der Pariser und Nancy’er Schule, 
ob Personen gegen ihren Willen in den hypnotischen Zustand ver¬ 
setzt werden könnten, ßernheim beantwortet diese Frage verneinend. 
„Es giebt,“ sagt er, „keinen Magnetiseur und kein magnetisches Flui¬ 
dum. Weder Donato noch Hansen können sich besonderer hypno¬ 
tischer Kräfte rahmen, der provocirte Schlaf hängt nicht vom Hypno¬ 
tiseur, sondern vom Hypnotisirten ab; es ist sein eigener Glaube, der 
ihn einschlafen macht, es kann auch Niemand gegen seinen 
Willen hypnotisirt werden, welcher der Aufforderung widersteht.“ 
Die allgemeine Ansicht wendet sich gegen die Bernheim ’schen Doc- 
trinen, die Forschung hat die Frage doch theilweise bejaht und zwar 
für die Fälle, in denen es sieh um sensible, entweder schon mehrfach 
hypnotisirte oder überhaupt leicht hypnotisirbare Individuen handelt. 
Ich verweise hier schon auf den unten von Dr. Grützner mitgetheilten 
Fall. Dr. v. Lilienthal 1 ) hat auch die Frage der Einwilligung zur 
Hypnotisirung nicht unberücksichtigt gelassen. „Es fällt unter den 
§ 239 St.-G.-B.,“ sagt er, „jede widerrechtliche, d. h jede Hypno- 
tisirang, welche gegen den Willen des Hypnotisirten vorgenommen 
wird, sofern nicht für den Hypnotisator ein besonderes Recht zum 
Handeln besteht.“ Dieses Recht dürfte für den Arzt in den meisten 

‘) t. Lilienthal, Der Hypnotismus und das Strafrecht. Zeitsohr. für die 
gesammte Strafrechtswissenschaft. VII. Bd. Leipzig 1887. S. 373. 


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Dr. Schmitz, 


Fällen gegeben sein. Wenn aber v. Lilienthal nnr diejenigen 
Hypnotisirungen zu Heilzwecken für straflos erklären möchte, welche 
zwar nicht gegen, aber doch ohne den Willen des Individuums vor* 
genommen werden, so halte ich diese Begrenzung für zu enge. Denn 
ebenso wie ich den Patienten behufs Vornahme einer Operation auch 
gegen seinen Willen mit Chloroform einschläfere, ohne mich gegen 
die §§ 239 oder 240 zu verfehlen, ebenso werde ich auch in passen¬ 
den Fällen als Arzt straflos handeln müssen, wenn ich die Hypnose 
zum Besten, aber gegen den Willen des Patienten ausführe. Denn 
eine Gewaltanwendung im Sinne des St.-G.-B.’s würde nur vorliegen, 
wenn die Einleitung der Hypnose zu verbrecherischen Zwecken beab¬ 
sichtigt wäre, ln diesem Falle würde, da durch die Versetzung in 
den hypnotischen Zustand das Bewusstsein schwindet und häufig die 
Willensherrschalt aufgehoben wird, die Versuchsperson nach § 239 
St.-G.-B. des Gebrauchs der persönlichen Freiheit beraubt, beziehent¬ 
lich nach § 240 zu einer Handlung oder Duldung genöthigt. 

Bereits sagte ich, dass die einzelnen Personen und unter diesen 
besonders die zu Demonstrationen verwendeten Medien durch unvor¬ 
sichtige, unzweckmässige oder leichtsinnige Hypnotisirungen an ihrer 
Gesundheit körperlich und geistig häufig geschädigt werden, dass das 
Gefühl für Anstand und gute Sitte durch die öffentlichen Schaustel¬ 
lungen mit der Zeit verloren geht oder doch schwere Einbusse er¬ 
leidet. Diese Thatsachen lassen sich nicht wegleugnen. Aber nicht 
nur für das betreffende Medium, sondern auch für die anwesenden 
Personen bergen die öffentlichen Experimente, die Theater¬ 
vorstellungen, genug Gefahren. Bereits in dem zur Untersuchung des 
Mesmerismus erschienenen Berichte der Socißte royale de mödecine, 
welcher uns von Burdin und Dubois in der Histoire acadömique du 
magn^tisme animal, Paris, 1841, p. 92—102 erhalten ist, wird ge¬ 
sagt, dass die öffentlich vollführten Kuren durch Behandlung mit 
thierischem Magnetismus ausser den angezogenen Unträglichkeiten — 
dieser Ausdruck bezieht sich auf § 177 des D. St.-G.-B.’s —, noch 
die Gefahr haben, dass eine grosse Anzahl übrigens gesunder Menschen 
der Gelegenheit ausgesetzt werde, in spasmodische und convulsivische 
Zustände zu verfallen, die leicht die Quelle grösserer Leiden werden 
können. De la Tourette') berichtet uns, dass nach den öffentlichen 
Vorstellungen, die der Magnetiseur Donato im Winter 1880/81 in 


') Gilles de la Tourette. A. a. 0. S. 345. 


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Der Hypnotismus in forensisoher Beziehung. 


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der französischen Schweiz gab, sich in den Hanptorten des Landes 
wie in Breslau nach den Hansen'*sehen Sitzungen, ein wirkliches 
.magnetisches Fieber“, Magnetismus-Wuth, besonders unter der Ju¬ 
gend, einstellte. Auf der 53. Versammlung der deutschen Natur¬ 
forscher and Aerzte zu Danzig im Jahre 1880 führte Dr. Grützner, 
damals Assistent am Breslauer physiologischen Institut, vor einer 
grossen Anzahl von Mitgliedern einige hypnotische Experimente vor 
und theilte bei dieser Gelegenheit den Fall eines Artillerieoffiziers 
mit, der für den Hypnotismus so stark empfänglich war, dass er 
selbst als Zuschauer bei den Versuchen nicht zugegen sein konnte, 
ohne Gefahr zu laufen, in Hypnose versetzt zu werden. Nicht arm 
ist die Literatur an solchen Beispielen; nur würde es zu weit führen, 
sie einzeln hier aufzuzählen. 

Weil man die Gefahren der öffentlichen hypnotischen Vorstel¬ 
lungen erkannte, wurden dieselben in einigen Ländern neuerdings 
verboten. Prof. Herrn. Friedberg behandelte in der juristisch¬ 
staatswissenschaftlichen Section der schlesischen Gesellschaft für vater¬ 
ländische Cultur in Breslau am 10. März 1880 die Frage des Hypno- 
tisirens vom Standpunkte des Gerichtsarztes 1 ) und erklärte die Vor¬ 
nahme von hypnotischen Experimenten in öffentlichen Schaustellungen 
mindestens für groben Unfug (§ 360, No. 11). Die Polizei sollte 
solche Schaustellungen schon desshalb nicht gestatten, weil es den 
Rücksichten auf die geistige und sittliche Ausbildung des Volkes 
nicht entspräche, Proceduren zu zeigen, welche unbegreiflich erschienen 
und Aberglauben zu erwecken geeignet wären, Menschen als bewusst-, 
willen- und gefühllose Automaten vorzuführen, um durch den unheim¬ 
lichen Anblick io Staunen zu versetzen. Ausserdem entstände durch 
jene Schaustellungen die Gefahr, dass manche Zuschauer das Hypno- 
tisiren erst kennen lernten und es später missbrauchten. M. Gluge 2 ) 
kommt in der Discussion über den Hypnotismus zu folgendem Schlüsse: 
,Pour moi, l’hypnose est un £tat d’ali£nation mentale artificielle, 
dans les sens littöral du mot; et je suis d'avis, qu’il faut döfendre 
les söances publiques d’hypnotisme, comme on defendrait l’exhibition 
des ali£n£s, si un spöculateur s’avisait de l’entreprendre pour l’amuse- 
ment du public. “ Entsprechend diesen Schlussfolgerungen erging in Oester¬ 
reich 1880 und in Italien 1886 das Verbot der öffentlichen Vorstellun- 

*) Deutsche medic. Wochenschrift 1880. No. 21. S. 280. 

*) Bulletin de l'ac&dlmie royale de medeoine de Belgique. Seance du 

29. Sept. 1888. 


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Dr. Schmitz, 

gen 1 ). Durch die im Gefolge von Hansen’s Experimenten eingetretenen 
Ungliicksfällc sah sich die Wiener Polizeibehörde am 12. Februar 
1880 veranlasst, eine ärztliche Commission mit der Untersuchung 
dieses Gegenstandes zu beauftragen, ln Folge des von dieser unter 
Vorsitz E. Hofmann’s abgegebenen Gutachtens wurden die weiteren 
Schaustellungen untersagt. In Italien, besonders in den Städten Mai¬ 
land und Turin, kam in Folge der durch die Vorstellungen des schon 
genannten Magnetiseur D'hont, genannt Donato, hervorgerofenen 
Unfälle die Frage nach der Schädlichkeit der hypnotischen Schau¬ 
stellungen vor den obersteu Gesundheitsrath in Rom, welcher nach 
eingehender Prüfung in den Sitzungen vom 10., 11., 13. und 14. Juni 
1886 den Beschluss fasste: „Die Schaustellung des Hypnotismus (Magne¬ 
tismus, Messmerismus, Fascination) in öffentlichen Versammlungen ist zu 
verbieten.“ Auch in Preussen erging eine Verfügung an die Königliche 
Regierung zu N. und abschriftlich an die übrigen Königlichen Regie¬ 
rungen resp. Regierungspräsidenten, die Untersagung der Veranstaltung 
öffentlicher Vorstellungen der Magnetiseure betreffend, vom 12. Mai 
1881, welche ich in der medicinischen Literatur nicht gefunden habe 
und deshalb hier folgen lasse. Sie lautet: »Der an den damaligen 
Herrn Minister des Innern erstattete Bericht der Königlichen Regie¬ 
rung vom 29. November v. J. hat Veranlassung gegeben, über die 
Frage, ob dem sogenannten Magnetiseur H. aus K. in diesseitigem 
Staatsgebiete die Veranstaltung öffentlicher Vorstellungen zu gestatten 
sei, die gutachtliche Aeusserung der Königlichen Wissenschaftlichen 
Deputation für das Medicinalwesen einzuholen. 

Das in Folge dessen abgegebene Gutachten gelangt zu dem Re¬ 
sultate, dass es sich bei den gedachten Vorstellungen um physio¬ 
logische Experimente handele, welche die Möglichkeit einer Schädigung 
der Gesundheit der dabei als sogenannte Medien benutzten Personen 
mindestens sehr nahe legen. 

Wir beauftragen unter diesen Umständen die Königliche Regie¬ 
rung, die Polizeibehörde Ihres Bezirks dahin anzuweisen, dass dem 
etc. H. oder anderen sogenannten Magnetiseuren die Veranstaltung 
öffentlicher Vorstellungen nicht ferner gestattet werde. Berlin, den 
12. Mai 1881. Der Minister der geistl., Unterrichts- und Medicinal- 
Angelegenheiten. Der Minister des Innern“ 3 ). 


*) de la Toureite, a. a. 0. S. 494. 

-) Minist.-Blaltf.d.ges. innere Verwaltung. 42. Jahrg. 1881.No. 11 l.S. 170. 


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Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. 


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Nachdem wir den Hypnotismus in sanitätspolizeilicher Beziehung, 
in seinen schädlichen Folgen für die Gesundheit des einzelnen Indi¬ 
viduums, also unter dem Gesichtspunkte der Körperverletzung und in 
seinen Gefahren für die Gesellschaft kennen gelernt haben, kommen 
wir zur Betrachtung desselben von der criminellen Seite. Dieser Theil 
der Lehre des modernen Hypnotismus ist für den Gerichtsarzt der 
wichtigste, weil in foro am häufigsten vorkommende, aber auch 
schwierigste. Die ira hypnotischon Zustande befindlichen Personen 
können in demselben geschändet werden entweder von dem Hypnoti¬ 
seur oder von einer dritten Person. An Thatsachen für diese Be¬ 
hauptung liefert die Geschichte des Magnetismus eine ganze Fülle; 
und kein Arzt, der sich mit diesem Heilverfahren näher bekannt ge¬ 
macht hat, wird die Möglichkeit solcher Verbrechen an hypnotisirten 
Frauen auch uur einen Augenblick in Zweifel ziehen können. Prof, 
v. Lilienthal sagt in seiner genannten Abhandlung 1 ): „Dass Hyp- 
nofisirte zum Opfer verbrecherischer Angriffe geworden sind, ist wieder¬ 
holt vorgekoramen — alle diese Fälle stellen sich als geschlechtliche 
Vergewaltigungen dar, nur höchst selten, wie in dem von Du Potet 
in seinem Trait£ complet de magnetismc (1821) mitgetheilten Falle, 
kommt der Thatbestand der Entführung hinzu.® „Der eigentliche 
strafrechtliche Kernpunkt,® heisst es an anderer Stelle 2 ) „aller hierher 
gehörigen Erscheinungen liegt in dem Einflüsse, welchen die Hypnose 
auf die Freiheit sowohl der Willensäusserung, als der Willensent- 
schMessung auszuüben vermag. Dieser Einfluss besteht darin, dass 
der Hypnotisirte entweder in körperliche Unfreiheit, in Katalepsie 
oder Lethargie verfallt, oder im somnambulen Zustande den Befehlen 
des Hypnotiseurs gehorcht und seinen Willen dem des letzteren unter¬ 
ordnet. “ 

Charcot und seine Schüler nehmen drei typische Grundzustände 
des Hypnotismus an, welche ich an dieser Stelle zum leichteren Ver¬ 
ständnisse der in Rede stehenden Fragen im Gegensatz zu anderen 
complicirten Eintheilungen des hypnotischen Zustandes auch zu Grunde 
lege, indess in umgekehrter, der Wirklichkeit näher kommender 
Reihenfolge. Diese Zustände sind der somnambulische, der kata- 
leptische und der lethargische. Jeder von diesen hat seine besonderen 
Gefahren. „Das Individuum in Katalepsie und besonders in Lethargie," 

A. a. 0. S. 351. 

J ; A. a. 0. S. 360. 

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Dr. Schmitz, 


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sagt de la Tourette 1 ), „kann sehr leicht der Lüsternheit des Magne¬ 
tiseurs zum Opfer fallen; der Somnambule kann in den Händen eines 
Gewissenlosen zum unbewussten Werkzeug werden, das nicht zur Ver¬ 
antwortung gezogen und unter Umständen sehr gefährlich worden 
kann; denn er ist leicht für die verschiedensten Befehle zugänglich." 
Die Richtigkeit dieser Annahme einstweilen vorausgesetzt — wir wer¬ 
den weiter unten sehen, dass dieselbe doch nicht ganz den That- 
sachen entspricht —, so stehen die Hypnotisirten mit Geist und 
Körper zur Verfügung des Hypnotisirenden und stellenweise nicht nur 
des letzteren, sondern dio in Hypnose versetzte Person ist während 
der Katalepsie und Lethargie in Folge der Bewegungsunfähigkeit und 
Empfindungslosigkeit den Angriffen eines Jeden ausgesetzt, welcher 
sie in diesem Zustande missbrauchen will (v. Lilienthal, S. 360). 
In einzelnen Lehrbüchern der gerichtlichen Medicin ist auch des Hyp¬ 
notismus mit Bezug auf die uns beschäftigende Frage gedacht worden. 
So sagt Krafft-Ebing 2 ): „Wichtiger, als nämlich die Fälle von An¬ 
wendung roher Gewalt zur Erreichung der verbrecherischen Absicht, 
sind die Zustände von Willen- resp. Bewusstlosigkeit, wo durch raffi- 
nirte Mittel (Narcotica, Aether, Chloroform, Chloralhydrat, starke 
Weine etc.) oder bei besonders Disponirten (meist Hysterische) durch 
sogenannten Magnetismus, Hypnotismus etc. ein temporärer Zu¬ 
stand der Willen- und Bewusstlosigkeit herbeigeführt wurde.“ In spä¬ 
ter erschienenen deutschen Werken über gerichtliche Medicin suche ich 
vergebens nach der Erwähnung der Verbrechen in hypnotischem Zu¬ 
stande. Ich will uur Johann Ludwig Casper’s Handbuch von C. Li man 
anführen, welches auch in der neuen Auflage dieses Kapitel mit Still¬ 
schweigen übergeht. In der Casuistik über Nothzucht an Erwachsenen 
werden in letztgenanntem Buche Fälle, z. B. No. 64 und 73 2 ), mit- 
getheilt, welche in foro vielleicht einen anderen Verlauf genommen 
haben würden, wenn die Sache von dem Standpunkte des Hypnotis¬ 
mus einmal aufgefasst und klargelegt worden wäre. 

Bernheim 4 ) und de la Tourette theilen uns aus dem Ge- 


') de la Tourette, a. a. 0. S. 328. 

3 ) R. v. Krafft-Ebing, Lehrbuch der gerichtliohen Psychopathologie. 
Stuttgart 1875. S. 290. 

3 ) G. Li man, Handbuch der gerichtlichen Medicin. 7. Auflage. II Bde. 
Berlin 1881/82. I. Bd. S. 143 u. 155. 

4 ) H. Bernheim, - Die Suggestion und ihre Heilwirkung. Autorisirte 
deutsche Ausgabe von S. Freud. Leipzig und Wien 1888. 


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Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. 1 1 1 

richtssaale mehrere durch Schändung von Frauenspersonen in der 
Hypnose begangene Verbrechen als traurige Beispiele mit, wohin solche 
Mittel in den Händen Unberufener oder schlechter Individuen führen 
können. An dieser Stelle kaun ich nicht umhin, mich gegen eine 
Aeusserung v. Lilienthal’s zu wenden. Gr sagt 1 ): „Es ist der Arzt, 
welcher eine Frauensperson zu wissenschaftlichen Versuchs- oder zu 
Heilzwecken hypnotisirt hat und nun in einem Augenblick geschlecht¬ 
licher Erregung die Hypnotisirte missbraucht, nicht anders zu beur- 
theilen, als ein hinzukommender Dritter, welcher sich diesen von ihm 
nicht herbeigeführten Zustand zu nutze macht." Diesen juristischen 
Anschauungen halte ich gegenüber die Gingangs dieser Arbeit citirte 
Aussage Deslou’s. Wenn der § 174 des Strafgesetzbuchs für das 
Deutsche Reich auch nur Anstaltsärzte mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren 
bestraft, welche mit den in die Anstalt aufgenommenen Personen un¬ 
züchtige Handlungen vornehmen, so ist meines Grachtens ebenso straf¬ 
fällig der Arzt, welcher das Vertrauen des Kranken in so schnöder 
Weise missbrauchen würde; seine Schuld ist grösser als die des Laien. 

Freier Wille und Zustimmung auf der einen Seite, Zwang und Ver¬ 
gewaltigung auf der anderen Seite spielen bei den Gerichtsverhand¬ 
lungen wegen sexueller Vergehen immer eine grosse Rolle. Besonders 
ist dieses bei den Processen der Fall gewesen, wo die Hypnotisirung 
in Frage kam. Der der Nothzucht beschuldigte Angeklagte sagt 
bestimmt aus, die betreffende Person habe sich ihm freiwillig hinge¬ 
geben, während die Gegenrede der Klägerin lautet, sie sei von dem 
Thäter in einen willen- und bewusstlosen Zustand versetzt worden. 
Schwierig sind diese Fälle nicht weniger für den Richter als für den 
ärztlichen Sachverständigen. Wenn in solchen verworrenen Kriroinalfra- 
gen des letzteren Hülfe in Anspruch genommen wird, kann ihm nur die 
Aufgabe zufallen, nachzuweisen, ob Klägerin leicht hypnotisirbar ist, 
vielleicht durch Berührung von sog. hypnogenen Zonen, ohne sich auf 
den Nachweis einzulassen, dass zur Zeit der oft nicht bestrittenen 
That ein willen- oder bewusstloser Zustand vorlag, oder dass Inculpat 
sich des möglichen willenlosen Zustandes der gebrauchten Person be¬ 
wusst war. 

Leichter wird für den Sachverständigen die Abgabe des Gutachtens 
in den Fällen sein, in denen es sich um Feststellung des angeblichen Ver¬ 
brechens auf Grund der vorgenommenen Untersuchung der Genitalien 


*) ▼. Lilienth&l, a. a. 0. S. 361. 

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Dr. Schmitz. 


handelt. Deshalb sagt v. Krafft-Ebi ng') mit Recht: «Von der 
grössten Wichtigkeit ist aber auch die Constatirung des wirklich voll¬ 
zogenen Beischlafs“, weil solche Frauen, von der fälschlichen An¬ 
schuldigung ganz abgesehen, sehr häufig nervös und sexuell reizbar 
sind und an Hallucinationcn leiden können, welche leicht den Cha¬ 
rakter einer vollzogenen Cohabitation zu erzeugen im Stande sind. 
Der Zustand des Hymen, das Secret der Vagina, der Inhalt des Uterus 
oder der mikroskopische Befund etwaiger Flecke der Leibwäsche und 
Kleidungsstücke der Klägerin oder des Verklagten werden es dem Arzte 
nicht schwer machen, sich eine bestimmte Ansicht zu bilden; wo dieses 
aber nicht möglich ist, wird er nicht anstehen, dem Richter sein Un¬ 
vermögen zu gestehen. 

Wir kommen jetzt zu einem nicht minder wichtigen Kapitel des 
forensischen Hypnotismus; zu der Frage nach den Verbrechen 
Hyp notisirter, welche in der Neuzeit so viel Staub aufgewirbelt 
und die Gemüther nicht wenig beunruhigt hat. Dass in hypnotischem 
Zustande befindliche Personen durch Vergehen mit der Sittenpolizei 
in Conflict gerathen sind, dafür werden uns Beispiele in der Lite¬ 
ratur 2 ) mitgetheilt, aber etwas anderes ist es, ob Hypnotische durch 
Suggestion zur Ausübung von Verbrechen veranlasst werden können. 
„Unter Suggestion," sagt F. Maack 3 ), „versteht man eine wie immer 
geartete Einwirkung auf das Vorsteilungsvermögen eines Menschen 
durch einen anderen, wodurch in dem ersteren ein bestimmter Ge¬ 
dankengang erweckt wird, der entsprechende Handlungen zur Folge 
haben kann.“ Auf diesem Wege lassen sich aber nicht nur Hand¬ 
lungen, sondern, wie A. Hü ekel 4 ) mit Recht sagt, in noch viel 
höherem Grade Empfindungen und Gefühle induciren. Von einzelnen 
Forschern wird die Suggestion als das eigentliche Princip der Hyp¬ 
nose hingestellt. So sagt Bernheim in der Vorrede zu seinem 
Werke 3 ): «Der Schule von Nancy kommt das Verdienst zu, diese 
Anwendung des Hypnotismus, seine nutzbringendste und fruchtbarste 
geschaffen zu haben, indem sie die Hypnose auf ihre wirkliche Grund- 


‘) v. Krafft-Ebing, a. a. 0. S. 291. 

2 ) Vgl. de la Tourette, a. a. 0. S. 519. 

3 ) Ferd. Maack, Zur Einführung in das Studium des Hypnotismus und 
thierischen Magnetismus. Neuwied 1888. S. 5. 

4 ) Arnaud Hückol, Die Rolle der Suggestion bei gewissen Erschei¬ 
nungen der Hysterie und des Hypnotismus. Jena 1888. S. 1. 

8 ) H. Bernheim, a. a. 0. S. 17. 


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Der Hypnotismus in forensischor Beziehung. 


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läge, auf die Suggestion zurückführtc.“ Auf der folgenden Seite 
prophezeit er der suggestiven Therapie, dass sie von Allen ange¬ 
nommen und ausgeübt, die zeitgenössische Mediein als eine ihrer 
werthvollsten Erwerbungen bereichern werde, v. Schrenck 1 ) kommt 
in seinem vergleichenden Ueborblick über die Entwicklung der hyp¬ 
notischen Therapie in den verschiedenen Culturländern zum Schlüsse: 
„Die zahlreichen, mit den neuen Heilverfahren in den verschiedenen 
Ländern angestcllten und der überwiegenden Mehrzahl nach gelungenen 
Versuche bestätigen im Allgemeinen die Grundzüge der Bernheim¬ 
sehen Suggestionslehre.” Dagegen kann er sich dem citirten Aus¬ 
spruche Bernheim’s mit Bezug auf die Suggestion als Allgemeingut der 
ärztlichen Thätigkeit nicht anschliessen. Er verkennt keineswegs die 
grossen Schwierigkeiten, „welche einer praktischen Durchführung im 
Wege stehen und die hauptsächlich ihren Grund haben in dem beim 
Publikum und in vielen ärztlichen Kreisen herrschenden Vorurtheil” 3 ). 
Bernheira deutet auf die Wichtigkeit der Suggestion in foro hin, in¬ 
dem er schreibt: »Welche Fülle von Gesichtspunkten bietet das Stu¬ 
dium der Suggestion für den Juristen und Gerichtsarzt! Wer könnte 
sich eiuer tiefen Erregung erwehren, wenn er eine Person sieht, die 
freiwillig oder durch fremden Eingriff in das somnambule Leben ein¬ 
getreten ist und nun als gefügiges, willenloses Werkzeug in der Hand 
eines Anderen alle Beeinflussungen annimmt, alle Befehle ausführt!” 
Sehr willkommen sind ihm die Versuche seines Collegen, Herrn 
Licgeois, Professor der Rechtswissenschaften an der Universität 
Nancy, welche beweisen sollen, »dass es möglich sei, Verbrechen zu 
suggeriren, welche die betreffenden Personen vollziehen, ohne das 
wirkliche Motiv, das ihre Hand gelenkt hat, zu erkennen.” Es ist 
mir leider hier nicht möglich, auf die Lehre von der Suggestion und 
besonders ihre Cultivirung durch Bernheim näher einzugehen, nur in 
wenigen Worten darf ich sagen, dass die Lehre des Nancyer Collegen 
ihr Bedenkliches hat und seine Deductionen zu gewagt, stellenweise 
unrichtig sind. Die Kriroinaljustiz weiss zwar bis jetzt nichts von 
suggerirten Verbrechen, aber Bornheim und Licgeois, welche sich 
in den Kopf gesetzt haben, um mit des Ersteren eigenen Worten zu 
reden, die Wahrheit von dem zu erweisen., was sie glauben oder 
wünschen, möchten allzugerne ihre Cabinetsresultatc auf die Gesell- 

’) v. Schrenck-Notzing, a. a. 0. S. 55. 

a ) Ä. a. 0. S. 77. 

V$ertelJahr»Bchr. f. gor. Med. N. F. LU. 1. 

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Dr. Schmitz, 


scliaft und die Aussenwelt übertragen. Und hierbei verfallen sie, viel¬ 
leicht ohne es zu wissen, in einen grossen Fehler; das Unrecht, wel¬ 
ches sie gegen ihre Mitmenschen begehen durch Verkündigung dieser 
Doctrincn, ist um so grösser, als sie ihr gebrechliches und leckes Fahr¬ 
zeug unter der Flagge der Wissenschaft segeln lassen. Denn die Labora¬ 
toriumsexperimente und Liegeois’ Versuche beweisen für das prak¬ 
tische Leben gar nichts. Wenn man aber die Arbeiten der genannten 
Herren liest, findet man fortwährend die krassesten Widersprüche, 
und kommt bei unbefangener Beurtheilung zu dem freilich traurigen, 
aber richtigen Schlüsse, dass die französischen Autoren unbewusst an 
Autosuggestion litten, dass sie in Folge gegenseitiger Suggerirung 
Schreckgespenste skizziren, zu deren bildlicher Darstellung noch erst 
die Farben erfunden werden müssen. Kurz, auf Grund eines eingehen¬ 
den Studiums der Literatur des Magnetismus in seiner Vergangenheit 
und Gegenwart, auf Grund eines keineswegs oberflächlichen Studiums 
der Kriminalistik und gestützt auf meine hypnotischen Erfahrungen, 
schliesse ich mich ganz dem Ausspruche von de laTourette 1 ) an: 
„Man hat mit der Suggestion soviel Missbrauch getrieben während 
der letzten Jahre, dass die öffentliche Meinung dadurch erregt, er¬ 
schreckt ist und in Wirklichkeit ganz ohne Grund. Man hat eine ge¬ 
machte Bewegung erzeugt, Befürchtungen wachgerufen, die ebenso ge¬ 
fährlich wie grundlos sind, besonders jetzt, wo allgemein die Nervo¬ 
sität in höchster Blüthe steht. Der Hypnotismus,“ fährt er fort, 
„kann grosse Dienste leisten, er kann Ursache oder vorgebliche Ur¬ 
sache grosser Gefahren sein, aber in der Suggestion liegen die 
Gefahren bestimmt nicht.“ 

Da Bernheim ein concretes Beispiel eines suggerirten Ver¬ 
brechens nicht anführen kann und doch einen Scheinbeweis für seine 
Hypothesen beibringen will, versteht er sich dazu, Rückschlüsse zu 
machen und sich zum Anwälte der „durch suggerirte falsche Aus¬ 
sagen“ Beschuldigten von Tisza-Eslar aufzuwerfen. Dabei ergeht er 
sich in Aeusserungen gegen die Untersuchungsrichter, welche nichts 
weniger als meine Zustimmung finden. Zum ferneren Beweise der 
Richtigkeit seiner Behauptung, dass der Hauptbelastungszeuge dieses 
Processes unter dem Einflüsse von richterlichen Suggestionen falsche 
Aussagen gemacht habe, führt er einen Dr. Motet vor, dessen An¬ 
sichten den seinigen entsprächen, der jedoch Bernheim’s Beobachtungen 


*) de la Tourette, a. a. 0. S. 389. 


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Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. 


115 


ohne Zweifel nicht gekannt habe, da er sie nicht citire. Das kann für 
einen Mann der Wissenschaft wie Bernheim doch kein wohlgemeinter 
Beweis sein. Wo bleibt da der Ernst der Wissenschaft! Auf der 
anderen Seite glaube ich keinen besseren Grund gegen die Stichhal¬ 
tigkeit der Bernheim’schen Lehre von der Möglichkeit der suggesti¬ 
ven Verbrechen bei Somnambulen anlühren zu können, als wenn ich 
auf seine Darstellungen der Verwandlung der Persönlichkeit im som¬ 
nambulen Zustande (S. 56) verweise. Es heisst da: „Bei allen diesen 
Verwandlungen der Persönlichkeit, die man bei vielen Somnambulen 
erzeugen kann, macht sich doch der jeder Person eigcnthümliche Cha¬ 
rakter geltend." Und auf der folgenden Seite heisst es: „Ich muss 
wiederholen, dass jeder Somnambule seine eigene Individualität be¬ 
wahrt; auch als Automat und durch einen fremden Willen getrieben, 
arbeitet er mit seinen eigenen Mitteln und reagirt auf die Sug¬ 
gestionen so wie er sie versteht, wie er sie auslegt und insoweit er 
darauf reagiren kann," und füge ich hinzu, roagireu will. Denn 
andere Forscher, z. B. Gilles de la Tourette, stimmen mit mir 
überein, dass der Somnambule sich zu keiner Handlung zwingen lässt, 
deren Ausführung seinen moralischen oder ethischen Gefühlen wider¬ 
strebt. Gerade so wenig wie Bernheim einen linkischen oder wort¬ 
kargen Menschen zu einem gewandten Bonvivant oder beredten Ad- 
vocaten umwandeln konnte, gerade so wenig wie es dem Arzte ge¬ 
lingen wird, ein somnambules sittenreines und sittenstrenges Mädchen 
zu einer badenden Venus in seinem Cabinet durch Suggestion umzu¬ 
gestalten, ebenso wenig wird es gelingen, einem moralischen Indivi¬ 
duum ein Verbrechen zu suggeriren, welches wirklich zur Ausführung 
käme. Um meinen Beweis zu vervollständigen, will ich Bernheim 
weiter reden lassen. Er sagt nämlich an anderer Stelle seines Buches: 
„Die Suggestion posthypnotischer Handlungen ist nicht unbedingter 
Weise von Erfolg begleitet, sie kann bei manchen Personen auf Wider¬ 
stand stossen. Die Neigung, den Auftrag zu vollziehen, hat eben nur 
eine gewisse Stärke, welche sich mit der Stärke des Widerstandes 
misst.“ Halten wir diese Aeusserungen zusammen mit seiner Lehre 
von den verbrecherischen suggestiven Handlungen. Ein sonderbares Ge¬ 
fühl beschleicht Einen, wenn man die Ausrufe desselben Verfassers 
auf S. 105 liest: »Das giebt zu ernsten Erwägungen Anlass! Aber 
ist das meine Schuld? Kann ich die Wahrheit unterdrücken?" 

Wo ich eben von den Cabinetsversuchcn sprach, welche für das 
praktische Leben absolut keine Gültigkeit haben, kann ich nicht um- 


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Dr. Schmitz, 


hin, gegen einzelne Versuche des sonst wohl verdienten Collegeu de 
la Tourette und anderer französischen Forscher mich zu wenden. 
Wenn man die Thierexperimente aus humanen Gründen eingeschränkt 
wissen wollte, so sollte man doch auch nicht arme nervenkranke und 
hysterische Weiber zu hypnotischen Versuchen missbrauchen; denn das 
werden Pitres und de la Tourette doch nicht behaupten wollen, 
dass die von letztgenanntem Autor auf S. 132, 138, 143 und 144 er¬ 
wähnten hypnotischen Suggestionsversuche noch einen wissenschaft¬ 
lichen Werth haben; sie tragen nur den Stempel des Lächerlichen 
und Frivolen und zeigen, wohin die Erforschung tiefernster Fragen 
ausarten kann. Den Anstaltsgeistlichen Abbö X, der sich auf Bitten 
des Dr. Pitres in Bordeaux von einer Hysterica umarmen liess, 
möchte ich einmal gerne sehen! 

Es erübrigt noch im Zusammenhänge einiges Nothwendige über 
die gerichtsärztliche Untersuchung und Begutachtung, ob zur Aus¬ 
führung eines Verbrechens oder zur Veranlassung eines Vergehens der 
hypnotische Zustand missbraucht worden ist, zu sagen. Was zunächst 
die angeblich durch Suggestion hervorgerufenen und begangenen Ver¬ 
brechen betrifft, so habe ich darüber mich deutlich genug ausge¬ 
sprochen, ich muss ihr Zustandekommen bestreiten und der Gerichts¬ 
arzt wird wohlthun, sich dieser Ansicht bis auf Weiteres anzuschliessen. 
In der ganzen einschlägigen Literatur ist mir kein sicheres Factum 
begegnet, es ist nicht bekannt geworden, dass ein Somnambuler wäh¬ 
rend des Zustandes oder nach dem Erwachen ein vollziehendes Werk¬ 
zeug von Racheplänen des Magnetiseurs geworden wäre. Die Gründe 
für dieses Nichtzustandekommen habe ich oben mitgetheilt. Wenn 
aber die französischen Forscher ihre Gabinetsversuche auf das prak¬ 
tische Leben übertragen wollen, so laden sie eine Schuld auf sich, 
welche sie centnerschwer drücken wird; sie bereiten der Kriminalistik 
und Kriminaljustiz grosse Verlegenheiten und bringen Recht und Ge¬ 
rechtigkeit, freien Willen und Verantwortlichkeit arg in’s Gedränge. 
Wenn Bern heim unsere alltäglichen Handlungen für suggestiv er¬ 
klärt, wichtige Zeugenaussagen nachträglich als suggestiv verdächtigt, 
weshalb sollte ein Heisssporn, ein zweiter Bernheim nicht dazu über¬ 
gehen, alle Crimina als Suggestionsfolgen zu deuten. 

Dass an im hypnotischen Zustande befindlichen Frauen hier und da 
Stupra vorgekoramen sind, habe ich bereits mitgetheilt. Indess sind 
diese Vergehen gegenüber der heutigen Verbreitung des Hypnotismus, 
wenigstens soweit sie bekannt geworden sind, doch selten. Bei den 


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Der Hypnotismus in forensischer Beziehung. 


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meisten deshalb geführten Processen und stattgefundenen Beschuldi¬ 
gungen handelte es sich meist um Aussagen schwachsinniger oder 
hysterischer Personen, von Seiten der betreffenden Anverwandten um 
Lögen und Entstellungen mit dem Hintergedanken der Erpressung. 
Wenn, wie ich oben sagte, die Fraueh im lethargischen Zustande am 
leichtesten ohne Gefahr für den Stuprator geschändet werden können, 
so ist auch in diesen Fällen die Untersuchung schwer. Der Gerichts¬ 
arzt kann nicht wissen, in welchem Zustande der Hypnose sich die 
Person befand, und ob nicht ein gewisser Grad der Einwilligung von 
Seiten der stuprirten Person vorlag, welche solches später gerne aus 
irgend einem Grunde in Abredo stellen möchte. De la Tourette 
verlangt zur gerichtlichen Untersuchung, dass, wenn die Neurose, der 
chronische Hypnotismus festgestellt werden solle, die klägerische 
Person sich der Vornahme des Hypnotismus unterwerfen müsse. Auch 
v. Lilienthal, der gerne zugesteht, dass die Feststellung der be¬ 
treffenden Thatsache, nicht die rechtliche Verwerthung der festge- 
stcllten die schwerere Aufgabe sei, tritt für Vornahme der Hypnose 
behufs Feststellung der Simulation ein. Doch da komme ich auf den 
wundesten Punkt in der ganzen Hypnosenfrage. Denn die geschick¬ 
testen Meister sind bei Hervorrufung des hypnotischen Zustandes ge¬ 
täuscht worden. Sie glaubten es mit einem passenden Versuchsmedium 
zu thun zu haben und mussten sich betrogen sehen. Auch heute noch 
ist die Ansicht der Forscher über wirkliche, nachweisbare Symptome 
des eingetretenen hypnotischen Zustandes getheilt. Die Einen sprechen 
von nur rein psychischem Einflüsse des Hypnotiseurs, erkennen des¬ 
halb auch keine äusserlichen Merkmale an und leugnen consequent 
mit Bernheim an der Spitze die nachtheiligen Folgen. Die Anderen, 
unter denen in Frankreich ausser der Pariser Schule noch Fon tan 
und Scgard in Toulon zu nennen sind und wozu die meisten deut¬ 
schen Forscher zählen, nehmen den Standpunkt ein, dass es phy¬ 
sische, physiologische Merkmale geben müsse, deren Kenntniss für 
den Kliniker von differentiell diagnostischer Bedeutung sei. Solche 
physikalische, der Hypnose eigenthümliche Phänomene erblicken sie 
mit Charcot in der Contraction ganzer Muskelgruppen, in dem Spas¬ 
mus oculo-palpebralis, in dem Tremor der Augenlider, in der gestei¬ 
gerten Respirations- und erhöhten Herzthätigkeit. Indess muss ich 
betonen, dass die Charcot’schen Zustände doch nicht bei allen Per¬ 
sonen in Hypnose auftreten und somit nur individuell verwerthet 
werden dürfen. Bei anderen Personen, und es waren deren nicht 


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Dr. Sohmitz. 


wenige, beobachtete ich allemal neben der leichten Hypnotisirbarkeit 
Gefässneurosen, halbseitige Kopfcongestionen, welche nicht simulirt 
werden können und wohl in foro einmal ausschlaggebend sein können. 
Der erfahrene Gerichtsarzt wird nach weiteren, untrüglichen Merk¬ 
malen suchen, er wird sich seiner Stellung und Verantwortung stets 
bewusst sein, nicht seine Wissenschaft zu einem Justizmorde leihen, 
zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit strenge abwägen und den 
Richter dementsprechend bescheiden. 

Die heutige Lehre vom Hypnotismus in forensischer Beziehung 
glaube ich auf Grund eigener Erfahrungen und gestützt auf die zu¬ 
verlässigste Literatur in folgenden Sätzen zusammenfassen zu können, 
welche bereits in dem wissenschaftlichen Theile des Tageblattes der 
61. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Köln S. 288 
wiedergegeben sind: 

1. Der Hypnotismus kann in den Händen des erfahrenen Arztes 
ein Heilmittel, in den Stuben der Amateurs ein Gesundheit 
und Leben, Moral und Sitten gefährdendes Werkzeug werden 
und ist deshalb in den letzteren zu verbieten. 

2. Die Schlussfolgerungen, welche von einzelnen, besonders fran¬ 
zösischen Forschern aus den Erscheinungen und Wirkungen 
des Hypnotismus gezogen werden, sind zu gewagt, entsprechen 
nicht Thatsachen und dürfen deshalb ohne Gefahr für Recht 
und Moral nicht ihren Einzug in die Gerichtssäle halten. 

3. Die Aufgabe, das Wesen des Hypnotismus in seinen einzelnen 
Erscheinungen zu verfolgen und zu studiren, ist zwar eine 
schwierige, für den Gerichtsarzt aber zur Aufdeckung von 
Verbrechen, oder Betrug und Täuschung nothwendige. 


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II. Oeffentliches Sanitätswesen. 


l. 

Die Aichylostmei - Krankheit. 

Von 

Dr. Sehlegtendal, 

Kreis-Physlkua za Lennep. 


Die „Anchylostomen-Krankheit“ ist bedingt darob die Infeotion des Men¬ 
schen mit einem Parasiten, einem Eingeweidewurm, dem Anchylostoma duode¬ 
nale. Nach neueren Annahmen schon den alten Egyptern bekannt, wurde der¬ 
selbe doch eigentlich erst entdeckt von Dubini im Jahre 1838; er wird deshalb 
auch mitunter Strongylus oder Dochmius Dubini genannt. Andere Synonyma 
sind noch: Dochmius anchylostomum, Dochmius duodenalis. Sclerostoma duode¬ 
nale, Strongylus quadridentatus, Strongylus duodenalis und endlich, wenigstens 
von Leichtenstern Torgeschlagen, Strongylus hominis intestinalis. 

Die den Oxyuren verwandten Strongylidos gehören zur Ordnung der Nema¬ 
todes oder Spulwürmer und bilden eine Abtheilung der Nematelmia (Rund- oder 
Fadenwürmer) und weiterhin der Klasse: Helmintha (Eingeweidewürmer). Als 
menschlicher Parasit ist unter den Strongyliden noch der Strongylus bronchialis 
bekannt. 


Erkennungsmerkmale des Wurmes, seiner Eier und Larven. 


Es hält nicht sehr schwer, ein sicheres Urtheil darüber zu gewinnen, ob 
Würmer, die man etwa in den Fäces findet, Anchylostomen sind oder nicht. Be- 
merkenswerther Weise wird die Differentialdiagnose dadurch sehr erleichtert, 
dass speciell im menschlichen Darmcanal keine weitere Species dieser Art beob¬ 
achtet ist. Der Strongylus duodenalis besitzt dazu eine so charakteristische 
Biegung des Kopfes nach der Rückenseite und gewinnt dadurch schon für das 
unbewaffnete Auge ein so auffallendes Aussehen, dass eine Verwechselung mit 
anderen Eingeweidewürmern kaum möglich erscheint. 

Er ist von weissgelblicher, gelbrother oder direct röthlicher Farbe. 


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120 


Dr. Schlegtendal, 


Die an Zahl etwa 2 1 /, mal häufigeren Weibchen sind grösser als die Männ¬ 
chen; sie messen nach Küchen mehster') 12 —18 mm, nach Leichten- 
stern 2 ). dessen Angaben speciell die von Leuckart bestätigen, 7.0—16.5 
(im Durchschnitt 11,48) mm. Demgegenüber betragen dio Maasse der Männchen 
Dach Küchenmeister 6 -10. nach Leichtenstern 7—11.2 (im Durch¬ 
schnitt 8,3) mm. Die durchschnittliche Dicke der ersteren ($) beträgt 0,63 mm, 
der letzteren ( ^) 0.46 mm. Die Männchen sind demnach kürzer und dünner. 

Schon bei schwacher Vergrösserung finden sich weitere charakteristische 
Merkmale des Anchylostoma duodenale. Während die. übrigens enorm selten be¬ 
obachteten Jugendformen der Ascariden eine ihrer ausgewachsenen Form ähn¬ 
liche Schlankheit besitzen (das Verhältniss von Dicke zu Länge beträgt bei An¬ 
chylostoma duodenale 1 :20. bei der Ascaris lumbricoides 1 :40 uod mehr); und 
während die Oxyuren sich durch eine rein weisse Farbe, sowie durch ihr 
Schwanzende auszeichnen, welches bei den Weibchen fast durchsichtig wird und 
bei den Männchen eingerollt erscheint, und während die Anguillula intestinalis 
endlich und die Ang. stercoralis durch ihre geringe Länge (1 bezw. 2,2 mm) gar 
nicht in Vergleich gezogen werden können, bietet das Anchylostoma zur Erken¬ 
nung folgende sicheren Anhaltspunkte. 

Die äussere Cuticula ist deutlich geringelt. Der an dem nach der Rücken¬ 
fläche umgebogenen Kopfende befindliche Mund ist weit und mit einer hornigen 
Mundkapsel versehen. An seinem Eingänge befinden sich 6 Zähne, d. h. Chitin¬ 
vorsprünge. von denen 4 grössere, hakenförmige am Ventralrande, 2 kleinere am 
Dorsalrande stehen. Ausserdem bestehen in der Tiefe der Mundkapsel, nahe der 
Uebergangsstelle in das Pharyngealrohr, noch 2 dolchartige Chitinleisten, welche 
wahrscheinlich den Zweck haben, die von den erstgenannten Zähnen erfasste 
Darmschleimhaut anzubohren. — Auf den langgestreckten und dickwandigen, 
d. i. musculösen Oesophagus folgt die Magenanschwellung, die in den nach ge¬ 
radlinigem Verlaufe am Hinterende mündenden, mit grossen Epithelien ausge¬ 
kleideten Darm führt. 

Das Männchen besitzt an seinem Schwanzende die den Strongyliden eigene 
glockenförmige Bursa copulatrix, die hier mehr breit als lang ist und von einer 
Anzahl Rippen gestützt wird, welche am Rande in ebenso viele Papillen aus- 
laufen. Auf dem Grunde der Bursa liegt ein kegelförmiges Organ, aus welchem 
2 dünne Spicula hervorragen, welche beide etwa 2 mm lang sind. In die Bursa 
mündet mit dem Darmcanal das Geschlechtsorgan, welches aus einem stark ge¬ 
wundenen Endtheil (Hoden und Samenleiter), einem dicht vor der Körpermitte 
gelegenen ovalen Schlauch (Samenblase) und einem dicken Ductus ejaculatorius 
besteht. Die Samendemente erscheinen als rundliche, ovale oder bimförmige 
Körperchen. 

Die weiblichen Geschlechtsorgane münden dicht hinter der Mitte des Kör¬ 
pers in einer Q.uerspalte. Auf die kurze einfache Vagina folgt centralwärts ein 
zweibörniger Uterus, in den die vordere und die hintere Eiröhre auslaufen, 


*) Küchenmeister und Zürn, Dio Parasiten des Menschen. S. 443. 

2 ) Leichtenstern, Ueber Anchylost. duod. Deutsche med. Wochenschr. 
1885. Ko. 28—30. 


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UNiVERSUY OF IOWA 



Die Anchylostomen-Krankheit. 


121 


welche sich bilden durch Vereinigung der überaus zahlreichen und den Körper 
strotzend füllenden Ovarien und Eileiter. 

Die Gestalt der Eier ist eine sehr charakteristische und leicht kenntliche. 
Sie sind gleicbmässig oval, während die gleich grossen Eier von Oxyuris vermi- 
cularis ein spitzes und ein stumpfes Ende haben. Die Dimensionen worden etwas 
verschieden angegeben: 

Lutz 1 ) (nach Leuokart). 0,05:0,028 mm 

Küchenmeister u. Zü rn 2 ) 0.04—0,05 : 0,022—0,027 n 

Menohe 8 ). 0,07:0,04 „ 

Leichtenstern 4 ) . . .0,056—0,063:0,036—0,04 „ 

Die feinkörnige, bräunlich gefärbte Dottermasse ist umgeben von einer 
dünnhäutigen, glashellen Chitinhülle. Sahl i 5 ) giebt noch an, dass zwar die 
Oxyureneier auf Zusatz von Essigsäure eine blasenartige Abhebung der äusseren 
Lage des Chorion zeigen, dass dies aber bei den Eiern von Anchylostoma duode¬ 
nale nicht der Fall ist. Da die Eier noch innerhalb des mütterlichen Körpers 
befruchtet werden und alsbald die Weiterentwicklung eingehcn, so findet man 
dieselben in den Fäces nur im Stadium der Farchung; zumeist sind 2—4 — 8 
Furchungskugeln ausgebildet. Da die Weibchen ausserordentlich fruchtbar sind 
— Beobachter taxiren auf 6000 Eier pro Tag —, so sind die Fäces oft völlig 
davon durchsetzt. 

Oft schon innerhalb 48 Stunden, jedenfalls aber in 3 — 4 Tagen, ist die 
Entwicklung der Eier so weit vorgeschritten und ist der Embryo so weit aus¬ 
gewachsen. dass derselbe die Eischale durchbohrt und in’s Freie tritt. 

Diese Larve ist anfangs 0,2 mm lang und ca. 0,015 mm dick, um all- 
mälig bis zu 0.7 — 0.8 mm Länge und 0,024—0 027 mm Dicke auszuwacbsen. 
Das vordere Leibesende zeigt eine leichte Verjüngung, während das Hintertheil 
in eine pfriemenförmige Spitze ausläuft. Die Mundöffnung führt in eine zwiebel- 
oder birnenförmige Anschwellung, den sogenannten Pharyngealbulbus, in dessen 
Grunde 3 Chitinzähne angebracht sind Der Darmcanal ist geradlinig und mün¬ 
det vor dem Schwänzende. Während nun Pharyngealbulbus und Darmcanal lang¬ 
sam wieder verschwinden, bildet sich einerseits innen die neutrale Geschlechts¬ 
anlage aus in Form eines kleinen linsenförmigen Körpers, andererseits aussen 
eine Chitinhülle, welche allmälig immer stärker wird und schliesslich den Wurm, 
der anfangs ausserordentlich lebhafte und allseilige Bewegungen ausführte, zur 
fast völligen Ruhe verurtheilt. Früher wurde dieser Process als ein Stadium eines 
Häutungsprocesses betrachtet; nach und nach hat sich aber die Meinung Per- 
roncito’s Geltung verschafft, nach der wir es hier mit einer Art Einkapselung 
zu thun haben. 


') Lutz, Ueber Ankylostoma duod. und Anchylostomiasis. Klin. Vorträge 
S 2302. 

2 ) Küchenmeister und Zürn, a. a. 0. S. 444. 

3 ; Manche, Anchyl. duod. bei d. Ziegelbrenneranämie. Zeitschr. f. klin. 
Med. Bd. VI. S. 167. 

4 ) Leichtenstern, a. a. 0. 

5 j Sahli, Beiträge zur klin. Geschichte der Anämie. Deutsch. Archiv f. 
klin. Med. XXXII. S. 423. 


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UMIVERSITY OF IOWA 





122 


Dr. Schlegtendal, 


Leiohtenstern *) bat nämlich constatirt, dass sich zwar die äussere Haut 
bei Neubildung einer inneren, secundären Haut and dnrch das Zwischentreten 
einer glashellen Flüssigkeit zwischen die beiden abhebt, dass sie aber nicht ab¬ 
fällt. Vielmehr dient dieselbe in hervorragendem Maasse dazu, die nunmehr 
ca. 0,5 mm lange Larve gegen Schädlichkeiten zu schützen. 

In seltenen Fällen wird allerdings diese äussere Chitinhülle in der That 
noch einmal abgestossen. Sie wird dann aber sofort neu gebildet. Weil nun 
während dieses Processes der Neubildung der Gesammtorganismus in keiner Weise 
weiter alterirt wird und insbesondere keine Spur von Generationswechsel beob¬ 
achtet wird, so liegt eben keine Häutung im gewöhnlichen Sinne vor, sondern 
nur eine durch Zufälligkeiten bedingte jeweilige Unterbrechung und Wiederauf¬ 
nahme eines einfachen Einkapselungsprocesses. 

Diese bewegliche, frei im Wasser lebende Larve ist nun die Form, welche 
vom Menschen aufgenommen werden muss, wenn sich das Wesen weiter zum 
Eingeweidewum wieder ausgestalten soll. Den Magen 3 ) passiren sie höchst wahr¬ 
scheinlich ohne Schaden; erst die alkalische Trypsinlösung des Dünndarmes löst 
die Chitinschale. Hier im oberen Theile des Dünndarmes wird dieselbe gesprengt 
und abgestossen, wodurch der Insasse frei wird und Gelegenheit findet, sich an 
der Mucosa festzusetzen und seine Ausbildung zum ausgewachsenen und ge- 
schlechtsreifen Strongylus durchzumachen. 


Lebensweise and Lebensbedingungen des Anchylostoma duodenale 
in seinen verschiedenen Entwicklungsphasen. 

Nach der Infection pflegt beim Menschen eine klinisch latente Incubations- 
zeit von mindestens 4 Wochen zu vergehen, währenddess die Larven langsam 
zum Wurm heranreifen. Wahrscheinlich zur Zeit des Auftretens der ersten Be¬ 
schwerden für den Träger gehen die Thiete zum ersten Mal eine Copulation ein. 
Vielleicht verlassen dieWürmer ihren gewohnten Platz überhaupt nur zum Zwecke 
der Begattung; man muss annehmen, dass sie in der Regel ruhig sitzen. Sie 
haften alsdann mit ihren vorderen Haftzähnen fest an der Schleimhaut, haben 
dieselbe angestochen und entnehmen derselben durch Saugen das für sie erfor¬ 
derliche Blutquantum. 

Die ausgewachsenen Thiere leben sioher eine lange Zeit. 

Leichtenstern 3 ) hat auch über diese Frist die sichersten Angaben ver¬ 
öffentlicht. Mehrfach warschon festgestellt die Lebensdauer von mehreren (3—4) 
Jahren; in einem Falle, wo 5 Jahre seit der Infection verstrichen waren, fand 
Leichtenstern nur noch spärliche Parasiten, in einem solchen von 8jähriger 
Dauer aber keine Exemplare mehr, obwohl nie Anthelmintica gereicht worden 
waren. Danaoh würde »die natürliche Lebensdauer der Parasiten in maximo 5 
Jahre erreichen können, jedenfalls aber nicht 8 Jahre überschreiten“. 


') Leichtenstern, Einiges über Ankyl. duodenale. Deutsche medic. 
Wochenschr. 1887. S. 646. 

2 ) Derselbe, ebendort S. 670. 

3 ) Leichtenstern, Weitere Beiträge zur Ank.-Frage. Deutsche medic. 
Wochenschr. 1886. No. 11 —14. 


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Die Anobylostomen-Krankheit. 


123 


Wir müssen deshalb annehmen, dass,während dieser Frist von höchstens 
8 Jahren die Thiere entweder lebend, zufällig auf einer Wanderung begriiTon, 
etwa gelegentlich einer Diarrhoe ausgeschwemmt werden, oder dass sie nach 
Erreichung des Termines ihrer natürlichen Lebensdauer einfach zu Grunde gehen 
und als Cadaver ausgestossen werden. Am ehesten schwinden die Weibchen, da 
in den älteren Fällen das Verhältniss der Männchen zu den Weibchen (ursprüng¬ 
lich 1 : 2,4) sehr zu Gunsten der ersteren verändert ist. 

Wie die specifiachen Abtreibungsmittel (Extr. filic. mar., Doliarin, Thy¬ 
mol etc.), so wirkt auch das Abkühlen des Körpers nach dem Tode des Menschen 
auf die Darmparasiten lähmend bezw. allraälig vernichtend ein. 

Uober die Bedingungen für die Entwicklung der Larven sind von Perron- 
cito, Lutz und Leichtenstern genaue Beobachtungen angestellt. Dieselben 
stimmen darin überein, dass die Ausbildung der Embryonen am sichersten vor 
sich geht in den Fäcalmassen, welche bei einer möglichst gleichmässigen Tem¬ 
peratur von 25—30° C. eine mehr oder weniger constante Breiconsistenz be¬ 
wahren. 

Setzt man den Fäces Lehm oder gar Garteoerde zu, so sollen nach 
Leichtenstern *) relativ viele Larven verkümmern; andererseits hat Wucherer 
in Brasilien die Thiere auch in feuchter Erde und Seifert 3 ) dieselben bei 
Körpertemperatur in Lehm bis zur völligen Entwicklung der Larven gezüchtet. 
Sind die Fäcalmassen zu flüssig, so verderben die Embryonen meist im Ei; ebenso 
wenig gedeihen sie in harten, trockenen Massen. 

Abkühlung vertragen die wachsenden Thiere gut, da sie nur eine verlang¬ 
samte Entwicklung oder höchstens einen vorübergehenden Stillstand in derselben 
zeigen. Hitze dagegen ist wohl geeignet, ihnen ernstlich zu schaden. Bei einer 
Hruttemperatur von 37—38°C. entwickelte sich zwar bei Leichtenstern eine 
kleine Anzahl in sehr beschleunigtem Tempo, es gingen aber sehr viele Eier zu 
Grunde. Ebenso tödtet nach Lutz 3 ) die Einwirkung directen Sonnnenlichtes 
und nach Perroncito 4 ) eine Temperatur von 45—46° C. 

Von direct tödtendem Einfluss auf die Larven sind ferner nach Lutz zu 
intensive Fäulnissprocesse, sowie gewisse unorganische und organische Gifte, wie 
geringe Mengen Jod, Extr. filic. mar., Thymol, Spiritus vini, Carbol, Sublimat 
(Leichtenstern) etc. 


Die Bedeutung der Parasiten für den Wirth. 

Was nun die Schädigung anlangt, die der Organismus durch die Anwesen¬ 
heit dieser Parasiten im Darmcanale erleidet, so ist dieselbe eine sehr beträcht¬ 
liche. Wenn sich auch manohe Affection in mässigen Grenzen hält, und auch 


•) Leichtenstern, Ueber Anch. duod. bei den Ziegelarbeitern. Deutsche 
med. Wochenschr. 1885. No. 28—30. 

2 ) Seifert u. Müller, Ueber das Vorkommen von Anch. duod. bei Würz¬ 
burg. Centralbl. f. klin. Med. 1885. S. 457. 

•) Lutz, a. a. 0. S. 2307. 

4 ) Concato et Perroncito, Sur l’anchylostomiase. Compt. rend. T. 90. 
No. 11. S. 619. 


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Dr. Schlegtendal, 


manche Fälle von spontaner Ausheilung constatirt sind, so ist doch andererseits 
jeder Befallene für eine lange Zeit seines Lebens mindestens in seiner Kraft und 
Gesundheit auf’s Erheblichste beeinträchtigt. Viele tragen ein unheilbares Siech¬ 
thum davon, und sehr Viele sterben an den directen Folgen, so dass das Anchy- 
lostoma duodenale unstreitig zu den unheilvollsten Eingeweidewürmern za rech* 
nen ist. 

Während die Initialsymptome nach Ablauf der ca. 4wöchigen Latenzperiode 
vorwiegend gastrischer Natur sind und in Koliken, gestörter Verdauung und 
blutigen Stuhlgängen bestehen, tritt allmälig das Symptom zu Tage, welches der 
Anchylostomiasis im eigentlichen Sinne angehört, das der schweren Anämie mit 
allen ihren Folgen. Mit fast absoluter Sicherheit kann ja jetzt angenommen 
werden, dass „egyptische Chlorose“, „tropische Anämie“, „Anämie der Gott¬ 
hardttunnelarbeiter“, „Ziegelbrenner-Anämie“, „Bergcachexie“ und „Mineur- 
Anämie“ allesammt nur durch bisherige Unkenntniss bedingt, nach jeweiligen 
localen Rücksichten entstandene Namen der einen nämiichen Krankheit sind. Und 
in allen diesen Namen liegt der Nachdruck auf der Blutarmuth beziehentlich ihren 
Folgen. 

Wenngleich die Portion Blut, die der einzelne Parasit in Anspruch nimmt, 
trotz seines Luxusverbrauches eine kleine ist (man hat sie auf ca. 1 Tropfen in 
24 Stunden berechnet), so kommt doch in Betracht: 1) dass zumeist die Würmer 
nach Hunderten zählen. Ich finde bei Leichtenstern l ) eine Tabelle von 26 
Fällen; unter diesen sind nur 9, in denen die Zahl 100 nicht erreicht ist; 9 ent¬ 
halten mehr denn 200, 3 mehr denn 500 und 1 über 1000. Ferner trieb Pa- 
rona in einem Falle 1250 Stück auf einmal ab, Grassi fand deren sogar über 
3000 in einer Leiche; und in seiner letzten Veröffentlichung erwähnt Leichten¬ 
stern 2 ) einen Fall, bei dem die Obduction 991 Würmer naobwies. Ernst*) 
endlich zählte ebenfalls in einer Leiche 2763 Stück. Bei der Anwesenheit von 
nur 500 Parasiten im Darm würde nun bei obiger Berechnung des Blutverlustes 
immerhin schon eine Mengo von täglich 20—25 Gramm resultiren. Dazu kommt 
aber, dass 2) dieser Verlust innerhalb jeder 24 Stunden ein gleich hoher ist und 
bleibt, und zwar Monate, Jahre lang, so lange nicht eine Behandlung die Para¬ 
siten abtreibt resp. dieselben von selbst absterben. Diese Berechnung ist natür¬ 
lich auch vollauf geeignet, etwaige Einwände zu widerlegen, welche dem kleinen 
Wurm eine so hohe Bedeutung abstreiten wollen. Vielmehr ist es charakteristisch, 
wie gut sich die objectiven Symptome in ihrer langsamen Steigerung decken mit 
den theoretischen Schlüssen, wenn man bedenkt, wie sich eine kräftige, gesunde 
Mannesnatur einem ganz stetigen, dazu noch mit Störungen im Intestinaltractus 
verbundenen Blutverlust gegenüber verhalten wird. Zuerst genügt noch eine ge¬ 
steigerte Action der hämatopoetiscben Organe zum Ausgleich, vielleicht aber auch 
von vornherein nicht. Aber die Kräfte des Körpers sind in einer solchen Fülle 
vorhanden, dass das Minus im circulirenden Blute nicht sogleich gespürt wird, 


’) Leichtenstern, Weitere Beiträge. Deutsche med. Wochenschr. 1886. 

2 ) Derselbe, Einiges über Anchyl. duodenale. Deutsche med. Wochen¬ 
schrift. 1887. 

3 ) Ernst, Einige Fälle von Ankylostomiasis nebst Sectionsbefunden. 
Deutsche med. Wochenschr. 1888. No. 15. 


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Die Anchylostomen-Krankheit. 125 

wenn auch schon das bleiche Colorit der Haut dem Auge die Verminderung der 
Blutmenge anzeigt. 

a Nach einigen Monaten führt dann aber die Anämie zum Erschlaffen und 
schliesslich zum Verlust aller Kräfte. Die Kranken bieten alsdann in ihrem Aus¬ 
sehen und ihrem geschwächten Zustand vollständig das Bild hochgradigster, 
sogenannter perniciöser Anämie dar. In der ersten Zeit ist natürlich noch Heilung 
möglich; ja, das Krankheitsbild kann schon durch Auftreten von Hydrops und 
Anasarka so bedrohlich geworden sein, dass ein Ausgleich nicht mehr möglich 
erscheint, und doch kann eine kräftigeNatur wieder schnell gesunden, wie mittler¬ 
weile viele Beobachter gesehen haben, wenn nur der weitere Blutverlust durch 
Abtreiben der Parasiten coupirt wird. Dieser Terminus ad quem ist natürlich bei 
den einzelnen Individuen ein sehr verschiedener. Kinder, Frauen und irgendwie 
hereditär oder durch voraufgegangene Krankheiten belastete Männer dürften re¬ 
lativ eher an diese Grenze kommen. Von grosser Bedeutung ist natürlich auch 
die Frage, ob die Kranken in der Lage sind, eine gesunde und kräftige 
Nahrung zu sich zu nehmen, ferner, ob sie anderweit in hygienisch günstigen 
Verhältnissen leben. 

Wird nun der Krankheit kein Stillstand geboten, so führt sie in den meisten 
Fällen zum Tode. Nach verschiedenen Autoren lag bei der Section dann vor: 
allgemeine Abmagerung, welke Musculatur, ausgedehnter Hydrops als Anasarka 
und Höhlenhydrops; Herzinsufficienz und Lungenödem; Meningeal- uud Hirnödem 
und verbreitete Amyloidentartung der inneren Organe. Dass in einem so marasti- 
sehen Körper etwaige Complicationen doppelt schädigend wirken müssen und 
einen ungemein empfänglichen Boden finden, liegt auf der Hand. Besonders 
gilt dies von der Tuberculose. Leichtenstern führt aber auch einen Fall von 
Endocarditis an, dessen Aetiologie er zum Theil mit in der Anämie der Anchylo- 
stomiasis sucht. 

Auf eine Wiedergabe der detaillirten Schilderung der klinischen und patho¬ 
logisch-anatomischen Befunde glauben wir verzichten zu können, weil diese Ka¬ 
pitel nicht in den engeren Rahmen unseres Themas zu gehören scheinen. Man 
findet dieselben sehr gut bei Lutz in den „Klinischen Vorträgen“, No. 255, 256 
u. 265. 


Verbreitung der Anohylostomen-Krankheit. 


Wir hätten nunmehr nach der Verbreitung und dem eigentlichen Gebiet der 
Anchylostoma-Krankheit zu forschen. Während die Berichte aus Egypten und 
den Tropen keine besonderen Beschäftigungsklassen der Bevölkerung als der 
Anchylostomiasis vor Allem ausgesetzt angeben, und während sie auch in Italien 
weniger an derartige Schranken gebunden zu sein scheint, sind es diesseits der 
Alpen vorwiegend zweiGruppen von Arbeitern, bei denen dieser Parasit gefunden 
ist. Einmal sind dies die Bergleute, denen wir die Tunnelarbeiter ohne Zwang 
zurechnen dürfen, und sodann die Ziegelarbeiter, zu denen neuerdings noch Erd¬ 
arbeiter hinzugekommen sind, die dicht an Ziegelfeldern bei Fortificationsarbeiten 
(Köln) beschäftigt waren. Gerade die Ziegelarbeiter haben nun durch die Ver¬ 
öffentlichungen Leichtenstern’s besondere Beachtung gefunden, und sie ver¬ 
dienen auch unsererseits ein besonderes Interesse, weil sich bei ihrem im offenen 


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Tageslicht sich abspielenden Gewerbo am leichtesten und zugleich am sichersten 
die Untersuchung nach dem Wege der Infection vornehmen Hisst. 

Die Ziegler trennen sich in die Ziegelbrenner, welche sich lediglich mindern 
Aufbau und dem Betriebe des Ofens beschäftigen, wozu sie nur schon fertig ge¬ 
formte und ausgetrocknete Ziegel erhalten, und in die eigentlichen Ziegelarbeiter, 
-Verfertiger. Letztere, meist zu bestimmten Arbeitsverbänden (sogenannten 
„Pflügen“) vereint, schaffen in streng geregelter Arbeitsteilung. Die Einen 
hacken und schaufeln die lehmige Erde los, wobei sie den hohen Band des aus- 
geziegolton und nunmehr tiefer gelegenen Arbeitsfeldos immer weiter auf dem 
Terrain vorschieben. Die Anderen verarbeiten sodann diesen Lehm unter Wasser¬ 
zusatz zu einem dünneren, gut knetbaren Brei. Auf grösseren Ziegeleien giebt 
es hierfür bestimmte Knetmaschinen mit Göpelwerk oder Dampfbetrieb, auf klei¬ 
neren geschieht dies aber noch durch Treten und Stampfen mit den entblössten 
Füssen. Von hier gelangt der Brei auf Tische, an denen meist die weiblichen 
und jüngeren Glieder (auch Kinder) beschäftigt sind. Sie pressen den Lehm in 
Formen, stülpen dieselben um und bestreichen sodann die Ziegel aussen mit 
etwas Sand oder trockenem Lehm. Die so weit fertigen, aber noch feuchten und 
weichen Ziegel tragen nun andere Frauen und Kinder zuerst auf Strohunterlagen, 
auf denen sie einige Tage ausgebreitet liegen, und sodann nach mauerartigen 
Aufbauen hin, welche so lose zusammengesetzt und mit so weiten Lücken ver¬ 
sehen sind, dass die Luft gut durchstreichen kann, um die Ziegel zu trocknen. 
Erst nach einiger Zeit werden sie von hier zu Oefen mit zwischengeschichteter 
Kohle zusammengesetzt oder in die gemauerten Ringöfen transportirt zum Zweck 
des Hartbrennens. 

Sieht man nun die verschiedenen Arbeiter an, so fällt Einem sofort auf, 
wie gegenüber den zwar von Kohle, Russ oder Erde beschmutzten, aber sonst 
relativ properen „Brennern 4- die eigentlichen Lehmarbeiter nicht nur Hände und 
Füsse dick mit Lehm überzogen haben, sondern wie auch ihre Kleider und ihr 
Gesicht über und über mit Lehmkrusten beschmutzt sind. Es rührt dies daher, 
dass sie sämmtlich mit dom nassen Lehm zu thun haben, der bei der ange¬ 
strengten und emsigen Arbeit um so leichter umherspritzt, als sie zumeist noch 
Wasser zur Hand haben müssen, sei es, um ihn erst anzurühren und durchzu¬ 
kneten, sei es, um die Formen anzufeuchten und die ausfallenden Ziegel mit an¬ 
gefeuchteten Fingern glatt zu streichen. Es ist leider als selbstverständlich zu 
betrachten, dass sie in diesem Schmutz der Hände und der Lippen auch ihre 
Mahlzeiten zwischen der Arbeit einnehmen und somit natürlich auch eine Menge 
Erdpartikelchen hinunterschlucken müssen. Leiohtenstern hat ja auch durch 
Dekantiren mit Wasser den grossen Gehalt der Fäces dieser Leute an Sand nach¬ 
gewiesen. 

Hierin dürfte aber auch die Möglichkeit der Infection mit Anchylostoma zu 
suchen sein, denn es hat sich berausgestellt, dass nicht die Brenner, sondern 
aussohliesslioh diese eigentlichen Lehm- und Ziegelarbeiter die Anchylostomen- 
Krankheit acquiriren. Bei den primitiven, weil nur für die Sommercampagne im- 
provisirten Wohn- und Lebeverhältnissen existiren nämlich an Ort und Stelle 
keine Aborte. Diese, Tag und Nacht dicht zusammonlebenden Menschen ent¬ 
behren dieselben nicht aus etwaigem Schamgefühl, noch auch würden sie die¬ 
selben gern aufsuohen, wenn sie existirten und etwas entfernt vom jeweiligen 


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Die Anchylostomen-Krankheit. 


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Arbeitsgebiet stehen würden. Statt dessen deponiren sie ihre Fäcos, soweit sie 
während der Arbeit das Bedürfniss des Entleerens fühlen, allemal auf den noch 
intacten, zumeist etwas grasbewachsenen Theil des Feldes und zwar unweit des 
Randes. Einige Zeit lang sind die Fäces hier sich selbst überlassen, dann aber 
rückt das Arbeitsgebiet an diese Stelle heran, und mit der dünnon Humusschicht 
wird auch der Rest der Fäcalmassen in den Lehmbrei verarbeitet. 

Kommt nun ein solcher Kothhaufen von einem mit Anchylostoma Inficirlen, 
so haben die Eier, deren bei Anwesenheit von 200 Weibchen im Darm des be¬ 
treffenden Trägers schon jedesmal ca. 1 */ 2 Millionen vorhanden zu sein pflegen, 
nach dem, was wir oben erörtert haben, die beste Gelegenheit, sich bei sommer¬ 
licher Wärme im unvermengten Stuhle zu enw'ckoln. Zwar ist die directe 
Sonnenstrahlung und die Austrocknung allerdings schädlich. Aber wenn auch 
die in den Aussenpartien ansässigen Eier und Embryonen verkümmern, so ist dies 
nur dasselbe Schicksal, das sich allenthalben in der Natur vollzieht bei dem 
Uebermaass von Keimen, die sie behufs möglichst sicherer Fortpflanzung der Art 
erzeugt. Meist wird dafür im Centrum dos Haufens eine genügende Anzahl von 
Embryonen die hinreichende Entwicklung durchmachen, um bei der alsbald er¬ 
folgenden Verarbeitung des Untergrundes und Vermengung mit dem nassen 
Lehmbrei als resistentere Larven weiteren Fahrnissen gewachsen zu sein. 

Leichtenstern ') hat darauf aufmerksam gemacht, dass auch das Wasser 
der Infectionsträger sein könne. Da zum Ziegeln viel Wasser benutzt wird, so 
wird gewöhnlich eine ergiebige Wasserader oder das Grundwasser auf dem Ter¬ 
rain selbst angebobrt und hier eine Pumpe eingesetzt, die oft auf hohem Gerüst 
angebracht wird, wenn behufs Erzielung des nöthigen Gefälles bis zu den Bot¬ 
tichen nächst der Arbeitsstelle bei einer längeren Leitung das Anfangstheil hoch 
über dem Erdboden liegen muss. Diese Leitung ist nun von primitivster Art. 
Bretter, mit den Kanten zu einom etwa 90° betragenden Winkel zusammenge¬ 
legt. bilden eine offene Rinno, deren Boden mit Lehm verschmiert und wasser¬ 
dicht gemacht wird. Solche Rinnen werden in genügender Zahl an einander ge¬ 
reiht, wobei auch die Verbindungsstellen und etwa anzubringende Winkel mit 
Lehmballen verkittet werden, bis sie in grosse Bottiche münden, aus denen das 
erforderliche Wasser zugleich zum Trinken und zum W'aschen und zur Verarbei¬ 
tung des Lehmes geschöpft wird. Hier ist aber stets ein Bodensatz vorhanden, 
der zum Theil aus mitgerissenen Partikelchen aus den Rinnen, zum grössten 
Theil aber von den mit Lehm beschmutzten Händen und Gefässen stammt, mit 
denen das Wasser geschöpft wird. Da dieser Bodensatz nun leicht aufgerührt 
wird, so können damit Anchylostomalarven auch in vorher reine Gefässe und in’s 
jeweilige Trinkwasser gelangen. — 

Einige Zeit hindurch war in Deutschland die Anchylostomiasis nur unter 
Ziegelarbeitern bekannt. Es war aber anzunehmen, dass dieselbe überall da auf- 
treten würde, wo Beschmutzung mit Lehm und Erde stattfindet, sobald eine ln- 
ficirung der letzteren möglich war. Mit fast absoluter Gewissheit haben die Unter¬ 
suchungen Leichtenstern’s ergeben, dass der grösste Herd Deutschlands, die 
Ziegeleien zunächst bei Köln, fortwährend und ausschliesslich durch W r allonen 


*) Leiohtenstern, Ueber Anch. duod. bei den Ziegelarbeitern. Deutsche 
med. Wochensohr. 1885. 


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inlicirt wird, und dass sich dieser Herd deshalb lange Zeit hindurch nicht auf 
andere Arbeitsgebiete ausdehnte, weil die Wallonen ausschliesslich Ziegler sind, 
und weil auch die hier einmal beschäftigten und möglicherweise inficirten Deut¬ 
schen nicht leicht eine andere Beschäftigung aufsuchen. Den glänzendsten Beweis 
für die Richtigkeit dieser Beobachtung lieferte ein Pall, der anfangs anscheinend 
eine Ausnahme von der Regel bildete. Dicht bei den Ziegeleien war das Gebiet 
der bislang von Anchylostoma gänzlich verschont gebliebenen Befestigungs¬ 
arbeiter, welche in der nassen Erde nicht viel weniger mit Lehm etc. beschmutzt 
werden als die Ziegler. Eines Tages stellte sich nun auch von diesem Arbeits¬ 
gebiete, auf dem keine Wallonen arbeiten, ein mit Anchylostoma Behafteter vor. 
Nach vielen Mühen gelang es nun, den Weg, den diese Infection genommen, auf¬ 
zufinden. Der Betreffende hatte mit einem Anderen zusammengearbeitet, der 
seinerseits früher als „Ziegler“ inficirt worden war. Unfähig, den dortigen 
schweren Dienst bei seiner typischen Anämie zu verrichten, batte dieser versucht, 
die etwas leichtere Arbeit bei der Forlification zu leisten. Er war angestellt wor¬ 
den und hatte nun die Infection auch auf diese bis dahin freigebliebenen Gebiete 
übertragen. Es ist wohl nur ein glücklicher Zufall, dass die letztgenannten Ar¬ 
beiter bis dahin noch nicht von zahlreich angestellten Italienern inficirt worden 
waren; denn den nahe liegenden Verdacht, dass die Italiener leicht den Parasiten 
aus ihrem vielfach inficirten Vaterland einschleppen möchten, konnten Seifert 
und Müller 1 ) stützen durch den Befund von Anchylostoma duodenale bei italie¬ 
nischen Ziegelarbeitern in oiner Ziegelei bei Würzburg. 

Die bei Köln von März bis August beschäftigten Wallonen arbeiten nun 
während der übrigen Monate in Bergwerken ihres Heimathlandes Belgien. Und 
hier dürfte ein gleich constanter, wenn auch nicht so ausgebreiteter Dauerherd 
zu suchen sein, wie ihn Oberitalien darstellt. Der erste Patient May er’s 2 ) in 
Aachen z. B., von Geburt ein Westfale, hatte eine Zeit lang in Seraing bei Lüt¬ 
tich im Kohlenbergwerk gearbeitet und sich dort jedenfalls inficirt. Zwar ver¬ 
suchte Fahre 3 ) die Kohlendistricte an der Loire und im Norden Frankreichs 
und in Belgien als frei von Anchylostoma duodenale darzustellen, aber nicht 
allein Drousart 4 ) fand diesen Parasiten zwei Mal bei Untersuchung verdächti¬ 
ger Fälle, sondern es konnte sowohl Leichtenstern 5 ) hiergegen eine Mitthei¬ 
lung des Professor Firket in Lüttich von einem tödtlich verlaufenen Fall von 
Anchylostoma duodenale citiren, als auch Masius et Francotte 6 ) diese letz¬ 
tere Angabe durch weitere thatsächliohe Beobachtungen erweitern und be¬ 
kräftigen. — 


1 ) Seifert und Müller, a. a. 0. 

2 ) Mayer, Ein zweiter Fall von Anch. duod. in der Rheinprovinz. Central¬ 
blatt f. klin. Med. 1885. S. 145. 

3 ) Fahre, Les mineurs et l’anemie. Communicat. faite ä la soc. de l’ind. 
minär. 1884. 

4 ) Drousart, cf. Referat im Centralbl. f. klin. Med. 1885. S 362. 

5 ) Leichtenstern, Ueber das Vorkommen von Anch. duod. Centralbl. f. 
klin. Med. 1885. S. 197. 

6 ) Masius et Francotte, L’Anchyl. duodönal. Extr. du Bull, de l’acad. 
royal de mäd. de Belg. 3. ser. Tom. XIX. 


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Die Anchylostomen-Krankheit. 


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Wenn wir hieran anschliessend die Verhältnisse der Bergleute betrachten, 
so finden wir, dass hier kaum geringere Gelegenheit gogeben ist als bei den 
Ziegelarbeitern, sowohl um eventuell die Infection zu vermitteln, als um den 
aussermenschlichen Formen des Parasiten ihr Fortkommen zu ermöglichen. Auch 
die Grubenarbeiter defäciren oft in den dunklen Stollen unweit der Arbeitsstätte. 
Bei der Arbeit selbst und in den engen Gängen werden sie nicht minder allent¬ 
halben mit Wasser und Schmutz bespritzt und bedeckt. Meist ist in den Gruben 
eher zu viel als zu wenig Wasser vorhanden; und bei der Benutzung des Wassers 
zum Waschen von Händen und Gesicht und zum Ausspülen der Geschirre wird 
oft nicht weiter gefragt, woher der betreffende Wasserlauf stammt. Eine zweite 
Möglichkeit wäre die, dass sich Anchylostomakeime in den Tümpeln und Wasser¬ 
lachen ansammelten, welche sich auf dem Boden der dunklen und feuchten Gänge 
befinden, und dass dieses Wasser entweder direct am Menschen emporspritzt oder 
die Gerätschaften beschmutzt, von denen mittelbar die Einführung in den Mund 
erfolgen könnte, ln diesem Sinne versuchte Sonderegger 1 ) die Infection eines 
seiner Patienten zu erklären, eines Ingenieurs, der erst im 3. Jahre seiner Thätig- 
keit am Gotthardtunnelbau erkrankt war und natürlich nie selbst im Tunnel ge¬ 
arbeitet hatte. 

Wenn aber einmal eine Grube, die etwa in Bezug auf strömende Gewässer 
nicht zu ungünstig veranlagt ist, inficirt worden ist, so kann dieselbe einen noch 
viel schlimmeren Herd abgeben, als es Ziegelfelder sind. Während hier auf 
dem freien Felde schon im Sommer die directe Sonnenstrahlung und die Aus¬ 
trocknung der Fäces viele Embryonen vernichtet, und der Winter mit Frost und 
Eis wahrscheinlich meistens die letzten Spuren der Brut vernichtet, finden wir in 
der gleichmässigen und dazu erhöhten Temperatur der Gruben (nach Völckers 2 ) 
28.0—30.5° C. in der Luft und 25,7° C. im Wasser), in der feuchten und fer¬ 
ner genügend sauerstoffhaltigen Luft der Gruben 2 Momente, welche unter Um¬ 
sländen in Nichts den Verhältnissen eines künstlichen Brütofens nachgeben. 
Unter solchen Verhältnissen muss die in den Dejectionen verborgene Aussaat vor¬ 
trefflich gedeihen, um sich dann bei günstigen Umständen im Wasser und 
Schmutze zu vertheilen und zu weiteren Ansteckungen Gelegenheit zu geben. — 

Die Arbeit der Tunnelarbeiter gleicht zu sehr der der Bergleuto, als dass 
sie einer gesonderten Besprechung bedürfte. Wir können es aber nicht unter¬ 
lassen, darauf hinzuweisen, wie gut sich mit unseren bisherigen Angaben und 
Erörterungen eine früher etwas dunkel gebliebene Beobachtung vereinbaren lässt; 
ich meine die, dass bei dem Bau des Gotthardtunnels die Epidemie nicht gleich 
anfangs, sondern erst viel später so stark hervortrat. Hierfür lassen sich folgende 
Gründe anführen: 

1) Die wenigen Arbeiter, die von früher her inficirt waren, fielen nicht auf, 
desgl. diejenigen nicht, welche bei Beginn der Arbeiten erkrankten. 

2) In der ersten und in der nächstfolgenden Zeitspanne waren die Bedin- 


') Sonderegger, Ankylostoma duoden. 
1881. No. 20. 

2 ) Völokers, Ueber die Anch.-Epidemie 
klin. Wochenschr. 1885. S. 573. 


Vi«rt*IJfthrt»«hr. I. ger. 

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Med. N. F. LH. 1. 

e 


Corresp. Bl. f. Schweiz. Aerzte. 
bei Höngen bei Aachen. Berl. 

9 

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Dr. Sc h I o g t o n d :i i, 


130 

gungon i’iir die Entwicklung d»*r Epidemie nu-di i;icht günstig, und vor Allem 
waren die schon neu Inlicitien no*'h arh.-jLfähig. 

l\) K?st in der weitiTer, und allerdings relativ längsten Periode fielen diese 
Kranken endlich ah. Zuehdeti war der Tunnel seliori >*o tief geworden, dass die 
Arbeiter viel nn-hr als th üli■*r in demselben seihst deläo.irien. Dazu kam dann 
hoch, dass man lei dem tieferen Aul ehren des Berges aiimälig in den Bereich 
der ei höhten Kiaitemperatnr ^«•kommen war. und die Hier zu ihrer Entwicklung 
nunmehr die. so günstige Brut wärme genossen. Nachdem aher di.* Gewässer und 
die Erde inlicirt waren, musste die Gefahr für die ganze Colonne der Arbeiter um 
so grösser werden, je weiter das Arbeitsgebiet vorgeschoben wurde, je länger 
und zeitraubender der Weg bis dahin war. und somit jeder Einzelne viel häufiger 
uud längere Zeit den Gelegenheiten der Uebertragung ausgesetzt wurde. 

Praktische Folgerungen — vom s a n i t ä t s p o 1 i z e i 1 i c h e n Standpunkt, 

Ueberblicken wir noch einmal den Cyclus der Lebensformen des Parasiten, 
so finden wir zwei scharf geschiedene Stadien der Entwicklung: das erste ist die 
Zeit der Ausieifung des Eies bis zur Larve; dasselbe verläuft ausserhalb des 
menschlichen Körpers; — das zweite ist die Frist, die das Individuum tbeils als 
sich noch ausbildender, tbeils als geschlechtsreifer Parasit innerhalb des mensch¬ 
lichen Tractus intestinalis zubringt. Da das fertige Individuum mit der perpe- 
tuirliclien und abundanten Eierproliferation die stete Ursache von neuen Entwick¬ 
lungsreihen ist, so beginnen wir zweckmässig mit diesem Stadium, wenn wir 
untersuchen wollen, ob und inwiefern die Sanitätspolizei Veranlassung nehmen 
muss, zur Anchylostomenkrankhoit Stellung zu nehmen. 

Zunächst ist die Frag#', ob überhaupt Veranlassung dazu vorliegt, unbedingt 
zu bejahen. An und für sich betrachtet, gehört diese Krankheit augenscheinlich 
zu denen, welche eine hohe MortalitatsziITer haben. Leider existirt noch keine 
Statistik, die über die Sterblichkeit der Befallenen authentische Auskunft er- 
theilte. Einerseits sind aber im Laufe der Jahre so viele Sectioneri gemacht 
worden, welche die Anchylostomiasis als Todesursache sicher gestellt haben, 
andererseits finden sich in den verschiedenen Berichten so viele Hinweise auf 
Erkrankte, welche nach tiefem Siechthum gestorben sind, ohne obducirt worden 
zu sein, und endlich sind die Beobachtungen von ^tatsächlichen Spontanheilun¬ 
gen so ausserordentlich selten, dass dieses parasitäre Leiden ohne Zweifel eine 
sehr infauste Prognose quoad vitam besitzt. Aber auch abgesehen von der Mor¬ 
talität würde schon die Rücksicht auf das meist mehrjährige Siechthum schwer¬ 
sten Grades mit Aufhebung jeglicher Arbeitsfälligkeit dazu zwingen, an kurative 
und prophylaktische Maassnahmen zu denken. 

Der Umstand, dass diese Krankheit bislang nur eine verhältnissmässig ge¬ 
ringe Ausbreitung gewonnen hat, kann natürlich nicht dagegen angeführt werden, 
vielmehr muss dies nur um so mehr dazu bestimmen, den noch relativ kleinen 
und übersichtlichen Infeetionsherd in den westlichen Gebieten Preussens baldigst 
gründlich zu säubern und den Schutz gegen neue Infection anzustreben. Je weiter 
erst einmal die eierführenden Fäces der inficirten Arbeiter deutschen Stammes 
nach Osten zu die Aussaat vermittelt haben würden, desto schwieriger und 
zweifelhafter würde der Kampf gegen den Parasiten werden. 

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Original fro-m 

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Die Anchylostomen Krank beit. 


13 1 


Durch die vielfachen Arbeiten Leie htenstern’s sind die Verhältnisse 
und Beziehungen der Anchylostomenkrankheit innerhalb des Rayons der Kölner 
Ziegelfelder so klar gestellt, dass es zweckmässig erscheint, die Principion der 
sanilätspolizeilichen Maassnahmen aus den dort gemachten Erfahrungen herauszu¬ 
schöpfen und dieselben als Grundlage für weiter gültige Vorschriften zu be¬ 
nutzen. Denn mehr oder weniger ist jedes überhaupt noch nicht inficirte Gebiet 
zu vergleichen den dortigen Ziegelfeldern vor dem Beginn einer jeden Sominer- 
campagne. 

Wenn wir absehen von der durch Leichtenstern urgirlen, von ihm selbst 
aber als wahrscheinlich seilen bozeichneten Möglichkeit, dass einmal in einem 
milden Winter eine Anzahl Larven an Ort und Stelle bis zum Wiedereintritt der 
warmen Jahreszeit am Leben geblieben sein kann, sind die Ziegelfelder als rein 
und keimfrei zu betrachten, bis die wallonischen Arbeiter einrücken, um die 
Campagne zu eröffnen. Diese sind nach Leichtenstern zweifellos die Infec- 
tionsträger. Die Männer arbeiten im Winter in belgischen Bergwerken und ac- 
quiriren zu einem sehr hohen Procentsatz ihrer Zahl dort das Anchylostomum. 
Ihre Fäcos, auf dem Ziegolfeld abgesetzt, enthalten die Eier und damit den Keim 
lür weitere Infectionen unter ihren Familienangehörigen, Stammesgenossen und 
unter ihren anderen Mitarbeitern. 

Eine Erfolg versprechende prophylactische Thatigkeit müsste also schon vor 
diesem Zeitpunkt eingreifen. Sämmtliche einrückenden Wallonen müssten, noch 
bevor sie irgendwo ihr Heim aufschliigen, etwa für 2 Tage behufs Beobachtung 
internirt werden. Da das äussere Aussehen die ersten Stadien der Krankheit 
nicht erkennen lässt, die Diagnose sich vielmehr absolut sicher nur auf den Fund 
der Eier stützt, so müssen die Vorkehrungen dahin getroffen werden, dass von 
jedem Einzelnen während dieser Quarantänezeit mindestens 2 Stuhlgänge in 
sachverständiger Weise untersucht werden. Diese Untersuchung ist so anzu¬ 
stellen. dass von dem Koth ein kleines Partikelchen mit Wasser zu einem dünnen 
Brei angerührt, und hiervon behufs mikroskopischer Untersuchung auf einen Ob¬ 
jectträger gestrichen wird. Schon bei einer Vergrösserung von etwa 100 (linear) 
sind die Eier vollkommen sicher zu erkennen. Zwar sind dieselben, als aus den 
höchstgelegenen Darmpartien stammend, erfahrungsgeinass stets im Kothe sehr 
gloiehmässig vertheilt. Gleichwohl muss gefordert werden, dass die jedesmalige 
Untersuchung im Falle negativen Resultates sieh auf etwa 3—5 Partikel der 
Kothmasse erstrecke. Diejenigen nun, die frei von Anchylostomum sind, 
haben ein mit dem Datum der Untersuchung und mit der Unterschrift des Unter¬ 
suchenden versehenes Certificat zu erhalten, welches fortab für jeden Wallonen 
überhaupt erforderlich sein müsste, wenn er die Erlaubniss zum Arbeiten inner¬ 
halb deutschen bezw. preussischen Gebietes haben soll. 

Diejenigen Individuen aber, bei denen die Untersuchung Anchylostomum- 
Eier nachweist, sind ungesäumt und zwangsweise so unterzubringen, dass einer¬ 
seits mit absoluter Sicherheit ihre Stuhlgänge behufs Desinfeelion gesammelt 
werden können, und dass andererseits eine ärztliche Behandlung Platz greifen 
kann. An und für sich ist selbstverständlich ein Krankenhaus der geeignetste Inter- 
nirungsort. Wenn aber diese Maassregeln eine Ueberfiillung der vorhandenen 
Räume verursachen sollten, so wäre für diese Kianken ein Local zu beschaffen, 
in dem ein gesunder Aufenthalt bei Tag und Nacht möglich ist, und welcher 


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Dr. Schlegtendal, 


derartige Closeteinrichtungen hat, dass eine sichere Desinfection sämmllicher 
Fiicalien statthaben kann. Als strenge Hansregel muss statuirt werden, dass die 
Kranken das Haus überhaupt nicht verlassen, bevor sie nicht als geheilt mit 
einem entsprechenden Attest entlassen werden können. Liegt dieses Haus nicht 
dicht beim Krankenhause, so dass die Stuhlgänge nach dort zur Untersuchung 
gebracht werden können, so muss ein Zimmer reservirt werden, in welchem mi¬ 
kroskopische Untersuchungen anzustellen sind. 

Was nun die Orte betrifft, in welchen derartige Beobachtungsstationen zu 
errichten wären, so kämen in Betracht solche, in deren Nähe grössore Ziegelfelder 
gelegen sind und solche in der Nähe der belgisch holländischen Grenze. Unseres 
Erachtens dürfte es in Anbetracht der auf eine relativ kurze Zeit beschränkten 
Zusammenkunft grösserer Menschenmassen geeignet sein, sowohl in den erst¬ 
erwähnten Orten, als auch nahe der Grenze, und zwar dort wo nach anzustel¬ 
lenden Ermittelungen regelmässig die Züge wallonischer Arbeiter passiren, ent¬ 
sprechende Vorkehrungen zu treffen. Im ersten und zweiten Jahre dürfte aller¬ 
dings die Ausführung derartiger Maassregeln auf Schwierigkeiten stossen. Wenn 
aber erst ein- oder zweimal streng darauf geachtet wird, dass nur solche Arbeiter 
zum Ziegelfelde zugelassen werden, welche ein entsprechendes Gesundheitscerti- 
ficat resp. Heilungsattest vorweisen können, so wird sich diese Maassregel ohne 
Zweifel in den Kreisen der wallonischen Bevölkerung schnell herumspreohen, 
und wenn dann noch etwa durch diplomatische Vermittlung eine Bekanntmachung 
innerhalb des belgischen und holländischen Gebietes erlassen würde, welche die 
betreffenden Stationen namentlich aufführt, so wird sich der Strom bald genü¬ 
gend vertheilen, um eine einigermaassen gleichmässige Besetzung der Stationen 
und eine dadurch ermöglichte schnelle Untersuchung und Abfertigung herbeizu- 
führen. 

Wenn es nun auch praktisch wäre, der Wallonen halber diese Maassregeln 
gleich an der Grenze vorznnehmen, so würde doch die Errichtung derartiger 
Stationen innerhalb grösserer Ziegeleigebiete selbst nicht zu umgehen sein, 
weil es: 

1. unter Umständen erforderlich sein kann, etwa in der Mitte der Cam¬ 
pagne eine wiederholte, wenn auch kürzere ärztliche Inspicirung der Arbeiter 
anzuordnen und die auf Anämie verdächtigen einer abermaligen gleichen Prüfung 
zu unterziehen. Denn es liegt die Beobachtung vor, dass nach einer scheinbar 
gelungenen Abtreibungskur nach einigen Wochen neue Eier in den Stühlen er¬ 
schienen, deren Produceuten seiner Zeit durch das gereichte Mittel nicht getödtet, 
sondern nur vorübergehend gelähmt und geschädigt worden sein müssen. Ferner 
entgehen der Diagnose an der Grenze alle die frischesten Infectionsfälle, bei 
denen die Parasiten noch keine Copulation eingegangen sind, beziehentlich noch 
keine Eier abgehen lassen. 

2. Weil schon unter den deutschen Arbeitern die Ancbylostomenkrankheit 
Boden gefasst hat. Es ist bekannt, dass die Arbeiter im Allgemeinen so lange 
bei einer einmal gewählten Berufstätigkeit bleiben, als es ihre Kräfte gestatten 
und als genügende und lohnende Beschäftigung zu finden ist. Wie die Wallonen 
und die Lippeschen Ziegelarbeiter im Grossen, so kehrt auch in der Regel der 
einzelne Erd- und Ziegelarbeiter jeden Sommer zum Ziegelfeld zurüok, nachdem 
er im Winter als Bergmann oder in anderer, möglichst verwandter Thätigkeit 


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Die Anchylostomen-Krankheit. 


133 


seinen Verdienst gesucht hat. Andererseits aber zwingen die socialen Verhält¬ 
nisse doch den Arbeiter immerhin relativ häufig, da Arbeit anzunehmen, wo er 
sie zuerst findet. In Folge dessen existirt auf einzelnen localen Arbeitsgebieten 
von so periodischer Thätigkeit, wie es die Ziegelfelder und in anderen Gegenden 
z. B. die Zuckerrübenfelder sind, kein ganz sicherer, stets wioderkehrender Stamm 
von Arbeitern, zumal nicht in so bevölkerten und arbeitsregen Gegenden, wie es 
die sind, wo mit Erfolg grosse Ziegeleien betrieben werden können. 

Mit Rücksicht darauf also, dass die Inländer nicht so constant wie die 
Wallonen Ziegelarbeiter bleiben, erscheint es mir nun nicht geboten, jeden ein¬ 
zelnen deutschen Arbeiter, der sich zum Ziegelarbeiter anmiethen lassen will, in 
der gleichen Weise einer Quarantaine zu unterziehen wie die Wallonen und — 
was auch ins Auge zu fassen wäre — die Italiener. Da wir innerhalb Deutsch¬ 
lands Grenzen noch keinen Winterherd kennen, wie solche bestimmt in den bel¬ 
gischen Bergwerken vorhanden sind, und da nach unseren bisherigen Erfahrungen 
das Anchylostomum duodenale nur auf Ziegelfeldern Verbreitung gefunden hat 
(die kölnischen Fortificationsarbeiter und der eine Bergmann bei Aachen bilden 
die einzigen Ausnahmen), so ist einstweilen als sicher anzunehmen, dass im 
Frühling, wenn die Ziegelcampagne angeht, bei den deutschen Arbeitern, falls 
überhaupt, so doch zumeist nur eine ältere (das heisst vom vorigen Sommer da- 
tirende und schon äusserlich manifeste) Infoction vorliegen kann. Voraussetzung 
ist dabei allerdings, dass sie nicht im Winter etwa in einem belgischen Berg¬ 
werke gearbeitet haben. 

Wenn nun auch bei den deutschen Arbeitern dasselbe Gesundheitszeugniss 
erforderlich sein muss, wie wir es für die Wallonen forderten, so dürfte dessen 
Beschaffung meines Erachtens etwa in der Art zu erleichtern sein, dass die Aerzte 
sich im Allgemeinen mit einer Untersuchung auf Anämie und Digestionsstörungen 
begnügen dürften und nur diejenigen zum Beziehen der Untersuchungsstationen 
bestimmten, bei denen Anamnese (Belgien!) und einstweiliger Untersuchungs¬ 
befund den Bestand von Anchylostoma duodenale im Darme für möglich oder 
wahrscheinlich erscheinen lassen. 

Jedenfalls müssten also allein aus Rücksicht auf diese Arbeiter auch in der 
Nähe von grösseren Ziegelfeldern entsprechende Untersuchungsstationen mit der 
Möglichkeit, verdächtige Individuen mehrere Tage zu isoliren, beschafft werden. 

In den Gegenden mit nur kleinem oder vereinzeltem Betriebe endlich würde 
es genügen, wenn die Arbeiter ein Zeugniss vom betreffenden Kreismedicinal- 
beamten beibringen, welch’ letzterem aber gleich den Aerzten der genannten 
Untersuchungsstationen das Recht zukommen muss, die Ueberführung eines 
etwaigen Verdächtigen oder Kranken in das nächste Krankenhaus beantragen 
resp. veranlassen zu können. 

Aus schon erörterten Gründen wäre es zuletzt rathsam, etwa im Juni oder 
Juli eine ärztliche Visitation sämmtlicher Ziegelfelder vorzunehmen und hierbei 
ein besonderes Augenmerk auf die Arbeiter zu richten, welche letzthin schon eine 
— weil möglicherweise unvollständige — Abtreibungskur durchgomaeht haben, 
oder bei denen bei der ersten Untersuchung die Möglichkeit vorlug, dass sie inner¬ 
halb der letzten 4—5 Wochen vorher eine Infection acquirirt hatten, die also 
damals noch nicht erkennbar war. Ein besonderes Gowicht aber müsste darauf 
gelegt werden, dass der Arbeitgeber dem inspicirenden Arzte alle Arbeiter ohne 


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jede Ausnahme vorführt. Er ist dazu anzuhalten, eine Liste anzulegen, in die 
er seine sämmtlichen Arbeitnehmer einträgt mit dem Vermerke des milgebrachten 
Zeugnisses. An der Hand dieser Liste hätte der Arzt stets seine Visitation vor¬ 
zunehmen. 

Wie wir schon sagten, ist es nicht nöthig, die ganzen Vorbeugungsmaass¬ 
regeln auf das ganze Gebiet der preussisc-hen Monarchie oder des deutschen 
Reiches auszudehnen. Als allgemein durchzuführen halte ich nur den Vorweis 
eines ärztlichen Zeugnisses für geboten; die Errichtung von Untersuchungsstatio¬ 
nen grösseren Maassstabes dürfte sich auf die Rheinlande beschränken lassen. 

Betreffs anderer, dem Ziegeln verwandter Beschäftigungen liegen nun au¬ 
thentische Nachweise von Anchylostoina duodenale vor nur von Bergleuten im 
Reg.-Bez. Aachen (Völckers a. a. 0.) und von einem Arbeiter an don Fortifi- 
cationen bei Köln (Leichten stern). 

Der erstgenannte Bezirk liegt hart an der belgischen Grenze, und die Er¬ 
mittelungen haben ergeben, dass die dortigen Arbeiter zuweilen auch in den be¬ 
nachbarten ausländischen Bergwerken Arbeit suchen. Es könnte deshalb wohl 
in Erwägung gezogen werden, ob nicht jeder Arbeiter, der einmal innerhalb der 
letzten 8 —10 Jahre jenseits der Grenze in einem Bergwerk beschäftigt gewesen 
ist, und ebenso alle in Zukunft anzustellenden Arbeiter mit derselben Vergangen¬ 
heit einer genauen Untersuchung unterzogen werden sollen, einschliesslich Durch¬ 
forschung ihrer Fäces nach Anchylostomum-Eiern. und im Betretungsfalle einer 
zwangsweisen Ueberführung in ein Krankenhaus. 

Der Kölner Fall ist meines Wissens ganz isolirt geblieben. Auch dürften 
mittlerweile die dortigen Festungsarbeiten ihren Abschluss gefunden haben. Wohl 
aber könnte derselbe mahnen, bei don demnächst in Aussicht stehenden neuen 
Fortificationsarboiten von Wesel ein besonderes Augenmerk auf die Vermeidung 
einer Infection zu richten, sei es, dass sich jeder Arbeiter einer Untersuchung zu 
unterziehen hätte, sei es, dass nur mit besonderer Strenge auf die Befolgung der 
unten zu schildernden sanitätspolizeilichen Forderungen auf dem Arbeitsfelde 
selbst gesehen würde. 

Anlangend alle übrigen Bergwerke, Tunnelarbeiten u. dgl. würde vorzu¬ 
schlagen sein, dass eine officielle Bekanntmachung sämmtliche Arbeitgeber auf 
die Gefahren der Ancbylostomenkrankheit aufmerksam mache und sie auffordere, 
in ihrem eigenen Interesse und mit Rücksicht auf ihre Arbeiter und das ganze 
Land bei Zeiten jeden durch Blutarmuth und Schwäche verdächtigen Mann dem 
Arzte zur Untersuchung und eventuellen Krankenhausbehandlung zuzuführen. 
Desgleichen würden die Kreisphysiker anzuhalten sein, auf das etwaige Vorkom¬ 
men von Anchylostoma in ihrem Kreise zu fahnden. 

Endlich müssten die Aerzte, namentlich die zuständigen Kassenärzte, welche 
mit Arbeitern der besprochenen Branchen zu thun haben, officiell darauf auf¬ 
merksam gemacht werden, betreffenden Falles an die Möglichkeit zu denken, dass 
ihnen ein Anchylostomakranker vorliege, damit sie sofort denselben daraufhin 
untersuchen und ihn zur Behandlung, was ohne Frage das weitaus zweckent¬ 
sprechendste sein dürfte, einem Krankenhaus zuweisen. Für angebracht, würde 
ich auch die Verordnung halten, dass die Anchylostomiasis derselben Anzeige¬ 
pflicht unterliege, wie die übrigen Infectionskrankheiten, damit der Kreisphysikus 
die näheren Umstände e* officio untersuche, nach etwaigen weiteren Inficirten 


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Die Anchylostomen Krankheit. 


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forsche und darauf sehe, dass nachträglich, so gut es angelit. die durch den 
Kranken gesetzten Infectionsmöglichkeiten unschädlich gemacht werden. 

Sollte die Ausdehnung der Anzeigepllicht auf die Anehylostoinenkrankheit 
nicht angewendet worden, so müsste die für (iie Aorzte bestimmte otticielle Be¬ 
kanntmachung einen Passus enthalten, der dieselben aufforderte, ihrerseits die 
angedeuteten Schritte behufs Erkennung des Umfanges der Endemie und Beseiti¬ 
gung des Infectionsstoffes zu thun. 


So sehr wir nun auch überzeugt sind, dass die genaue und umsichtige 
Durchführung der erwähnten Maassregeln genügen könnte, weitere Einschlep¬ 
pungen des Anchylostoma duodenale auf deutsche Gebiete zu verhindern, sowie 
die schon vorhandenen Infectionen wenigstens im Laufe einiger Jahre zu ver¬ 
nichten, so verhehlen wir uns doch nicht, dass dieselben bei dem Unterschied, 
der sich stets zwischen Theorie und Praxis befindet, nicht genügen werden. Auch 
müssen wir uns Vorhalten, dass besonders die Anlage der Quarantainestationen 
nicht allein schwierig, sondern auch kostspielig sein wird, und dass deshalb 
ihrer Einrichtung zu grosse reale Hindernisse entgegenstehen können. Endlich 
erwägen wir, dass bei den derzeitigen Einrichtungen die Infection zu leicht weiter 
greifen muss, wenn dennoch erst einmal durch einen Kranken auf einem Arbeits¬ 
gebiete eine Infeotionsquello entsteht. Es muss deshalb des Weiteren auf Besse¬ 
rung der sanitären Verhältnisse der Einrichtungen, wie sie zurZeit bestehen, 
gesonnen werden. 

Die derzeitigen mangelhaften Einrichtungen der Aborte auf den Ziegol- 
feldern, soweit dieselben überhaupt existiren, verdanken ihr Dasein dem Umstande, 
dass sie billig und leicht herzustellen sind, und dass an ihnen kein Schamgefühl 
Anstoss nimmt. Meist werden aber noch die sich während des Tages meldenden 
Bedürfnisse in nächster Nähe auf freiem Felde befriedigt. Aehnlich ist es bei 
den anderen Erdarbeitern, bei den Bergleuten und bei den Tunnelarbeitern. Eben 
hierin liegt ja aber die erste und grösste Gefahr, dass von den so frei deponirten 
Fäces Theile mit ihren Eiern oder Larven in’s Wasser gelangen, mit demselben 
verschleppt auf Kleider, Hände und das Gesicht gespritzt werden, in’s Trinkwasser 
gerathen u. s. w., kurz: die Infection vermitteln. 

Es muss deshalb durch obrigkeitliche Verordnungen den Arbeitgebern zur 
Pflicht gemacht werden, dafür zu sorgen, dass unweit jedes Arbeitsgebietes ein 
leicht erreichbarer Abort vorhanden sei, der zum mindesten dafür volle Gewähr 
bietet, dass alle Fäcalion in irgend einem Gefässe oder abgeschlossenen Hohl- 
raume (Grube in festem Erdboden) gesammelt werden. Eine Grube bietet, wenn 
sie so placirt wird, dass sie nicht mehr innerhalb eines aufzuarbeitenden Kayons 
liegt, den Vortheil. dass sie einfach mit Erde zugeschüttet worden kann, wenn 
das vorgeschobene Arbeitsgebiet ein Nachnicken des Abortes erheischt. Auf der 
anderen Seite kann ein Eimer tagtäglich nach Bedarf ausgeleert und sein Inhalt 
ur schädlich gemacht worden, sei es durch die Hitze eines Ziegelofens oder eines 
Dampfkessels, sei es durch Vergraben und Zuschütten mit Erde, sei es durch 
Zusatz irgend welcher DosinfectionsmPtel. 

ln Bergwerken mit ihren letzten engen Gängen und Verhauen dürfte eine 
entsprechende Einrichtung kaum anders aufg»*stellt werden können als m den 
nächsten grösseren Stollen, liier wäre natürlich unbedingt erforderlich, das 


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136 Dr. Sohlegtendal, 

Tonnensystem anzuwenden behufs regelmässiger und sicherer Beseitigung der 
Fäces. 

Bei den Tunnelarbeitern wäre wiederum eine grössere Annäherung an den 
Arbeitsort möglich, da nur eine Wegstrecke angelegt wird und diese sofort so 
breit angelegt wird, als die Breite des Tunnels betragen soll. Hier dürfte also 
dicht hinter dem Arbeitsgebiet leicht Platz zu schaffen sein für einen transpor¬ 
tablen Abort mit oft auszuwechselndem Sammelgefäss. 

Ueberall aber ist der Gebrauch dieser Einrichtungen auf die Weise obliga¬ 
torisch zu machen, dass eine anderweitige Defäcation (auf freiem Felde, inner¬ 
halb des Schachtes, des Tunnels etc.) bei Androhung von Strafe streng verboten 
wird. Ich möchte vorschlagen, dass eine nachgewiesene Uebertretung dieser 
Vorschrift durch die Reduction des Tageslohnes geahndet werde, deren Höhe im 
Wiederholungsfälle gesteigert werden muss. Der zuständige „Steiger“, Schicht¬ 
meister, Vorarbeiter etc. hat darauf zu sehen, dass keine Zuwiderhandlungen 
Vorkommen; er hat den Uebertreter anzuzeigen eventuell gegen Zusioherung einer 
entsprechenden Quote der verfallenen Strafsumme. Desgleichen hat er anzuzei¬ 
gen, wenn er innerhalb seines Gebietes die Spuren einer stattgehabten Defäcation 
äuffindet; ist der Thäter nioht zu eruiren, so soll die ganze „Rotte“ bezw. der 
„Pflug“ haftbar gemacht werden; ferner hat er durch einen der Untergebenen 
für gründliche Beseitigung und Unschädlichmachung der Fäces Sorge zu tragen. 
Sollten aber derartige Spuren duroh einen höheren Vorgesetzten oder durch den 
visitirenden Arzt gefunden werden, so ist auch der betreffende Vorarbeiter straf¬ 
fällig zu erachten. 

Dem Vorschläge Leichtenstern’s, behufs Sicherung des Trinkwassers 
die mit Lehm geschmierten brettemen Rinnen durch eiserne Röhren zu ersetzen, 
würde ich im Principe nur beipflichten können. In der Praxis würde aber die 
Durchführung auf zu grosse Schwierigkeiten stossen. Die Holzrinnen siod so 
leicht herzustellen, hoch und niedrig zu machen, zu verschieben, in Winkeln auf- 
zustellen, zu verlängern und zu verkürzen, wie es bei eisernen Röhren nie möglich 
sein würde. Diese grosse Erschwerung des Betriebes würde aber mit einer relativ 
bedeutenden Verteuerung Hand in Hand gehen, und schliesslich — wenn es 
einmal nicht in Länge, Höhe oder Richtung mit den vorhandenen eisernen Röhren 
passt — wird der Arbeiter doch wieder als Zwischen- oder Endglied eine Rinne aus 
Brettern anlegen; denn eiserne Röhren in der Mannigfaltigkeit und Anzahl, dass 
sie für jeden Wechsel der Aussenumstände genügen, werden allenfalls nur die 
grössten Ziegeleien auf Lager führen können. 

In diesem Punkte sehe ich einen besseren Griff darin, an der Ausmündungs¬ 
stelle der Wasserleitung allemal 2 Behälter aufstellen zu lassen, von denen der 
zweite und grössere das Wasser erst erhält, nachdem es den ersteren und klei¬ 
neren durchlaufen hat. Wenn dann jener zweite nur zum Waschen und zum 
Wassersohöpfen für Arbeitszwecke benutzt würde, der erste aber, welcher mit 
einem nur eine relativ kleine Oeffnung besitzenden Deckel verschlossen werden 
müsste, ausschliesslich das Trink- resp. Kochwasser lieferte, so würde meines Er¬ 
achtens eine genügende Sicherheit gegen Verbreitung des Anchylostoma duode¬ 
nale durch das Trinkwasser gegeben sein. Es könnte allenfalls noch dem Vor¬ 
arbeiter auferlegt werden, jeden Abend diesen ersteren Behälter eigenhändig aus- 


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Die Anohylostomen-Krankheit. 137 

zusohütten and für die Nachtzeit umzustülpen, am jedes Ansetzen eines Boden¬ 
satzes za vermeiden. 

Wir haken zwar schon wiederholt betont, dass die verdächtigen Fäcalien 
einer sicheren Desinfection za unterziehen sind. Gleichwohl sei zum Schlüsse 
noch einmal auf diesen wichtigen Punkt hingewiesen. Da die Larven nicht sehr 
widerstandsfähig sind, so ist dieser Zweck nicht schwer zu erreichen. Am 
sichersten würde natürlich ihre Vernichtung im Feuer des Ofens, der Dampf¬ 
kessel etc. sein. Aber auch die anderen Mittel wirken bei gewissenhafter An¬ 
wendung sicher; so das Vergraben und Verschütten mit einer dicken Lage Erde 
(da die Larven sehr sauerstoffbedürftig sind) oder das Uebergiessen mit Carbol- 
säure, Thymol- oder Sublimatlösung, Aetzkalk oder Kalkmilch. Alle diese Stoffe 
tödten die Embryonen and Larven selbst in starker Verdünnung sicher. 

Das Schlassergebniss gestaltet sich demnach folgendermaassen: 

1. Die Anchylostomenkrankheit ist in Deutschland nur als Gewerbekrank¬ 
heit bei Zieglern, Bergleuten und anderen Erdarbeitern bekannt. 

2. Ihres gefährlichen Charakters wegen sind seitens der Sanitälspolizei 
baldigst folgende Maassregeln zu treffen: 

a) Einführung einer Gesundheitscontrole über die ausländischen und die 
inländischen Ziegler; 

b) Errichtung von Qaarantaine- und Untersochungsstationen; 

c) zwangsweise Internirung der Kranken in entsprechenden Anstalten bis 
zar erfolgten Heilung; 

d) wiederholte Visitation aller Arbeiter, besonders auf den inficirten Zie¬ 
gelfeldern; 

e) Qualificirung der Anchylostomiasis als einer der der Anzeigepflicht 
unterliegenden Krankheit; 

f) Erlassung von instruirenden Bekanntmachungen an Aerzte und Arbeit¬ 
geber; 

g) Verbesserung der sanitären Verhältnisse auf den Arbeitsgebieten aller 
Erdarbeiter, unter besonderer Berücksichtigung aller zum Sammeln und 
zum Desinficiren der Fäcalien bestimmten Vorrichtungen. 

3. Bei der bisherigen beschränkten Ausdehnung der Anchylostomenkrank¬ 
heit darf man von energischen Maassregeln einen sicheren Erfolg erwarten. 


Literatur. 

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sundheitswesens. 1881. Bd. I. S. 327. — 2) Bozzolo, Dolirin gegen Anchy- 
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No. 20. — 4) Concato et Perroncito, Sur l’arichyloslomiase. Comptes rendus. 
T. 90. No. II. S 619. Ref Ccntraltd. für klin. Med 1881. S. 90. — 5) Sahli, 
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138 


Dr. Schlegtendal. 


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1885. No. 28—30. — 11) Leichtenstern, l\ b* r das Vorkommen von Anchy- 
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für klin. Med. 1885 S. 265. — 13) Bäum ler, Ueber die Verbreitung des An- 
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K*tr. du Bull, de l’Academie r,»yal de med. de Belgique. 3. ser. tnm. XIX. No. 1. 
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tralblatt für klin. Med. 18S5. S. 361. — 16) Seifert und Müller, Ueber das 
Vorkommen von Anchylostomum duodenale in der Umgebung von Würzburg. 
Centralbl. für klin. Med. 1885. S. 457. — 17) Masius et Franco tte, Nouveaux 
cas de Fanchylostomasie, observes chez les houilleurs du bassin de Liege. Extr. 
du Bull, de Pacad. royal de med. de Belgique. 3. ser. tom. XIX. No. 4. Ref. 
Centralbl. (ür klin. Med 1S85. S. 750 — 18) Schul thess, Noch ein Wort 
über Anchylostoma duodenale. Berliner klinische Wochenschr. 1886. S. 797. — 
19) Leichtenstern, Weitere Beiträgfi zur Anchylostoma-Frage. Deutsche med. 
Wochenschr. 1886. No. 11 — 14. — 20) Leichtenstern, Fütterungsversuche mit 
Ankylostomen-Larven. Eine neue Rhabditisart in den Fäces von Ziegelarbeitern. 
Berichtigung. Centralbl. für klin. Med. 1886. No. 39. — 21) Leichtenstern, 
Einiges über Ankylostoma duodenale. Deutsche med. Wochenschr 1887. No. 26 
bis 32. — 22) Küchenmeister und Zürn, Die Parasiten des Menschen. Leip¬ 
zig. — 23) Ernst, Einige Fälle von Ankylostomiasis nebst Sectionsbefunden. 
Deutsche med. Wochenschr. 18S8. No. 15. 


2 . 

Das Ueba»menwf9fi in Kreise Zanch-Belzig — jetzt and 

rer 25 Jahren. 

Von 

Dr. Gleltsmann, 

Kroisphysikus in Belzitf. 


Die Verwaltung des Hebammenwesens bildet einen Glanzpunkt 
in der amtlichen Thätigkeit des Physikus; denn hier allein nimmt 
er faktisch und gesetzlich diejenige Stellung ein, welche auch auf 
allen anderen Gebieten der öffentlichen Medicin für ihn erstrebens- 
werth ist: die eines selbständigen verantwortlichen Dcccrnenten ge¬ 
genüber dem Bandrath. Nach dem Gutachten des zuständigen Phy¬ 
sikus werden ja die Hebammen Bezirke gebildet und die Zahlen der 


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Dr. Gleitsmann. 


139 


anzustellenden Hebammen festgestellt; er trifft die Auswahl unter 
den Bewerberinnen um Zulassung zur Lehranstalt, wie um Verleihung 
einer Bezirkshebammenstelle; er controlirt fortwährend die praktische 
Thätigkoit und den wissenschaftlichen Stand der Hebammen und ist 
durch gesetzliche Vorschriften und Einrichtungen zu dieser Controlc 
befähigt; nach seinem Vorschläge werden tüchtige Hebammen belohnt 
und untüchtige von Unterstützungen ausgeschlossen. Der Physikus 
kann deshalb bis zu einem gewissen Punkte mit Recht für den Zu¬ 
stand des Hebammenwesens in seinem Bezirke verantwortlich gemacht 
werden und hat die Pflicht, durch zahlenroässige Angaben und Ver¬ 
gleiche Rechenschaft über denselben abzulegen. Ein solcher Rechen¬ 
schaftsbericht mit seinen Erfolgen und Enttäuschungen soll wahrheits¬ 
getreu und ungeschminkt in den nachfolgenden Zeilen für den seit 
10 Jahren mir anvertrauten Kreis Zauch-Belzig gegeben werden, wobei 
ich hauptsächlich die Zustände des Jahres 1863 mit denen der Jahro 
1880 und 1888 zu vergleichen beabsichtige. 

Der Kreis Zauch-Belzig des Regierungsbezirks Potsdam gehört 
zu den grössten der preussischen Monarchie: er umfasst 1923 Quadrat¬ 
kilometer (35 geogr. Quadratmeilen) und hatte vor 25 Jahren 66600, 
bei der letzten Volkszählung 74487 Einwohner. Dio Zahl seiner 
Hebammen und der von ihnen geleiteten Entbindungen geht aus nach¬ 
folgender Tabelle hervor: 



1863. 

1880. 

1888. 

Zahl der Hebammen . k 

52 

! 59 

51 

Zahl der Entbindungen. 

2088 

I 2322 

2641 

Durchschnittszahl der Entbindungen 

40,2 

39,4 

51,8 


Die Verminderung der Hebammen während der letzten Periode 
ist nicht zufällig entstanden, sondern beabsichtigt. Mein Amtsvor¬ 
gänger, der im Jahre 1855 die Geschäfte übernahm, befolgte den 
Grundsatz, so viele Hebammen anzustellen, wie sich ihm irgend dar¬ 
boten — in der gewiss berechtigten Absicht, dem Publikum die Er¬ 
langung geburtshiilflichen Beistandes möglichst bequem zu machen. 
Er fand einen Bestand von 49 Hebammen vor und vermehrte ihn 
ailmälig auf 59. Leider waren diese sehr unregelmässig über den 
Kreis vertheilt: so befanden sich z. B. in 4 nahe einer Stadt gele- 
üfn Dörfern mit 1720 Einwohnern auf höchstens 1 Quadratmeile 


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Dr. Gleitsmann, 


FJächenraura 5 Hebammen, deren jede im Jahre durchschnittlich 12 
bis 17 Entbindungen zu verzeichnen hatte; an einer anderen Stelle 
des Kreises hatten 3 Dörfer, die in einem Dreieck von 3 Kilometer 
Seitenlange liegen, je eine Hebamme mit 16—20 jährlichen Geburten. 
Diese Hebammen konnten natürlich ihren Beruf nur als ein manch¬ 
mal höchst störendes Nebengeschäft betreiben und waren, wie ich 
mich bei der ersten Nachprüfung überzeugte, vollständig verwildert. 
Andererseits fanden sich ausgedehnte Landstriche, die von Hebammen 
fast ganz entblösst und den Pfuscherinnen anheimgefallen waren. 

Es kam also nach meiner Meinung darauf an, allmälig die Zahl 
der überflüssigen Hebammen zu vermindern und eine gleichmässigere 
Vertheilung herbeizuführen. Ob und in wie weit diese beiden Auf¬ 
gaben ihrer Lösung näher gebracht sind, möge die nachfolgende Ta¬ 
belle lehren. Zum besseren Verständniss derselben sei vorausgeschickt, 
dass der Kreis seiner Bodengestaltung nach sich in 8 verschieden 
grosse Theile sondern lässt, von denen die 4 erstgenannten die dich¬ 
ter bevölkerten und wohlhabenderen Niederungen, die 4 anderen die 
ärmeren und dünn bevölkerten Hochebenen (Zauche-Plateau und Höhen¬ 
zug des Vläming) umfassen. 


Namen 

der 

Kreistheile. 

, e 

C 

<D 

.2 £ 
£ "3 

Auf 100 qkm 
kamen Ein¬ 
wohner 
i. J. 18S5. 

Zahl der Hebammen. 

Eine Hebamme kam 
auf Quadratkilometer. 

a 

1863. 

1890. 

1889. 

1863. 1 

1880 

1S88. 

Havel-Niederung. 

176 

9047 

12 

11 

10 

14,7 

16,0 

18,4 

17,6 

Lehniner Niederung 

92 

9160 

4 

n 

4 

23,0 

230 

Nieglitz-Niederung... 

ISO 

8774 

- 12 

14 

8 

15,0 

12,8 

22,5 

Plane-Niederung. 

213 

4955 

8 

11 

8 

26,6 

19,4 

26,6 

Zauche-Plateau . 

604 

765 

9 

4 

6 

302,0 1 

151,0 

100,7 

Nordvläming *. 

160 

3709 

3 

3 

5 

53,3 | 

53,3 

32,0 

Hoher Vläming . 

228 

2946 

6 

6 

5 

38,0 

38,0 

45,6 

Brandtsheide . 

270 

2413 

5 

5 

5 

54,0 ! 

54,0 

54,0 

Summe resp. Durch¬ 









schnitt. 

1923 

3873 

52 

59 

51 

37,0 

32,6 

37,6 


Vor 25 Jahren schwankte also das Gebiet einer Hebamme zwi¬ 
schen 15 und 302 (!) Quadratkilometer, jetzt zwischen 18 und 100. 
Zur Erklärung dieser letzten Zahl muss bemerkt werden, dass die 
Zauche — ein 11 Quadratmeilen grosses, wasserloses Plateau — 
hauptsächlich mit ausgedehnten Waldungen bestanden ist, zwischen 
denen sich oft erst in Entfernungen von mehreren Meilen menschliche 


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Original fro-m 

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Das Hebammenwesen im Kreise Zauch-Belzig. 


141 


Ansiedelungen befinden, und dass die Dichtigkeit der Bevölkerung 
hier 11 mal geringer ist als durchschnittlich ira Preussisehen Staate. 
Dieser ganze Complex, der grösser ist als sehr viele Kreise der 
Monarchie, hatte vor 25 Jahren nur 2 Hebammen! — Der hohe 
Vläming und die Brandtsheide haben im letzten Jahre unerwartet 
durch Tod resp. Verzug je 1 Hebamme verloren, für welche bereits 
Ersatz in Aussicht ist, so dass sich dann die Zahlen auf 38,0 resp. 
45,0 ermässigen werden. Ohne Berücksichtigung des Zauche-Plateau 
schwankten demnach ira Jahre 1880 die Zahlen zwischen 12,8 und 
53,3 — jetzt zwischen 17,6 und 45,0. 

Es wird nun darauf ankommen, diese so gefundene Dichtigkeit 
der Hebammenbesetzung in unserem Kreise zu vergleichen mit den 
entsprechenden Verhältnissen im Preussisehen Staate, sowie in der 
Provinz Brandenburg (ausschliesslich Berlin) und im Regierungsbezirk 
Potsdam. Zum Vergleich konnten leider nur die Zahlen aus den 
Jahren 1867, 1876 und 1887 (nach den Mittheilungen des Statisti¬ 
schen Büreaus) herangezogen werden, da für die anderen Jahre die 
betreffenden Erhebungen nicht stattgefunden haben. Die Berechnungen 
ergeben Folgendes: 


Jahr. 

District. 

1 Hebamme kommt 
auf 

Auf 100 qkm kommen 

Einwohner. 

qkm. 

Einwohner. 

Hebammen. 

1863 

Kr. Zauch-Belzig. 

1269 

37,0 

3495 

2,7 

f 

Reg.-Bez. Potsdam... 

1418 

29,9 

4741 

3,3 

1867 < 

Prov. Brandenburg... 

1314 

26,2 

5017 

3,8 

l 

Preussiscber Staat... 

1492 

21,7 

6882 

4,6 

1880 

Kr. Zauch-Belzig. 

1224 

32,6 

3755 

3,1 

f 

Reg.-Bez. Potsdam... 

1518 

28,5 

5335 

3,5 

1876 { 

Prov. Brandenburg... 

1439 

26,5 

5421 

3,8 

l 

Preussischer Staat... 

1514 

20,5 

7376 

4,9 

1888 

Kr. Zauch-Belzig. 

1476 

37,7 

3916 

2,7 

f 

Reg.-Bez. Potsdam... 

1527 

25,7 

5941 

3,9 

1887 { 

Prov. Brandenburg... 

1426 

23,6 

5880 

4.1 

l 

Preussischer Staat... 

1480 

18,2 

8129 

5,5 


Wir sehen zunächst, dass der Kreis Zauch-Belzig nur halb so 
dicht bevölkert ist, wie der Staat im Allgemeinen; dass ferner die 


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142 


Dr. G 1 e i t s tu an n . 


Zahl der Einwohner, welche auf 1 Hebamme kommen, unter dem 
mittleren Durchschnitt des Staates und der angeführten Landestheile 
bleibt; dass dagegen der Elächenraum, welcher auf 1 Hebamme 
kommt, doppelt so gross ist, als durchschnittlich im Preussischen 
Staate, und erheblich grösser, als in den benachbarten Districten. 
Doch gilt letzteres, wie ein Vergleich mit der vorigen Tabelle zeigt, 
nur für die hoch gelegenen Gegenden, während die Zahlen für die 
Niederungen denen des Regierungsbezirks Potsdam entsprechen. Das 
Zauche-Plateau muss wegen seiner vorhin erörterten Beschaffenheit 
überhaupt ausserhalb der praktischen Vergleichung gestellt werden 
(vor 25 Jahren war es 14 Mal, jetzt 6 Mal dünner mit Hebammen 
besetzt, als der Staat im Ganzen); und so bleiben nur der hohe 
Vläming uud die ßrandtsheide übrig, deren geringe Hebammendich¬ 
tigkeit Bedenken erregen könnte. Da jedoch diese beiden Kreistheile 
die West- und Südgrenze des Kreises bilden, und 18 Ortschaften der¬ 
selben mit zusammen 4954 Einwohnern ihren geburtshülflichen Bei¬ 
stand aus Orten benachbarter Kreise beziehen, so kommt in Wirk¬ 
lichkeit hier eine Hebamme auf 690 Einwohner, was — bei der hie¬ 
sigen Geburtsziffer von 39 pM. der Bevölkerungszahl — jährlich 27 
Geburten entspricht. Diese Zahl aber noch zu verringern, erscheint 
mir nach den gemachten Erfahrungen unstatthaft. Ich glaube dem¬ 
nach trotz der zunächst verblüffenden Zahlenunterschicde in der letz¬ 
ten Tabelle, dass der Kreis (nach der oben erwähnten Ergänzung) 
hinreichend mit Hebammen versorgt ist, und dass auch die Verthei- 
lung derselben im Allgemeinen befriedigen kann, zumal keine Ort¬ 
schaft von der nächsten Hebamme weiter als 5 km entfernt ist. 

Was die Verthcilung der Thätigkeit der Hebammen betrifft, 
so gebe ich wiederum in Tabellenform einen Ueberblick darüber, in 
welchem Procent-Verhältniss zu den verschiedenen Zeiten die Heb¬ 
ammen bei der Zahl der Geburten betheiligt, waren; es sind dabei nur 
diejenigen Hebammen berücksichtigt, welche in der Lage waren, das 
ganze Jahr hindurch ihren Beruf auszuüben. 

('Siehe die nebenstehende Tabelle.) 

Es geht daraus hervor, dass wir von dem Ideale einor gleich- 
massigen Verthcilung zwar noch weit entfernt sind (und bei den ge¬ 
schilderten Verhältnissen wohl auch immer bleiben werden), dass aber 
ein Fortschritt zum Bessern unverkennbar ist: vor 25 Jahren hatte 
nur der 4. Theil, jetzt über die Hälfte der Hebammen mehr als 50 


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Das Hebammenwesen im Kreise Zauch-Belzig. 


143 

Entbindungen; damals blieb fast %, jetzt nur ' aller Hebammen 
mit ihrer Geburtenziffer unter 40, und die erwünschte Mittelzahl von 
50—09 Entbindungen hatte damals nur der 7., jetzt der 3. Theil; 
endlich hat jetzt keine Hebamme (früher der 8. Theil Aller) weniger 
als *20 Entbindungen im Jahre zu verzeichnen. Diejenigen Hebammen, 
welche mehr als 70 Entbindungen haben, üben ihre Thätigkeit fast 
ausschliesslich in einem grösseren Orte aus. 


Zilil 

der 

Entbindungen. 

Procenizabl der Hebammen, w«. !ehe nebenstehende Zahl von 
Entbindungen leiteten im Jahre 

1 8 6 3. ! 1880. 

i 

1 8 88. 

üb- r 100 
90—99 
80—89 
70-79 
60—69 
50—59 
40-49 
80—39 
20-29 

10 -19 

0- 9 

0,0, ) 

4,0 1 / 

4,0 r t 2 g o 

6.0 > 40,0 f /ö ’ u 

2 0 ( \ 

12,01 ; 

12,0 ’ \ 

28,0 

20.0 1 rn n } 72 0 

12,0 f 600 

0,0 ' > 

2,<K ) 

2° 

’ü < rn A > 32,0 

2,0 > 50,0 / 

10,0 \ 

14,0) J 

18,0 7 -v 

26,0, / 

0,0 ’ I 

9,0 ] ) 

4J) > 64,0 [ 53,0 
17.0 l 

15.0) / 

11.0 ’ 

190 1 

^H 47 - 0 

0,0 ’ J 


Eine gleichmässige Vertheilung der Hebammen kann erschwert wer¬ 
den durch das Institut der frei praktieirenden Hebammen, die sich bis¬ 
weilen aus Nebenrücksichten gerade da niederlassen, wo das Bedürf¬ 
nis bereits gedeckt ist. Vor 25 Jahren gab es im Kreise keine 
freien Hebammen, im Jahre 1880 deren 2, im Jahre 1888 schon 6. 
Von diesen sind 3 in ebensovielen Städten ansässig, 3 in Dörfern, 
in welchen sich ebenfalls schon Hebammen finden; doch macht nur 
eine einzige (in der Havelniederuug) eine unnöthige Concurrenz. — 
Was die materielle Lage der Hebammen angeht, so dürfen 
wir annehraen, dass unter den hiesigen Verhältnissen jede Entbindung 
(einschliesslich der von den Taufzeugen gegebenen Geschenke) im 
Durchschnitt höchstens 6 Mark einbringt. Es hat also der 3. Theil 
sämmtlicher Hebammen ein Einkommen von weniger als 240 Mark 
jährlich, und nur ebensoviel kann auf mehr als 360 Mark Einnahme 
rechnen. Die Einkünfte aus den gelegentlichen Hülfsleistungen der 
sog. kleinen Chirurgie sind nur gering, zumal viele Frauen der Mei¬ 
nung sind, dass „ihre“ Hebammen ausserhalb der Entbindung ihnen 


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144 


Dr. G leitsman n , 


unentgeltlich zur Verfügung stehen müssen. Es würde geradezu un¬ 
begreiflich sein, dass die Hebammen bei solchen Einnahmen bestehen 
können, wenn nicht häufig (zur Zeit etwa in 32 Procent) die Exi¬ 
stenz der Familie durch die Thätigkeit des Ehemannes ziemlich ge¬ 
sichert wäre, und der Erwerb der Hebamme nur als höchst erwünschte 
Zugabe betrachtet werden könnte. Ist dies nicht der Fall, oder geht 
die eigentliche Nahrungsquelle durch Unglücksfälle, Krankheit, Tod 
etc. verloren, so ist das Loos der Hebammen — einige Ausnahmen 
abgerechnet — in der That nicht beneidenswerth. 

Diese materielle Lage der Hebammen zu verbessern, wird eine 
Hauptaufgabe des Physikus sein müssen, da nun einmal Ordnung und 
Reinlichkeit auf dem Boden der Armuth nicht gedeihen. Vor 25 Jah¬ 
ren wurden jährlich 480 Mark aus den Abgaben bei Trauungen und 
Taufen unter die Hebammen vertheilt; im Jahre 1880 erhielten die 
Hebammen keinerlei Unterstützung; im Jahre 1882 bewilligte der 
Kreistag auf wiederholtes Drängen jährlich 600 Mark zur Vertheilung 
an würdige und bedürftige Hebammen, 2 Jahre später jeder Bezirks¬ 
hebamme Tagegelder von 1 Mark und Reisekosten-Entschädigung von 
10 Pfennigen für jedes Kilometer der Hin- und Rückreise bei den 
gesetzlichen Nachprüfungen, ferner im Jahre 1887 den Abonnements¬ 
betrag von 10 Exemplaren der Deutschen Hebammenzeitung und end¬ 
lich vor Kurzem die unentgeltliche Lieferung der Carbolsäure bei 
Entbindungen, was bei jährlich 2700 Geburten einem Kostenaufwand 
von etwa 1000 Mark entspricht. Damit aber war bis jetzt die Frei¬ 
gebigkeit des Kreistages erschöpft: trotz häufigen Mahnens hat er 
das in der Ministerial-Verfügung vom 6. August 1883 verlangte feste 
Diensteinkommen den Bezirkshebammen noch nicht zugesichert. Die 
Gemeinden aber weisen jeden Versuch, sie zur Hergabe von festen 
Besoldungen und freier Wohnung für ihre Hebammen zu bewegen, 
mit einem leisen Anfluge von Spott und dem Bemerken zurück, dass 
es ihnen auch unter den jetzigen Verhältnissen nie an Hebammen 
gemangelt habe. Allerdings muss zugegeben werden, dass der Kreis 
und namentlich die südliche Hälfte nur arm ist. 

Bei der unzureichenden Hülfe, welche der Kreis gewähren konnte, 
blieb nichts übrig, als die Hebammen auf die Selbsthülfe zu verweisen. 
In den ersten Jahren meiner Amtsführung war es mir wiederholt vor¬ 
gekommen, dass ich theils von Privatpersonen, welche bei den Ho- 
uorarforderuugen der Hebammen sich übervortheilt glaubten, theils von 
Amtsgerichten, welche mit dergleichen Prozessen befasst waren, um 


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Das Hebammenwesen im Kreise Zauch Belzig. 


145 


Mittheilung der für die Hebammen des Kreises gültigen Taxe ersucht 
wurde. In allen diesen Fällen stellte sich nachträglich heraus, dass 
die angebliche Uebertheuerung in einer die zulässige Höhe noch lange 
nicht erreichenden Forderung bestand. Daraus ging also hervor, 
dass das Publikum im Allgemeinen von den Rechten und Befug¬ 
nissen der Hebammen keine rechte Vorstellung hat, und es erschien 
— wie ich dem Landrath auseinandersetzte — im allseitigen Inter¬ 
esse geboten, dass die Hebammentaxe öffentlich bekannt gemacht 
würde, sowohl um unnöthige Streitereien und Prozesse zu vermeiden, 
als auch um auf das Publikum, das die begreifliche Scheu der Heb¬ 
ammen vor gerichtlichen Proceduren oft in arger Weise ausnütze, 
einen Druck auszuüben. Eine entsprechende Bekanntmachung er¬ 
schien darauf im Kreisblatt; ich selbst übersandte jeder Hebamme 
ein Exemplar der Taxe, welche den meisten völlig unbekannt war. 
Ferner wurde bei den Nachprüfungen stets Gelegenheit genommen, 
die Hebammen auf die ihnen zustehenden Rechte hinzuweisen, und 
der Versuch gemacht, die benachbarten Hebammen, die sich oft in 
thörichter Concurrenz unterboten, zu einem gemeinsamen Vorgehen zu 
bestimmen. Die Gründung.eines Vereins, die von den strebsameren 
Hebammen selbst oft angeregt wurde, um durch feste statutarische 
Bestimmungen auch diese materiellen Verhältnisse zu regeln, erschien 
bis jetzt in einem Kreis von 35 Quadratmeilen mit über 50 weit zer¬ 
streuten Hebammen unausführbar. 

Wir gehen über zu der Betrachtung des wissenschaftlichen 
Zustandes des Hebammenwesens. Hier interessiren vor Allem die 
Resultate der Nachprüfungen, denen sich bekanntlich jede Hebamme 
alle 3 Jahre unterziehen muss. Ueber die von meinem Amtsvorgän¬ 
ger abgehaltenen Prüfungen lässt sich leider aus den Akten gar nichts 
ersehen, und ich muss mich darauf beschränken, die Ergebnisse der 
3 vollständigen Cyklen von Nachprüfungen zusammenzustellen, die 
ich selbst abgehalten habe. 


(Siehe die Tabelle auf S. 146.) 

Es findet sich demnach für alle 3 Cyklen genau dasselbe Re¬ 
sultat: der 4. Theil der Hebammen zeigt erfreuliche Kenntnisse, die 
Hälfte genügt mässigen Ansprüchen, und das letzte Viertel bleibt 
auch hinter bescheidenen Anforderungen zurück. Und Alles dies, 
trotzdem ein fortwährender Abgang alter Hebammen und Zuzug jun¬ 
ger Elemente stattfindet! — 


V|«mljthrtifhr. f. f*r. Med. N. P. LIf. 1. 

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10 

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146 


Dr. Gleitsmann, 


Zahl der Hebammen, welche geprüft wurden 


im Jahre 

im Ganzenj 

Hiervon mit der Censur 

sehr gut. | 

gut. 1 genügend, j 

1 1 

mangel¬ 

haft. 

unge¬ 

nügend. 

18S0 

13 

2 1 

i 

5 

3 

2 

1881 

18 

1 

2 

10 

4 

1 

1882 

16 

2 

4 

7 

3 

— 

Erster Cyklus 

47 

5 ; 

7 

22 

10 

3 

1883 

13 

2 

2 

5 

4 

_ 

1884 

18 

2 

2 

8 

4 

2 

1885 

18 

— 

5 

9 

2 

2 

Zweiter Cyklus 

49 

4 

1 

9 

22 

| 10 

4 

1886 

15 

1 

3 

8 

3 

1 

1887 

16 

1 

3 

7 

3 

2 

18S8 

17 

1 

4 

8 

2 

1 

Dritter Cyklus 

48 

3 

10 

23 

8 

4 


Die obigen Zahlen beanspruchen selbstverständlich keine mathe¬ 
matische Beweiskraft, aber sie haben doch einen nicht zu unter¬ 
schätzenden Werth, da die Leistungen nach demselben Maassstab von 
demselben Examinator gemessen sind, der das wenigstens von sich 
sagen kann, dass er sich Mühe bei diesen Nachprüfungen gegeben 
hat, und dem früher einiges Lehrgeschick nachgerührat wurde. An¬ 
dererseits kann auch nicht behauptet werden, dass diese Nachprüfun¬ 
gen in wissenschaftlicher Hinsicht ganz und gar werthlos gewesen 
sind, da sie vielleicht einem vollständigen Versumpfen der besseren 
Elemente vorgebeugt haben. Ich möchte auch hervorheben, dass nicht 
immer die gleichen Hebammen in die gleiche Ccnsuren-Rubrik ge¬ 
kommen sind, sondern dass sich manche eraporgearbeitet haben. Eine 
Hebamme z. B. figurirt im ersten Cyklus unter „mangelhaft“, im 
zweiten unter „gut“, im dritten sogar unter „sehr gut“. Umgekehrt 
ist bei manchen Hebammen, namentlich den älteren, ein allmäliges 
Abwärtsfallen zu verfolgen. — Lässt sich also der günstige Einfluss 
der Nachprüfungen auf die wissenschaftliche Fortbildung der Heb¬ 
ammen nicht zahlenmässig nachweisen, so verfehlen sie jedenfalls in 


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Das Hebammenwesen im Kreise Zauoh-Belzig. 


147 


ethischer Beziehung niemals ihre Wirkung. Indem sie dem Physik us 
Gelegenheit geben, die Hebammen auf die Bedeutung und Wichtig¬ 
keit ihres Standes, auf die Verantwortlichkeit ihrer Stellung und die 
Möglichkeit ihres segensreichen Einflusses eindringlich hinzuweisen, fer¬ 
ner kleine Zwistigkeiten zum Ausgleich zu bringen und den Corpsgeist 
anzuregen, endlich auch die materielle Seite ihres Berufes in huma¬ 
nem Geiste zu besprechen, wirken sie zweifellos höchst fördernd und 
sind geradezu unentbehrlich und unersetzlich. 

Bei den ersten Nachprüfungen zeigte sich auch, dass der grösste 
Theil der Hebammen nicht im vollständigen Besitz des vorgeschrie¬ 
benen Inventariums war. Von 58 Hebammen besassen 32 nicht ein¬ 
mal das neue Lehrbuch, 17 keinen Irrigator, fast alle keinen Ther¬ 
mometer, keine Carbolsäure, keine Tamponkugeln u. s. w.; dagegen 
führten sie z. Th. alte unzweckmässige, selbst gefährliche Geräthe 
mit sich, wie Nabelschnurrepositorien, Führungsstäbchen, metallene 
Specula u. Aehnl., sowie einen Wust von Thees und Tropfen. Es 
wurde sofort vom Landrath jeder Hebamme aufgegeben, sich bis zu 
einem bestimmten Termin über den Besitz der nöthigen Bücher und 
Gerätschaften auszuweisen; für 32 übernahm ich auf ihre Bitte selbst 
die Besorgung derselben. Bei den Nachprüfungen wurde namentlich 
die Sauberkeit der Instrumente revidirt, die anfangs Alles zu wün¬ 
schen übrig liess. — Als Curiosum sei hier erwähnt, dass noch in 
neuerer Zeit den Hebammen bei ihrem Abgänge von der Lehranstalt 
anstatt der Nagelbürsten veritable schmale — Zahnbürsten ohne Zin¬ 
ken mitgegeben wurden. 

Als ein Uebelstand stellte sich ferner bei den Nachprüfungen 
heraus, dass die Mehrzahl der Hebammen schon zu alt ist, um neue 
Gedanken sich leicht aneignen zu können. Hinsichtlich des Al¬ 
ters vertheilen sich die Hebammen, welche in den letzten Jahren, so¬ 
wie diejenigen, welche in den Jahren 1862—64 thätig gewesen sind 
und deren Zahl zufälliger Weise beide Male 60 beträgt, folgender- 
massen: 


Zeit 

Zahl der Hebammen, welche standen im Alter 
von Jahren 


•20—29 

30-39 

40-49 

50—59|60—69 

70—79 

80—85 

1863 

3 

16 

14 

1 1 

12 | 8 ! 

1 

6 

1 

1888 

1 

14 

17 

17 j 5 

6 

— 


10 * 


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148 


Dr. Gleitsmann, 


Hiernach lagen die Verhältnisse vor 25 Jahren etwas günstiger 
als in der neueren Zeit; doch war zu beiden Zeiten die Hälfte aller 
Hebammen über 50 Jahre alt. Das Durchschnittsalter berechnet sich 
für die erstgenannte Periode auf 50,6 — für die zweite auf 51,7. 
(Des Vergleichs halber sei angeführt, dass das Durchschnittsalter der 
Aerzte im Jahre 1863 nur 43,8 und im Jahre 1888 sogar nur 38,7 
betrug.) 

Vergleichen wir auch das Alter, welches die Hebammen bei 
Beginn ihrer Praxis hatten, so ergiebt sich Folgendes: 


Zeit. 


Zahl der Hebammen, welche beim Beginn ihrer 
Praxis standen im Alter von Jahren 



22 ] 

231 

24] 

,25| 

26 

'27 

28f29 30 

3l| 

32 

33 

34 

35;36 37 

38 

39, 

12 

41 

1863 

1 

1 

4 

6 

5 

2 

5 

6 

5 

6 

5 

2 

2 

3 

_ 

— 

2 

2 

2 

1 

1888 

1 

— 

3 

7 

i 

7 

1 

5 

1 

7 

7 

6 

3 

1 

3 

1 

2 

3 

— 

! 

— 

— 

— 


Nur der 5. Theil war 25 Jahre und darunter alt, die Hälfte 
(vor 25 Jahren sogar nur ein Drittel) zwischen 26 und 30, und 
30 pCt. (resp. früher 42 pCt.) über 30 Jahre, dabei vor einem Viertel¬ 
jahrhundert 12 pCt. selbst 38 bis 41 Jahre alt. Es ist entschieden 
zu bedauern, dass sich die betr. Frauen meist erst zu spät zum Heb¬ 
ammenberuf cntschliessen; indessen sollte nach dem 30. Lebensjahr 
keine Person mehr zum Hebammenunterricht zugelasscn werden. 

Eine mächtige Förderung für die wissenschaftlichen und Standes¬ 
interessen der Hebammen brachte im Jahre 1886 die von Dr. Winter 
redigirte „Allgemeine Deutsche Hebammenzeitung“. Ich beantragte 
beim Kreisausschuss, dass für jede Hebamme, welche sich noch als 
bildungs-'und interessefähig erwiesen hatte, und deren Zahl ich auf 
40 veranschlagte, auf Kosten des Kreises ein Exemplar dieser Zeitung 
gehalten würde. Der Kreisausschuss glaubte indessen, dass es ge¬ 
nüge, wenn 10 Exemplare in Circulation gesetzt würden, und wünschte 
zugleich, dass hierbei keine Hebamme übergangen würde. Ich bildete 
also die Lesezirkel, übernahm die Ueberwachung derselben und sam¬ 
melte die gelesenen Nummern, welche am Jahresschluss gebunden 
und an 10 strebsame Hebammen verschenkt wurden. Ich kann con- 
statiren, dass diese Zeitung von den Hebammen ausserordentlich gern 
gelesen wird (einige halten sich sogar aus eigenen Mitteln ein Exem¬ 
plar) und eine äusserst wohlthätige Wirkung entfaltet. — 


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Das Hebammenwesen im Kreise Zaach-Belzig. 


149 


Die Tagebücher der Hebammen bestanden vor 25 Jahren aus 
dicken, von den Lehranstalten ausgegebenen Bänden, die bis zu ihrer 
vollständigen Ausfüllung (oft 30 — 40 Jahre lang) benutzt wurden. 
Vom Jahre 1867 bis 1879 waren sie niemals revidirt. Seit dem 
Jahre 1880 werden statt derselben dünne Hefte vom Kreise geliefert, 
die alljährlich von den Hebammen zurückgesandt werden, um in der 
Physikats-Registratur zu verbleiben, und die ausser den vorgeschrie¬ 
benen Colonnen auch einige Fragen über Vorgänge im Wochenbett, 
sowie über Ernährung und Ergehen der Neugeborenen in den ersten 
6 Lebenswochen enthalten. Da mir die Führung dieser Tagebücher 
vielfach nicht genügte, so habe ich anfangs, zugleich in der Absicht 
mit den Hebammen in Verkehr zu bleiben und in ihnen das Gefühl der 
Verantwortlichkeit rege zu halten, denjenigen, welche nicht zur Nach¬ 
prüfung vorgeladen waren, eine schriftliche Kritik ihrer Tagebücher 
zugesandt in der Art der Bemerkungen der Medicinal-Collegien zu 
Obductionen, nur mit dem Unterschiede, dass gute Leistungen auch 
als solche anerkannt und belobt wurden. Ich habe in Folge dessen 
eine bedeutende Besserung der Listenführung wahrnehmen können. 

Einige allgemein interessante Resultate aus den Tagebüchern der 
3 Vergleichsjahre — auf Procentzahlen berechnet — liefert nach¬ 
stehende Tabelle: 


Vorkommnisse. 

18 63. 

1 8 80. 

1 888. 

Rechtzeitige Geburten. 

98,04 

96,42 

95,61 

Frühzeitige Geburten . 

1.7*2 

2,81 

3.33 

Unzeitige Geburten . 

0/24 

0,84 

1,06 

Todtgeborene . 

3,32 

4,03 

3,75 

Regelmässige Schädellagen . 

95,54 

94,27 

95/23 

Regelwidrige Schädellagen . 

0,00 

0,04 

0.00 

Gesichtslagen. 

0,43 

0,30 

0/27 

Beckenlagen . 

2,89 

3 44 

2.95 

Schieflagen. 

Von den Entbundenen sind gestorben 

1,14 

1,55 

1,40 

«ährend der Geburt. 

0,00 

0,17 

0,11 

im Wochenbett. 

0,09 

0,38 

0,42 

Geburtsbülflicbe Operationen. 

2,92 

3,10 

4,47 

Zangen-An Wendungen . 

1,10 

1/21 

2.31 

Wendungen . 

1,34 

1,64 

1.48 

Extractionen . 

0,00 

0/21 

0,31 

Zerkleinernde Operationen . 

0,05 

0.04 

0.00 

Nachgeburts-Operationen. 

0,28 

0,00 

0,38 


Folgendes verdient hervorgehoben zu werden: Das Procent-Ver- 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 
























150 


Dr. Glcitsmann, 


hältniss der frühzeitig und unzeitig Geborenen ist nicht unerheblich 
gestiegen, jedenfalls in Folge besserer Listenföhrung. Dagegen stim¬ 
men die Verhältnisszahlen der Kindslagen auffallend überein, und auch 
die Ziffer der Todtgeborenen zeigt keine bemerkenswerthen Schwan¬ 
kungen. Eine bedeutende Zunahme hinwiederum weisen die geburts- 
hülflichen Operationen auf, die von 2,92 auf 4,47 pCt. gestiegen sind, 
so dass jetzt bei jeder 22. Geburt (früher bei jeder 34.) Kunsthülfe 
angewendet ist. Diese Kunsthülfe wurde vor 25 Jahren noch in 
28 pCt. aller Fälle von den Hebammen geleistet (z. B. von 23 Wen¬ 
dungen 14 — und zwar 9 mit Erhaltung des kindlichen Lebens), im 
Jahre 1880 nur noch in 16,6 pCt. (10 Wendungen von 38 und 2 
Extractionen), im Jahre 1888 in 2,5 pCt. (3 Extractionen). Die Zu¬ 
nahme betrifft namentlich die Zangenapplicationen, deren Relativzahl 
sich im letzten Viertoljahrhundert verdoppelt hat. Die niedrige Ziffer 
der zerkleinernden Operationen beweist, dass Becken Verengerungen 
höheren Grades in unserer Gegend recht selten sind. — Dass die 
Zahl der im Wochenbett Verstorbenen sich um das Vierfache erhöht 
hat, beruht sicherlich einestheils auf der jetzigen besseren Tagebuch¬ 
führung, anderentheils auf der Erweiterung des Begriffs Wochenbett 
von 9 Tagen auf 6 Wochen. Uebrigens sind die während des Jahres 
1863 im Wochenbett Verstorbenen sämmtlich an Kindbettfieber zu 
Grunde gegangen, von denen des Jahres 1888 nur der dritte Theil, 
während die übrigen Todesfälle bedingt sind durch Lungenschwind¬ 
sucht (3 Mal), Lungenentzündung, die schon vor der Entbindung be¬ 
standen hatte, Eklampsie, Herzschlag und Kohlenoxydvergiftung. 

Hinsichtlich der Neugeborenen stellt nachfolgende Tabelle die 
aus den Tagebüchern der Jahre 1881—84 gewonnenen Procentzahlen 
zusammen, welche über die Art der Ernährung und ihre Erfolge bei 
kräftig und bei schwächlich Geborenen in den ersten 6 Lebenswochen 
orientiren: 


Neugeborene Kinder. 

Mit Muttermilch genährte 

MitSurrogaten genährte Kinder 

Im 

Ganzen 

hiervon 

Im 

Ganzen 

hiervon 

haben 
zu ge¬ 
nommen 

haben 

abge- 

nommen 

sind ge¬ 
storben 

haben 

znge- 

nommen 

haben 

abge¬ 

nommen 

sind ge¬ 
storben 

Kräftige Kinder . 

Schwächliche Kinder 

75,2 

13,0 

97,2 

89,0 

0,7 

0,7 

2,1 

10,3 

6,0 

5,2 

79,0 

37,7 

13,5 

25,4 

7,5 

36,9 

Summe. 

88,2 

96,0 

°' 7 ! 

3,8 

11,8 

60,8 

17,7 

21,5 


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Original ffom 

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Das Hebammenwesen im Kreise Zauch-Belzig. 


151 


Während der ersten 6 Lebenswochen sind also 88,2 pCt. aller 
geborenen Kinder mit Muttermilch und 11,8 pCt. mit Surrogaten 
(meist Kuh- oder Ziegenmilch) ernährt worden. Die verschiedene 
Prognose dieser Ernährungsweisen, sowie die starke Gefährdung 
schwächlicher Kinder, welche nicht die Mutterbrust erhalten, springt 
aus der Tabelle hervor und bedarf keiner Erörterung. Hingewiesen 
sei nur auf den hohen Procentsatz der Kinder, welche mit Mutter¬ 
milch ernährt wurden; er liefert den Beweis, dass in unserer Gegend 
die Mütter sich ihrer Pflicht, ihre Kinder selbst zu nähren, noch be¬ 
wusst sind und darin von den Hebammen unterstützt worden. — 
Nach diesen Erörterungen über den materiellen und wissenschaft¬ 
lichen Zustand des Hebammenwesens wenden wir uns zur Betrachtung 
einiger anderer Punkte auf diesem Gebiete. Anschuldigungen ge¬ 
gen Hebammen kamen während der letzten 25 Jahre nicht gerade 
selten vor. Im Jahre 1863 wurden 2 Hebammen wegen „verweiger¬ 
ter Geburtshülfe“ mit 30 resp. 40 Thalern (oder 4 resp. 5 Wochen 
Gefängniss) gerichtlich bestraft. Dieselbe Beschuldigung wurde in der 
Zeit von 1863—1879 noch 19 Mal, von 1880—1888 noch 2 Mal 
vorgebracht, indessen meist durch eingereichte ärztliche Atteste, welche 
die derzeitige Dienstunfähigkeit der Beschuldigten bezeugten, seltener 
durch andere Rechtfertigungsgründe hinfällig gemacht. Wegen fahr¬ 
lässiger Körperverletzung resp. wegen fahrlässiger Tödtung wurden in 
der ersten Periode 2, in der zweiten Periode 5 Hebammen zur An¬ 
zeige gebracht; nur Ein Mal (1885) wurde eine gerichtliche Anklage 
eingeleitet, jedoch das Hauptverfahren nicht eröffnet, die übrigen Male 
dagegen ein staatliches Einschreiten von vornherein abgelehnt, und 
zwar weil — wie stets die Begründung lautete — nicht mit Be¬ 
stimmtheit nachzuweisen war, dass die Thätigkeit resp. Unterlassung 
der Hebamme die Körperverletzung oder den Tod herbeigeführt hatte. 
Wegen angeblicher Ueberschreitung der Befugnisse und wegen Kur¬ 
pfuscherei liegen aus den Jahren 1863 — 79 keine Anklagen vor; 
seitdem jedoch mussten 7 Hebammen deswegen von den Verwaltungs¬ 
behörden zur Rechenschaft gezogen und 6 derselben in Folge des Er¬ 
gebnisses der Untersuchung ernstlich verwarnt, mit Concessions-Ent- 
ziehung bedroht und von den öffentlichen Unterstützungen vorläufig 
ausgeschlossen worden. Beschwerden von Privatpersonen wegen 
„Klatschereien“ und beleidigenden Aeusserungen der Hebammen ka¬ 
men 1866 ein Mal, und in der Zeit von 1883 — 85 vier Mal zur amt¬ 
lichen Behandlung. Da die Hebammen stets leugneten, so musste 


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152 


Dr. Gleitsmann, 


den Beschwerdeführern anheimgegeben werden, die Sühne für die an¬ 
gebliche Beleidigung sich auf anderem Wege zu beschaffen; doch 
wurden die Hebammen unter Hinweis auf § 1. der Instruction und 
§ 300. des Strafgesetzbuches dringend ermahnt, ihrer Verpflichtung 
zur Verschwiegenheit stets eingedenk zu sein. Wegen Trunksucht 
wurde einer alten Hebamme 1880 das Prüfungszeugniss entzogen; 
eine andere ebenfalls betagte wurde (1886) wegen desselben Lasters 
in Untersuchung gezogen, konnte indessen nicht überführt werden und 
starb im nächsten Jahre — wie nunmehr allgemein zugegeben wurde 
— an den Folgen des chronischen Alkoholismus. Einer Hebamme, 
welche trotz wiederholter Aufforderung nicht in dem ihr zugedachten 
Bezirk, sondern in der nahe gelegenen Stadt wohnte und prakticirte, 
wurde (1867) die Approbation abgenomraen. Beschwerden und An¬ 
schuldigungen der Hebammen unter einander waren in der ersten Zeit 
meiner Amtsführung an der Tagesordnung, sind in den letzten Jahren 
aber fast ganz verstummt. 

Auf etwaige Uebertretungen der Ober-Präsidial-Verordnung vom 
11. December 1879, welche die Anzeigepflicht für jeden Fall von 
Kindbettfieber, sowie jeden den Verdacht des Kindbettfiebers erregen¬ 
den Krankheitsfall einführte, wurde von mir besonders gefahndet. 
Die für das Jahr 1881 eingerichtete, aber erst von 1885 an regel¬ 
mässig fortgesetzte Kreis-Medicinal-Statistik, bei der die Standesbeam¬ 
ten monatliche Meldekarten über die Bewegung der Bevölkerung, ins¬ 
besondere über jeden Todesfall an den Physikus einsandten, gab mir 
auch Gelegenheit, über das Kindbettfieber genaue Ermittelungen an¬ 
zustellen. Es wurde nicht nur jeder Todesfall, der angeblich an 
Kindbettfieber, im Wochenbett oder in Folge der Geburt eingetreten 
war, sondern auch jeder Todesfall einer weiblichen Person im gebär¬ 
fähigen Alter weiter verfolgt und durch Nachforschungen bei den 
Aerzten und Standesbeamten in seinem etwaigen Zusammenhänge mit 
einer Infcction bei der Geburt klar gestellt. Auf die Resultate die¬ 
ser Untersuchungen (die, nebenbei bemerkt, von den Ergebnissen der 
Böhr’schen Ermittelungen ab weichen), kann hier nicht eingegangen 
werden; hervorgehoben sei aber, dass durch diese Meldekarten in Ver¬ 
bindung mit den seit 1880 eingeführten monatlichen Meldungen der 
Aerzte über alle Vorkommnisse ihrer Praxis dem Physikus eine vor¬ 
zügliche Handhabe geboten war, die Hebammen bezüglich der Erfül¬ 
lung ihrer Anzeigepflicht bei Kindbettfieber zu controliren und in ihnen 
das Gefühl des ständigen Ueberwachtwerdens zu erhalten. Es ver- 


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Das Hebammenwesen im Kreise Zauch-Belzig. 


153 


dient rühmend anerkannt zu werden, dass nur 3 Mal (darunter 1 Mal 
bei einer Hebamme eines benachbarten Kreises) die Unterlassung der 
Anzeige zu constatiren war. 

Klagen über Hebammen-Pfuscherei waren vor 25 Jahren 
häufiger als in der neueren Zeit — eine natürliche Folge der räum¬ 
lichen Ausdehnung mancher früheren Bezirke. Da die Hebammen 
einen genügenden Schutz gegen diese ungesetzliche Concurrenz nicht 
fanden, so schlossen sie mit ihren „wilden“ Colleginnen häufig förm¬ 
liche Verträge ab, wonach Letztere in gewissen Orten die Entbindun¬ 
gen übernahmen und an Erstere eine bestimmte Summe (meist 50 
Pfennige für jede Entbidung) zahlten zur Aufnahme des Geburtsfalles 
in das Hebammen-Journal. Im Jahre 1880 wurde den Hebammen 
ein solches Abkommen streng verboten und der Versuch gemacht, 
gegen die Pfuscherinnen einzuschreiten. Doch gelang es in keinem 
einzigen Falle, eine gerichtliche Bestrafung herbeizuführen, da die 
entbundenen Frauen stets behaupteten, sich der wilden Hebammen 
nur aus Noth bedient zu haben, und stets in Abrede stellten, dass 
Letztere für ihre Hülfsleistungen Bezahlung gefordert hätten. Einige 
später wiederholte Versuche führten ebenfalls nicht zu dem gewünsch¬ 
ten Resultat, hatten im Gegentheil die Folge, dass die Pfuscherinnen 
sich nur sicherer fühlten und die Behörden verhöhnten. Mein Haupt¬ 
streben musste also nunmehr dahin gehen, durch eine möglichst gleich- 
massige Vertheilung der Hebammen über den Kreis die Erlangung ge¬ 
setzlichen geburtshülflichen Beistandes zu erleichtern und die Kreissen¬ 
den vor „Nothlagen“ zu bewahren. — Einen Anhalt zur Beurtheilung 
über die Ausdehnung der Hebammenpfuscherei erhält man ja, wenn 
man die Zahlen der von den Standesämtern und der von den Hebammen 
jährlich gemeldeten Geburten vergleicht; für unseren Kreis ist hier¬ 
bei jedoch zu berücksichtigen, einerseits dass durch die ebenerwähn¬ 
ten Vereinbarungen zwischen den wirklichen und wilden Hebammen 
früher viele Geburtsfälle zwar in die Hebammen-Tagebücher aufgo- 
noramen, aber von Pfuscherinnen besorgt sind, und andererseits dass 
— wie Seite 142 berichtet ist — 18 Ortschaften sich Hebammen von 
Orten ausserhalb des Kreises holen, während von unseren Hebammen 
keine ausserhalb des Kreises prakticirt, dass also von der gefundenen 
Differenz vor einem Vierteljahrhundert etwa 160, in den letzten 
10 Jahren 180—200 als gesetzmässige in Abzug gebracht werden 
müssen. 

Nach diesen Vorbemerkungen gebe ich nunmehr die betreffenden 


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Original frnm 

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154 


Dr. Gleitsm&nn, 


Zusammenstellungen über den Ueberschuss der von den Standes¬ 
beamten gemeldeten Geburtsfälle über die von den Hebammen ange¬ 
gebenen Entbindungen, wobei in der letzten Colonne die wahrschein¬ 
lich von auswärtigen Hebammen geleiteten Entbindungen rechnerisch 
in Abzug gebracht sind. 


Zahl der mehr gemeldeten Geburten 


im Jahre 

im Ganzen. 

Procentverhältniss zu den standes¬ 
amtlich angegebenen Zahlen 

im Ganzen. 

nach dem 
nöthigen Abzug. 

1863 

466 

18,3 

12,0 

1864 

465 

16,4 

10,8 

1879 

519 

17,9 

11,7 

1880 

528 

18,5 

12,2 

1881 

343 

12,5 

5,9 

1882 

339 

12,1 

5,3 

1883 

285 

10,3 

3,5 

1884 

251 

8,9 

2,2 

1885 

214 • 

7,6 

0,9 

1886 

247 

8,6 

1,6 

1887 

229 

7,8 

1.0 

1888 

309 

10,5 

3,7 


Die Besserung der in Rede stehenden Verhältnisse geht aus die¬ 
sen Zahlen deutlich hervor: während früher mindestens 11—1*2 pCt. 
aller Geburten von Pfuscherinnen besorgt wurden, ist diese Ziffer in 
den letzten 5 Jahren auf 1—2 pCt. gesunken und zeigt nur im letz¬ 
ten Jahre ein plötzliches Wiederansteigen, jedenfalls in Folge davon, 
dass 2 Hebammen plötzlich ihre Thätigkeit einstellten und ein Ersatz 
nicht sofort zu beschaffen war. — 

Zum Schlüsse dieser Arbeit muss ich noch eine wichtige- Frage 
beantworten, die sich wohl Jedem aufgedrängt hat, die Frage näm¬ 
lich, welche Wirkung die Gesammtheit aller der geschilderten Mass¬ 
nahmen auf das Schreckgespenst jeder Entbindung — das Kind¬ 
bettfieber — ausgeübt hat. Leider bin ich zu dem Geständniss 
genöthigt, dass bis jetzt ein greifbarer Erfolg in dieser Hinsicht nicht 
nachzuweisen ist. 

Ich gebe zunächst nach den amtlichen Mittheilungen des statisti¬ 
schen Büreaus eine Zusammenstellung über die Anzahl der im Wo¬ 
chenbette (in den Jahren vor Errichtung der Standesämte — 1863 


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Das Hebammenwesen im Kreise Zauch-Beizig. 


155 


bis 1874 — mit Einschluss der in Folge von „Schwangerschaft“) Ver¬ 
storbenen und füge einige vergleichende Berechnungen hinzu. 


Zahl der im Wochenbett Verstorbenen 


im Jahre 

überhaupt 

pro mille der Geborenen 

im Kreise 
Zauch-Beizig. 

im preussi- 
scben Staate. 

im Kreise 
Zauoh-Belzig. 

im preussi- 
schon Staate. 

1863 

23 

6222 

9,0 

8,0 

1868 

28 

7290 

8,8 

7,8 

1873 

46 

9241 

16,9 

9,0 

1875 

19 

7218 

6,5 

6,8 

1878 

19 

6285 

6,9 

5,8 

1879 

15 

6517 

5,2 

5,9 

1880 

18 

5858 

6,3 

5,5 

1881 

16 

6128 

5,5 

5,9 

1882 

12 

6390 

4,3 

5,9 

1883 

10 

6141 

3,6 

5.7 

1884 

19 

6127 

6,7 

5,6 

1885 

10 

6473 

3,6 

5,8 

1886 

19 

6246 

6,6 

5,6 

1887 

18 

5997 

6,2 

5.3 

1888 

5 

? 

1,7 

V 


Im Prenssischen Staate betrug also während der Jahre 1878 bis 
1887 die Verhältnisszahl einer im Wochenbett Verstorbenen za 1000 
Geborenen zwischen 5,3 und 5,9 (im Durchschnitt 5,7) — in unse¬ 
rem Kreise zwischen 3,6 und 6,9 (im Durchschnitt 5,5), war dem¬ 
nach in beiden Distrikten ziemlich gleich gross. Die auffallend nie¬ 
drige Zahl des Jahres 1888 für unseren Kreis (für den Preussischen 
Staat ist die betreffende Zahl noch nicht ermittelt) möchte ich vor¬ 
läufig für einen Zufall halten. 

Genaueres über das Kindbettfieber der letzten Jahre in unserem 
Kreise werden wir indessen erst aus folgender Tabelle erfahren, deren 
Zahlen durch die Anzeigen der Hebammen und Aerzte und meine 
amtlichen Ermittelungen erlangt sind, und die deshalb wohl als zu¬ 
verlässig gelten darf (siehe umstehende Tabelle). 

Hiernach schwankt die jährliche Zahl der Erkrankten zwischen 
5 und 23 (0,18 und 0,79 pCt. der Geborenen), die der Verstorbenen 
zwischen 1 und 13 (0,04 und 0,45 pCt. der Geborenen). Die Gc- 
sammt - Morbidität für die angegebenen Jahre berechnet sich auf 
0,58 pCt. der Geborenen, die Mortalität auf 0,26 pCt. Ein Fort- 


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Original fram 

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156 


Dr. Gleitsmann, 


Jahr. 

Zahl der 

Ge¬ 

borenen. 

Zahl der an Kindbettfieber 

Zahl der 
bethei¬ 
ligten 
Heb-' 
ammen. 

Höchste 
Erkran¬ 
kungszahl 
bei einer 
Hebamme. 

Erkrankten 

Verstorbenen 

über¬ 

haupt. 

pCt der 
Geborenen 

über¬ 

haupt. 

pCt. der 
Geborenen 

1880 

2850 

18 

0,63 

6 

0,21 

14 

2 

1881 

2749 

20 

0,73 

10 

0,37 

15 

2 

1882 

28G0 

17 

0,61 

9 

0,82 

14 

2 

1883 

2753 

5 

0,18 

1 

0,04 

5 

1 

1884 

2825 

19 

0,67 

6 

0,21 

15 

2 

1885 

2814 

14 

0,50 

5 

0,18 

12 

2 

1886 

2874 

22 

0,77 

13 

0,45 

17 

3 

1887 

2922 

23 

0,79 

13 

0,44 

9 

5 

1888 

2950 

1 

9 

0,31 

4 

0,14 

7 

2 


schritt zum Besseren ist nicht erkennbar; im Gegentheil sind gerade 
die Jahre 1886 und 1887 die bedenklichsten, sowohl wegen der 
grösseren Zahl der Erkrankungen als auch wegen des häufigeren Vor¬ 
kommens in der Praxis Einer Hebamme. Doch muss im Allgemeinen 
zugestanden werden, dass eigentliche «Epidemien** überhaupt nicht 
vorgekommen sind, zumal auch in den Fällen mehrfacher Erkrankun¬ 
gen bei Einer Hebamme gewöhnlich Monate und eine Reihe gesunder 
Wöchnerinnen zwischen den verschiedenen Krankheitsmeldungen lagen. 
Ausserdem würde man den Hebammen entschieden Unrecht thun, 
wenn man ausschliesslich ihnen die Schuld an den Infectionen auf¬ 
bürden wollte. Denn gar nicht selten schloss sich das Kindbett¬ 
fieber an geburtshülfliche Operationen von Aerzten an, und wenn auch 
solche Entbindungen wegen ihrer durchschnittlich längeren Dauer und 
wegen des dadurch bedingten häufigeren Untersuchens öfter Gelegen¬ 
heit zur Infection durch die Hebammen bieten, so muss es doch auf¬ 
fallen, wenn z. B. nach einer Zangenburt Puerperalfieber eintritt, dann 
eine Reihe normaler Wochenbetten folgt und bei der nächsten Zangen- 
Entbindung desselben Arztes wiederum eine Infection sich bemerkbar 
macht. Giebt es doch — leider! — auch jetzt noch sogar jüngere 
Aerzte, welche die Antisepsis in der Geburtshülfe recht lax hand¬ 
haben und beispielsweise bei Extractionen nicht einmal die Manschet¬ 
ten ablegen. 

Das sanitäts-polizeiliche Verfahren bei Kindbettfieber bestand in 


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Das Hebammenwesen im Kreise Zauch-Belzig. 


157 


den bekannten Massnahmen: der betr. Hebamme wurde untersagt, die 
erkrankte Wöchnerin weiter zu besuchen, und eine bis ins Kleinste 
vorgeschriobene Instruction zur Desinficirung ihres Körpers, ihrer In¬ 
strumente und ihrer Kleidung zugeschickt. Zugleich wurde der betr. 
Arzt ersucht, die sachgemässe Ausführung dieser Massregeln mög¬ 
lichst zu controliren. Die Hebammen, in deren Praxis während eines 
Jahres 3 Erkrankungen vorkamen, mussten nach Belzig kommen, 
hier zunächst ein längeres Seifenbad nehmen und sodann uni er meiner 
Aufsicht sich selbst und ihre Instrumente desinficiren. 

Als unterm 22. November 1888 die längst ersehnte „Anweisung 
für die Hebammen zur Verhütung des Kindbettfiebers“ erschien, über 
deren Entwurf ich bereits im Jahre 1885 ein Gutachten abgegeben 
hatte, hielt ich im Aufträge meiner Vorgesetzten Dienstbehörde an 
5 verschiedenen Orten des Kreises für je 6—7 Hebammen Curse ab, 
in denen die Vorschriften jener Anweisung genau besprochen und von 
jeder einzelnen Hebammepraktisch durchgemacht wurdeu. Auch der ärzt¬ 
liche Verein des Kreises, dem fast alle Aerzte angehören, nahm sich der 
Angelegenheit warm an: in einer von Erfolg gekrönten Eingabe an 
den Kreisausschuss wies er die Nothwcndigkeit der unentgeltlichen 
Lieferung von Carbolsäure an die Hebammen nach und verpflichtete 
seine Mitglieder, die Hebammen bezüglich der Befolgung der antisep¬ 
tischen Vorschriften zu überwachen und Zuwiderhandlungen zur An¬ 
zeige zu bringen. 

Wir haben sicherlich in der Theorie guten Grund zu der Hoff¬ 
nung, dass durch die strenge Ausführung der ministeriell angeordne¬ 
ten Massnahmen das Kindbettfieber allmälig ganz verschwinden wird. 
Möchte doch die Praxis uns keine Enttäuschungen bringen, und 
möchte es mir doch vergönnt sein, wenn ich vielleicht „nach aber¬ 
mals zehn Jahren desselben Weges gefahren komme“ von dem Kind¬ 
bettfieber wie von einer „Mär aus fabelhaften Tagen“ zu berichten! 


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3. 


Die EiifAhrug der Inpfugei ait Thierljnphe ia dea 
Jahrea 1882 bis 1888 in Medieiaalbeiirke Glaaehaa. 

Von 

Dr. Brust H»nkel, 

Bezirksarzt zu Glauchau. 


Die vom 30. October bis 5. November 1884 im Kaiserlichen Gesundheits¬ 
amts tagende Commission zar Erörterung der Impffrage beschloss folgende These: 

Da die mit Impfung mit Menschenlymphe unter Umständen verbundenen 
Gefahren für Gesundheit und Leben der Impflinge (Impfsyphilis, Impferysipel 
u. s. w.) durch die Impfung mit Thierlymphe, soweit es sich um directe Ueber- 
tragung der Syphilis oder der accidentellen Wundkrankheiten handelt, vermieden 
werden können, und da die Impfung mit Thierlymphe in der Neuzeit soweit ver¬ 
vollkommnet ist, dass sie der Impfung mit Menschenlymphe fast gleichzustellen 
ist, so bat die Impfung mit Thierlymphe an Stelle der mit Menschenlymphe zu 
treten. 

Im Medicinalbezirk Glauchau war schon 1882 Thierlymphe in grösserer 
Menge verwendet worden, und 1885 war die Impfung mit Thierlymphe völlig 
durchgeführt; die dabei erzielten Erfolge dürften für weitere Kreise von In¬ 
teresse sein. 


I. Die Erstimpfungen. 

Bis zum Jahre 1881 waren nur so viel Kinder mit Thierlymphe geimpft 
worden, als die Impfärzte Lymphe aus denLymphregenerationsinslituten erhielten. 
Es betrug dies beiläufig 1 pCt. Im Jahre 1882 wurde zuerst in grösserem 
Maassstabe mit Tbierlymphe geimpft. Sie wurde damals meist aus der Impf¬ 
anstalt für Thierlymphe von Dr. Fürst bezogen. 

In gedachtem Jahre impfte bereits ein Impfarzt des Bezirkes ausschliesslich 
mit Thierlymphe aus erwähnter Anstalt, welche damals die Lymphe auf Platten 
aufgetrocknet abgab, und zwar 154 Erstimpflinge, von jeder Platte etwa 8, so 
dass sich damals der Preis der Lymphe für ein Kind auf etwa 30 Pf. stellte. 
Von diesen 154 Erstimpflingen waren 19 zum ersten Male ohne Erfolg geimpft 
worden, davon sind 15 nacbgeimpft, aber 2 wieder ohne Erfolg. 

Bei den übrigen 148 Kindern waren bei 46 sechs Schnitte, bei 102 acht 
Schnitte gemacht worden. Entwickelte Pusteln zeigten sich bei den erstgedaohten 
46 Kindern, im Durchschnitt 4 Pusteln. 

Bei letztgedachten 102 Kindern entwickelten sich im Durohsohnitt 4 1 / 2 
Pusteln. 

Es waren also geimpft, einschliesslich der Nachimpfungen 169 Kinder. 

Zur Entwickelung kamen: 


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Die Einführung der Impfungen mit Thierlymphe etc. 


159 


6 und raohr Pusteln in 53 Fällen, 31,36 pCt. 

5 „ »24 , 14,19 „ 

4 „ „ 35 „ 20,71 „ 

3 „ „11 „ 6,51 „ 

2 . w 21 „ 12,42 „ 

1 „ „ 4 „ 2,37 . 

ohne Erfolg waren geimpft 2 1, 12,44 „ 

100,00 pCt. 

Schlechtere Resultate hatte ein anderer Impfarzt, welcher von jeder Platte 
16 bis 20 Kinder geimpft hat. 

Von 37 Erstimpflingen waren 23 (62,16 pCt.) ohne Erfolg geimpft, and 
im Uebrigen hatten sich entwickelt: 

6 Pusteln in 3 Fällen, 8,11 pCt. 

3 » „ 1 , 2,70 „ 

4 „ n 0 „ 0 ti 

3 « r> 0 „ 0 » 

2 „ „ 3 „ 8,11 „ 

ln n 7 n 18,92 , 

also im Durchschnitt 2% Pusteln. 

Einschliesslioh der 15 Nachimpfungen waren 206 Kinder mit Thierlymphe 
geimpft worden, davon 44, also 21,36 pCt., ohne Erfolg. 

Schon in diesem Jahre ergab die aus der Lymphregenerationsanstalt zu 
Sachsenborg, welche die Lymphe mit Glycerin vermischt in Röhrchen abgiebt, 
bezogene Lymphe wesentlich bessere Resultate. Es war kein Kind ohne Erfolg 
geimpft worden, und ein dritter Impfarzt hatte bei 17 damit geimpften Kindern 
folgende Pustelerfolge: 6 Pusteln in 14 Fällen 

5 „ , 1 „ 

4 „ „ 2 „ 

3—1 » „ 0 „ 

also im Durchschnitt 5*/« Pusteln. 

Trotz der in Bezug auf die Fürst’sche Lymphe nicht sehr glänzenden 
Erfahrungen wurde im nächsten Jahre (1883) sehr viel mit dieser Lymphe ge¬ 
impft, und zwar wurden überhaupt 66,20 pCt. mit Thierlymphe, die fast durch¬ 
aus aus oben gedachter Anstalt bezogen wurde, geimpft. In diesem Jahre waren 
6.12 pCt. ohne Erfolg geimpft. Diese waren meist mit Thierlymphe geimpft. 
Die Anzahl der Fehlerfolge bei Thierlymphe beträgt etwa 8 pCt. 

Bereits im Jahre 1884 war die Königliche Lymphregenerationsanstalt in 
Sacbsenburg durch die Munificenz des Königlichen Ministeriums in die Lage ver¬ 
setzt, die Impfärzte ausreichend mit Thierlymphe zu versorgen. 80,49 pCt. 
aller Erstimpfungen wurden in diesem Jahre mit derartiger Lymphe ausgeführt. 
Geimpft wurden 1884: 

Mit Menschenlymphe: 

Von Körper zu Körper . . . . 4l5Kinder, davon 0 = 0 pCt. ohne Erfolg. 

Mit Glycerinlymphe.57 „ „ 4 = 7,02 „ „ „ 

Mit anders conservirter Lymphe 365 „ „ 6=1,65 „ „ „ 

837 Kinder, davon 10= 1,19 pCt. ohne Erfolg. 

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160 


Dr. Han kel. 


Mit Thierlymphe: 

Von Körper zu Körper .... 0 Kinder, davon 0 

Mit Glycerinlympbe.3411 „ „ 169 

Mit anders conservirter Lymphe 15 „ „ 6 

3426 Kinder, davon 175 

Es waren also noch 5,11 pCt. Fehlerfolge bei Impfungen mit Thierlymphe 
gegenüber von 1,19 pCt. Fehlerfolgen bei Impfungen mit Menschenlymphe zu 
verzeichnen. 

Der eine Impfarzt, welcher durchaus mit Thierlymphe impfte, hatte 1884 
750 Kinder geimpft, und da er drei Schnitte auf jeden Arm gemacht hatte, so 
waren 4500 Schnitte gemacht worden. Pusteln waren entwickelt 3728, also 
82.85 pCt. 

Alle 6 Pusteln waren entwickelt bei 65,34 pCt. 

«5 „ „ n n 7,88 „ 

„4 „ „ r ,» 6,53 „ 

ii 3 , „ „ r 7,33 , 

«2 „ „ « ft 7,06 ft 

„ 1 ft n » ft 3,47 „ 

Ohne Erfolg waren geimpft .... 2,40 „ 

Vom Jahre 1885 war die Impfung mit Thierlymphe völlig dnrchgeführt und 
es ergaben sich nunmehr 2,15 pCt. Fehlerfolge. Diese nahmen im nächsten Jahre 
zu und betrugen 3,16pCt. Es kommt die Hälfte aller Fehlerfolge im Jahre 1888 
auf einen Impfarzt, der 10,75pCt. Fehlerfolge hatte, während alle übrigen Impf¬ 
ärzte zusammen nur 1,43 pCt. Fehlerfolge hatten. Im nächsten Jahre wurden 
1,80 pCt. ohne Erfolg geimpft und im Jahre 1888 1,50 pCt. 

Ueberhaupt sind mit Thierlymphe geimpft worden: 



Mit Thier¬ 
lymphe 
geimpft. 

Procent. 

Im'Königreich 

Sachsen. 

Im Bezirke waren 
überhaupt ohne 
Erfolg geimpft. 

1879 

41 

1,02 

3,50 pCt. 

4,07 pCt. 

1880 

29 

0,85 

5,47 „ 

2,43 „ 

1881 

41 

1,23 

7,78 , 

1,65 , 

1882 

393 

10,66 

17,23 . 

3,60 „ 

1883 

2233 

66,20 

32,82 „ 

6,12 . 

1884 

3425 

80,49 

64,90 « 

4,80 « 

1885 

3594 

100,00 

95,50 „ 

2,15 , 

1886 

4143 

100,00 

99,01 , 

3,16 „ 

1887 

3710 

100,00 

99,08 „ 

1,80 „ 

1888 

4207 

100,00 

'{ 

1,50 „ 


= 0,00 pCt. ohne Erfolg. 
= 4,95 „ « « 

= 40,00 , ft , 

= 5,11 pCt. ohne Erfolg. 


Die beiden grossen Städte Leipzig und Dresden haben schon vor 1882 viel 
mit Thierlymphe geimpft und die verhältnissmässig grossen Procentzahlen bedingt. 
Auf dem Lande bezw. in der Provinz hat sich die Impfung mit Thierlymphe am 


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Die Einführung der Impfungen mit Thierlympbe etc. 


161 


raschesten im hiesigen Bezirke eingeführt und seit 1885 sind alle Impfungen mit 
Thierlymphe, meist aus der Impfregenerationsanstalt Saohsenburg ausgeführt 
worden. 

Von den Jahren 1887 und 1888 habe ich, soweit brauchbare Angaben in 
den Impflisten zu finden waren, die Anzahl der entwickelten Pusteln zusammen¬ 
gestellt. Fast überall waren sechs Schnitte gemacht worden, nur selten 8. 

Es ergiebt sich, dass 1887: 

bei 2057 Geimpften, also 63,94 pCt 6 bezw. mehr Pusteln entwickelt waren, 


„ 395 

r 

* 12-28 „ 

5 

Pusteln 

entwickelt 

waren 

„ 279 


* 8,68 ,, 

4 

n 


T» 

. 207 

r 

, 6-43 „ 

3 

* 

T 

n 

„ 169 

w 

r 5,25 r 

2 

n 

SS 

V 

54 


„ 1,68 „ 

1 

ss 

n 

V) 


54 waren ohne Erfolg geimpft= 1,68 pCt. Also durchschnittlich 5V a Pustel. 
Die besten Resultate hatte ein Impfarzt bei 118 Geimpften, 114 also 
96,61 pCt. zeigten alle 6, 3, 2,54 pCt. 5 Pusteln, und ein Kind, 0,85 pCt., war 
ohne Erfolg geimpft worden. Nahezu eben so gute Erfolge hatte ein anderer 
Impfarzt. Es hatten sich entwickelt: 

bei 457, also 86.72 pCt., alle 6 Pusteln, 

,, 27. „ 5,14 * 5 „ 

„ 17, „ 3,21 * „ 4 

„ 14, r 2,67 * „ 3 

„ 5, „ 0,95 ,, „2 „ 

„ 0, „ 0.00 r * 1 

Ohne Erfolg waren 7, also 1,33 pCt. geimpft. 

Schlechtere Resultate hatte ein anderer Impfarzt und zwar entwickelten 
sich bei: 

94. also 17,90 pCt., 6 Pusteln, 

117, „ 22,29 „ 5 „ 

89. „ 16,95 „ 4 „ 

86, „ 16,38 „ 3 „ 

89, „ 16,95 „ 2 „ 

30, * 5,71 „ 1 

20, ,, 3,87 „ waren ohne Erfolg geimpft. 

Im Jahre 1888 waren, so weit sich brauchbare Angaben fanden, in öffent¬ 
lichen Impfterminen 3590 Kinder mit Thierlymphe aus der Königlichen Impf¬ 
anstalt Sachsenburg geimpft worden. 

6 Pusteln entwickelten sich bei 2443 oder 68,05 pCt.. 

5 r> n kv 377 , 10,50 * 

4 n * „ v 3 21 „ 8,94 „ 

3 t, r » v 232 „ 6,46 „ 

2 „ „ v „ 145 „ 4,04 „ 

1 „ „ * * 43 „ 1,17 „ 

Ohne Erfolg waren geimpft 99 „ 0,81 „ 

Die Erfolge waren also wieder besser, als im Jahre 1887. 

Die besten Erfolge hatte ein Ort. in welchem bei 44 alle sechs Schnitte. 



11 

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162 


Dr. Hankel, 


and ein zweiter, wo bei 86 (98,85 pCt.) alle 6 and bei einem Kinde (l.löpCt.) 
3 Pusteln entwickelt waren. Bin dritter Ort zeigte bei 64 Kindern alle 6 Pusteln, 
bei einem 5. In einem vierten Orte waren bei 91 alle 6 Pusteln, bei zweien 
5 Pusteln, bei einem 3 Pusteln entwickelt. An einem anderen Orte waren bei 
208 alle 6 Pusteln, bei dreien 5 and bei einem 4 Pusteln entwickelt. 

Von grösseren Orten verdient erwähnt za werden, dass bei: 

497 Kindern oder 88.62 pCt. 6 Pastein entwickelt waren. 

42 n „ 7,48 „ 5 „ „ „ 

16 „ * 2,84 ,4 n „ „ 

3 „ „ 0,53 ,3 n „ „ 

1 , « 0,17 „ 2 „ 

1 , „ 0,17 „ 1 

1 Kind war ohne Erfolg geimpft (0,17 pCt.). 

Schlechtere Resultate hatte ein anderer grösserer Ort: 

Es kamen 6 Pusteln bei 305 Kindern, 52,05 pCt., 
n »> 5 „ „ 83 „ 14,12 „ 

« • 4 „ „66 „ 11,28 „ 

„ »3 * „70 „ 11,94 „ 

* „2 „ „39 „ 6,65 „ 

n „ „ „ „ 16 „ 2.74 „ 

7 Kinder (1,20 pCt.) waren ohne Erfolg geimpft. 

Die schlechtesten Erfolge waren in einem Orte, wo bei 24 Kindern ent¬ 
wickelt waren: 

6 Pusteln bei 0 Kindern, 0,00 pCt., 

5 „ „ 4 „ 16,67 „ 

4 „ „ 3 „ 12,50 n 

3 „ „ 1 4,16 „ 

2 * « 5 „ 20,83 „ 

1 « « 11 45,84 „ 

Ohne jeden Erfolg war kein Kind geimpft worden, doch muss die Ent¬ 
wickelung einer Pustel als Impfung ohne Erfolg angesehen werden. 

Alle bis hierher aufgeführten Impfungen waren mit Thierlymphe aus der 
Sachsenburger Anstalt ausgeführt worden. Im letztgedachten Orte waren im 
2 Termine 15 Kinder mit Fürst’scher Lymphe geimpft worden. Die Erfolge 
waren folgende: 

6 Pusteln bei 10 Kindern, 66.67 pCt., 

5 „ „1 r> 6.67 „ 

4 „ „ 1 6,67 „ 

3 „ „ 2 13,33 „ 

2 „ „0 „ 0,00 „ 

1 . * 1 * 6,67 ,, 

Ohne Erfolg war kein Kind geimpft worden. 

Wenn nun auch vereinzelte weniger gute Impfresultate beobachtet waren, 
so stehen die mit Thierlymphe gewonnenen Resultate im Allgemeinen den früher 
mit Menschenlymphe gewonnenen Erfolgen nioht nach, sondern sind sogar jetzt 
besser, als zu der Zeit, wo blos mit Mensohenlymphe geimpft wurde. 

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Die Einführung der Impfungen mit Thierlymphe etc. 163 

Die Pusteln nehmen bei Anwendung von Thierlymphe entschieden einen 
rascheren Verlauf, und wenn auch die Rö'.hung etwas bedeutend ist, so heilt der 
ganze Process sehr schnell und leicht ab. Irgend welche schwerere Störungen 
nach dem Impfen sind nur dreimal beobachtet worden. Alle übrigen Gesundheits¬ 
störungen. die beobachtet wurden, waren so leichter Natur, dass die Impfärzte 
sich derselben kaum noch erinnern, und dass sie in der That keine Bedeu¬ 
tung haben. 

Einmal (1884) war bei Anwendung von Thierlymphe eine wirklich tiefe 
Verschwärung der Impfpusteln zu beobachten, doch genas das Kind. 

Todesfälle in Folge der Impfungen mit Thierlymphe sind zwar zwei vor¬ 
gekommen, doch ist der Zusammenhang der tödtlichen Erkrankung mit der 
Impfung nicht vollständig zu erweisen. 


II. Die Wiederimpfungen. 

Bei den Wiederimpfungen war die Einführung der Thierlymphe zu der¬ 
selben Zeit, wie bei den Erstimpfungen. Mit Thierlymphe wurden wieder¬ 
geimpft: 


Im Jahre: 

Wurden mit 
Thierlymphe 
wieder¬ 
geimpft.. 

Procent aller 
Wieder¬ 
geimpften. 

Im Königreich 
Sachsen wurden 
mit Thierlymphe 
wiedergeimpff. 

Im Bezirke waren 
überhaupt ohne 
Erfolg wieder¬ 
geimpft. 

1879 

11 

0,04 

1,22 pCt. 

i 

11,68 pCt. 

1880 

2 

0,06 

4,66 . 

7.00 „ 

1881 

0 

0,00 

7,23 „ 

4.87 „ 

1882 

153 

5,40 

16,98 „ 

5,40 „ 

1888 

1604 

64,43 

30,12 „ 

12,28 „ 

1884 

2855 

88,89 

63,00 . 

3,62 „ 

1885 

3268 

100,00 

95,05 „ 

4,04 „ 

1886 

3057 

100,00 

99,02 „ 

3,59 „ 

1887 

8174 

100,00 

99.07 „ 

4,44 „ 

1888 

3337 

100,00 

V 

1,32 „ 


Die Zahlen der mit Thierlymphe geimpften Wiedergeimpflen entsprechen 
den Zahlen für die Erstimpfungen. 

Nachdem 1879 npch 11,68 pCt.' ohne Erfolg wiedergeimpft waren, hatte 
sieb diese Zahl bis 1881 auf 4,87 pCt. erniedrigt, um bei Einführung der 
Impfungen mit Thierlymphe wieder auf 12,28 pCt. anzusteigen. Von da an 
ging sie allmälig herunter bis auf etwa 4 pCt., um endlich 1888 nur noch 
1.32 pCt. zu betragen. Also auch hier sind die Resultate jetzt wesentlich 
bessere, wie früher bei der ImpfuDg mit Menschenlymphe. 

Im Jahre 1882, wo wie bei Erstimpfungen auch bei den Wiederimpfungen 
zum ersten Male in grösserem Maassstabe Thierlympbe in Anwendung kam, hatte 
ein Impfant auch sämmtliohe Wiederimpfungen (128) mit Thierlymphe aus¬ 
geführt. 


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11 * 

Original from 

UN1VERSITY OF IOWA 








164 


Dr. Hankei, 


Davon waron ohne Erfolg 16 = 12,5 pCt. 

Es batte sich 1 Pustel (Knötchen etc.) entwickelt bei 45 = 31,16 pCt. 
n » » 2 „ *• r> n 39 34,46 „ 

» » » 3 * n r> »28— 21,87 B 

Ueberhaupt waren nur 3 Schnitte gemacht worden. 

Idi Jahre 1884 wurden wiedergeimpft 3398 und zwar: 

Mit Menschenlymphe: 

Von Körper zu Körper. 255, davon ohne Erfolg 0 = 0,00 pCt. 

Mit Glycerinlymphe.153, „ „ „ 17=11,11 „ 

Mit anders conservirter Lymphe . . 135, „ „ „ 3 = 2,22 „ 

543, davoD ohne Erfolg 20 = 3,68 pCt. 

0, davon ohne Erfolg 0 = 0.00 pCt. 
2851, „ ff „ 270 = 9,47 „ 

4, „ „ „ 3 = 75,00 n 

2855, davon ohne Erfolg 273 = 9,56pCt. 

Auch hier ergaben die Impfungen mit Thierlymphe schlechtere Resultate 
als die mit Menschenlymphe. 

Vom nächsten Jahre (1885) war die Wiederimpfung mit Thierlymphe voll¬ 
kommen durchgeführt, und es ergaben sich etwa 4 pCt. Fehlerfolge. 

Von den Jahren 1887 und 1888 habe ich die Anzahl der entwickelten 
Pusteln (Knötchen u. s. w.) zusammengestellt. 

Im Jahre 1887 waren bei 2605 wiedergeimpften Kindern die Pustelangabe 
brauchbar, und überall waren je 5 Schnitte gemacht worden. 

Entwickelt waren 5 Pusteln bei 39,81 pCt. Ohne Erfolg waren geimpft 
115, also 4,44 pCt. 

Die besten Resultate waren folgende: Von 32 Wiedergeimpften hatten 31. 
also 96,84 pCt. 5 Pusteln, einer, also 3,16 pCt, 4 Pusteln. 

Sehr gut waren folgende Erfolge bdi 165 Wiedergeimpften: Entwickelt waren 
5 Pusteln bei 63,63 pCt. Ohne Erfolg waren 4, also 2,42 pOt. Wieder¬ 
geimpfte. 

Die sohlechtesten Schnitterfolge fanden sich bei 120 Wiedergeimpften, wo 
5 Pusteln bei 20,00 pCt. entwickelt waren. Ohne Erfolg war kein Kind wieder¬ 
geimpft. 

Im Jahre 1888 waren Von 2561 von den mit Lymphe aus der Impfgenera¬ 
tionsanstalt Sachsenburg geimpften Wiederimpfungen die Pustelangaben brauch¬ 
bar. Es waren bei 2335 fünf, bei 226 sechs Schnitte gemacht worden. 

Entwickelt waren 5 bez. 6 Pusteln bei 48,42 pCt. Ohne Erfolg waren 
geimpft 42, also 1,64 pCt. 

Die Erfolge waren besser als im Vorjahr. 

Die besten Erfolge hatte ein Impfarzt bei 146 Wiederimpfungen. Ent¬ 
wickelt waren 5 Pusteln bei 87,66 pCt. Ohne Erfolg war Niemand geimpft 
worden. 

Nahezu eben so gute Resultate hatte ein anderer Impfarzt bei 190 Wieder¬ 
impfungen. Es entwickelten sich 5 Pusteln bei 62,63 pCt. Ohne Erfolg war 
Niemand geimpft worden. 


Mit Thierlymphe: 

Von Körper zu Körper. 

Mit Qlycerinlymphe. 

Mit anders conservirter Lymphe . . 


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Die Einführung der Impfungen mit Thierlymphe etc. 


165 


Die schlechtesten Erfolge hatte ein Impf&rzt bei 22 Wiederimpfungen. Es 
entwickelten sich 5 Pastein bei 4.55 pCt. Ohne Erfolg waren geimpft 10, 
also 45,45 pCt. 

Ein anderer Impfarzt hatte auch wenig gute Erfolge. Er impfte 79Wieder- 
irapQioge mit je 6 Schnitten. Es entwickelten sich 6 Pusteln bei 2,53 pCt. 
Ohne Erfolg waren geimpft 7, also 8.86 pCt. 

Ueber die Frage, ob bei Wiederimpfungen deutliche Pusteln oder nur Knöt¬ 
chen entwickelt waren, geben die Erfahrungen, welche ich bei den Revisionen der 
Impfärzte gemacht habe, Aufschluss. 

Im Jahre 1883 wurden beobachtet bei Wiederimpfungen mit Thierlymphe: 

3 deutliche Pusteln bei 1 Kinde, 0,78 pCt. \ 


2 

„ „ »3 Kindern, 2,35 

» } 14,94 pCt 

1 

»i » n 1® 

. 11,81 


3 

Knötchen „ 30 

• 23,62 


2 

„ „ 7 

i> 5,51 

„ > 44,10 pCt. 

1 

. , 19 

* 14.97 

. > 

Sehr 

schwache Reaction bei 32 

„ 25,20 

» 

Ohne Erfolg waren geimpft 20 

„ 15,76 

rt 

Wiederimpfungen mit Mensohenlymphe zeigten sich: 

3 deutliche Pusteln bei 3 Kindern, 6,67 pCt. \ 

2 

. » . o 

» 0,00 

. > 6,67 pCt. 

1 

„ » * 0 

* 0,00 

* 1 

3 

Knötchen „ 15 

„ 33,35 


2 

» 1 

* 2,22 

„ } 35,55 pCt. 

1 

. . o 

, 0,00 

■ 1 

Sehr schwache Reaction „ 25 

„ 55,56 

n 

Ohne Erfolg war geimpft 1 

„ 2,22 

t» 


Im Jahre 1884 wurden bei Wiederimpfungen mit Thierlymphe beobachtet: 


3 deutliche Pusteln 

bei 16 Kindern, 15,24 pCt. \ 

2 

„ 9 . 

8,57 „ } 30,47 pCt. 

1 

* 7 „ 

6,66 „ J 

3 Knötchen 

* 18 „ 

17,14 „ \ 

2 

„ 5 „ 

4.76 „ } 29,52 pCt. 

1 

, 8 „ 

7,62 n t 

Sehr schwache Reaction hatten 42 „ 

40,00 „ 

Ohne Erfolg war kein Kind geimpft worden. 

Es wurden beobachtet bei Wiederimpfungen mit Menschenlymphe: 

3 deutliche Pusteln 

in 4 Fällen, 

6,15 pCt. \ 

2 „ 

»3 * 

4,62 „ } 23,08 pCt. 

1 

* 8 „ 

12,31 „ i 

3 Knötchen 

* 18 * 

27,70 , 

2 

* 3 „ 

4,62 „ > 40,01 pCt. 

1 

» 5 „ 

7,69 , i 

Schwache Reaction 

• 24 „ 

36,90 „ 

Ohne Erfolg war kein 

Kind geimpft worden. 

Ganz anders stellten sich 

die Erfolge der durchaus mit Thierlymphe ge- 

impften Wiederimpflinge in den Jahren 1887 und 1888. 


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166 


Dr. Hankel, 


Bei den Revisionsterminen habe ich 353 Wiederimpflinge bei verschiedenen 
Impfärzten gesehen, davon hatten: 

5 deutliche Pusteln 111. also 31,45 pCt. 'j 

4 * * 58, „ 16,43 „ I 

3 „ 43, „ 12,18 „ \ 73,66 pCt. 

2 „ „ 31. r 8,78 „ [ 

1 * , 17, * 4,82 „ J 

5 Knötchen 28, „ 7,93 , 

4 „ 12, „ 3,40 * 

3 „ 21, „ 5,95 , V 21,82 pCt. 

2 „ 12, „ 3,40 „ 

1 „ 4, „ 1,14 „ 

Sehr schwache Reaction zeigten 12, „ 3,40 „ 

Ohne Erfolg waren geimpft 4, „ 1,14 „ 

Man fand also bei Wiedergeimpften, bei denen Thierlymphe benutzt wor¬ 
den war: 

im Jahre 1883 14,94 pCt. deutlioh entwickelte Pusteln, 

* , 1884 30,47 „ „ 

* , 1887/88 73.66 * r 

Dagegen: 

im Jahre 1883 44,10 pCt. Knötohen, 

, „ 1884 29,52 „ 

, „ 1887/88 21,82 „ 

Schwache Reaction fand sich: 

im Jahre 1883 bei 25,20 pCt., 

„ * 1884 ,, 40,00 „ 

* , 1887/88 „ 3,40 „ 

Während ohne Erfolg: 

im Jahre 1883 15,76 pCt., 

„ „ 1884 0,00 „ 

„ * 1887/88 1,14 „ 

wiedergeimpft waren. 

Die deutlioh entwickelten Pusteln haben sich also von 1883 auf 1884 ver¬ 
doppelt, und von da bis 1887/88 um über das Doppelte erhöht. Die Zahl von 
73,66 pCt. ist eine so hohe, wie ich es für möglich halte, bei Wiederimpfungen 
überhaupt Pusteln zu verlangen. 

Von Interesse dürfte die Bemerkung sein, dass bei sehr starken von der 
Erstimpfung herrührenden Narben die Wiederimpfung nur sehr schwache Erfolge 
hatte, und dass umgekehrt die schönsten Pusteln bei schwachen von der Erst¬ 
impfung herrührenden Narben zu bemerken waren. 

Von mehreren Impfärzten ist mir versichert worden, dass es mit Ausnahme 
sehr weniger Fälle möglich sei, deutliche Pusteln bei der Wiederimpfung zu er¬ 
halten. Mir selbst ist es wiederholt bei Impfterminen ohne jede Ausnahme 
geglückt. 

Gesundheitsstörungen ernsterer Art waren nach den Wiederimpfungen nicht 
zu beobachten. Allerdings finden sich öfters Impferysipele, z. B. kamen einmal 
im Jahre 1888 bei 84 Wiederimpfungen, bei denen sich fünf deutliche Pusteln 

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Die Einführung der Impfungen mit Thierlymphe etc. 


167 


entwickelt halten, 12 Impferysipele vor, d. h. Röthung und Sohwellung der Ge¬ 
gend über dem Musculus Deltoideus und des Oberarmes, in seltenen Fällen auch 
des Unterarmes. Alle heilten sehr gut Fieber war nioht vorhanden. 

Eis hat den Anschein, als ob die Anzahl dieser leichten Erysipele jetzt 
grösser wäre, als früher. Wenn man aber beaobtet, wie selten früher deutliche 
Pusteln bei Wiederimpfungen entwickelt waren, so wird man behaupten können, 
dass bei Wiederimpflingen, bei denen sich deutliche Pusteln zeigen, die Erysipele 
nach den Impfungen mit Thierlymphe nicht öfters Vorkommen, als bei ImpfuDgen 
mit Menschenlymphe. 

Die Impfung mit Thierlymphe steht also in ihrer Wirksamkeit der Impfung 
mit Mensohenlymphe nioht naob. Die Entwicklung der Pusteln pflegt eine raschere 
bei Impfung mit Thierlymphe zu sein, und wesentliche Gesundheitsstörungen 
sind bei der Anwendung von Thierlymphe nur einmal, Todesfälle zwar zweimal 
beobachtet worden. Dooh ist der Zusammenhang der tödtlicber. Erkrankung mit 
der Impfung nioht völlig zu erweisen. 

Die Thierlymplie genügt also allen Ansprüchen, die an eine gute Lymphe 
gestellt werden können. 


4. 

Zar AetUUgie itr ertapösea Paeiauif. 

Von 

Dr. med. Eleiell, 

weiland prakt. Arat in Echte (Provina Hannover;. 
(Fortaetsung.) 


UL Die cronpftse Pneumonie besitzt contagiöse Eigenschaften, and 
ihre Aasbreitang erfolgt in der Mehrzahl der FUle anf dem Wege der 

An8tecknng. 

Eine Pneumonie-Epidemie beschränkt sich nur selten auf einen einzigen Ort. 
Fast stets greift sie auf benachbarte Orte über, und ihre Ausbreitung erfolgt als¬ 
dann, wie bei dem Milzbrand, den Typhen und anderen Infectionskrankheiten, 
nach einem zweifachen Modus. Entweder es zeigen sich in einem oder in mehreren 
Orten der Nachbarschaft nnr vereinzelte Erkrankungen, welche sich nicht weiter 
epidemisch ausbreiten und den Charakter von eingescbleppten Fällen tragen, oder 
es treten — und das ist für die Pneumonie die Regel — in einem oder einigen 
wenigen nächstgelegenen Orten, selten plötzlich, meistens in ganz allmäliger 
Steigerung zahlreiche Pneumonien auf, welche sich wiederum örtlich beschränken, 
und daher als weitere Epidemien angesehen werden müssen, ln wie weit nun 
dieser Modus der Ausbreitung der Pneumonie von der Coniagiosiiät ihrer Krank- 
heitastoffe, in wie weit er von looalen Verhältnissen abhängig ist, muss als eine 


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168 


Dr. Kiese 11, 


offene Frage angesehen werden, zu deren Beantwortung uns noch eine Reihe der 
wichtigsten Vorbedingungen fehlen. Während uns auf der einen Seite die Biologie 
der pnenmonischen Mikroorganismen noch fast gänzlich unbekannt ist, lehrt uns 
auf der anderen Seite zwar die klinische Beobachtung der Pneumonie, dass sie 
eine zweifellose Infectionskrankheit ist; sic zeigt uns aber auch, dass ihre Krank¬ 
heitsstoffe so veränderliche Eigenschaften besitzen, dass es schwierig ist, aus 
ihnen allein ihren contagiösen oder miasmatischen Ursprung festzustellen. Der 
variable Charakter folgt der Pneumonie überallhin — er haftet an allen ihren Eigen¬ 
schaften , nicht allein auf pathologischem, fast noch mehr auf ätiologischem Ge¬ 
biete. Rur selten entstehen und breiten sich zwei Pneumonie-Epidemien in an¬ 
nähernd gleicher Weise aus, selbst nicht diejenigen, die zeitlich und örtlich in 
naher Beziehung zu einander zu stehen scheinen. Die eine Epidemie zeigt we¬ 
nige, die andere zahlreiche Erkrankungen, die eine dauert wenig Wochen, die 
andere lange Monate; die eine führt vorzugsweise in einer bestimmten Oertlich- 
keit Krankheitsfälle herbei, die andere zeigt ausschliesslich zerstreute Fälle; die 
eine Epidemie endlich bringt zahlreiche Fälle von mehrfachen Erkrankungen in 
einer Familie, eine andere dagegen durchseucht nur Individuen, welche sich gänz¬ 
lich fremd stehen. 

Trotz der fortlaufenden Uebersicbt. welche man in einem begrenzten Kreise 
über die einzelnen Pneumonien und die verschiedenen Pneumonie-Epidemien hat, 
ist es oft schwierig, den Zusammenhang zwischen den Pneumonien, ihre Zuge¬ 
hörigkeit zu der einen oder der anderen Epidemie nachzuweisen. Fast zu jeder 
Zeit herrschen in einigen Orlen des Bezirks kleinere oder grössere Epidemien, 
welche gleichzeitig auf ein und denselben benachbarten Ort übergreifen können. 
Es treten dann in einem Orte Lungenentzündungen auf, welche scheinbar zu¬ 
sammengehören und doch von ganz verschiedener Provenienz sind. (Vergl. meine 
frühere Arbeit. Diese Zeitschrift, Bd. 39 , Heft 1, S. 91—97.) Ausserdem ge¬ 
lingt es bei der grossen Abhängigkeit der Erscheinungsform der Pneumonie von 
individuellen Einflüssen nur selten, die Erkrankungen einer besonderen Pneumonie- 
Epidemie nach einzelnen gemeinsamen klinischen Symptomen zusammeDZustellen. 
Endlich ist es bei dem Polymorphismus der Pneumonie sehr wahrscheinlich, dass 
die ihr zu Grunde liegenden InfectionsstofTe sich zu verändern und umzugestalten 
vermögen, sei es, dass sie wichtige Qualitäten, wie die Contagiosität oder die 
Virulenz theilweise einbiissen, oder dass sie sich mit anderen Parasiten (wie den 
Erysipel- oder Typhus-Mikroorganismen) zu Miscbinfeclionen verbinden, oder dass 
sie mit toxischen Producten eine ihre pathogene Thätigkeit steigernde Vereinigung 
eingehen (wie bei den putriden Pn.). Aus solchen Veränderungen und Verbin¬ 
dungen werden dann Erkrankungen resultiren. welche ausser jedem ätiologischen 
Zusammenhang mit anderen gleichzeitig auftretenden Lungenentzündungen zu 
stehen scheinen. 

So unbekannt uns nun auch die biologischen Eigenschaften der Mikroorga¬ 
nismen der Pneumonie noch sind, so wissen wir doch, dass sie nicht blos im 
thierischen Organismus, sondern auch ausserhalb desselben in den verschieden¬ 
sten Stadien gedeihen und fortleben können. Emmerich') fand die Fried- 
länder’schen Bacterien in der Zwischendeckfüllung eines Gefängnisses, Paw- 


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') Zeitschrift für Biologie. 

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Zur Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


169 


Iowsky 1 ) in der Luft eines Gebäudes, Uf fei mann 3 ) in der Kellerlnft; in allen 
diesen Fällen befanden sich die Parasiten in einem infectionsfäbigen Zustande. 
Diese Befunde beweisen indess nicht, dass die pneumonischen KrankheitsstolTe im 
Boden oder in der Luft selbständig entstehen, und von hier aus den Organismus 
durchseuchen: sie zeigen nur. dass die Infectionskeime ihre pathogenen Einge- 
schaften ausserhalb des Körpers nicht einbüssen. Dies geht auch aus der Epi¬ 
demiologie der Pneumonie hervor. Denn die Pneumonie-Epidemien besitzen in 
der Mehrzahl der Fälle die Eigentümlichkeit, dass sie sich Wochen und Monate 
lang in einem Orte einnisten, und dass die Einzelfälle einer Epidemie oft duroh 
grosse Zwischenräume von einander getrennt sind. Es müssen also die pneu¬ 
monischen Mikroparasiten in einem Orte lange Zeit haften können, ohne ihre In- 
fectionsfähigkeit zu verlieren. Dabei müssen sie zugleich in der Umgebung der 
Kranken am zahlreichsten vorhanden sein, und müssen weniger in der Luft sus- 
pendirt. als vielmehr an feste Materien, wie an Kleider, Betten, den Fussboden, 
die Zimmerwände u. s. w. gebunden sein. Denn einerseits geht eine einzelne 
Pneumonie sehr leicht von einem Kranken auf gesunde Personen seiner Umgebung 
über, und andererseits ist die Ausbreitung einer Pneumonie-Epidemie von einem 
Orte auf den anderen keine regellose, sondern sie ist in hervorragendem Grade 
den Einwirkungen des menschlichen Verkehrs unterworfen. Das lässt sich aus 
einer Reihe von bemerkenswerthen Tbatsachen naohweisen. 

1. Zahlreiche gesunde Personen erkranken an einer Pneumo¬ 
nie. nachdem sie mit Kranken oder mit Angehörigen desselben in 
Berührung gekommen sind. Die Uebertragung erfolgt um so leichter, je 
inniger der Verkehr zwischen einem Gesunden und dem Kranken war. Es sind 
daher auch vorzugsweise die eigenen Familienangehörigen, für welche durch 
die Sorge um den Kranken ohnehin die Krankheitsdiposition erhöht ist, auf 
welche die Infectionskeime zunächst und am häufigsten übergehen, und unter 
den Familiengliedern sind es wiederum in der grossen Mehrzahl der Fälle die 
Eltern oder die Grosseltern, welche dem Kranken am nächsten stehen, oder die 
kleineren Kinder, welche sich am längsten und anhaltendsten in seiner Umge¬ 
bung aufhalten, unter denen sich weiterhin Erkrankungen einstellen. Diejenigen 
Familienglieder hingegen, welche in der Regel die wenigsten Beziehungen zu 
den Erkrankten haben, wie erwachsene Söhne oder Töchter, die Mägde oder die 
Knechte als Personen des Gesindes, erkranken nur ausnahmsweise. 

Zahlreiche Einzelfälle von Pneumonien, welche durch directe Uebertragung 
von meinen Kranken auf gesunde Personen entstanden, habe ich schon in meiner 
früheren Arbeit beschrieben (I. c. S. 102 u. f.). — In den gesammten 7 Jahren 
kamen auf 145Familien, in denen mehrfache Pn. auftraten, 355Pn. Den ersten 
145Pn. folgten daher 2lOPn. Von diesen trat nur 1 Pn. an dem gleichen Tage 
auf. an welchem die erste ausbrach; 37 Pn. folgten der ersten Pn. in einer 
Zwischenzeit von 1 —14 Tagen, 13 Pn. in einer solchen von 2 — 4 Wochen, 
16 Pn. nach 1—2 Monaten. 9 Pn. nach 2—3 Mon., 13 Pn. nach 3 — 6 Mon., 
24 Pn. nach 6—12 Mon., 34 Pn. nach 1—2 Jahren, 26 Pn. nach 2—3 Jahren, 
19Pn. nach 3—4 Jahren, 12 Pn. nach 4—5 Jahren und 6 Pn. nach 5—7Jahren. 


') Berliner klin. Wochenschr. 1885. No. 22. 
3 ) Ebenda. 1887. No. 39. 


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170 


Dr. Riesel 1, 


Selbstverständlich kommen nur die Pneumonien, welche innerhalb eines Zeitraums 
von einem Tage bis zu acht Wochen sich folgen, — die Durcbschnittsdauer einer 
Pneumonie-Epidemie beträgt etwa 1—2 Monat — ein und derselben Epidemie 
zu; die später aufiretenden Pneumonien gehören verschiedenen Epidemien an. 
Von den 66 Pn. nun, welche binnen 8 Wochen einer voraufgegangenen ersten 
Erkrankung nachfolgten, fallen nur 6 Pn. auf ältere Söhne odor Töchter der Fa¬ 
milie. und nur 3 Pn. auf das Gesinde; 57 Pn. dagegen vertheilen sich auf die 
Eltern, Grosseltern und die Kinder unter 10 Jahren. — Was das Verhältniss 
der Familien zu den von ihnen bewohnten Häusern betrifft, soer¬ 
streckten sich die gesammten 607 Pn. auf 397 Familien und 352 Häuser. Nur 
in 3 Fällen bewohnten je 3 der Familien ein und dasselbe Haus; auf diese 
9 Familien kommen 13 Pn., welche sich auf dieselben in den 7 Jahren durchaus 
ungleichmässig vertheilen. In 18 Fällen wohnten je 2 der Familien in einem 
Hause; auch hier traten nur dreimal gleichzeitig in den betreffenden Familien 
Pneumonien auf, und es waren dies Familien, welche unter sioh in einem leb¬ 
haften Verkehr standen. In 4 Fällen, in denen Angehörige einer Familie an 
Lungenentzündungen erkrankten, bewohnten die Kranken verschiedene Häuser 
(in Folge von Dienstverhältnissen). Von besonderem Interesse in Bezug auf den 
Einfluss, welchen die Häuser und Wohnungen auf die Entstehung der Pneumo¬ 
nien auszuüben vermögen, erscheinen die Lungenentzündungen in den casemen- 
artigen Arbeiterwohnungen des Bezirks, und diejenigen, welche in solchen Fa¬ 
milien auftraten, die in der Beobachtungszeit ihre Wohnung wechselten. Es giebt 
in dem ganzen Kreise nur 4 Häuser, in welchen 6—8Arbeiterfamilien zusammen¬ 
wohnen. In dem einen dieser Häuser (deren Insassen übrigens nur selten einen 
besonders innigen Verkehr unterhalten) traten in den 7 Jahren 5Pn. auf (1881: 
1 Pn.; 1885: 2 Pn.; 1886: 2 Pn.) stets in verschiedenen Familien; in dem 
zweiten Hause zeigten sich 3Pn. (1886 in 2 Familien), und in den beiden ande¬ 
ren Häusern je 2 Pn. (1883: 2 Pn.; 1886: 2 Pn.), welche sich auf 3 Familien 
erstreckten. Von keiner einzigen Wohnung und von keinem einzigen Hause ging 
daher eine besonders starke Infection aus. Von den gesammten 397 Familien 
wechselten 1 2 Farn, in den 7 Jahren ihre Wohnung, indem 3 Fam. ein neuge¬ 
bautes Haus bezogen, und 9 Fam. umzogen. Trotz dieses Umzuges traten nach 
wie vor unter den Familien Pneumonien auf. — Fall36. Der Ackerknecht Leif- 
heit in Calefeld macht im Juni 1881 eine Pn. durch. Im Jahre 1883 zieht er 
mit seiner Familie nach Düderode. Daselbst verstirbt seine Mutter im December 
1883 an einer Pn. Im Jahre 1885 bezieht er in Düderode eine andere Wohnung, 
in derselben macht sein Kind im Juli 1886 eine schwere Pn. durch. In der ur¬ 
sprünglichen Wohnung des Leifheit in Calefeld ist weiter keine Lungenentzün¬ 
dung aufgetreten. — Fall 37. Die Frau des Arbeitsmanns Fischer in Olders¬ 
hausen stirbt im März 1885 an einer Pn., ihr Mann zieht zu Ostern 1886 um, 
in seiner neuen Wohnung erkrankt eins seiner Kinder im August 1886 an einer 
Pn. — Fall 38. Die Frau Mörs in Echte machtim April 1885 eine Pn. durch, 
darauf bezieht sie eine andere Wohnung, in welcher sie im März 1886 wieder 
von einer Pn. befallen wird. — Fall 39. Der Arbeitsmann Linram übersteht 
im Mai 1880 in Eboldshausen eine Pn. Im Jahre 1883 zieht er um, und er¬ 
krankt im Januar 1885 abermals an einer Pn. — Nicht die Wohnungen 
bilden daher einePrädilectionsstelle der Pneumonie, diese müssen 


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Zur Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


171 


wir vielmehr ausschliesslich in der individuellen Körperconsti¬ 
tution suchen. Es sind allerdings zahlreiche Hausepidemien publicirt, in 
denen anscheinend die Krankheitsursache in den Wohnungen zu liegen schien. 
Aber in den kleineren dieser Epidemien, wie in den von Säe 1 ), Bonnemai- 
son 3 ), Senator 3 ') publicirten Pallen hatten die Erkrankten unter sich in Ver¬ 
kehr gestanden, eine contagiöse Ausbreitung der Pneumonie war daher nicht aus¬ 
geschlossen, und in den grösseren Epidemien, welche Casernen und Gefangen¬ 
anstalten betrafen, war eine Steigerung der Krankheitsdisposition durch Momente, 
welche die Erkrankten in annähernd gleicher Weise beeinflussten, nicht unwahr¬ 
scheinlich. 

Die mehrfachen Pneumonien, welche innerhalb einer einzigen 
Familie zu Tage treten, zeigen somit die Eigenthömlichkeit, dass 
sie fast nie zu gleicher Zeit ausbrechen, dass sich vielmehr die 
nachfolgenden Erkrankungen in der grossen Mehrzahl der Fälle 
der ersten Pneumonie anschliessen. und dass ihre Anzahl mit der 
Zunahme der Entfernung von der ersten Lungenentzündung stetig 
abnimmt. Ausserdem sehen wir, dass auf der einen Seite die Anzahl der Fa¬ 
milien, in denen sich im Laufe mehrerer Jahre mehrfache Pneumonien zeigen, 
eine nioht unbedeutende ist (vergl. S. 169), dass auf der anderen Seite dagegen 
die Anzahl der Häuser, in denen gleichzeitig in mehreren Familien Erkrankungen 
auftreten, unter ländlichen Verhältnissen eine nur geringe ist, und dass in man¬ 
chen Familien die Lungenentzündungen unbeschadet eines einzigen oder eines 
wiederholten Wohnungswechsels ihren Fortgang nehmen. In diesen Thatsachen 
tritt nicht nur das contagiöse Moment der Pneumonie deutlich zu Tage, es geht 
auch zugleich aus ihnen die Wichtigkeit der individuellen und familiären Krank¬ 
heitsdisposition für die Erkrankung an der Lungenentzündung hervor. 

2. Diejenigen Bewohner eines Ortes, welche mit dem inficir- 
ten Theile der Bevölkerung während einer localen Pneumonie-Epi¬ 
demie keine oder nur geringe Beziehungen unterhalten, bleiben 
fast gänzlich von Erkrankungen verschont. 

Ein sprechendes Beispiel dieser Art bieten die fremden Arbeiter und Arbei¬ 
terinnen. meistens Polen aus den östlichen Landestheilen, welche vom Frühjahr 
bis spät in den Herbst hinein im Bezirke anwesend sind, um auf einigen grösse¬ 
ren Gütern zu arbeiten. Sie stehen auf den letzteren unter Aufsicht von gleich¬ 
falls hier nicht ansässigen Aufsehern, und arbeiten fast stets in geschlossenen 
Colonnen, getrennt von den anderen Arbeitern, wohnen in besonderen Häusern, 
die zu diesem Zwecke casernenartig eingerichtet sind, und haben, weil sie fast 
alle nur wenig deutsch sprechen können. nur ganz geringen Verkehr mit der 
ortsansässigen Bevölkerung, um so mehr, als für ihre täglichen Bedürfnisse von 
Seiten der Gutsherrschaften gesorgt wird. Unter diesen polnischen Arbeitern, 
deren Zahl zwischen 70—80 Ind. schwankt, welche sich auf 3 Güter vertheilen, 


') Union mödic. 1882. No. 33. 
2 j Union mädic. 1875. No. 77. 
3 ) Eine Hausepidemie von 
Annalen 1885. 


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infectiöser Pneumonie. Charite- 

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172 


Dr. Riesell, 


und welche ich sämmtlich in ärztlicher Behandlung habe, ist mir noch, kein ein¬ 
ziger Fall von Pneumonie zur Beobachtung gekommen, obgleich dem Alkohol¬ 
missbrauch unter ihnen sehr stark gehuldigt wird, und einzelne Individuen in 
ihrer Heimath ihren Mittheilungen nach schon wiederholt Lungenentzündungen 
hatten; obschon ferner in den Orten, in denen sie hier wohnen, zur Zeit ihrer An¬ 
wesenheit zahlreiche Pneumonieepidemien herrschten. Ganz besonders bemer- 
kenswerth ist dies Verhalten der fremden Arbeiter in dem kleinen Orte Olders¬ 
hausen (324 E ). ln diesem Dorfe zeigten sich 1885 in den Monaten Januar bis 
April 10Pn., 1886 in den Monaten Januar bis August 17 Pn. Dabei trat keine 
einzige Lungenentzündung unter den ca 30polnischen Arbeitern, welche zusam¬ 
men mitten im Dorfe ein besonderes Arbeitshaus bewohnen, auf, obgleich in den 
nächstgelegenen Häusern 5 Pn. ausbrachen. Dagegen zeigten sich unter Arbeitern 
aus dem Orte Calefeld, welche in Oldershausen mit den aus diesem Dorfe gebür¬ 
tigen Tagelöhnern gemeinschaftlich arbeiten, 2 Pn. 

3. Zahlreiche einzelne Pneumonien und viele Pneumonie-Epi¬ 
demien breiten sich von. einzelnen Häusern, Strassen und Orten 
auf andere Orte entsprechend der Verkehrsrichtung aus. Der Ver¬ 
kehr in ländlichen Ortschaften ist vorzugsweise von der Verwandtschaft def Fa¬ 
milien unter sich, von nachbarlichen und freundschaftlichen Beziehungen, und 
für die schulpflichtigen Kinder von dem Besuche der Schule abhängig. Für den 
Verkehr von Ort zu Ort kommt auf dem platten Lande das verwandtschaftliche 
Band nicht in erster Linie in Betracht; hier sind es zunächst gewerbliche Be¬ 
ziehungen (Schlächtereien. Webereien, Gastwirthschaften, Post und Telegraph 
u. s. w.), welche benachbarte Orte vielfach verbinden; sodann ist es der Umfang 
und die Ausdehnung gewisser land- und forstwirthschaftlicher Arbeiten (Wege¬ 
bauten, Wald- und Feldarbeiten u. s. w.), welche bald dauernd, bald vorüber¬ 
gehend zwischen einzelnen Orten nähere Verbindungen unterhalten; und in ganz 
besonders hohem Grade ist es die Zugehörigkeit zu einem Kirchspiel, 
welche zwischen bestimmten Dörfern einen regen Verkehr vermittelt. 

In Uebereinslimmung mit diesen Verkehrsbeziehungen breiten sich die 
Pneumonie-Epidemien sowohl innerhalb eines Ortes, als besonders von Ort zu 
Ort aus. 

Für die Ausbreitung der Pneumonien innerhalb der Verwandtschaft 
habe ich schon in meiner früheren Arbeit zahlreiche einzelne Fälle aufgeführt 
(1. c. p. 284). Von neueren Beispielen erwähne ich nur folgende: Fall 39) Die 
9jährige A. Dörges in Sebexen stirbt am 16. Februar 1884 an einer Pneu¬ 
monie. Die unverehelichte Schwester des Vaters derselben 36 Jahr alt. schlecht 
genährt, hereditär disponirt, ausserhalb des Hauses im Dienste stehend, ist über 
den Tod der Nichte sehr niedergedrückt, hat sie sehr oft besucht, und erkrankt 
am 3. März an einer Pneumonie. — Fall 40) Frau H ... in Echte, 33 Jahre alt, 
wahrscheinlich hereditär belastet, an Insufficienz der Aorta leidend, durch zahl¬ 
reiche Unglücksfälle in ihrer Familie tief gedrückt, besucht am 6. Mai ihren an 
schwerer Pneumonie darniederliegenden Bruder (1886). Am 9. Mai wird sie von 
einer tödtlich verlaufenden Pn. betroffen. — Fall 41) Louise Marxhausen, 
17 Jahre alt, ein grosses mageres Mädchen, Krankheitsdisposition nicht festzu¬ 
stellen. besucht alltäglich das Haus eines Verwandten, in welchem der Acker¬ 
mann S . . . seit dem 11. April 1886 an einer schweren Pn. darniederliegt, am 


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1 



Zur Aeliologie der croupösen Pneumonie. 


173 


5. Mai stellt sich bei ihr eine Pn. duplex ein. Auch die Fälle 15 und 33 gehören 
hierher. 

Die Ausbreitung der Pneumonie-Epidemien von einem Orte 
auf einen anderen durch verwandtschaftliche Verhältnisse lässt 
sich in einem begrenzten Kreise häufig direct nachweisen. Pall 42) Der Porst¬ 
aufseher M . . . in Echte wird in dem Dorfe Oldershausen, in dem eine heftige 
Pneumonie-Epidemie herrscht, bei dem Begräbniss seiner an Pn. verstorbenen 
Schwester (Fall 34) angesteokt, und erkrankt in Echte am 12. April 1886 an 
einer Pn. Am 19. April erkrankt seine Frau an einer Pn., am 30. April eine in 
der Nachbarschaft wohnende Frau Schatte, am 1. Mai ein Dachdecker J . . . 
— Fall 43) In Doegerode treten im Februar und März 1886 7 Pn. auf. Am 
4. Februar wird die Tochter des Ackermanns D . . . von einer Lungenentzündung 
schon inficirt, nach Sebexen gebracht (Fall 35). Daselbst erkrankt zunächst ein 
Kind, welches mit ihr in Berührung gekommen ist. an einer Pn. An diese Pn. 
schliessen sich in dem Dorfe 8 weitere Pn. an. 

Nicht weniger häufig ist eine Verschleppung der Pneumonie im Bereiche 
der Nachbarschaft zu constatiren. Fall 44) Am 6.-März 1883 erkrankt in 
Willershausen die Frau des Gastwirths W. . . an einer Pn. (Krankheitsdisp. un¬ 
bekannt), am 27. März in einem Nachbarhause der Mühlenbesitzer H . . . (Krank¬ 
heitsdisp.: Alter und chron. Lungenkatarrh), am 25. April, in unmittelbarer 
Nachbarschaft, Frau U . . . (Krankheitsdisp.: Gemüthsdepression in Folge einer 
langwierigen Verletzung an der Hand). In allen diesen Fällen waren die Pneu¬ 
monien leichte abgekürzte Erkrankungen. — Fall 45) Am 23. Juni 1885 er¬ 
krankt in Westerhof die Auguste Lohrberg an einer Pn. (hereditäre Disp.), am 
7. Juli in der Nachbarschaft der Waldarbeiter Armbrecht (Krankheitsdisp.: 
Alter, chron. Lungenkatarrh), dessen Frau wiederholt die ihr verwandte Auguste 
L. besucht hatte. Am 8. Juli erkrankt Frau Röbbel (Fall 3), welche in näch¬ 
ster Nähe wohnt. Sämmtliche 3 Pn. waren schwere Affectionen. — Fall 46) Am 
18. März 1886 wird ein Kind des Maurers Marxhausen in Oldenrode von einer 
Pn. befallen (Krankheitsdisp. unbekannt), am 21. März erkrankt in einem Nach¬ 
barbause der Knabe Rowold (Krankheitsdisp.: Heredität), am 1. April der 
Ackermann Sander (Fall 25), welcher in nächster Nähe wohnt; und an diese 
Pn. schliessen sich 2 weitere Pn. in 2 anliegenden Häusern an. Die Erkrankun¬ 
gen dieser Epidemie waren theils sohwere theils leichte. 

Bemerkenswerth ist die Ausbreitung der Pneumonie durch die Schule. 
Bekanntlich giebt es zuweilen Pneumonie-Epidemien, welche sich nur auf Kinder 
erstrecken. So beobachtete ich im Jahre 1885 in dem Dorfe Lagershausen eine 
Epidemie von 7 Pn., von denen 6 Pn. auf Kinder unter 10 Jahren kamen, und 
1886 in Oldenrode gleichfalls eine Epidemie von 7 Pn., welche fast nur Kinder 
betrafen. Bei derartigen Kinderpneumonien nun scheinen die Infectionskeime 
nicht selten durch die Schule verschleppt zu werden. Wenigstens ist es auffal¬ 
lend, dass in einzelnen Weilern zuweilen fast ausschliesslich solche Kinder an 
Lungenentzündungen erkranken, welche in benachbarten Orten, in denen epide¬ 
mische Pneumonien herrschen, die Schule besuchen. — Fall 47) Eine kleine 
halbe Stunde von dem Dorfe Düderode entfernt, liegt das Vorwerk Vogelsang 
mit 10—12 Familien und 60—70 Seelen. Vom März bis Juni 1885 traten in 
Düderode 4 Pn. auf; unter den Erkrankten war ein schulpflichtiges lOjnhriges 


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174 


Dr. Rieseil, 


Kind, das im Anfang des April wieder genesen war. Am 13. April erkrankt in 
Vogelsang der 8jährige Carl II i I le brech t, am 30. Mai die 7jährige Ida Hü¬ 
ter; keine weiteren Pneumonien in dem Vorwerk. — Fall 48) Zehn Minuten 
von Calefeld liegt ein Weiler, die Schnede, wo 2 Familien wohnen, welche die 
Schule in Calefeld besuchen. Am 2. Juli 1886, zu einer Zeit, wo in letzterem 
Orte zahlreiche Pneumonien auftreten, erkrankt auf dem Weiler die 8jährige 
Anna Götling 1 ) an einer Pn. (hereditäre Disp.). am 7. Juli wird ihr Bruder 
August 1 ), 3 Jahre alt, gleichfalls von einer Pn. befallen. 

Auch für die Ausbreitung der Pneumonie durch gewerbliche Be¬ 
ziehungen giebt es zuweilen sehr klare Beispiele. — Fall 49) Die Schlächter 
Ude in Calefeld und Halves in Echte schlachten gemeinschaftlich und kommen 
deshalb in jeder Woche einige Male zusammen. Am 26. Februar 1886 erkrankt 
der Schlächter Ude an einer schweren Pr>., am 6. März der Sohn des Schlächters 
Halves, welcher Schlächtergeselle ist. Seine Erkrankung giebt die Gelegenheit 
zum Ausbruche einer sehr bedeutenden Epidemie in Echte, deren erste Erkran¬ 
kungen auf Individuen fallen, welche in der Nähe des Halves'sehen Wohnhauses 
wohnen. Der Schlächter Ude wie der Geselle Halves sind hereditär stark be¬ 
lastet. — Fall 50) Der Weiler Osterbruch mit etwa 12 Häusern liegt zwischen 
den Dörfern Sebexen und Opperhausen. Während die Einwohner dieses Weilers 
mit dem ersteren Orte seiner Nähe wegen viele gewerbliche Verbindungen haben, 
besuchen ihre Kinder in Opperhausen die Schule. Am 12. Juli 1885 erkrankt 
in Osterbruch die 10 jährige S. Mein ecke an einer Pn., am 27. Juli der 8jäh- 
rige A. Gade. Alsdann breiten sich die Pneumonien zu gleicher Zeit nach den 
beiden Nachbarorten aus, indem in Opperhausen 4 Schulkinder erkrankten (zu¬ 
erst am 27. Juli die 8jährige Minna Müller, am 6. August die 13jährige D. 
Wigrefe, am 17. August die Tochter eines Lehrers u. s. f.) und in Sebexen 
3 Individuen von Pn. befallen werden (die erste dieser Pn. betraf den 8jährigen 
A. Sprengel, dessen Ehern ein Haus bewohnen, welches dem Weiler Oster¬ 
bruch zunächst gelegen ist). 

Nicht unwahrscheinlich erscheint auch die Verschleppung der Pneumonie 
von Ort zu Ort auf indirectem Wege durch gesunde Personen. Fall 
51) Am 30. März 1886 erkrankt die Wittwe Stoeckemann in Eboldshausen 
an einer schweren Pn. Ihr Bruder H. Bl . . ., welcher schon mehrfache Pn. 
durchgemacht hat, besucht auf mein ausdrückliches Verbot hin die Sohwester 
nicht, dennoch erkrankt er am 13. April an einer Pn., nachdem seine Frau die 
Schwägerin fortgesetzt verpflegt hat. — Fall 52) In dem Hause des Ackermanns 
D . . . in Doegerode, in welchem im Februar 1886 ein Kind an Pn. schwer er¬ 
krankt ist, verkehrt fast den ganzen Tag der Arbeitsmann Kaste, der auch das 
kranke Kind mit verpflegt. Am 5. Februar holt er von dem Bäcker K ... in Echte 
(Fall 17) Backwaaren und verweilt längere Zeit bei demselben. Am 8 Februar 
erkrankt der Bäcker K . . . an einer Pn. — Fall 53) Der Lehrer W. . . in Se¬ 
bexen arbeitet im Sommer 1886 sehr häufig in Oldershausen, wo eine starke 
Pneumonie-Epidemie herrscht, auf dem dortigen Rittergute in sohriftlichen An¬ 
gelegenheiten. Am 19. Juni erkrankt seine Frau an einer Pn. 

’) Diese beiden Fälle wurden in meiner Abwesenheit von Herrn Dr. Holste 
in Göttingen beobachtet 


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Zur Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


175 


So wie sich nun für die einzelne Pneumonie ergiebt, dass sie um so leich¬ 
ter von einem Kranken auf einen Gesunden übergeht, je innigor bei vorhandener 
Krankheitsdisposition die Beziehungen des letzteren zu dem ersteren sind, so 
lässt sieb auch aus der Epidemiologie der Pneumonie nachweisen, dass je näher 
zwei Orte an einander liegen und je grösser der Verkehr zwischen 
beiden ist, desto häufiger auch die Pneumonie • Epidemien von 
einem Orte auf den anderen übergehen. Je kleiner dagegen ein 
Ort ist, je isolirter seine Lage, je geringer seine Beziehungen zu 
benachbarten Orten sind, desto seltener sind überhaupt Pneu¬ 
monie-Epidemien in ihm Die Orte Düderode und Oldenrode liegen kaum 
100 Schritt von einander, sie haben eine gemeinsame Schule und Pfarre, und 
die Handwerker und Arbeiter beider Orte arbeiten sowohl in dem einen, wie in 
dem anderen Orte. Es herrschen also die innigsten Verkehrsbeziehungen zwischen 
beiden Dörfern. Demgemäss tritt keine Pneumonie-Epidemie in dem einen Dorfe 
auf, ohne auf das andere überzugehen, und zwar erfolgt die Ausbreitung der 
Pneumonie stets in der für contagiöse Infectionskrankheiien charakteristischen 
Weise, dass die Pneumoniefrequenz bald in dem einen, bald in dem anderen Orte 
liegt. Vom Januar bis Juni 1883 kommen in beiden Dörfern je 12 Pn. vor, \om 
September bis December 1884 in Oldenrode 4 Pn.. in Düderode 3 Pn , vom März 
bis Juni 1885 in Düderode 6 Pn., in Oldenrode 5Pn., von Febr. bis Aug. 1886 
in Düderode 13 Pn., vom März bis April 1885 in Oldenrode 7 Pn. — Aehnliche 
nahe Verkehrsbeziehungen herrschen zwischen den Orten Willershausen und We¬ 
sterhof, welche etwa 15 Minuten auseinander liegen. Auch hier greifen die Pneu¬ 
monie-Epidemien in der Mehrzahl der Fälle auf beide Orte über. Im März und 
April 1883 sind in leszterem Orte 3 Pn., in ersterem gleichfalls 3 Pn., vom 
September bis December 1884 sind in West. 2 Pn., in Wil. 4 Pn.. vom Januar 
bis Mai~1885 in West. 5 Pn., in Wil. 10 Pn., vom Juni bis October in West. 
8 Pn., vom Juni bis November in Wil. 6 Pn., vom Januar bis April 1886 in 
beiden Orten je 6 Pn. Auch zwischen den Nachbarorten Oldershausen und Wil¬ 
lershausen, Oldershausen und Eohte, Echte und Calefeld, zwischen welchen Dör¬ 
fern zahlreiche Verbindungen bestehen, lässt sich der Uebergang der Pneumonien 
von einem Orte auf den anderen in den meisten Epidemien verfolgen. Dagegen 
haben die Dörfer, welche sich ferner liegen, und welche in Folge dessen weniger 
Verkehr unter sich unterhalten, wie die Orte Calefeld und Westerhof, Wiershau¬ 
sen und Doegerode, Sebexen und Eboldshausen, in der Mehrzahl der Fälle Pneu¬ 
monie-Epidemien, welche unter sich der Zeit nach in keinem Zusammenhang 
stehen. (Vergl. oben die allgemeine Uebersicht der Pneumonie, und die geogra¬ 
phische Lage der Orte in meiner früheren Arbeit, 1. c. S. 313.) Besonders cha¬ 
rakteristisch ist das Verhältniss der beiden Dörfer Doegerode und Oldershausen 
zu dem Orte Echte. Beide sind von diesem Orte gleich weit entfernt, aber Olders¬ 
hausen hat zu Echte viele Beziehungen, und Doegerode, welches nach Calefeld 
eingepfarrt ist, nur sehr wenige. Dementsprechend tritt in den sieben Jahren 
fast niemals eine Pneumonie-Epidemie in Echte oder Oldershausen auf, ohne auf 
den andeieu Ort überzugreifen; dagegen zeigen sich in Doegerode und Echte nur 
einige wenige Male gleichzeitig Pneumonien. 

Auf die Seltenheit der Pneumonie-Epidemien in den abgelegenen Orten 
Sieversbauseu, Doegerode, Wiershausen, und auf die grossen Intervalle, welohe 


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Dr. Kiesel), 


zwischen den sich folgenden Epidemien liegen, habe ich bereits hingewiesen, 
ln dem Bezirke liegen ansser verschiedenen allein liegenden Mühlen, welche in 
Folge ihres beständigen Verkehrs mit den benachbarten Orten hier nicht in Frage 
kommen, 5 Weiler. In den sieben Jahren traten nar in zwei derselben Lungen¬ 
entzündungen auf, also stets za einer Zeit, wann in dem nächsten Nachbarorte 
epidemische Pnenmonien herrschten. 

4. Die einzelnen Erkrankungen einer Pneumonie-Epidemie 
sind, soweit sie sich auf verschiedene Familien erstrecken, in der 
Regel in dem durchseuchten Orte ordnungslos zerstreut. Treten 
in gewissen Gegenden des Ortes besonders zahlreiche Pneumonien 
auf, so wechseln diese Gegenden im Laufe der Epidemie fast stets, 
und liegen zu Ende derselben oft an ganz anderen Strassen oder 
Plätzen, als zu Anfang. 

Die Ausbreitung einer Pneumonie-Epidemie ist in erster Linie von der Krank¬ 
heitsdisposition der vorhandenen Individuen und erst in zweiter Linie von der 
Intensität des menschlichen Verkehrs abhängig. Da nun die Empfänglichkeit für 
die Pneumonie unter den Bewohnern eines Ortes zn jeder Zeit eine sehr ungleich- 
mässige ist, weil sie durch Zustände hervorgerufen wird, welche innerhalb und 
ausserhalb des einzelnen Menschen liegen, so bewegen sich die Pneumonien nur 
ausnahmsweise in der Nachbarschaft und im Umkreise des nächsten Verkehrs 
weiter; in der grossen Mehrzahl breiten sie sich, abgesehen von den mehrfachen 
Lungenentzündungen, welche in ein und derselben Familie in Folge hereditärer 
Disposition entstehen, über einen Ort vollkommen regellos aus. 

Dennoch gelingt es öfters, auch in dieser regellosen Ausbreitung der Pneu¬ 
monie-Epidemie das contagiöse Moment nachzuweisen. Das ist namentlich bei 
denjenigen Epidemien der Fall, welche durch ungewöhnlich zahlreiche und rasch 
auf einander folgende Einzelerkrankungen cbarakterisirt sind. Bei diesen Epi¬ 
demien treten die Pneumonien bald in dem einen, bald in dem anderen Theile 
des Ortes stärker hervor, ohne dabei aber die anderen Gegenden zu irgend weloher 
Zeit gänzlich zu verschonen. Beispielsweise kann man den Ort Echte in drei 
Theile, in einen niedrig gelegenen nördlichen und zwei höher gelegene südliche 
Theile, eintheilen, welche alle drei unmittelbar in einander übergehen. Auf diese 
Ortstheile dehnten sich die epidemischen Pneumonien, welche 1886 in den 
Monaten März, April und Juni in Echte herrschten, in folgender Weise aus. 
Es kamen 

von den 1 1 Pn. des März auf die südöstliche Gegend 1 Pn., auf die 
südwestliche 6 Pn., auf die nördliche 4 Pn.; 
von den 9 Pn. des April auf die südöstliche Gegend ö Pn., auf die 
südwestliche 4 Pn., auf die nördliche keine Pn.; 
von den 12 Pn. des Mai und Juni auf die südöstliche Gegend 8 Pn., 
auf die südwestliche 1 Pn., auf die nördliche 3 Pn. 

Diesem, wie ich glaube, umfangreichen Material gegenüber dürfte es schwierig 
sein, die contagiösen Eigenschaften der Pneumonie noch weiterhin in Zweifel 
ziehen zu wollen. Allerdings ist stets festzuhalten, dass auch das contagiöse 
Moment der Lungenentzündung denselben variablen Charakter trägt, den alle ihre 
Eigenschaften besitzen. Es giebt Pneumonie-Epidemien, in denen die Erkran¬ 
kungen so deutlich von Individuum zu Individuum, von Ort zu Ort geradezu ver- 


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Zur Axiologie der croupösen Pneumonie. 


177 


schleppt werden, dass ihre Anstecknngsfähigkeit selbst dem Laien auffäliig ist; 
und es giebt ebensolche Epidemien, in denen keine einzige Thatsaohe an den 
endogenen Ursprung der Pneumonie erinnert. Ob nun in diesen letzteren Fällen 
die Ausbreitung der Erkrankungen in der That auf miasmatischem Wege vor sich 
geht, und wir also die Pneumonie zu den miasmatisch-contagiösen Infections- 
krankheiten zu rechnen haben, ist noch eine offene Frage, deren Beantwortung 
für jetzt nicht möglich ist. Immerhin ist eine, wenn auch nur partielle ektantbrope 
Entstehung der pneumonischen Krankheitsstoffe im streng localistischen Sinne 
nicht wahrscheinlich, da einerseits das contagiöse Moment, weil es an die Krank¬ 
heitsdisposition gebunden ist, sehr wohl vorhanden sein kann, auch wenn wir es 
nicht nachzuweisen vermögen — und andererseits die Abhängigkeit von Zeit und 
Ort, in welcher die Pneumonie-Epidemien vermöge ihres localen Charakters zu 
stehen scheinen, in gewisser Weise auch bei rein contagiösen Infectionskrank- 
heiten vorhanden ist. 

Zu denjenigen Infectionskrankheiten, deren rein contagiöser Charakter über 
allem Zweifel erhaben ist, gehören bekanntlich die Masern. Auch sie habe n, 
wie aus ihrer Ausbreitung in einem abgeschlossenen Bezirke her¬ 
vorgeht, ein entschiedenes locales Moment, an das ihre Epidemien 
gebunden sind. Im Jahre 1879 traten in dem Kreise keine Masern auf. 1880 
zeigten sich einzelne Erkrankungen unter Kindern von 1—4Jahren in den Dörfern 
Düderode (5 Ind.), Oldenrode (4Ind.), Willershausen (5Ind.). Vom November 1881 
bis zum Mai 1882 zog eine sehr starke Masern Epidemie durch die Orte Sebexen, 
Calefeld, Echte, Oldershausen, Willershausen, Westerhof. Keine einzige Erkran¬ 
kung zeigte sich in den Orten Eboldshausen, Wiershausen, Oldenrode, Düderode 
und Dongerode, obgleich die Einwohner des letzteren Ortes die Kirche in Calefeld 
besuchen. In den Jahren 1883, 1884 und 1885 kam keine Masern-Epidemie in 
der Gegend vor. 1886 dagegen trat eine sehr heftige Epidemie in Imbshausen 
auf (etwa 40 Ind.), und breitete sich von da nach Lagershausen (etwa 25 Ind.) 
und Denkorshausen (etwa 20Ind.) aus; kein einziger Fall zeigte sich gleichzeitig 
in don Orten Echte, Calefeld, DoDgerode, obgleich in diesen Orten eine grosse 
Reihe von Kindern noch nicht durchseucht war. — Im Jahre 1887 bricht eine 
überaus starke Epidemie in den Dörfern Oldenrode-Düderode aus (etwa 60 Ind.), 
welche sowohl nach Dongerode, als nach Wiershausen hinüberzieht. In Dongerode 
erkrankten fast alle Kinder (etwa 35 Ind.); dennoch ist kein einziger Masernfall 
in dem Pfarrdorfe Calefeld vorhanden. Von Wiershausen, wo gleichfalls fast alle 
Kinder erkranken (etwa 40 Ind.), zieht die Epidemie über Sebexen, wo sich nur 
2 Masernfälle zeigen, und Opperhausen, wo etwa 20 Kinder erkranken, nach 
Sievershausen und nach Eboldshausen, wo in beiden Orten nahezu alle Kinder 
(etwa 60 Ind.) befallen werden. In dieser ganzen Zeit trat in den Dörfern Echte. 
Oldershausen, Willershausen, Westerhof kein einziger Fall von Masern zu Tage. 

Die Abhängigkeit der Masern von Zeit und Ort zeigt sich auch darin, dass 
einzelne Masernerkrankungen auftreten können, ohne zu einer grösseren epide¬ 
mischen Ausbreitung den Anlass zu geben. Im Sommer 1883 reist ein auf dem 
Vorwerke Vogelsang sesshafter Schweizer mit seinen Kindern in seine Heimath; 
nach seiner Rückkehr erkranken 2 Kinder an den Masern. Trotzdem andere 
Kinder, welche noch keine Masern durchgemacht haben, mit denselben spielen, 
erkranken sie doch nioht. Ebenso traten Ende December 1885 4 Masernfälle in 


VierteljihrMehr. f. f*r. Med. N. F. UI. 1. 

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Dr. H. Frölich, 


Echte auf. ohne sich epidemisch auszubreiten. Am bemerkenswerthesten ist in- 
dess folgender Fall. In dem Dorfe Eboldshausen haben sich mindestens seit dem 
Jahre 1879, wahrscheinlich aber noch länger, keine Masern gezeigt. Im Mai 1886 
reist die Frau des dortigen Lehrers B. mit einem ihrer Kinder nach Hildesbeim; 
nach der Rückkehr erkrankt das Kind, welches die Reise mitgemacht hat, an den 
Masern, und von ihm gehen dieselben auf die sämmtlichen 4 Geschwister über. 
In allen Fällen handelt es sich um schwere ausgesprochene Masernerkrankungen. 
Dennoch bleibt der ganze Ort verschont: kein einziges Kind erkrankt, obgleich 
die Dorfkinder mit den wieder genesenen Kindern des Lehrers nach der Wieder¬ 
eröffnung der Schule in Berührung kommen. Dagegen werden im Jahre 1887 
aus Anlass eines von dem Nachbarorte Sievershausen eingeschleppten Masernfalls 
sämmtliche Kinder des Ortes im Alter von 3—12 Jahren (etwa 40 Ind.) durch¬ 
seucht. <BchIoM folgt.) 


5. 

Reich ^gerichtliche Eatscheiduagen anf Graad des Deutsches 

Strafgesetzbuches. 

Von 

Oberslabsarzt Dr. H. Frölich. 

(Fortsetiung.) 


§ 223. Wer vorsätzlich einen Anderen körperlich misshandelt 
oder an der Gesundheit beschädigt, wird wegen Körperverletzung mit 
Gefängniss bis zu 3 Jahren oder mit Geldstrafe bis zu 900 Mark be¬ 
straft etc. 

§ 223a. Ist die (vorsätzliche) Körperverletzung mittels einer 
Waffe , insbesondere eines Messers oder eines anderen gefährlichen 
Wes'kzeugs .... oder mittels einer das heben gefährdenden Behand¬ 
lung begangen, so tritt Gefängniss nicht unter 2 Monaten ein. 

Ein Maurer versetzt einem zu Boden Geworfenen mit den Spitzen seiner hart¬ 
kantigen Stiefeln, die er an seinen Füssen trägt, einige wuchtige Stösse an den 
Kopf, so dass dieser Beulen erlitt und 3 Tage arbeitsunfähig wurde. 

Es kommt nicht darauf an, ob dorartige (ungenagelte) Stiefeln 
zum Zuschlägen mittelst der Hände als Waffe verwendet werden; es 
können auch Bekleidungsgegcnstände nach Beschaffenheit und Art des 
Gebrauchs gefährliche Werkzeuge darstellen. (Entscheidung vom 1. 
December 1881.) 


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Reichsgerichtliche Entscheidungen. 


179 


Ein Mann schlägt sein 2jähriges, nur mit Hemd bekleidetes Kind mit einem 
Riemen vorsätzlich so, dass Rücken und Hals des Kindes mit blutunterlaufenen 
Schwielen sich bedecken. 

Hält sich eine gesetzlich erlaubte Züchtigung innerhalb der vom 
Gesetze gezogenen Grenzen derselben, so würde, selbst wenn deren 
Aasübung objectiv Folgen haben würde, die an sich die Kriterien 
einer körperlichen Misshandlung an sich tragen, doch die objective, 
eine Bedingung der Strafbarkeit der Körperverletzung bildende Rechts¬ 
widrigkeit fehlen. Dass nun auch einem zweijährigen Kinde gegen¬ 
über Anlass zu einer körperlichen Züchtigung vorliegen kann, ist nicht 
zu bezweifeln; wenn aber das Gesetz als Norm der Ausübung des 
elterlichen Züchtigungsrechts die Anwendung angemessener Mittel 
häuslicher Zucht hinstellt und damit namentlich die Berücksichtigung 
der Individualität des Kindes, des Grades geistiger und körperlicher 
Entwickelung desselben, wie die Schwere des Vergehens vorschreibt, 
so bann eben so wenig bezweifelt werden, dass gegenüber einem zwei¬ 
jährigen Kinde die Wahl eines Zuchtmittels, wie dessen der Ange¬ 
klagte sich bedient und die aus der Schwere der verursachten Ver¬ 
letzungen erkennbare Art des Gebrauches desselben nicht innerhalb 
der vom Gesetze vorgezeichneten Grenze liegt. (Entscheidung vom 
7. December 1881.) 


Ein Gutsbesitzer hetzt einen bissigen Hund auf einen Knecht; der letztere 
erhält mehrere Bisswunden. 


Im Allgemeinen verbindet die Strafrechtslehre mit dom Aus¬ 
drucke „Werkzeug“ einen sehr weit gehenden Begriff, indem sie 
damit die Gegenstände bezeichnet, deren sich der Thäter als Mittel 
zur Ausführung der Strafthat bedient. In diesem Sinne kann 
man einerseits die eigenen Gliedmassen des Thäters, welche dieser 
zur Begehung der That in Function setzt, als Werkzeug auffassen, und 
andererseits kann auch die Person eines Anderen als ein Werkzeug 
in Betracht kommen, wenn sie lediglich nach der Leitung des Thä¬ 
ters und ohne Bewusstsein von den Zwecken, denen sie dient, bei 
Begehung der That mitwirkt. Es liegt aber auf der Hand, dass 
der § 223a., wenn er von einer Körperverletzung spricht, welche 
mittelst einer Waffe, insbesondere eines Messers, oder eines anderen 
gefährlichen Werkzeuges begangen ist, unter dem letzteren nicht ein 
Werkzeug in jenem ausgedehnten, mehr oder weniger bildlichen Sinne 
versteht. Das gefährliche Werkzeug ist in dem gedachten Paragra¬ 
phen einer Waffe gleichgestellt, und, ohne den Worten Zwang anzu- 


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Dr. H. Frölich, 


thun, Wisst sich nicht behaupten, dass derjenige, welcher einen Hund 
zum Angriffe auf einen Menschen anreizt, von einer Waffe oder einem 
gefährlichen Werkzeuge, wie es z B. ein Messer ist, Gebrauch macht. 
Die Motive lassen zwar keinen Zweifel darüber, dass man unter 
.Waffe“ nicht nur eigentliche Waffen im technischen Sinne, sondern 
jeden Gegenstand verstanden hat, mittelst dessen durch mecha¬ 
nische Einwirkung auf den Körper eines Anderen eine Verletzung 
desselben herbeigeführt werden kann, so z. B. Stuhlbeine, Knüppel, 
schwere Hausschlüssel, Schlagringe u. s. w. Derjenige aber, welcher 
durch Anreizung auf einen Hund, oder sonst ein gefährliches 
Thier dergestalt einwirkt, dass dieses den Körper eines Menschen ver¬ 
letzt, führt die Körperverletzung nicht durch mechanische Ein¬ 
wirkung herbei. Er verübt die That also nicht mittelst einer 
Waffe, oder eines gefährlichen Werkzeuges im Sinne des § 223a. 
Unter Umständen kann in einem solchen Falle die Körperverletzung 
mittelst einer das Leben gefährdenden Behandlung, niemals aber 
mittelst eines gefährlichen Werkzeuges begangen sein. (Ent¬ 
scheidung vom 1. Juni 1883.) 

Eine Mutter züchtigt ihre Tochter mit einer in einen Metallknopf endenden 
Reitpeitsche und mit einem starken Handbesen, so dass Arme und Rücken mit 
blutigen Flecken völlig bedeckt gewesen sind. 

Als der Gesundheit unschädliche Zwangsmittel dürfen nur solche 
angesehen werden, welche in der Art, wie sie angewendet werden, 
die Gesundheit zu schädigen überhaupt nicht geeignet sind, die Ge¬ 
sundheit des Kindes nicht gefährden, so dass unter Umständen das 
statthafte Maass der Züchtigung als überschritten angesehen werden 
muss, auch wenn eine Gesundheitsbeschädigung des Kindes nicht ein¬ 
getreten ist. Die Misshandlung geschah, nicht um zu erziehen, son¬ 
dern um zu peinigen und zu quälen — was sich durch das Züchti¬ 
gungsrecht nicht entschuldigen lässt. Die Züchtigungsmittel waren 
in der Art wie sie gebraucht wurden, geeignet, erhebliche Körper¬ 
verletzungen (§ 223a.) zuzufügen. (Entscheidung vom 9. November 
1883.) 


§ 221. Ilat die Körperverletzung zur Folge , dass der Verletzte 
ein wichtigen (l/ied den Körpern, dnn Sehvermögen auf einem oder 
beiden Augen, dun Gehör, die Sprache oder die Zeugungnfähigkeit ver¬ 
liert oder in erheblicher Weine dauernd entstellt wird oder in Siech - 


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Reichsgerichtliche Entscheidungen. 


181 


thum , Lähmung oder Geisteskrankheit verfällt, so ist auf Zuchthaus 
Ins zu j Jahren oder Gefängnis* nicht unter 1 Jahre zu erkennen. 


Eine Frau fügt einer anderen eine Körperverletzung zu. welche Lähmung 
mehrerer Finger der linken Hand und Steifheit des linken Handgelonkes zur 
Folge hat. 


Wenn § 224 voraussetzt, dass der Verletzte in erheblicher Weise 
dauernd entstellt wird, so kann dieses gesetzliche Erforderniss nur 
durch die Feststellung einer wesentlichen, die äussere Gesaramterschei- 
nung des Menschen verändernden Deformation erfüllt werden. Diese, 
das normale Aussehen verunstaltende Veränderung braucht nicht noth- 
wendig den ganzen Körper des Menschen unmittelbar zu erfassen und 
wird allerdings auch durch die Verunstaltung einzelner Körpertheile 
bedingt werden. Unter allen Umständen müssen aber derartige par¬ 
tielle Deformationen von solcher Augenfälligkeit und Erheblichkeit 
sein, dass sic dio äussere Gcsammterscheinung des körperlichen Ha¬ 
bitus wesentlich verschlechtern. Ein einzelnes Glied kann immerhin, 
wenn dieser Ausdruck gebraucht werden soll, entstellt sein, ohne das 
Aussehen des Betroffenen merkbar zu alteriren, ohne in die Augen 
zu fallen, und ohne dass man von einer Entstellung des ganzen Men¬ 
schen sprechen kann. 

Die Gleichstellung der Lähmung mit den zweifellos einen all¬ 
gemeinen Krankheitszustand bezeichnenden Begriffen: Siechthum und 
Geisteskrankheit, sowie das vorangestellte Merkmal des Verlustes 
eines wichtigen Gliedes des Körpers führen mit Nothwendigkeit zu 
der schon aus dem natürlichen Wortsinn sich ergebenden Auslegung, 
dass auch hier unter Lähmung eine mindestens mittelbar den ganzen 
Menschen ergreifende Bewegungsunfähigkeit erfordert wird. Es kann 
auch hier zugegeben werden, dass die Functionsstörung der Nerven, 
Muskeln und Bänder, welche man als Lähmung bezeichnet, nicht 
nothwendig ihren Sitz unmittelbar in allen Körpertheilen zu haben 
braucht, dass unter Umständen auch die Lähmung einzelner Glied¬ 
massen den Begriff erfüllen kann. Das Letztere wird der Regel nach 
dann der Fall sein, wenn etwa wichtige, für die Bewegungsfähigkeit 
des ganzen Körpers wesentliche Körpertheile ausser Function gesetzt 
sind, oder eine andero partielle Lähmung einzelner Gliedmassen in so 
erheblichem Grade vorliegt, dass die Integrität des ganzen Körpers 
als aufgehoben angesehen werden muss. Ohne Weiteres aber dio Läh¬ 
mung einiger Finger oder die Steifheit des Handgelenks als eine Läh- 


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182 


Dr. H. Frölich, 


mung des ganzen Menschen zu qualificiren, ist rechtsirrthümlich. 
(Entscheidung vom 1. Februar 1882.) 

Ein Polizeibeamter wird von einem Bergarbeiter in den rechten Mittelfinger 
gebissen, wodurch der letztere steif und gelähmt worden ist. 

Unter „Verfallen in Lähmung“ ist nur eine derartige Affection 
zu verstehen, welche den Organismus des Menschen in einer umfassen¬ 
den Weise ergreift, welche mit ausgedehnter Wirkung Organe des 
Körpers der freien Aeusserung ihrer naturgemässen Thätigkeit beraubt. 
Unter den Worten des § 224 St.-G.-ß. „ein wichtiges Glied des Kör¬ 
pers verliert“ ist der physische Verlust desselben als eines Theils 
des menschlichen Körpers, nicht auch die Verminderung oder völlige 
Aufhebung der Gebrauchsfähigkeit jenes Gliedes zu verstehen. 

Es würde nun eine Ungleichartigkeit der gesetzgeberischen Be¬ 
stimmung eintreten, wenn man, obgleich hiernach der Gesetzgeber die 
völlige Aufhebung der Gebrauchsfähigkoit jenes wichtigen Gliedes an 
sich selbst nicht unter § 224 St.-G.-B. untergeordnet hat, anderer¬ 
seits die Aufhebung der Gebrauchsfähigkeit eines einzelnen Gliedes 
dann darunter begriffen erachten wollte, wenn sie in Lähmung nur 
dieses einzelnen Gliedes ihren Grund hätte; es muss daher angenom¬ 
men werden, dass bei der auf „Verfallen in Lähmung“ bezüglichen 
Gesetzesbestimmung nicht die innere Ursache der Aufhebung der Ge¬ 
brauchsfähigkeit, sondern der äussere Umfang der Folgen der Körper¬ 
verletzung im Verhältniss zur Totalität des Menschen für den Ge¬ 
setzgeber bestimmend war. (Entscheidung vom 23. Februar 1882.) 

Ein Bauer beisst in einer Rauferei einen anderen in den rechten Zeigefinger, 
so dass 2 Glieder des letzteren amputirt werden mussten. 

Es kann nicht angenommen werden, dass die Wichtigkeit eines 
Körpergliedes von der persönlichen Beschaffenheit des Verletzten und 
dessen Verhältnissen hat abhängig gemacht werden sollen, denn für 
den Begriff der Wichtigkeit kann nicht der relative Werth in Betracht 
kommen, welchen der Besitz oder Verlust eines Körpergliedes für den 
Verletzten nach seinem individuellen Lebensberufe, insbesondere sei¬ 
nem Nahrungs- und Erwerbszweige besitzt, und dasselbe Glied kann 
nicht für den Einen werthvoll, für den Anderen werthlos sein. Sowie 
bei dem Verluste des Sehvermögens, des Gehörs, der Sprache u. s. w. 
das verschiedene Interesse nicht in Betracht kommt, welches die Ver¬ 
letzten an dem Verluste des betreffenden Sinnes haben können, diese 
Rücksichten vielmehr ausschliesslich bei der Strafzumessung in Be- 


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Reichsgerichtliche Entscheidungen. 


183 


tracht kommen, so muss auch für das einzelne Körperglied das Werth- 
verhältniss entscheiden, in welchem dasselbe seiner Wichtigkeit nach 
noch zu dem Gesammtorganismus des Menschen steht, und insbe¬ 
sondere das grössere oder geringere Maass von Unterbrechung oder 
Beeinträchtigung erwogen werden, welche die regelmässigen Functionen 
aller Einzelorgane durch den Mangel eines oder einzelner derselben 
durchschnittlich erreichen. Es ist die Wichtigkeit des vorliegenden 
Glied Verlustes nicht blos deshalb zu verneinen, weil der Verletzte 
dessen ungeachtet seine rechte Hand in derselben Weise und zu den¬ 
selben Arbeiten wie vorher gebrauchen könne, sondern es wird unter 
Hinweisung auf das Gutachten des vernommenen Sachverständigen 
allgemein davon ausgegangen, dass das Fehlen zweier Fingerglieder 
für nicht so hinderlich beim Arbeiten, als die Steifheit eines Fingers 
zu erachten, namentlich mit Rücksicht auf den Umstand, dass durch 
das verbliebene dritte Glied des Zeigefingers das Schliessen der Faust 
sich ausführen lasse. Es ist dieses, wenn es auch nicht überall im 
einzelnen Falle zutreffen mag, als Durchschnittsregel anzusehen und 
auf den Angeklagten anzuwenden, wobei zugleich anerkannt wird, 
dass die allgemeinen und regelmässigen Functionen der Hand, die 
Fähigkeit zum Greifen und Halten, abgesehen von besonderen aus¬ 
nahmsweisen Fertigkeiten, ungestört geblieben sind, indem die Ver¬ 
richtungen, welche regelmässig den beiden ersten Gliedern des Zeige¬ 
fingers zufallen, nunmehr von den übrigen Thcilen der Hand über¬ 
nommen werden, hiermit aber eine Verminderung der Functionsfähig¬ 
keit des gesammten Körpers überhaupt nicht oder nur in geringerem 
Maasse entsteht. (Entscheidung vom 9. Juni 1882.) 


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IIL Kleinere Mittheilungen, Referate, 
Literaturnotizen. 


a) Statistisches und Historisches. 

flediciaiseh-statistlseher Jahresbericht aber die Stadt Stattgart raai Jahre 1888$ 

heraasgegeben vom Stuttgarter ärztlichen Verein. Stuttgart, Metzler 1889. 

Der 16. Jahresbericht über die medicinische Statistik Stuttgarts geht von 
der berechneten Kopfzahl von 117,862 aus. Einschliesslich der Todtgeborenen 
betrug die Mortalitätsziffer 19,6 pM. (1887 war sie auf nur 18,5 pM. gesunken, 
während sie sich in den Jahren 1873 bis 1882 durchschnittlich auf 25,3 pM. 
gehalten hatte). DerBeitrag des 1. Lebensjahres batte während der letztgenannten 
Jahre 41,2 pCt., — 1887 : 30,5 pCt. — 1888 : 31,9 pCt. betragen. Pocken 
tödteten 1888 0 Person, Masern 10, Scharlach 18 Personen; Keuchhusten 9, 
Typhus abdominalis 11. Bedeutender war der Antheil der Bräunekrankheiten 
(mit 44 Todesfällen) und nicht unerheblich der des Kindbettfiebers (mit 14). 
307 tödtliche Ausgänge an Lungenschwindsucht deuten bei 14,2 pCt. der Ge- 
sammttodesziffer die hohe Bedeutung dieser Affection an. Der Antheil der Alters¬ 
klassen vom 31. bis 40.Lebensjahre erwies sich (23,5pCt.) als der bedeutendste; 
ihm am nächsten reicht der des 41. bis 50. Lebensjahres: 21,2 pCt. — dann 
erst folgen die Gruppen des 21. bis 30. Jahres und die des 16. bis 20. Jahres 
mit 16,9 resp. 9,9 pCt. April und März waren hinsichtlich der Schwindsuchts¬ 
sterblichkeit die ungünstigsten Monate. Die vorher erwähnte Puerperalsterblioh- 
keit steht um 0,24 pCt. über dem Durchschnitt der voran gegangenen 10 Jahre. 


Etüde stattstique sar la aiartallte enfaatlae en Salsse peadaat les dis. aniees 
1876—1885. Von Dr. L. Crevoisier (de Porrentruy). Bern, K.-J. Wyss 
1889. 

Durch eine grössere Reihe sorgfältiger Tafeln hat Crevoisier die Absterbe- 
Verhältnisse der unterjiihrigen Kinder in den verschiedenen Gegenden der Schweiz 
anschaulich gemacht. Für die Abschätzung der Ergebnisse ist der Umstand von 
Wichtigkeit, dass die officielle Statistik der Schweiz zu den Todgeborenen nur 
solche Früchte rechnet, welche länger als 6 Monate der intrauterinon Entwick¬ 
lung durchgemacht, aber nicht geathmet haben, während in anderen Ländern 


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vielfach auch solche Lebendgeborene dieser Gruppe zugerechnet werden, welche 
vor ihrer Aufnahme in die Gebnrtslisten wieder aus dem Leben geschieden sind. 
Unter den Cantonen steht mit 5,31 pCt. aller Geburten die Mortalität des Can- 
tons Zürich am erheblichsten über dem Durchschnitt von 3.85 pCt., — die des 
CantonsHochunterwalden mit 1,79 pCt. am niedrigsten. Die unterjährigen Todes¬ 
fälle sind sowohl in ihrem Verhalten zu den Todesfällen im Allgemeinen, wiezu 
den Geburten, wie endlich auch auf je 1000 Lebenden berechnet. Das un¬ 
günstigste Verhältniss, soweit die Beziehung zu sämmtlichen Bewohnern in Frage 
kam. zeigte Appenzell, wo die kindliche Mortalität nicht weniger als 26,9 pM. 
der Einwohner betrug (entsprechend der hohen Geburtenziffer von 35,9pM.) Am 
günstigsten standen dagegen Hochunterwalden und Genf da. mit 12,9 resp. 16 pm. 
infantiler Morbidität bei einer Geburtsziffer von 24,6 pM , während für das ganze 
Land sich die letztere auf 31,0, — die Kindersterblichkeit auf 17,9 pM. aller 
Lebenden stellte. Unter 100 Gestorbenen waren noch nicht völlige 12 Monate 
alt: im Lande 24,3 vom Hundert, in Appenzell 32,5, in Basel (Land) 32,2, in 
Basel (Stadt), Freiburg, St. Gallen etwas über 28 pCt; ausserdem überschritten 
den Durchschnitt noch Zürich, Uri, Schwyz, Zug, Scbaffhausen, Thurgau, Neu- 
chatel. Dagegen blieben am erheblichsten zwischen jenem Durchschnitt zurück: 
Luzern, Unterwalden, Glarus, Waadt und Genf, wo sich das günstige Verhältniss 
von noch nicht 17 pCt. herausstellte. Die Arbeit geht auf sämmtliche Todes¬ 
ursachen (Krankheiten, Illegitimität, sociale Lage in sonstiger Beziehung etc.) in 
gediegener Weise ein. 


listarisehe Stadien aas den pharaiakaUgisehea Institate der Universität Nrpat. 

Von Professor Dr. Rudolf Kobert. Halle, Tausch & Grosse 1889. 240 S. 
und 2 Register. 

Beispielgebend im lobendsten Sinne des Wortes sind die Beiträgo. welche 
K. in dem obengenannten Werk theils persönlich, theils aus der Feder von ihm 
angeregter Jünger zum Ausbau der medicinischen Cullurgeschichte geliefert hat. 
Zur Geschichte des Mutterkorns trug K. die Einzelkenntnisse aus dem Hippo¬ 
kratischen, Thucydideischen und Aristotelischen Zeitalter zusammen, verfolgt das 
wachsende Wissen über seinen Gegenstand durch die Römerzeit bis Galen und 
spürt den Schriftstellen über den gangränösen, wie über den convulsivischen Er- 
gotismus bei sämmtlichen Autoren des Mittelalters und der Neuzeit nach. 

Dazu liefert als eine ganz ursprünglich bearbeitete Ergänzung A. Grünfeld 
einen Anszug aus den die Mutterkorn frage behandelnden Arbeiten der russischen 
Literatur. 

Ein inniges Einleben in die Hippokratische Schriften-Sammlung und einen 
dauernden festen Eckstein zum Bau einer radicalen Kritik dieser Werko wird man 
in der unter No. III. folgenden Arbeit R. v. Grot’s nicht verkennen. Abschnitte 
wie der „Ueber die pharmakologischen Kenntnisse der Griechen vor Hippokrates“ 
und „Welche Richtung in der Mediein vertreten die hippokratischen Schriften“ — 
werden sicherlich auch von Medicinern, welche vordem noch wenig Hinneigung 
zu historischen Studien in sich fühlten, mit Freude und Nutzen gelesen werden. 
-Ich hoffe.“ äussert v. G. in seiner Schlussbetrachtung, „durch meine Arbeit 
nai bgew iesci: zu haben, ein wie reiches uud hochinteressantes Material gerade 


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Kleinere Mittbeilungen, Referate, Literaturnotizen. 


die Arzneikunde aus dem Corpus det hippokratischen Schriften schöpfen kann.“ 
Oh gerade Hippokrates II. an dem pharmakologischen Theil der Schriften einen 
hervorragenden oder zurücktretenden, oder gar keinen Antheil habe, muss dahin¬ 
gestellt bleiben. Mit einer literarisch-pharmakologischen Studie „Russische Volks¬ 
heilmittel aus dem Pflanzenreiche“ schliesst sich Dr. Wassily Demitsch seinem 
Lehrer und den namhaft gemachten Vorarbeitern in durchaus würdiger Weise an. 

.ch. 


ler sanitäre Ziitut tu Teilen. Die schweren Cholera Epidemien, welche 
Toulon in den letzten Jahren heimgesucht haben, sowie die ununterbrochen hohe 
Mortalität der Besatzung an Abdominaltyphus haben endlich zur Berufung einer 
Commission von Hygienikern und anderen Sachverständigen Veranlassung ge¬ 
geben, welche den sanitären Zustand von Toulon feststellen und geeignete Maass¬ 
nahmen in Vorschlag bringen sollte. Der von Professor Brouardel, dem Prä¬ 
sidenten des Comitö consultatif d’Hygi&ne, und M. Bruniquel, Chefingenieur 
des Brücken- und Strassenbaues, erstattete Bericht ist in dem Septemberheft der 
Revue d’Hygiöne mitgetheilt. 

Der Zustand der Stadt wird darin als ein eminent ungesunder bezeichnet. 
Die Strassen sind eng, winklig und von fünf- bis sechsstöckigen Häusern einge¬ 
schlossen, wodurch der Durchzug der Luft verhindert und das directe Sonnen¬ 
licht in erheblichem Grad ausgeschlossen wird. Der hauptsächlichste Vorschlag 
der Commission geht nun dahin, zwei breite Strassen anzulegen, welohe die Stadt 
in der Diagonale durchkreuzen sollen. Durch diese Maassnahme soll in das 
Innere der Stadt Luft und Licht zugeführt, und eine grosse Anzahl der in sani¬ 
tärer Hinsicht schlechtesten Wohnhäuser abgelegt werden. 

Bezüglich der Wasserversorgung von Toulon hat die Commission folgende 
Ausstellungen gemacht. Aus mehreren Quellen wird Wasser zugeführt, welches 
nach einer sorgfältig ausgeführlen Analyse als ein gutes Trinkwasser zu erachten 
ist. DieWasserleitung steht jedoch nicht unter Druck, weshalb das Wasser nicht 
in die Wohnhäuser geleitet werden kann, und mehrere Staditheile von der Wasser¬ 
leitung ganz ausgeschlossen bleiben. Diese letzteren sind daher mit ihrer Wasser¬ 
versorgung auf locale, verunreinigte Schachtbrunnen angewiesen. Die städtischen 
Behörden sind bereits in Verhandlungen zur Herstellung einer ausreichenden 
Wasserzufuhr eingetrelen, die Commission erachtet es indess für unerlässlich, 
gleichzeitig die verunreinigten Schachtbrunnen zu schliessen. 

Den jetzigen Zustand der Abfuhr bezeichnet die Commission als einen völlig 
unhaltbaren, da fast überall noch Senkgruben angetroffen würden, und ausserdem 
in der dortigen Bevölkerung die primitive Sitte bestände, die Hausabfälle und 
andere überflüssige Dinge einfach auf die Strasse zu werfen. Die Commission 
erachtete die Herstellung einer allgemeinen Canalisation für unbedingt noth- 
wendig und machte nach dieser Richtung hin den örtlichen Verhältnissen ent¬ 
sprechende detaillirte Vorschläge. Sie erwog endlich auch die finanzielle Seite 
der Frage und berechnete die Gesammtkosten des Unternehmeos auf annähernd 
14 Millionen Mark, welche, insoweit sie die Leistungsfähigkeit der Stadt über¬ 
stiegen. von dem Staate getragen weiden müssten. Ebertz-Weilbur^. 


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b) Gerichtliche Medicin and forensische fasaistik. 

§ie beste Hethede der lierlehtMg. Die gerichtlich-medicinische Gesell¬ 
schaft zu Newyork hatte sich nach dem Sanitary Record in einer ihrer letzten 
Versammlungen mit dieser Frage beschäftigt. Nachdem darauf hingewiesen wor¬ 
den war, dass in den civilisirten Staaten die mit Todesstrafe bedrohten Ver¬ 
brechen abgenommen hätten, wurde weiter betont, dass der Staat bei der Fest¬ 
setzung der Strafen kein Recht habe, eine Wiedervergeltung auszuüben, sondern 
dass die Strafen nur den Zweck haben sollten, Andere von der Begehung von 
Strafen abznhalten. Mit Bezugnahme auf einen in der Verfassung der Ver¬ 
einigten Staaten enthaltenen Grundsatz, dass nämlich „grausame und unge¬ 
wöhnliche Strafen nicht verhängt werden sollen“, wurde das Erhängen als eine 
grausame und dem Geist der Civilisation widersprechende Strafe verworfen. 

Zur Ausführung der Todesstrafe wurden anstatt des Todes durch den 
Strang folgende Methoden empfohlen: a) Tödtung durch den elektrischen Strom; 
b) Tödtung durch hypodermatische Injeotion von Gift; c) Tödtung durch Ein¬ 
führung von Kohlensäure in die von dem verurtheilten Verbrecher bewohnte Ge¬ 
fängniszelle. 

Der letzteren Methode wurde vor den beiden anderen der Vorzug gegeben. 

Unter allen Umständen sollten öffentliche Hinrichtungen vermieden, und 
strenge Anordnungen getroffen werden, dass Mitteilungen über die Vorgänge 
bei Executionen ferner nicht mehr durch die Presse veröffentlicht werden dürften. 
Die Leichen Hingerichteter sollten ohne Ausnahme anatomischen Anstalten zu 
wissenschaftlichen Zwecken übergeben werden. Ebertz- Weilburg. 


Eine neue LaageaatheMprebe der Neagebarenen aaf velaaietriseheai Wege. Von 

Dr. H. Bernheim. D. med. Wochenschr. 1889 No. 43. 


Das Instrument, welches Bornheim neuerdings für die Lungenathemprobe 
empfiehlt, ist ein auf volametrischem Princip beruhender Dichtigkeitsmesser und 
besteht aus einem Recipienten, welcher in seiner aufrechten Stellung 100 ccm 
Wasser (oder ein ähnliches bestimmtes Quantum) fasst und an der Seite eine mit 
eingeschliffenem Glasstöpsel verschliessbare Oeffnung trägt. Oben läuft dieser 
ballonartige Recipient in eine Glasröhre aus, welche an ihrem Ende ebenfalls 
mittels eines luftdicht schliessenden Glasstöpsels verschlossen ist. Diese Röhre 
trägt eine genaue Scala, eingetheilt in zehntel Cubikcentimeter. 

Ist der Apparat in aufrechter Stellung mit Wasser genau bis zum Fuss- 
punkt der Scala gefüllt worden, so wird er demnächst so gelegt, dass die Scala 
horizontal liegt. So füllt sich die Röhre theilweise mit Wasser, welches sie dem 
Recipienten entnimmt, so dass in letzterem Platz gemacht wird für ein zu unter¬ 
suchendes Lungenslück. Dasselbe kann man sich mit Scbeore oder Messer in 
solchen Dimensionen zuschneiden, dass man es durch die seitliche (in horizon¬ 
taler Lage, obere) Oeffnung des Reoipienteu bequem einführen kann; dieses 
Lungenstäckchen hat man sich vorher auf der Waage, die ja bei jeder Kinder- 
section zur Stelle sein muss, gewogen und das Gewicht notirt. Am besten nimmt 
man Stücke von ca. 2—4 g Gewicht. 


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Kleinere Mitthoilungeu, Referate, Literaturnotizen. 


Jetzt nimmt man, immer bei horizontaler Haltung, den Stöpsel von der Oeff- 
nung des Recipicnten, wirft das Lungenstiickchen hinein und setzt den Stöpsel 
fest wieder auf. Nun wird wieder eine Rückdrehung um 90 u gemacht und das 
Instrument wieder wie vorhin auf den Tisch gestellt. Das Wasser aus der Röhre 
läuft jetzt wieder zurück in den Recipienten: aber in diesem befindet sich jetzt 
das Lungenstück, welches einen seinem Gewichte entsprechenden Theil des 
Wassers verdrängt. Infolge dessen steht jetzt das Wasser in der Röhro oberhalb 
des Fusspunktes 100, und man notirt sich die an der Scala abgelesene Höbe 
dieses Standpunktes, welche in Cubikcentimetern das Volum der verdrängten 
Wassermonge angiebt. Ist das Lungengewicht a, das Volum des verdrängten 
Wassers b, so ist (da 1 ccm Wasser ohne wesentlichen Fehler = 1 g Wasser ge- 

a 

setzt werden kann) das specifische Gewicht der Lunge == —. 

b 

Vf. hat nach dieser Methode das spec. Gewicht der fötalen und der ge- 
athmet habenden Lunge der Neugeborenen in einer grossen Zahl von absolut 
sicheren Fällen untersucht und für beide Arten je eine ganz constante Grösste ge¬ 
funden. Eine neugeborene Lunge nämlich, die geathmet hat, und wenn es nur 
die kürzeste Zeit war, hat ein geringes specifisches Gewicht, infolge dessen sie 
ja auch bekanntlich schwimmt, nämlich 0,8. Die fötale Lunge, die in Wasser 
untersinkt, also schwerer ist als dieses, hat auch dementsprechend ein höheres 
specifisches Gewicht als Wasser nämlich 1.1; sie entspricht auch hierin, wie in 
ihrem Aussehen, der Leber und dem Muskelileisch (deren specifisches Gewicht 
1,147 resp. 1,15 ist). 

Diese Grössen sind so constant, dass man bei einer Lunge, deren speci¬ 
fisches Gewicht 0,8, also kleiner als 1 (Wasser) ist, mit forensischer Sicherheit 
das Gelebthaben des Kindes, bei einem specifischen Gewicht grösser als Wasser, 
also 1,1, das Gegentheil unbesorgt behaupten kann. 

Natürlich darf man bei faulem Material, gerade wie bei der Schwimm- 
prole, nicht die Vorsichtsmaassregel, etwaige subpleurale Gasblasen anzustechen, 
unterlassen. Bei partieller Atelektase muss man die verdächtigen Stellen be¬ 
sonders herausschneiden und untersuchen. .ch. 


Acute Myelitis naeh Misshandlungen. Von Hofrath H. v. ßamberger und Hof¬ 
rath E. v. Hofmann. Facultäts-Gutachten. Wiener klinische Wochenschr. 
1889. 

Es handelte sich um einen 19 jährigen Knecht B., der am 80. October v. J. 
von mehreren jungen Burschen, namentlich von den 14- und 16jährigen Brüdern 
H. misshandelt worden war. Die Misshandlungen bestanden in Fusstritten in der 
Magengegend, auf die Brust, in die Rippengegend. Am anderen Tage konnte der 
Verletzte wieder arbeiten. Die Neckereien begannen von Neuem. Er wurde am 
Halse gefasst und zu Boden geworfen, wobei B. mit dem Kreuze auf die Kante 
eines Brettes fiel und späterhin noch 2 Hiebe auf das Kreuz erhielt. Am 1. No¬ 
vember muss B. wegen heftiger Schmerzen das Bett hüten. Er klagte über 
Schmerzen in der Magengegend; hier und am linken Unterschenkel fand sich eine 
Sugillation, die Klagen über Schmerzen in der Magengegend, im Unterleib und 
in den Hüftgelenkeu. 


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Kleinere Mittheilungen, Referate, Literaturnotizen. 


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Am 4. November wegen Retentio urinae Katheterisation. Rothgelber Urin. 
Zunge belegt. Temperatur normal. Atn 7. Novembor schlotterten bei Gehver¬ 
suchen die Füsse; Unvermögen zu stehen. Blutegel auf dem Bücken und Ein¬ 
reibungen von Ung. einer. Atn 8. November unregelmässiger Athem, zusammen¬ 
ziehende Schmerzen im Halse, in der Brust- und Magengegend, sowie entlang 
der Wirbelsäule. Collapsus bei kleinem Pulse (00). 

Am 11. November. Pat. vermag mit Unterstützung unter Schmerzen einige 
Schritte zu thun. Anfallsweise krampfhafte Schmerzen bis zum 19. November. 
Am 19. November. Auch die Schmerzen entlang der Wirbelsäule geringer. Das 
Gehen bessert sich immer mehr. Am 27. November Allgemeinbefinden befriedi¬ 
gend. Am 3 December kräftigeres Aussehen. Nur Lendenwirbelsäule gegen 
Druck noch etwas empfindlich. 

Gerichtsärztlich wurde B. erst am 14. December in K. untersucht, wohin 
er per Wagen gekommen war. Der Befund ergab beim leisen Drücken in der 
Gegend der unteren Brust- und oberen Lendenwirbel auffallende Schmerzhaftig¬ 
keit, Sensibilität, Tastsinn und Temperatur normal, Händedruck links etwas 
schwächer. Vor der Verletzung soll B. sehr still und zurückgezogen gewesen 
und deshalb von anderen Burschen gehänselt worden sein. 

ln der abermaligen gerichtsärztlichen Untersuchung am 18. Februar war 
der Ernährungszustand besser geworden, die Empfindlichkeit der Wirbelsäule 
gegen Druck ist nicht mehr vorhanden. Sicherer Gang auch bei geschlossenen 
Augen. Die Gericbtsärzte nahmen keine Affection des Rückenmarks an, weil die 
betreffenden Krankheitserscheinungen nicht sogleich nach der Misshandlung, son¬ 
dern eist 3 bis 5 Tage später aufgetreten seien. 

Am meisten habe der Syraptomencomplex eine gewisse Aehnlichkeit mit 
jenem Nervenleiden, das man „Nervenschwäche“ (Neurasthenie, Spinalirritation) 
nenne. Da diese auch durch andere, nicht immer nachweisbare Ursachen bedingt 
sein können, so Hesse sich nicht einmal mit Wahrscheinlichkeit behaupten, dass 
die Krankheit in ursächlichem Zusammenhänge mit der Misshandlung stehe. Die 
Rathskammer des K. K. Kreisgerichtes beschloss hierauf die Einholung des Gut¬ 
achtens der medicinischen Fakultät. 


Gutachten. 

Es ist unzweifelhaft, dass bei B. im Beginn seiner Erkrankung zwei¬ 
fellose Lähmungserscheinungen an der uuteren Körperhälfte bestanden, von 
denen einzelne schon in der ersten Woche zurückgingen, andere in abnehmendem 
Grade fast durch einen Monat sioh nachweisen Hessen. Zu den ersteren gehören 
die 30ständige Harnverhaltung mit 3tägiger Trägheit der Harnverhaltung, zu 
letzteren die Unfähigkeit, sich auf den Füssen zu halten, das Schlottern und 
Zittern der Füsse bei mit Unterstützung gemachten Gehversuchen und das Nach¬ 
schleppen der Füsse, besonders des linken. Ausserdem zeigten sich die längere 
Zeit anhaltende Empfindlichkeit des Bauches und der Wirbelsäule gegen Druck, 
ferner die auffällige Erhöhung der sog. Reflexerregbarkeit, die sich einerseits 
durch das Auftreten eigentümlicher Krampfanfälle äusserten, theils durch Druck 
auf die empfindliche Wirbelsäule ausgelöst wurden. Weiter waren heftige spon¬ 
tane Schmerzen in der Magengegend, des ganzen Unterleibes und in den Hüft- 
gegenden vorhanden, sowie auch allgemeines Unwohlsein, schlechtes Aussehen, 


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Kleinere Mittheilungen. Referate, Literaturnotizen. 


Schwäche, unregelmässiger Puls, Respirationskrämpfe und Ohnmachtsanwand¬ 
lungen, Symptome, die erst allmälig verschwanden, so dass Pat. erst am 3. De- 
cember ein frischeres Aussehen darbot. 

Dieser Complex von Krankheitserscheinungen kann nur auf Myelitis be¬ 
zogen werden, die wahrscheinlich die mittlere und untere Partie des Rücken¬ 
markes betraf, ln Anbetracht des unvollständigen und partiellen Charakters der 
Lähmungserscheinungen, sowie des verhältnissmässig raschen Znrückgehons der¬ 
selben und der verhältnissmässig kurzen Dauer der ganzen Krankheit lässt sich 
annehmen, dass nur eine umschriebene und nicht sehr ausgedehnte 
Stelle des Rückenmarks ergriffen gewesen sei. Mit dieser Diagnose 
stimmen auch die Angaben der behandelnden und Gerichtsärzle überein, welche 
dahin gehen, dass sie den Eindruck einer vorliegenden Rückenmarksaffection er¬ 
halten haben. 

Bedenkt man, dass die Misshandlungen, welche B. erlitten hat, solche waren, 
dass eine Betheiligung des Rückenmarks dabei vollständig verständlich erscheint, 
dass insbesondere ein Theil derselben thatsächlich den Rücken getroffen hatte, 
dass ferner für die Intensität dieser Qewalteinwirkungen die ganz auffälligen 
Sporen derselben (streifenförmige Sugillation am Bauche, eine schmerzhafte 
Schwellung des linken Ellenbogens, ii.sbesondere eine schmerzhafte Röthung und 
Schwellung der hinteren unteren Brustgegend und der ganzen Lendengegend) 
sprechen, so ist es klar, dass die Rückenmarkserkrankung thatsächlich duroh jene 
Gewalteinwirkungen veranlasst worden ist. Der Umstand, dass die Lähmnngs- 
erscheinungen nicht sofort nach den Misshandlungen auflraten, spricht nicht 
gegen den ursächlichen Zusammenhang dieser mit jenen, da wahrscheinlich nur 
eine minimale, vielleicht nur in einer odor mehreren kleinen Blutaustritten be¬ 
stehende Rückenmarksbeschädigung stattfand, und weil die Lähmungssymptome 
zunächst nicht sowohl durch diese, sondern dnrch die erst mit ihr entstandenen 
entzündlichen Veränderungen an der verletzten Stelle veranlasst worden sind, 
deren Ausbildung einige Zeit erforderte. 

Von den Misshandlungen könnte am ersten das am 30. October geschehene 
Niedergeworfenwerden auf die Erde und auf den Rücken ätiologisoh in Betracht 
kommen. Da B. aber weder an diesem Tage, Doch am nächsten Vormittage sich 
unwohl fühlte, so ist es unwahrscheinlich, dass dieses Niederwerfen das Rücken¬ 
marksleiden veranlasst hat. Die verschiedenen am 31. October erlittenen Ge¬ 
walteinwirkungen (Fallen mit dem Kreuze auf die Kante eines Brettes, Hiebe 
theils mit einer Mistgabel, theils mit einer Holzschaufel auf den Rücken) waren 
dagegen genügend, die betreffende Beschädigung des Rückenmarks zu veranlassen. 
Unmöglich lässt sich aber entscheiden, welche derselben die Beschädigung wirk¬ 
lich veranlasst hat. 

Die erzeugte Krankheit muss im Sinne des § 152 St.-G.-B.’s für eine 
schwere Verletzung erklärt werden. Elbg. 


Post-morten sueating (Sehweissabseaderaag nach den Tode). Von John 
A. Cones. The Lancet. 25. Mai 1889. 


Ein Mann von 42 Jahren, welcher 9 Monate an Albuminurie gelitten, wurde 
plötzlich von urämischem Coma und linksseitiger Hemiplegie befallen. Zugleich 


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Kleinere Mittheilungen, Referate, Literaturnotizen. 


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stieg bald darauf die bisher immer normal gewesene Temperatur und erschien 
eine profuse Schweisssecretion des ganzen Körpers, welche ohne Unterbrechung 
bis zu dem nach einigen Tagen erfolgten Tode fortdauerte. 

16 Stunden nach demselben bemerkte man neben den bekannten Lirores die 
Leinewandstücke. auf welchen die Leiche lag, von Schweiss stark durchnässt und 
die Haut nass und klebrig. Dieser Zustand dauerte noch 8 Stunden an. 

Wie C meint, hat diese Erscheinung ihren Grund darin, dass, da mit dem 
Tode die profnse Schweisssecretion sistirte, die Glandulae sndoriferae und die 
dieselben umgebenden Lymphränme noch eine grössere Menge Flüssigkeit ent¬ 
hielten , nnd dass diese durch den Eintritt der Todtenstarre mechanisch ausge¬ 
presst wurde. Pauli (Cöln). 


Bia Mssergewöhalleher Ball ren Selbitaerd mittelst Hessen. Von M. Laugier. 

Annales d’hygiöne publique et de mödecine legale, Mai 1889. 

Verf. fand bei der Obduction der Leiche einer 63 jährigen geisteskranken 
Selbstmörderin im Ganzen nicht weniger als 145 mit einem scharfschneidenden 
Instrumente hervorgebrachte Verletzungen. Das benutzte Messer hatte eine 26 cm 
lange Klinge. Von den qu. Verletzungen waren 122 oberflächlich, 17 ein bis 
vier Centimeter tief; von den übrigen, welche mit grosser Kraft beigebracht 
waren, fand sich eine am Halse, woselbst sie bis zur Wirbelsäule sich erstreckte, 
während die übrigen 5 in der Nabelgegend sich vorfanden und dort 7 Darm¬ 
schlingen verletzt hatten. Nach der Lage der Wunden war anzunehmen, dass 
die Geisteskranke nach vergeblichem Versuche, die Art. temporales, radiales und 
cnbitales zu durchsohneiden, sich zunächst Stiche in das Herz und die Lungen 
beizubringen suchte, dann die Bauchwunden und schliesslich die Wunden am 
Halse sich applicirte. Flatten (Köln). 


c) Psychopathologie, Nenropathologie. 

laadbieh der Irreohellkaode. Von Dr. Friedrich Scholz. Leipzig, Ed. 

H. Mayer (Einhorn & Jäger) 1890. 184 Ss. 

Der in weiten Kreisen vortheilhaft bekannte Direcior der Kranken- und 
Irrenanstalt zu Bremen hat auf knappem Raum ein Werk gesohaffen, welches 
hauptsächlich jenen Aerzten und Studirenden dienen soll, deren Specialität die 
Phychiatrie nicht ist. säber auch für die der Irrenheilkunde Beflissenen wird es 
eine bei vielen Gelegenheiten erwünsohte passende Hülfe zu Recapitulationen und 
zur Einführung in umfangreiche Handbücher darbieten. 

Erfüllt von der Wichtigkeit seines Gegenstandes: der Bedeutung, welche 
der Psychiatrie nicht blos als Heilwissenschaft für den Einzelnen, sondern als 
Socialwissenschaft für die Gesellschaft als Ganzes gebührt — kennzeichnet der 
Verfasser selbst sein Streben, mit möglichster Vollständigkeit eine gedeihliche 
Kürze za verbinden; er benutzt als hauptsächlichstes Mittel, diesem Ziel gerecht 
zu werden, die erprobte Methode, nur Thatsacben zu bringen und allem speou- 


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Kleinere Mittheilungen, Referate, Literaturnotizon. 


lativen Wesen und Formomschmuck zu entsagen. Auf diese Weise gelingt es ihm, 
in den ersten drei Abschnitten die psychischen Elementarstörungen, — die kör¬ 
perlichen Klementarstörungan und Begleiterscheinungen, sowie die Ursachen des 
Irreseins zu bewältigen und den grössten Theil seines Raumes fiir „die einzelnen 
Irreseinsformen“ zur Verfügung zu behalten. Diese werden in den Hauptabschnit¬ 
ten „Entwicklungshemmungen“ — eigentliche „Psychoneurosen“ — „mit cen¬ 
tralen Neurosen verbundene Geisteskrankheiten“ — „Vergiftungspsychosen“ — 
und „Organische Geisteskrankheiten“ abgehandelt. Der Schlussabschnitt bringt 
dio Lehren der allgemeinen Diagnostik und Therapie in sehr übersichtlicher Dar¬ 
stellung. Bereits nach diesen wenigen Fingerzeigen wird man sich gern derVer- 
muthung zunoigen, dass des Verfassers schwieriger Versuch ein wohlgelungener 
ist und diese Vormuthung beim Durcharbeiten des Buches bestätigt finden. 

.ch. 


Der bekannte Irrenarzt Dr. Savage theilt im Journal of Mental. Science, 
1886, 3 Fälle von im Zustand von Trunkenheit begangenen Verbrechen mit, die 
sehr verschieden beurtheilt wurden. 

1. James Willians tödtete seine junge, 1 6jährige Schwester, die zusammen 
wohnten und ein gemeinschaftliches Zimmer hatten. Als er in trunkenem Zu¬ 
stande Nachts nach Hause kam, wechselte er einige unbedeutende Worte mit der¬ 
selben , ging dann in den Hof und kam sogleich zurück ins gemeinschaftliche 
Zimmer. Er nimmt das geladene Gewehr aus einer Ecke, und ohne zu visiren, 
entladet sich dasselbe zufällig und tödtet das Kind auf der Stelle in seinem Bett. 
Er gesteht die Absicht gehabt zu haben, seinen Vater, seine Schwester und sich 
selbst zu tödten. Seine Schwester hätte Umgang mit einem Soldaten, und ver¬ 
diente den Tod. Der Anwalt des Angeklagten gab an, dass derselbe schon früher 
Selbstmordgedanken gehabt habe. Im Gefängniss zeigte er keine Spur geistiger 
Störung. Savage erklärte ihn für einen Schwachsinnigen, der durch Genuss 
von Spirituosen sehr leicht aufgeregt wird. Der Vertheidiger suchte nachzuwei¬ 
sen, dass J. W. im Augenblick der That nicht wusste, was er that, und keine 
Absicht zu tödten zu erweisen wäre. Der Staatsanwalt beantragte die Strafe des 
Todtschlages, da keine Geistesstörung anzunehmen wäre, und wurde der Ange¬ 
klagte zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurtheilt. 

2. Esther B., eine Gowohnheitstrinkerin, tödtete ihren 9 Monate alten 
Sohn, den sie zärtlich lieble. Sie benutzte die Zeit, als ihre Familie sie ver¬ 
lassen hatte, um denselben aus dem Fenster zu werfen. Seit mehreren Tagen 
war sie von der Idee beherrscht, dass man ihr das Kind rauben wollte. 

Sio behauptete später, dass sie zu dem Mord getrieben sei, um das Kind 
unter die Engel zu versetzen. Esther wurde fteigesprocfcen und im Asyl für ver¬ 
brecherische Irre untergebracht. Obgleich diese Frau unter dem Einfluss eines alko¬ 
holischen Deliriums bandelte, wurde diese wichtige Thatsache am Gericht ver¬ 
schwiegen, und nur die Frage der Geistesstörung den Richtern vorgelegt. 

3. Joseph Baines, Trunkenbold, stellte seiner Frau nach, die einige Zeit 
von ihm getrennt war. Zum Weihnachtsfest hatte er sich stark berauscht und am 
folgenden Tage tödtete er seine Frau, die er bei einem Nachbar fand, mit dem 
Messer. Die entsetzlichen Wunden drangen 4 Zoll ein. Er gestand die Absicht 
ein, seine Frau (wegen ehelicher Untreue) zu tödten. 


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Kleinere MiuHeilungen, Referate, Literaturnotizen. 


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Seit mehreren Tagen hatte er Wahnideen, die sich auf seine Frau bezogen, 
auch erklärten die Zeugen, dass er vor der That sehr aufgeregt erschienen wäre, 
indem er sich mit einem Stock schlug und sich den Kopf durch Stoss an der 
Mauer verletzte. B. wurde von den Geschworenen zum Tode verurtheilt. obgleich 
das Kesume des Richters ihm günstig war. 

[Dr. Savage bemerkt, dass die Rechtswissenschaft noch sehr schwankt in 
den Fällen, wo der Genuss der Spirituosen eine Rolle spielt. Im letzten Fall, 
wo der Richter erklärt hatte, dass der acute Alkoholismus als ein Milderungs¬ 
grund (excuse) anzusehen sei, wurde von der Jury die Todesstrafe ausgesprochen. 
Im zweiten Fall fand die Mörderin in einem AsylAufnahme, ohne dass an den Ein¬ 
fluss des Alkohols gedacht wurde, und im ersten Fall erlitt der Verbrecher eine 
verhältnissmässig geringe Strafe. Er hätte entweder hingerichtet, oder in einer 
Anstalt untergebracht werden müssen.] Kelp (Oldenburg). 


The American Journal of Insanity, 1888, Juli, enthält 3 interessante Beob¬ 
achtungen von späteren Genesungen bei Geistesstörungen. 

1. Eine 35jährige Frau, hereditär belastet, wurde 1867 wegen remitti- 
render Manie, die periodisch zur Zeit der Menses sich verschlimmert, aufge¬ 
nommen. Sie wurde 1884 nach 17jährigem Aufenthalt in der Anstalt als völlig 
geheilt entlassen. 

2. Ein 33jähriger Mann, hereditär belastet, 1868 aufgenommen, litt an 
Melancholie mit Wahnideen. Eine temporäre Besserung trat stets bei Zunahme 
der Tuberculose ein. Er wurde geheilt entlassen 1887 nach einem 19jährigen 
Aufenthalt in der Anstalt. 

3. Eine 50jährige Frau, 1870 aufgenommen, au Melancholie mit Halluci- 
nation und Trieb zum Selbstmord leidend, ward 1884 nach 14jährigem Aufent¬ 
halt als geheilt entlassen, und hat auch nachher keine Zeichen der Krankheit 
manifestirt. 

Die Fälle sind beobachtet von Dr. Campbell in der Anstalt zu Carlislc. 

Solche späte Genesungen sind auch in Deutschland und anderswo beob¬ 
achtet, betrafen ähnliche an chronischer Melancholie und Aufregungszusländen 
Leidende! Hatte sich Dementia ausgebildet, so bestand Unheilbarkeit, wenn sie 
bereits mehrere Jahre gedauert hatte. Kelp (Oldenburg). 


lie Erkraakiagea aach Eiseahahaanfällea. Von Dr. Charcot. Annales d’hy- 
giene publ. et de m&L Iög. Februar 1889. 


Unter Bezugnahme auf einen unlängst beobachteten Fall betont Ch. die 
nach Eisenbahnunfällen dem sonstigen Bilde der traumatischen Neurose sich zu¬ 
gesellende Amnesie und im Anschluss daran die Mahnung, sich in derartigen 
Fällen nicht auf die Angaben der Kranken zu verlassen, da diese ihre Kennt¬ 
nisse, betr. den Unfall, häufig nur der Mittheilung von Augenzeugen verdanken. 
Für den von ihm vorgeführten Kranken zieht Verf. die Bezeichnung „trauma¬ 
tische Neurasthenie* 4 vor, findet die Benennung als Railway-Brain, Railway- 
Spine weniger zweckmässig; die Krankheit steht auf gleicher Stufe mit den als 

Viari«ljfthrs*ehr. f. % er. If*d. N. F. UI. t. 13 


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Kleinere Mittheilungen. Referate. Literaturnotizen. 


Nervous Shook, Schrecklähmung beschriebenen. Den Zustand des Gehirns findet 
Ch. äusserst ähnlich demjenigen während der Hypnose und die Patienten jeg¬ 
licher Art von Autosuggestion zugänglicher als in der Norm. 


Die tiefftkree de» Hypnethaius. Von Dr. Gilles de la Tourette. Ibid. 

S. 162. 

Verf. bespricht die aus der unbehinderten Ausübung des Hypnotismus ent¬ 
stehenden persönlichen und socialen Schäden. Auf Grund seines Vortrages 
fasste die Societe de medecine legale en France eine Resolution, in der sie die 
öffentlichen Aufführungen der Magnetiseure als unzulässig bezeichnet und ein 
gesetzliches Verbot derselben für zweckmässig erachtet. Flatten (Cöln). 


Allgeneine Paralyse and Körpervorletiang. Von Dr. F. Villard. Ibid. S. 406. 

Verf. berichtet über einen 45 Jahre alten Mann, der stets ein brutales hef- 
tigesWesen an den Tag gelegt, sonst aber nichts Aussergewöhnliches jemals dar¬ 
geboten hatte, bis er vor einigen Monaten anfing, unpünktlich bei der Arbeit zu 
werden und sich dem Trünke zu ergeben. Abends betrat derselbe ein Zimmer, 
in welchem er Bekannte antraf und sich mit diesen unterhielt. Plötzlich, ohne 
jede bekannte Ursache, ergreift er ein Messer und bringt einem neben ihm 
sitzenden Arbeiter eine tiefe Kopfwunde, einem diesem Hülfe leistenden Kame¬ 
raden eine tiefe Vorderarmwunde bei. worauf es gelang, ihn dingfest zu machen. 
Nach etwa l 3 / 4 Jahren starb er als Paralytiker in einer Irrenanstalt, welcher er 
gleich nach der qu. That überwiesen werden musste. Flatten (Cöln). 


d) Toiicelogisches; Berufskrankheiten und deren Verbeuguugg- 

■aassregeln» 

Arsenik in Haushalt. Das Octoberheft 1888 der Chemical News enthielt 
einen Aufsatz von A. W. Stokes über das häufige Vorkommen von Arsenik im 
Haushalt, aus welchem wir nachfolgende Einzelheiten entnehmen. Stokes hatte 
sowohl im Aufträge von grösseren Firmen, als auch von Privatpersonen mehr als 
hundert Proben von damals modernem Indischen Muslin und Cretonnes unter¬ 
sucht. Die qualitative Analyse wurde nach Marsh vorgenommen, und nur solche 
Proben wurden als arsenikhaltig bezeichnet, bei welchen die Reaction innerhalb 
5 Minuten eingetreten war. Einzelne Proben waren auch quantitativ untersucht 
worden, und der höchste Arsengehalt betrug 2'/ 1(l Gran auf eine Quadratelle. 
Bei den rothen und grünlich-braunen Terra-Cotta-Farben war am häufigsten 
Arsenik gefunden worden. 

Zur Entscheidung der Frage, ob diese Stoffe Arsenikdämpfe abgeben können, 
brachte Stokes 300 Quadratzoll der arsenikhaltigen Muselins und Cretonnes in 
eine ä'/j Fuss lange und B / 4 Zoll im Durchmesser haltende Glasröhre und leitete 


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Kleinere Mittheilungen, Referate, Literalurnotizen. 


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6 Standen lang Lnft mit Zimmertemperatur durch dieselbe. Das Resultat war 
ein negatives und blieb auch dasselbe, als die Glasröhre 6 Stunden lang einer 
Temperatur von 100 0 P. (Blutwätme) ausgesetzt worden war. Und doch waren 
6—8 Arbeiterinnen, welobe längere Zeit mit diesen Stoffen beschäftigt waren, 
an Symptomen erkrankt, welche auf die Diagnose der chronischen Arsenik¬ 
vergiftung führten, und die von dem behandelnden Arzte zur Analyse über¬ 
gebenen Stoffproben waren denn auch ziemlich stark arsenikhaltig. 

Stokes untersuchte darauf 30 andere im Haushalt vorkommende Artikel, 
fand aber nur bei einer grüngefärbten Matte aus Flachs und bei dem grünen 
Ueberzug einer Schachtel geringen Arsengehalt. 

Ungünstiger war das Verhältniss der untersuchten Tapeten, von welchen 
10 pCt. Arsen enthielten. 

Wenn auch Erkrankungen, welche auf den Gebrauch solcher Stoffe im Haus¬ 
halt, oder auf die Beschäftigung mit denselben zurückgeführt werden können, 
äusserst selten sind, so ist doch Stokes der Meinung, dass in England der Ar¬ 
senik von der Fabrikation uud der Färbung dieser und anderer Artikel gesetzlich 
ausgeschlossen werden müsse, wie dies in anderen Staaten längst geschehen sei. 

Ebertz (Weilburg). 


Ela fall vaa Selbstvergiftaag mit Kaliamblehra mat. Von Dr. Klimesch. Wiener 
klinische Wochenschr. 1889. S. 733. 

Ein 43jähriger Tischler, welcher 2—3Grm. Kal. bichromat. zerrieben und 
ohne Nachspülen mit Wasser eingenommen hatte, erkrankte unter den Anzeichen 
einer toxischen Gastritis mit Dyspnoe, Kopfschmerz. Schwindel, Oligurie, Milz¬ 
tumor und den Beschwerden diffuser Verätzung der Mundschleimhaut. Er starb 
am 10. Tage nach der Vergiftung. Die Section ergab Lungenbämorrhagien, 
Schleimhautblutungen und die Zeichen einer frischen Nephritis neben alten 
Nierenveränderungen. Die Fäces waren (intra vitam) frei von Harnstoff und 
Chrom, enthielten 0.1247 pCt. Ammoncarbonat. Dagegen war Chrom im Harn in 
nicht unbedeutender Menge am ersten Tage der Erkrankung, nur noch spurweise 
am zweiten Tage nachweisbar. Am zweiten Tago wurden auch Albumen und 
granulirte Cylinder nachgewiesen, nicht aber Harnsäure. Wenn der letztgedachte 
Befund in Anbetracht des älteren Nierenleidens nur mit grosser Reserve auf die 
Einführung des Chroms zu beziehen ist. so illustrirt der vorliegende Fall doch in 
klarster Weise die schnelle Ausscheidung desselben aus dem Organismus. 

Platten (Cöln). 


Ein Fall von acuter Antifebrinvergiftung wurde von Dr. Marenchaux 
(Deutsche med. Wochenschrift, S. 885) mitgetheilt: Faul H., 5 Monate alt, 
litt seit einigen Tagen an Darmcatarrh. Am 19. August verordnete M. Calomel 
0,01, 3stündlich ein halbes Pulver zu geben. Durch ein Versehen wurde ver¬ 
abfolgt: Antipyrin 0,5, Calomel 0,05, Sach. 0,05. Von letzterem Pulver wurde 
dem Kinde früh 2 8 Uhr die Hälfte des Antifebrin, 0.25. eingegeben. Naoh 
Aeusserung der Mutter wurde das Kind um 10 Uhr, nach 2'/ a Stunden, überden 
ganzen Körper blau, verdrehte die Augen und lag wie bewusstlos da. 

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Kleinere Mittheilungen, Referate, Literaturnotizen. 


Nachmiltags 2 L’hr loi es folgendes Bild: Hochgradige Cyanose über den 
ganzen Körper, tiefe Blaufärbung der Lippen, Kälte der Nasenspitze, der Ohren, 
der Hände und Küsse. Die Augen waren halb geöffnet, nach oben gerollt, Pu¬ 
pille mittel weit, ohne Ueaction auf Lichtfall. Athrnung beschleunigt, 72 Athem- 
züge in der Minute. Puls äusserst klein und schnell, IGO Schläge in der Minute. 
Haut kalt, leichter kalter klebriger Schweiss. 

Zunge grau belegt, feucht. Zuweilen leises, ganz heiseres Wimmern. M. 
verordnete Ungarwein, stündlich einen TheelöfTel voll, um der drohenden Herz- 
liihmung vorzubeugen; ausserdem eine feuchte Einwickelung des ganzen Körpers 
und Einhüllen in eine wollene Decke zur Hebung der Hautturgors und Schweiss- 
beförderung. Nach 8 Stunden lag das Kind in profusem Schweiss. Die Haut 
fühlte sich warm an, der Puls war wieder etwas kräftiger, aber die Frequenz 
unverändert. Die Augen waren etwas geschlossen, die Pupillen reagirten träge 
auf Lichtschein. Gehör und Sehorgan schienen nicht gelitten zu haben. Die 
Temperatur, in der Leistenbeuge gemessen, betrug 37,2® C. Der Wein wurde 
fortgegeben. Abends war bedeutende Besserung eingetreten; leichter Schweiss, 
Abnahme der Cyanose, reichliche Entleerung dünnen, grün gefärbten, aashaft 
stinkenden Stuhls (Calomel). 

Keine Urinretention, kein Erbrechen. Die Besserung schritt rasch vorwärts. 
Nach Verabreichung von Gerstenschleim waren auch die Stuhlgänge wieder von 
normaler Beschaffenheit. Irgend eine Intoxicationserscheinung ist nicht zurück¬ 
geblieben. Kelp (Oldenburg). 


§ie Kernentintoxiefttion und deren Beziehung zur Sublimat- und Leuehtgasver- 
giftung» Von Dr. W. Hencke. In der Festschrift zur Feier von A. v. Zenker’s 
Jubiläum. 1887. 

Unter Fermeutintoxication versteht man bekanntlich die Folge der Trans¬ 
fusion fremdartigen Blutes. Die charakteristischen Befunde fanden sich auch bei 
CO-Vergiftung. H. hat mikroskopisch die Wirkungen der beiden genannten Ver¬ 
giftungen verfolgt und gefunden, dass bei rasch verlaufender Sublimat¬ 
vergiftung in Lungen, Leber und in der Rindensubstanz der Nieren blutige 
Imbibition, körniger Zerfall und auch Aufnahme von Blutpigment in die Zellen 
sich nachweisen lasse. 

Bei länger dauernder Vergiftung fand sich die Leber von ausge¬ 
breiteten Extravasaten, von körnig zerfallenem Blutfarbstoff durchsetzt, wie auch 
deren Parenchym in eine körnige gelbbraune Masse ohne Kernfärbung umgewan¬ 
delt Die Milz zeigte sich wenig verändert. 

Bei der Leucbtgasvergiftung kamen in den Lungen Bezirke mit voll¬ 
gestopften Gelassen, aber auch Blutleere (Ischämie), daneben Extravasation vor. 

Die Thromben, ganz oder im Kerne weisse (fortgeschwemmte), gleich¬ 
zeitig rothe und weisse Thromben (autochthone und embolische) finden sich auch 
in der Leber, Milz, Niere, Gehirn, nicht aber im Herzen, in der Magen- und 
Darmwand, mit oder ohne gleichzeitige Extravasate; beide Vergiftungen führen 
zu Thrombenbildung im kreisenden Blute, die Sublimat Vergiftung hauptsäch- 


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Kleinere Mittheilungen, Referate, Literaturnotizen. 


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lieh zu rothen, die Leuc ht gas Vergiftung zu weissen Thromben, So erklären sich 
auch die Erweichungsherde im Gehirn nach Kohlenoxydvorgiftung. 

Aus der Transfusion ist bei beiden Vergiftungen kein Heil zu erwarten. 

Elbg. 


Eia seltener Fall ran Kahlentxyd-Verglftaag. Von Prof. M. Litten. Deutsche 
med. Wochenschr. 1889. S. 82. 

Litten stellte einen Kranken vor, welcher neunzehn Tage zuvor eine schwere 
Kohlenoxidvergiftung überstanden hatte, und bei welchem etwa 20Stunden nach 
Wiederkehr des Bewusstseins Folgendes zu constatircn war: Der rechte Arm war 
von den Fingern bis zur Schulter und diese bis zur Wirbelsäule hin durch teigig- 
sulzige. nicht ödematöse Infiltration des Unterhautzellgewebes stark geschwollen, 
einschliesslich der Schulter quoad motum et sensum total gelähmt. Dabei völliges 
Erloschenscin jeglicher Reflexe und Verlust der elektrischen Erregbarkeit vom 
Muskel und Nerven aus. Die Haut des Vorderarms und der Hand war blauroth, 
der Oberarm und die Schultergegend citronengelb. Nachdem die Schwellung am 
2. Tage noch erheblich zugenommen, nahm sie vom 3. Tage an ab. Der nicht 
eiterige Inhalt auf dem Handrücken entstandener Pemphigusblasen wurde bald 
resorbirt. Im Uebrigen trat, abgesehen von Spuren wiederkehrender Sensibilität 
und von Schmerzen in dem Gebiete der Anästhesie bis zum 19. Tage keine 
Aenderung des beschriebenen Zustandes ein. 

Indem Verf. einräumt, dass der Kranke vielleicht während des Schlafens auf 
dem rechten Arme gelegen, und bezüglich der Aetiologie vielleicht eine Druck¬ 
lähmung mit der Kohlenoxydeinwirkung concurrirte, erinnert er an einen von 
Frerichs beobachteten analogen. Fall von Infiltration der Weicbtheile nach 
KohlenoxydvergiftuDg, bei dem sich ein Erweichungsherd im gleichseitigen 
Linsenkerne fand, nachdem die Verjauchung des Infiltrats den Tod veranlasst 
hatte, und gelangt mit Rücksicht auf die Literatur der Kohlenoxydvergiftung zu der 
Annahme, dass es sich im vorliegenden Falle sehr wahrscheinlich nicht um eine 
centrale Blutung handele, wie diese besonders Klebs als Folge der durch die 
Kohlenoxydvergiftung bedingten Erweiterung und Schlängelung der Arterien be¬ 
schreibt, sondern um eine etwa in Form eines hämorrhagischen Exsudates auf¬ 
getretene Erkrankung des Plexus brachialis. Dies, woil anderen Falles mit der 
erfahrungsgemäss schon frühe beginnenden Resorption des Gohirncxtravasates oin 
erheblicher Rückgang der Symptome bemerkbar wäre. Flatten (Cöln). 


Über Naehkrankhelten der Kahleaaxydgas-Vergiftaag, speeiell über eiaea anter 
deai Bilde der ■altiplea dissearinirten Sklertse des Ceatralaerrensysteais 

verlaafeaen Fall. Deutsche medic. Wochenschr. 1889. S. 153. 

Wie Becker berichtet, wurde ein von Alkoholismus. Luos und hereditärer 
Belastnng freier, durch Leuchtgaseinathmung bewusstlos und hochgradig cyano- 
tisch gewordener 47 jähriger, sonst gesunder Arbeiter, der erst nach zweistündiger 
künstlicher Athmung wieder spontan regelmässig athmete, im Anschluss an die 
Wiederkehr der Respiration von fibrillären Zuckungen in allen Muskeln befallen, 
die nach 8 Stunden zu so heftigen Krämpfen anwuclison, dass Pat. von zwei 


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Kleinere Mittbeilungen, Referate, Literaturnotizen. 


kräftigen Wärtern gehalten werden musste; die freien Intervalle waren kurz; jede 
Beröhrnng löste neue Krämpfe aus. An der Körperhaut überall zahlreiche rosa- 
rothe Flecken. Kein Diabetes. Geringe Albuminurie. Die Convulsionen wurden 
nach 2 Tagen geringer, hörten nach 8 Tagen völlig auf, um tiefem Stupor Platz 
zu machen. Gleichzeitig entwickelte sich scandirende Sprache, sowie eine links¬ 
seitige Hemiparese, die binnen einer Woche schwand. Dagegen war Intentions¬ 
tremor und Amnesie (bes. bezüglich des Unfalltages) zu constatiren. Noch nach 7 
Monaten bestand nach vorübergegangener Besserung das charakteristische Bild der 
multiplen cerebrospinalen Sklerose. welche Verf. auf Grund der uns bekannten 
Fälle von Nervenkrankheiten nach Kohlenoxydvergiftung in seinem Falle als Folge 
der Leuchtgaseinathmung betrachten zu müssen glaubt. Flatten (Cöln). 


Caaned vegetabiles aad lead paisaaing. Von Fallon Percy Wightwick. 

(The Lancet, 8. Decemb. 1888.) 

W. knüpft an drei mitgetheilte Fälle von chronischer Bleivergiftung in 
Folge längeren Genusses von in zugelötheten Blechbüchsen aufbewahrten Tomaten 
folgende Bemerkungen: Diese Fälle beweisen die Schädlichkeit solcher vegeta¬ 
bilischen Nahrungsmittel, welche im Handel als Präserven bekannt sind, eine 
Schädlichkeit, auf welche schon, jedoch bis jetzt ohne Erfolg, von verschiedenen 
Aerzten hingewiesen worden ist. Pauli (Köln). 


In den Annales des mal. de l’oreille bringt Gelle die schädlichen Wir¬ 
kungen der längeren Beschäftigung am Telephon zur Spraohe. Eine 
Reihe ihm aus diesem Anlass zugogangener Ohrenpatienten litt an allgemeiner 
nervöser Erregung, Hyperästhesie auf dem betreffenden Ohre, Sausen, Schwindel 
und führte die Erscheinungen theils auf die telephonischen Klänge selbst zu¬ 
rück, die zu bunt und zu nahe vor dem Ohre ihneD ertönten, theils auf die Er¬ 
müdung, welche das beim telephonischen Hören besonders angestrengte Gehör 
erleide. — G. glaubt, in allen Fällen eine gewisse nervöse Prädisposition an¬ 
nehmen zu müssen, und zweifellos müsse auch an präexistirende pathologische 
Veränderungen des Gehörorgans gedacht werden. .ch. 


In der D. med. Wochenschr. (No. 46) bespricht B lasch ko (Berlin) die Haut¬ 
entzündungen, wolche er bei den Arbeitern in Galvanisirungsanstalten beobachtete. 
Diese zeigen sich mit Vorliebe an den Rückenfllichen der Finger und Hände, des 
Handgelenks und zuweilen auch des Ellbogens. Allein sie verbreiten sich unter 
Umständen auch über weitere unbedeckte Körpertheile. wie Gesicht, Hals, 
Nacken, und sie ergreifen sogar auch die gesammte Körperoberflächo. Die Haut 
wird an bestimmt umschriebenen Stellen entzündet, rauh, brüchig, verdickt, sie 
springt auf, und es zeigen sich viele leicht blutige Bindegewebsrisse. Die Ur¬ 
sache dieser lästigen Hauterkrankung liegt in der Berührung der Hände mit den 
vor und bei dem Galvanisiren der betreffenden Metallgegenstände erforderlichen 
flüssigen Substanzen, als da sind gesättigte Soda- oder Pottaschelösung, Benzin, 


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Kleinere Mittheilungen. Referate, Literaturnotizen. 


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Wiener Kalk. Während des Galvanisirungsprocesses bildet sich freie Salzsäure, 
wahrscheinlich auch Spuren von Chlor, so dass die sehr grosse Wahrscheinlichkeit 
einer Bildung von Chlorkalk in den obersten Hautschichten vorhanden ist, die 
um so leichter erfolgen kann, je vollständiger vorher die Haut des Arbeiters 
entfettet worden ist. Ein Schutz der Hände durch Gummihandschuhe, eine 
Theilung der Arbeit des Abbürstens und des Galvanisirens zwischen mehreren 
Personen, die Verwendung von Leinöl zum Einfetten der gefährdeten Körper¬ 
stellen — hält Bl. behufs einer rationellen Prophylaxe gegen diese Berufskrank¬ 
heit für geboten. 

The Lancet vom 23. October er. weiss von einer noch nicht besohriebenen 
Gewerbekrankheit zu berichten. Diese Krankheit tritt namentlich bei Konditoren 
und Zuckerbäckern auf, welche viel mit Zuckerlösungen und Syrupen hantiren. 
Die Nagelglieder verdicken und platten sich ab, ihre Umgebung wird entzündet, 
die Haut berstet und es entstehen Bläschen. Sobald die betreffenden Gehilfen in 
ihrer Arbeit eine Veränderung eintreten lassen, also beispielshalber lediglich 
Teige kneten und dergleichen, verschwindet die oben genannte Nagelerkrankung, 
um sofort wieder aufzutreten, sobald die ursprüngliche Beschäftigung aufgenom¬ 
men wird. Für die nähere Kenntniss und die Aetiologie des Leidens würde es 
von Interesse sein, die Betheiligung gewisser Zuckerwaare-Farben an den zur 
Hantirung gelangenden Mischungen und Lösnngen in Frage zu ziehen. 


Arbeiter• Badeeinriehtnngen. Ansichten und Grundsätze des Preisgerichts 
über die vom Deutschen Brauerbund ausgeschriebene Preisaufgabe. — Unter diesem 
Titel ist in Carl Heymann’s Verlag in BerlinW. zum Preise von 50 Pf. soeben 
eine Schrift erschienen, in welcher der stellvertretende Vorsitzende der Unfall¬ 
verhütungs-Ausstellung, B. Knoblauch, die Ergebnisse der Concurrenzaus- 
Schreibung des Brauerbundes zusammenstellt. Auf besonderen Beifall aller Der¬ 
jenigen, welche an den Fortschritten volkshygienischer Bestrebungen Antheil 
nehmen, darf besonders die Beifügung der „Grundsätze für die Einrich¬ 
tung von Arbeiterbädern“ Anspruch erheben, da dieselben auch für Volks - 
badeeinrichtungen bestimmende Geltung haben dürften. Zur Veranschaulichung 
sind dem Schriftchen überdies zwei Pläne mit sehr übersichtlichen Zeichnungen 
beigegeben. 


e) Parasiteaknade and Bakteriologie (Desiafectioa). 

Die Parasiten des ülenschen «ad die von ihnen herführenden Krankheiten. Von 

Dr. Rudolf Leuckart. Ein Hand- und Lehrbuch für Naturforscher und 
Aerzte. I. Bd. 4. Lieferung. 2. Auflage, mit 131 Holzschn. Leipzig und 
Heidelberg, C. F. Winter’scher Verlag 1889. S. 97 — 440. 

Es würde geboten erscheinen, auf das mit sicherer Regelmässigkeit vor¬ 
schreitende Parasitenwerk Leuckart’s als auf eine bedeutende Literaturerschei- 


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Kleinere Mitthoilungen, Referate, Literaturnotizon. 


nung hinzuweisen, auch wenn sich der Arbeitsplan des Verf.’s nicht mit solcher 
Hingebung, Vorliebe und Unermüdlichkeit auf das medicinische Theilgebiet des 
Gegenstandes bezöge, wie es thatsächlich der Fall ist. Bei jedem kleineren und 
grösseren Abschnitt des klassischen Handbuches wird dem Leser die Gewissheit 
einleuchtender: „So und zwar ausschliesslich auf diese Weise, indem jedes 
Glied in der Kette jener Erscheinungen, wie das complicirte Parasitenleben sie 
darbietet, in ursprünglichster und bedächtigster Gestaltung aasgearbeitet wird, 
kann der Mediciner mit Nutzen in diese noch vor Kurzem so chaotisch daliegende 
Materie eingeweiht werden“. — Die soeben erschienene Lieferung beschäftigt 
sich mit der Entwicklung der Cercarien und Distomen, wobei hinsichtlich der 
Arten der letzteren eine Vollständigkeit der Uebersicht erreicht wird, wie nie¬ 
mals vordem. D. clavatum, crassum, conjunctum, echinatum, endemicum, endo- 
lobum, filiferum, heterophyes, japonicum, innocuum, lanceolatum, macrostomum, 
ophthalmobium, ovocaudatum, pulmonale; — D. Ringeri, Rathonisi etc. finden 
sich nach Bedarf — die meisten in mehreren Entwicklungstadien oder Lagen — 
abgebildet; das D. hepaticum, als wichtigster Repräsentant dieses entomologi- 
schen Kapitels, nicht weniger als 65 Male bildlich dargestellt. Die Statistik der 
durch dieses Entozoon inficirten Thiere, die Infectionsweise beim Menschen er¬ 
fahren dieselbe Sorgfalt in der Behandlung wie jedes Stadium der hochinter¬ 
essanten Entwicklungsgeschichte. Hoffen wir, dass diese, wie jede folgende Lie¬ 
ferung dem Werke und seinem Gegenstände neue zahlreiche Freunde unter den 
Aerzten zuführt. 


P. Gibier giebt in den Comptes rendus (1889, No.14.) eine Fortsetzung 
seiner Untersuchungen über die Lebensfähigkeit der Trichina spiralis, 
denen zufolge er als festgestellt ansiebt, dass die letztere im eingekapselten Zu¬ 
stande ihre Vitalität noch behält, wenn man sie innerhalb - frischen Muskel¬ 
fleisches einer Kälte von —25° für die Dauer von 2 Stunden aussetzt. 

.ch. 


las Schicksal der pathogenen frganismen in todten Körper. Von Dr. E. v. Es- 

march. Zeitschrift f. Hygiene. 7. Bd. S. 1. 

Verfasser impfte Thiere mit Organtheilen und, wenn die Organe durch wei¬ 
ter vorgeschrittene Fäulniss bereits zerstört waren, mit dem verflüssigten KÖrper- 
höhleninbalt von in Wasser, an der Luft oder in verschiedener Tiefe der Erde 
während verschieden langer Zeit gewesenen Thiercadavern. Da letztere durch 
Infection gesunder Thiere mit Reinculturen gewonnen waren, konnte die Lebens¬ 
dauer und die Dauer der Virulenz der qu. Bakterien in den betr. Cadavern un¬ 
schwer festgestellt werden. 

Es ergab sich u. A. Folgendes: Mäusesepticaemiebacill en. zeigten 
eine hohe Abhängigkeit von den Fäulnissbedingungen, denen die Cadaver aus¬ 
gesetzt gewesen, ln Mäuseleichen, welche in der Erde langsam vermodert waren, 
behielten sie ihre Virulenz mehr als 90 Tage lang, während sie dieselbe in 
Wasserleichen um Vieles früher verloren hatten. Ebenso erwiesen sich die Bak¬ 
terien des Schweinerothlaufs aus einem 88 Tago lang in 3 m Tiefe unter 


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Kleinere Mittheilungen. Referate, Literaturnotizen. 


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der Erde gelegenen Mausecadaver völlig virulent. Dies war bei Milzbrand¬ 
bacillen nur in einem Falle noch am 18. Tage nach dem Tode des Wirthes der 
Fall, während sie in der Regel früher zu Grunde zu gehen scheinen, ebenfalls 
um so früher, je frühzeitiger und intensiver die Fäulniss von Statten geht. In 
der die Cadavor umgebenden Sand- oder Erdschicht, die mit Cadaverabgängen 
dicht durchsetzt war, wurden virulente Milzbrandbacillen niemals gefunden. Aus 
Cadavern, die in Wasser gelegon hatten, waren sie bereits am 5. Tage ver¬ 
schwunden. In einem Cadaver, welcher 79 Tage an der Luft gefault hatte, 
fand sich keine einzige Bakterienart lebend vor, die unter gewöhnlichen Bedin¬ 
gungen zum Weiterwachsen geeignet war. Dagegen fanden sich in diesem Falle 
einige Anaeroben vor. Anders, wenn in den Cadavern die Milzbrandbakterien 
nicht in Form von Bacillen, sondorn als Sporen sich vor finden, ein Fall, der nur 
denkbar ist, wenn der Cadaver vor dem Verscharrt werden einige Tage an der 
Luft gefault hat. Wurden nämlich Milzbrandsporen an Seidenfäden in die Bauch¬ 
höhle vonMäusecadavem versenkt, und die letzteren in Gläser mit sterilem Sande 
eingegraben und unter zeitweiser Befeuchtung mit Wasser in den Brütscbrank 
gesetzt, so erwiesen sioh die 18 Tage nachher vorgenommenen Impfungen er¬ 
folgreich. Die betr. Mäuse gingen an Milzbrand zu Grunde. 

Tetragenus fand sich in der Leiche einer am 13. Juli daran gestorbenen 
Maus, die 84 Tage gemodert, nicht mehr vor. Die Bacillen des malignen 
Oedems erwiesen sich noch 163 Tage nach dem Tode ihres Wirthes virulent. 
Tuberkelbacillen hatten ihre Virulenz in einem Falle bereits am 204. Tage 
eingebüsst, Tetanusbacillen am 35. Tage, die Bakterien der Cholera 
asiatica am 21.Tage. Typhusbakterien wurden wegen des Mangels charakte¬ 
ristischer Culturen nicht in die Reihe der Versuche aufgenommen. — 

Jedenfalls ist anzunehmen, dass die meisten der pathogenen Bakterien bald 
nach dem Tode ihres Wirthes sich nicht mehr weiterentwickoln, und dass sie um 
so früher zu Grunde gehen, je günstiger die Bedingungen für rasche und inten¬ 
sive Fäulniss im Einzelfalle sind. Flatten (Cöln). 


Nach Neisser (Congress der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft zu 
Prag, 6.—12. Juni 1888. Münchener med. Wochenschr. No. 28. 1889) muss 
die Frage, ob der Gonococcus als Virus der Gonorrhoe aufzufassen sei, nach 
dem jetzigen Stande unserer Erfahrungen unbedingt mit Ja beantwortet werden. 
Urethritiden, die durch mechanische oder chronische Reizungen, durch die 
Einwirkung anderer Mikroorganismen erzeugt sind, unterscheiden sich, abgesehen 
von ihrer Seltenheit, durch den klinischen Verlauf. Wenn bei der Gonorrhoe an¬ 
dere Organismen neben dem Gonococcus auftreten, was nicht sehr häufig ist. so 
handelt es sich um eine MischafTection. Die von Lustgarten und Mannaberg 
gefundenen. in der gesunden männlichen Harnröhre vegetirenden Diplokokken 
unterscheiden sich dadurch vom Gonococcus, dass sie auf dem üblichen Nähr¬ 
boden gedeihen, der Gonococcus nur auf Blutserum. DifTerentialdiagno- 
stisch ist derselbe bei Balanitis, in einzelnen forensischen Fällen, bei der 
Urethritis und dem Cat. cervic. der Weiber, insbesondere für die Untersuchung 


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202 


Kleinere Mitteilungen, Referate, Literaturnotizen. 


der Prostiluirten von grossem Werthe. (In Breslau werden s&mmtliche Prostituirte 
auf Gonokokken untersucht.) Elbg. 


Bi« Beitrag »■ Nachweise 4er Ctaekekkea. Von J. Schütz. (Frankfurt a. M.) 

Münchener medic. Wochenschr. 1889. April 2. S. 235. 

Verf. empfiehlt zur isolirten Färbung der Gonokokken folgende Methode. 
Die nach der gewöhnlichen Weise vorbereiteten Deckglastrocken-Präparate gelan¬ 
gen für 5—10 Minuten in eine kalte, filtrirte, gesättigte Lösung von Methylen¬ 
blau in 5proc. Carbolwasser. Naoh Abspülung der Präparate taucht man sie 
einen Moment (so lange es dauert, als man langsam 1, 2, 3 zählt) in Essigsäure¬ 
wasser (5 Tropfen Acid. acet. dilut. auf 20 ccm Aq. dest.) und lässt sofort eine 
nochmaligejAbspülung in Wasser folgen. In derart gefärbten Präparaten sind nur 
die Gonokokken bl&u geblieben; man kann sie alsdann mit einer sehr verdünn¬ 
ten, wässrigen Safraninlösung naoh ganz kurzer Einwirkung unterfärben. 
Die Färbung eignet sich auch zu Dauerpräparaten in Kanadabalsam. Elbg. 


Ueber den Einfluss von Kochsalz auf das Leben und Absterben von 
Bakterien veröffentlichte Förster in der Nederl.Tijdschr. voorGeneesk. (IINo.8) 
interessante Versuche. Aprioristisch neigt die allgemeine Meinung dahin, dass 
das Fäulniss verhindernde Kochsalz der Entwickelung sämmtlicher oder doch 
vieler Mikrobenarten hinderlich sein müsse. Wäre diese Annahme richtig, dann 
brauchte man bei gesalzenem oder geräuchertem Fleische nicht so vorsichtig zu 
sein wie bei frischem. Man könnte beispielshalber zur Bereitung von Pökel- oder 
Rauchfleisch ganz gut Fleisch von etwa perlsüchtigen Thieren verwenden, ohne 
befürchten zu müssen, durch den Genuss des Fleisches krank zu werden. Um zu 
einem brauchbaren Ergebniss in dieser Hinsicht zu gelangen, wurden gewisse auf 
festem Nährboden entwickelte Bakterienculturen mit gewöhnlichen Kochsalzlösun¬ 
gen behandelt, bis ein Sättigungsgrad erreicht war. Nun zeigte sich's, dass die 
Einwirkung des Kochsalz auf die verschiedenen Baklerienarten sehr ungleich war. 
Während die Cholerabacillen sehr bald zu Grunde gingen, wider¬ 
standen die Typbusbacillen und die Pilze der sogenannten Schweineseuche viele 
Monate hindurch. Auch der Tuberkelbacillus zeigte eine ausserordentlich 
hohe Widerstandsfähigkeit gegen die Kochsalzeinwirkung, so dass also durch 
das Einsalzen oder Einpökeln von perlsüchtigem Fleisch die Gefahr einer Ueber- 
tragung der mit derTuberculose identischen Perlsucht auf den Menschen nicht 
ausgeschlossen ist. Ob durch das Räuchern oder Trocknen des Fleisches gewisse 
Pilze oder Bakterien endgültig unschädlich gemacht werden können, darüber will 
der genannte Forscher erst weitere Versuche anstellen. .ch. 


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Kleinere Mittbeilungen, Referate, Literaturnotizen. 


203 


X 


Eiperimea teile Beiträge in Iafeetiesität der Milch taherealeser Bähe. Aus dem 

patholog. Institut zu München. Von Dr. Karl Hirschberger. Deutsches 
Arohiv f. klin. Medioin. 44. Bd. 5.—6. Heft. 1889. S. 500. 

Verf. ist auf Grund sehr zahlreicher Versuche zu dem Resultate gekommen, 
dass die Gefahr der Infection durch die Milch perlsüchtiger Kühe 
nicht nur vorhanden, sondern offenbar eine sehr grosse ist. 

Betreffs der Frage, bei welchen Formen und Graden der Perlsucht 
die Milch infectiöse Eigenschaft hat, lautet die Antwort dahin, dass Letzteres 
der Fall ist, wenn die Tuberculose bei der Kuh generalisirt oder das 
Euter selbst erkrankt ist. 

Bei tnberculösen Kühen mit sehr sohlechtem Ernährungszustand 
scheint die Milch gewöhnlioh infectiös zu sein, während bei gutem Ernäh¬ 
rungszustände die Infeotiosität nur in ca. 30 pCt. vorhanden ist. 

Das Alter der Kühe hat insofern einen indirecten Einfluss auf die Gefähr¬ 
lichkeit der Milch, als mit zunehmendem Alter die Kühe relativ häufiger perl- 
süchtig sind. Die Möglichkeit einer Infection durch die Milch einer luberculösen 
Kuh wird um so wahrscheinlicher, je ausgebreiteter die Tuberculose bei dersel¬ 
ben ist and je schlechter der Ernährungszustand ist, besonders bei miterkrank¬ 
tem Eater. 

Dass gekochte Milch unschädlich ist, hat man daroh Versuche dar- 
gethan. 

Uebrigens glaubt Verf. nicht, dass etwa jeder Mensch, der eine den Mikro¬ 
organismus der Tuberculose enthaltende Milch genossen hat, nothwendig inficirt 
werden müsse, jedenfalls muss die Möglichkeit zugegeben werden. Ausschlag¬ 
gebend für den einzelnen Fall ist einerseits die individuelle Disposition, anderer¬ 
seits die Menge und Energie der eingeführten Keime. Verdünnte Milch erwies 
sich bei Verdünnungen von 1:40, 1:50 etc. wirkungslos. 

Was die mit der Milch in den Darmcanal eingeführten Tuberkelbacillen 
betrifft, so dürfte wohl der grösste Theil derselben durch einen normalen Magen- 
und Darmsaft unschädlich gemacht werden. Ob dies auch für die Sporen zu¬ 
trifft, ist mindestens zweifelhaft. Ein Theil derselben passirt vielleicht den 
Darmcanal und wird mit den Faeces wieder ausgeschieden. Ein anderer Theil 
dürfte gelegentlich resorbirt werden und gelangt dann zunächst in die Chylus- 
und Lympbgefässe. Da nun bekanntlich die Tuberkelsporen längere Zeit, d. h. 
2—3 Wochen brauchen, um sich za Bacillen auszubilden und vor dieser Um¬ 
wandlung nur als kleinste Fremdkörper wirken, so kommt Alles darauf an, ob 
sie vor dieser Zeit wieder aus dem Organismus (duroh die Nieren etc.) ausge¬ 
schieden werden. 

Bei einem gut functionirenden Lymphgefäss- und Lymphdrüsensystem wer¬ 
den sie aber jedenfalls rascher transportirt, als wenn dasselbe auf hereditärer 
Grundlage im Allgemeinen oder durch andere Ursachen local geschädigt ist. 
Dann können die Keime z. B. in irgend einer Lymphdrüse liegen bleiben und 
Zeit finden, sich zu Bacillen aaszubilden — und von hier aus kann dann die In¬ 
fection des ganzen Organismus stattfinden. Elbg. 


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204 


Kleinere MittheilungeD, Referate, Literaturnotizen. 


Besinfecti** tm Bücher*. Ein sehr empfehlenswertes Verfahren wendet 
nach einer Mittheilung in dem Sanitary Record Mac Lauchlan, der erste Bi¬ 
bliothekar der öffentlichen Bibliothek von Dundee (Schottland), an, um der Ge¬ 
fahr einer Uebertragung ansteckender Krankheiten durch Bücher, welche aus 
inficirten Stadttheilen zurückkommen, vorzubougen. Sobald der Bibliothekar 
Kenntniss erhält, dass in einem Stadtteile ansteckende Krankheiten herrschen, 
lässt er diejenigen Bewohner, welche Bücher in Händen haben, auffordern, diese 
bis auf weitere Benachrichtigung zurückzubehalten. Nach dem Erlöschen der 
Epidemie werden sodann die wieder eingelieferten Bücher einer gründlichen Des- 
infection unterworfen. Der dazu benutzte Apparat besteht aus einem aus Weiss¬ 
blech hergestellten Schranke, welcher von oben geöffnet werden kann, in der 
Mitte durch ein Drahtgitter abgetheilt ist und am Boden eine kleine Thüre 
enthält. 

Die Bücher werden mit dem Rücken nach oben und mit dem freien Rande, 
soweit als möglich geöffnet, auf das Drahtgitter aufgestellt, der Deckel ge¬ 
schlossen, und durch die Thüre am Boden brennender Schwefel eingeführt. Die 
etwa in den Büchern vorhandenen Krankheitskeime sollen nach wenigen Minu¬ 
ten durch die zwischen die Blätter eindringenden Schwefeldämpfe unschädlich 
gemacht werden. Ebertz-Weilburg. 


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1Y. Amtliche Verfügungen. 


Erlass des Königliohen Ministers der etc. Medioinal-Angelegenheiten, Kurse 
über Gesundheitspflege und Heilgymnastik für Seminar-Turnlehrer betreffend. 

Berlin, den 22. December 1888. 

Durch §28 der Lehrordnung und des Lehrplanes für die Königlichen Schul¬ 
lehrer-Seminare vom 15. October 1872 ist angeordnet worden, dass die zweite 
und dritte Klasse des Seminars wöchentlich je zwei, die erste Klasse aber eine 
Stunde praktisches Turnen haben, und letztere daneben die nöthigen Belehrungen 
über den Bau und das Leben des menschlichen Körpers, über die ersten noth- 
wendigen Hülfsleistungen in Fällen von Körperverletzungen, über die geschicht¬ 
liche Entwickelung des Turnwesens, über Zweck, Einrichtung und Betrieb des 
Turnens, sowie über die Einrichtung von Turnplätzen und Turngeräthen für 
Elementarschulen erhalten soll. 

Zu meiner Genugthung wird diesem Unterricht in den meisten Seminaren 
die erforderliche Sorgfalt zugewendet, und es sind die Seminar-Turnlehrer durch 
ihre Ausbildung in der hiesigen Turnlehrer-Bildungsanstalt auch fast ausnahms¬ 
los zur erfolgreichen Ertheilung desselben im Stande. 

Die Gesundheitspflege bat indessen während der letzten Jahre so erhebliche 
Fortschritte gemacht, und es ist ausserdem die Bedeutung der Sache in immer 
weiteren Kreisen derart zur Anerkennung gekommen, dass dadurch auch den 
Seminaren eine noch erhöhte Beachtung der in Betracht kommenden Unterriohts- 
gegenstände auferlegt wird. 

Das Königliche Provinzial-Sohulcollegium veranlasse ich deshalb, die Se¬ 
minar Directoren hierauf noch besonders aufmerksam zu machen. 

Gleichzeitig halte ich es für geboten, dass nicht nur denjenigen Seminar- 
Turnlehrern, welche die zur Ertheilung jenes Unterrichts ausreichende Vorbildung 
überhaupt noch nicht erhalten haben, baldmöglichst Gelegenheit gegeben werde, 
solche zu erlangen, sondern dass auch ältere Turnlehrer, welche mit den Fort¬ 
schritten der Gesundheitspflege und Heilgymnastik der letzten Jahrzehnte nicht 
mehr bekannt geworden sind, in die Lage kommen, das Versäumte nacbholen zu 
können. 

Ich beabsichtige daher, zu diesem Zwecke hier besondere, etwa zwei- bis 
vierwöcbentliche Kurse einzuriohten, und veranlasse das Königliche Provinzial- 


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Amtliche Verfügungen. 


Schulcollegium, wegen Einberufung von Seminar-Turnlehrern zu denselben mir 
baldigst Vorschläge zu machen. 

v. Gossler. 

An sämmtliche Königliche Provinzial-Schulcollegien. 


Oiroul&r-Brl&ss des Ministers des Innern vom 15. April 1889 an s&mmtliohe 
Eönigl. Regierungspräsidenten etc., betreffend Bekämpfung der Verbreitung 

der Sohwindsucht in Strafgefangenen- und Besserungsanstalten. 

Euer pp. übersende ich anbei Abschrift eines Gutachtens der wissenschaft¬ 
lichen Deputation für das Modicinalwesen vom 13. März d. J., betreffend die Be¬ 
kämpfung der Verbreitung der Schwindsucht in öffentlichen Anstalten, mit dem 
ergebensten Ersuchen, das darin bezeichnete Verfahren in den Strafgefan¬ 
genen- und Besserungsanstalten des dortigen Bezirks, mit den durch die localen 
Verhältnisse bedingten Massgaben anwenden zu lassen. 


Gutachten: 

Gemäss dem hohen Erlass vom 15. Februar er. verfehlt die Unterzeichnete 
wissenschaftliche Deputation nicht, über die in dem Bericht des Polizeipräsidenten 
vom 24. Jannar er. vorgetragenen Vorschläge zur Bekämpfung der Verbreitung 
von Sohwindsucht in Gefängnissen nachstehend sich gutachtlich zu äussern. 

Nach den bisher geltenden Anordnungen sollen die Spuckgläser der mit 
Sohwindsuoht behafteten Gefangenen mit einer Auflösung von Sublimat oder 
Garbolsäure gefüllt und die Spucknäpfe in den Krankenzimmern häufig mit rei¬ 
nem Sand versehen werden, dem Carbol beigemischt ist. 

Der Bericht des Polizeipräsidenten hebt mit vollem Recht hervor, dass diese 
Bestimmungen eine zeitgemässe Aenderung erheischen. Denn sowohl Sublimat 
wie Carbolsäure sind giftige Substanzen; deren Aufstellung gerade in Gefäng¬ 
nissen erheblichen Bedenken unterliegen muss. Ueberdies ist die Wirksamkeit 
beider Substanzen, um Tuberkelbacillen unschädlich zu machen und damit deren 
Uebertragung auf gesunde Gefangene zu verhindern, eine unsichere. Endlich 
haben die im hygienischen Institut hierselbst unter Leitung von Geheimrath 
Koch angestellten Untersuchungen zu dem Ergebniss geführt, dass für die Ueber¬ 
tragung der Tuberkelbacillen auf Gesunde nur der getrocknete Auswurf gefähr¬ 
lich ist, indem derselbe fein verstäubt der Athmungsluft zugeführt und dnreh 
dieselbe im gesunden Körper aufgenommen werden kann. 

Hiernach erscheint die Desinfection des Auswurfs durch chemisohe Stoffe 
weder erforderlich noch räthlich. Vielmehr ist dafür Sorge zu tragen, dass der 
Auswurf sich nicht getrocknet der Luft beimischen kann. Zu diesem Zwecke ist 
zu verhindern, dass der Auswurf des Brustkranken auf Fussboden, Wände, Wäsche 
oder in Taschentücher entleert wird, er soll vielmehr in Spuckgläser gesammelt 
und diese häufig entleert und mit kochendem Wasser gereinigt werden. 

Auf diese Tbatsache und Deduction stützt sich der Seite 6 des Berichts 
formulirte Antrag: die Verwendung des Sublimats für deu in Rede stehenden 
Zweck ganz zu untersagen. 


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Amtliche Verfügungen. 


207 


Wir schliessen uns diesem Anträge als vollkommen begründet an and haben 
zu den angeschlossenen Vorschlägen zur Verhütung der Verbreitung der Schwind¬ 
sucht in Gefängnissen Folgendes zu bemerken: 

1. Der Auswurf soll weder in Taschentücher noch in dem Aufenthaltsraum, 
sondern in die überall aufzustellenden Spuoknäpfe entleert werden, welche letz¬ 
tere etwas Wasser enthalten. 

Wir stimmen dieser Vorschrift durchaus bei und halten es auch für sehr 
zweckmässig, wenn, wie es rorgeschlagen ist. alle Strafgefangenen, welohe 
husten, an diese Art des Auswerfens gewöhnt werden. 

2 . Alle Zellen, in welchen hustende Gefangene untergebraclit waren, sollen 
bei etwaigem Wechsel der Insassen sorgfältig gereinigt und naoh deD bestehenden 
Vorschriften sorgfältig desinficirt werden. 

Diese Bestimmung dürfte auf die Zellen solcher Insassen zu beschränken 
sein, welche nach dem ärztliohen Urtheile an der Tuberculose erkrankt, oder der¬ 
selben verdächtig waren. 

3. Die Anschaffung eines geeigneten Desinfectionsapparates für die Straf¬ 
anstalten ergiebt sich als nothwendige Folge. 

4. Gefangene, welche nach ärztlicher Feststellung tuberculös erkrankt sind, 
welche aber noch arbeiten können, sollen bei der Anfertigung von Gebrauchs* 
gegenständen soweit thunlioh nicht beschäftigt und von den gesunden Gefangenen 
möglichst ferngehalten werden. 

Auch diesen Vorschlägen sohliessen wir uns an. 

Berlin, den 13. März 1889. 

Königliche wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen. 


Verfügung, betreffend die Einholung und Bezahlung der Gutaohten der Medl* 
cinalbeamten bei der Prüfung von an Begr&bnisapl&taen bestimmten Grund* 
stüoken, vom 10. September 1889. (Uin.*Bl. f. d. ges. i. Verw. 8.163). 

Anf den gefälligen Bericht vom 14. Juni d. J. erwidern wir Ew. etc. er* 
gebenst. dass wir die in demselben dargelegten Ansichten nur für zutreffend 
erachten können. 

Bei der Prüfung der zn öffentlichen Begräbnissplätzen bestimmten Grand- 
Stücke zu dem Zwecke, um die Entscheidung über die erforderliohe Genehmigung 
der Aufsichtsbehörden vorzubereiten, wird die Thätigkeit der Medicinalbeamten 
in erster Linie nicht für Interessen in Ansprach genommen, deren Befriedigung 
den Gemeinden gesetzlich obliegt. Diese Prüfung gebt vielmehr über die ört¬ 
lichen Interessen hinaus und betrifft hauptsächlich allgemeine landespolizeiliche 
Interessen, so dass es Sache der staatlichen Verwaltungsbehörden ist, das Gat¬ 
achten des Kreisphysikns za erfordern, und die Zahlung der hierfür erwachsenden 
Kosten ans der Staatskasse sich rechtfertigt. 

Ew. etc. ersuchen wir ergebenst, gefälligst der Ober-Rechnungs-Kammor 
unter Bezug auf die in der Ministerialinstanz geltende Auffassung zu antworten. 

Berlin, den 10. September 1889. 

Der Minister der geistl. etc. Angelegenh. Der Minister des Innern. 

I. V.: Nasse. I. V.: v. Zastrow. 


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Amtliche Verfügungen. 


Erlass der Minister des Innern (gez. Herfurth) II No. 12101, der eto Medi- 
cinalangelegenheiten (gez. i. A.: Löwenberg) M. No. 8542 und der Justiz 
(gez. i. V.: Nebe-Pflugstädt) I No. 3431 vom 11. October 1889 an alle 
Königl. Regierungspräsidenten, betreffend Berechtigung der Chef-Aerete der 
Militärlazarethe zur Ausstellung von Leichenpässen. 

In den Circular-Erlassen vom 6. April 1888. vom 23. December und 
29. December desselben Jahres ist bestimmt worden, dass nur ein beamteter Arzt, 
d. h. ein Kreisphysikus, die zu einem Leichenpasse erforderliche Bescheinigung 
über die Todesursache, sowie darüber auszustellen berechtigt ist, dass seiner 
Ueberzeugung nach der Beförderung der Leiche gesundheitliche Bedenken nicht 
entgegenstehen. Diese Bestimmung erweitern wir dahin, dass auch den Chef¬ 
ärzten der Militär-Lazarefhe hinsichtlich der in letzteren verstorbenen Personen 
die Befugniss zur Ausstellung der gedachten Bescheinigungen in gleicher Weise 
zusteht, wie den Kreisphysikern auf Grund der No. 2 des Circular-Erlasses vom 
6. April 1888. 

Ew. Hochwohlgeboren ersuchen wir ergebenst, die in Betracht kommenden 
Behörden hiervon gefälligst in Kenntniss zu setzen und wegen der Veröffentlichung 
dieses Erlasses durch das dortige Amtsblatt das Erforderliche zu verfügen. 


Bekanntmachung, betreffend die Prüfung der Apotheker. 

Auf Grund der Bestimmungen im § 29 der Gewerbeordnung für das Deutsche 
Reich hat der Bundesrath beschlossen, wie folgt: 

Die Bekanntmachung vom 5 März 1875, betreffend die Prüfung der Apo¬ 
theker (Central-Bl. S. 167) erhält hinter § 17 folgenden Zusatz: 

§ 17a. Die Prüfung darf nur bei der Commission fortgesetzt oder wieder¬ 
holt werden, bei welcher sie begonnen ist. Ausnahmen können nur aus beson¬ 
deren Gründen gestattet werden. 

Die mit dem Zulassungsgesuch eingereichten Zeugnisse (§ 4, Abs. 3) sind 
dem Kandidaten erst nach bestandener Gesammtprüfur.g zurückzugebon. Ver¬ 
langt er sie früher zurück, so sind vor der Rückgabe sämmtliche Behörden (§ 1) 
durch Vermittelung des Reichskanzlers zu benachrichtigen, dass der Kandidat 
die Prüfung begonnen, aber nicht beendet hat, und dass ihm auf seinen Antrag 
die Zeugnisse zurückgegeben worden sind. In die Urschrift des letzten Univer¬ 
sitäts-Abgangszeugnisses ist ein Vermerk über den Ausfall der bisherigen Prüfung 
einzutragen. 

Berlin, den 6. Juli 1889. 

Der Reichskanzler. 

In Vertretung: v. Boetticher. 


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Gedruckt bei L. 8chumacher ln Berlin. 


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I. Gerichtliche Medicin. 


l. 


Superarbitrium 

der K. wissenschaftl. Deputation für das Medicinalwesen 
vom 20. November 1889, 

betreffend Kindesmord. 


(Erster Referent: Skneeske.) 


Ew. Excellenz beehrt sich die gohorsamst Unterzeichnete Wissen¬ 
schaftliche Deputation unter Wiederanschluss der Anlagen und Acten 
das von ihr in der Untersuchungssache gegen die Wittwe H. F. zu 
Z. wegen Mordes auf Ersuchen des Königlichen Landgerichts II zu B. 
von ihr durch hohe ßr. ra. Verfügung vom 31. October d. J. er¬ 
forderte Obergutachten im Nachstehenden ehrerbietigst zu erstatten. 


Geschieh tserzählung. 


Die geisteskranke und in hohem Grade schwachsinnige unverehelichte E. F. 
' Lebensalter nicht festgestellt), welche schon vor einigen Jahren einmal geboren 
hatte, ist an einem nicht sicher bestimmten Tage, aber wahrscheinlich am 
.‘3. oder 4. October v. Js., in der Wohnung ihrer Mutter, der angeklagten Wittwe 
F. zu Z.. wiederum niedergekommen: Letztere hatte die von mehreren Personen 
bemerkte Schwangerschaft ihrer Tochter stets in Abrede gestellt und leugnete 
längere Zeit auch jede Kenntniss von der Niederkunft ihrer Tochter ab, gestand 
aber schliesslich (131. 17) ein, dass dieselbe geboren habe und dass von ihr, der 
Angeklagten, die Leiche des Kindes beseitigt sei, behauptete aber letztere erst 
am 1 1. October v. Js. im Bette ihrer Tochter beim Ordnen desselben zufällig ge¬ 
funden zu haben und blieb auch später bei der Behauptung, sie wisse nicht, 
wann ihre Tochter geboren habe, ob das Kind lebend zur Welt gekommen und 
welches eventuell die Ursache seines Todes gewesen sei, weil sie in den dem Auf- 


V i<*rte IJah rat? hr. f. ger. Med. N. F. L1I 2 

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Original fro-m 

UNIVERSUM OF IOWA 



210 Superarbitrium der K. wissenschaftlichen Deputation. 

finden der Kindesleiche vorangegangenen 8 Tagen sehr viel zu thun gehabt habe 
und den ganzen Tag über von Hause entfernt gewesen sei. Mannigfache, die 
Angeklagte belastende Momente übergehen wir hier als für unser technisches 
Gutachten unerheblich. — Die E. F. ist zweimal und zwar derart vernommen 
worden, dass ihr be-timmte Fragen zur Beantwortung vorgelegt wurden. Fol¬ 
gende Fragen und Antworten beziehen sich mehr oder weniger auf die Todesart 
des Kindes: 

(Vernehmung vom 10. October v. J. Bl. 89 fT.) 

Wer hat denn das Kind weggenommen? 

Mutter hat es in den Schmortopf eingepackt. 

Hat denn das Kind geschrieen? Wer hat es aus dem Bett genommen? 
Das weiss ich auch nicht mehr. Mutter haut nicht mehr. Sie sagt, sie 
haben es ihr schon geholt. 

Hat Mutter das Kind geschlagen? 

Ich weiss gar nichts davon. Ich habe nichts gesehen. 

Hat Mutter Asche darauf gemacht? 

Ja, Asche hat sie darauf gemacht. 

(Vernehmung vom 7. November v. J. Bl. 99.) 

Hat denn Dein letztes Kind gelebt? 

Ja, es hat geschrieen wie ein Hund oder wie ein Vogel. 

Hat Deine Mutter das Kind gegen die Wand oder gegen den Tisch ge¬ 
schlagen? 

Sie hat das Kind gegen den Tisch geschlagen, dass das Blut 'rum¬ 
spritzte und hat’s dann in den Schmortopf gepackt. 

Die Leiche des Kindes wurde den Angaben der Angeklagten gemäss hinter 
einer Scheune, wo sie es ihrer Aussage nach „eingebnddelt“ hatte (Bl. 17 v.). 
gefunden und zwar „in einem umgewandten eisernen Topf, dessen Rückseite (?) 
mit Roggenkaff und einem Pantinen bedeckt war“ (Bl. 18). 

Die am 16. October v. Js. ausgeführte gerichtliche Obduction 
der Kindesleiche ergab folgende für unser Gutachten erhebliche Be¬ 
funde (Bl. 23 ff.): 

Aeussere Spuren einer Verletzung sind an der ganzen Leiche nicht vor¬ 
handen (20). Die natürlichen Oeffnungen sind frei von fremden Körpern (21). 
Die weichen Schädelbedeckungen sind an der Stirn unverletzt (63). Ueber beiden 
Scheitelbeinen, namentlich aber nach links gewahrt man zahlreiche dunkle Blut¬ 
ergüsse, die ein dickliches Gefüge haben. Die grösste Flächenausdehnung ist 
rundlich und hat einen Durchmesser von 2 mm; 3 mm beträgt die grösste Dicke 
der Blutaustrelung. Die Blutaustritte reichen zum Theil bis in die Knochenhaut. 
Zwischen den Blutergüssen ist das Gewebe geröthet (64). 

Auch über dem Hinterhaupt, namentlich links, finden sich vielfache, insel¬ 
förmig zerstreute, meist rundliche Blutergüsse, deren grösster Durchmesser 
1 1 / 2 mm beträgt (65). 

Die Knochen der Schädeldecke sind massig durchscheinend, aber unver¬ 
letzt (66). 


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betreffend Kindesmord. 


211 


Der obere Längsblutleiter enthält viel dunkles dickflüssiges Blut (67). 

Die mit dem Schädeldach lose verwachsene harte Hirnhaut zeigt strotzend 
mit dunklem Blut gefüllte Gefässe und linkerseits, entsprechend ungefähr der 
Verbindung von Pfeil- und lfinterhauptsnalit, einige kleine, flache Blut¬ 
ergüsse (68). 

Auch in die Maschen der weichen Hirnhaut der Convexiiät ist linkerseits 
etwas Blut ergossen, und beiderseitig sind die Gefässe stark gefüllt (69). 

Das Gehirn ist so weich, dass es nur innerhalb der Schädelhohle untersucht 
werden kann, und auoh da bald zerfliesst (76). Es lässt sich nur feststellen, 
dass die grosse Hirnrinde stark geröthet ist (71). Auch die Adergeflechte sind 
stark gefüllt (72) und die obere Gofässplatte geröthet (73j. Die übrigen Hirn- 
theile lassen sich nicht unterscheiden (74). 

Die Blutleiter der Schädelgrunüflädie erscheinen siimmtlich stark gefüllt 
i 75) und die harte Hirnhaut an der Schädelgrundfläche ist blutreich (76). Die 
Knochen der Scbädelgrundflache sind unverletzt (77). 


Die Obducenten, Kreisphysikus Professor Dr. F. und Kreiswund¬ 
arzt G., gaben ihr vorläufiges Gutachten dahin ab: 

1. Das Kind ist ein reifes, lebensfähiges. 

*2. Es hat nach der Geburt gelebt. 

3. Die verschiedenen Blutergüsse am und im Kopfe erklären 
den Tod. 

4. Auf Befragen: Diese Blutergüsse sind höchst wahrscheinlich 
erst nach der Geburt entstanden und durch Einwirkung einer 
stumpfen Gewalt erfolgt (Auffallen oder Stoss oder Schlag 
mit einem stumpfen Körper). 

Bei der ordnungsmässigen Quartalsrevision der Obductionsver- 
handlungen aus der Provinz Brandenburg sah sich das Mcdicinal- 
collegium betreffs dieser Obductionsverhandlung zu der Revisionsbe- 
raerkung veranlasst, dass die Todesart nicht so apodictisoh in den 
Vorgefundenen Blutergüssen hätte erblickt werden sollen und dass die 
Beschreibung derselben weniger vermuthen lasse, dass sic, wie die 
Obducenten angenommen hätten, wahrscheinlich erst nach der Geburt 
und durch Einwirkung einer stumpfen Gewalt erfolgt seien, als viel¬ 
mehr, dass sie in Folge des Geburtsactes sich bildeten und nicht 
durch Auffallen oder Schlag oder Stoss mit einem stumpfen Körper. 
Das Medicinaicollegium beantragte die Mittheilung dieser Bemer¬ 
kungen an die Gerichtsbehörde (Bl. 181) und theilte zugleich in dem 
vorgeschriebenen Wege dem Herrn Minister Abschrift derselben mit, 
worauf sic zur Superrevision an die Wissenschaftliche Deputation ge¬ 
langten. Letztere trat in der gutachtlichen Aeusserung vom 13. Mär/ 
d. J. der Supcrrevisionsberaerkung des Medicinalcollegiums im Wesent- 


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212 


SnperarVitrium der K. wissenschaftlichen Deputation. 


liehen bei (Bl. 194), was gleichfalls der Gerichtsbehörde /,ur Kennt- 
niss gebracht wurde. 

Da das Medicinalcollcgium seine Bemerkung auch aufrecht erhielt, 
nachdem ihm der mittlerweile von den Obducenten unter dem 12. De- 
eember v. ,1s. erstattete und in seinem Schlüsse mit dem vorläußgcn 
Gutachten übereinstimmende Obductionsberiehl mitgethcilt worden war, 
wurde von der Staatsanwaltschaft ein Superarbitrium des Medicinal- 
collegiums eingeholt, welches, unter dem 17. Mai d. Js. erstattet, zu 
dem Schlüsse gelangte, dass 1) anzunehmen sei, dass der Tod des 
Kindes infolge des Geburtsactes durch Blutüberfüllung der Schädel¬ 
höhle ertolgt sei, 2) dass nicht erwiesen sei, dass eine äussere Ge¬ 
walteinwirkung auf den Kopf stattgefunden habe (Bl. 197—204). 

ln der Schwurgerichtsverhandlung vom 18. Oetober d. Js. wurde 
sodann auf Antrag der Staatsanwaltschaft beschlossen, das Obergut¬ 
achten der Wissenschaftlichen Deputation für das Mediciualwesen über 
die Frage cinzuholen, 

ob nach dem vorliegenden Material anzunehmen ist, dass 
eine äussere Gewalteinwirkung auf den Kopf des Kindes 
stattgefunden hat, 

oder ob diese Annahme durch den Befund ausgeschlossen 
und anzunehmen sei, dass der Tod des Kindes in Folge 
des Geburtsactes durch Blutüberfüllung der Schädelhöhle er¬ 
folgt sei (Bl. 242 v.). 

Mit der Beantwortung dieser Fragen sind wir nunmehr beauf¬ 
tragt worden. 


Gutachten. 

Darüber, dass das Kind der E. F. ein reifes und lebensfähiges 
war, sowie dass es lebend zur Welt gekommen ist, besteht unter den 
Vorgutachten Uebereinstiramung und auch wir treten dem auf Grund 
der zweifellosen Befunde bei. 

Da die bei der Obduction der Kindesleiche nachgewiesene Blut¬ 
überfüllung der Gehirnhäute, Adergeflechte, Blutleiter der harten Hirn¬ 
haut und (so weit sich dies noch nach weisen Hess) anscheinend auch 
des Gehirns selbst, zu welcher auch noch einige kleine Blutaus- 
tretungen an der harten und weichen Hirnhaut hinzukommen, den 
Tod des Kindes herbeizuführen als geeignet erachtet werden müssen 
und Befunde nicht festgestellt sind, welche auf eine andere Todesart 
hindeuten, ist diese Blutüberfüllung als Todesursache anzunehmen. 


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betreffend Kindesmord. 


213 


Nach Lage der äusseren Umstände wäre die Möglichkeit des Er¬ 
stickungstodes in Betracht zu ziehen, jedoch geben die Befunde keinerlei 
Anhalt zur Annahme desselben. 

Wir stimmen somit, was die unmittelbare Todesursache betrifft, 
mit dem Gutachten des Medicinal-Collegiums völlig überein und müssen 
auch seinen gegen die Ausführungen des Obductionsberichtes zu Ziffer 3 
geltend gemachten Bedenken in vollem Maasse beitreten. 

Es ist unrichtig, dass, wie die Cbducenten annehmen, die kleinen 
Blutaustretungon unter der Kopfhaut und „einige kleine flache Blut¬ 
ergüsse* an der harten Hirnhaut nebst „etwas in die Maschen der 
weichen Hirnhaut ergossenes Blut«, dass also „die Blutergüsse am 
und im Kopfe« den Tod des Kindes erklären, vielmehr ist auf die 
von den Obducenten nur nebensächlich berücksichtigte Blutüberfül¬ 
lung der vorbezeichneten Organe der Schädelhöhle das Hauptgewicht 
zu legen. 

Die Blutaustretungon unter der Kopfhaut kommen als Todes¬ 
ursache überhaupt nicht in Betracht, und es ist unverständlich, wie 
in dem Obductionsbericht von schweren Gewebs-Veränderungen, bezw. 
Trennungen, von umfangreichen Blutaustretungon über Scheitel und 
Hinterhaupt gesprochen werden konnte, wenn letztere nur bis zu 2 mm 
im Durchmesser und höchstens 3 mm in der Dicke maassen, sowie von 
eben solchen zwischen den Hirnhäuten, während auch diese nach dem 
Wortlaut des Obductionsprotokolls durchaus nicht umfangreich, son¬ 
dern recht unbedeutend waren. Auf eine Erschütterung und Quetschung 
des Gehirns zu schliessen, geben die Befunde vollends keine Berechti¬ 
gung, da die weiche Beschaffenheit desselben nach seiner Beschrei¬ 
bung lediglich als Folge der Fäulniss anzusehon ist. 

Was nun die Veranlassung der als Todesursache anzunehmenden 
Blutüberfüllung der inneren Organe der Schädelhöhle betrifft, so 
müssen wir auch hierin dem Obductionsbericht in Uebereinstimmung 
mit dem Medicinal-Collegium entgegentreten. 

Für diese Frage sind die Blutaustretungen an den Weichtheilen 
des Schädels von eben so grosser Bedeutung, wie sie als Todesursache 
von geringerer sind. 

Derartige über die Scheitelbeine und das Hinterhauptbein zer¬ 
streute, wenn auch auf der einen Seite häufigere, kleine, kaum erbsen¬ 
grosse, runde, von einander abgegrenzte Blutaustretungen unter der 
Kopfhaut können durch Schläge mit einem stumpfen Gegenstand gegen 
den Kopf des Kindes, oder Gegenschlagen des letzteren gegen solche 


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214 


Superarbitrinm der K. wissenschaftlichen Deputation, 


Gegenstände, oder Sturz auf solche nicht hervorgebracht werden. 
Ausserdem treten bei derartigen Einwirkungen, wenn sie mit einiger 
Kraft stattfinden, meist mehr oder weniger erhebliche Verletzungen 
der bei neugeborenen Kindern noch sehr dünnen Schädelknochen ein, 
und bei gewaltsamer Tödtung eines Kindes in dieser Weise fehlen sie 
erfahrungsgemäss fast niemals. 

Wenn die E. F. die ihr vorgelegte Frage, ob ihre Mutter das 
Kind gegen die Wand oder gegen den Tisch geschlagen habe, dahin 
beantwortet hat, dass sie es gegen den Tisch geschlagen habe, dass 
das Blut herumspritzte, so ist hierauf bei dem Geisteszustände der 
ersteren und bei der Art und Weise, wie ihre Aussago zu Stande kam, 
wohl kaum etwas zu geben. Was insbesondere ihre Angabe betrifft, 
dass bei dem Schlage das Blut herumspritzte, so ist darauf hinzu¬ 
weisen, das Blut des Kindes nicht heruraspritzen konnte, weil eine 
äussere Verletzung am Kopf wie am ganzen Körper desselben nicht 
vorhanden war. 

Dem gegenüber kann durch den Geburtshergang sowohl die Ueber- 
füllung der Schädelorgane mit Blut, als auch der Austritt von Blut 
innerhalb und ausserhalb der Schädelhöhle in der Menge und der 
Form, wie es hier beobachtet worden ist, sehr wohl erzeugt sein. Die 
hiergegen im Obductionsbericht gemachten Einwendungen entsprechen 
nicht der Erfahrung, nach welcher auch bei Mehrgebärenden, ohno be¬ 
sondere unregelmässige Verhältnisse am Körper der Mutter oder des 
Kindes oder erhebliche Unregelmässigkeiten bei dem Verlauf der Ge¬ 
burt durch den Druck der mütterlichen Geburtstheile auf den Kopf 
des Kindes an letzterem Veränderungen, wie die hier Vorgefundenen, 
hervorgebracht werden können. 

Insbesondere kann als zutreffend nicht anerkannt werden, dass, 
wenn die raehrerwähnten Blutaustretungen und Blutanhäufungen durch 
den Geburtsakt zur Entstehung gelangt wären, das Kind todt oder 
scheintodt hätte zur Welt gekommen sein müssen. Vielmehr ist es 
keineswegs unmöglich oder auch nur sehr ungewöhnlich, dass unter 
solchen Umständen ein Kind nach der Geburt noch in der Art athmet? 
dass die Lungen die hier Vorgefundenen Veränderungen zeigen, und 
dass es dann doch in Folge der Blutüberfüllung in den Organen der 
Schädelhöhle stirbt. 

Trotzdem nehmen wir Anstand mit der Bestimmtheit, wie es 
Seitens des Medicinal-Collegiums geschehen ist, auszusprechen, dass 
das Kind in Folge des Geburtaktes gestorben ist, weil der Beweis 


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betreffend Kindesmord. 


215 


nicht geführt werden kann, dass die mehrgedachte Blutüberfüllung 
lediglich Folge des Geburtsaktes gewesen ist, und beschränken uns 
auf die Angabe, dass die Befunde einer Entstehung sowohl dor Blut¬ 
überfüllung der Schädelorgane, als auch der Blutaustretungen durch 
den Geburtsakt vollständig entsprechen. 

Indem wir mit Beziehung auf die Fassung der uns vorgelegten 
Fragen noch besonders bemerken, dass hier dem Sinne derselben ge¬ 
mäss die Einwirkung, welche der Geburtsakt auf das Kind ausübt, als 
eine „äussere Gewalteinwirkung“ nicht angesehen sein soll, geben wir 
unser Gutachten folgendermassen ab: 

1) Nach dem vorliegenden Material ist nicht anzunehmen, 
dass eine äussere Gewalteinwirkung auf den Kopf des 
Kindes stattgefunden hat. 

2) Eine äussere Gewalteinwirkung auf den Kopf des Kindes, 
wie sie durch Schlag oder Stoss mittelst eines harten 
Gegenstandes oder Gegenschlagen gegen einen solchen oder 
in ähnlicher Weise bewirkt werden kann, ist ausgeschlossen. 

3) Die Befunde entsprechen der Annahme, dass der Tod des 
Kindes in Folge des Geburtsaktes durch Blutüberfüllung 
der Schädelhöhle eingetreten ist. 


2 . 

lieber pestMertale Blit-Yeräidernngen. 

Von 

Prof. Dr. F. Falk in Berlin. 

Aus dem Thier-physiologischen Laboratorium des Herrn Prof. Zantz in der 
Königl. Landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin.) 1 ) 


Bekanntlich rührt die Benennung der centrifugalen Gefässe „Ar¬ 
terien“ davon her, dass Anatomen ältester Zeit, wohl durch die Beob¬ 
achtung verleitet, dass diese Adern in den Leichen (sei es von Men¬ 
schen, sei es von geopferten Thieren) blutleer und, vermeintlich, nur 
lufthaltig seien, annahmen, dass sie auch bei Lebzeiten bloss Luft, 

') S. diese Vierteljahrsschrift. N. F, Bd. 50, Uoft 2, S. 274. 


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216 


Falk, 


ät/Q, enthielten. Diese Ansicht wurde zuerst von Praxagoras, dann 
namentlich von Erasistratus vertheidigt; wie A. von Haller') 
glaubt, mochte letzterer zu diesem Irrthumc dadurch gelangt sein, dass 
durch die weissliche, dicke, bindegewebige (cellulosa) Wand der Ar¬ 
terien das Blut nicht so wie durch die der Venen hindurchschimmern 
könne. Der Autorität des Erasistratus sind dann u. A. Cicero, 
Aretäus, Rufus gefolgt. Dieser Irrlehre vom Luftgehalte der Ar¬ 
terien im Leben ist aber schon Galen in einer besonderen, treff¬ 
lichen Experimental-Arbeit 1 2 ) entgegengetreten. Im weiteren Verlaufe 
musste nun schon jene, gleichsam grundlegende Beobachtung der post¬ 
mortalen Blutleere der Arterien eine gewisse Einschränkung sich ge¬ 
fallen lassen. Schon von Harvey und einigen seiner frühen Nach¬ 
folger ist wahrgenommen und hinreichend hervorgehoben worden, dass 
die Arterien nach dem Tode Blut enthalten, nach Ansicht Mancher 
fast immer oder gar constant (Pasta), nach Meinung Andrer nur 
exceptionell (Morgagni); nach Einigen findet man das Blut gewöhn¬ 
lich nur in den grossen Arterien-Stämmen nahe dem Herzen, und da 
wieder nach der Meinung Einiger (z. B. Lancisi) ausnahmslos; 
Einige aber begegnen ihm auch in kleineren Schlagadern; Etliche, wie 
u. a. Haller, der auch hierüber das Historische bringt, nicht minder in 
den kleinsten arteriellen Gefässen, quas rubor contenti sanguinis solus 
conspicuas reddit. Einige mochten beim Anstechen grosser Arterien 
der Leiche das Blut sogar spritzen sehn. Die Einen wollten das 
Blut in den Arterien von Leichen Erstickter, Trunkener (Harvey, 
Haller, ßichat, Williams) und an malignen Fiebern Gestorbener^ 
(Wedemeyer) wahrgenommen haben. Dann fanden andre Autoren 
z. B. beim Verblutungstode die Schlagadern in der Leiche sogar bis 
zum Verschwinden des Lumens verengt, u. A. John Hunter die 
Nabelschnur-Arterien. Einige haben den Grad der postmortalen Ver¬ 
engung der Schlagader-Lichtung gemessen und ihn hoch befunden 
(H ewson), Andre (Treviranus) behaupten, dass die Entleerung 
der Arterien nach dem Tode ohne nennenswerthe Lumen-Verminderung 
vor sich gehe. Von Einigen, welche hier die Elasticität, nicht die 
Contractilität der Arterienwand gelten lassen wollen, wird ferner 
angegeben, dass die postmortale Entleerung erst nach Verlauf „einer 


1 ) Vergl. A. v. Hai ler: Elemente physiologiae. 1777. Tom. I. Lib. III. 
Sect. 1. § 1. pag. 195. 

2 ) Elxarä <püoi\> iv dprr)p(at$ oifpa itepiiytTai. Edit Kühn. Tom.IV. pag. 703. 


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Uebar postmortale Blut Veränderungen. 


217 


geraumen Zeit-* (Wedemeyer) eintrete und nie bis zum gänzlichen 
Verschwinden der Lichtung fortschreite. 

Ich selbst habe nun ebenfalls im Laufe meiner forensisch-anato¬ 
mischen Thätigkeit im Verhältniss zu meinen ursprünglichen Erwar¬ 
tungen merklich oft Blut in Arterien der Leiche, und zwar in Schlag¬ 
adern verschiedenen Calibers angetroffen. Ich fand es dann in flüssigem, 
andre Male, anscheinend seltener, in geronnenem Zustande; allerdings 
stachen hier die dünnen, länglich-platten Coagula in den Arterien von 
den dicken, massigen Pfropfen in den benachbarten Venen oft genug 
deutlich ab, wie ich auch eine „strotzende“ Füllung der Arterien des 
grossen Kreislaufes mit flüssigem Blute gewöhnlich vermisst habe. 
Immer auch blieb die Blutfülle der Arterien, wie hinter deren intra¬ 
vitalen Füllung 1 ), so auch hinter der der entsprechenden Blutadern 
zurück. Nur konnte ich bisher auf jenem empirischen Wege der 
Sectionen menschlicher Cadaver zu keinem abschliessenden Urtheilc 
zunächst schon über die Häufigkeit jenes Vorkommnisses im allgc- 
gemeinen gelangen. Wenn die Angaben über die Frequenz des jeden¬ 
falls erwähnenswerthen Befundes, wie erwähnt, so differirend lauteten, 
so ist hierbei die Abweichung in der Obductions-Technik der verschie¬ 
denen Autoren (z. B. der Eröffnung grosser Arterien voraufgehende 
Unterbindung derselben oder Unterlassung dieser Procedur) gewiss von 
Bedeutung. Es kommt aber darauf an, wie sich die Häufigkeit des 
postmortalen Befundes von Blut in den Arterien bei constant gleicher 
Technik eines und desselben Dissectors darstellt; ich wiederhole, ich 
bin darüber noch nicht zu genügender Klarheit gelangt. Wie ich 
weiterhin aus meinem bisherigen Materiale einen durchschlagenden 
Einfluss endarteritischer Veränderung nicht herauslesen konnte, so bin 
ich vor allem noch zu keiner stringenten Conclusion in Bezug auf die 
Todesarten gekommen, die etwa für die Gestaltung des Befundes von 
jener Bedeutung sein könnten, die eben manche Autoren haben formu- 
liren wollen. Grade in der Annahme, dass das Vorhandensein oder 
das Fehlen des Befundes möglicherweise praktisch-beachtenswerthe 
Rückschlüsse auf Vorgänge vor dem Tode zulassen könnte, habe ich 
geglaubt, mich dieser Frage auch mit einigen Thier-Versuchen zuwenden 
zu dürfen. Selbstverständlich muss, wenn wir zu einer Erklärung 


') Durchscbnittszahlen-Angaben für die Aorta s. bei F. Strassmann: 
Die Todtenstarre am Herzen. Diese Vierteljahrsschrift Bd. 51. Heft 2. S. 310. — 
Von der gefüllten Aorta heben sich meist schon die leeren Intercostal-Arterien ab. 


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218 


Falk, 


kommen wollen, warum bei der einen Section Blut, bei der andren 
keins in den Arterien gefunden wird (bisher habe ich, auch wenn 
mir die Vorgänge vor dem und im Sterben bekannt waren, vor der 
Obduction nichts über den Befund in den Arterien vorherzusagen ge¬ 
wagt), von der Erklärung der Ursachen des als Norm zu betrachtenden 
Befundes arterieller Blutleere der Leichen ausgegangeu werden. Ich 
füge hier ein, wie es doch auch zur Norm gehört, dass eine intra 
vitam bestandene arterielle Congestion an der Leiche geschwun¬ 
den ist. 

Es sei mir nun zuvörderst eine etwas eingehende Vorführung der 
verschiedenen im Laufe der Zeit geäusserten Theorieen gestattet. Ich 
bemerke, dass bei den früheren Physiologen dieser Punkt öfters be¬ 
rührt wird, wenn sie die vielbehandelte, mitunter heftig bestrittene 
Frage erörtern, ob den Arterien ausser der (physikalischen) Elastici- 
tät auch eine (biologische) Contractilität zuzusprechen sei. Ich will 
die Autoren lediglich nach ihrer Zeitfolge vorführen. 

Eine Erklärung für die postmortale Leere der Schlagadern ver¬ 
suchte zunächst schon W. Harvey 1 ): »Die Lungen stehn still und 
können das Blut von den Venen nicht aufnehmen, welches bei Fort¬ 
dauer der Herzthätigkeit in die Arterien und von dort weiter gepumpt 
wird; stehn Lungen und Herz gleichzeitig still, wie bei Ertrunkenen 
oder in Syncope und plötzlich Verstorbenen, so sind die Arterien 
nach dem Tode in gleichem Grade mit Blut gefüllt wie die Venen.“ 
' A. v. Haller 2 ) äussert sich wörtlich: »Arteriae fere se contra- 
hunt exsiccatione, pressione corporum incumbentium et frigoris vi et 
attractione spontanea fibrarum cellulosarum, ex quibus componuntur.“ 

Parry 3 ) setzt auseinander, dass die Verengung der Arterien nach 
dem Tode zwei Ursachen habe, den »Ton“ (us), der als ein vitales 
Phänomen 1—2 Tage post mortem verschwindet, und die Elasticität 
der Arterienwand. Ersterer kann das Lumen vollkommen verschwinden 
machen. Wirkt nach dem Auftreten dos „Tons“ die Elasticität allein, 
so wird die Arterie wieder weiter. Aus Hunter’s Treatise on the 
blood werden die Experimente am Nabelstrang reproducirt, dessen Ar¬ 
terien, angeschnitten, den Inhalt gänzlich entleeren und nach kurzer 

') Exercitatio anatomica altera de circulationo sanguinis. (Edit. 1737. 
F. 135.) 

2 ) Loc. citat. §11. pag. 197. 

3 ) Ueber den arteriösen Puls, übers, von E. v. Embden. Hannover 1877. 
S. 93. 


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Ueber postmortale Blut-Veränderungen. 


219 


Zeit zu festen Strängen werden. Die Blutleere der Arterien nach dem 
Tode erklärt Parry wesentlich durch den „Ton“, welcher den Inhalt 
entleere, der nun auch später, wenn die Arterien sich durch ihre Ela- 
sticität erweitern, nicht zurückkehre. 

Als Beweis für die Existenz rausculöser Kräfte auch in den grossen 
Arterien (Carotis, Aorta abdominalis) galt Parry die ihm öfters ge¬ 
glückte Beobachtung, dass eine einzelne Stelle einer dieser Schlag¬ 
adern sich contrahiren kann, als läge eine unvollkommene Ligatur 
darum, während die Arterie oberhalb und unterhalb weit bleibt. 

Wedemeyer 1 ) meint, „dass die Erscheinung der Blutleere der 
todten Arterien nicht hinlänglich erklärt ist und noch viel Dunkles 
enthält.“ Sie ist ihm (wörtlich) „theils Produkt der grösseren Ela¬ 
sticität 2 ) der Arterien häute, die das Blut nach den weiteren Capillaren 
und Venen treibt, theils im Gesetz der Schwere begründet, theils Ca- 
pillar-Attraction, welche die Häute der Gefässe auf das in ihnen auf¬ 
gelöste Blut ausüben, Aufsaugung des Blutes durch die Wand, Transsu¬ 
dation und Evaporation des Blutwassers, theils vielleicht noch fort¬ 
wirkende vitale Anziehung des Blutes nach den Haargefässen. “ 

Allan Thomson 2 ) lässt dem entgegen die Blutleere der Ar¬ 
terien der Leichen lediglich eine Folge langsamer Zusammenziehung 
des gesammten [weiten Arterien-Rohres durch Contractilität (tonic 
power) der Schlagader-Wandung sein. 

Job. Müller 4 ) widmet der Erscheinung folgende Erörterung: 
„Die Blutleere der Arterien nach dem Tode rührt zum Theil daher, 
dass, je schwächer der Herzschlag, um so mehr die Elasticität der 
Arterien dem Antriebe des Blutes das Gleichgewicht halten kann, um 
so enger die Arterien sind und um so weniger Blut sie im Verhält- 
niss zu den Venen enthalten. Die Arterien sind eigentlich nach dem 
Tode grössten theils nicht ganz leer, sondern viele enthalten so viel 
Blut, als sie im verengten Zustande zu fassen vermögen.“ 


Untersuchung über den Kreislauf des Blutes. 1828. S. 415. 

2 ) Schwenke hatte in seiner Hämatologie, S. 81, die Anschauung go- 
äussert, dass, wenn durch Fäulniss der Säfte (bei Trinkern, bösen Fiebern) die 
Elasticität der Arterien geschwunden ist und Hindernisse in den kleinsten 
Capillaren obwalten, das Blut post mortem nicht in die Venen getrieben 
werden kann. 

3 ) Todd’s Cyclopädie. Tom. I. 1836. Circulation: slow contraction of the 
whole of the Jarge arterial tube. 

4 ) Handbuch der Physiologie des Menschen. 1838. Bd. 1. S. 202. 


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220 


Falk, 


Bei Bergmann'), der auf „ Parry’s vortreffliche Untersuchungen“ 
hinweist, lesen wir, dass nach dessen und seinen eigenen Darlegungen 
die contractile Faser ohne Unterstützung des elastischen Gewebes, ja 
selbst gegen das elastische Gewebe wirkend, eine „bedeutende Ver¬ 
engung selbst an grossen Arterien hervorbringen kann“ und „diese 
Erscheinung das Einzige ist, was bis jetzt einen positiven Anhalts¬ 
punkt für die Erklärung der Leerheit der Arterien nach dem Tode 
giebt.“ 

0. Funke 2 ) argumentirt: „Die völlige Leere der Arterien im 
Leichnam lässt sich nur dadurch erklären, dass nach Herstellung des 
Druckgleichgewichts in Arterien und Venen in Folge der Sistirung der 
Herzthätigkeit die Arterien sich noch vollständig zusammenziehen und 
alles Blut in die Haargefässe und Venen treiben. Das Blut würde 
auf diese Weise in den Venen eine ausserordentliche Druckhöhe er¬ 
reichen, wenn nicht nach dem Tode die Gefässwände permeabler würden 
und so besonders durch reichliche Transsudation aus den Qaargefässen 
in die Gewebe jene Druck-Erhöhung sich ausgliche. Die eintre¬ 
tende Gerinnung verhindert ausserdem den Rücktritt des Blutes aus 
den Venen in die wieder erschlafften Arterien.“ 

In ihren Versuchen über „die Locomotion des Blutes durch die 
glatten Muskelfasern 8 )“ kommen auch v. Bezold und Gscheidlen 
auf die uns hier interessirende Frage mitteninne zu sprechen. Sie 
stellen eine Reihe von Experimenten an curaresirten Thieren derart an, 
dass sie in die Carotis und Jugularis Soda-Monometer einbinden und 
dann nach Abbindung und elektrischer Tödtung des Herzens die Span¬ 
nungen messen. Bei unversehrtem Rückenmark war eine Minute nach 
der Abbindung des Herzens der Venen- und Arteriendruck gleich und 
betrug im Mittel 86 mm Blutsäule. Bei vorher durchschnittenem 
Rückenmark war die arterielle Spannung nach einer Minute auch gleich 
86,6 mm, der venöse aber nur 43,4 mm. Trotz des vorher niedrigen 
Arterien-Druckes war also die Spannung nicht mehr gefallen, der ve¬ 
nöse aber war viel weniger hoch gestiegen. Wurde bei derselben An¬ 
ordnung eine Minute nach Abbinduug des Herzens das Halsmark ge¬ 
reizt, so war der Effect bei vorher intactem Marke minimal; wenn 


') Handwörterbuch der Physiologie. Bd. 2. S. 260. 

2 ) Lehrbuch der Physiologie. 1860. Bd. 1. S. 111. 

3 ) Untersuchungen aus dem Würzburgor physiologischen Laboratorium. 
1867. II. Heft. 


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Ueber postmortale Blut-Veränderungen. 


221 


aber das Rückenmark durchschnitten worden, hatte die Reizung meist 
erhebliches Sinken des arteriellen, stets aber stärkeres Steigen des 
venösen Druckos zur Folge. Jene Autoren gelangen darauf zu dem 
Schlüsse: Die Erscheinungen der postmortalen Blutleere der Arterien 
und Blutfüllo der Venen sind als das Resultat einer die Arbeit dos 
absterbenden Herzens überdauernden automatischen oder reflectorischen 
Hirnthätigkeit zu bezeichnen; den Veränderungen im Elasticitäts-Grade 
der Gcfässwandungen gebührt möglicherweise ein Antheil, ein unge¬ 
mein wichtiges Moment ist aber hierbei die Innervation der Muskeln 
in den kleinen Gelassen des Körpers. 

Im Verlaufo von Untersuchungen, welche er unter H. Kro¬ 
ne cker's Leitung „über arterielle Blutungen“ angestellt hat, glaubt 
schliesslich v. Kireeff 1 ) seine Ergebnisse kurz auch für die Blutleere 
der Arterien nach dem Tode verwerthen zu könuen. Er hat an leben¬ 
den Thieren festgestellt, dass Anämie einen starken Contractions-Reiz 
für die Gefässwandungen abgiebt und dass sich (bei Verblutungen) 
kräftige Arterien nach beiden Seiten contrahiren; mit der Anämisi- 
rung will er die Leere mittlerer und kleiner Schlagadern bei Blut- 
haltigkeit der allergrössten nach dem Tode erklären. — 

Aus dieser Blüthenlese geht hervor, dass diejenigen Forscher, 
welche in (zu andren Zwecken angestellten) Experimental-Unter¬ 
suchungen jene Frage streiften, das Hauptgewicht für die Erklärung 
der postmortalen Arterien-Leere auf die Contractilität, d. h. auf die 
Thätigkeit musculöser Apparate in der Gofässwand legen, und zwar 
namentlich Parry vor, v. Bezold und Gscheidlen nach Fundi- 
rung der Lehre vom vasomotorischen Nervensysteme, und es hat übri¬ 
gens diese Arbeit der letztgenannten Autoren grade noch in neuerer 
Zeit gerechtfertigte Berücksichtigung von gerichtsärztlicher Seite er¬ 
fahren 2 ). 

ln der That wird durch die Heranziehung der Gefässrauskeln und 
des Gefassnervensystems zur Erklärung des Befundes von vornherein 
das Verständnis für manche dahin gehörige Beobachtungen eröffnet; 
wir nennen hier vor allem die Thatsache der Abweichung im Ver¬ 
halten verschiedener Gefäss-Provinzen, denn die Erregbarkeit der ver¬ 
schiedenen Gefässnerven-Bezirke ist eine differirende, und es hat na¬ 
mentlich Owsjannikow dargethan, dass zum mindesten gewisse Ab- 


Sitzung der Physiologischen Gesellschaft zu Berlin vom 20. Juli 1883. 
2 ) E. v. Hofmann, Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. 1887. S. 514. 


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Falk. 


thoilungen des vasomotorischen Systems in einer gegenseitigen Unab¬ 
hängigkeit zu den centralen Reiz-Apparaten stehn können. Nun ist 
vor allem der Blutgehalt in den Verzweigungen der Lungenschlag¬ 
ader im Gegensatz zur Leere andrer Arterien besonders häufig, der¬ 
art u. a., dass man die Ueberfüllung der Lungen-Arterie unter den 
charakteristischen Sectionsresultaten beim Erstickungstode anführen 
konnte 1 ). Es darf nun dies abweichende Verhalten der Lungen-Arterie eben 
schon dadurch erklärt werden, dass, wie Aubert, Badoud, Licht¬ 
heim, Hofmokl, Zuntz, Knoll erwiesen haben, der Lungen-Kreis- 
lauf sehr viel weniger von dem Nervensysteme abhängig ist als der 
Körper-Kreislauf, norvöse Einflüsse sich auf die Lungengefässe, wenn 
überhaupt, wofür Lichtheim’s Versuche zu sprechen scheinen, die 
Existenz vasomotorischer Lungen-Nerven anzunehmen ist, jedenfalls 
in viel geringerem Grade, als auf die Gefässe des grossen Kreislaufes 
geltend machen. Allerdings mag hier sein Theil auch dem mecha¬ 
nischen Momente zukommen, dass die Druck-Differenz, „das Gefall“ 
der Blutströmung im kleinen Kreislauf merklich geringer als im 
Aorten-Systeme ist. In dritte Reihe könnte dann vielleicht schwächere 
Versorgung kleiner Pulmnalarterien-Aeste mit contractilen Elementen 
gestellt werden. 

Auch was Arterien des grossen Kreislaufes anlangt, so mag sich 
schon aus der Dürftigkeit oder dem Fehlen von Muskeln der beson¬ 
ders häufige Blutgehalt einerseits des Anfangstheiles der Aorta*), 
andrerseits der kleinsten Arterien-Verzweigungen in den Nieren ab¬ 
leiten lassen; auf die oft auffallend starke Gefässfüllung in den Mal- 
pighi’schen Nieren-Knäueln, also rein arteriellen Theilen, hat Virchow 
gelegentlich aufmerksam gemacht, indem er grade hierbei betonte, 
dass selbst bei hohem Grade arterieller Injection in der Leiche die 
Färbung von der dunkleren (blaurothen oder blauschwarzen) vieler 
venöser Hyperämieen nicht abweicht.*). 

Grade vom Standpunkte nahezu ausschliesslicher Berücksichti¬ 
gung der Gefäss-Innervirung ist nun im Verlaufe seiner umfassen- 


•) J. L. Casper: Practisches Handbuch der gerichtlichen Medicin. 1864. 
lid. 2. S. 488. 

2 ) lieber die Anordnung der contractilen Elemente auch in den grössten 
Arterion: s. Ranvier, Traite technique d’histologie. 

3 ) ikrtions Technik. 


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Ueber postmortale Blot- Veränderungen. 


223 


den Untersuchungen über das vasomotorische Nervensystem Vul- 
pian'), ohne früherer Forscher wenigstens mit Namen zu gedenken, 
an die hier vorliegende Frage mit bald zu erwähnenden Experimenten 
unmittelbar herangetreten, während wir nach solchen in den Arbeiten 
der Leipziger Schule, der wir doch die zahlreichsten Bausteine zur 
Lehre von der Gefäss-Innervation überhaupt verdanken, vergebens 
suchen. 

Wie wir annehmen, dass in Folge von agonaler oder postmor¬ 
taler, sich dem gewöhnlichen Gefäss-Tonus hinzugesellender Erregung 
des vasomotorischen Nerven-Apparates die Arterien nach dem Tode 
leer sich darstellen, so ist auch schon durch andersartige Beobach¬ 
tungen die Persistenz der Irritabilität der Arterien (vom Centrum wie 
von der Peripherie aus) bis Stunden lang nach dem endgiltigen Auf¬ 
hören der Circulation erwiesen, und überhaupt sehn wir die glatten 
Muskeln in den vom Sympathicus innervirten Organen in und noch 
nach dem Tode in lebhafte Action treten: ich denke hier vor allem 
an die Pupillen, die Därme, und von der Milz hat Bochefontaine 
dargethan, dass sie im Sterben vom cerebro-medullaren Centrum aus 
auf den Bahnen der Nerv, splanchnici eine Reizung erfährt, die (beim 
Hunde) eine starke Contraction des Organs zur Folge hat 2 ). 

Es hat nun, um an Vulpian anzuknüpfen, dieser zunächst darauf 
hingewiesen, dass, was an Leichen mit dem Blute vor sich geht, ex¬ 
perimentell auch mit andren Flüssigkeiten geschehen kann: wenn 
man unter sehr schwachem Drucke Milch in die Arterien eines eben 
getödteten Thieres injicirt, so tritt dies Fluidum durch die Capillaren 
in die Venen über. Dann hat jener Autor einige Special-Versuche an 
Fröschen angestellt: er entfernte ihnen das Herz und liess das Blut 
ausfliessen, dann exstirpirte er auf der einen Seite das Ganglion cervi- 
case supremum und bemerkte an der Zunge, dass die postmortale Er¬ 
fassung nur auf der intacten, normal innervirten Seite auftrat. In 
einer andren Versuchsreihe durchschnitt Vulpian auf der einen Seite 
alle sympathischen Nerven, die vom Abdominal-Plexus zu den Lumbo- 
Sacral-Nerven gehn. Wenn diese Frösche hernach (bis zu 3'/ 2 Mo¬ 
nat nach der Operation) starben, so konnte er beobachten, dass die 
Gefässe der hinteren Extremität auf der operirten Seite mehr oder 


') Le^ons sur l’appareil vasomoteur. 1875. 

2 ) Vulpian, loc citat. T. 2. p. 333. Anm. 


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224 


Falk. 


minder blutgefüllt blieben, während die der entgegengesetzten Glied* 
maasse fast blutleer waren ’). 

Die durch vasomotorische Erregung bedingte postmortale Ver¬ 
kleinerung der Gefässlichtung braucht sich nicht auf die Stämme und 
Aesto der Arterien zu beschränken; sehn wir doch auch an lebenden 
Thieren, dass bei Reizung des Nervus sympathicus am Kopfende sich 
nicht blos die Arterien verengen, sondern auch die Capillar-Bezirke 
und die aus ihnen hervorgehenden Venen-Wurzcln erblassen, während 
die Venenstämme gefüllt bleiben. Nur muss doch, wenn wir die post¬ 
mortale Entleerung der Arterien auf die rausculöse Thätigkeit ihrer 
Wandung zurückführen, folgendes in Betracht gezogen werden, was 
auch Vulpian nicht entgangen ist: nach übereinstimmender An¬ 
schauung der Physiologen 2 ) könnten die Muskeln der (lebenden) Ar¬ 
terien nur dann einen Einfluss auf die Bewegung des Blutes gewinnen, 
wenn sie sich regelmässig in centrifugal fortschreitender Weise zu- 
sammenziehn würden; dies ist aber erfahrungsgemäss unter normalen 
Kreislaufs-Verhältnissen nur ausnahmsweise der Fall. Hauptsächlich 
sind ihre Contractionen tonisch und darauf beruht ihre Bedeutung 
vorzugsweise. Allerdings behaupten Legros und Onimus, dass die 
Arterien bei Lebzeiten peristaltische Bewegungen, denen des Darmes 
analog, ausführen, doch ist dies grade lebhaft auch von Vulpian 
bestritten worden. Wenn wir also Fortschwemmung des Blutes aus 
den Arterien durch Gefässmuskel-Action annehmen, so muss diese 
letzte Folge vasomotorischer Erregung, anders als die intravitale, 
sich in einer rhytmischen, peristaltischen Thätigkeit der Arterien wand 
abspielen, wie solche noch postmortal lebhaft an den glatten Muskeln 
der Wandung des Digestions- und des Genital-Canales zur Beobachtung 
kommen kann. Aber die Annahme einer derartigen Abweichung von 
der sonstigen Form der Contraction hat nichts gezwungenes. Wenn 
wir mit Fick, Hermann und Brown - Sequard, zu alter An¬ 
schauung zurückkehrend, die Starre der willkürlichen Muskeln als die 
lotzte Contraction derselben, ihre finale Lebensäusserung aufzufassen 
uns anschicken, so bietet doch auch diese immer noch beachtens- 

') Vulpian, loc. citat. p. 375. Er weist gleichzeitig darauf hin, wie 
jene Vorgänge im sympathischen (Pupillar-, Abdominal-, vasculären) Gebiete, die 
sich als gewöhnliche nach dem Tode abspielen, in vivo im pathologischen Bilde 
der Syncope zur Erscheinung kommen. 

2 ) Vergl. namentlich Aubert: Die Innervation der Kreislaufs-Organe in 
L. Hermann’s Handbuch der Physiologie. Bd 4. I. 


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Ueber postmortale Blut-Veränderungen. 


225 


werthe Unterschiede von dem Vorgänge normaler intravitaler Zu- 
sammenziehung dar; um so weniger brauchen derartige Abweichungen 
an der bei Lebzeiten in stetem Tonus befindlichen Gefässmusculatur 
auffällig zu erscheinen. Ist aber in obigem die Erklärung des ge¬ 
wöhnlichen Befundes arterieller Blutleere der Leichen gegeben, so ist 
damit noch nicht dargethan, warum er doch oft genug vermisst wird, 
auch unter Verhältnissen, die jenen von Vulpian experimentell an 
Fröschen durch Gefassnerven-Durchschneidung erzeugten nicht an die 
Seite gesetzt werden können ( ). 

Es liegt nahe, von vornherein daran zu denken, dass ein Moment 
dazwischen tritt, welches, bevor die gewöhnliche postmortale Fort¬ 
bewegung des Blutes durch die Arterien sich in’s Werk gesetzt hat, 
oder bald nach deren Beginn dem Umlaufe hemmend entgegentritt, 
das Blut in arteriellen Bahnen gleichsam fixirt. Als ein solches 
Moment kann für gewöhnlich kaum etwas anderes als der die Be¬ 
wegungen an der Gefässwand vorläufig abschliessende Zustand der 
Starre ihrer Muskeln erscheinen. 

Wenn wir schon im allgemeinen dem Vorgänge der Starre in 
den glatten Muskeln weniger Beachtung geschenkt finden, so wird in 
Sonderheit jenes Zustandes an den Gefässmuskeln kaum je, auch 
nicht in grösseren physiologischen Werken, auch nicht in jener Vul- 
p.ian’schen Monographie gedacht. Indessen haben wir begreiflicher¬ 
weise gar keinen Anlass für die Annahme, dass grade nur die Ge- 
fässmuskeln dem Rigor nicht anheimfallen sollten. Tritt dieser be¬ 
sonders früh ein, so könnte die Entleerung der Arterien wirksam auf¬ 
gehalten werden, ganz besonders wenn gar die Gefässmuskel-Starre 
sich unmittelbar an die letzte vitale Contraction zeitlich anschliessen 
sollte, wie solches zwar an quergestreiften Muskeln nur ein aus¬ 
nahmsweises, an glatten aber ein viel häufigeres Vorkommniss 3 ) dar¬ 
stellt. Um namentlich auch nach dieser Richtung hin Klarheit zu er¬ 
langen, habe ich eine Reihe von Experimenten an Warmblütern an¬ 
gestellt. 

Ich bemerkte hierbei zunächst, dass bei diesen Experimenten an 
den gewöhnlichen kleinen Versuchs-Säugethieren der postmortale Bc- 


') Der Pall von arterieller Blutfülle, den Morgagni deswegen besonders 
auffallend getänden hat. betraf eine Rückenmarks-Erschütterung. De sedibus et 
causis morborum. Lib. IV. Epist. LIV. § 25. Aehnlicbes habe ich selbst zu 
beobachten Gelegenheit gehabt. 

*) Vergl. Verf.: Diese Vierteljahrsschrift. Bd. 50. Heft 2. S. 370. 


Vierteljahrttehr. /. ftr. Med. N. F. LU. 9. 

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226 


Falk, 


(und von Blut in den Arterien ein häufigerer zu sein schien als in 
menschlichen Leichen; Brust- und Bauch-Aorta zeigten sich, auch bei 
erst 24 Stunden nach dem Tode vorgenommener Section, oft bis weit 
über ihre ersten Theilungsstellen hinaus mit dunklem (bei Kaninchen 
meist geronnenem) Blute 1 ) gefüllt, der Art, dass es sich im nach¬ 
stehenden vielfach nicht um den Unterschied: voll oder leer, sondern 
nur um quantitative Differenzen in der Blutfülle handeln kann. Man 
braucht hierbei nicht an Unterschiede in der vasomotorischen Erregbar¬ 
keit von Mensch und Thier zu denken, auch nicht auf die leichte 
Coagulations-Fähigkeit des Kaninchen-Blutes ein Hauptgewicht zu 
legen, sondern darf sich schon daran halten, dass wir es bei unsern 
Kaninchen-Versuchen ausnahmslos mit Opfern gewaltsamer, das Ge- 
fässnervensystem mehr oder minder stark in Mitleidenschaft ziehender 
Todesarten zu thun haben, wie ja auch an menschlichen Leichen 
forensische Obductionen häufiger als andre Sectionon den uns hier 
interessirenden eigenthümlichen Befund erkennen lassen. 

Was dann die postmortalen Vorgänge an und in den Arterien 
der Thiere anlangt, so lehrte die Beobachtung der während der 
Tödtung blossliegenden Carotiden, dass dieselben alsbald nach dem 
Auf hören der Herz-Arbeit zusehends rasch sich stark verengten; es 
ist dies leicht erklärlich, indem die Ausdehnung der Blutgefässe nicht 
von dem Contractions-Zustande ihrer Muskeln allein, sondern auch 
von dem Druck des Blutes, welcher durch die Thätigkeit des Herzens 
gesetzt wird, abhängig ist. Es wäre derartiges auch ohne eigene Con- 
traetion jener Gefässe erklärlich. Ist die Arterie nun zuerst nach 
Fortfall der Dehnung passiv eingesunken, so nimmt dann durch active 
Thätigkeit der Gefässwand das Lumen weiterhin ab, bis zu band¬ 
artiger Constriction. Mit diesem Collaps der Gefässlichtung ist aber 
die Blutentleerung noch lange nicht vergesellschaftet: anscheinend 
ganz zusammengefallene Arterienstämme können Anfangs noch eine 
ansehnliche Menge Blut enthalten und bei Oeffnung der Adern heraus¬ 
befördern lassen. Etwa eine Stunde später fand ich in Arterien-Aesten 
des Carotiden- oder des Crural-Bezirkes, die auch bei jenen kleinen 
Thieren meist blutleer angetroflfen wurden, diese Anämisirung in voll- 

l ) Ich habe bereits früher (Virchow’s Archiv, Bd.59, S.37) angedeutet, 
dass man oft unter Verhältnissen, die uns an Menschen, z. B. beim Erstickungs¬ 
tode, flüssiges Leichenblut erwarten lassen, in Kaninchen, schon bald nach dem 
Absterben wie später, zusammenhängende intravasouläre Fibrin-Coagula vor¬ 
finden kann. 


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Ueber postmortale Blut-Veränderungen. 


227 


stem Gange oder schon abgeschlossen. Was nun den postmortalen 
Blut-Befund in den Arterien, vor allen auch den grösseren betrifft, 
so fand ich, um an die oben erwähnte Harvey’sche Anschauung an¬ 
zuknüpfen, im Gegensatz zu derselben keinen Unterschied, ob das 
Herz oder die Lungen zuerst ihre Thätigkeit eingestellt hatten: zum 
Vergleich wählte ich Thiere, die in Folge von doppelseitigem Pneumo¬ 
thorax und solche, die durch Amylnitrit-lnhalation gestorben waren. 

Da ich nun in der Starre der Gefässmuskeln einen bedeutsamen 
Factor vermuthete, so glaubte ich, starken Blutgehalt der Arterien 
nach dem Tode dann zur Beobachtung bekommen zu können, wenn 
ich versuchte, kurz vor dem Tode das vasomotorische Nervensystem 
(vom Centrum aus) stark zu erregen und dadurch, dessen Erschöpfung 
befördernd, eine schnelle Erstarrung in der Gefässwand hervorzurufen. 
Vor Augen standen mir dabei analoge Wahrnehmungen namentlich an 
der willkürlichen '), doch, wie das Verhalten des Herzens*) erweist, 
auch an der unwillkürlichen und, wie namentlich die Erscheinungs¬ 
weise der Cutis anserina lehren kann, der glatten Musculatur 3 ). In 
vorangegangenen Versuchen hatte ich mich bemüht, womöglich eine 
schnelle Paralysirung des Gefässnerven-Centrums direct, d. i. ohne 
vorgängige Reizung desselben herbeizuführen; aber eine derartige, 
rasch letale Afficirung des vasomotorischen Central-Apparates, z. B. 
durch toxische Eingriffe wie durch Amylnitrit zu erzielen, gelang 
nicht recht. 

Ich ging somit an Erstickungs-Proceduren, und zwar indem ich 
die Suffocation an dem eiuen Thiere durch festes Zusammenschnüren 
der Trachea schnell, am andren durch allmälige Luftröhren-Ein¬ 
engung langsamer und an noch andren durch Erstickung unter einer 
Glasglocke ganz allmälig herbeiführte. Die Veränderungen am Lumen 
der Ohrgefässe konnten den Erregungs-Zustand der vasomotorischen 
Nerven-Apparate wiederspiegeln. Ich setzte voraus, dass wenn der 
Paralvsirung nur kurze Perioden vasomotorischer Erregung vorange¬ 
gangen, ein früher Eintritt der Starre in der Gefässmusculatur nicht 
begünstigt war. Die Section machte ich hier (wie bei den noch zu 
besprechenden Experimenten) gewöhnlich gegen 24 Stunden nach dem 


f ) Hier bereits von Brücke und von G. G. Mitscherlich beobachtet. 
(Vergl. Dubois-Reynoond: Untersuchungen über thierische Electricität. 1849. 
Bd. 2. S. 164.) 

*) F. Strassmann, loc. citat. 

*) Verf. a. a. 0. 


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228 


Falk, 


tödtlichen Ausgange der Versuche. Fand ich nun den Blutgehalt der 
Arterien nach dem Tode bei allen diesen Erstickten deutlich, so war 
er bei den Thieren der zweiten und dritten Kategorie stärker als bei 
denen der ersten Reihe, besonders ausgeprägt bei den durch allmälige 
Tracheal-Constriction verendeten. Aber so constant waren diese ana¬ 
tomischen Ergebnisse denn doch nicht. Anschaulichere Resultate 
glaubte ich dann von mechanischer Lädirung der intracraniellen Contra 
erwarten zu dürfen, und deshalb wurde der Nackenstich nach Flou- 
rens, die Vernichtung des noeud vital vorgenommen. Gelang diese 
Procedur derart, dass die Thiere blitzartig todt umfielen oder unter 
geringen Zuckungen verendeten, war danach zu vermuthen, dass eine 
wesentliche Ueberreizung der vasomotorischen bulbären Centren ver¬ 
hütet, so konnte auch der Weg für eine frühe Erstarrung der Gefäss- 
muskeln nicht geebnet sein. War es aber nicht zu vermeiden, dass 
noch ein deutlicher Todeskampf mit heftigen klonischen Zuckungen 
dem Nackenstich erst folgte, so konnte auch ein starker Reiz-Zustand 
jener Gefassnerven-Apparate als hervorgerufen gelten. In der That 
zeigte sich in der ersten Kategorie von Fällen der postmortale Blut- 
gehalt der Arterien morklich weniger dentlich, unverkennbar schwächer 
und minder ausgedehnt als nach der zweit-erwähnten Versuchs-Ge¬ 
staltung. Besonders augenfällig erschien die Differenz in den Arterien- 
Bezirken vom Hiatus aorticus diaphragmatis an. Aber — leider war 
das Ergebniss auch in dieser Versuchsreihe nicht immer das gleiche: 
in einigen, wenn auch seltenen Fällen stellte sich der Befund anders, 
wenigstens nicht so überzeugend und zweifelsfrei dar, wie ich vor der 
Section glaubte erwarten zu sollen und Vorhersagen zu dürfen. Es 
kommt hier vermuthlich auch eine verschiedene vasomotorische Erregbar¬ 
keit der einzelnen Thier-Individuen zur Geltung. Dennoch glaubte ich, 
noch an Eingriffe, die ganz besonders das vasomotorische Nerven¬ 
system in Erregung zu versetzen geeignet sind, herangehn zu dürfen und 
sollen. Darauf gestützt, dass nach Untersuchungen von L. Traube, 
CI. Bernard, J. Rosenthal und Grünhagen') eine solche Gefäss- 
nerven-Erregung durch Nicotin verursacht wird, injicirte ich dies Al¬ 
kaloid einigen Thieren, um sie dann durch Constriction der Luftröhre 
zu ersticken. Am albinotischen Kaninchen konnte ich zunächst eruiren, 
welche Dosen nöthig waren, um eine deutliche Arterien-Verengerung 


Siehe L. Hermann: Lehrbuch der experimentellen Toxicologie. 1874. 

S. 321. 


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Ueber postmortale Blot-Veränderungen. 


229 


zu erzielen. Letztere war dann bei diesem und dom anderen Thiere 
von nahezu gleicher Grösse (bei merklicher Erregung der Skelett- 
Musculatur) eine vorübergehende und durfte dies auch hier in so fern 
sein, als nicht Tod durch Nicotin beabsichtigt war; auch wurde deshalb 
am nämlichen Thiere nur wenige Male injicirt, wobei übrigens mit 
der Nicotin-Dose schon gestiegen werden musste. Der Gefasskrampf 
wurde relativ ausgeprägter, die Wirkung des Alkaloids auf die übrige 
Musculatur schwächer, wenn ich statt des reinen Nicotins ein solches 
injicirte, welches mehrere Tage an Licht und Wärme gestanden hatte: 
ich konnte hierbei eine gelegentliche Angabe von CI. Bernard be¬ 
stätigen, nach welcher reines Nicotin jene Wirkungen auf die Körper- 
Musculatur, das alterirte die auf die Gefässe in den Vordergrund 
treten lässt'). 

Wenn ich nun diese Thiere nach dem Gefasskrampf oder gar 
noch während desselben durch feste Constriogirung der Trachea er¬ 
stickte, so ergab allerdings die Section eine starke Füllung der Ar¬ 
terien, und so könnte dem eine entscheidende Bedeutung beigelegt 
werden, wenn — nicht auch einfach erstickte Thiere mehrfach einen 
gleichen Obductions-Befund dargeboten hätten. 

Um endlich eine noch intensivere Erregung vasomotorischer Cen¬ 
tral-Apparate zu bekommen, wurde Tetanisirung des Rückenmarkes 
in Angriff genommen, und zwar wurden von Herrn Prof. Zuntz die 
Electroden, um einen zu jähen Tod der Thiere zu verhüten, zwischen 
6. und 7. Hals- und 4.—5. Brustwirbel angebracht. Derselbe nahm 
im ersten dieser Versuche, um den Grad der erzielten Gefäss-Ver¬ 
engerung erkennen zu lassen, die kymographische Prüfung zu Hülfe. 

An einem mittelgrossen Kaninchen wurde durch die erwähnte Reiz-Methode 
and die von ihr bewirkte Gefäss - Verengerung der Anfangs-Blutdruck bei 
72 Rollen-Abstand des von einem schwachen Bunsen’schen Element gespeisten 
da Bois’schen Schlitten-Inductoriums am 50mm.Hg, durch eine darauffolgende 
Reizung bei gleichem Rollen-Abstande um 34 mm., durch eine dritte Reizung 
bei 60 R.-A. um 46 mm. erhöht. Eine neue Reizung bei 40 R.-A. blieb ohne 
Effect: nach derselben trat unter allmäliger Abnahme des Blutdruokes Exitus 
letalis ein, wesentlich duroh Aufnahme der zur Verhinderung der Blutgerinnung 
angewandten (25%gen) Magnesia sulf.-Lösung bedingt. Die Dauer des ganzen 
Experimentes betrug 5 1 /, Minuten. 

An einem zweiten, etwa gleich grossen Thiere kam es bei einem Rollen- 
Abstande von 72 zu Tetanus (Opithotonus), desgleichen, nach 1 Minute Pause, 


') Lebens sur les effets des substanoes toxiques et mädicamenteuses. 1857. 


pag. 411. 

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230 


Falk, 


bei 110R.-Ab., dann wieder bei 100, bis schliesslich bei 80 unter starker Rei¬ 
zung des vasomotorischen Nervensystems und durch deren Einfluss der Tod nach 
einer Versuchsdauer von 5 Minuten erfolgte. 

Bei beiden Thieren erreichte hiernach die postmortale Arterien- 
Füllung die höchsten Grade dieses in den früheren Versuchen beob¬ 
achteten Befundes. Vollends kann ich es aber aussprechen, dass nach 
Grad und Ausdehnung besonders hervorstechender Blutgehalt der Ar¬ 
terien bei der Section eines dritten Thieres zur Wahrnehmung ge¬ 
langte. 

An diesem (albinotischen) Thiere wurde, um Tod durch electrische Reizung 
zu verhüten, das Rückenmark in angegebener Weise zuerst bei Rollen-Abstand 
von 120 tetanisirt; es zeigt sich nur minimale Einwirkung auf Skelett- und (wie 
die Betrachtung der Ohrgefässe klar erwies) auch der Arterien-Muskeln; beides 
wird dann aber bei 110 R.-A. deutlich und nach Aufhören der Reizung ist auch 
die reactive Hyperämie unverkennbar. Es wird nun wiederholt bei R.-A. von 
105 tetanisirt und jedesmal eine erhebliche Gefäss- Verengerung erzielt. Schliess¬ 
lich wird gleich im Anschlüsse an diesen Gefässkrainpf die Trachea constringirt, 
worauf es in den ersten Stadien der Erstickung zu einer fast völligen Depletion 
der Ohr-Arterien kommt. 


Das Sections-Ergebniss ist dann das erwähnte maassgebliche. Ob¬ 
wohl nun grade auch, und besonders diese letzte Experimenten-Reihe 
eine Bestätigung der theoretischen Combination zu liefern schien, so 
mag ich doch selbst kein allseitig abschliessendes Gewicht darauf 
legen, da die Versuchs-Anordnung eine etwas complicirte und über¬ 
dies die Anzahl dieser, weniger zur Entscheidung als zur Anregung 
bestimmten, Experimente eine bescheidene ist. 

Immerhin aber darf ich wohl das Facit ziehen, dass ausser der 
Art der vasomotorischen Erregung der Eintritt der Starre als ein 
cardinales Moment hervorgetreten ist. — 

Abgesehn nun von den angeführten, gleichsam centralen Bedin¬ 
gungen für die Gestaltung des Befundes von Blut-Gehalt oder -Leere 
in den Arterien der Leiche dürfen auch periphere, locale Verhältnisse 
nicht ausser Betracht gelassen werden. So war von der verschiedenen 
Erregbarkeit verschiedener Gefässnerven-Provinzen bereits die Rede. 
Aber auch mechanische Verhältnisse kommen zur Geltung: oft habe 
ich an menschlichen Leichen beobachtet, dass eine blutgefüllte Aorta 
thoracica in eine ganz blutleere Aorta abdominalis überging. 

Dieser Befund dürfte in den Druck Verhältnissen der Bauch- und 
Brusthöhle seine genügende Erklärung finden. Auch nach dem Tode 
steht der Inhalt der Brusthöhle unter merklich niedrigerer Spannung, 


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Ueber postmortale Blut-Veränderungen. 


231 


als der auf dem übrigen Körper lastende Atmosphärendruck, wenn 
auch dieser „negative Druck“ etwas geringer ist, als bei Lebzeiten, 
so lange normale Athembewegungen gemacht werden (Donders). 
Der Bauchinhalt steht dagegen unter einer Spannung, welche in der 
Regel den Atmosphären-Druck merklich übertrifft (Schatz). Diese 
Spannungs-Differenz fördert, wie bekannt, beim Lebenden den Strom 
des venösen Blutes nach dem Herzen wesentlich (Schweinburg); 
für die Blutbewegung in den Arterien kommt sie als Hinderniss wenig 
in Betracht, weil die absolute Spannung in den Arterien sehr hoch 
ist und im Thorax mit jedem Herzschlag einen Zuwachs erfährt. Dies 
ändert sich, sobald das Herz still steht und die Spannung im ganzen 
Arteriensystem auf ein Minimum gesunken ist. Jetzt wird die geringe 
noch vorhandene Blutmenge von dem Orte höherer nach dem niedri¬ 
gerer Spannung bewegt werden müssen, d. h. von der Bauchhöhle 
nach der Brusthöhle. Der positive Druck, welcher auf der Bauchaorta 
lastet, ist aber nicht in jedem Falle gleich. Bei schlaffen Bauch¬ 
decken und wenig gefüllten Eingeweiden übertrifft er nur wenig den 
Atmosphärendrack; anders bei straffen Bauchwänden und stark ge¬ 
blähten Därmen. Häufig wächst die Spannung im Innern der Bauch¬ 
höhle rasch und erheblich nach dem Tode. Die Gährungsprocesse im 
Darmcanale dauern an und entwickeln grosse Gasmengen, welche 
nicht mehr wie intra vitam theils resorbirt, theils durch die natür¬ 
lichen Oeffnungen entleert werden. Sie blähen daher die Bauchhöhle 
auf und da diesem Aufblähen durch die Elasticität der Wandungen, 
besonders nach Eintritt der Muskelstarre, erheblicher Widerstand ge¬ 
leistet wird, muss die Spannung im Innern der Unterleibshöhle ent¬ 
sprechend ansteigen. Bei so erhöhtem Druck in der Bauchhöhle ist 
es natürlich auch möglich, dass ein Theil des Inhalts der Bauch¬ 
arterien in der Richtung nach den untern Extremitäten verdrängt 
wird, wodurch die Blutleere in den Bauch-Arterien noch vollkomme¬ 
ner werden muss. 

Man könnte den Einwand erheben, dass die geschilderten mecha¬ 
nischen Verhältnisse auf den Inhalt der Venen ebenso wie auf den 
der Arterien sich erstrecken und daher auch die grossen Venen¬ 
stämme der Bauchhöhle post mortem blutleer sein müssten, was doch 
nicht der Fall ist. Hiergegen ist zu erinnern, dass die mechanischen 
Bedingungen, welche an den Arterien erst nach dem Tode in Folge 
des Sinkens des intravasculären Druckes wirksam werden, an den 
Venen schon intra vitam sich voll geltend machen, ja hier sogar 

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232 


Falk, 


stärker wirken, weil der negative Druck im Thorax starker war. Es 
hat sich demnach die vitale Füllung des Venensystems unter dem Einfluss 
derselben Bedingungen etablirt, welche nach dem Tode wirksam sind; 
es ist also nach dem Tode kein Grund zu einer stärkeren Entleerung 
der Bauchvenen vorhanden. Nur dann, wenn durch Gasentwicklung 
post mortem der Abdominal-Inhalt unter stärkeren Druck versetzt 
wird, dürfte eine theilweise Entleerung der B&uchhöhlen-Venen nach 
dem Thorax hin Platz greifen; eine Entleerung nach den untern Ex¬ 
tremitäten wird auch in diesem Falle durch die Klappen verhindert. 
Falls es noch flüssig ist, kohrt aber ein Theil des verdrängten Blutes 
in die Bauchhöhle zurück in dem Momente, in welchem bei der Section 
durch Eröffnung der Höhle der positive Druck in ihr aufgehoben 
wird. Der Anatom wird also auch in diesem Falle die relative Blut¬ 
leere der Bauch venen nur selten zu Gesicht bekommen. — 

Es ist ferner auf folgenden Punkt hinzuweisen: wenn in voran¬ 
gehendem so vielfach von der Action der Gefässmuskeln die Rede ge¬ 
wesen ist, so wurde stillschweigend nur die constringirende Thätigkeit 
der Ringmusculatur in’s Auge gefasst; wir wissen aber durch Unter¬ 
suchungen von Räuschel, Max Schnitze, R. Remak, Kölliker, 
L. Auerbach, Eberth, Exner, K. Bardeleben, Ewald, dass 
den Gefässen, speciell den arteriellen, auch Längsmuskeln nicht fehlen, 
durch deren Contraction, und sei dies auch nur ausnahmsweise, Ge- 
fässerweiterung hervorgerufen wird. Nun beweisen aber Kölliker wie 
Bardeleben auch die grosse Variabilität dieser Muskel-Elemente 
nach Individuen und in den Einzelheiten. Danach kann wohl auch 
von dieser Seite her ein, wenn auch vielleicht bescheidener Einfluss 
auf die Gestaltung des uns hier beschäftigenden Befundes sich Geltung 
verschaffen. Der Reichthum der Arterien an Längsmuskeln steht nicht 
in Beziehung zum Caliber der Gefässe, und wenn dann K. Barde¬ 
leb en 1 ) darthut, dass die Carotis externa eine stärkere Ringmuscu¬ 
latur als die Carotis interna und die Subclavia hat, in welcher die 
Längsmuskeln absolut stärker sind, dass das Verhältniss von Längs¬ 
muskeln zu den antagonistischen Ringmuskeln in der äusseren Kopf¬ 
schlagader nahezu das Doppelte von dem in der Carotis interna be¬ 
trägt, so darf ich hier meine Beobachtung heranziehn, dass sich oft 
genug neben ziemlich gefüllter Carotis interna die (an Ring- 


') Sitzungs-Bericht der Jenaischen Gesellschaft für Medicin und Natur¬ 
wissenschaften vom 10. Mai 1878. 


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Ueber postmortale Blut-Veränderungen. 233 

muskeln reiche) Carotis externa menschlicher Leichen ganz leer 
erwies. — 

Schliesslich könnte auffällig erscheinen, dass, wenn auf die post¬ 
mortale Bewegung des Blutes durch Gefässmuskel-Action Gewicht ge¬ 
legt wird, der Strömung durch die Thätigkeit auch der Venen-Wan¬ 
dung hierbei gar nicht Erwähnung geschieht; doch kann, von andrem 
abgesehn, auch hier kurz auf K. Bardeleben’s') Darlegungen ver¬ 
wiesen werden, nach denen er die glatten Venen-Muskeln nur für ein 
Corrigens der elastischen Nachwirkung erachtet, sic zu activer selbst¬ 
ständiger Thätigkeit im Venensystem weniger gelangen können; active 
Beförderung des Blutstromes durch Venen-Gebieto vermochte Barde¬ 
leben durch Faradisirung nicht zu erzielen. — 

Wenn wir nun versuchen wollten, aus unsern obigen Experi¬ 
menten und Erörterungen practische Schlussfolgerungen zu ziehn, d. h. 
aus dem anatomische Befunde des Blutgehalts oder der Blutleere in 
Arterien Rückschlüsse auf die Todesart oder sonstige praemortale 
Vorgänge aufbauen möchten, so wäre doch noch eine gewisse Zurück¬ 
haltung geboten. Die nämliche Todesart kann anatomisch mit oder 
ohne auffälligen Arterien-Befund sich darstellen. Auch die Frage, ob 
der Tod ein besonders rascher gewesen oder nicht, darf, nach obigem, 
nicht immer bestimmt daraus beantwortet werden, u. a. weil vollends 
beim Menschen in Betracht kommende individuelle Verschiedenheiten 
der Erregbarkeit und Erschöpfbarkeit des vasomotorischen Nerven¬ 
systems obwalten können. Der Gerichtsarzt wird hier an eine andre 
anatomische Erscheinung im Gebiete glatter Musculatur, nämlich die 
bereits erwähnte „Gänsehaut“ in so fern erinnert, als auch deren 
Vorhandensein oder Fehlen nicht unabänderlich an bestimmt fcstge- 
stellte Verhältnisse geknüpft ist. 

Es wird nun vor allem darauf ankommen, bei don Obductionen 
auf den Befund systematisch zu achten und das empirische Material 
zu fundiren. 

Es ist übrigens klar, wie grade bei postmortaler Arterien-Fül- 
lung Verletzungen, die nach dem Tode entstanden sind, zu ansehn¬ 
lichen Suffusionen führen können. 


') Ebenda. Sitzung vom 20. Juli 1877. 


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3. 


lieber das Eiadriagea KrträHbugsiAssigkeit ii die 

fiedirae. 

Von 

Dr. Ii. W. Fftgerlnnit 

Assistent an dem pathologisch-anatomischen Institute und Docent der gerichtlichen Medicin zu 

Helsingfors. 

(Fortsetzung and Schluss.) 


In der zugänglichen Literatur sind mir folgende Fälle begegnet, 
welche geeignet sind, die Frage hinsichtlich des Eindringens des Er- 
tränkungsinediums in die Därme zu beleuchten. 


XI. Zwei Knaben von 11 und 12 Jahren, mit einer alten Frau auf einer 
in’s Wasser führenden Treppe stehend, neckten und reizten dieselbe, bis sie die 
Knaben in’s Wasser stiess. Der eine wurde gerettet, der andere ertrank. 3 Tage 
nach dem Tode (bei -f- 18 Grad R. im Juli) fand sich bei der bereits faulen 
Leiche im Magen etwas breiiger Speisebrei, in welchem Wasser nioht zu erkennen 
war, das aber offenbar in den Dünndarm geflossen war, welcher hervor¬ 
gezogen und durchschnitten grosse Massen klaren Wassers aus- 
fliessen liess. Die Vena cava sehr gefüllt 1 ). 

XII. Männliche Leiche, noch sehr frisch. Der Magen enthielt nur wenig 
Speisebrei, aber der ganze Dünndarm war mit klarem Wasser erfüllt. 
Die Aussenfläche der Därme röthlich injicirt 2 ). 

XIII. Ein 30jähriger Mann., der am 31. December im Wasser gefunden 
worden, war vor 7 Wochen verschwunden und hatte auch dem Anschein nach 
so lange im Wasser gelegen, denn der Kopf war schwarz, der Körper bis auf die 
noch weissen Füsse grün, die Oberhaut aber (im Winter!) noch fest. Der 
Magen war leer, aber der Dünndarm enthielt noch eine grosse 
Menge klaren Wassers 3 ). 

XIV und XV. Beide am 24. und 25. März im Wasser gefundene, ein 
60jähriger und ein 30jähriger Unbekannter, waren faulgrün. Bei beiden 


f ) Johann Ludwig Casper’s Handbuch der gerichtlichen Medioin. Neu 
bearbeitet und vermehrt von Dr. Carl Li man. Berlin 1882, Bd. II, pag. 786, 
Fall 375. (In der Auflage von 1876 Bd. II, pag. 751, Fall 353.) 

2 ) Job. L. Casper’s Handbuch der gerichtlichen Medicin. Neu bearbeitet 
und vermehrt von Dr. Carl Liman. Berlin 1882, Bd. II, pag. 786, Fall 376. 
(In der Aufl. von 1876 Bd. II, pag. 752, Fall 354.) 

3 ) Ibidem Bd. II, pag.787, Fall380 und J. L. Casper, Klinische Novellen 
zur gerichtlichen Medicin. Berlin 1863, pag. 550. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 235 

waren Magen and Dünndarm ganz voll Wasser, bei beiden die Vena 
cava noch strotzend gefüllt 1 ). 

XVI. Die sehr frisohe Leiche eines 26jährigen Mädchens warde im Juli im 
Wasser, der Kopf vornüber im Morast steckend gefunden. Der Magen enthielt 
etwas Speisebrei und war fast ganz mit morastigern Wasser angefüllt, 
das sich auoh noch oinige Fuss tief im Dünndarm fand 2 ). 

XVII. Am 20. Juni (-{- 12 Grad R.) war ein reifer, etwa 8 Tage alter, 
mit einem Hemde bekleideter Knabe so dicht am Ufer gefunden worden, dass der 
Kopf im Moraste steokte, die Füsse aus dem Wasser hervorragten. Am folgenden 
Tage fanden sich im Magen gekäste Milch und Schlammpartikel, die sich 
auch noch mit wässriger Flüssi gkeit im Duodenum ergaben 3 ). 

XVIII. Die Leiche eines reifen neugeborenen Kindes männlichen Ge¬ 
schlechts wurde auf einem Hausflur gefunden. Erstickungserscheinungen stark 
ausgeprägt. Der Magen enthält zähen glasigen Schleim und etwa ‘/ 4 Theelöffel 
einer schiefergrauen, körnigen Masse, in welcher sich harte Krümchen nicht vor¬ 
finden. Im Dünndarm der gewöhnliche gelbliche Sobleim und im 
oberen Theile ähnliche, schiefergraue, weiche Flocken wie itn 
Magen. Im Dickdarm Kindspech. In der linken Lunge spärlich, in der rechton 
reichlicher schmierige Flocken, die sich bis in die feineren Bronchien hinein ver¬ 
folgen lassen. Luftröhre und Kehlkopf zeigen eine geröthete Schleimhaut, ent¬ 
halten feinblasigen Sohaum und ziemlich grosse, schiefergraue Partikel, weich, 
flockig, fast erbsengross, aber ohne messbare Dicke. Auch in der normalen 
Speiseröhre sind diese Massen, sowie im Schlundkopf und im hinteren Theile der 
Nasengänge. Die mikroskopische Untersuchung der im Magen und in den Luft¬ 
wegen gefundenen fremdartigen grauen Flocken zeigt, dass dieselben neben zahl¬ 
reichen Flocken nicht bestimmbarer Natur sehr zahlreiche, schwarze, unregel¬ 
mässig eckige Klümpchen und Schollen, ausserdem zahlreiche Fasern pflanzlicher 
Natur enthalten. Beim Reiben der Massen zwischen Object- und Deckglas macht 
sioh deutliches Knistern bemerkbar. — Die Erstickung war also herbeigeführt 
dadurch, dass eine fremdartige Flüssigkeit nach der Geburt die Athemwege des 
Kindes erfüllt hat 4 ). 

XIX und XX. Zwei Kinder 4 und 7 Jahre, Mädchen, wurden an dem¬ 
selben Tage aus dem Wasser gezogen. Sie waren durch ihre geisteskranke Mutter 
bineingestossen worden. Bei dem ersteren fand sich der Magen voll Speisebrei, 
ohne Wasser. In den Därmen stark wässeriger Inhalt. Blase leer. Bei 
dem 7jährigen Mädchen ergab sich im Magen viel Speisebrei und Wasser, auch 
in den Därmen viel Wasser 5 ). 


') Ibidem Bd. II, pag.788, Fall 381 u. 382 und J. L. Casper, Klinische 
Novellen zur gerichtlichen Medioin. Berlin 1863, pag. 551, Fall 12 u. 13. 

2 ) Ibidem Bd. II, pag. 788, Fall 384. (Resp. Bd. II, pag. 753, Fall 362.) 

3 ) Ibidem Bd. II, pag. 791, Fall 391. (Resp. Bd. fl, pag. 755, Fall 369.) 
*) Ibidem Bd. II, pag. 792. Fall 395. Ausführlicher: Casper-Liman’s 

Handbuch. Berlin 1876, Bd. 11, pag. 758, Fall 373. 

*) Joh. Ludw. Casper’s Handbuch der gerichtlichen Medioin. Neu be¬ 
arbeitet und vermehrt von Dr. Carl Linian. Berlin 1882. Bd. II, pag. 793, 
Fall 398 und 399. (Auf!, von 1876. Bd. II, pag. 759. Fall 374 und 375.) 


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236 


Dr. Fagerlund, 


XXI. Das junge 14jährige Mädchen hatte sich Nachts auf der Strasse von 
ihrem Bräutigam entfernt und war den anderen Morgen im Wasser gefunden wor¬ 
den. Der Magen enthält etwas gelblichen Schaum, Dünndärme oben viel 
Flüssigkeit'). 

XXII. Ein sehr hübsches ldjähriges Mädchen mit ganz frisoh eingerissenem 
Hymen lag im December (bei -{-5Grad R ) zur Obduction vor. Vorgestern Abend 
9 Uhr (also in finsterer Nacht) hatte ein Schutzmann am Canal eine Frau um 
Hülfe schreien hören, die aber alsbald verschwand, und gleich darauf die Leiohe 
im Wasser gesehen. Starke Gänsehaut. Füsse und Hände ganz normal und ohne 
Spur irgend einer Verletzung. Gischt vor Mund und Nase. Alle 4 Augenlider 
waren blau und blutunterlaufen. Links zeigte sich auf der Stirn eine schwach 
sugillirte zweigroschengrosse Stelle, hinter dem linken Ohr ein nadelkopfgrosser, 
sohwach blutiger Eindruck und an der Grenze des Unterkiefers links am Halse 
ein 3 /^ Zoll langer, hellrother, nicht gefurchter, nicht blntiger Streif, sowie eben¬ 
daselbst rechts am Halse ein 2 Zoll langer, ähnlicher. Kopf anämisch. Luftröhre 
mit zinnoberroth injicirter Schleimhaut, voll von weissem, feinblasigem Gisobt, 
der beim Druck auf die Lungen in ausserordentlichen Massen emporstieg. Speise¬ 
röhre leer. Die Lungen ganz ungemein aufgebläht. Der Magen ganz ange¬ 
füllt mit klarem Wasser, das sich auch noch in den Dünndärmen 
fand. Die weiteren Recherchen ergaben, dass der Liebhaber der Ertrunkenen ein 
förmliches ihr gegebenes Eheversprecben zurückgezogen hatte, und es hatten des¬ 
halb schon wiederholt lebhafte Auftritte stattgehabt. Am Morgen des Todestages 
hatte ein solcher sich zwischen den jungen Leuten wiederholt; am Abend stürzte 
sich das Mädchen in’s Wasser 2 ). 

XXIII. Die als irrsinnig recognosoirle 29jährige Frau Senft war im Juli 
mit einer Schnittwunde am Halse aus dem Landwehrgraben gezogen worden. Der 
Magen enthielt nur 2 Esslöffel klaren Wassers, massenhaft viel Wasser aber 
der ganze Dünndarm. Vollständige Verwesnngsanämie im ganzen Körper 3 ). 

XXIV. Auch der 18jährige Mielert wurde (im September) aus dem Wasser 
gezogen mit einer horizontalen Halsschnittwunde. Der Magen zwar leer, zeigte 
aber viel körnigen Schlamm, an der Schleimhaut anhaftend. Sehr viel Wasser 
in den Dünndärmen. Alle übrigen Eingeweide bereits sehr verwest. Die 
Schlingorgane waren unverletzt geblieben, und es war jedenfalls ungezwungener, 
den Schlamm in Speiseröhre und Magen als Befund durch vitalen Schlingact, 
als nach dem Tode hineingefiossen zu erklären, um so mehr als in diesem Falle 
wohl auch derselbe Schlamm in die Luftröhre geflossen kein würde. So nahm G. 
an: dass M. höchst wahrscheinlich nach durch eigene Hand zugefügter Halswunde 
in’s Wasser gelangt und darin ertrunken sei. C. hatte später die Freude, diese 
Epicrise des Falles insoweit bestätigt zu sehen, als bekannt wurde, dass M., der 
eine harte Züchtigung von seinem Meister zu erwarten hatte, fortgelaufen und 


*) Ibidem Bd. II, pag. 794, Fall 400. (Resp. Bd. II, pag. 759, Fall376.) 
a ) Ibidem. Auflage von 1882. Bd. II, pag. 805, Fall 406. — In der 
Auflage von 1876 derselbe Fall, Bd. II, pag. 773, Fall 383, aber weitläufiger. 

3 ) Ibidem. Aufl. von 1882. Bd. II, pag. 806, Fall 407. — Aufl. von 
1876. Bd. II, pag. 774, Fall 384. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 237 

verschwunden war und dass man beim Auffinden der Leiohe einen Strick in der 
Tasche und beide Rocktaschen mit Sand vollgestopft gefunden hatte!'). 

XXV. Unbekannter Mann, verwest. Viel Wasser fand sich im Magen 
und in den Därmen 2 ). 

XXVI. Ein Unbekannter mit schwarzem Kopf, grünem Rumpf und grossen 
Verwesungsstriemen an den Extremitäten. Der Magen enthielt nur einen Ess¬ 
löffel klaren Wassers, womitaber der ganze Dünndarm gefüllt war 3 ). 

XXVII. Nackte Kindesleiche aus dem Rheine aufgefischt. 

Auf der Oberfläche der Leber bis zum Zwerchfell hinauf und in der Bauch¬ 
höhle reohterseits in der Gegend des Blinddarms fand sich weiss-schwarzer Sand, 
dessen Gewicht im Ganzen etwa 15 g betragen mochte. 

Zur Ermittelung der Quelle, woher dieser Sand gekommen, wurde der ganze 
Darmcanal herausgenommen, nachdem vorher d<.s untere Ende der Speiseröhre 
und der Mastdarm unterbunden waren. 

Der durch einen Tubulus aufgeblasene Magen und Darmcanal liess alsbald 
unterhalb des Pförtners eine Oeffnung erkennen, die eine halbe Linie im Durch¬ 
messer hatte. 

Die Ränder derselben waren, des vorgeschrittenen Verwesungsprocesses 
halber, nicht deutlioh zu bestimmen. 

Zwei ähnliche Oeffnungen fanden sich einen halben Zoll von ersterer ent¬ 
fernt im weiteren Verlauf des Zwölffingerdarms. 

Ausser den Verwesungssymptomen zeigten die äusseren und inneren Magen¬ 
häute nichts Abnormes; dagegen fanden sich 8'/ 2 g Sand von derselben Be¬ 
schaffenheit wie der in der Bauchhöhle in dem aufgeschnittenen Magen. 

Die weitere Untersuchung des Darmcanals liess Spuren des¬ 
selben Sandes bis auf 20 Zoll Länge hin erkennen. 

Aus der Brusthöhle ist zu bemerken: 

In der aufgeschnittenen Luftröhre fanden sich 3 Körnchen Sand. 

ln der Speiseröhre befand sich eine ziemliche Menge desselben Sandes, wie 
solcher in den übrigen Organen vorgefunden worden war. Dieser Sand war weiss, 
mit schwarzen Körnchen untermischt; letztere zeigten sich bei genauer Unter¬ 
suchung als Theile von Kohle, Schlacke oder von anderen unlöslichen Mineralien 
(Glimmer, Basalt), die nicht absichtlich untermisoht waren 4 ). 

XXVIII. Ein Kind war am 1. August um 8 Uhr noch in der Stube ge¬ 
wesen und wurde um 10 Uhr früh in dem am Wohnhause vorüberfliessenden 
Wasser todt gefunden. 

Der Magen stark ausgedehnt von gelblichem Wasser; seine Gefässe blut¬ 
reich. die Schleimhaut normal. 


') Ibidem Bd. II, pag. 807, Fall 408. — Aufl. 1876. Bd. II, pag. 774, 
Fall 385. 

3 ) Gasper, J. L., Klinische Novellen zur gerichtlichen Medicin. Berlin 
1863, pag. 551, Fall 14. 

*) Ibidem pag. 551. Fall 15. 

4 ) Märklin, Ueber Leben ohne Athmen Neugeborener. Vierteljahrssohrift 
für gerichtliche und öffentliche Medicin, herausgegeben von J. L. Casper. 
Bd. XVI, pag. 31. Berlin 1859. 


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Dr. Fagerlund, 


ln den dünnen Gedärmen ziemlich viel Wasser; in den dicken 
flüssiger gelber Koth'). 

XXIX Legalsection der seit dem 31. Juli vermisston und am Tage vorher 
im Dorfbache todt gefundenen verehelichten M. 

Der Magen war ungewöhnlich ausgedehnt und weiss von Farbe. Derselbe 
enthielt Luft und eine grosse Menge hell durchsichtiges Wasser, wohl in der 
Quantität eines halben Quarts und darüber, in welcher gelbliche Schleimklumpen, 
die sicli wie Sputa verhielten, schwammen. Die innere Fläche des Magens er¬ 
schien weiss und ganz rein abgespült. 

Die dünnen Gedärme, äusserlich von normaler Beschaffenheit, 
enthielten ebenfalls Wasser in erheblicher Menge, welches hier 
hellgelb und getrübt erschien 2 ). 

XXX. Ein 15 Jahre alter Knabe, der sieb aus Ueberdruss über sein körper¬ 
liches Leiden — er litt, wie auch der Sectionsbefund zeigte, an multiplen 
Knochenabscessen — ertränkte. 

Im Magen und in dem oberen Dünndarm viel gelbliche dünno 
Flüssigkeit 3 ). 

XXXI. 51 Jahre alte Frau. Selbstmord. 

Im Magen an 300 ccm dünnen Inhaltes; seine Schleimhaat sehr bleich; im 
Zwölffinger- und oberen Dünndarm gleicher, in den übrigen Thei- 
len dickbreiiger Inhalt 4 ). 

XXXII. 28 Jahre alte Frau. Selbstmord. 

Magen und oberster Dünndarm enthalten dünne Flüssigkeit. 
Doppelseitige Tuboovarialcysten 5 ). 

XXXIII. Jean Brie . . ., 58 Jahre alt, am 29. April aus dem Canal des 
Vertus gezogen und am 30. auf die Morgue gebracht; er ist nur einen Tag im 
Wasser geblieben. 

Der Magen enthält wenigstens 2 Liter sehr klares Wasser mit etwas unver¬ 
dauten Brotstückchen; die Schleimhaut weisslich gefärbt; die übrigen Theile 
des Darmcanals enthalten auch Wasser und etwas Gas 6 ). 

XXXIV. Guillot. . ., Jean, 52 Jahre alt, aus der Seine bei Surennes 
gezogen. 

Magen und oberer Tbeil des Dünndarmes enthalten viel Wasser 7 ). 

‘) Snetiwy, Karl, Sammlung auserlesener gerichtlich-mediciniscber 
Untersuchungen nebst Gutachten. Prag 1846, pag. 82. 

2 ) Schaeffer, Albert Julius, Sammlung gerichtsärztlicher Gutachten. 
Berlin 1852, pag. 136. 

3 ) Paltauf, Arnold, Ueber den Tod durch Ertrinken. Wien und Leipzig 
1888, pag. 23. 

4 ) Paltauf, Arnold, Ueber den Tod durch Ertrinken. Wien und Leipzig 
1888, pag. 24. 

5 ) Ebenda. 

6 ) Devergie, A., Mddecine Idgale, thäorique et pratique. Paris 1840. 
Tome II, pag. 395. 

7 ) Devergie, A., Medecine legale, th^orique et pratique. Paris 1840. 
Tome II, pag. 397. 


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Geber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 239 

XXXV. Seine, Vitry. Vermnthlicb Ve. Besag... Einige Augenblicke 
im Wasser. 

Der Magen enthält Wasser in bedeutenden Mengen; der obere 
Theil des Dünndarmes nur wenig davon 1 ). 

XXXVI. Autopsie vom 15. October 1884; einige Stunden im Wasser, 
10 Tage im Frierapparate, herausgenommen, aufgethaut und obducirt. 

Der Magen enthält im Durchschnitt einen Liter Wasser, in welchem wir 
keine Speisen antreffen. Im Dnodenum, welchen wir am Pylorus und 
7 cm weiter nach unten unterbunden haben, ebenfalls Wasser 3 ). 

Im Zusammenhänge hiermit will ich noeh eines von Professor 
Uaschka beobachteten Falles erwähnen. Obgleich dieser Fall kein 
Ertrinkungsfall ist, so ist er dennoch mit einem solchen analog und 
eignet sich dazu, wenigstens in einem gewissen Maasse diejenigen 
Umstände zu beleuchten, in denen ein sich vor dem Munde befinden¬ 
des Medium beim Erstickungslode in die Därme dringen kann. Er 
fand nämlich bei der Obduction eines neugeborenen Kindes, welches 
ungefähr 30 cm tief in der Erde vergraben aufgefunden wurde, Erd¬ 
partikeln bis 25 cm weit in dem Dünndarm eingedrungen. Professor 
Maschka 3 ) beschreibt in folgender Weise diesen Befund: 

Im Magen befand sich bloss eine schleimige Flüssigkeit ohne fremde Bei¬ 
mengung, dagegen wurden im Zwölffingerdärme, sowie im obersten 
Theile des Dünndarmes, gemengt mit einem gelblichen Schleime. 
Stückchen derselben erdigen Massen gefunden, wie solche im 
Schlundkopfe wahrgenommen wurden. Diese im Dünndärme ge¬ 
fundenen Stückchen Erde hatten die Grösse einer Erbse bis zu 
einer Bohne, lagen in Abständen von 3 bis 4 cm von einander, und 
konnten dieselben bis auf 25 cm weit verfolgt werden, wo ihr Vor¬ 
kommen endete. Der Diokdarm war mit Kindspech angefüllt, in welchem 
keine Beimengung von Erde wahrgenommen warde. 

Die Erde, welche an der äusseren Oberfläche des Kindes und an der Pla- 
centa vorkam, sowie jene, welche im Munde und im Darme vorgefunden wurde, 
zeigte, sowohl makroskopisch, als auch mikroskopisch untersucht, ganz dieselbe 
Beschaffenheit und sind somit identisch. 

„Bemerkenswert!),“ sagt Maschka in seinem Gutachten, „sind 
in diesem Falle namentlich zwei Umstände: 


’) Devergie, A., Medecine lögale, theorique et pratique. Paris 1840. 
Tome II, pag. 397. 

3 ) Boagier, Henri, Peut-on diagnostiquer la mort par submersion? 
These. Paris 1884, pag. 74. 

3 ) Maschka, Mittheilungen aus der geriohtsärztlichen Praxis. Fall Ylll. 
Diese Vierteljahrssohrift. Neue Folge. Bd. XLV. Berlin 1886, pag. 242. 


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240 


Dr. Fagerlund, 


a) dass trotz des nachgewiesenen Erstickungstodes und der irn 
Munde und im Kehlkopfe Vorgefundenen erdigen Masse keine 
Spur derselben in den Lungen selbst vorgefunden wurde, und 

b) dass im Schlundkopfe und irn oberen Theile des Dünndarmes, 
bis auf eine ziemliche Strecke hinab, Stückchen dieser Sub¬ 
stanz in Schleim eingehüllt vorkamen, während dieselbe im 
Magen vermisst wurde. 

Was den Punkt a anbelangt, so dürfte derselbe darin seine Er¬ 
klärung finden, dass das Kind nach der Geburt, bevor es noch mit 
Erde bedeckt wurde, athraete, — sodann, als es vergraben worden 
war, durch einen Atherazug Erde inspirirte, welche jedoch wegen ihrer 
festeren Consistenz bloss in den Kehlkopf gelangte und denselben ver¬ 
stopfte, so zwar, dass dann das Kind keine oder nur sehr schwache 
Inspirationen mehr ausführte, wodurch auch das weitere Eindringen 
der Erde in * die Luftröhre und deren Verästelungen verhindert wurde; 
möglich ist es auch, dass das am Brustkörbe lastende Gewicht der 
Erde den Brustkorb coraprimirtc und gleichfalls die Fortsetzung der 
Athembewegungen hinderte. 

Bezüglich des Punktes b, der allerdings ein sehr seltenes und 
höchst interessantes Vorkommniss bildet, kann die Aufklärung dahin 
gegeben werden, dass das Kind, von der Erde bedeckt, Schling¬ 
bewegungen machte, durch welche ein Stück der erdigen Masse ein¬ 
geführt wurde, von welcher ein Theil im Schlundkopfe haften blieb, 
während ein anderer Theil in den Magen gelangte; dieser letztere 
Theil wurde sodann durch die peristaltischen Bewegungen des Magens 
und Darmcanales, welche nicht nur während des Lebens vorhanden 
sind, sondern, wie bekannt, auch noch einige Zeit nach dem Tode 
andauern, aus dem Magen in den Darm und in dem letzteren selbst 
noch auf eine weitere Strecke fortgeführt.“ . 

Weiterhin dürfte es nicht überflüssig sein, die Aufmerksamkeit 
auf einen Umstand zu lenken, welcher seinerseits bei dem Studium 
der von uns behandelten Frage beachtet zu werden verdient. 

Wenn ein Kind geboren wird, so wird es durch diesen Act in 
ein anderes Medium versetzt als das, in welchem es sich zuvor be¬ 
fand. Mit dem ersten Athemzuge dringt daher das neue Medium, 
Luft, in die vorher vollkommen atelektatischen Lungen. Während 
des intrauterinen Lebens der Frucht sind Magen und Gedärme frei 
sowohl von Luft als auch von Darmgasen, ein Umstand, welcher ganz 


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Ueler das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 241 

unbeachtet geblieben war, bis dass Breslau 1865') darauf aufmerk¬ 
sam machte und 1866 die Bedeutung hervorhob, welche dieser Um¬ 
stand der gerichtlichen Medicin gegenüber haben könnte. Er zeigt 
nämlich, dass zu gleicher Zeit mit den ersten Respirationsbewegungen 
sich auch Schlingbewegungen einstellen, wodurch Luft in Magen und 
Gedärme eingeführt wird. Er stellt bezüglich dieser Frage folgende 
Sätze auf*). 

I. Bei todtgeborenen Kindern, gleichviel ob sie während der Go- 
burt zu Grunde gingen oder lange Zeit zuvor in faultodtem Zustande 
im Uterus verweilen, ist niemals Gas in irgend einem Theile des 
Darmtractus angehäuft. 

II. Demgemäss schwimmt nie der Darmtractus todtgeborener 
Kinder im Wasser, weder im Ganzen noch in einzelnen Theilen, son¬ 
dern sinkt sofort zu Boden. 

III. Erst mit der Respiration beginnt die Gasentwickelung im 
Darmtractus, und zwar von oben, vom Magen angefangen nach ab¬ 
wärts vorschreitend, zunächst unabhängig von Nahrungsaufnahme. 

IV. Es giebt also das Verschlucken von Luft den ersten An- 
stoss zur Gas- resp. Luftanhäufung im Magon und von da weiter 
abwärts. 

V. Schon nach den ersten Athemzügen kann sich Luft im Magen 
befinden. 

VI. In dem Maasse als die Respiration eine vollkommenere und 
länger dauernde wird, werden auch sämmtliche Darmschlingen von 
Gas mehr oder weniger ausgedehnt. 

Und er fügt noch hinzu 3 ): „Erschwert wird die Füllung des Darm¬ 
canals durch seine bedeutende Länge, seine Windungen und Knickun¬ 
gen, seine mehrfach durch Klappon und Falten verengten Stellen und 
endlich durch seinen fötalen Inhalt, dessen grösste Partie, das zähe 
Meconium, weggeschafft werden muss, bevor Luft oder Gas seine 
Stelle einnehmen kann. Das Verschlucken schafft die Luft in den 


') Breslau, Vorläufige MittheiluDg über den Darmgasgehalt Neugeborener. 
Monatsschrift für Geburtskunde und Frauenkrankheiten. Bd. 25. Berlin 1865, 
pag. 238. 

*) Breslau, Ueber Entstehung und Bedeutung der Darmgase beim neu¬ 
geborenen Kinde. Monatsschrift f. Geburtskunde und Frauenkrankheiten. Bd. 28. 
Berlin 1866, pag. 1. 

3 ) L. c. pag. 7. 

VUriHlahr»*elu\ f. *er. Med. N. F. LH 2. 16 


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Dr. Fagerlund, 


24 2 

Magen. Dort wird sie angehäuft und von dem Sphincter der C&rdia 
von aussen abgeschlossen. Ob Schluckbewegungen vom Magen aus 
die Luft auch in den Zwölffingerdarm oder Dünndarm u. s. w. be¬ 
fördern können, vermag ich nicht zu entscheiden. Unmöglich scheint 
es mir nicht, denn man sieht ja auch hier und da Erwachsene, 
welche durch willkürliche Deglutitionsacte sich den Unterleib tyrapa- 
nitisch auftreiben können, wobei sie die Luft wohl weiter als bloss 
in den Magen treiben. Wahrscheinlich ist mir aber, dass die Luft 
vom Magen aus ihre Wanderung nach abwärts durch die übrigen Ab¬ 
schnitte des Darmcanals, von dessen peristaltischen Bewegungen ge¬ 
trieben, fortsetzt, wodurch dann gleichzeitig das im Dickdarme noch 
befindliche Meconium entleert und der halbflüssige Inhalt der Dünn¬ 
därme in den Dickdarm fortgeschoben wird.“ — In Bezug auf diese 
Frage äussert sich v. Hofmann schon 1881 in folgender Weise 1 ): 
Eine grosse Reihe von Beobachtungen, die wir in dieser Richtung an¬ 
stellten, hat uns zunächst die allgemeine Richtigkeit des ersten der 
Breslau’schen Sätze (1. c. pag. 13) bestätigt, dass schon mit den 
ersten extrauterinen Athembewegungen Luft in den Magen gelange, 
und diesen schwimmfähig mache, weshalb wir dieser Thatsache einen 
hohen diagnostischen Werth zuschreiben müssen.... Dagegen kann, 
und das ist eine besonders werthvolle Seite der Magendarm-Schwimm¬ 
probe, Luft in den Verdauungstractus auch dann gelangen, wenn eine 
Aspiration von Luft in die Lungen wegen Verstopfung des Kehlkopfes 
oder der Trachea mit Fruchtschleim und dgl. nicht möglich war, und 
wir haben aus mehrfachen Beobachtungen die Ueberzeugung gewonnen, 
dass gerade in solchen Fällen mehr Luft in dcu Magen und in den 
Darm gelangt als bei unbehinderter Respiration. Wir haben in ein¬ 
zelnen Fällen, in welchen die Lungen wegen Verstopfung der Bron¬ 
chien fast vollkommen atelectatisch blieben, den Magen und den gan¬ 
zen Dünndarm aufgebläht gefunden, obgleich die Frucht wenige Augen¬ 
blicke nach der Entbindung gestorben war, während bei Kindern, die, 
ohne dass die Lungenrespiration behindert war,. gleich nach der Ge¬ 
burt starben, in der Regel nur im Magen und im Zwölffingerdarm, 
höchstens im Anfangsstücke des Jejunum und nur sehr selten tiefer 
herab Luft gefunden wird. 


') v. Hofmann, Eduard, Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. 2. Aufl. 
Wien und Leipzig 1881, pag. 655. — 4. Aufl. 1887, pag. 748. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 243 


Die von Ungar 1 ) und in letzter Zeit von Nikitin 2 ) veranstal¬ 
teten Untersuchungen und Beobachtungen bestätigen in den Haupt¬ 
punkten die von Breslau und v. Hofmann gemachten Erfahrungen. 
Wenn nun diese Erfahrungen sich auch nicht unmittelbar auf die¬ 
jenigen Fälle beziehen lassen, in denen statt Luft Wasser aspirirt 
wird, so deuten sie uns dennoch den Umstand an, dass eine ge¬ 
hemmte oder gestörte Respiration, wie sie beim Ertrinken vorkommt, 
wahrscheinlich in einem hohen Grade das Eindringen von Ertränkungs- 
flüssigkeit in den Verdauungstractus begünstigt. 

Um diejenigen Verhältnisse, in welchen Ertränkungsflüssigkeit in 
die Därme eindringt, näher zu studiren, habe ich sowohl an Leichen 
als auch an lebenden und todten Thieren einigo Serien von Versuchen 
angestellt. 


Versuche an Leichen und todten Thieren. 

Versuche I—XIII. Nachdem mehrere Forscher die Möglichkeit eines post- 
mortalen Eindringens von Ertränkungsfliissigkeit in den Magen deutlich darge¬ 
legt, wollte ich mich überzeugen, ob nicht dieselbe Flüssigkeit auch bis in die 
Därme post mortem eindringen könnte. Zu diesem Zwecke legte ich zu verschie¬ 
denen Zeiten 13 Kinderloichen in eine Lösung von Berlinerblau und zwar wurde 
diese Flüssigkeit als eine leicht im Magen und in den Därmen erkenntliche ge 
wählt. Das Material bestand aus Leichen solcher Kinder, die theils während der 
Geburt, theils einige Zeit nach derselben gestorben waren. Gewöhnlich waren 
etwa 24 Stunden zwischen ihrem Tode und ihrem Versenken in die farbige 
Flüssigkeit verflossen. Bisweilen vergingen zwei Tage und alsdann wurden sie 
während des zweiten Tages in einem Eisschranke verwahrt. Die Zunge wurde 
hervorgezogen und vermittelst eines Stiches so gehalten, dass sich die Zungen¬ 
spitze etwas vor den Kiefern befand; der Mund wurde vermittelst eines soliden, 
zwischen den Kiefern angebrachten Holzstäbchens aufgesperrt. Während den 
Versuchen war die Temperatur des Zimmers etwa -j- 10° C. Die Ertränkungs- 
flüssigkeit wurde einige Mal täglich in Bewegung gesetzt und umgerührt. Bei 
der Obduction wurde immer, vor der Eröffnung des Verdauungstractus eine Li¬ 
gatur dicht oberhalb der Cardia, eine zweite dicht unterhalb des Pylorus, und 
noch an verschiedenen Stellen der Dünndärme angebracht; die erwähnte Eröff¬ 
nung wurde in der Richtung von unten nach oben gemacht, d. h. zuerst die 
Därme, dann der Magen, wonach der Inhalt dieser Organe nicht nur makrosko¬ 
pisch, sondern auch mikroskopisch untersucht wurde. 


*) Ungar, Emil, Lieber die Bedeutung der Magen-Darmschwimniprobe. 
Diese Vierteljahrsschrift. N. F. Bd. XLVI, Berlin 1887. pag. 62 u. Bd. XLVIII, 
1887. pag. 234. 

2 ) Nikitin, M., Die zweite Lebensprobe. Diese Vierteljahrsschrift. N. F. 
Bd. XLIX. Berlin 1888, pag. 44. 

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244 


Dr. Fagerlund, 


Von diesen 13 Kinderleichen wurden gelegt: 

1 mit dem Kopfe nach unten, blieb 43 Stunden in der Flüssigkeit. 

1 n v v n *i n 

1 auf dem Rücken liegend „ 

2 » n i» y> n 

3 „ „ Magen 

1 „ der rechten Seite liegend „ 

2 n yi r> n *> n 

1 r> » linken » « » 

1 stehend mitdem Kopfe nach oben * 

In keinem dieser Fälle konnte man Spuren der gefärbten Flüssigkeit im 
Magen und noch weniger in den Dünndärmen entdecken; auch im Rectum, 1 cm 
von der Analöffnung entfernt, wurde dieselbe nicht angetroffen l ). 

Versuch XIV. Die Leiche eines etwa 2 Tage alten Hundes, welcher todt 
gefunden worden war (von der Hündin erstickt?), wurde mit hervorgezogener 
Zunge und aufgesperrtem Maule in eine Berlinerblaulösung gelegt, wo sie 4Tage 
gelassen wurde. Bei der Obduction konnte man keine Spur des Farbestoffes 
weder im Magen noch im Dünn- oder im Dickdarme entdecken. 

Da vorzüglich in grösseren Städten neugeborene Kinder nicht 
selten in den Kloakenröhren angetroffen werden und da sie, beson¬ 
ders wenn sie unter einer einmündenden Röhre gelegen, oder eine 
solche zugestopft haben, einem gewissen, von der einfliessenden oder 
oberhalb der Leiche in der Röhre stecken gebliebenen Flüssigkeit aus¬ 
geübten Druck haben ausgesetzt sein können, so habe ich folgende 
Versuche angestellt, um durch sie auszuforschen, in wie hohem Grade 
ein solcher Druck auf das Eindringen von Flüssigkeiten in den Magen 
und in die Därme der Leichen, welche diesem Drucke ausgesetzt wer¬ 
den, einen Einfluss ausübt. 

Versuche XV—XVIII. Zu diesem Zwecke liess ich aus Eisenblech eine im 
Durchschnitt 20 cm messende Röhre verfertigen und zwar war das eine Ende 
derselben vermittelst eines Blechbodens geschlossen, während das andere Ende 
mit einem dicht zuschliessenden Deckel versehen war. In diese Röhre, und zwar 
in der Nähe ihres Bodens, mündete winkelrecht eine zweite Röhre ein, welche 
10 cm im Durchschnitt betrug und etwas über 3 m lang war. Der Apparat 
wurde so aufgestellt, dass die letztere Röhre senkrecht stand. Eine Kinderleiche 
wurde in die erstgenannte Röhre eingelegt, der Deokel wurde festgeschraubt und 
der Apparat mit einer Lösung von Berlinerblau gefüllt und zwar so, dass die- 



*) Hnevkovsky fand unter 26 von ihm in eine gefärbte Flüssigkeit ge¬ 
legte Leichen nur bei einer einzigen durch die Analöffnung eingedrungene 
Flüssigkeit im Rectum vor. — Hnevkovsky, Johann, Das Schleimhautpolster 
der Paukenhöhle beim Fötus und Neugeborenen. Wiener medicinische Blätter. 
1883. No. 34. 


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Uebor das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 245 


selbe in jedem Versuche die ganze Zeit 3 m hooh in der senkrechten Röhre stand. 
Am Ende der Versuche wurde die Flüssigkeit durch eine kleine, im Deokel be¬ 
findliche Oeffnung ausgeleort. welche bis dahin mit einem Pfropfen gesperrt ge¬ 
wesen war; hierdurch wurde die Flüssigkeit in eine strömende Bewegung gesetzt, 
ebenso wie das Wasser in einer Kloakenröbre strömt. Die Versuche fanden im 
Juli und August statt; das Material waren 4 während der Geburt gestorbene 
Kinder, deren Leichen 2 Tage alt waren, als sie in den Apparat hineingelegt 
wurden. Mit bervorgezogener Zunge, mit aufgesperrtem Munde wurden 2 der¬ 
selben mit dem Kopfe unter der senkrechten Röhre, 2 mit den Füssen unterhalb 
derselben angebracht; 2 blieben während 2 Tage, 1 während 3 Tage und 1 
während 4 Tage in dem Apparate eingeschlossen. Bei diesen und allen den fol¬ 
genden Obductionen wurden dieselben Vorsichtsmaassregeln wie bei den erst er¬ 
wähnten getroffen und die Untersuchungen wurden in gleicher Weise ausgefübrt. 
Bei den 2 Leichen, welche 2 Tage im Apparate gelegen hatten, fand ich bei der¬ 
jenigen, welche mit den Füssen unter der senkrechten Röhre lag, weder in der 
Speiseröhre noch im Magen, welcher im Wasser sinkt und graugelben Sobaum 
enthält, irgend eine Spur vom Farbstoff; noch weniger kommt dieser vor in dem 
Dünndärme, welcher in seinem oberen Theile gräulich gelben Schleim, im un¬ 
teren Meconium enthält. Auch Dick- und Dünndarm enthalten nur Meconium, in 
welchem kein Berlinerblau angetroffen wird, nicht einmal 1 om vom Anus ent¬ 
fernt. Im zweiten Falle dagegen ist der ganze Oesophagus blau gefärbt und ein¬ 
zelne blaue Berlinerblaukrystalle Hessen sioh bereits makroskopisch in dem der 
Cardia näohstliegenden Mageninhalte entdecken, welcher aus einer geringen 
Menge roth gefärbter, schleimiger Flüssigkeit besteht. Dagegen konnte man in 
dem der Mitte des Magens oder der Pylorusgegend entnommenen Mageninhalte 
nicht einmal mikroskopisch eine Spur vom Berlinerblau entdecken. Ebenso wenig 
in den Dünndärmen, welche gräulich gelben Schleim enthielten. Im Diokdarme, 
seiner ganzen Länge nach, Kindspech, welches kein Berlinerblau enthält, nicht 
einmal 1 cm vom Anus entfernt. Bei derjenigen Leiche, welche 3 Tage im Appa¬ 
rate gelegen, wurde in der Speiseröhre eine meconiumhaltige, braune Flüssigkeit 
angetroffen, ebenso im Magen; an beiden Stellen kein Berlinerblau. In den 
Dünndärmen ein gelbbrauner schleimiger Inhalt, ohne Spuren der genannten 
blauen Farbe. Dickdarm fast leer, seine Schleimhaut mit einem dünnen Lager 
von gelblich grünem Kindspeoh; I cm weit vom Anus kein Berlinerblau. Bei der 
4 Tage im Apparate gelegenen Leiche (die Füsse unter der senkrechten Röhre) 
worden schon in der Speiseröhre Spuren des Farbestoffes wahrgenommen und im 
Magen kann man bereits makroskopisch in dem gräulich weissen schleimigen In¬ 
halte einige Flocken von Berlinerblau sehen; dieselben sind aber schon in dem 
der Pylorusgegend entnommenen Mageninhalte nicht einmal mikroskopisch zu ent¬ 
decken. Im oberen Theile des Dünndarmes ein graurother Schleim, im unteren 
Theile Meconium, beide ohne Spuren vom Berlinerblau. 

1866 behauptete Engel 1 ), dass Flüssigkeiten ebenso wie breiige 


f ) Engel, Der Eintritt flüssiger und breiiger Stoffe in die Luftwege der 
Leiche. Wochenblatt der Zeitschrift der K. K. Gesellschaft der Aorzte in Wien. 
1866. No. 31. 


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246 


Dr. Fage rl u nd. 


Massen, wenn sie in der Mundhöhle der Leiche angesammelt sind, 
durch wiederholte Thoraxcompressionen, in Folge der bei der Wieder¬ 
erweiterung des Brustkorbes eintretenden Aspiration in die Lungen 
eingeschlürft werden und bis in die feinsten Bronchialverästelungen, 
ja selbst in die Lungenzellen gelangen können; ja er meint, dass so¬ 
gar jener Druck, welchem die Thoraxwand ausgesetzt wird, wenn man 
bei der Obduction, um den Brustkorb zu öffnen, das Messer gegen die 
Brustbeinknorpel drückt, hinreichend stark sein könne, um zu be¬ 
wirken, dass die im Munde befindliche Flüssigkeit in die Lungen 
aspirirt werde. 

Skrzeczka 1 ) spricht zwar seine Zweifel hinsichtlich dieser Er¬ 
scheinung aus, da aber Engel’s Angabe nicht widerlegt worden ist, 
beschloss ich, Experimente anzustellen, um zu sehen, inwiefern ein 
auf die Brust- oder Bauchwand ausgeübter Druck möglicherweise das 
Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit auch in die Därme veranlassen 
könnte, was mir deshalb angezeigt schien, weil Wasserleichen oft, so¬ 
wohl in Folge des Wellenschlages, als auch aus anderen Ursachen 
vorübergehenden Com pressionen von Brust und Magen ausgesetzt sind. 

Versuohe XIX—XXIV. Das Material boten 6 Leichen von 1—8 Tage 
alten Kindern, von denen drei 6 Tage lang in einem Eisschranke auf bewahrt 
worden waren; die übrigen waren nur etwa 1 Tag todt gewesen. Nachdem die 
Zunge hervorgezogen, der Mund aufgesperrt worden war, wurden die Leichen in 
eine Berlinerblaulösung gelegt; darauf wurde der Brustkorb 50 Mal ziemlich 
stark, theils von vorne, theils von den Seiten zusammengedrückt, desgleichen der 
Bauch ebenfalls 50 Mal. Bei der Obduction wurde bei einer der 6 Tage alten 
Leichen Farbestoff in der Speiseröhre und im Magen angetroffen; letzteres Organ 
war von Gasen massig aufgetrieben und enthielt eine mit käsigen Klumpen ge¬ 
mengte graublaue Flüssigkeit, in welcher schon makroskopisch Berlinerblau ent¬ 
deckt werden konnte. Die Därme von Oasen massig gedunsen. Im Duodenum 
gelbliche Excremente in geringer Menge, keine Spur vom Farbenstoff. In den 
übrigen Dünndärmen, ebenso wie im Dickdarme gelbliche, mit Käseklumpen be- 
mengte Excremente, in denen kein Berlinerblau, nicht einmal 1 cm vom Anus 
entfernt, wahrgenommen wurde. An einer der 1 Tag alten Leichen konnte man 
im Oesophagus, der ganzen Länge nach, den Befund des Farbestoffes beobachten; 
im Magen, welcher eine gelblich braune, mit käsigen Klumpen bemengte Flüssig¬ 
keit enthält, kann dieser Befund makroskopisch nicht entdeckt werden, wogegen 
mikroskopisch Spuren des Berlinerblaus zu unterscheiden sind. Die Därme leicht 
an einander geheftet, die ganz in der Nähe des Nabels gelegenen Schlingen von 
grünlich violetter Farbe, die SeroSa des Darmes glanzlos, mässig injicirt. In den 


') Skrzeczka, Zur Lehre vom Erstickungstode. Vierteljahrsschrift für 
gerichtliche und öffentliche Medicin. N. F. Bd. VII. Berlin 1867, pag. 251. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 247 


Dünndärmen ein mit Käseklumpen spärlioh bemengter, farbloser Inhalt. Im Dick¬ 
darme bräunlich gelbe, breiige Excremente, welche noch 1 cm weit vom Anus 
keine Spur von Berlinerblau zeigen. In keinem der übrigen Fälle war der Farbo- 
stoff weiter als bis in den Schlund köpf und den obersten Theil der Speiseröhre 
vorgedrungen. 

Versuche XXV—XXVII. Nach dem Herrorziehen der Zunge und nach 
dem Aufsperren des Mundes wurden die 1 Tag alten Leichen von 3 kurz nach 
der Geburt gestorbenen Kindern in eine Lösung von Berlinerblau gelegt. Dann 
wurde der Brustkorb ziemlich kräftig 50 Mal, theils von vorne, theils von den 
Seiten zusammengedrückt, wobei zahlreiche Luftbläschen aus dem Munde empor¬ 
stiegen. Die Otduction zeigte, dass in einem der Fälle die Farbelösung nur in 
den oberen Theil der Speiseröhre eingedrungen war, in den zwei übrigen Fällen 
wurde in ihrer ganzen Länge Berlinerblau angetroffen, ohne dass es im Magen 
oder in den Därmen vorhanden gewesen wäre, nicht einmal 1 cm innerhalb 
des Anas. 

Versuche XXVIII and XXIX. Die einen Tag alten Leichen eines acht¬ 
tägigen and eines vierzehntägigen Kindes wurden, nach Hervorziehen der Zunge 
and naoh Aufsperren des Mundes, in eine Lösung von Berlinerblau gelegt, wo¬ 
rauf der Bauch 50 Mal ziemlich kräftig zusammengedrückt wurde, und zwar 
wurde dieser Druck nicht nur an den oberen Partien, sondern auch an den Vor¬ 
der- und den Seitentheilen desselben ausgeübt. In beiden Fällen sah man nur 
dann and wann ein Luftbläschen zum Monde oder zur Nase emporsteigen, wo¬ 
gegen keine solohe per Rectum abgingen. Im ersten Falle wurde der Farbestoff 
in der ganzen Länge der Speiseröhre gefunden; im Magen und in den Därmen 
aber kein Berlinerblau. Im zweiten Falle fand man eine geringe Menge Farbe¬ 
stoff im Magen, welcher letzterer übrigens znsammengefallen war und etwas mit 
dem Farbestoff gemengten Schleim enthielt. Die Därme waren von Gasen auf¬ 
getrieben and enthielten spärliche, bräunlich gelbe, dünnflüssige Excremente ohne 
Berlinerblau '). 

Da nun alle diese Versuche gezeigt hatten, dass ein postmortales 
Eindringen von Flüssigkeit in die Därme auf grosse Schwierigkeiten 

*) In keinem dieser 11 zuletzt angeführten Fälle konnten Spuren von der 
gefärbten Lösung in den feineren Bronchien entdeckt werden. Die Lungen dieser 
sämmtlichen Leichen schwammen nebst dem Herzen und dem Thymus im Wasser, 
waren überall lufthaltig und in 4 Fällen (darunter Fall XXIX) waren die feineren 
Bronchien mit einem mucopurulenten Secrete gefüllt, welches in den übrigen 
Fällen nicht vorkam. ln den Versuchen XXVIII und XXIX war die farbige 
Flüssigkeit nicht in den Kehlkopf, in den übrigen Versuchen einmal in den oberen 
Theil der Luftröhre, einmal in die Luftröhre bis zur Bifurcation derselben, 5 mal 
endlich bis in die gröbsten Bronchien eingedrungen, und dennoch konnte man 
niemals voraussetzen, dass der Brustkorb unter natürlichen Umständen so gründ¬ 
lich zusammengedrückt werden würde, wie in unseren Versuchen. Besonders ist 
der Brustkorb bei Erwachsenen keineswegs so nachgiebig und lässt sioh nicht 
so leicht zusammendrücken wie bei unseren Versuchsobjecten. Engel's Angaben 
sind also übertrieben. 


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248 


Dr. Fagerlund, 


stiess and in allen den Situationen nicht eintraf, in welche die Lei¬ 
chen der bisherigen Versuche versetzt worden waren, so stellte ich 
folgende Serie neuer Versuche an, um dadurch möglicherweise ein Maass 
jenes Widerstandes zu erhalten, welcher sich bei Leichen dem Durch¬ 
gänge der Flüssigkeit durch den Magen und besonders durch den 
Pylorus entgegenstellt. 

Versuch XXX. Ad der 1 Tag alten Leiche eines Kindes, welches in einem 
Alter von einigen Wochen gestorben war, wurden die Nasenlöcher zugenäht und 
im Munde wurde ein Kork angebraoht, durch welchen hindurch eine gläserne 
Röhre verlief. Um diesen Kork herum wurde der Mund zugeschnürt, so dass er 
dicht ansohloss; der Körper wurde mit dem Kopfe naoh unten aufgehängt und 
die in den Mund einmündende Röhre wurde mit einem Gummisohlauche verbun¬ 
den, welcher letzterer wiederum-mit einem 3,25 m oberhalb des. Mundes der 
Leiche gelegenen Trichter in Verbindung stand. In den Trichter wurde am 
19. März, 11 Uhr Vormittags, eine Indigolösung gegossen und durch eine am 
Schlauche angebrachte Klemme wurde die Strömung regulirt, so dass die 
Flüssigkeit nur ganz langsam hineinströmte. Die Baoken dehnten sich aus und 
nach einigen Minuten sah man die Conturen des Magens sich ganz deutlich duroh 
die Bauchbedeckungen hinduroh abzeichnen. Noch eine kleine Zeit danach war 
die rechte Regio hypoohondriaca eingefallen, bis dass sich der Brustkorb immer 
mehr hob, indem auch der Bauch ansohwoll, bis er sohliesslich gleichmässig ge¬ 
spannt und fest anzufühlen war. Sobald das Gleichgewicht eingetreten war, 
wurde der Gummischlauch durch die Klemme zugesohlossen und wurde die 
Klemme nur dann und wann geöffnet, um neue farbige Flüssigkeit einströmen zu 
lassen. Nachdem der Versuoh eine Stunde gedauert hatte, sah man Indigolösung 
aus dem rechten Ohre ausfliessen, doch hörte diese Ausströmung auf, als eine 
Ligatur um die Basis des äusseren Ohres angebracht wurde. Zum letzten Male 
wurde die Klemme um 8 Uhr Abends geöffnet und blieb dann bis 8 Uhr den 
nächsten Morgen geschlossen. Zu dieser Stunde wurde neue Flüssigkeit hinein¬ 
gelassen. Nachdem diese Prooedur nooh einige Male wiederholt worden war, 
wurde der Versuoh 11 Uhr Vormittags am 20. März aufgehoben und gleich da¬ 
nach die Obduction vorgenommen; dabei wurde Nachstehendes aufgezeichnet: 
Körper 54 cm lang, sehr ödematös; UmfaDg des Kopfes 35,5 cm. Brust stark 
gewölbt; die Hant über den Rippeninterstitien von blaufleokiger Färbung (In¬ 
digo). Banch sehr ausgespannt, Bauchbedeckungen, besonders an der reohten 
Seite, gleichmässig in’s Blaue (Indigo) spielend. Unterhautgewebe und Muscu- 
latur an der Brust und am Bauohe stark ödematös und theilweise blau gefärbt. 
Diaphragma stark nach unten gedrängt. Kehlkopf und Luftröhre mit' Indigo¬ 
lösung angefüllt. In beiden Pleurahöhlen eine bedeutende Quantität von klarem, 
blauen Transsudat, ebenso im Herzbeutel. Das Herz bietet nichts Bemerkens- 
werthes dar. Die Lungen aufgetrieben, ziemlich gleichmässig blau gefärbt, über¬ 
all lufthaltig. — In der Bauchhöhle Transsudat, klar, blau. Peritoneum parie¬ 
tale und viscerale, sowie die Leber- und die Milzkapsel stark blau gefärbt. Die 
Därme nicht besonders aufgetrieben. Der Magen sehr ausgespannt; durch die 
Berührung bei Anlegung der Ligatur an der Oardia und dem Pylorus nahm sein 


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Geber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 249 


Umfang rasch ab. Za gleicher Zeit ergoss sioh in die Baachhöhle eine Menge von 
Indigolösaog; bei näherer Untersachang fand man, dass diese durch ein Loch im 
Duodenum dioht unterhalb des Pylorus ausströmte. Das Duodenum war übrigens 
sehr morsch und theilweise aufgeweicht. Aach die übrigen Därme waren morsch. 
Im Magen eine reichliche Menge Indigolösang saurer Reaction. In den Dünn¬ 
därmen gelblich braune, sauer reagirende, mit Käseklampen gemengte Ex¬ 
cremente; in der nächsten Nähe unterhalb des Pylorus, in einer 
Strecke von 29 cm, ist der Darminhalt blaa gefärbt. Nieren, Leber 
and Milz zeigen nicts Bemerkenswertes; Harnblase leer. 

Versaoh XXXI. Dieser Versaoh wurde sowie die vorhergehenden ange¬ 
ordnet, nur mit dem Unterschiede, dass die 1 Tag alte Leiche des im Alter von 
14 Tagen gestorbenen Kindes auf den Rücken gelegt wurde. Die Druokhöhe be¬ 
trägt hier 3,25 m. Die Indigolösang wurde am 19. März, 11 Uhr Vormittags, 
zagelassen, und der Versuch um dieselbe Stunde am 20 März unterbrochen. Bei 
der Obdaction warde auch hier der Körper im höchsten Grade ödematös befan¬ 
den. Brost sehr gewölbt; die Haut über den Rippeninterstitien blaufleckig (von 
Indigo). Bauch aufgetrieben, sehr gespannt. Unterbautgewebe and die Musou- 
latar am Kopfe, am Halse and am Rumpfe sehr ödematös. — In den Pleura¬ 
höhlen eine klare blaae Flüssigkeit. Diaphragma, Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien 
and Langen wie im vorigen Falle. — In der Bauchhöhle ein Transsudat, klar 
and blau gefärbt. Der Magen von einer beträchtlichen Menge sauer reagirender 
Indigolösang sehr aasgedehnt; davon ist jedoch nichts in den Darm ein- 
gedrungen, sondern sticht die helle Schleimhaut, welche die untere Seite vom 
Sphincter pylori bekleidet, scharf gegen den stark dunkelblauen Inhalt and gegen 
die ebenso gefärbte Wand des Magens ab. Im Uebrigen enthalten die Därme 
braungelbe Excrementmassen von breiiger Gonsistenz. 

Versuch XXXII. An der Leiche (1 Tag alt) eines etwa im Alter von 
2 Wochen gestorbenen Kindes wurde derselbe Versaoh, wie in den beiden vorher¬ 
gehenden Fällen wiederholt. Drnckhöhe 3,25 m. Die Flüssigkeit bestand hier 
aas einer Berlinerblanlösang. Der Körper warde mit dem Kopfe nach unten auf- 
gebängt. Als der Druck 20 Minuten gewirkt hatte, fing die gefärbte Flüssigkeit 
an aas dem linken Ohre herauszaströmen, dies hörte jedoch auf, als eine Ligatur 
am die Basis des äusseren Ohres angebracht worden war. Der Versuch wurde 
am 20. März ’/ 3 12 Uhr begonnen and um dieselbe Zeit am 21. März beendigt. 
Bei der Obduction zeigte sich der Körper sehr ödematös. In den Lungensäcken 
and in der Bauchhöhle ein klares, röthlich braunes Transsudat. Die Lungen hell- 
blaa gefärbt, aafgetrieben. Schnittfläche blau mit hier und da eingestreuten, 
röthlichen, broncho-pneumonischen Herden. Der Magen von der blauen Farbe- 
flüssigkeit stark aasgespannt; diese Flüssigkeit wird auch in 3 / 3 der 
Länge des Dünndarmes, d. h. bis 44 cm weit von Valvala Bauhini 
angetroffen. In den übrigen Dünndärmen, sowie im Dickdarm bräunlich gelbe 
Excremente, in denen kein Berlinerblau enthalten ist. 

Versuch XXXIII. Der Versuch wurde in derselben Weise wie die vorher¬ 
gehenden angeordnet. Das Material war die einen Tag alte Leiche eines Kindes, 
welches im Alter von etwa 2 Wochen gestorben war. Anfang am 20. März, 
V a l2 Uhr Vormittags; unterbrochen am 21.März '/ 2 12 Uhr Vormittags. Druck¬ 
höbe auch hier 3,25 m; Flüssigkeit: Berlinerblau; die Nase konnte jedoch nicht 


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Dr. Fagerlund. 


vollständig zugeschlossen werden, sondern von Zeit zu Zeit sab man ein Tröpf¬ 
chen der Farbelösung daraus hervorquellen. Der Körper mit dem Kopfe nach 
unten aufgehängt; der Bauch ziemlich gross und schlaff. — Bei der Obduolion 
wurden Brust, Bauch, Unterhautgewebe, Musculatur, Pleurahöhlen und Lungen 
in demselben Zustande wie in den vorhergehenden Fällen befunden. Im Bauche 
klares, rothbraunes Transsudat. Der Magen mit der Farbelösung 
gefüllt, welche in den Därmen bis zum S romanum vorgedrun¬ 
gen ist. 

Versuch XXXIV. Der Versuch wurde ebenso wie die bis jetzt erwähnten 
angeordnet und zwar diesmal an der 2 Tage alten Leiche eines 20jährigen Wei¬ 
bes, welches an einer septischen Blutvergiftung gestorben war. Die Leiche wurde 
auf den Rücken gelegt. Druckhöhe: 3 m; Flüssigkeit: Berlinerblau. Der Ver¬ 
such wurde am 14. October, 11 Uhr Vormittags begonnen; um 11 Uhr Abends, 
nachdem der Trichter von Neuem gefüllt worden war. wurde die das Einströmen 
regulirende Klemme ganz fortgenommen. Am 15. October Morgens wurde der 
Trichter nochmals einige Mal gefüllt, wonach der Versnob 11 Uhr Vormittags 
unterbrochen wurde. Wie in den vorigen Fällen war auch hier die Leiche wäh¬ 
rend des Versuches sehr ödematös geworden, nicht nur am Kopfe, am Halse und 
am Rumpfe, sondern auch an den Oberarmen und Oberbeinen. Brustsack, Lun¬ 
gen u. s. w. wie in den übrigen Fällen. Der Magen von einer grossen 
Menge Farbelösung ausgedehnt, welche Lösung auch in reich¬ 
licher Menge in den Dünndärmen angetroffen wird, und zwar bis 
140 cm weit von der Vulvula Bauhini, d. h. in etwa 2 /s des Darmes. 

Versuch XXXV. Anordnung wie in den vorhergehenden Fällen. Versuchs¬ 
object: Die auf den Rücken gelegte. 4 Tage alte Leiche eines im Alter von etwa 
10 Tagen gestorbenen Kindes. Druckhöhe: 2 m; Farbestofflösung: Berlinerblau. 
Die Nase schloss nicht ganz zu. Der Versuch fing am 25. März 11 Uhr Vor¬ 
mittags an und wurde am 26. März um dieselbe Zeit unterbrochen. Beim Er¬ 
öffnen der Bauchhöhle fand sich in derselben eine grosse Menge der gefärbten 
Flüssigkeit. Der Magen eingefallen, etwas Farbeflüssigkeit enthaltend. An der 
vorderen Wand desselben eine 1 cm messende Zerreissung. In den Dünn¬ 
därmen ist di]e Flüssigkeit bis 65 cm weit von der Valvula Bauhini 
vorgedrungen, d. h. in 2 / 3 des Darmes. 

Versuch XXXVI. Anordnung wie vorher. Das Object, die Leiche (1 Tag 
all) eines einige Tage nach der Geburt gestorbenen Kindes. Lage: auf dom 
Rücken; Druckhöhe: 1,5 m; Farbelösung: Berlinerblau. Am 22. März 11 Uhr 
Vormittags begonnen, wurde der Versuch am 23. März um dieselbe Stunde unter¬ 
brochen. Beim Eröffnen der Bauchhöhle fand sich daselbst eine getrübte, grau¬ 
braune Flüssigkeit. Peritoneum und Darmschleimhaut glanzlos, Gedärme frei, 
weder an einander noch an der Bauchwand anhaftend. Der Magen von der far¬ 
bigen Flüssigkeit ausgespannt, dagegen lassen sich weder im Duodenum 
noch in den übrigen Därmen Spuren des Farbestoffes wahrneh¬ 
men, daselbst nur gelbe, mit Käseklumpen vermischte Excrementmassen. 

Versuche XXXVII und XXXVIII. Anordnung wie zuvor. Das Material 
bilden 2 ^2 Tage alte) Leichen zweier gleich nach der Geburt gestorbener Kinder. 
Beide Leichen liegen auf dem Rücken. Druckhöhe: 1 m; Farbelösung: Berliner- 
blau. Die gleichzeitig gemachten Versuche fingen am 25. März, 11 Uhr Vor- 


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mittags an. Der eine wurde jedoch schon nach etwa 2 Stunden unterbrochen, da 
bemerkt wurde, dass Berlinerblau ebenso wie Päces per Anum abgingen. Die 
Obduction zeigte in der Thal, dass die Farbelösung den ganzen Darmcanal durch¬ 
drungen hatte. Der zweite Versuch wurde bis zum 26. März, 11 Uhr Vormittags 
fortgesetzt; bei der alsdann gemachten Untersuchung des Bauches findet man 
den Magen mit der nämlichen Flüssigkeit angefüllt, welche durch einen 0.5 cm 
grossen Riss der Magenwand in die Bauchhöhle ausströmt. In den Dünn¬ 
därmen ist die Farbelösung bis 70 cm weit nach unten vorge¬ 
drungen. 

Versuch XXXIX. Der Versuch ist so wie die vorhergehenden angeordnet, 
und zwar an der etwa 1 Tag alten Leiche eines etwa im Alter von einer Woche 
gestorbenen Kindes. Lage auf dem Rücken. Druokhöhe: 0,55 m. Farbelösung: 
Indigoblau. Als das Gleichgewicht erreicht worden war. wurde die Klemme ganz 
und gar entfernt und der Trichter fortwährend mit Farbeflüssigkeit voll gehalten. 
Der Versuch begann am 19. März, 12 Uhr Vormittags, und wurde am 20. März 
um dieselbe Zeit unterbrochen. Kopf und Rumpf etwas ödematös. In der Bauch¬ 
höhle Transsudat von rötblich blauer Farbe. Der Magen von der Farbelösung 
ausgedehnt, welche 35 cm weit in den Dünndärmen vorgedrun 
gen war. 

Versuch XL. Anordnung wie vorher. Etwa 1 Tag alte Leiche eines kurz 
nach der Geburt gestorbenen Kindes. Lage auf dem Rücken; Druckhöhe0.55 m; 
Farbelösung: Berlinerblau. Am 20. März '/ 2 12 Uhr Vormittags angefangen, um 
dieselbe Zeit am 21. März unterbrochen. In der Bauchhöhle ein klares, roth- 
braünes Transsudat. Magen von der Farbelösung ausgedehnt, ohne dass die¬ 
selbe im Duodenum oder in den übrigen Dünndärmen nachweisbar 
ist; diese enthalten nur bräunlich gelbe, mit Käseklumpen gemengte Excremente. 

Versuch XLI. Die Anordung war die in den vorigen Fällen angenommene. 
Das Versucbsobject war ein einige Stunden vorher geborener und gleich danach 
gestorbener Hund, welcher vom Scheitel bis zur Schwanzwurzel 13 cm maass. 
Druckhöhe: 1,5 m; Farbelösung: Berlinerblau. Nachdem der Druck 5 Minuten 
gewirkt batte, sah man die Haut am Rücken sich sehr schnell blasenförmig er¬ 
weitern. weshalb auch der Versuch gleich unterbrochen wurde. Bei der sogleich 
Torgenommenen Obduction fand sich in der Bauchhöhle eine ansehnliche Menge 
Farbeflössigkeit; der Magen war zusammengeklappt und dicht am Pylorus zer¬ 
rissen. Dicht daneben zeigte auch das Peritoneum einen Riss, durch welchen 
sich die Flüssigkeit einen weiteren Weg unterhalb der Haut an der rechten Seiie 
und am Rücken gebahnt hat; an nämlichen Stellen ist die Haut von der Flüssig¬ 
keit unterlaufen. In den Dünndärmen war die Farbelösung ungefähr 
in die obersten 2 /s derselben eingedrungen. 

Versuch XLII. Anordnung wie im vorigen Falle, und zwar an eben solch 
einem kleinen Hunde. Druckhöhe: 0,50 m; Farbelösung: Berlinerblau. Der 
Versuch begann am 22. März, 2 Uhr Vormittags und wurde am 23. März um 
dieselbe Zeit unterbrochen. In der Bauchhöhle klares, rothbraunes Transsudat; 
Magen von der Flüssigkeit ausgedehnt, welche auch in das oberste 
Drittel des Dünndarmes eingedrungen ist, 


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252 


Dr. Fagerlund, 


Versuche an lebenden Thieren. 

Unter allen früheren an Thieren gemachten Ertränkungsversuchen 
hat man nur in einigen alleinstehenden Fällen das Eindringen der Er- 
tränkungsflüssigkeit in die Dünndärme beobachten können. Dagegen 
erklärt Evers (1753) ausdrücklich, er habe bei seinen zahlreichen, 
mit Hunden angestellten Versuchen noch nie den Befund der Erträn- 
kungsflüssigkeit weiter als im Magen angetroffen, und er fügt noch 
hinzu, dass es nicht einmal wahrscheinlich sei, dass sie bis in die 
Därme eindringen könne. „Denn welche grosse Kraft ist nicht er¬ 
forderlich, ein Umstand, der Niemandem unbekannt sein dürfte, um 
den Inhalt des Magens znm Ueberschreiten des Pylorus zu bringen? 
Augenscheinlich eine so grosse, dass sie bei dem Sterbenden nicht 
vorhanden ist. Ja, ich habe diese Kraft bei einem ertränkten Hunde 
ausgeforscht, dessen Magen eine grosse Quantität von Wasser enthielt, 
und habe ich viel Kraft anwenden müssen, damit das Wasser den 
Pylorus überschreite. Deshalb, so oft ich den Magen herausnahm, 
unterband ich immer die Cardia, welche den Mageninhalt leicht durch- 
lässt, nimmer aber den Pylorus. Ich schnitt dahej* unterhalb dieses 
letzteren, und zwar gegen den Sphincter duodeni hin, den Darm ab, 
und wurde dieser so zusammengedrückt, dass auch das Geringste da 
nicht durchdringen konnte“ •). 

Auch Schimm hob 1788 hinsichtlich aus den von ihm ange¬ 
stellten Thierexperimenten hervor, „dass in die Därme kein Wasser 
dringe“ 2 ). 

Die ersten an lebenden Thieren ausgeführten Ertränkungsver- 
suche, von denen erzählt wird, dass Ertränkungsflüssigkeit bis in die 
Därme gedrungen sei, gehören de Haen 3 ) an 1771. 

Er beschreibt in folgender Weise diese seine Versuche: 

„Nachdem ein grosses Gefäss mit von vieler Dinte schwarzem und von 
Dintenbodensatz getrübtem Wasser gefüllt worden war, legte ich darin den Hund 


') Experimenta circa submersos in animalibus instituto. Diss. Preside 
J. G. Brendel, resp. auctor E. J. A. Evers. Gottingiae MDCCLI1I. § XXIII. 

2 ) Schimm, Franc. Anton., De submersis. Diss. Argentorati 1788. 
Citirt nach J. v. Müller’s Entwurf der gerichtlichen Arzneywissenschaft. Bd. IV. 
Frankfurt am Main 1801, pag. 27. 

3 ) Anlonii de Haen, Ration. Medendi continuatae. Tom I. Wiennae 
MDCCLXXI, pag. 127 u. 131. 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 253 


No. 38, der sehr bald (die Zeit an der Uhr nicht beobachtet) starb, und liess ihn 
eine ganze Stande im Wasser liegen, um zu sehen, ob er irgend etwas von dem, 
sofort aus dem Ertränkungsmedium gezogenen Hunde Verschiedenes aufzuweisen 
haben würde. Einmal aus dem Wasser herausgezogen, und zwar mit dem Kopfe 
immer nach oben gekehrt, war der Anfangs weisse, dann gelb gewordene Hund 
jetzt etiop gefärbt (schwarz) und vom unteren Theile des Körpers tropfte eben¬ 
falls gefärbtes Wasser lange ab, welches Wasser zwar, um zum 3. Male daran zu 
erinnern, von den Kleidern der Ertrunkenen wie von den Haaren der Thiere ab- 
sorbirt und am Munde und an der nach unten hängenden Nase herabströmend, 
falscher Weise einen aus dem Magen und den Lungen herrührenden Wasserstrom 
anzudeuten scheint. Ohne den geringsten Wiederbelebungsversuch anzustellen, 
begannen wir gleich die Section. Die ganze Lunge gedunsen und von breiten, 
theils rothen, theils purpurfarbigen und schwarzen Flecken gestreift. Nachdem 
die Luftröhre unterbunden worden war, nahmen wir die ganze Lunge heraus, 
wodurch wir das Phänomen näher und deutlicher beobachten. Als wir die eben 
erwähnte Ligatur auflösten, fanden wir die Luftröhre leer, desgleichen alle ihre 
grösseren, durch die einzelnen Lappen verlaufenden Verästelungen. Schaumige 
Flüssigkeit in geringer Menge enttropfte den verwundeten Lappen. Wenn nun 
einerseits die Zeichen von dem Vorhandensein des Wassers fehlten, so zeigte doch 
zugleich der reichliche dintige Bodensatz, dass das Wasser sowohl in die Luft* 
röhre als auch in die grösseren und kleineren Bronchien gedrungen war, und die 
getbeilten Lappen fielen nicht in kleine Scheiben zusammen, wenn man sie nicht 
zosammendrückte; that man aber dies, so gaben sie etwas Röthliches. Schau¬ 
miges ab. Die Herzräume enthielten körniges Blut und zwar die linken mehr als 
die rechten. Im Magen von Dinte dunkelfarbiges und mit Dinten- 
bodensatz reichlich gemengtes Wasser; Duodenum und Jejunum 
waren jedoch noch mehr mit eben demselben Bodensätze gefüllt. 

Hirnhäute normal: Sinus longitudinalis leer, Sinus laterales ebenfalls leer, 
desgleichen Ventriouli snperiores. Plexus choroidei weder geschwollen noch röth- 
lieber als gewöhnlich. 

Einen grösseren Hund XL, welcher innerhalb einer Minute gestorben zu 
sein schien, Hessen wir 2 Stunden im Wassergefäss; der Kopf nach oben, damit 
nichts ausfliessen möge. Im Magen, Duodenum und Jejunum viel 
schwarzes Wasser und reichlicher Dintebodensatz. In der Luftröhre 
keine schaumige Flüssigkeit; die Lunge war aber sohr aufgetrieben und nach¬ 
dem sie durchschnitten worden war, entfloss ihr von selbst und in Strömen drei 
Unzen einer röthlichen Flüssigkeit mit reichlichem Dintenbodensatz bemengt. In 
beiden Herzhöhlen körniges Blut, in der linken reichlicher. Dura mater war viel¬ 
leicht etwas rötblicher; die Kammern und Sinus longitudinalis leer, Sinus late¬ 
rales fast leer.“ 

Hiernach findet man vor 1855 keine in dieser Hinsicht ge¬ 
machten Beobachtungen. Um diese Zeit sagt Thönissen: „Stirbt 
eine Ziege unter Wasser und lässt man sie ruhig ihren Kopf senken, 
so kann man die ausgeathmeten Bläschen sehr gut sehen. Die 
Lungen marmorirt; Gischt in der Luftröhre; beim Durchschneiden 


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254 Dr. Fag^rlund, 

der Lungen Gischt da, wo Dintenflüssigkeit war. Därme und Magen 

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ganz voll Dinte“ '). 

Schliesslich führt Schuchardt 2 ) 1862 einen Fall an, in wel¬ 
chem Ertränkungsflüssigkeit in die Därme gedrungen war, bei einem 
von ihm in folgender Weise behandelten Hunde. 

Nachdem ein Hund, mit dem Kopfe voran. 1 Minute in eine Blutlaugensalz¬ 
lösung eingesenkt war. während welcher Zeit fortwährend Luftblasen in die Hohe 
stiegen, wurde er herausgenommen, in ein warmes Bad gebracht und so lange in 
demselben gelassen, bis er wieder ziemlich gut athmete. und nach 13 Minuten 
durch einen Siich in Medulla oblongata getödtet. Section sogleich unternommen. 
Die Ertränkungsflüssigkeit war nachzuweisen im Maule, über die Zungenwurzei 
hinaus bis in’s Innere des Kehlkopfes. Die Luftwege waren frei von einer schau¬ 
migen Flüssigkeit; Blutlaugensalz weder in der Luftröhre noch in den Lungen zu 
erkennen. An der inneren Fläche der Speiseröhre war Blutlaugensalz an ein¬ 
zelnen Stellen nachzuweisen. Im Inneren des Magens, der geronnene Milch und 
eine helle Flüssigkeit enthielt, ist Blutlaugensalz in bedeutender Menge, so dass 
es ausser Zweifel ist, das Thier hat wohl, kopfüber iu’s Wasser gestürzt, die in 
den Mund dringende Flüssigkeit verschluckt und in den Magen geführt. Die 
ganze obere Hälfte des Darmcanals reagirt im Innern sehr stark auf Fe Gl. Die 
Nieren lassen keine Spur von Blutlaugensalz erkennen, ebensowenig der Urin 
und die innere Fläche der Harnblase, welche strotzend mit Urin gefüllt ist. 

Wenn ein Thier durch Ertrinken stirbt, kann man 3 Stadien 
unterscheiden: Im ersten hält das Thier durch wenige Augenblicke 
den Athem ein, das zweite ist das Stadium der Dyspnoe und das 
dritte jenes der Asphyxie, v. Hofmann führt in Bezug auf diese 
Frage Folgendes an 3 ): „Das Einhalten des Atheras im ersten Stadium 
geschieht wohl meistens instinctiv, doch fand F. Falk, das3 auch 
der durch die plötzliche Einwirkung des Wassers veranlasste Hautreiz 
eine reflectorische Respirationshemmung bewirke, die, wenn das Thier 
bereits durch frühere Versuche erschöpft war, in andauernden Respi¬ 
rationsstillstand übergehen konnte, woraus F. schliesst, dass Aehn- 
liches auch beim Menschen, wenn Ermattung, psychische Aufregung 
u. dgl. Einflüsse dem Gerathen in’s Wasser vorhergingen, oder auch 
bei Neugeborenen sich ereignen könne. Im zweiten Stadium tritt Dys¬ 
pnoe ein, bei welcher Anfangs tiefe, jedoch kurze und von sofortigen 

') Thönissen, Der Wassertod, nach der Natur gezeichnet. Vierteljahrs- 
schrift für gerichtl. und öffentliche Mediciu. Bd. VIII. Berlin 1855, pag. 341. 

2 j Schuchardt, Bernh.. Ueber den Tod durch Ertrinken. Henke’s Zeit¬ 
schrift für die Staatsarzneikunde. Jahrg. 42. Erlangen 1862, pag. 118. 

3 ) v. Hofmann, Eduard, Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. Wien und 
Leipzig 1887. Bd. II, pag. 573. 

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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflüssigkeit in die Gedärme. 255 


Exspirationen gefolgte Inspirationen eintreten, während später krampf¬ 
hafte Exspirationen sich einstellen, ein Verhalten, das analog ist dem¬ 
jenigen, das man bei der Dyspnoe anderer Erstickungsformen eben¬ 
falls beobachtet. Im Anfang der Dyspnoe sind sowohl Bewusstsein 
als Reflexe erhalten und die kurzen stossweisen Exspirationen, die den 
ersten Inspirationen folgen, geschehen offenbar reflectorisoh durch den 
Reiz des die Stimmritze berührenden Wassers. Das exspiratorische 
Stadium der Dyspnoe lässt sich beim Ertrinken ungleich deutlicher 
unterscheiden, als bei übrigen Erstickungsformen, da der jedesmalige 
Exspirationskrampf durch Ausstossen von feinblasigem Schaum mar- 
kirt wird. Convnlsionen treten fast immer auf, doch sind sie von 
verschiedener Heftigkeit. Wir haben sowohl klonische als Streck¬ 
krämpfe beobachtet. Im dritten oder asphyktischen Stadium finden 
wir Bewusstlosigkeit und Daniederliegen der Reflexe und begegnen im 
Anfang desselben jenen tiefen, in langen Intervallen sich wiederholen¬ 
den Inspirationen, die mit Aufreissen des Mundes und Zusammen¬ 
krümmen des Körpers verbunden sind, die wir oben als terminale 
Athembewegungen bezeichnet haben. Letztere lassen sich beim Er¬ 
trinkungstode besonders deutlich verfolgen und treten in der Mehrzahl 
der Fälle auf, dauern jedoch nicht immer gleich lange und bleiben 
mitunter ganz aus, ohne dass man andere als innere (individuelle) 
Bedingungen dieser Differenzen annehmen kann.“ 

Um jene Verhältnisse, bei welchen Ertränkungsflüssigkeit in die 
Därme lebender Thiere dringen, zu erforschen, habe ich folgendo Ver¬ 
suche angestellt: 

Versuch XLIII. Eine fast ausgetragene, durch den Kaiserschnitt entbun¬ 
dene junge Katze wurde unmittelbar in eine -j-35°C. warme Berlinerblaulösung 
gelegt und 15 Minuten daselbst gelassen. — Herausgenommen, wurde sie so¬ 
gleich obducirt und wurden dabei Ligaturen sowohl um die Cardia als um den 
Pylorus nnd an verschiedenen Stellen der Dünndärme angebracht; Beachtung der 
in den vorhergehenden Obdoctionen getroffenen Vorsichtsmaassregeln. Lungen 
blau marmorirt, im Wasser schwimmend. Im Magen unbedeutend Luft und eine 
Menge klaren, zähen, mit Streifen von Berlinerblau gemengten Schleimes, ln 
den Därmen kein Berlinerblau. 

Versuch XLIV. Derselbe Versuch wurde an einer zweiten durch den 
Kaiserschnitt entbundenen jungen Katze wiederholt. Bei dieser fand man die 
Lungen von gleicbmässig blauer Farbe, im Wasser schwimmend. Im Magen nur 
wenig Lnft und eine Menge zähen, klaren, mit Berlinerblaustreifen gemengten 
Schleimes. In den Därmen kein Berlinerblau. 

Versuch XLV. Eine durch den Kaiserschnitt entbundene, beinahe ausge¬ 
tragene, junge Katze Hess man 15 Minuten nach der Geburt leben, dann wurde 


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Dr. Fagorlund, 


sie in eine -j- 35° C. warme Berlinerblaulösung gelegt, wo sie noch einige Mal 
Luft einathmen durfte, so dass 3 Minuten vergingen, bevor sich die erste termi¬ 
nale Athembewegung einstellte; das Thier wurde nun 1 2 Stunde in der Farbe¬ 
lösung gelassen. Bei der Obdaction zeigten sich die Lungen von gleichmässig 
blauer Farbe, im Wasser schwimmend. Magen und der obere Tbeil der Dünn¬ 
därme enthalten Luft, wogegen Berlinerblau nur im Magen, und dort mit einem 
ziemlich reichlichen, zähen Schleime gemengt angetroffen wird. 

Versuch XLVI. Wiederholung desselben Versuches an einer durch den 
Kaiserschnitt entbundenen jungen Katze, welche eine halbe Stunde nach der Ge¬ 
burt hatte leben und beim Ertränken einige Mal hatte Luft einathmen dürfen. 
5 Minuten vergingen, bevor sich die terminalen Athembewegungen einstellten. 
Bei der Obduction zeigten sich die Lungen blau marmorirt. Der Magen und der 
obere Theil des Darmes enthielten Luft; dagegen wurde Berlinerblau nur im 
Magen angetroffen, und dort war es mit einem ziemlich reichlichen, zähen Schleim 
gemengt. 

Versuch XLVII. Eine träohtige Katze (Mutter der 4 vorigen), an welcher 
unter Chloroformnarcose der Kaiserschnitt ausgeführt worden war, nach welchem 
eine Ligatur am Uterus gelegt war und die Bauchwunde zugenäht, wurde, nach¬ 
dem sie vollkommen aus dem Chloroformschlafe erwacht war, in eine Lösung von 
salpetersäurigem Silber untergetaucht. Bei der Obduction fand man den Magen 
ganz mit grossen Stücken unverdauter Speisestoffe angefüllt. Flüssigkeit wurde 
daselbst nicht wahrgenommen, nur in der Gegend der Cardia war die Speise 
etwas angefeuchtet und bei Zusatz verdünnter Salzsäure entstand dort ein weisser 
Niederschlag von Chlorsilber. In den übrigen Theilen des Magens zeigte sioh 
diese Reaclion nicht, ebensowenig wie sie irgendwo anders im Darmcanale her¬ 
vorzubringen war. 

Versuch XLVI1I. Eine Katze wurde eine Minute in einer Berlinerblau¬ 
lösung gehalten und dann herausgenommen. Nach 3 Minuten war die Respiration 
wieder regelmässig. Das Tbier wurde alsdann vermittelst eines Stiches in die 
Medulla oblongata getödtet. Bei der Obduction wurden die Lungen ziemlich 
blaufleckig gefunden. Der Magen mit ziemlich grossen Speisestüoken angefüllt; 
Berlinerblau mit der Speise vermischt; in den Därmen aber kein Farbestoff. 

Versuch XLIX. Eine Hündin wurde während einer Minute in einer Ber¬ 
linerblaulösung versenkt gehalten. Herausgezogen, machte sie noch 6 terminale 
Athembewegungen und während etwa einer Minute Hessen sich sogar Herztöne 
vernehmen, das Thier konnte aber nicht mehr zum Leben gebracht werden, son¬ 
dern starb. 15 Minuten nachdem die Hündin aus der Lösung gezogen worden 
war, wurde um den Pylorus herum eine Ligatur angebracht. Der Magen zeigte 
sich von der Farbelösung und einer unbedeutenden Menge Schleim aosgespannt. 
Bis 22 cm weit im oberen Theilo der Dünndärme wurde Berliner¬ 
blau mit kurzen Unterbrechungen streifenartig angetroffen; es 
war innig mit dem Darminhalte gemengt, welcher letztere aus 
einem gelblich grauen, trüben Schleime bestand. 

Versuch L. Eine Katze wurde mit dem Rücken an ein Brett festgebunden 
und dann, den Kopf voran, während 2 Minuten in einer Berlinerblaulösung ge¬ 
halten. Wieder herausgezogen, konnte das schon stehen gebliebene Herz durch 
Klopfen in der Herzgegend wieder in Bewegung versetzt werden. 10 Minuten 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsfliissigkeit in die Gedärme. 257 


nach dem Hervorziehen hatte sich das Thier schon recht gut erholt und die Re¬ 
spiration war wieder ganz regelmässig. Alsdann wurde ihr eine Spritze voll 
Blausäure (welche einige Zeit gestanden hatte) injicirt und 5 Minuten später 
Hessen sich keine Herzbewegungen wahrnehmen. 17 Minuten, nachdem das Thier 
herausgezogeu worden, ward um den Pylorus eine Ligatur angebracht. Bei der 
Obduction zeigte sioh der Magen zu l / z mit Farbefliissigkeit und unbedeutendem 
Schleim angeföllt. Im Duodenum wird Berlinerblau bis 2 cm unter¬ 
halb des Pylorus' weiter aber nicht, wahrgenommen. 

Versuch LI. Ein Hund, welcher 24Stunden gefastet hatte, wurde in eine 
Berlinerblaulösung gelegt und 4 Minuten später todt herausgenommen. Bei 
der nach 24 Stunden vorgenommenen Obduction wurden die Lungen blaumar- 
morirt. der Magen von Farbelösung ausgedehnt gefunden; letztere war weder 
im Duodenum noch im Jejunum nachweisbar; sie enthielten nur 
einen zähen, gräulich gelben Schleim. 

Versuch LII. Ein Hund wurde mit dem Rücken an ein Bett festgebunden 
und dann so ertränkt, dass der Kopf und der halbe Körper während einer halben 
Minute in der Flüssigkeit untergetaucht wurden; darauf wurde er herausgenom¬ 
men und durfte während 5 Secunden alhmen; während einer halben Minute 
wieder untergetauoht, während 5 Secunden herausgezogen, wurde er schliesslich 
noch einmal während einer halben Minute untergetaucht und nach 5 Secunden 
herausgenommen, worauf er wieder in die Farbeflüssigkeit gelegt und 5 Minuten 
daselbst gelassen wurde. Bei der Obduction zeigte sich der Magen von Luft ziem¬ 
lich ausgedehnt und ausserdem eine ansehnliche Menge der Farbelösung ent¬ 
haltend; dagegen lässt sich keine solo he in den Dünndärmen wahr¬ 
nehmen. 

Versuch LIII. Ein Hund, welchen man 20 Tage hatte fasten lassen, 
wurde in derselben Weise wie der im vorigen Falle ertränkt, nur mit dem Unter¬ 
schiede. dass der Hund 5 Mal Luft schöpfen durfte, jedes Mal während 5 Se¬ 
cunden. Bei der Obduction wurde ziemlich viel Farbeflüssigkeit im Magen ange¬ 
troffen; auch bis 21 cm weit in den Dünndärmen fand sich dieselbe 
mit kurzen Zwischenräumen in Streifen vor und war mit dem die 
W r ände bekleidenden, gelblich grauen, trüben Schleime innig ver¬ 
mischt. 

Versuch LIV. Derselbe Versuch wurde an einem Hunde wiederholt, wel¬ 
cher seit 24 Stunden keine Nahrung erhalten hatte. Auch hier war die 
Farbelösung 20 cm weit in die Därme vorgedrungen, trat wie zuvor 
in Streifen auf und war ebenfalls mit dem die Wände bekleidenden 
gelblich grauen, trüben Schleime innig vermisoht. 

Versuch LV. Derselbe Versuch wurde an einem fastenden Hunde wieder¬ 


holt. welcher 3 Mal. jedesmal während 5 Secunden, Luft zu sich nehmen durfte. 
Bei der Obduction zeigt sich der Magen von Gasen stark aufgetrieben; auch ent¬ 
hält er eine ziemlich grosse Menge der farbigen Flüssigkeit, welche nicht in den 
Därmen angetroffen wird. 

Versuch LVI. Derselbe Versuch wurde an einem fastenden Hunde wieder¬ 
holt, welcher 5 Mal Luft einathmen durfte (immer während 5 Secunden). Bei 
der 24 Stunden später vorgenommenen Obduction fand man den Magen von der 
Farbelösung mässig ausgespannt; diese ist auch 21 om weit in de n Dünn- 


Yierteljahneelur. t ger. Med. N. F. UI. 8. 

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Dr. Fagerlund, 


darm ein gedrungen, wo sie mit dem daselbst befindlichen gelblich 
braunen, zähen Schleime innig vermischt ist. Am reichlichsten ist die 
blaue Farbe im unteren Theile vom Duodenum vertreten, ln den 3 letzten Centi- 
metern kommt sie nur sehr spärlich, aber ohne Unterbrechung vor. Lungen blau 
marmorirt. 

Versuch LVII. Wiederholung desselben Versuches an einem fastenden 
Hunde, welchor 5 Mal (jedesmal während 5 Secunden) Luft einathmen durfte. 
Bei der 24 Stunden später vorgenommenen Obduction wurde eine ziemliche 
Menge von Farbestoff im Magen angetroffen, so dass dieses Organ davon massig 
ausgedehnt war. Im oberen Theile des Dünndarmes, 20 cm weit, 
kommt auch Farbelösung vor. In den obersten 11 cm reichlicher, weiter 
hinab spärlich und mit kleinen Unterbrechungen, überall aber mit dem Darm¬ 
schleime innig vermischt. Lungen blau marmorirt. 

Versuch LVIII. Wiederholung desselben Versuches an einem fastenden, 

5 Wochen alten Hunde, welcher 8 Mal (jedesmal 5 Secunden) Luft einholte. 
Schon als man ihn zum dritten Male aus der Lösung hervorzog, schien er todt 
zu sein. Die 24Stunden später vorgenommene Obduction zeigte, dass die Lungen 
ganz hell gefärbt waren. Farbelösung wurde nur in den Bronchien am Hilus an¬ 
getroffen. Im Magen fand sich eine geringe Menge der Ertränkungsflüssigkeit, in 
den Därmen aber keine Spur derselben. 

Bei diesen sämmtlichen 16 Versuchsthieren war also die Er- 
tränkungsflüssigkeit in den Magen, aber nur bei 6 derselben bis in 
die Därme eingedrungen. Erforscht man die Factoren, welche hier 
einen Einfluss geübt haben, so findet man, vdass besonders 2 Um¬ 
stände dem schnellen Befördern der Ertränkungsflüssigkeit durch den 
Magen in die Därme hemmend entgegenzutreten scheinen; nämlich 
erstens, wenn das Ertränken so schnell geschieht, dass jedes weitere 
Einathmen von Luft unmöglich gemacht wird, und zweitens, wenn 
beim Ertränken der Magen noch vorher genossene Speisen enthält. 
Ein leerer Magen, eine „prolongirte“ Ertränkung mit wiederholter Ge¬ 
legenheit zur Luftrespiration scheinen dagegen das Eindringen der 
Ertränkungsflüssigkeit in die Därme im hohen Grade zu begünstigen. 
Ausserdem scheint hervorzugehen, dass die genannte Flüssigkeit eine 
gewisse Zeit braucht, um noch vor dem Tode des Thieres durch den 
Magen hindurch dringen zu können. Dass diese Zeit nicht lang zu 
sein braucht, erweist sich dadurch, dass die Ertränkungsflüssigkeit 
auch in den Fällen bis in die Därme vorgedrungen war, in denen 
der Ertränkungsact nur durch kaum 3 Minuten prolongirt worden war. 

Wenn ein Mensch den Erstickungstod durch Ertrinken erleidet, 
so tritt die Bewusstlosigkeit sehr bald, nachdem die Respiration ganz 
und gar unmöglich gemacht worden ist, ein, gewöhnlich schon vor- 
Beendigung der ersten Minute und ihr Eintreten fällt mit dem der 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsfliissigkeit in die Gedärme. 259 

allgemeinen Convulsionen und des Exspirationskrampfes zusammen, 
welche in der ersten Hälfto der zweiten Minute ihre Höhe zu er¬ 
reichen pflegen. Zwar machen sich individuelle Verschiedenheiten ein 
Wenig gelten, da ja nicht Jedermann den Athem gleich lange ein¬ 
zuhalten vermag. Da aber die Meisten kaum länger als 30—40 Se- 
eunden den Athem einhalten können, und es ausserdem bekannt ist, 
dass die geübtesten Taucher nie länger als 50 Secunden unter Wasser 
auszuhalten vermögen, so können auch hierbei keine grossen Diffe¬ 
renzen Vorkommen. In verschiedenen Fällen wird jedoch das Ein¬ 
treten jenes Momentes, in welchem die Luftrespiration unmöglich ge¬ 
macht wird, durch mehrere Umstände verzögert und zwar ganz be¬ 
sonders durch bedeutende Körperstärke und Fertigkeit im Schwim¬ 
men. Auch wird, wie es v. Hofmann hervorhebt, die Erträn- 
kungsflüssigkeit besonders im Anfänge des Stadiums der Dyspnoe 
verschluckt und gelangt somit in den Magen. 

Was nun die Zeitdauer anbelangt, welche ein in den Magen ein- 
geführtcr Stoff unter gewöhnlichen Verhältnissen braucht, um ge¬ 
nanntes Organ zu durchschreiten und von da in die Därme zu ge¬ 
langen, so machen die Physiologen darauf aufmerksam, dass dies im 
hohen Grade von der Menge und der Beschaffenheit der in den Magen 
gelangten Stoffe abhängig ist, sie heben aber zugleich hervor, dass 
man bei Menschen und Thieren mit Duodenal fisteln beobachtet hat, 
dass der Austritt kleiner Speisetheilchen aus dem Magen 10 ä 20 Mi¬ 
nuten nach geschehener Nahrungsaufnahme beginnt'). Die oben mit- 
gctheilten Thierexperimente deuten jedoch darauf hin, dass ein sol¬ 
cher Uebergang der in den Magen eingeführten Stoffe unter ver¬ 
schiedenen Umständen weit schneller vollzogen werden kann und dass 
er besonders beim Ertrinken oder beim Erstickungstode überhaupt 
wirklich viel schneller vollzogen wird. Dass in dieser Beziehung die 
Umstände bei Menschen und Thieren gleich sind, wird unter anderem 
durch folgenden, von Falk a ) mitgetheilten Fall dargelegt: „Ein 
Gjähriger Knabe, welcher neben einem mit 30 Centner Kartoffeln be¬ 
ladenen Wagen einherlief, gerieth unter denselben und wurde derart 
überfahren, dass ihm das linke Hinterrad über die Brust ging. Der 

*; Wundt, Wilh., Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Erlangen 
1873, pag. 211, und Busch. W., Beitrag zur Physiologie der Verdauungs¬ 
organe. Virchow’s Archiv Bd. XIV, pag, 140. 

2 y Falk, Kurzes Verweilen von Ingesta im Magen. Vierteljahrsschrift für 
gerichtliche Medicin. X. F. Bd. XLVI. 1887, pag. 155. 

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Dr. Fagerlund, 


Kutscher, der dies noch sah, konnte den Knaben nicht gleich hervor¬ 
ziehen; als er sofort zu ihm eilte, sah er, wie dem Ueberfahrenen 
Blut aus Mund und Nase strömte. Der Knabe bewegte noch Arm 
und Bein und hielt krampfhaft die Hand des Kutschers fest. Als 
er aber hervorgezogen werden konnte, fanden ihn der Kutscher und 
der schnell hinzugekommene Vater bereits todt. Diese Katastrophe 
spielte sieh erwiesenermäassen und begreiflicherweise innerhalb weni¬ 
ger Minuten ab. Vom Sectionsbefunde erwähne ich nur Folgendes: 
Bei ziemlich unversehrten Hautdecken war der linke Schildknorpel 
dicht neben der Mittellinie in seiner ganzen Länge durchbrochen; 
dieser Bruch setzte sich durch den Ringknorpel und zwei Tracheal- 
ringe fort; es klaffte der Spalt bis auf 5 mm Weite. Während die 
Bruchränder nur wenig blutunterlaufen waren, fanden sich Blut an 
der Zungenwurzel und dünne, dunkle Blutgerinnsel in zahlreichen 
Abschnitten des Bronchialbaums. Auch die Speiseröhre enthielt Blut, 
welches hier eine faserige Form hatte. Der Magen war sehr 
stark .mit dunklem, dicklichen Blute gefüllt; solches fand 
sich aber weichgeronnen nicht bloss im Duodenum, son¬ 
dern weit in’s Jejunum vorgedrungen. Eine Imbibition der 
Darm wand hatte daselbst noch nicht Platz gegriffen; letztere war 
vielmehr merklich blass und intact.“ 

Besonders ein Umstand ist beim Erstickungstode dazu geeignet, 
das Eintreten der in den Magen gelangten Stoffe in die Därme zu 
beschleunigen. Dieser Umstand ist das (seitdem man überhaupt phy¬ 
siologische Beobachtungen angestellt hat) bekannte Phänomen, dass 
die peristaltischen Bewegungen des Magens und der Därme nach dem 
Aufhören der Respiration und der normalen Thätigkeit des Herzens 
im hohen Grade beschleunigt werden. Und diese beschleunigte postmor- 
talo Magen- und Darmperistaltik befördert offenbar auch beim Ertrin¬ 
kungstode die während des Ertrinkens verschluckte Flüssigkeit aus 
dem Magen in die Dünndärme hinein und in ihnen weiter hinab. 
Hinsichtlich der Dauer dieser postmortalon Magen- und Darmbewe¬ 
gungen habe ich keine näheren Angaben angetroffen. 

In den meisten der angeführten Fälle, in denen Ertränkungs- 
flüssigkeit in den Därmen angetroffen wurde, sehen wir (und zwar 
besonders deutlich da, wo das Ertrinken in einer mehr specifischeu 
oder dick breiigen Flüssigkeit geschah) dieselbe innig mit dem Darm¬ 
inhalte vermischt und überhaupt nicht auf der ganzen Strecke, wo 
sie angetroffen wird, gleichmässig verbreitet, sondern mit grösseren 


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Ueber das Eindringen von Ertränkungsflössigkeit in die Gedärme. 261 


und kleineren Unterbrechungen in querlaufenden Streifen angehäuft, 
zwischen denen kaum Spuren derselben zu entdecken sind. Diese 
beiden Erscheinungen zeigen auch deutlich, dass die peristaltischen 
Bewegungen des Magens und der Därme die Kraft sind, welche die 
Ertränkungsflössigkeit vorwärts befördert hat. 

Da in dem Vorhergehenden gezeigt worden ist, wie schwierig das 
postmortale Eindringen von Ertränkungsflössigkeit in den Magen ist, 
und das Eindringen derselben in die Därme einer Leiche fast un¬ 
möglich, so muss der Befund von Ertränkungsflössigkeit in den Wär¬ 
men voraussetzen, dass das Individuum lebend in dieselbe gerathen 
ist. Somit ist der Befund von Ertränkungsflössigkeit in den Därmen 
eins der sichersten Zeichen des Ertrinkungstodes 1 ). 

Hierbei kann nur ein Theil solcher Fälle (einige solche sind auch 
oben roitgetheilt worden), wo, bei Wasserleichen der Magen leer oder 
fast leer, die Därme mehr oder weniger mit Wasser angefüllt sind, 
uns in Zweifel versetzen und gewissermaassen eine Ausnahme vom 
obigen Satze bilden. Bisweilen kann man sich nämlich fragen, ob 
diese Wassermasse bereits beim Ertrinken, oder ob sie erst nach dem 
Tode aus dem Magen in die Därme eingeflossen ist. Da jedoch auf 
diese Frage meine Untersuchungen keine bestimmte Antwort geben, 
so muss sie bis auf Weiteres unbeantwortet bleiben. Indessen ist die 
Wahrscheinlichkeit des Ertrinkungstodes in diesen Fällen um so viel 
grösser, je grössere Mengen Flüssigkeit die Därme enthalten. 

Aus dieser Abhandlung geht also hervor: 

1. Dass Ertränkungsflüssigkeit unter gewöhnlichen Umständen 
post mortem weder in den Magen noch per An um ein¬ 
dringt. 

2. Dass Flüssigkeit, nur wenn sie mit einem besonders star¬ 
ken Drucke wirkt, post mortem vom Magen aus in die 
Därme gelangen kann. 


*) ln diesem Zusammenhänge dürften vielleicht die von dem Belgischen 
Arzte Mattbysen an vergrabenen Thieren angestellten Untersuchungen genannt 
werden. Aus ihnen geht hervor:• „dass bei einem Thiere, welches todt vergraben 
worden ist, pulverförmige Stoffe in Mund, Schlund und Kehlkopf eindringen 
können, aber damit sie tiefer und besonders in den Magen und in die Därme ein¬ 
dringen sollen, ist es durchaus nöthig, dass das Vergraben vor dem Tode ge¬ 
schehen. und das lebende Thier Schlingbewegungen ausgeführt hat.“ Annales 
d’hygiene publique et mödecine ldgale. Paris 1843. Tom. XXX, pag. 225. 


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Dr. Fagerlund. 


3. Dass, wenn Jemand lebend in eine Flüssigkeit geräth und 
darin umkorarat, jene Flüssigkeit gewöhnlich in dem 
Magen, bisweilen auch in den Därmen angetroffen wird. 

4. Dass der Pylorus in einem gewissen Maasse dem Ueber- 
gange der Ertränkungsfliissigkeit aus dem Magen in die 
Därmo hinderlich zu sein scheint. 

5. Dass die peristaltischen Bewegungen des Magens und der 
Därme jene Kraft sind, durch welche die Ertränkungs- 
flüssigkeit aus dem Magen in die Därme und in ihnen 
weiter hinab befördert wird. 

6. Dass das Eindringen der Ertränkungsflüssigkeit aus dem 
Magen in die Därme leichter bei einem leeren als bei 
einem mit Speisen gefüllten Magen stattfindet. 

7. Dass ein prolongirtes Ertrinken das Eindringen der Er¬ 
tränkungsflüssigkeit in die Därme zu begünstigen scheint. 


4. 

Feber ein lenes werthvolles Zeichea des Ertriakaagstades. 

Von 

Dr. C. Seydel, 

Stadt Wundarzt zu Königsberg. 


Der Ertrinkungstod gehört zu den interessantesten und daher auch vielfaoh 
bearbeiteten Thematen der gerichtlichen Medicin; Paltauf in seinen 1888 in 
Wien heraasgegebenen Studien über den Tod durch Ertrinken fährt die stattliche 
Reibe von 157 Aufsätzen an, hierzu kommt sein eigener Aufsatz und einer ans 
demselben Jahre von Brouarde) im Archiv gen. de physiologie. Die Erschei¬ 
nungen des Ertrinkungstodes bieten demnach eine solche Fülle von verschiedenen 
Bildern, dass deren Erklärung die Autoren immer von Neuem anzuziehen im 
Stande ist. Die bekannteren und in der Mehrzahl der Fälle wohl regelmässig 
beobachteten Erscheinungen an Ertrunkenen sind nach den neuesten Lehrbüchern 
von E. Hol mann z. B. 1) die auffallende Kälte der Leiche, nach Merzdorf zu 
erklären durch die starke Durchfeuchtung der Haut und den stärkeren Wärmever¬ 
lust durch die rege Wasserverdunstung. Ein Symptom, das natürlich jeder län¬ 
gere Zeit im Wasser befindlichen Leiche eine gewisse Zeit lang eigentümlich 
und gleichwertig mit der Aufquellung der Epidermis, wo sie in stärkeron 
Schichten vorkommt, z. B. an Palma und Planta, ist. 


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Dr. Seydel. 


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2 ) Eine auffallende Blässe der Haut, sowie die besonders deutlich hervor- 
tretende Gänsehaut, die Runzelung des Hodensackes bei Männern ist der Aus¬ 
druck der starken Contractioh der glatten Muskelfasern und wird bei frischen 
Wasserleiohen wohl regelmässig nachzuweisen sein. Doch ist eine röthliche bis 
bläulich rothe Verfärbung des Gesichtes, ähnlich wie bei Erhängten, wie ich mich 
an fünf in diesem Sommer genau beobachteten Fällen überzeugen konnte, eine 
schon wenige Stunden nach der Entfernung aus dem Wasser auftretende Er¬ 
scheinung. 

3) Sohaum vor Nase und Mund, der sich von selbst bildet oder pilzförmig 
bei Druck auf den Thorax und das Abdomen hervortritt, ist das wichtigste und 
bei wirklichem Ertrinkungstode bes. bei kräftigen Personen wohl nie fehlende 
Charakteristikum der Ertrunkenen. Den Grund und die Variationen dieser Er¬ 
scheinung werden wir später noch kurz besprechen. 

4) Als Erscheinungen am Auge führt Hofmann ferner an: Ecchymosen in 
der Conjunctiva. doch setzt er hinzu, sie wären beim Ertrinkungstode im Wasser 
wohl nie, wiederholt aber bei in dicker Abortjauche Ertrunkenen, namentlich bei 
Kindern beobachtet. 

Zu den Erscheinungen am Auge, die ich näher zu besprechen habe, fügt 
Paltauf hinzu: „Eoobymosen der Bindehäute sind an Erwachsenen selten. Hin¬ 
gegen sieht man die Conjunctiven nicht selten livid oder violett als Theilerschei- 
nung der O^anose des gesenkten Kopfes. Bei Kindern sind ecchymosirte Con- 
junotiven ein gewöhnlicher Befund. Manchmal nehmen auch die Augenlider und 
deren äussere Haut Theil daran. * 

Ueber alle'diese Erscheinungen sagt er, „sie wären nur im Stande zu be¬ 
weisen, dass die Leiche im Wasser, vielleicht annähernd wie lange gelegen habe, 
einen Anhaltspunkt über das Punctum saliens der Todesursache gäben sie nicht.“ 

Als charakteristisch für den Ertrinkungstod giebt Pal tauf am Schlüsse 
seiner Arbeit 1) das Eindringen von Ertrlhrkungsflüssigkeit in die Lungen an. 
Von dieser Flüssigkeit lässt sich nachweisen, dass sie zunächst die an der Lun¬ 
genwurzel gelegene Gewebspartie erfüllt, sodann aber auch in die entferntesten 
einzudringen vermag, und dass die Oberlappen im Allgemeinen die meiste Er- 
tränkungsflüssigkeit enthielten. Dieses Eindringen findet seinen Grund in dem 
Eintreten von Ertränkungsflüssigkeit in die Alveolen und von hier aus auf prä- 
formirten Wegen (Kiltleisten und Saftspalten), mitunter auch durch kleine Lä¬ 
sionen der Alveolenwand in das Lungengewebe. 

2) Das Blut eines Theiles der Ertrunkenen erfährt eine Verdünnung; die 
selbe ist das Ergebniss einer vital von den Lungen her erfolgenden Aufnahme 
von Ertränkungsflüssigkeit. Diese Blutverdünnung ist selten über den ganzen 
Körper verbreitet, meist ist sie auf die linken Herzhöhlen und die Aorta be¬ 
schränkt. Der Nachweis der Verdünnung des Blutes könnte unter gewissen Be¬ 
dingungen als diagnostisches Hülfsmittel verwendet werden. 

Diese Aufnahme von Flüssigkeit in das Blut hat Paltauf hauptsächlich 
mit dem Fleis chl’schen Hämometer nachgewiesen, wie aus seinen mitgetheilten 
Fällen hervorgeht mit sehr wechselndem Erfolge, ohne dass eine durchgreifende 
Erklärung dafür von ihm erbracht worden wäre. Doeiine hat die Aufnahme von 
Ertränkungsflüssigkeit in das Blut sohon früher in einer experimentellen Arbeit 
nacbgewiesen und dasselbe im Transsudate des Herzbeutels im Praemediastinum 


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Dr. Seydel. 


und im perirenalen Bindegewebe nachgewiesen. Wasbuzki hat das Auftreten 
chemisch differenter Stoffe aus der Ertränkungsflüssigkeit an Blut und Harn nach- 
gowiesen und wie Ewald und Robert eine Verbreitung durch die Lymphbahnen 
nachgewiesen. 

Als Ausdruck dieser Aufnahme von Flüssigkeit in das Blut beim Ertrin¬ 
kungstode glaube ich eine Veränderung am Auge ansehen zu müssen, die von 
Pal tauf zwar nicht in seiner citirten Arbeit, aber wie es scheint in einem Refe¬ 
rate über seine Studien in Wiener Vereinen kurz berührt ist. In einem Berichte 
von Drasohe in der Wiener Klinik vom März d. J., der nebenbei einige starke 
Uebertreibungen und Ungenauigkeiten enthält, heisst es, P. habe auf dem Auge 
Ertrunkener kleine graue und röthliche Pocken und Ecchymosen in der Conjunc- 
tiva nachgewiesen. Wenn diese Notiz bei dem allgemeinen Charakter des 
Drasche’schen Referates nicht allzu viel Werthschätzung zu verdienen scheint, 
so berührt sie doch einen Punkt, den ich nach mehrfachen Beobachtungen für 
die Diagnose des Ertrinkungstodes als wesentlich zu halten mich berechtigt glaube. 

Durch einen Zufall habe ich in diesem Frühjahr und Sommer mehrere, im 
Ganzen 12 frische Leichen Ertrunkener, fast durchweg junger kräftiger Personen, 
die grösstentheils beim Baden verunglückten, zu untersuchen Gelegenheit gehabt 
und bei denselben fast übereinstimmend folgenden Befund erhoben: Die Augen¬ 
lider waren manchmal etwas blaurötblich verfärbt und etwas gesobwollen. manch¬ 
mal unverändert und nicht vollständig geschlossen. Auf dem in d*r Lidspalte 
befindlichen, also unbedeckten Corneaitheile befanden sioh mehrere, 12—15 
etwas über mohnkorngrosse, graue, phlyctänenartige Erhebungen, die in älteren 
Fällen abgewischt, oder auf andere Weise zerstört, die des Epithels beraubte, 
blankspiegelnde Fläche desCornealgewebes erkennen liessen. Bei genauerer Unter¬ 
suchung solcher Bulbi. die ich zu diesem Zwecke vorsichtig enucleirte, fand sich 
die von den Lidern bedeckte Cornea gewöhnlioh in ihrer ganzen Ausdehnung 
rauchig getrübt, mit etwas gequollener Epitheldecke überzogen. Diese Erschei¬ 
nung trat am deutlichsten hervor, wenn man einen solchen Bulbus einige Stun¬ 
den in 50proc. Alkohol legte. Die Conjunctiva war in diesen Fällen fast regel¬ 
mässig injicirt und zwar im peripheren, der Uebergangsfalte anliegenden Theile 
weit stärker, als in dem um die Cornea belegenen centralen. Die Färbung der 
Injeotion variirte nach dem Alter der Leiche, d.h. je nach der Zeit, die sie ausser¬ 
halb des Wassers zugebracht, vom Blassröthlichen in’s Dunkelviolette, fehlte aber 
in ausgesprochener Weise an den von mir beobachteten Fällen fast nie. In der 
blassröthlichen Injection der Gefässe konnte man in 2 Fällen deutliche, stern¬ 
förmige, blauröthliche Ecchymosen unterscheiden. Die Ertrunkenen hatten mit 
einer Ausnahme ihren Tod im Pregel und den Festungsgräben bei der Stadt ge¬ 
funden. 

Ob in den Leichen im Winter Ertrunkener sich diese, im Sommer deutlich 
hervortretenden Veränderungen der Cornea ebenso ausgeprägt finden, habe ich 
bis jetzt nachzuweisen noch nicht genügende Gelegenheit gehabt, möchte aber 
glauben, dass im kalten Wasser und bei niederer Lufttemperatur sich diese zum 
grossen Theil der Maceration analogen Erscheinungen zum mindesten langsamer 
entwickeln werden. Für Leichen im Sommer Ertrunkener glaube ich diesem Zei¬ 
chen einen nicht unerheblichen diagnostischen Werth beilegen zu dürfen. 


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5. 


Ucker Bippeabrflehe na gerichtsflrstlichea SUidpaikte ans. 

Von 

Dr. Anutein in Ratibor. 


Rippenbrüche dürfen bei ihrer unbestrittenen Häufigkeit — sie repräsen- 
tiren nach verschiedenen Statistiken ’) ca. 13 —16 pCt. aller Fracturen — auch 
das Interesse des Gerichtsarztes in erhöhtem Maasse beanspruchen, wie auch 
die tägliche Erfahrung lehrt, dass sein sachverständiges Gntachten oft genug, 
sowohl von dem Criminal- als Civilforum in vielseitigster Beziehung über jene 
Verletzungen provocirt wird. — Da der weitaus grösste Theil der Rippenbrüche 
weder unmittelbar, noch mittelbar zum Tode führt, gelangt auch die überwie¬ 
gende Zahl derselben nur an lebenden Individuen zur Begutachtung des Gerichts¬ 
arztes. Vor beiden Foris pflegt dann zunächst an ihn, nachdem nach allgemein 
geltenden klinischen Grundsätzen und Methoden die Existenz des Rippenbruches 
constatirt ist, die Frage heranzutreten, ob der festgestellte Rippenbruch in ur¬ 
sächlichem Zusammenhänge mit einer in Rede stehenden incriminirten Gewalt¬ 
einwirkung stebt. Die Beantwortung dieser Frage sollte nur dann bestimmt und 
präois ausfallen, wenn der völlig erwiesene Thatbestand ergeben hat, dass ausser 
der incriminirten Schädlichkeit keine irgendwie gleich geartete ätiologisch in 
Frage kommen konnte und jene mit genügender Intensität eingewirkt hat. um 
den Rippenbruch als nothwendige Folge erscheinen zu lassen. Trifft jene Voraus¬ 
setzung nicht zu, so kann der Gerichtsarzt bloss die Möglichkeit eines Causal- 
nexus durch Berücksichtigung der Art der Gewalteinwirkung, der Umstände des 
Falles und der klinischen Erscheinungen, sowie der subjectiven Symptome, die 
der Betroffene nach der incriminirten Gewalteinwirkung dargeboten hat, zugeben. 
Was die erstere betrifft, so weist uns die Erfahrung darauf hin, dass den Thorax 
oircumscript treffende Gewalten — und diese sind die häufigsten — meist directe 
Brüche 3 ), auch Brüche nach Innen genannt, veranlassen, indem sie einfach an 
der Stelle ihrer Einwirkung den Rippenbogen nach seiner Concavseite hin ein- 
drücken. Dagegen pflegen Gewalten, die den Brustkorb entweder in der Richtung 
von vorn nach hinten oder in diagonaler Richtung zusammenpressen, meist in- 
directe Brüche im Gefolge zu haben. Der Mechanismus dieser Fracturen gleicht 
dann in seiner Entstehung dem des Einknickens eines Stabes, dessen beide Enden 
zusammengebogen werden: Die Rippen brechen alsdann nicht da, wo die Gewalt 


') König, Allgemeine Chirurgie. Bd. II. Gurlt, Archiv für klinische 
Chirurgie. Bd. III, Heft II: Normalstatistik für die relative Frequenz der 
Knochenbräche. 

3 ) Bardeleben, Lehrbuch der Chirurgie und Operaliouslehre. Bd. II: 
Brüohe der Rippen. 


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Dr. Arnstein, 


eingewirkt hat, sondern da, wo die stärkste Biegung stattfand. Diese beiden 
eben entwickelten Mechanismen können sich nun selbstverständlich nuoh zu ge¬ 
meinschaftlicher Wirkung vereinigen, wie wir auch in der That bei Einwirkung 
schwerer Gewalten, beispielsweise beim Auffallen schwerer Lasten und beim 
Ueberfahrenwerden. theils einem directen, theils einem indirecten Zerbrechen in 
der Hegel einer grösseren Zahl von Rippen an verschiedenen Stellen begegnen. — 
Es ist aber noch ein anderer Factor von entscheidendem Einflüsse darauf, ob die 
den Thorax treffende Schädlichkeit an der direct getroffenen Stelle oder an einer 
entfernten einen Rippenbruch herbeiführt -— die Elasticität der Rippen. Je 
elastischer diese, desto grösser ceteris paribus die Chancen für indirecte Brüche, 
denen wir in Folge dessen aus noch zu entwickelnden Gründen häufiger bei 
jugendlichen Individuen, als bei älteren und Greisen begegnen werden. Immer¬ 
hin bleiben die indirecten Brüche im Allgemeinen weit in der Minorität; da nun 
ausserdem die meisten Gewalten mit Vorliebe die Vorder- und Seitenflächen des 
Thorax treffen, so finden wir die Continuitätstrennungen der Rippen auch meist 
in deren mittleren Theile und sehen nur bei indirecten Fracturen die Bruchstelle 
sich mehr zum Vertebralende der Rippen hin verschieben. 

Nicht minder vorsichtig wird sich der Gerichtsarzt in Betreff des ätiologi¬ 
schen Zusammenhanges zu äussem haben, wenn die in Betracht kommende Ge¬ 
walteinwirkung nur eine geringe war; zur Begründung seiner Annahme wird er 
alsdann nicht verfehlen, die individuelle Körperbeschaffenheit des Verletzten als 
prädisponirendes Moment heranzuziehen. Eine solche individuelle Prädisposition 
wird am häufigsten durch höheres Alter der Betroffenen geschaffen; die in dieser 
Altersperiode zunehmende Verkalkung und Verknöcherung der Rippenknorpel, die 
fortschreitende Brüchigkeit der Rippen selbst, bedingt durch Erweiterung ihrer 
Markhöhle und Verdünnung der Corticaisubstanz, sowie die zuweilen eintretende 
ankylotische Verwachsung der hinteren Rippengelenke mit den Wirbeln bringt es 
mit sich, dass die Rippen auch auf die geringfügigste Schädlichkeit mit einem 
Bruche reagiren. 

Noch grössere Reserve sollte sich der Gerichtsarzt in Betreff der Bestimmt¬ 
heit der in Rede stehenden gutachtlichen Aeusserung auferlegen, wenn, — wie 
dies durchaus nicht selten der Fall ist — spontane Brustmuskelanstrengungen, 
die erwiesenermaassen zeitlich mit der inoriminirten Gewalteinwirkung zusammen- 
fielen, für die Entstehung des Rippenbruches verantwortlich gemacht werden; 
geben doch alle Autoren ziemlich übereinstimmend zu, dass auch blosse 
Muskelaction im Stande ist, einen Rippenbruch hervorzubringen. So führt 
Gurlt 1 ) 14 sicher verbürgte Fälle an, in denen der Bruch zum grössten 
Theile (10 Mal) durch Husten, sonst durch verstärkte Action der Bauch¬ 
muskeln bei brüsken Bewegungen zu Stande gekommen war. Wenn nun 
auch bei den atrophischen Rippen alter Leute oder bei zufälliger Rippen- 
usur. z. B. durch ein Aortenaneurysma der Mechanismus solcher Fractur 
ziemlich verständlich ist, so lässt sich doch schwer für derartige Fracturen bei 
jüngeren Individuen, die bisher völlig gesund waren oder wenigstens keinen Ver¬ 
dacht auf vorherige Rippenerkrankungen zuliesson, ein wirklich stichhaltiger 
Grund an fuhren. Dessen ungeachtet hat jedoch der Gerichtsarzt mit der Mög- 


') Gurlt, Handbuch der Lehre von den Knochenbrüchen. Theil I. 


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Ueber Rippenbrüche vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus. 267 

lichkeit soloher Entstehungsweise, die nun einmal sicher constatirt ist. gegebenen 
Falles zu rechnen; zuweilen handelt es sich dabei sogar um sehr verwickelte Zu¬ 
fälligkeiten des Tbatbestandes, die es dem Gerichtsarzte, wie in einem Fried- 
berg’schen ') Gutachten, nicht ersparen, die ätiologische Frage lediglich in sus¬ 
penso zu lassen. 

Nach Erörterung dieser ursächlichen Frage liegt der Schwerpunkt der ge¬ 
richtsärztlichen Aufgabe sowohl vor dem Straf- als Civilgericht weiterhin darin, 
die Abhängigkeit etwa vorhandener Gesundheitsstörung, gleichviel ob sich solche 
nur in der Functionsunfähigkeit einzelner Organe oder in einer Schwächung der 
Gesammtconstitution zu erkennen giebt, von dem constatirten Rippenbruche dar- 
zuthun. Stets werden den Gerichtsarzt bei der Lösung dieser Aufgabe seino Er¬ 
fahrungen über den gewohnten klinischen Verlauf der Rippenbrüche leiten, deren 
SchwWe, wie gleioh vorweg bemerkt werden soll, wesentlich durch die sie be¬ 
gleitenden Complicationen bedingt ist. Diese Erfahrungen weisen darauf hin, 
dass uncomplicirte Rippenbrüche, mit Ausnahme der Splitterbrüche, gewöhnlich 
einen durchaus günstigen Verlauf nehmen; dabei ist es ganz gleichgiltig. ob es 
sich nur um eine incomplete Fractur — sei es nun ein Längsbruch oder eine In- 
fraction — oder um eine vollständige Schräg-, Quer- oder Doppel-Fractur han¬ 
delt; die Vereinigung der Bruchenden erfolgt fast immer anstandslos nach mehre¬ 
ren Wochen durch knöchernen Callus, der sich bei mangelnder Dislocation kaum 
durch die Untersuchung constatiren lässt. Derselbe wird aber auch dann wenig 
voluminös, wenn eine Dislocation der nebeneinander stehenden Fragmente einer 
oder weniger Rippen nach Innen stattgefunden hat; erst wenn mehrere Rippen 
gebrochen, eventuell auch die dazwischen liegenden Intercostalmuskeln zerrissen 
sind, können die Fragmente nicht nur nach einwärts dringen, sondern sich so¬ 
wohl mit ihren breiten Flächen, als mit ihren Kanten übereinander schieben und 
die Intercostalräume sehr erheblich verkleinern. Alsdann können entweder 
brückenförmige Verwachsungen mehrerer benachbarter Rippen entstehen, oder 
die von den Rippen ausgehenden Callusmassen bilden, anstatt knöchern zu ver¬ 
wachsen, an ihrem Vereinigungspunkte eine bewegliche, mit Knorpelüberzug ver¬ 
sehene seitliche Gelenkverbindung. 

Doch sind auch diese beiden Vorkommnisse ebenso, wie die Entstehung und 
Persistenz einer Psdudarthrose an einer beliebigen Fracturstelle im Allgemeinen 
bedeutungslos und ohne störenden Einfluss auf die schliessliche definitive Heilung. 

Anders verhalten sich die fast ausschliesslich durch Geschosswirkung 2 ) zu 
Stande kommenden Comminutivbrüche. die häufig eine völlige Regellosigkeit in 
der Richtung der Dislocation aufweisen und in Folge ihrer Entstehungsweise 
meist mit Hautwunden complicirt sind. Nicht nur, dass die Eliminirung völlig 
losgetrennter Splitter zu Eiterungen mit ausgedehnten Sonkungen führen kann — 
haben jene vermöge ihrer Spitzigkeit auch die Neigung, Complicationen seitens 
der Pleura und Lunge herbeizuführen, die um so schwerer werden, als mit den 


*) Friedberg, Gerichlsärztliche Gutachten, erste Reihe. Tödtliche Tren¬ 
nung der Wand einer Pulsadergeschwulst der Brustaorta und Rippenbruch. Ist 
durch einen gegen die Brust geführten Stoss oder durch Muskelzusammenziehung 
der Tod verursaoht worden? 

2 ) Bardeleben, Lehrbuch der Chirurgie. Bd. 11. 


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Dr. Arnstein, 


Splittere meist zugleich auch Fremdkörper in den Pleuraraum oder in die Lunge 
eindringen. Doch finden sich solche Complicationen nioht ausnahmslos bei Com- 
minutivbrüchen vor: Pistolen- oder Revolverkugeln, die nach Durchbohrung der 
Weicbtheile auf die Rippen aufschlagen und diese zersplittern, werden oft genug 
von ihrer ursprünglichen Richtung gegen Pleura und Lunge abgelenkt 1 ), um 
schliesslich nur die bedeckende Thoraxmusculatur oft auf weite Strecken ausein¬ 
ander zu wühlen. 

Was nun auch Rippenbrüohen ohne Splitterung den Stempel folgenschwerer 
Verletzungen aufdrückt, ist das gleichzeitige Auftreten von Complicationen, die 
in ihrem direclen Gefolge die im Thoraxraume befindlichen oder ihn begrenzenden 
und ihm benachbarten Organe betreffen. Relativ selten begegnen wir zunächst 
Verletzungen der Intercostalarterien, des Zwerchfells und der Leber. Jene ent¬ 
stehen durch Eindringen eines Rippenfragmentes, eventuell auch eines Splitters, 
in das Gefässlumen und haben naturgemäss eine Blutung zur Folge, die sich 
meist früh, zuweilen aber erst dann stillt, wenn die Brusthöhle vollgeblutet ist. 
Jedenfalls kann auch die Blutung aus einem Gefässe solch’ kloinen Kalibers tödt- 
lich werden, wie 3 von Gurlt (1. c.) aus der Literatur zusammengestellte Fälle 
beweisen; in einem dieser Fälle bestand sogar nur eine partielle, die Innenfläche 
der Rippen betreffende Fractnr und fand die tödtliche Blutung aus einem Seiten¬ 
zweige der Arteria intercostalis statt, der nicht dicker, als ein gewöhnlicher 
Kupferdraht schräg nach oben verlief und beim Gehen nachträglich durch ein 
kleines Knochenfragment eröffnet sein musste. Am Lebenden ist die in Rede 
stehende Complication bei allgemeinen Zeichen der inneren Blutung und rasch 
zunehmendem Ergüsse in der Pleurahöhle nur dann zu vermuthen, wenn eine 
grössere Lungenverletzung ausgeschlossen werden kann. 

Von Verletzungen des Diaphragmas führt Gurlt aus der Literatur nur 
4 Fälle an, in denen jenem ein Riss durch ein Rippenfragment beigebraoht war; 
in zweien dieser Fälle war das Fragment noch weiter gedrungen und hatte die 
Leber verwundet. Die beiden Fälle, die einen blossen Diaphragmariss darboten, 
verliefen tödtlich nach wenigen Stunden, fielen jedoch, soweit aus den Angaben 
ersichtlich ist, mehr den ausgedehnten Lungenzerreissungen, als dem Zwerchfell¬ 
risse zur Last. Durch Risse auf der linken Seite des Diaphragmas kann übrigens 
auch der Magen in die Brusthöhle bineinschlüpfen und Pneumothorax Vortäuschen, 
ohne jedoch stets zu Incarcerationserscheinungen zu führen. Dies beweist ein 
von König 2 ) beobachteter Fall, in dem ein Individuum mit dem durch ein 
Zwerchfel Hoch in die Brusthöhle dislocirten Magen naoh Jahr und Tag lebte. Der 
eine mit Leberverletzung complicirte Fall verlief tödtlich, anscheinend in Folge 
von Blutung in die Bauchhöhle, der andere gelangte wunderbarer Weise nach 
6 Wochen zur Heilung, trotzdem er mit grosser, äusserer Wunde, Diaphragmariss 
und ausgedehnter Leberzerreissung complicirt war. 

Häufiger begegnen wir schon Verletzungen des Herzens und des Herzbeutels 
als directen Folgen der Rippenfractur: Fischer 3 ) führt in seiner Abhandlung 


') l’itha und Billroth, Handbuch der allgemeinen und speciellen Chi¬ 
rurgie. Bd. III. 2. Hälfte. Abschnitt VI. 

2 ) König, Lehrbuch der speciellen Chirurgie. Bd. I. 

3 ) Fischer, Wunden des Herzens und des Herzbeutels. 


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Ueber Rippenbrüche vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus. 2G9 

12 Fälle an, in denen der Zusammenhang zwischen Herzwunde und Kippenbruch 
klar zu Tage trat. Sehr selten wird nur der Herzbeutel allein getroffen; ist 
dessen Risswunde gross, so erfolgt durch die meist entstehende Blutung ziemlich 
rasch eine pralle Füllung des Herzbeutels, die wegen der nunmehrigen Unmüg 
lichkeit der Herzdiastole Herzstillstand im Gefolge hat; ist die Herzbeutel wunde 
jedoch nur klein und oberflächlich, so hat sie nur eine Pericarditis zur Folgo, die 
zu Verwachsungen zwisohen den beiden Pericardialblältern und durch diese zu 
partieller Atrophie und Verdünnung der Herzmusculatur führen kann. Diese 
äussert sich am Lebenden in Form ron Palpitationon, Angst und Beklemmungs 
anfällen, unregelmässigem Herzschlage und allgemeiner Reizbarkeit. 

Für gewöhnlich ist jedoch die Herzbeutelwunde die Begleiterin einer Herz¬ 
wunde, der sie meist gegenüberliegt; diese betraf in den von Fischer zu¬ 
sammengestellten 12 Fällen 4 Mal den rechten Vorhof, je 3 Mal den linken und 
rechten Ventrikel, 2 Mal den linken Vorhof; dabei waren 1 Mal beide Ventrikel 
zu gleicher Zeit betroffen. Der Verlauf dieser Arten von Herzwunden ist in der 
Regel durch die starke Blutung in die Pericardialhöble ein sehr rapider, sie sind 
die einzigen Herzvorletzungen, bei denen ein sofort eintretender Tod die Regel 
ist, wie sämmtliche angeführten 1 2 Fälle beweisen. 

Ungleich öfter compüciren jedoch noch Pleura- und Lungenverletzungen 
Rippenbröche besonders, wenn deren mehrere durch schwere Gewalten beige¬ 
bracht sind. Die Entslehungsweise und der Verlauf jener ist wesentlich ver¬ 
schieden, je nachdem gleichzeitig eine Continuitätstrennung der bedeckenden 
Weichtheile besteht oder fehlt. Im letzteren Falle ist es das einwärts getriebene 
Rippenfragment, das mit seiner rauhen Bruchkante entweder bloss die Pleura 
costalis oder auch die Pleura pulmonalis und Lunge verletzt; dort entsteht bloss 
eine circumsoripte Pleuritis ohne Erguss, die schliesslich zu partieller oder totaler 
Verwachsung der beiden Pleurablätter führen kann; hier findet bei nur oberfläch¬ 
licher Lungenwunde meist ein unbedeutender Bluterguss in die Thoraxhöhle statt, 
da jene meist bald durch gerinnendes Blut verlegt wird. 

Zu gleicher Zeit tritt in Folge der Eröffnung der Bronchialverzweigungen 
auch Luft aus der Lunge aus, um entweder nur in die Pleurahöhle oder nur in 
das subpleurale und subcutane Gewebe der Bruchstelle oder in beide zugleich 
einzudringen. Wenn auch von vornherein bei normalem Verhalten der beiden 
Pleurablätter ein erheblicher Pneumothorax zu erwarten ist. so lehrt doch die Er¬ 
fahrung, dass sehr häufig Hautemphysem entsteht ohne nennenswerthen Pneumo¬ 
thorax. Der Grund dafür ist wohl darin zu suchen, dass in dem Augenblicke der 
Zerreissung die Risswunden der beiden Pleurablätter correspondiren, so dass die 
Luft direct in das subpleurale Gewebe dringt, während sich dann die Rissflächen 
sehr bald einwärts schlagen, bei der gewöhnlich flachen Respiration mit Blut 
verkleben und so der Luft den Weg zwischen die beiden Pleurablätter verlegen. 
Jedenfalls ist bei diesen subcutanen oberflächlichen Lungenverletzungen der Be¬ 
fund von Emphysem und geringfügigem Pneumothorax die Regel; nur, wenn 
gleich nach entstandener Lungenverletzung starke Athembewegungen gemacht 
werden, so dass die Lunge mit ihrer verletzten Stelle an der Rippenwunde vor¬ 
beigleitet, entsteht intensiverer Pneumothorax mit oder ohne Emphysem. Meist 
erfolgt hlimälige. wenn auch langsame Resorption der in der Pleurahöhle und im 
subcutanen Gewebe enthaltenen Luft und nur selten schliesst sich eine stärkere 


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Dr. Arnstein, 


Pleuritis mit Erguss an. — Ist jedoch die Lunge an mehreren Stellen gleich¬ 
zeitig oder sehr lief cingerissen. dann kann einmal schnelle Erstickung durch 
den gewaltigen Bluterguss und den gleichzeitigen, meist hochgradigen Pneumo¬ 
thorax erfolgen oder es stellt sich, falls diese Gefahr überwunden, fast constant 
ein stärkerer, meist nur seröser Erguss in die Pleurahöhle ein, der sich zu dem 
bereits vorhandenen Pneumo-Hämothorax hinzugesellt und sowohl durch sein län¬ 
geres Bestehen als durch die Möglichkeit der Zersetzung verhängnissvoll werden 
kann, besonders bei Verletzung grösserer Bronchialäste. 

Ausserdem antwortet die Lunge selbst anf die ihr beigebrachten Verletzun¬ 
gen mit einer Entzündung, die sich unmittelbar an die Lungenwunde anschliesst 
und deshalb für gewöhnlich als traumatische Pneumonie bezeichnet wird '). — 
Jene Entzündung bleibt nun meist auf ihren Ursprungsort beschränkt und invol- 
virt deshalb an sich geringe Gefahren, kann aber bei tiefen und mehrfachen 
Lungenrissen durch ihre Ausdehnung und Multiplicität, besonders bei älteren 
Leuten und Gewohnheitstrinkern gefahrvoll werden. Zuweilen sieht man dann 
die pneumonische Infiltration über einen grossen Theil der Lunge derart schnell 
fortschreiten, dass sie Abschnitte derselben überspringt und auch klinisch unter 
dem Bilde einer Pneumonia migrans in Erscheinung treten. 

Wesentlich modificirt werden die eben entwickelten, im Gefolge subcutaner 
Lungenverletzungen auftretenden Erscheinungen, wenn die Rippe die Lunge an 
einer Stelle verletzt, die mit der Costalpleura verwachsen ist, oder wenn eine 
total verwachsene Lunge von einer Rippe beschädigt wird. Dann kann sich die 
Lungenwunde bei der Unmöglichkeit der Retraction des Lungengewebes nicht 
schliessen, so dass fortwährend Luft direct unter die Pleura und in die sub- 
cutanen Gewebe der Körperoberfläche gelangt. Dieses Emphysem kann sich über 
den ganzen Rumpf, Hals, Kopf und Extremitäten verbreiten, ja auch in das 
Mediastinum eindringen, so dass der Tod in Folge der eintretenden Atheminsuf- 
ficieuz eintritt. Von der Extensität der Verwachsungen wird es abhängen, ob zu 
den Gefahren des Emphysems noch die eines Blutergusses nnd Luftaustrittes in 
die Pleurahöhle hinzutreten und zwar sind die Chancen für letztere um so ge¬ 
ringer, je ausgedehnter die Verwachsungen, und fallen bei völliger Verwachsung 
beider Pleurablätter naturgemäss ganz fort. 

Wesentlich andere Folgen ziehen die Rippenbrüche complicirenden Pleura- 
und Lungenverletzungen nach sich, wenn die Fracturen mit äussererWunde com- 
plicirt sind. Jene Folgen sind zum Theil mitbedingt durch die Entstehungsweise 
derartiger Rippenbrüche, da diese ebenso, wie die äussere Wunde, Lungen- und 
Pleuraverletzung meist der Effect der Penetration mehr oder weniger spitziger 
Körper, darunter auch der Projectile sind, die mit grosser Vehemenz in den 
Thorax eingetrieben werden; bei der Lungen- und Pleuraverletzung concurriren 
auch hier wieder als veranlassende Momente etwaige Knochensplitter, die zu¬ 
gleich mit dem verletzenden Körper eingedrungen sind. Dass bei Eröffnung der 
Pleurahöhle, so wahrscheinlich dies bei dem nahen Aneinanderliegen der beiden 
Pleurablätter scheinen mag, nicht nothwendig auch die Lunge von den pene- 

l ) Litten i. d. Zeitschrift für klinische Medicin, 1882, Bd. V, Heft I; und 
Litten, Berliner klinische Wochenschrift, 1882: Ueber die traumatischen Affeo- 
tionen der Lunge und Pleura 


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Ueber Rippenbrüche vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus. 


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trirenden Körpern getroffen werden muss, beweisen die allerdings iiusserst sel¬ 
tenen Beobachtungen (König. 1. c ), in denen die Körper die Kippen mehr tan¬ 
gential trafen. 

Dann wird nach dem Zusammensinken der Lungen der von ihr bisher aus¬ 
gefüllte Raum zum grossen Theile von eingedrungener atmosphärischer Luft und 
der etwa ergossenen Blutmenge, die meist gering ist. eingenommen. Mit diesem 
Pneumo-Hämothorax kann sich bei schräg verlaufendem Wundcanale Emphysem 
in der Umgebung der äusseren Wunde verbinden, ohne jedoch jemals eine wei¬ 
tere Verbreitung zu nehmen. Auch der Pneumothorax erreicht bei blosser Pleura¬ 
verletzung nie einen sehr hohen Grad, der Gefahren involvirte. dagegen entsteht 
oft im Anschlüsse an die Pleurawunde eine Pleuritis, die leicht eitrigen Erguss 
im Gefolge hat, besonders wenn die äussere Wunde nicht geschlossen wird. Noch 
schwerere Folgen stellen sich mit grosser Sicherheit überall da ein, wo bei der 
Pleuraverletzung fremde Körper, also entweder abgebrochene Rippensplitter oder 
mit diesen noch etwa die abgebrochene Spitze des eingedrungenen Körpers oder 
das Projectil in die Pleurahöhle gelangt sind; dann lässt die Verjauchung des 
primären Blutergusses und secundären eitrigen Ergusses nicht lange auf sich 
warten und consumirt schliesslich den Betroffenen. 

Ist jedoch die Lunge ebenfalls verletzt, so wird in erster Reihe die Blutung, 
sei es, dass sie nach aussen oder in die Pleurahöhle stattfindet, selbst aus Ge- 
fässen zweiter Ordnung leicht porniciös, selbst letal. Unterliegt der Verletzte 
nicht unmittelbar dieser Blutung, so kommt zu dem den unteren Raum der 
Pleurahöhle ausfüllenden Blutergusse noch in deren oberen Theile die Luftan¬ 
sammlung, die bei ihrer schnellen Entwickelung und hohen Spannung den Tod 
durch Erstickung herbeiführen kann, besonders wenn sich noch Emphysem der 
Brustwand hinzugesellt. Sind diese schweren Gefahren überwunden, so drohen 
noch weitere von der auf das Eindringen in der Luft suspendirter septischer 
Stoffe folgenden eitrigen Entzündung der Pleura, die sich auch bei inzwischen ge¬ 
schlossener Wunde einstellen kan. Zwar ist dann noch ein allmäliger Rückgang 
des Processes, besonders bei passender operativer Behandlung möglich, doch 
kann auch unter Zunahme der allgemeinen Erscheinungen die Exsudation wieder 
von Neuem rasch zunehmen, so dass der Tod theils durch Erstickung, theils durch 
Consumption erfolgt. Dieser ungünstige Ausgang wird mit grosser Wahrschein¬ 
lichkeit zu erwarten sein, wenn ausserdem noch Fremdkörper, wie wir sie bereits 
bei der isolirten Pleuraverletzung erwähnt, in der Lunge stecken geblieben sind, 
die, mit Fäulnisskeimen beladen, Anlass zu deletären Entzündungen geben. Um 
sie herum entsteht dann in der Lunge eine putride Gewebsnecrose, deren Pro¬ 
ducts die Pleura, falls sie nicht bereits Eiter secernirt, inficiren und, damit nicht 
genug, sie unter dauerndem Einflüsse dieser Infeclion erhalten. In der Regel 
sind auch die verletzten Individuen geradezu verloren, da es zu den seltensten 
Ausnahmen gehört, dass ein derartiger Fremdkörper durch Einkapselung un¬ 
schädlich gemacht wird oder durch einen Hustenstoss ausgeworfen oder durch 
Eiterung entweder aus der bestehenden Wundöffnung oder aus einem sich neu 
bildenden Senkungsabscesse eliminirt wird. Aber selbst in diesen günstigsten 
Fällen, wie in allen denen, in welchen ein Pyothorax besteht, der auf operativem 
Wege oder spontan sich zur Heilung anschickt, wird es jedesmal von der Aus¬ 
dehnungsfähigkeit der bisher comprimirten Lunge abhängen, ob sie allmälig den 


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Dr. Arnstein, 


durch das Einsinken des Thorax verkleinerten Brustraum wieder ausfüllen und 
die Schliessung der Wunde ermöglichen wird oder ob sie zu einer permanenten 
Brustfistel Anlass geben wird, die schliesslich zur Verjauchung des sich wieder 
ansammelnden Eiters führen kann. — Immer bleiben derartige Verletzte selbst 
nach Verheilung der Bruslwunde wenig widerstandsfähig mit entschiedener Dis¬ 
position zu chronischen Lungencatarrhen und allerzeit gewärtig, bei Acquirirnng 
acuter Catarrhe mit Tuberculose inficirt zu werden. 

Die Infection mit Tuberkelgift steht jedoch nicht nur den mit äusserer 
Wunde complicirten Rippenbrüchen bevor, in deren Verlauf Pyothorax oder pu¬ 
tride Qewebsnecrose der Lunge in Folge eingedrungener Fremdkörper anfgetreten 
ist, sondern auch subcotanen mit blosser Verletzung der Lunge durch Rippen¬ 
fragmente. Die Lehre von der im Anschlüsse an Traumen der Lunge entslhehen- 
den Phthise oder, wie sie kurz genannt wird, der traumatisohen Phthise ist noch 
verhältnissraässig jung, da erst Lebert Ende der siebziger Jahre diese Ent¬ 
stehungsweise der Phthise mit dem gebührenden Nachdrucke betonte. Ihm 
schlossen sich andere französische Autoren an, die auf den ätiologisohen Zu¬ 
sammenhang von Lungenphthise und Lungenverletzung hinwiesen, bis deutscher¬ 
seits zuerst Brebmer und dann Mendelssohn in einer aus der Leyden’sohen 
Klinik') hervorgegangenen Dissertation mit Entschiedenheit für die Richtigkeit 
dieser Annahme eintrat. 

Unter den von Mendelssohn angeführten und auch aus früheren Ab¬ 
handlungen zusammengestellten Fällen finden sich zwei, deren Entstehung auf 
Rippenbrüche zurückzuführen sind. In beiden handelt es sich um schon ältere 
gesunde Personen aus erblich nicht belasteter Familie, die ganz kurze Zeit nach 
dem Rippenbruche zu husten anfingen, stark abmagerten, kurz alle Anzeichen 
einer Phthise darboten. 

Wenn diese Auslese der in der Literatur aufgeführten Fälle nur so spärlich 
ausfällt, so darf der Grund dafür gewiss nicht in ihrer absoluten Seltenheit ge¬ 
sucht werden, sondern in der geringen Beachtung, die bisher dieser Entstehungs¬ 
art der Phthise geschenkt worden ist. Sagt doch Lebert (citirt bei Mendels¬ 
sohn) mit Recht: „Ce traumatisme comme cause de la phthisie est loin d’etre 
rare et l’on a le droit de s’dtonner qu’il ait si peu attirö l’attention des 
mödecins. “ 

In der That sind nun auch bei den mit Lungenverletzungen complicirten 
Rippenbrüchen die günstigsten Bedingungen für die Entwickelung der Phthise 
.gegeben. Durch die Continuitätstrennung des Lungenparenchyms, die das rauhe 
Rippenfragment gesetzt, ist der schützende Wall, den sonst die Lungenepithelien 
gegenüber der Invasion von Tuberkelbacillen bilden, durchbrochen. Und nicht 
genug damit, die Bacillen finden auch in Folge der durch die Continuitätstren¬ 
nung veranlassten weiteren Vorgänge die günstigsten Bedingungen für ihre 
Weiterentwickelung: Das Blut, das das Lungengewebe in Folge dessen Trennung 
imbibirt, giobt einen sehr geeigneten Nährboden für die Bacillen ab, nicht 
weniger, als die Exsudationsprocesse, die die darauf folgende Entzündung liefert, 
während die in Folge der Schmerzhaftigkeit gewöhnlich eintretende Immobili- 


') Mendelssohn, Traumatische Phthise nebst Bemerkungen zur Inha- 
lationstuberculose. Berlin 1885. 


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Heber Rippenbrüche vom gerichtsärztlichen Standpunkte ans. 273 


sirung der betreffenden Thorazpartie eine änsserst mangelhafte Ventilation des 
betreffenden Langenabschnittes znr Folge hat, unter der die Bacillen auch die 
nöthige Rabe finden, sich weiter zu entwickeln. 

Die Möglichkeit eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen Rippenbruch 
und Lungenphthise wird also auch der Gerichtsarzt in’s Auge zu fassen haben, 
wenn es sich nm die Entscheidung darüber handelt, ob eine nach der Heilung 
eines Rippenbruohes und seiner Complicationen constatirte phthisisohe Lungen¬ 
erkrankung die Folge jenes Bruches ist. Vorher wird genau zu eruiren sein, ob 
der Betreffende vor dem Rippenbruche ganz gesund gewesen, in speoie keine An¬ 
zeichen einer beginnenden Lungenerkrankung dargeboten, ob ferner die con¬ 
statirte Lungenphthise im directen Anschlüsse event. ganz kurze Zeit nach dem¬ 
selben eingetreten ist, ob sie schliesslich sich genau an der Lungenpartie oder 
deren allernächsten Nachbarschaft etablirt hat, die von dem Rippenfragmente 
verletzt wurde. Der positive Beweis des Zusammenhanges ist als erbracht anzu- 
sehen, wenn das bisher völlig gesunde Individuum im directen Anschlüsse an 
den Rippenbruch an einer diesem entsprechenden Lungenpartie Tnberculose ac- 
quirirt hat. Ob der Verletzte hereditär belastet war, ist dabei im Ganzen be¬ 
langlos; bat er wirklioh die tuberculöse Disposition schon latent zur Zeit des 
Rippenbruches in sich getragen, so „war es eben das Trauma, das sich in seiner 
Wirkung zu dieser gewissermaassen binzuaddirte, den Becher zum Ueberschäu- 
men brachte und der Einwanderung und Festsetzung der Bacillen Thür und Thor 
öffnete.” Lässt sich jedoch eine der oben geforderten Voraussetzungen nicht mit 
Sicherheit constatiren, so wird der Gerichtsarzt je nach der Dignität der nicht 
zutreffenden Voraussetzung die Möglichkeit des ursächlichen Zusammenhanges 
entweder nur offen lassen oder völlig verneinen. 

Schliesslich ist noch zweier Complicationen von Rippenbrüchen Erwähnung 
zu thun, von denen die eine, der Lungen vorfall, nur mit breiter Hautwunde com- 
plicirte Rippenfracturen begleiten kann, während die andere, der Lungenbruch, 
auch bei subcutanea eintreten kann. 

Der Lungenvorfall, der selten beobachtet wird und dann meist am unteren 
Rande der Lungenflügel, heilt gewöhnlich ein und zieht sich allmälig zurück, 
kann jedoch au> h eingeklemmt werden und sich brandig abstossen, ohne bei ge¬ 
eigneter Behandlung weitere Gefahren nach sich zu ziehen. 

Der Lungenbruch, d. h. die Verdrängung eines Lungenstückes bis hart 
unter die Haut der Brustwand, entsteht sofort nach subcutanea Rippenbrüchen 
mit ausgedehnter Interoostalmuskelzerreissung oder erst längere Zeit nach Rip¬ 
penbrüchen mit äusserer Wunde, wenn diese längst vernarbt a der Hämo-Pneumo¬ 
thorax resorbirt und die Lunge ihre frühere Ausdehnungsfähigkeit wieder erlangt 
hat. Immer geben wiederholt angestrengte Exspirationen Anlass zur Entstehung 
der Lungenhernie, die bei Anwendung geeigneter Schutzmittel meist ohne schäd¬ 
liche Folgen bleibt. 

So ausserordentlich verschieden sich nach all’dem der Verlauf der Rippen¬ 
brüche je nach der Art ihrer Entstehungsweise und der Schwere der begleitenden 
Complicationen gestaltet, so ungleich ferner in Betreff ihrer Bedeutung alle deren 
Folgezustände sind, so schwierig, ja fast unmöglich ist es auch für den Gerichts¬ 
arzt, sich in der Voruntersuchung vor dem Criminalgericht, also meist kürzere 

VierteljatirMehr. f. ger. Med. N. P. LII. 2. ]g 


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Dr. Arnstein, 


Zeit nach der Verletzung über deren Prognose und muthroaassliohen Verlauf gut¬ 
achtlich zu äussern. Muss er es doch selbst oft genug erfahren, dass w<dcr alles 
Erwarten die schwersten Complicationen spontan und sogar zuweilen trotz unge¬ 
eigneter Behandlung zur Heilung kommen, während andererseits wieder Indivi¬ 
dualität und Zufall zu unvorhergesehener Verschlimmerung und plötzlichem Um¬ 
schlag bisher wenig gefahrvoller Complicationen führen. Es ist deshalb für den 
Gericbtsarzt ratbsam, zu so früher Zeit nur dann sein durchaus günstiges und 
bestimmtes Gutachten abzugeben, wenn eine subcutane Fractur ohne Splitterung, 
ohne Dislocation und ohne jedwede Complication der inneren Organe sicher con- 
statirt ist, sonst aber stets sein Gutachten für später zu vertagen, bis der Kippen¬ 
bruch geheilt und die vorhandenen Complicationen entweder verschwunden oder 
wenigstens in das Stadium der Chronicität getreten sind. 

Auch dann ist er erst im Stande, die Bedeutung des Rippenbruches, wie 
dessen Folgen mitRücksicht auf die durch das Strafgesetz stamirten Verletzungs¬ 
kategorien- 223 und 224 des Strafgesetzbuches) definitiv abzuschätzen. Von 
den im Gesetze angeführten Folgen, die die Subsummirung einer Verletzung unter 
die schweren im gerichtsärztlichen Sinne bedingen, kommen für die Kippenbrüche 
nur Verfall in Siechlhum und erhebliche dauernde Entstellung in Betracht •). 
Ersteres ist jedenfalls als vorhanden zu erklären, wenn Pyothorax mit oder ohne 
Brustfislel, Lungengangrän und traumatische Phthise zurückgeblieben sind, letz¬ 
tere ist nur dann zuzugeben, wenn durch Einsinken des Brustkorbes lei Pyo- 
thoraxbeilung eine beträchtliche Thoraxdeformität mit augenfälliger Scoliose zu 
Stande kam, die sich trotz bedeckender Kleidung unangenehm bemerkbar macht. 
Alle anderen, ohne Hinterlassung dieser Folgen verlaufenen, nicht tödtlichen 
Rippenbrüche fallen naturgemäss unter die leichte Körperverletzung des Straf¬ 
gesetzes, trotzdem manche von ihnen vom klinischen Standpunkte aus als schwere 
und gefährliche anzuseben waren. 

Vor dem Givilgericht tritt an den Gerichtsarzt endlich die Frage über den 
Grad und die Dauer der Erwerbsunfähigkeit 2 ), die der Rippenbruch für den Ver¬ 
letzten im Gefolge gehabt, heran. Eine gänzlich dauernde Erwerbsunfähigkeit 
besteht jedenfalls, wenn die bereits beim Verfall in Siechthum namhaft gemachten 
Folgen eingetreten sind; eine verminderte, dauernde Erwerbsunfähigkeit kann'-in 
Betracht kommen, wenn sich eine grössere Lungenhernie im Anschlüsse an den 
Rippenbruch ausgebildet hat 3 ), Verwachsungen der beiden Pericardialblätter zu 
intermittirenden Störungen der Herzfunctionen geführt haben oder eine beträcht¬ 
liche Thoraxdeformität bei Pyothoraxheilung entstanden ist; im letzteren Falle 
concurrirt mit der t verminderten Erwerbsfähigkeit noch die Verunstaltung des 
Verletzten. 

Wie hoch im concreten Falle die Verminderung der Erwerbsfähigkeit anzu- 

*) cf. Superarbitrium der Königlichen Wissenschaftlichen Deputation. Diese 
Vierteljabrsschrift. N. F, XXVII. 385. Ref. Skrzeczka. 

2 ) Becker, Anleitung zur Bestimmung der Arbeits- und Erwerbsunfähig¬ 
keit nach Verletzungen. Berlin 1888. 

# ) Jossic, These pour le doctorat en mädecin, essai medico-legal: contu- 
sions du thorax en gänäral et particulierement des oomplications pleuro-pulmo- 
naires conseoulives. Paris 1886. 

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lieber Rippenbrüche vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus. 


275 


schlagen ist, kann nur mit Berücksichtigung des Gewerbes und des zur Aus¬ 
übung desselben nöthigen Kraftaufwandes entschieden werden. — Wie lange 
nach einem Rippenbruche vorübergehende, gänzliche oder theilweise Erwerbs 
Unfähigkeit bestanden, wird der Gerichtsarzt in gewohnter Weise auf Grund der 
zu verschiedenen Zeitpunkten erhaltenen Untersuchungsbefunde und uoter kri¬ 
tischer Berücksichtigung der jedesmaligen Angaben des Verletzten über seine 
Beschwerden zu beurtheilen haben. 

Bei der Beurtheilung der Rippenbrüche mit tödtliehern Verlaufe hat der 
Gerichtsarzt wesentlich andere Aufgaben zu erfüllen; es gilt dann in erster Reibe, 
aus dem objectiven Leichenbefunde, eventuell auch unter Berücksichtigung des 
Krankheitsverlaufes und der Entstehung der Verletzung die nächste Todesursache 
zu eruiren. Als solche ergiebt sich ungemein häufig bei Rippenbrüchen die Ver¬ 
blutung. Die Leichenbefunde sind dabei verschieden, je nachdem die Blutung 
durch eine zugleich mit dem Rippenbrucbe gesetzte äussere Wunde nach aussen 
oder in die Körperhöhlen, d. i. Brust- oder Bauchhöhle, erfolgt ist. Stets finden 
sich jedoch an der Leiche die Zeichen der Anämie, die sich äusserlich durch ge¬ 
ringe Entwickelung der Todtenflecke, auffallende Blässe der Haut und sichtbaren 
Schleimhäute, ferner in der Blutarmuth und Trockenheit der inneren Organe 
kund giebt; allerdings wird die Anämie bei innerer Verblutung weniger deutlich 
ausgesprochen sein, da die Raumverhältnisse der Brust- und Bauchhöhle doch 
schliesslich der Blutung eine gewisse Grenze setzen. Mag sich nun die Brust¬ 
oder Bauchhöhle mit Blut gefüllt vorfinden oder mag neben der Leiche eine grosse 
Blutlache constatirt worden sein, während sie selbst in der Umgebung einer 
'Brustwunde mehrfache Blutgerinnsel darbietet, immer ist die Quelle der Blutung 
mit möglichster Gewissheit zu eruiren. Es gelingt, dieselbe fast immer in Rissen 
der Lunge, Leber und Verletzungen der Intetcostalgefässe aufzufinden, in denen 
noch die Rippenfragmente oder deren Splitter stecken geblieben sind oder die 
Continuitätstrennungen der Organe weisen allein schon durch ihre gegenüber den 
Fracturstellen der Rippen befindliche Lage auf ihre Abhängigkeit vom Rippen¬ 
bruche hin. 

Als weitere Todesursache findet sich bei Rippenbrüchen grobe Beschädi¬ 
gung der vitalen Brustorgane oder gleichzeitig auch intensive Störung ihrer 
Functionsfäbigkeit vor. Beides ist für die Lungen sicher anzunehmen, wenn der 
Thorax an verschiedenen Stellen, womöglich beiderseits breit eröffnet ist, und die 
Lungen mehrfach zerfetzt, dabei collabirt in der Brusthöhle vorgefunden werden. 
Mit der Functionsuntorbrechung der Lungen concurrirt alsdann als Todesursache 
noch die Erstickung in weiterem Sinne, da durch die Eröffnung des Thorax zu¬ 
gleich auch ihre erneute Entfaltung unmöglich gemacht ist 1 ). 

Groben Beschädigungen der Herzmusculatur begegnet man als directen 
Folgen der Rippenbrüche nur selten; dagegen wird ihre Function durch den Druck 
des sich aus einer Herz- oder Herzbeutelwunde in die Pericardialhöhle ergiessen- 
den Blutes rasch aufgehoben. Man findet dann an der Leiche meist correspon- 
dirende, bald längs, bald quer gestellte Wunden des Pericards und Myocards 
und ihnen gegenüber das stark hervorspringende Rippenfragment, das sich in 
dieser Situation leicht als den schuldigen Theil documentirt; zuweilen sieht man 


*) cfr. Hof mann. Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. 


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18 * 

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t)r. Arnstein, 


tu 

das Fragment noch in einer Oeffnung des Perioards stecken, naobdem es sich 
bei einer stärkeren Bewegung aus der Herzwunde selbst zurückgezogen bat. 

Ausserdem können durch die Obduclion als Todesursache die Entzündungen 
der von den Rippenfragmenten verletzten Organe, der Lunge, Pleura und des 
Peritoneums ermittelt werden. An den Lungen findet man einen grösseren oder 
kleineren Theil des betreffenden Lappens im Zustande rother oder gelber Hepa¬ 
tisation, an seiner Peripherie den gewöhnlich schon verklebten Lungenriss mit 
mehr oder weniger von Blutextravasaten durchsetzter Umgebung. Auf die Ab¬ 
hängigkeit des Lungenrisses, sowie der Pneumonie von dem Rippenbruohe werden 
bei frühzeitig tödtlich verlaufenen Fällen, die meist vom Lungenrisse zur Pleura¬ 
wunde hinziehenden, mehr oder wenigerfesten pleQritischen Stränge hinweisen, wäh¬ 
rend später nach Lösung der etwa vorhandenen Adhäsionen die correspondirende 
Lage der Lungennarbe und der über der (zuweilen noch aufgetriebenen) Fractur- 
stelle der Rippen gelegenen Pleuranarbe auf den ätiologischen Zusammenhang 
hindeuten. 

Ergiebt die Section als Todesursache nur Entzündungen der Pleura, so be¬ 
gegnet man neben mehrfachen, zarteren, fibrinösen Verklebungen der beiden 
Blätter meist noch festeren Verwachsungen zwischen der Pleuranarbe und dem 
gegenüberliegenden Pulmonalblatte, ausserdem finden sich aber constant Ergüsse 
in der Pleurahöhle selbst vor. Sind diese serös oder sero-fibrinös, dann imponiren 
sie durch ihre Massenhafiigkeit, die zu Compression der betreffenden Lunge, 
eventuell auch zu Herzverschiebung geführt hat; sind sie eitrig, so bietet die 
Leiohe meist noch Zeichen von Anämie und Abmagerung, verbunden mit amy- 
loider Organdegeneration als Folge lang bestandener Eiterung dar, auch kann 
diese sich unmittelbar auf die Pericardial- und Peritonealhöhle propagiren. 

Eitrigem Ergüsse in der Peritonealhöhle als alleiniger Todesursache be¬ 
gegnet man nach Rippenbrücben, die mit Leberverletzungen complicirt waren; 
daneben finden sich ausgedehnte Verwachsungen zwischen Leber und Därmen, 
wie zwischen Leber und Bauchwand, besonders in der Umgebung der primären 
Leberwunde, die meist necrotisches und verflüssigtes Gewebe darbietet. 

Rächst den entzündlichen Processen kommen als Todesursache bei Rippen¬ 
brüchen gangränöse in Betracht und zwar fast ausschliesslich an den verletzten 
Lungen. An ihrer Oberfläche findet man alsdann eine oder mehrere mit stinken¬ 
der, grünbrauner Flüssigkeit gefüllte Höhlen, an deren Wänden die fetzigen 
Reste des Lungenparenchyms flottiren. Diese meist von entzündlich infillrirtem 
und von Hämorrbagien durchdrungenem Lungengewebe umschlossenen Höhlen 
sind, wenn noch subpleural gelegen, von blasig abgehobener, deutlich ent¬ 
zündeter Pleura bedeckt; ist diese bereits durchbrochen, so haben sich zu jenen 
gangränösen Herden fast regelmässig schon jauchig eitrige Ergüsse in die 
Pleurahöhle hinzugesellt. 

Schliesslich ist noch als Todesursache der Pyämie Erwähnung zu thun; 
man begegnet dann an der Leiche den gewöhnlichen, für Pyämie charakte¬ 
ristischen Befunden, als Lungen-, Milz- und Leberinfarcten, trüber Schwellung 
der Nieren, und ist meist in der Lage, den primären, für die pyämische In- 
fection verantwortlichen Herd bald in einem gangränösen Lungenherde, bald 
in einem jauchigen Pleuraergüsse, bald in den verjauchten Weichtheilbedeckungen 

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Ueber Rippenbrüche vom gericbtsärztlichen Standpunkte aus. 


277 


einer Comminutivfractur ’) zu erkennen. Dass jede der eben aufgeröhrten Todes¬ 
ursachen nicht immer als einzige bei tödtlichen Rippenbrüchen in Betracht kommt, 
bedarf keines ausdrücklichen Hinweises; in der That vereinigen sich nicht selten 
zwei oder mehrere derselben zu gemeinschaftlicher und um so sicherer tödtlicher 
Wirkung: so paart sich öfters Functionsunfähigkeit der Lungen mit Verblutung, 
traumatische Pneumonie mit hochgradigem, serösen Ergüsse in die Pleurahöhle, 
Lungengangrän mit eitriger Entzündung der Pleura, letztere wieder mit eitriger 
Exsudation in die Peritonealhöhle. 

Der ursächliche Zusammenhang einer oder mehrerer aufgefundener Todes¬ 
ursachen mit einem in Frage stehenden Rippenbruche wird, wie bereits mehrfach 
angedeutet, meist leicht vom Gerichtsarzte zu erweisen sein, wenn jene unmiitel- 
bar zum tödtlichen Ausgange hinführten, ebenso wenn entzündliche Processe 
einen acuten letalen Verlauf nahmen; dann ist an der Rippe die Fracturstelle 
noch durch die reparativen Heilungsprocesse gekennzeichnet, während die nooh 
leicht erkenntlichen Lungen-, Pleura- und Peritonealwunden sich deutlich als die 
Eingangspforten erweisen, durch die die entzündungserregenden Stoffe eingedrungen 
sind. Ist der Tod jedoch erst geraume Zeit nach dem Rippenbrucbe eingetreten, 
dann kann esdem Gerichtsarzte, besonders, wenn keine äussere Wunde bestanden 
hat und der Rippenbruch wie gewöhnlich ohne Dislocatiön und stärkere Callus- 
bildung gebeilt ist, schwierig oder unmöglich werden, aus dem blossen objec- 
tiven Leichenbefunde die Schuld eines früheren Rippenbrucbes an der aufgefun 
denen Todesursache sicher zu stellen; er wird dann besonders, wenn es sich um 
Krankbeitsprocesso, die auch spontan entstehen können — z. B. Pyothorax und 
Lungengangrän — handelt, erst mit Berücksichtigung der Umstände des Falles, 
insbesondere der Krankheitsgesebicbte zu einem Urtheile über den Zusammenhang 
zwischen Todesursache und Rippenbruch gelangen können. 

Selbstverständlich muss in allen Fällen, in denen durch objectiven Befund 
ein Rippenbruch constatirt ist, seine vitale Entstehung vorweg erwiesen werden, 
da die Erfahrung lehrt, dass Rippenbröche auch erst postmortal in Folge roher 
und ungeschickter Behandlung der Leiche beim Transporte und bei derSection ent¬ 
stehen können. Der Nachweis gelingt fast immer, da die reactiven Veränderungen 
an der Fracturstelle neben der Suggillation und Schwellung der umgebenden Weich- 
theile jeden Zweifel zerstreuen; aber auch solche Fraoturen, die sofort zum Tode 
führten und deshalb auch an der Bruchstelle noch keine Reactionserscheinungen 
darbieten können, erweisen sich durch die Art der gesetzten Complicationen meist 
als vitale. Sind beispielsweise die Intercoslalmuskeln und die Costalpleura in 
nächster Nähe der Fractur stark mit Blut unterlaufen oder findet sich ein 
grösserer Bluterguss in der Pleurahöhle neben einem der Fracturstelle ent¬ 
sprechenden frischen LungenTisse, so ist auch hier der vitale Ursprung der Frac¬ 
tur ohne jedes Bedenken zuzugeben. 

Schliesslich kann an den Gerichtsarzt noch die Frage herantreten, ob die 
aufgefundene Todesursache die nothwendige Folge des Rippenbruches ge¬ 
wesen ist. Diese Fragestellung kann sich leicht dem Richter aufdrängen, wenn 


*) Vierteljahrsschrift för gerichtliche und öffentliche Medioin. Berlin 1871. 
Bd. XV. Neue Folge. Gerichlsärztliche Mittheilungen von Masohka. 


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278 


Dr. Arnstein. 


der Tod einmal nach längerer Kr&nkheitsdauer eintrat, sodann unzweckmässiges 
Verhalten des Verletzten oder ungeeignete ärztliche Behandlung für den tödt- 
lichen Ausgang verantwortlich gemacht wird. 

Diese Frage wird sich nur für den concreten Fall unter Berücksichtigung 
der näheren Umstände, der Krankheitsgeschichte und unter Zuhülfenabme der 
bereits erörterten klinischen Erfahrungen über den üblichen Verlauf der Com- 
plicationen beantworten lassen. 


6 . 

Gebärmatterriss. Sebald der Hebamme ? 

Gutachten 

mitgetheilt vou 

Dr. Schiller, 

K«'»nitrK Kreij.-Phys>ikti8 in Wehlau . Ostpi vu-si-n . 


Der Königl. Staatsanwaltschaft beehren sich die Unterzeichneten 
den in der Untersuchungssache der Hebamme L. aus B. erforderten 
Obductionsbericht unter Rücksendung der Acten ergebenst zu unter¬ 
breiten. 


Am 28. October 1883 gegen 11 Uhr Nachts fühlte die zum elften Male 
schwangere Inliegerin Sch. zu B. den Eintritt von Geburtswehen und veranlasste 
ihren Ehemann, die Hebamme L. berbeizuholen. Dieselbe traf um 12 Uhr bei der 
Kreissenden ein. Letztere befand sich im Ganzen wohl, nur klagte sie über 
Schmerzen im Unterleibe, namentlich bei Berührung desselben, und über Kälte 
im linken Beine. Die Wehen waren stark. Der Muttermund war etwa in Thaler- 
weite eröffnet; der Kopf des Kindes, dessen Rücken nach links gewendet war, 
stand im Beckeneingang. Herztöne und Bewegungen des Kindes nahm die Heb¬ 
amme nicht wahr. Behufs Beschleunigung der Geburt sprengte die Hebamme bei 
(angeblich) geöffnetem Muttermunde „auf Ersuchen der Sch.“ die Blase. Um 
2Uhr traten bei der Kreissenden Schüttelfröste ein, ihr Gesicht wurde blass. Sie 
klagte über Uebelkeit, „dass ihr ganz anders sei wie bei früheren Entbindungen, 
sie habe sich wohl etwas gemacht, es tbäte ihr so weh, was das wohl wäre 
u. dergl.“ 

Dieser Zustand dauerte an, nnr Hessen die Wehen allmälig nach, bis sie 
schliesslich in der sechsten Stunde ganz aufhörten. Da die L. fürchtete, die Sch. 
„möchte schwach werden", schickte sie um 4 Uhr den Mann nach einem Arzte. 
Anfänglich weigerte sich der Mann, in seiner Weigerung noch von seiner Frau 
bestärkt, die sich „nicht martern lassen und lieber so sterben wollte"; doch ging 


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Dr. Schiller. 


279 


er schliesslich gegen 6 Uhr nach wiederholtem Drängen, nachdem sich der Za* 
stand .der Kreissenden anscheinend verschlimmert halte. Sie klagte über Span* 
nang im Leibe, Schwindelgefühl und hatte Erbrechen. Diesen Angaben der Heb¬ 
amme widersprechen die des Ehemannes Sch. insofern, als dieser eine anfäng¬ 
liche Weigerung in Abrede stellt, vielmehr der Hebamme die Aeasserang zu¬ 
schiebt (gegen 3 Uhr): dass das Kind in der Geburt sei. es wäre eine Schande, 
den Arzt zu holen. Jedenfalls steht fest, dass die Hebamme sich nach 6 Uhr 
emfernte, da sie den Zustand der Kreissenden nicht für besorgnisserregend hielt. 
Bei ihrer Rückkehr nach etwa einer halben Stande fand sie die Sch. im Sterben, 
deren Tod nach wenigen Minuten eintrat. 

Die am 2. November 1883 vorgenommene Obdaction der Leiche ergab fol¬ 
gende wichtigen Befunde: 

1) Die 139 cm grosse, wohlgenährte Leiche gehört einer Fraa im Alter 
von 35—40 Jahren an. 

2) Die Farbe der Haut ist im Allgemeinen schmutzig graaweiss. Auf der 
linken Seite des Halses, der Brust und des Unterleibs ist sie stahlgrün, ebenso 
um den Nabel und in der rechten Lendengegend. 

3) llierselbst ist die Oberbaut zerstreut in einer Ausdehnung von Linsen- 
bis Thalergrösse blasig abgehoben; die Blasen sind durchweg mit grünlicher, 
stinkender Flüssigkeit gefüllt. Die blosgelegte Unterbaut ist blassgraugrün ohne 
jegliche Gefässzeichnung. Von den Blasen aus lässt sich die Oberhaut im Be¬ 
reiche der grünen Verfärbung leicht abhebon. 

6) Am Gesäss ist die Oberhaut auf weite Strecken hin abgelöst und hängt 
in Fetzen daran; auch hier zeigt die Lederhaut keine Gefässfüllung, ist vielmehr 
blass, schmutzig grauweiss gefärbt. 

7) Todienstarre ist nur in den Hand- und Fussgelenken vorhanden. 

8) Leichengeruch ist massig wahrnehmbar. 

12) Die linke Seite des Gesichtes vom äusseren Augenwinkel bis hinter das 
Ohr und nach abwärts bis zum Unterkieferrande ist blaugrün verfärbt, dunkler 
als die ähnlich gefärbten Stellen am übrigen Körper. Auf einem Einschnitte zeigt 
sich das Unterhautgewebe gallertartig gequollen und es entleeren sich aus dem 
Durchschnitt 8—10 ccm schwarzes flüssiges Blut. 

19) Nachdem die kleinen Schaamlippen auseinander geklappt sind, er¬ 
scheint das vorliegende Scheidengewebe blanroth und mit blutigem Schleim be¬ 
deckt. Der eingeführte Finger stösst im Beckenausgange auf einen teigigen, 
einem harten Körper aufliegenden Widerstand (Kopfgeschwulst), der durch einen 
vorliegenden Kindskopf gegeben wird. 

25) Nach Eröffnung der Bauchhöhle entleeren sich 20 ccm dunkelrothen, 
syrupdicken Blutes. 

28) ln dem von den unter No. 26 b, c und d genannten Därmen gelasse¬ 
nen Zwischenräume liegt mit dem Rücken nach rechts und etwas nach vom, mit 
den linken Extremitäten nach vorn und links, mit der Läogsaxe des Körpers 
demgemäss von rechts und unten nach links und oben ein Kindskörper, der 
über und über mit flüssigem Blute und einigen dünnen Blutgerinnseln be¬ 
deckt ist. 

31) Zwischen linker Schulter des Kindes und der Schamfuge liegt ein 
schwarzes, 1,5 cm dickes, mit fetzigen Rändern versehenes, blutgerinnselartiges 


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280 


Dr. Sohiller, 


Gewebe, von einem Blotgerinnsel sich nnr durch festere Consistenz unter¬ 
scheidend. 

32) In der Baachhöhle befinden sich, soweit solche ohne Verrückung der 
Tbeile sich aussohöpfen lässt, 600 ccm Blut. 

34) Es zeigt sich nunmehr, dass in der linken Nierengegend die Nach¬ 
geburt liegt. 

35) In der rechten Nierengegend befindet sich die Gebärmutter. 

36) Durch einen an der vorderen Seite derselben befindlichen Riss sieht 
man den Kindskopf in dem kleinen Becken und zwar mit dem Hinterhaupt nach 
rechts und abwärts gerichtet; das Gesicht sieht man nach links und oben. 

38) Es erweist sich nun, dass der Gebärmutterhals am Ansatz an den Kör¬ 
per quer von diesem ab- und an seinen beiden Seiten der Länge nach einge¬ 
rissen ist. 

39) Die Harnblase ist leer, ihre Schleimhaut blass. 

42) Der Gebärmutterkörper ist 13 cm lang, ebenso breit, 5 cm dick; seine 
Consistenz ist teigig, Fingereindruck bleibt stehen. 

43) Der Gebärmutterhals ist an seiner Hinterwand 11 cm lang und 2 mm 
diok, während er an seiner Vorderwand stellenweise zu einer durchscheinenden 
Membran verdünnt ist. 

44) Es zeigt sich nunmehr übersichtlich, dass der Riss in derGebärmutter, 
der in No. 38 erwähnt ist, durch die ganze Vorderwand des Halses an dessen 
Uebergange in den Gebärmutterkörper in durchaus querer Richtung von dem 
rechten Ende senkreoht auf 7 cm, von dem linken auf 5 cm nach abwärts in 
der Seitenwand verläuft. 

45) In dem Querriss ist das Bauchfell fast linear getrennt und von derGe¬ 
bärmutter nioht abgehoben. 

46) Die Rissränder im Gewebe sind zackig und das Gewebe durch die in 
dasselbe erfolgte Blutung in eine schwarze Schwarte verwandelt, die an dem 
rechten Ende des Risses 2,5 cm, an dem linken 1 cm beträgt. Auch die Ränder 
des Längsrisses sind fetzig und blutunterlaufen. 

47) Die Schleimhaut des Halses auf der Hinterwand hat eine rothe Farbe; 
das Gewebe ist derb, aber durch und durch von Blutungen durchsetzt. 

48) Auf dem Durchschnitt zeigt die Gebärmutter an ihrer vorderen Wand 
am Fundus eine Dicke von 1 cm, in der Mitte von 2 cm, am Ansatz des Halses 
1,2 cm. Das Gewebe ist blassgrau und es entleert sich auch nicht ein Tropfen 
Blut aus dem durchschnittenen Gewebe. Die Innenfläche ist sammetartig, an der 
Hinterwand zerstreut mit erbsengrossen, an der Vorderwand, dem Sitz des Mutter¬ 
kuchens, mit flächenhaften, festhaftenden Blutgerinnseln bedeckt, die Fortsetzun¬ 
gen in die OefFnungen der Gefässe an der Innenwand senden. 

50) Im Bauchraum fanden sich nun noch 600 ccm schwarzrothes Blut und 
dicke Gerinnsel. 

51) Die Milz ist 16 cm lang, 7 cm breit und 2,5 cm dick. Die Farbe 
ihrer Oberfläche ist braunroth. Ihre Consistenz ist knisternd, teigig, ihr Gewebe 
auf dem Durchschnitt hellgraubraun, feucht und schmierig. Es entleert sich 
weder von selbst noch auf Druck Blut aus der Schnittfläche. 

52) Die linke Niere ist grau bläulich roth gefärbt, ihre Consistenz so ver¬ 
ringert, dass sie je nach der Lage ihre Form ändert. Auf der Innenfläche er- 


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Gebärmutterriss. Schuld der Hebamme? 


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scheint das Gewebe gleichmässig grauroth. Das Nierenbecken ist äusserst 
blass. 53) Die rechte Niere unterscheidet sich in Niohts von der linken. 57) 
Die Schleimhaut des Dünndarmes ist blass. 58) Auch die Schleimhaut des Dick- 
darmes ist blass. 59) Die Leber ist 23 cm lang, 20 cm breit und 5 cm hoch. 
Ihre Oberfläche ist hellgraublau, ihre Consistenz teigig, hier und da knisternd. 
Der Ueberzug ist stellenweise blasig abgehoben. Auf dem Durchschnitt ist das 
Gewebe ungemein blassbraun, so dass es einen Stich in’s Gelbliche zeigt; die 
Leberläppchen sind kaum von einander zu unterscheiden. Blut entleert sich 
weder von selbst noch bei Druck auf die Fläche. 63) Die Entfernung von der 
Mitte des inneren Randes der Schaamfuge bis zur Mitte des Vorberges beträgt 
9 cm. 

64) Der Querdurchmesser als Beckeneinganges beträgt 11.5 cm. 65) Der 
schräge Durchmesser beträgt links wie rechts 11 cm. 66) Die Bauchsohlagader 
enthält nur gerade so viel Blut, dass ihre Innenfläche damit schwaoh bedeckt ist. 
67) Die Bauchblutader war leer. 69) Die Oberfläche beider Lungen ist aschgrau¬ 
blau. 76) Die Kranzgefässe des Herzens sind leer. 77) Der rechte Vorhof ist 
leer, ebenso die rechte Kammer. 78) Der linke Vorhof und die linke Kammer 
sind leer. 86) Die Brustscblagader enthält kaum einen Theelöffel dunkles flüssi¬ 
ges Blut. 87) Die Halsgefässe sind leer. 92) Die Schleimhaut der Zunge ist 
äusserst blass, grauweiss, ihre Musculatur trocken, blassgrau. 99) Die Gefässe 
der rechten Seite der harten Hirnhaut sind leer, die der linken Seite so wenig 
gefüllt, dass sie kaum über das Niveau der harten Hirnhaut sich erheben. 101) 
Der Längsblutleiter enthält nur in seinem hinteren Theile wenig dünnflüssiges 
Blut. 106) Die Hirnoberfläcbe ist äusserst blass. 

108) Die Gefässe an der Hirngrundfläche sind leer. 110) Die Blutleiter an 
der Scbädelgrundfläche sind leer. 116) Die Adergeflechte sind von hellgrau- 
rother Farbe. 117) Auf dem Durchschnitte erweist sich das Gewebe des Gehirns 
feucbtglänzend, äusserst blass in der grauen Substanz, in der weissen Substanz 
bilden sich nur sehr spärliche Blutpunkte. 

118) Die Nervenknoten sind äusserst blass. 120) Das Kleinhirn ist von 
fast reingrauer Farbe. 122) Das Gewebe der Brücke und des verlängerten Marks 
ist fast kreideweiss. 

123) Das Gewicht des Kindes beträgt 3200 g. 

126) Die Durchmesser des Kindesschädels betragen: 

a) der Längsdurchmesser 12 cm, 

b) der grosse Querdurchmesser 9 cm, 

c) der kleine Querdurchmesser 7 cm, 

d) der grosse Diagonaldurchmesser 12.5 cm, 

e) der kleine Diagonaldurchmesser 9 cm. 

127) Auf dem hinteren Theile des linken Scheitelbeines und Hinterhaupt¬ 
beines befindet sich eine stark ausgeprägte Kopfgeschwulst. 128) Die Kopf¬ 
knochen sind so gegeu einander vorgeschoben, dass die Stirnbeine mit ihrem 
hinteren Rande unter die Scheitelbeine gesohoben sind, so dass die grosse Fon¬ 
tanelle fast gänzlich verschwunden ist. Zugleich ist das rechte Scheitelbein 
unter das linke und das rechte Stirnbein unter das anderseitige geschoben, so 
dass die rechte Kopfhälfte von geringerem Umfange als die linke erscheint. 


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Dr. Schiller, 


Von der Königl. Staatsanwaltschaft sind folgende Fragen zur 
motivirten Beantwortung gestellt worden: 

1. Welches ist die Todesursache? 

2. Wodurch der die Verblutung herbeiführende Gebärrautterriss 
verursacht worden ist? 

3. Ob und welche Handlungen und Unterlassungen der Heb¬ 
amme mit dem Gebärmutterrisse, mithin auch mit dem Tode 
der Gebärenden in Causalnexus zu bringen sind? 

4. Ob die Hebamme (wenn auf ihr Thun oder Lassen der Tod 
der Gebärenden zurückzuführen ist) zu der Aufmerksamkeit, 
welche sie aus den Augen setzte, vermöge ihres Berufes als 
Hebamme besonders verpflichtet war? 

5. Im Falle nicht erweislich sein sollte, dass die Hebamme 
durch Fahrlässigkeit den Tod der Gebärenden verursacht hat, 

ob nicht wenigstens erweislich ist, dass sie durch Fahr¬ 
lässigkeit im Sinne des Absatz 2 § 230 St.-G.-B. eine Ge¬ 
sundheitsschädigung der Gebärenden verursacht hat? 

6. Ob Misshandlungen, welche der Ehemann der Sch. 14 Tage 
vor dem Tode zugefügt haben soll, einen Gebärmutterriss 
herbeigeführt haben können, der erst 14 Tage später zum 
Verblutungstode geführt hat? 

Unsere Aufgabe bestand zunächst darin, den erfolgten Ver¬ 
blutungstod nachzuweisen, was trotz der Concurrenz der vorgeschrit¬ 
tenen Fäulniss gelang, in weiterer Folge die Verblutung auf den Ge¬ 
bärmutterriss zurückzuführen. Wir fuhren im Gutachten sodann fort: 

Frau Sch. war eine Elfgebärende. Die vorangegangenen Entbindungen 
sollen alle sehr schwer, jedoch ohne Kunsthülfe erfolgt sein. Das 10. Kind kam 
scheintodt zur Welt, das 7. oder 8. soll todt geboren worden sein. Wenn schon 
diese Angaben der L. auf eine Enge in den Geburtswegen der Sch. schliessen 
lassen, so wird solche zur Gewissheit durch directe Messung der Beckendurch¬ 
messer. wie sie durch die Obduction ermöglicht wurde. Es betrug der gerade 
Durchmesser 9 cm, der quere 1 1.5 cm, die schrägen je 11 cm, wodurch sich das 
Becken als ziemlich bedeutend allgemein verengt, d. h. als ein Becken erweist, 
welches in der Eingangsebene nahezu concentriscb verkürzt ist. Selbstredend 
erlangt eine solche Verkürzung gegen das Durchschnittsmaass weiblicher Becken , 
erst durch das Verhältniss zum passirenden Kindeskörpers bezw. zu dessen 
Schädel, als dem besiimmenden Theil, practischo Bedeutung, da ein ungewöhn¬ 
lich kleiner Kopf durch ein verengtes Becken doch leichter passiren kann als ein 
ungewöhnlich grosser (Wasserkopf!) durch ein normales, welches diesem gegen¬ 
über als zu „eng“ sich erweisen würde. Indem wir feststellen, dass die Schädel¬ 
durchmesser des in der Geburt befindlichen Kindes die eines kräftigen, reifen 
waren, haben wir erwiesen, dass ein Missverhältnis zwischen den beiden Fac- 


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Gebärmutterriss. Schuld der Hebamme? 


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toren vorhanden war, dass also die Verengerung des Beckens ihren Einfluss auf 
den Gebnrlsverlauf entfalten konnte und musste. Unter diesem Einfluss aber 
steigern sich die Schwierigkeilen bei der Elimination des Eies mit jeder weiteren 
Entbindung, bedingt durch die Veränderungen, welche in den Geburtswegen 
durch die vorangegangenen Geburten gesetzt werden. Ihre Schilderung erfolgt, 
soweit sie für die Beurtheilung des vorliegenden Falles von Wichtigkeit ist: 

Nur der Gebärmutter k örpe r spielt bei der Ausstossung des Kindes eine 
active Rolle, indem er durch seine Contraction einen allseitigen Druck auf seinen 
Inhalt ausübt, durch welchen derselbe nach dem Orte des geringsten Wider¬ 
standes, d. h. dem Ausgang gedrängt wird. Gebärmutterhals und Scheide sind 
als elastische Schläuche zu betrachten, welche theils durch den andrängenden 
Kindestbeil, theils — und dies gilt besonders für den Hals — durch directon 
Zug des Gebärmutterkörpers erweitert und über das nach abwärts rückende Kind 
zurückgestreift werden. Damit diese Dehnung des Halses möglich sei, muss 
dieser nach der dem Angriffspunkte (seiner Verbindung mit der Gebärmutter) 
entgegengesetzten Richtung hin befestigt sein und dies ist er hauptsächlich durch 
straffe Faserzüge, welche von ihm gegen das Becken gehen. Sie erlauben bei 
ibrerStraff heit nur eine begrenzte Dehnung, — so dass, wenn diese erreicht ist, die 
weiteren Contractionen des Körpers die Erweiterung des Schlauches bewirken, 
wobei der Hals nach seiner Länge und Breite godehnt wird. Indem so die Faser¬ 
züge einer Dehnung des Halses widerstreben, und andererseits derselbe Effect 
dadurch erzielt wird, dass die Gebärmutter durch ihren Bandapparat und die 
straffen Bauchdecken nach abwärts gedrückt wird, wird der übermässigen Deh¬ 
nung des Halses vorgebeugt. Nach der ersten Geburt aber erlangen die Geburts¬ 
wege nicht mehr ihre frühere Straffheit wieder und jede weitere Geburt verrin¬ 
gert sie um einiges. Die Faserziige setzen der Dehnung des Halses somit immer 
geringeren Widerstand entgegen und die Bauchpresse drückt die Gebärmutter 
weniger stark nach abwärts. 

Bei normalen Verhältnissen hat die verminderte Elasticität nicht viel zu be¬ 
deuten. weil es überhaupt nicht zur maximalen Dehnung kommt, da der vor- 
rückende Kindestheil die Widerstände des Beckenringes früher überwindet. 
Anders aber bei vorhandener Beckenenge. Die vergrösserten Hindernisse am 
Beckenringe erfordern grössere Anstrengungen der Gebärmutter, welche natürlich 
eine erhöhte Dehnung des Halses bedingt. Sind (wie bei einer Erstgebärenden) 
die Gewebe straff, so verhindern diese, wie gezeigt, eine übermässige Dehnung 
des Halses, und schliesslich wird der Widerstand, welchen die Gebärmutter bei 
dieser findet, grösser als der Beckenwiderstand gegen den andrängenden Kopf 
und dieser rückt vor. Hat aber das Gewebe an seiner Elasticität durch vorange¬ 
gangene Geburten schon eingebüsst, so giebt der Hals der ziehenden Gewalt des 
Körpers viel leichter nach. Wenn non letzterer sich stetig verkleinert, der Inhalt 
der Gebärmutter nicht im gleichen Maasse durch Ausweichen nach dem Aus¬ 
gange, so muss dies durch eine vermehrte Dehnung des Halses ausgeglichen wer¬ 
den und dies so lange, bis der Hals seine Verdünnungs- und damit auch seine 
Dehnungsgrenze erreicht hat. Jetzt aber wird die Lage kritisch! Fährt der Ge¬ 
bärmutterkörper in seinem Bestreben, sich zu verkleinern, fort, und rückt der 
Kopf nicht vor, so reisst der Hals ein und durch den Riss hindurch verkleinert 
sich der Inhalt der Gebärmutter. Gemeinhin erlahmt jodoch vorher zum Glück 


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Dr. Schiller, 


für die Kreissende die Gebärmutter; jeder Anlass dagegen, welcher die Wehen 
verstärkt, muss die Katastrophe beschleunigen. 

Auch in unserem Falle haben wir uns das Zustandekommen des 
Gebärmutterrisses auf gleicher Grundlage zu denken. Dass aber die 
Dehnung des Halses in der That stattfand, ist ersichtlich aus seiner 
11 cm betragenden Länge und seiner äussersten Verdünnung, so dass 
seine Hinterwand 2 mm dick war, während er an seiner Vorderwand 
stellenweise zu einer durchscheinenden Membran verdünnt war. Es 
wird die Dehnung ferner durch die massenhaft in das Gewebe des 
Halses hinein erfolgten Blutungen erwiesen, die durch das Einreissen 
feiner Gefässe, die der Dehnung nicht Stand hielten, entstanden. 

So war der Gebärmutterriss bei Frau Sch. vorbereitet und konnte 
zu Stande kommen, ohne dass ein besonderer Eingriff einer dritten 
Person in den Geburtsverlauf geschah. Und thatsächlich verhielt es 
sich auch so; die L. hat sich ja einer jeden Hülfsleistung enthalten, 
unter der oder durch die das Unglück sich ereignete. 


Einen so entstandenen Gebärmutterriss nennt man einen „spontanen“, 
während die „violenten“ unter der Thätigkeit des Geburtshelfers sich ereignen. 
Es wäre jedoch ein schwerwiegender Irrtbum, mit den Begriffen „spontan, vio¬ 
lent“ die Ansicht zu verbinden, dass der letztere allemal eine Schuld des Ge¬ 
burtshelfers involvire, der erstere ihn von einer solchen freispräche. Wenn bei 
vernachlässigter Querlage des Kindes und fest um dieses contrahirter Gebär¬ 
mutter, wo ja ganz dieselben Verhältnisse vorliegen wie beim engen Becken, 
unter allen Vorsichtsmaassregeln der Geburtshelfer zur nothwendigen Wendung 
desKipdes schreitet, während welcher, ja duroh welche die Katastrophe eintritt, 
so ist der Riss zwar als violenter zu bezeichnen, einer Schuld aber der Geburts¬ 
helfer nicht zu zeihen. Wohl aber trägt er die volle Schuld an dem spontanen 
Riss, den durch thätiges Eingreifen zu verhindern er nicht versucht bat; denn 
der spontane Riss ist nicht etwa stets unvermeidlich, sondern die Gefahr lässt 
sich häufig genug durch einen bedachten und rechtzeitigen Eingriff beseitigen 
und die Geburt einem glücklichen Ende zuführen. 

Dies im Auge behaltend, wollen wir uns dem schwierigsten Theile unseres 
Gutachtens zuwenden, der Untersuchung der Frage, ob und welche Schuld der 
Hebamme L. an dem tragischen Ausgange der Geburt beizumessen ist. Das Kri¬ 
tische des Urtheils wird einleuchten, wenn wir bedenken, dass dasselbe über eine 
Person abgegeben werden soll, der durch die staatliche Approbation das Prädioat 
„fähig“ zugesprochen wurde. Indess finden wir gerade wieder in diesem Placet 
des Staates die Richtschnur für den Gang unserer Untersuchung, denn die Appro¬ 
bation bedeutet die Garantie für die Summe von Wissen, welche nothwendig ist, 
dass der Approbirte seinen Beruf zum Nutzen der ihm sich Anvertrauenden aus¬ 
übe. Von diesem Gesichtspunkte aus lautet die uns beschäftigende Frage: 

War die Hebamme L. in der Lage, vermöge der Kenntnisse, die bei 
ihr nach Maassgabe ihres Lehrbuches vorausgesetzt werden müssen, 


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Gebärmutterriss. Schuld der Hebamme? 


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das Bedenkliche in dem Befinden der Kreissenden erkennen und recht¬ 
zeitig für sachverständigen Beistand Sorge tragen zu können? 

Als die Hebamme L. in der Nacht vom 27.—28. October gegen 12 Uhr zu 
der in Kindesnötben befindlichen Inliegerin Sch. kam. fand sie dieselbe im Ganzen 
wohl; nur klagte die Scb. über Schmerzen im Unterleibe, namentlich bei Be¬ 
rührung desselben und über Kälte im linken Bein. Die Wehen waren stark. Um 
2 Uhr traten Schüttelfröste ein, — es wurde der Kranken übel; sie klagte 
wiederum, dass ihr ganz anders sei wie bei früheren Entbindungen, sie habe sich 
wohl etwas gemacht, es thäte ihr so weh, was das wohl wäre. Dieser Zustand 
dauerte an und um 4 Uhr schickte die Hebamme, wie sie behaupet, nach einem 
Arzte, da sie fürchtete, die Kranke möchte schwach werden. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass sogleich bei ihrer Ankunft, ganz 
besonders aber um 2 Uhr, der Hebamme der Zustand der Kreissenden bedenklich 
erscheinen musste; waren ja doch der von der letzteren wiederholt und äusserst 
lebhaft geklagte Schmerz bei Berührung des Unterleibs und später die Schüttel¬ 
fröste und das Uebelwerden markante Zeichen der drohenden Gefahr. Diese Zei¬ 
chen sind ihr auch nicht entgangen, da sie ja selbst der Kranken gegen das 
Kältegefühl warme Einwickelungen der Füsse machte. Es war ihre Pflicht, wenn 
nicht gleich bei ihrer Ankunft, so doch spätestens um 2 Uhr ohne alle Rücksicht 
auf Herbeiholung eines Arztes zu bestehen, wie dies das Lehrbuch ihr vorschreibt 
(Lehrb. für pr. Hebammen, §§ 10—15 der Instruction). 

Lässt sich diese Pflicht der Hebamme nicht in Abrede stellen, und hat sie 
sich damit eines Vergehens schuldig gemacht, so ist es doch unmöglich zu* er¬ 
weisen, dass sachverständige Hülfe noch rechtzeitig hätte eintreifen können, um 
das Verhängniss abzuwenden. Das von der Hebamme um 2 Uhr festgestellte Be¬ 
finden der Kreissenden, welches einen grossen Verfall derselben kundihut, deutet 
doch mit mindestens sehr grosser Wahrscheinlichkeit auf eine bereits in diese Zeit 
fallende Blutung, also den Beginn des Risses. Dieser Riss vergrösserte sich nun 
mit den folgenden Wehen allmälig, bis er in der sechsten Stunde mit dem plötz¬ 
lichen Austritt des Kindes in die Bauchhöhle seine grösste Ausdehnung erreichte. 
Damit stimmt es auch überein, dass die Wehen nach und nach schwächer wurden 
und in der sechsten Stunde gänzlich aufhörien, nachdem die Gebärmutter den 
Zweck ihrer Contraolionen mit der Entleerung ihres Inhaltes erfüllt hatte. Wenn 
wir auch annehmen müssen, dass in diese Zeit erst die hauptsächlichste Ver- 
grösserung des Risses und die zum Tode führende grosse Blutung fallen, wie es 
aus dem plötzlichen Verfall der Kreissenden, ihrem Erbrechen und Klagen über 
Spannung im Leibe sich ergiebt, so gebt es doch nicht an, bei der ungünstigsten 
Prognose, die selbst der kleinste Gebärmutterriss für das Leben der Befallenen 
abgiebt, zu behaupten, dass durch sachverständige Hülfe der Tod der Sch. hätte 
abgewendet werden können. 

Ist es somit unmöglich nachzuweisen, dass den (Handlungen oder) Unter¬ 
lassungen der Hebamme L. der Tod der Sch. zur Last zu legen ist, so lässt sich 
doch nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass durch dieselben der Eintritt des 
Todes mit Wahrscheinlichkeit beschleunigt wurde, sicher aber die Chancen für 
die Erhaltung der Sch. sehr verringert worden sind. Mögen diese Chancen an 
sich noch so gering sein, so sind sie doch immerhin desto grösser, je bälder die 
Kreissende dem Zustande entzogen wird, welcher zu der Läsion führte, und je 


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Dr. Schiller, 


weniger umfangreich die Ausdehnung ist, bis zu der die Verletzung gediehen ist. 
Es konnte aber die ärztliche Hülfe, wenn sie rechtzeitig und dringend, wie es 
nothwendig war, requirirt worden wäre, bereits in der fünften Stunde anwesend 
sein, wodurch einmal sehr viel Zeit gewonnen und weiter verhütet worden wäre, 
dass der Riss seine grosse Ausdehnung erlangte; denn wie die Symptome darauf 
hinweisen, dass erst um 6Uhr der Process seinen Abschluss fand, so wird durch 
den Umstand, dass das Bauchfell von der Unterlage nirgends sich abgehoben 
zeigte, erwiesen, dass die Risse in den Seitenwänden des Halses nicht allmälig, 
sondern plötzlich sich ereigneten, und dies kann eben nur am Ende der Kata¬ 
strophe, um 6 Uhr, bei Austritt des Kindes in die Bauchhöhle geschehen sein. 
Wir glauben daher die 5. Frage der Königl. Staatsanwaltschaft, die wir des Zu¬ 
sammenhanges wegen vorwegnehmen zu müssen glaubten, dahin beantworten zu 
sollen, dass durch die Unterlassungen der L. eine Verschlimmerung in dem Be¬ 
finden der Sch. verursacht worden ist, die als Gesundheitsbeschädigung zu er¬ 
achten ist. 

Aber die L. hat die Grösse der Gefahr, in welcher die Sch. schw r ebte, ja 
überhaupt das Vorhandensein einer Gefahr bis zum letzten Augenblick nicht er¬ 
kannt und dem in der dritten Stunde, also nach Eintritt der Schüttelfröste, auf 
die Zuziehung eines Arztes drängenden Manne der Sch. geantwortet, dass „das 
Kind in der Geburt und es eine Schande sei, den Arzt zu holen.“ Es ist hier nicht 
der Ort, die Widersprüche in den Auss igen des Sch. und der L. zu lösen, aber 
sicher ist in dem Wortlaut der Antwort, die eine unter den Hebammen leider 
sehr verbreitete Ansicht zum Ausdruck bringt, ein Moment gegeben, das für die 
Wahrheit der Angaben des Ehemannes Sch. spricht. Damit stimmt ferner, dass 
die L. dem Verlaufe der Entbindung keineswegs mit der Aufmerksamkeit folgte, 
die nothwendig war, um in die einzelnen Phasen derselben den für das Wohl der 
Kreissenden nothwendigen Einblick zu gewinnen. 

Schon die erste Untersuchung hat die L. nicht mit der nöthigen Aufmerk¬ 
samkeit vorgenommen. Nach ihrer Angabe soll das Kind in erster Lage, d. h. 
mit dem Rücken nach links gerichtet, sich zur Geburt gestellt haben, während 
durch die Section erwiesen wuide, dass zweite Lage bestand. Eine Drehung des 
Rückens von links nach rechts in Folge des Risses ist ausgeschlossen; denn auch 
die Veränderungen am Kindesschädel erweisen die zweite Lage. Die Section 
zeigte das Hinterhaupt nach rechts gerichtet und die Kopfgeschwulst. welche ge¬ 
wöhnlich auf dem nach vorn gerichteten Scheitelbein sich befindet, Jag auf dem 
linken Scheitel- und Hinterhauptsbein, welches eben nur bei zweiter Kindeslage 
das nach vorn gerichtete ist. Zugreich waren das rechte (hintere) Scheitel- und 
Stirnbein unter die gleichnamigen linksseitigen Knochen geschoben, ebenfalls 
Folgen des Geburtsmechanismus-bei zweiter Schädellage und beweisend für das 
Bestehen letzterer. 

Herztöne und Kindesbewegungen will die L. nicht wahrgenommen haben. 
Es ist jedoch überaus wahrscheinlich, dass sie überhaupt eine eingehendere 
Untersuchung nicht vorgenommen, sondern, sich begnügt hat, durch innere Unter¬ 
suchung festzustellen, wie tief bereits der Kopf im Becken stünde. Einen etwaigen 
Irrthum bei der ersten Untersuchung musste sie nach dem Blasensprunge berich¬ 
tigen, wie es durch das Lehrbuch (§ 108) vorgeschrieben ist. Bemerken wir 
ferner, dass die L. sich bei Leitung der Entbindung mehr durch den Willen und die 


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Gebärmutterriss. Schuld der Hebamme? 


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Wünsche der Kreissenden bestimmen liess, als selbst handelnd auftrat. Es fehlte 
ihr die Initiative* welche das aus zureichendem Wissen entspringende Verständ¬ 
nis der Lage gewahrt. Auf die Forderung der Kreissenden sprengt sie die 
Blase* auf ihren Wunsch wärmt sie ihr Tücher; nirgends eigenes zweckbewusstes 
Handeln. 

Die Blase zu sprengen, war die L. nicht einmal berechtigt. Nach Maass¬ 
gabe des Lehrbuches (§314) darf die Hebamme die Blase sprengen, „wenn die¬ 
selbe mit Vorwasser gefüllt ist, und sich der Blasensprung verzögert, nachdem 
der Muttermund völlig erweitert und der Kopf in günstiger Stellung in’s Becken 
eingetreten ist“. Frau L. giebt an, dass der Kopf sich in Beckenweite befunden 
habe; es ist aber einleuchtend, dass sie überhaupt nicht versucht hat, über die 
Frage, ob der Kopf günstig stehe, Sicherheit zu erlangen, da sie gegenteilig 
nicht über die Lage im Irrthum bleiben konnte. Auch der Füllungsgrad der 
Blase bedingte ihre Sprengung durch die Hebamme nicht, Nach den Angaben 
derselben war die Blase während der Wehen straf! gespannt, in der Wehenpause 
schlaf!. Eine Kopfgeschwulst fühlte die L. nicht, wohl aber legte sich die Kopf¬ 
haut in Falten. In diesen Angaben nun befinden sich mannigfache Widersprüche. 
Die Kopfgeschwulst nämlich entsteht dadurch, dass die Stelle, an der sie sich 
bildet, einem geringeren Drucke als die über ihr liegenden Stellen ausgese‘zt ist, 
indem gegen erster© Blut und seröse Flüssigkeit an- und in das ünterhautzell- 
gewebe eindringen. Sie kann sich also bei stehender Blase nur dann bilden, 
wenn das zwischen Kopf und Blasenspitze befindliche Wasser (Vorwasser) einem 
geringeren Drucke ausgesetzt ist. als der Inhalt der Gebärmutter. Indem die 
Faltung der Kopfhaut nichts anderes ist als der Beginn der Bildung einer Kopf 
geschwulst, unterliegt sie gleichen Gesetzen. War dies nun, wie die L. be¬ 
hauptet, der Fall, so konnte der Wechsel in der Spannung des Vorwassers in 
der Wehe und der Wehenpause nicht eintreten, sondern der hydrostatische Druck 
musste trotz der wechselnden Phasen der Wehenthätigkeit derselbe bleiben. Be¬ 
ruht jedoch diese Wahrnehmung der L. auf einem Irrthum, trifft es vielmehr zu, 
dass die Spannung in dem Vorwasser wechselte, so war die Blase noch nicht 
springfertig, da bei Herannahen dieses Zeitmomentes die Spannung des Vor¬ 
wassers durch die Dehnung der Blase so gross geworden ist, dass sie auch in 
der Wehenpause nicht merklich nachlässt. Es lag also keine Anzeige % und auch 
keine Berechtigung für die L vor, die Blase zu sprengen. Ja es war dies ganz 
gegen das Interesse der Gebärenden, und hätte die L. den Zustand derselben 
auch nur entfernt geahnt, so hätte sie alle Hülfsmittel aufbieten müssen, die 
Wehenthätigkeit zu hemmen, statt sie durch Sprengring der Blase anzuregen. 
Es ist nicht möglich, darüber zu befinden, ob und in wie weit die Blasenspren¬ 
gung den Verlauf der Geburt direct beeinflusst hat, da über die Wirkung der 
Operation in den Acten nichts constirt; jedoch lässt sich keineswegs aus- 
schliessen, dass, wenn sie wirklich eine Verstärkung der Wehen zur Folge hatte, 
wie es in der Regel geschieht, diese Verstärkung wenngleich nicht den Ausgang 
verschuldet, so doch ihn beschleunigt hat, wie es aus der obigen Auseinander¬ 
setzung des Mechanismus der Gebärmutterrisse erhellt. 

Und welcher Grund lag denn überhaupt vor, die Geburt zu beschleunigen? 
Als die L. zur Kreissenden kam, waren die Wehen stark und, wenn es wahr ist, 
dass bei Ankunft der L. der Kopt bei thalerweis eröffnetem Muttermunde im 


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Dr. Schiller, 


‘288 


Beckeneingang and nach einer Stunde bei völlig erweitertem Muttermunde in 
Beckenweite stand, so hatte die Gebart solche Fortschritte gemacht, dass billig 
die Frage gelten kann, bis zu welcher Schnelligkeit denn der Fortgang derselben 
beschleunigt werden sollte. Schien jedoch der L. eine Beendigung der Geburt 
durch das Befinden der Kreissenden geboten, so war ihr der einzige Wog hierzu 
durch ihr Lehrbuch vorgeschrieben, nämlich die Hinzuziehung eines Arztes. 

Auch des Weiteren hat sich die L. in Widerspruch mit ihrem Lehrbuche ge* 
setzt, dass sie nämlich die Kreissende ohne ausserordentlichen und dringenden 
Nothfall, wenn auch angeblich mit deren Einwilligung, verliess (§ 5 Instruction), 
was um so unverzeihlicher ist, als sie damals ja selbst schon die Kreissende für 
krank erachtete, ob ihr gleich der Zustand nicht besorgnisserregend schien. Frei¬ 
lich lässt uns diese Ansicht die Frage von Interesse erscheinen, welchen Zustand 
einer Gebärenden die L. für * besorgnisserregend“ hält, wenn nicht einen sol¬ 
chen, der seine Schwere durch Schüttelfröste, Uebelkeit etc. deutlich genug kenn¬ 
zeichnet. 

Resamiren wir das im letzten Abschnitt Auseinandergesetzte, so 
glauben wir in erster Reihe gezeigt zu haben, dass es der Hebamme 
L. vermöge der bei ihr vorauszusetzenden Kenntnisse möglich war, 
die gefährliche Lage der Sch. rechtzeitig genug zu erkennen und ärzt¬ 
liche Hülfe herbeizurufen, und dass höchstwahrscheinlich dadurch der 
unglückliche Ausgang abgewendet worden wäre. Die L. handelte 
ferner gegen die Lehren des Lehrbuches, indem sie Eihäute ohne In- 
dication und gegen den Vortheil der Kreissenden sprengte, endlich 
indem sie diese verliess. Fragen wir, woher es wohl gekommen sein 
mag, dass die L. nicht zur Erkenntniss der Lage kam, in der die 
Sch. sich befand, dass sie ferner das instructionswidrige Handeln sich 
zu Schulden kommen liess, so geben die Antwort ebenfalls unsere 
vorstehenden Auseinandersetzungen, die nachgewiesen, wie nachlässig 
die L. die Untersuchung vorgenommen hat, wie sie in ihrem Handeln 
durch die Kreissende sich bestimmen liess, ohne die Zweckmässigkeit 
desselben selbständig zu prüfen. Bestätigt sich noch gar die Angabe 
des Sch., dass die L. «inen grossen Theil der Zeit verschlafen hat 
und immer erst wieder durch die Kreissende zur Untersuchung er¬ 
mahnt werden musste, so kann es keinem Zweifel unterliegen, dass 
die L. bei Beobachtung der Entbindung die nothwendige Aufmerk¬ 
samkeit aus den Augen setzte. Und zu dieser Aufmerksamkeit war 
sie vermöge ihres Berufes besonders verpflichtet. Denn wie anders 
soll die Hebamme ihrer hohen Pflicht, dem Weibe in ihren schwersten 
Stunden beizustehen und über dieselben sie ohne Gefahr für Leib und 
Leben ihrer selbst und des Kindes hinauszubringen, — wie anders kann 
sie dieser Pflicht genügen, als indem sie mit grösster Sorgfalt und 

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Gebärmutterriss. Schuld der Hebamme? 


289 


Aufmerksamkeit jede einzelne Phase der Entbindung verfolgt, „sich“, 
wie das Lehrbuch vorschreibt, «gleich im Anfänge durch eine genaue 
Untersuchung über alle Verhältnisse unterrichtet, welche für den Ver¬ 
lauf der Geburt von Wichtigkeit sind und durch eine fortgesetzte 
Beobachtung sich vergewissert, dass der regelmässige Gang derselben 
keine Störungen erleidet (§ 95), jede Störung aber rechtzeitig zu er¬ 
kennen strebt und ärztliche Hülfe nachsucht“ (§ 204). 

Durch den Nachweis, dass der Gebärmutterriss wahrscheinlich 
um die zweite Stunde sich ereignet hat, zu welcher Zeit auch die 
Verpflichtung für die L. eintrat, einen Arzt zu holon, und ferner, 
weil, wie erwähnt, in der Prognose für das Leben der Betroffenen 
ein kleiner Gebärmutterriss dieselbe üble Bedeutung hat wie ein 
grosser, eine weitere Gesundheitsschädigung der Sch. endlich nicht 
nachzuweisen ist, glauben wir uns berechtigt, auch die fünfte Frage 
der Königl. Staatsanwaltschaft für erledigt zu halten, anders müsste 
die Untersuchung wieder auf den Gebärmutterriss hin gerichtet wer¬ 
den und wir würden somit nur bereits Gesagtes wiederholen. 

Somit erübrigt noch die Beantwortung der Frage, ob Misshand¬ 
lungen, welche der Ehemann der p. Sch. 14 Tage vor deren Tode 
zugefügt habnn soll, einen Gebärmutterriss herbeigeführt haben können, 
der erst 14 Tage später zum Verblutungstode geführt hätte. 

Der Riss selbst war erst in der Geburt entstanden; an keiner 
Stelle desselben fanden sich Zeichen, die auf eine frühere Entstehung 
hinwiesen. Nun lässt es sich nicht leugnen, dass Misshandlungen, 
welche im Laufe der Schwangerschaft den Unterleib treffen, erst 
später, ja noch nach Monaten ihre Wirkung in einem Gebärmutter¬ 
riss äussern können. Sie thun dies durch eine Erkrankung des Ge¬ 
bärmuttergewebes, die sich natürlich durch die Obduction nachweisen 
lassen muss. Das Gewebe der erkrankten Theile zeigt sich dann 
weich und morsch, wohl auch von Eiter durchsetzt, während mehr 
oder weniger ausgesprochene Zeichen von Entzündung auch in der 
Umgebung sich bemerkbar machen. Ganz im Gegentheil hat die Ob¬ 
duction der Leiche der Frau Sch. ergeben, dass das Gewebe des 
Halses derb war, und weder an diesem noch an dem Gebärmutter¬ 
körper, noch in der Umgebung durch vorherige Krankheit erzeugte 
Veränderungen nachgewiesen. Ebenso wenig hat die Section irgend 
welche auf einen gegen den Unterleib der Sch. gerichteten Angriff 
hinweisende Verletzung aufgedeckt, und wenn es auch möglich ist, 
dass hin und wieder die Gebärmutter, ja selbst das Kind in ihr ver- 



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290 


Dr. Schiller. 


letzt werden kann, ohne dass an den äusseren Bedeckungen Zeichen 
einer Verletzung sich zeigen, so ist dies doch so überaus selten, dass 
das Fehlen solch äusserer Zeichen allgemein die Berechtigung giebt, 
zu bezweifeln, dass diese Theile einem Angriff ausgesetzt gewesen 
sind. Eine Verletzung der Sch. hat die Section in der That nachge¬ 
wiesen, nämlich eine mit einem stumpfen Instrumente (Fall, Faust, 
Stiefel u. dgl.) beigebrachte starke Blutunterlaufung an der linken 
Seite des Gesichtes; indess ist ein Causalnexus zwischen dieser Ver¬ 
letzung wie ja eben irgend einer Verletzung und dem Gebärmutterriss 
nicht vorhanden. 

Somit geben wir in Beantwortung der von der Königl. Staats¬ 
anwaltschaft vorgelegten Fragen unser definitives Gutachten dahin ab: 

ad 1. Die Frau Sch. ist an innerer Verblutung in Folge eines 
Gebärmutterrisses gestorben. 

ad 2. Der Gebärmutterriss war ein sog. spontaner. 

ad 3. Es lässt sich nicht erweisen, dass durch Handlungen oder 
Unterlassungen der L. der Tod der Sch. verschuldet wor¬ 
den ist. 

ad 4. Die Hebamme L. war zu der Aufmerksamkeit, welche sie 
aus den Augen setzte, vermöge ihres Berufes als Hebamme 
besonders verpflichtet. 

ad 5. Es ist mindestens höchst wahrscheinlich, dass die L. durch 
Handlungen und Unterlassungen eine Gesundheitsschädi¬ 
gung der Sch. veranlasst hat. 

ad 6. Es ist ausgeschlossen, dass Misshandlungen, welche der 
Ehemann der Sch. 14 Tage vor deren Tode zugefügt haben 
soll, den Gebärmutterriss herbeigeführt haben, der zum 
Verblutungstode geführt hat. 


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7. 


E» weiterer Fall Simalatiea tob Schwächst!! bei 
besteheader GeistesstftrBig. l ) 

Motivirtes Gatachten 

Von 

Dr. Clemens lfTelsser, 

2. Ante an der ProvincUMrrenheilanstalt in Leubui. 


Seitens der Direotion hiesiger Provinzial-Irrenheilanstalt mit der Exploration 
des Untersnchnngsgefangenen Wollausgeber Josef Wietek ans Jakobowitz, Kreis 
Olatz, beauftragt, entspreche ich hierdurch ergebenst der geehrten Requisition 
des Königlichen Herrn Ersten Staatsanwalts za Glatz vom 28. Juni bezw. vom 
14. August 1888 and gebe aber den Geisteszustand des Exploraten das nach¬ 
stehende motivirte Gutachten ab. 

Der Verdacht, dass bei dem p. Wiebek vielleicht eine geistige Störnng vor¬ 
handen sei, entstand durch sein Verhalten gelegentlich eines Reohtshandels, in 
welchem er als Angeklagter betheiligt war. 

In der Sitzung des Königl. Schöffengerichtes vom 19. März 1888 (D. 10. 
88) wurde „thatsächlich festgestellt, dass der Angeklagte (p. Wietek) im October 

1887 im Inlande einen geschlossenen Brief, der nicht zu seiner Kenntniss be¬ 
stimmt war, vorsätzlich und unbefugterWeise geöffnet hat.“ Er wurde zu einem 
Mooat Gefangniss und in die Kosten des Verfahrens verurtheilt. In den Erkennt- 
nissgründen heisst es: „Bei der Strafzumessung war zu berücksichtigen, dass 
der Angeklagte sich während der Hauptverhandlung in der frechsten Weise be¬ 
nommen hat. Es machte den Eindruck, als ob es dem Angeklagten ein beson¬ 
deres Vergnügen bereitete, durch soine Manipulationen mit dem Briefe eine ge¬ 
richtliche Untersuchung und Verhandlung herbeigeführt za haben.“ Gegen dieses 
Urtbeil des Königl. Schöffengerichtes legte Wietek am 22. März 1888 (D. 10. 
88. Bl. 52) Berufung ein. Am 25. Mai d. J. stand vor der Strafkammer in 
dieser Sache Verhandlungstermin an. Es wurde beschlossen, die Sache auf Kosten 
des Angeklagten zu vertagen, „da derselbe fortwährend gegen den Gerichtshof 
Beleidigungen ausstiess, sich auch in einem so erregten Zustande befand, dass 
mit demselben nicht zu verhandeln war.“ 

Nähere Details über das Benehmen des Exploraten an diesem Tage ent¬ 
nehme ich der ausführlichen Deposition des Gerichtsassessors M. vom 7. Juli 

1888 (III. J. 589/88, Bl. 14). Derselbe bekundet: „Obwohl die Verhandlung in 
Acten III. M. 30/88 sich mindestens 2 Stunden hinzog, habe ich bei dem Be¬ 
schuldigten W. während dieser ganzen Zeit irgend welche auffällige psychische 


') Vergleiche diese Zeitschrift, Bd. XLIX, 1. Heft. 

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‘292 


Dr. Neisser, 


Erregung in keiner Weise wahrgenommen. Sowohl während seiner Vernehmung 
über die persönlichen Verhältnisse als auch bei seiner Vertheidigung gegenüber 
der gegen ihn erhobenen Anschuldigung blieb Wieiek ruhig und gelassen. Eben¬ 
sowenig schienen die ihn belasienden Zeugenaussagen ihn zu erregen. Er ver¬ 
suchte zwar bei einigen der Zeugen eine Widerlegung ihrer Aussagen. Das ge¬ 
schah aber in einer keineswegs aufgeregten Art und Weise, vielmehr hielt sich 
W. hierbei in den Grenzen einer wohlüberlegten ruhigen Abwehr. Auch die Ver¬ 
kündigung des Unheils, welches dem W. eine dreijährige Gefängnissstrafe und 
Nebenstrafen auferlegte, schien keinen besonderen Eindruck auf ihn zu machen. 
Darauf wurde vom Gerichtshof mit Rücksicht auf die Höhe der Strafe die so¬ 
fortige Verhaftung des W. beschlossen und dios verkündet. Auch dies hörte W. 
zunächst ruhig und, ohne ein Wort zu sagen, an. Erst als er unmittelbar darauf 
durch den aufwartenden Gerichtsdiener in die hinter der Anklagebank befindliche 
Detentionszelle abgeführt werden sollte, hielt er sich mit den Händen an der 
Barriöre fest und brach iü Schimpfreden aus, die mir zunächst unverständlich 
waren. Bei dem Ringen mit dem Gerichtsdiener wurde aber W. immer lauter und 
schrie schliesslich, sich wie ein Rasender geberdend, mit dem Gesicht nach dem 
Gerichtshof hingewendet mit weithin vernehmlicher Stimme: „Ihr verfluchten 
Hunde, ihr Luder, verfluchte Spitzbuben seid Ihr, Räuber u. s. w.“ Da W. in 
dieser Weise noch weiter eine wahre Fluth von Schimpfworten gegen den Ge¬ 
richtshof ausstiess, trat der Vorsitzende, Geh. Justizralh B.. an ihn heran und 
suchte ihn zu beruhigen. Das empörte aber W. noch mehr und schrie er ihm 
zu: „Du altes verfluchtes Luder, Du hast mich schon einmal ungerecht ver- 
urtheilt, Ihr seid alle Schuld ao meinem Unglück.“ Darauf wurde W. mit vieler 
Mühe und Anstrengung, indem er dem Gerichlsdiener den heftigsten Widerstand 
leistete, in die Zelle geschafft. Einige Zeit später stand eine zweite Strafsache 
gegen W. an, in welcher er gegen ein Unheil des Königl. Amtsgerichts zu Lewin 
Berufung eingelegt hatte. Kaum war W. in dem Rahmen der Zellenthür er¬ 
schienen, als er beim Anblick des Gerichtshofes sofort in die höchste Wuth ge- 
rieth und wiederum mit lauter Stimme schrie: „Ihr Hunde, ihr verfluchten, ihr 
Luder, Spitzbuben.“ Da unter solchen Umständen an eine Verhandlung mit W. 
nicht zu denken war, so wurde er auf Anordnung des Vorsitzenden sofort wieder 
in die Detentionszelle gebracht und schliesslich Vertagung der Sache beschlossen. 
Bei seiner Abführung in das Gerichtsgefängniss musste W. wieder einen Theil 
des Schwurgericbtssaales, in welchem die Verhandlung stattgefunden, betreten. 
Kaum hatte W. den Gerichtshof wieder erblickt, als er auch sofort in erneute 
Schimpfreden ausbrach und hierbei dieselben Aeusserungen wie früher wieder¬ 
holte. Nur mit Mühe wurde er durch zwei Gefangenwärter aus dem Saale her- 
ausgebracht, indem er fortwährend weiter lärmte und tobte.“ 

Am 25. Juni d. J. war ein neuer Termin angesetzt. Mit dem Angeklagten 
wurde mehrfach versucht zu verhandeln. Er gab auf die an ihn gestellten Fragen 
keine Antwort, meinte nur, er wisse nichts, wirft sich öfters zur Erde nieder, ge¬ 
berdete sich wie ein tobsüchtiger Mensch und rief häufig: „Jesus, Maria, Joseph.“ 
(D. 10. 88. Bl. 78.) 

Auf Antrag des Gefängnissarztes, Sanitätsrath Dr. C., wurde beschlossen, 
den Angeklagten in einer öffentlichen Irrenanstalt auf seinen Geisteszustand 
untersuchen zu lassen. 


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Simulation von Schwachsinn bei bestehender Geistesstörung. 293 

In der Zwischenzeit zwischen den beiden Terminen, also in der Zeit zwi¬ 
schen dem 25. Mai und 25. Juni d. J. soll das Verhütten des W. ein sehr stilles 
gewesen sein; er habe in einem Winkel der Zelle auf seinem Schemmel zusammen¬ 
gekauert und mit niedergesenktem Blicke dagesessen, sei mehr wie wortkarg ge¬ 
wesen, so dass es besonderer Mühe bedurft habe, eine Antwort aus ihm heraus¬ 
zulocken. Durch einigeTage habe er die Nahrungsaufnahme verweigert und auch 
in der Nacht mehrfach unruhig geschlafen (Bericht des Saniiätsraths Dr. C. vom 
9. 8. d. J.). Einige Tage vor dem zweiten Termin wurde das Verhalten des W. 
ein mehr actives. Der Gefangenenaufseher Z. giebt in seiner Vernehmung vom 
26. Juni d. J. an: „Als ich am 23. 6. 88 Nachmittags gegen 4Uhr in den Zellen 
meines Reviers die Wäsche vertheilte, fand ich den in der Zelle No. 3 inhaftirten 
Untersuchungsgefangenen W. in nachstehend beschriebenem Zustande vor: Der¬ 
selbe war bis auf Uemde und Unterhosen vollständig entkleidet, das Hemde hing 
zerrissen an seinem Körper herunter und war mit blauen Papierstreifen beklebt. 
Als ich ihn aufforderte, sich wieder anzukleiden und sich ordentlich zu betragen, 
that er dieses nicht nur nicht, sondern fing an zu toben und zu schimpfen. Er rief 
wiederholt in Beziehung auf den Herrn Ersten Staatsanwalt laut, so dass es 
Jedermann in seinem Zimmer hören konnte: „Räuberhauptmann Schmidt, der 
hat meine drei Häuser gefressen, er kann mich jetzt auch fressen!“ Als all mein 
Zureden nichts half, machte ich dem Herrn Inspector von dem Vorfall Anzeige, 
welcher die Anlegung der Zwangsjacke und die Unterbringung in Zelle No. 9 
anordnete. Mit Hülfe der Calfactoren führte ich diesen Befehl aus; auch hierbei 
schimpfte W. in oben erwähnter Weise und setzte den Lärm in Zelle No. 9 fort, 
laut böhmische Lieder singend und mit den Füssen polternd. — Am 25. Juni 
sollte er in seiner Strafsache zum Termin vor die Strafkammer geführt werden. 
Als er zu diesem Zwecke aus seiner Zelle hervorgeführt wurde, war sein Körper 
vollständig mit Koth besudelt. Er musste deshalb gebadet werden. Hierbei be¬ 
nahm er sich ruhig. — Nachträglich bemerke ich noch, dass W. in Zelle 3 auch 
die an der Thür angebrachten Verhaltungsmaassregeln mit Kleister und Papier 
beklebt hat." 

Ueber das Verhalten des W. am 23. Juni d. J. wurden auch zwei Zellen¬ 
genossen des W. (L. und P.) vernommen. Aus ihrem Berichte hebe ich die An¬ 
gabe hervor, dass W. bis zu dem in Rede stehenden Vorfall sich ganz vernünftig 
betragen und mit ihnen gesprochen habe. Ferner habe er auf ihr Befragen, wes¬ 
halb er sich mit Papier beklebe, „keine Antwort gegeben; er sagte bloss, er sei 
ein Indianer“. 


Vom 2. Juli bis zum 13. August 1888 wnrde W. in hiesiger Provinzial¬ 
irrenheilanstalt ärztlioh beobachtet. 

Ueber sein Verhalten während dieser Zeit ist, wenn man von dem Inhalte 
der mit ihm gepflogenen Gespräche absieht, wenig Besonderes zu berichten. Er 
war im Allgemeinen in der ersten Zeit seines Hierseins mehr gedrückt, zum 
Weinen geneigt, machte einen mehr ruhelosen und innerlich beschäftigten Ein¬ 
druck und hielt sich mehr für sich; später erschien er zuversichtlicher und fri¬ 
scher, sprach auch wohl von selbst mit Dem nnd Jenem seiner Mitkranken, und 
von Anfang an zeigte er sich gefügig und willig gegen alle Anordnungen und 
namentlich höflich und bescheiden gegen die Aerzte und Wärter. 


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294 


Dr. Neisser, 


Aas dem Ergebnisse der körperlichen Untersuchung hebe ich hervor, dass 
der Sohädel im Allgemeinen wohlgestaltet ist. In der Innervation des Gesichts 
ergiebt sich eine Asymmetrie, insofern als die linke Gesichtshälfte etwas schlaffer 
sioh zeigt; das rechte Nasenloch ist weiter als das linke. Die Pupillen sind bei¬ 
derseits gleich weit and reagiren in normaler Weise. Die Zunge lässt vorn einige 
Zahneindrücke erkennen, zittert nicht. Beim Sprechen tritt gelegentlich ein 
leichtes Yibriren der Kinnpartie and der Lippen auf. Die inneren Organe des 
Körpers erscheinen gesund. Sogenannte Degenerationszeicben sind nicht zu con- 
statiren. Der Penis und die Vorhaut sind lang ausgezogen, wie dies bei lange 
Zeit fortgesetzter Onanie zur Beobachtung gelangt. Auf der Haut des Körpers, 
besonders an den unteren Extremitäten, besteht ein diffuses Psoriasis-Exanthem, 
Nachstehend lasse ich einige mit dem Wietek geführte Unterhaltungen dem 
Wortlaute getreu folgen: 


Am 4. Juli 1888. 


Warum sind Sie verhaftet? 

Sie waren früher schon einmal bestraft? 
Das müssen Sie doch wissen? 

Wie alt sind Sie denn? 

Wann sind Sie denn geboren? 

Was haben wir für ein Jahr? 

Ach Unsinn I 

Ach warum nicht gar! Wir schreiben 
1888. 


Das weiss ich nicht. 

Das kann ich nicht sagen. 

Das weiss ich nicht. 

32 Jahre. (In Wirklichkeit: 40 Jahre.) 
46. (In Wirklichkeit: 1848.) 

1898. 

1878. 


Wenn Sie von 88 46 abziehen, was 
bleibt dann? 

Wie lange sind Sie verheirathet? 

Haben Sie Kinder? 

Wie alt sind dieselben? 

Sind die ältesten Kinder unehelich ge¬ 
boren? 


32. 

Es können 12 Jahre sein. 

Ja. 

10 Jahre, 12 Jahre, 14 Jahre, 16 Jahre. 
Nein. 


Es wird ihm der Widerspruch in seinen Angaben bezüglich der Däner der 
Ehe und des Alters der Kinder vorgehalten. Er bleibt indes bei seiner Antwort. 


Weshalb kommen Sie eigentlich hier¬ 
her? 

Was für eine Bande? 

Ans was besteht denn die Bande? 

Weshalb haben Sie denn damals ge¬ 
sessen? 


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Ich wollte Geld haben nnd die Bande 
gab kein Geld and da haben sie mich 
fortgeschickt. 

Nu, die Räuberbande; die haben mir 
alles weggenommen. 

Das sind so schwarze Männer dabei ge¬ 
wesen, die haben immer gessgt, ich 
soll schreiben und da haben sie mioh 
eingesperrt. 

Ich habe nichts weiter gemacht; ich 
habe halt immer geschrieben und auf 
die Briefe bin ioh halt unter die 
Räuberbande gekommen. 

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Simulation von Schwachsinn bei bestehender Geistesstörung. 


295 


Was waren denn das für Briefe? 


Wann sind Sie denn das erste Mal mit 
der Baode in Gonflikt gerathen? 

Was haben Sie denn dort gemacht? 


Wann haben Sie denn zuerst gemerkt, 
dass Sie von der Bande verfolgt 
werden? 

Woran denn? 


Woher haben Sie denn nun erfahren, 
dass das eine ganze Bande ist, nioht 
bloss der Bruder? 

Wer ist es denn? 


Weshalb sind Sie denn jetzt verhaftet? 


Sie müssen doch in der Verhandlung 
gehört haben, was Ihnen zur Last 
gelegt wird? 

Da wären Sie doch nicht bestraft worden? 

Nein, das sind Sie nicht, Sie sind hier* 
hergeschickt, damit wir sehen, ob 
Sie geisteskrank sind. Sind Sie 
geisteskrank? 

Leiden Sie an Kopfschmerz? 

Wo? 

Hindert Sie der Kopfschmerz am Ar¬ 
beiten? 


Es waren halt Briefe, das bat sich die 
Bande nicht gefallen lassen wollen 
und da haben sie mich genommen. 

Nu, das ist schon lange, sohon lange 
und dann bin ich in Rumänien ge¬ 
wesen. 

Ich habe mir eine Wirtbsohaft gekauft 
und batte immer keine Ruhe vor der 
Bande und mein Bruder, der wollte 
immer meine Frau zu Schanden 
machen. 

Vor drei Jahren. 

Nu, der Bruder, der hat schon immer 
alles unterschrieben und angezeigt, 
dass ich sollte Alles gemacht haben 
und ich hat’ nichts gemacht; dass 
ich sollte Häuser verbrennen und 
sollte todt geschlagen haben. 

Nu, ich bin doch unter die Bande ge¬ 
kommen, die Bande ist dochinGlatz. 

Ich weiss nioht, in einem grossen Hause 
sitzen sie in Glatz, glaube ich, das 
Gericht. 

Aob, ich soll wieder etwas geschrieben 
haben, aber ich habe es doch nicht; 
der Bruder bat gesagt, ich hätte ge¬ 
schrieben. 

Nein, immer falsch hat er mioh ver¬ 
klagt, ich habe nichts gemacht. 

Ich bin ja frei. 


Das weiss ich nioht. 

Ja, seit Jahren. 

(Zeigt auf die Stirn.) 

Nein, nu es kann sein, dass ich manch¬ 
mal habe dadurch Dummheit ge- 
maobt. 


Im Laufe des Gespräches, das noob einige Zeit fortgesetzt wurde, äusserte 
Ezplorat spontan: „Ach weun ioh nur hier nicht verfolgt werde und verklagt von 
der Bande!“ 


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296 


Dr. Neisser, 


Merken Sie denn etwas davon?' Nein, hier nicht; aber es kann sein, 

dass sie auch hierher kommen! 

Ant 6. Juli 1888. 

Wie geht es Ihnen? Es wird ja besser mit mir; ich komme 

mehr zu Gedanken. 

Waren Sie denn ohne Gedanken? Ja. 

Seit wann? Seit ein paar Wochen; wenn es wird 

noch besser mit mir sein, werde ich 
bitten, dass ich an den Vater schrei¬ 
ben darf. 

Ja. 

Ja, da hab’ ich immer noch Angst; der 
Bruder hat zu viel aufgespielt. 

In der Nacht, da habe ich immer mit 
dem Gericht zu thun. 

Da sind immer ein paar Richter bei¬ 
sammen. 

Die sind da in Glatz und da soll ich 
immer sprechen und ioh weiss ja 
nichts. 

Wer verlangt es denn, dass Sie sprechen Nu, die, die Richter da. 
sollen? 

Sie sagen ja, die Richter sind in Glatz? Ach, die kommen überall hin. 


Hier haben Sie Ruhe? 

Hier werden Sie nicht verfolgt? 

Macht es Ihnen was vor? 

Was heisst das? 

Wo sind denn die Richter? 


Am 8. Juli 1888. 


Wie geht es Ihnen? 

Was für ein Tag ist heute? 

Woher wissen Sie denn das? 

Was für ein Datum? 

Was für ein Monat? 

Ungefähr? 

Wietek, Sie sind einer der frechsten 
Lügner! 


Ganz gut. 

Sonntag. (Richtige Antwort.) 

Ich habe schon gestern mich erkundigt, 
daher weiss ich es. 

Das weiss ich nicht. 

Das weiss ich nicht. 

(Pause.) Mai? 

(lächelnd.) Wie soll ich das wissen? 


Am 9. Juli 1888. 


Wie geht es Ihnen? Es geht mir traurig, traurig. 

Warum denn? Ach! Ich werde mögen nichts erzählen; 

es ist besser; wenn man viel erzählt, 
geht’s Einem schlecht. 


Wie geht es Ihnen? 


Am 10. Juli 1888. 

Es geht mir schlecht, ich habe die ganze 
Nacht nioht können schlafen, die 
ganze Bande war wieder hier. 


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Simulation vop Schwachsinn bei bestehender Geistesstörung. 


297 


Sie haben die Bande gesehen? 

Ob Sie die Bande gesehen haben ? 

Wie viele waren es? 

Schwarz sahen sie aus? 

Waren sie Alle gleioh gross? 

Wo kamen sie denn her? 

Sie müssen doch irgend woher gekom¬ 
men sein? 

Was sagten sie denn? 

Ich möchte wissen, was sie gesagt 
haben? 


Was haben Sie denn zu der Bande ge¬ 
sagt? 

Haben Sie das deutlich gehört, so wie 
Menschen sprechen? 

Waren das dieselben, wie in Glatz? 

Sie sagten auch, Sie hätten sich mit 
ihnen geprügelt? 

Das nennt man doch nicht prügeln ? 
Wo sind sie herausgegangen? 

Jetzt hören Sie sie nicht? 


Ach, ich habe zu viel erzählt und jetzt 
wissen die wieder Alles. 

Ja, gewiss, ja, ja, gesehen. Ich habe 
mich ja noch mit ihnen geprügelt. 

8 Personen waren es, so viele schwarze 
* Geister. 

Ja, ja. 

Ungefähr. 

Sie haben sich so auf einmal einge¬ 
funden. 

Das kann ich nicht wissen. 

Sie wollten mich halt wieder vorur- 
theilen. 

Sie zankten mit mir, wollten mich wie¬ 
der mitnehmen; ich wollte doch nicht 
gehen, da habe ich gestritten immer¬ 
fort. 

Ich sagte, es wäre nicht wahr; und die 
sagten immer: mitgehen! mitgehen! 

Nu freilich, ich habe ja mit ihnen ge¬ 
sprochen. 

Ja, immer dieselben, genau dieselben, 
die kommen überall bin. 

Ja, ioh wollte aufstehen. 

Geprügelt habe ich sie, ich wollte sie 
zerreissen, da gingen sie wieder weg. 

Ich weiss nichts, die sind verloren ge¬ 
gangen. 

Nein, bloss im Kopfe habe ich sie im¬ 
mer, in Gedanken. Den ganzen Tag. 


Am 12. Juli Vormittags kam der evangelische Anstaltsgeistliche im Talar 
in das Zimmer, in welchem Explorat sich befand. Kaum erschien derselbe an der 
Thür, als Wietek blitzschnell bei ihm vorbei zur Thüre hinaus lief und in die 
äusserste Ecke des Gorridors flüchtete. Er liess sich erst nach einigem Zureden 
bewegen, wieder das Zimmer zu betreten. Als Erklärung für sein Verhalten gab 
er an, dass das Einer von der Räuberbande gewesen sei. 


Die vorstehenden Mittheilungen über das hiesige Benehmen des Exploraten 
reichen aus, um daraus das Urtheil zu gewinnen, dass Wietek sich in mehr¬ 
facher Beziehung verstellt, dass er Irrsinn simulirt hat. Erstens 
stellte er sich schwachsinnig; er gab selbst auf solche Fragen keine oder nur 
nichtssagende oder thörichte Antworten, welche er bei seinem allgemeinen Bil- 
duogs- und iDteliigenzstande zweifellos richtig hätte beantworten müssen. Dabei 
trat das Bestreben, etwas Verkehrtes zu produoiren, bei einzelnen Gelegenheiten 


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298 


Dr. Neisser, 


durch die plumpe Art seiner Unwahrheiten recht deutlich zu Tage. Ich fahre 
nur als Beispiel an, dass er auf die Frage, in welchem Jahre wir leben, erst 
1898 und dann 1878 antwortete! Es ist das der altbekannte Fehler unge¬ 
schickter Simulanten geistiger Störungen, dass sie glauben, möglichst viel Unsinn 
Vorbringen zu müssen und aus diesem Bestreben heraus gerade die einfachsten 
Fragen in auffälliger Weise falsch beantworten. Ganz ebenso ungeschickt and 
mit allen thatsächlichen Erfahrungen an ballucinirenden Geisteskranken in Wider¬ 
spruch stehend ist die Art und Weise, wie er seine angeblichen Sinnestäuschun¬ 
gen. die nächtlichen Erscheinungen der „Räuberbande“ schilderte. Wenn ich 
noch hinzufüge, dass auch das äussere Gebühren bei diesen Explorationen nur 
geeignet war, den Verdacht der absichtlichen Fälschung zu erwecken, dass er im 
Sprechen nie einen recht überzeugungsvollen Ton zu gewinnen vermochte, dass 
er dem auf ihn gerichteten Blick stets auszuweichen strebte und dass auch duroh 
sein Verhalten sonst niemals — er befand sich auch des Nachts in andauernder 
Beobachtung — objectiv der Eindruck erzeugt wurde, als stünde er unter dem 
Einflüsse von Hallucinntionen, so darf ich wohl die Simulation des Exploraten 
als unzweifelhaft hiustellen. In der letzten Zeit seines Hierseins gab W. die Simu¬ 
lation auf. Es geschah dies indess nicht in so auffälliger und bestimmter Weise, 
dass ein directer Gegensatz in seinem Verhalten hervorgetreten wäre, aber er er¬ 
zählte nichts mehr von den Erscheinungen in der Nacht, äusserte sich auch über 
seine früheren Wahrnehmungen bezw. Angaben mit Vorsicht und Zurückhaltung, 
beantwortete Personalfragen richtig, legte völlige Orientiriheit in Zeit und Raum 
und ein gutes Erinnerungsvermögen an den Tag und erklärte, dass er nicht 
geisteskrank sei. Eine Anzahl von Unwahrheiten kamen freilich auch jetzt noch 
in jedem Gespräche, namentlich wenn seine Rechtsangelegenheiten berührt wur¬ 
den. zu Tage, aber sie trugen den Charakter einfacher Lügen, nicht aber aben¬ 
teuerlicher Erzählungen, welche einen krankhaften Eindruck erzeugen sollten. 

Die Frage, welche sich aufdrängt, was nun eigentlich W. mit diesem seinen 
Benehmen bezweckt haben mag, fühle ich mich nicht berufen zu entscheiden. Es 
genügt mir zu constatiren, dass das Verhalten des Wielek. soweit ich es bis jetzt 
geschildert habe, nicht and rs aufgefasst werden kann, denn als eine absichtliche 
Simulation von Geistesstörung. 

Garz ebenso ist auch das Benehmen des Kranken im Gefängniss zu Glats 
zu beurilnilen. Ob die „Apathie“ (Bericht des Sanilälsratbs Dr. C.), das wort¬ 
karge stille Verhalten, das sich mit gelegentlicher Nahrungsverweigerung und 
Schlaflosigkeit combinirte, ebenfalls nur absichtlich zur Schau getragen wurde, 
das lässt sich nachträglich nicht mit Sicherheit behaupten. Zweifellos aber war 
sein verkehrtes Treiben, als er sich mit bunten Papierfetzen beklebte und naiv 
dazu erklärte, er sei ein Indianer, und als er sich mit Koth verunreinigte, ein 
absichtliches und lediglich auf den Anschein, als sei er geistesgestört, be¬ 
rechnetes. 

Schwieriger ist es zu entscheiden, ob auch sein Verhalten in der Gerichts¬ 
sitzung vom 25. Mai 1888 ein bloss vorgeläuschtes. berechnetes war. Während 
seines Aufenthaltes in der hiesigen Anstalt hat Wietek bloss einmal, am 26.Juli, 
einen tobsuch>artigen Anfall dargebolen. Es war ein neuer Kranker aufgenommen 
worden, der durch massenhafte Hallucinationen hochgradig erregt war und in 
heftigster Weise lärmte und schimpfte. Nach wenigen Augenblicken begann W. 


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Simulation von Schwachsinn bei bestehender Geistesstörung. 


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gleichfalls laut zu schreien und mit lebhaften Gestioulationen im Zimmer umher¬ 
zustürmen. Der Inhalt dessen, was er vorbr&chte, stand in keinem Zusammen¬ 
hang mit dem, was der andere Kranke sagte, sondern er schimpfte in ähnlicher 
Weise wie bei jener Gerichtsverhandlung auf die Räuberbande, auf den Staats¬ 
anwalt, das Richtercollegium, forderte stürmisch sein Recht und sein Eigenthum, 
um das er schändlich betrogen worden sei. Ein kühles Bad schaffte sofort dau¬ 
ernde Beruhigung. In diesem Falle war es schwer, die Grenze zu ziehen zwischen 
echter unverfälschter Erregung und absichtlichem verkehrten Treiben. Ich werde 
darauf später noch einmal zurückkommen müssen. 


Im Vorstehenden habe ich eine Reihe von Aeusserungen des Exploraten als 
absichtliche, nicht krankhafte hingestellt. Es war dies namentlich leicht ersicht¬ 
lich bei seinen Auslassungen über die „Räuberbande“ und ihr nächtliches Er¬ 
scheinen bei ihm. So unzweifelhaft erlogen seine diesbezüglichen Erzählungen 
waren, ebenso sicher ist es, dass Explorat davon wirklich überzeugt ist, dass ihm 
von Seiten der Gerichtsbehörden Schädigungen und zwar consequente plan- 
mässige Schädigungen und Benachtheiligungen zugefügt worden , sind und noch 
weiter zugedacht werden. Das geht aus jeder bezüglichen Aeusserung desselben 
hervor. Und zwar hat die Art und Weise, wie er sich über diese Punkte auslässt, 
etwas so Eigenartiges und Charakteristisches, dass der Irrenarzt bei den ersten 
Worten eine bestimmte Form von Geistesstörung herauserkennt, deren Bestehen 
bei dem Exploraten ich im Folgenden zu erweisen haben werde. Es handelt sich 
um den sogenannten „Querulantenwahnsinn“. 

Es liegt in der Natur dieser Krankheit begründet, dass ihr Vorhandensein 
nur dargethan werden kann durch eine eingehende Darstellung der Art und Weise, 
wie sich der betreffende Mensch gegen die Behörden und besonders gegen die 
Gerichtsbehörden benimmt und in welcher Form er sein Recht wabrnehmen zu 
müssen glaubt. Damit nun in der folgenden actenmässigen Darlegung, welche 
ich von den mannigfaltigen Rechtshändeln des Exploraten zu geben haben werde, 
auch für Laien die charakteristischen Krankheitszüge hervortreten, und damit auf 
diese Weise eine Wiederholung der Thatsachen bei der Begutachtung thunlichst 
vermieden werden könne, schicke ich eine Schilderung voraus, welche ein Wiener 
Psychiater, Fritsch von dem Querulanten-Irresein entwirft: 

„Typisch entwickelt sich in den Kranken die Meinung, es sei ihnen persön¬ 
lich Unrecht geschehen; in den sich wiederholenden Abweisungen ihrer Rechts¬ 
ansprüche finden sie nur die Bestätigung ihrer Vermuthung, dass die Richter mit 
ihren Gegnern im Eiuverständniss gehandelt, dass eine persönliche Animosität 
gegen sie obwalte und Alles nur darauf abziele, ihr Recht zu beeinträchtigen. 
Während wir hierbei in einer Anzahl von Fällen ein Unvermögen der Kranken 
beobachten, einen klaren Einblick in den Sachverhalt zu gewinnen und in ihren 
Aeusserungen geradezu einen Urtheilsmangel wahrnehmen, finden wir auf der 
anderen Seite Kranke, die im Gegentheile verhäitnissmässig begabt erscheinen, 
mit grossem Aufwande psychischer Leistung'ihre Rolle durchführen; Kranke, die 
sich vollkräftig fühlen, den Kampf mit ihren vermeintlichen Gegnern bis auf’s 
Aeusserste und mit erstaunlichem Aufgebot von Mitteln fortzusetzen, so dass sie 
auch Anhänger für ihre Sache gewinnen und in dem Richter eher die Meinung 
erwecken, es bandle siob um rücksichtslos auftretende Rechthaberei, als um den 


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Dr. Neisser, 


Ausdruck krankhafter Störung. Unzugänglich jeder ruhigen Erwägung, Be¬ 
lehrungen nur Starrsinn und Misstrauen entgegenstellend, gilt für sie nur ihre 
eigene Meinung, welche sie ganz nach Art der Wahnsinnigen verfechten. 

Im Gesammtgebahren dieser Kranken prägt sich Ruhelosigkeit und fort¬ 
während sich steigernde Rücksichtslosigkeit ihrer Abwehrbestrebungen aus, eine 
Art der Entäusserung, welche nicht selten einen nahezu manischen (i. e. tob¬ 
süchtigen) Charakter annimmt. In ihrem Wahne der Beeinträchtigung durch 
Andere häufen sie Klagen auf Klagen, in denen sie ihre Gegner in verleumde¬ 
rischer Weise angreifen, überall Unfrieden stiften, Disciplinar-Untersuchungen 
und Abstrafungen gegen sich heraufbeschwören, unaufhörlich immer wieder mit 
neuen Beschwerden die Behörden behelligen, bis zur Unverschämtheit zudring¬ 
lich werden, auch absichtlich Delicto begehen, um ihre Angelegenheiten vor ein 
anderes Forum bringen zu können. Oft erst nach langer Zeit werden diese Per¬ 
sonen in ihrer wahren Gestalt erkannt, nachdem nicht selten Hab und Gut, die 
ganze Existenz zum Opfer gefallen“. 


Der erste charakteristische Zug in der Auffassungsweise des Wietek findet 
sich in den Acten M. 34/82, Vol. I, Bl. 28 und 29 niedergelegt. Wietek hat die 
unverehelichte Marie Gebauer (wie durch Gerichtsbeschluss festgestellt worden 
ist) wissentlich falsch angeschuldigt, dass sie ihm einige Gegenstände gestohlen 
habe. Er bemerkt, dass der Schutzmann R. aus der Saohlage sich nicht über¬ 
zeugen kann, dass die Anschuldigung Wietek’s begründet sei. Sofort sobreibt er 
ihm einen Brief, in welchem er den Schutzmann beleidigt und ihm nahe legt, 
dass er ihn als Diebstahlsgehülfen betrachten und als solchen denunciren müsse, 
wenn er ihm nicht zu seinem Rechte verhelfe. 

Gegen den Beschluss des Königl. Landgerichts zu Giatz, wonach W. wegen 
gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung, des Vergehens gegen die persönliche 
Freiheit und wissentlich falscher Anschuldigung zu 3 Jahren 3 Monat Gefängniss 
und Nebensirafen verurtheilt wurde, legt W. das Rechtsmittel der Revision ein. 
Das bezügliche Protokoll (Bl. 105) schliesst mit den Worten: „Trotz mehrfacher 
Belehrung über die Erfolglosigkeit der angegebenen Gründe blieb W. bei Auf¬ 
nahme derselben stehen.“ 

Danach entspringt W. bei einem Transport und nachdem es ihm mit 
grossem Raffinement, durch angenommene falsche Namen, irreleitende Nach¬ 
richten, die er von anderen Orten aus in die Heimatb senden liess, etc., lange 
Zeit gelungen war, den Nachforschungen der Behörde zu entgehen, wurde er am 
9. Februar 1884 zurückgebracht. Bereits am 15. März 1884 nimmt er die Ver¬ 
folgung seiner Rechtsinteressen wieder auf. Der Weg der Berufung bezw. Re¬ 
vision exisiirte nicht mehr für ihn. Was that er? Er reichte eine Denunciation 
gegen mehrere Zeugen in seinem Processe (Hein, Rzehak, Gebauer) wegen Mein¬ 
eids ein (J.-Reg. No. 1489/1882). Er wird sachlich bescbieden. Darauf bringt 
er seine Anschuldigungen in etwas *variirter Weise vor, erklärt sich nicht be¬ 
ruhigen zu können, und beantragt die Wiederaufnahme des Verfahrens (am 12. 
5. 1884; Bl. 16). Er erhält abermals ausführlichen Bescheid, in welchem ihm 
die mangelnde Beweiskraft seiner Argumente und die Unzulässigkeit seines An¬ 
trages auf Wiedereröffnung des llauptverfahrens dargelegt wird. Er reagirt mit 


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Simulation von Schwachsinn bei bestehender Geistesstörung. 


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einer Beschwerde gegen die Staatsanwaltschaft bei der Oberstaatsnnwaltschaft 
su Breslau. Der Rechtsanwalt, den er zu diesem Zwecke um eine Unterredung 
ersucht, lehnt ab (Bl. 19). Am 26. Juni 1884 wird Seitens der Oberstaats- 
anwaltschaft die eingereichte Beschwerde als unbegründet zurückgewiesen. 

Am 14. September 1884 schreibt W. in einem Gesuch (M. 34 82, Vol. II, 
Bl. 3): „Ich habe schon oft bei der Revision der König!. Staatsanwaltschaft am 
17. v. M., am 2. und 8. d. M., ich will zu Einem Protokoll vernommen werden, 
in einem Gesuch . . .*.* Nachdem er also, wie er selbst angiebt. mehrfach um 
Ausfertigung eines Gesuches gebeten hat, wird er am 16. September vor dem 
Gefängnissinspector vernommen. Hierauf sagt er aus: „Ich werde meine An¬ 
träge und die Gründe hierzu erst angeben, wenn ich von einem Gerichtsschreiber 
werde zu Protokoll vernommen werden.“ Erst auf nochmaliges Befragen erklärt 
er: 1) Nochmalige Anfrage und Beschwerde, warum die Wiederaufnahme des 
Verfahrens abgelebnt worden ist; 2) will er einen anderen Arzt auf eigene Kosten 
haben, „weil ich annehme, dass der Anstaltsarzt mir feindlich gesinnt ist und 
mir deshalb die ärztliche Behandlung, die meinem kranken Körper nothwendig 
ist, nicht angedeihen lässt“. Punkt 3 und 4 sind unerheblich. Punkt 5 besagt: 
„Ich will Angaben machen, weshalb ich zu meiner Entweichung auf dem Trans¬ 
port und durch welche Beihülfe ich veranlasst und dieselbe ermöglicht habe.“ 
— Punkt 5 des vorerwähnten Protokolls gab Veranlassung zu erneuter Ver¬ 
nehmung. Wie sich aber herausstellte, sollte es bloss ein Vorwand sein, um die 
alten Beschwerden wieder vorzutragen. Denn am 18. September 1884 erklärte 
W. (über jenen Punkt befragt, M. 34/82, Bl. 6): „Ich bin auf dem Transporte 
entsprungen, weil ich meine Verurtheilung .... für eine ungerechte hielt. Ich 
wiederhole meinen Antrag vom 15. März 1884 und 12. und 30. Mai 1884 und 
beantrage die Vernehmung der dabei genannten Zeugen.“ „Sollto meinem An¬ 
träge nicht stattgegeben werden, so beantrage ich meine Versetzung nach Breslau, 
weil dort, wie ich bestimmt glaube, ich mit meinen Anträgen durchdringen werde. 
Ich beantrage nochmals meine Vernehmung vom 15. März 1884 und 12. und 
30.Mai 1884 dem Oberstaatsanwalt vorzulegen, da ich nicht glauben kann, dass 
diese Protokolle demselben Vorgelegen haben, da er sonst eine andere Entschei¬ 
dung hätte treffen müssen.“ 

Diese Auslassung halte ich für sehr bezeichnend. Hier tritt zum ersten Male 
in deutlicher unverblümter Weise das Misstrauen von Wietek gegen die Glatzer 
Behörden hervor. Er sagt noch nicht, dass dieselben ihm feindlich gesinnt seien, 
aber er zweifelt nicht, dass er in Breslau sein Recht finden werde, das er hier zur 
Zeit nicht finden könne. Er kann sich auch, obgleich er den Bescheid seihst be¬ 
kommen hat, nicht denken, dass seine Angelegenheit der Oberstaalsanwaltschaft 
Vorgelegen habe; er nimmt lieber einen Betrug der Glatzer Behörden an, als dass 
er seinen vermeintlichen Rechtsanspruch für widerleglich halten könnte. — In 
anderer Weise ist auch der Schlusssatz des eben erwähnten Protokolls charak¬ 
teristisch : 

„Als soweit verhandelt war, verlangte W. noch die Gründe zu wissen, 
warum der Rechtsanwalt W. nicht zu ihm gekommen sei, um seine Anträge auf 
Wiederaufnahme des Verfahrens aufzunehmen. Als ihm hierauf erklärt wurde, dass 
ihm dieGründe desselben, weil nichtbekannt, nicht miigetheilt werden könnten, er¬ 
klärte W., er unterschreibe dieses Protokoll nicht und werdesein Recht weitersuchen. “ 


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Dr. Neisser, 


Aas dem vorstehenden Passus gebt deutlich hervor, wie sehr W. von dem 
Gefühle durchdrungen ist, dass ihm von allen Seiten Unrecht geschieht, mit wel¬ 
chem Misstrauen er allen Leuten begegnet und wie wenig er dabei im Stande ist, 
die ihm entgegen gehaltenen Bemerkungen objectiv aufzunehmen. Bei allen 
Dingen, die sich auf seinen Rechtshandel beziehen, legt er eine Empfindlichkeit 
an den Tag, welche nicht nur ganz unbegründet ist, sondern nach ihn völlig un¬ 
fähig macht, den Sinn des zu ihm Gesagten auf seinen wahren Werth zu prüfen. 
Auf seine Frage, warum der Rechtsanwalt abgelehnt habe, wird ihm erwiedert, 
dass das nicht bekannt sei: sofort weigert er sich ein Protokoll zu unterschreiben, 
welches gar nicht damit im Zusammenhänge steht und ganz correct nach seinen 
Angaben aufgenommen ist, ein Protokoll noch dazu über eine Verhandlung, die 
erst auf wiederholtes Ansuchen seinerseits in seinem Interesse angesetzt wor¬ 
den ist. 

Unter dem 19.September 1884 bittet Wietek, ihm den Rest einer über ihn 
verhängten Disciplinarstrafe zn erlassen, indem er zur Entschuldigung für sein 
ungebührliches Betragen auf seinen „gereizten Zustand“ hinweist. Aber auch 
in diesem demüthig abgefassten Schriftstücke (M. 34/82, Bl. 7) läuft die Be¬ 
merkung unter: „dass der mir zur Aufnahme meiner Anträge bestimmte Gerichts¬ 
schreiber mir diese niederschlug und nicht in meinem Willen aufnahm“. 

Am 1. October 1884 erfolgt ein erneuter Antrag des W. auf Wiederauf¬ 
nahme des Verfahrens mit mehreren Gründen, die alle schon früher widerlegt 
sind oder unerwiesene Behauptungen enthalten. Am 8. October 1884 wird vom 
Landgerichte zu Glatz beschlossen, die Wiederaufnahme des Verfahrens abzu¬ 
lehnen. Die ausführliche Motivirung des Beschlusses wird dem W. mitgetheilt. 
Am 30. October 1884 setzt die Frau des Exploraten die Denunciationen fort. 
Am 3. Januar 1885 wünscht Wietek von Neuem zu Protokoll vernommen zu 
werden, um Beschwerde gegen den Landgerichtsbeschluss vom 8. October 1884 
einzulegen. Er wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Frist zur Einlegung 
einer Beschwerde bereits abgelaufen ist. Trotzdem giebt er seine Erklärung ab, 
dass er Beschwerde erhebt und Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. Er 
wiederholt dabei fast lediglich die Eingabe vom 1. October 1834, welche bereits 
erledigt ist. Doch fügt er noch eine (ür die Beurtheilung des Geisteszustandes 
des Exploraten nicht unwichtige Erklärung zu, welche in Anklagen und Ver¬ 
dächtigungen gegen den Amtsrichter, welcher seiner Zeit in Lewin die Unter¬ 
suchung gegen ihn geleitet hat, gipfelt; derselbe wird darin der Parteilichkeit 
gegen W. beschuldigt, indem derselbe ihm „feindlich gesinnt“ sei. Am 7. Februar 
1885 erhält W. von dem Strafsenat des Königl. Oberlandesgerichts Bescheid, 
worin seine Beschwerde als unbegründet zurückgewiesen wird. Darauf macht er 
unverzüglich eine erneute Eingabe, io welcher er einfach seinen Antrag wieder¬ 
holt; ausserdem wird eine Anklage gegen den Sanitätsrath Dr. G. zugefügt. 
Diese letztere Denunciation wird am 18. Februar 1885 erneuert. Am 8. März 
1885 bescbwert sich W. in einerweiteren Eingabe darüber, dass er „so viele 
Anträge in seiner unschuldigen Bestrafung“ gestellt habe, ohne Erfolg. Er bittet 
abermals vernommen zu werden: 1) um eine Denunciation gegen Dr. C. in die 
Wege zu leiten, 2) um gegen die Gebauer eine Denunciation einzuleilen; 3) will 
er gegen den Bescheid des Oberlandesgericbts Beschwerde erheben beim Justiz¬ 
minister. Sodann möchte er wissen, was der Dr. C. für ein Vorrecht habe, ob 


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Simulation von Sobwacbsinn bei bestehender Geistesstörung. 


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derselbe den Gesetzen nicht unterworfen ist?“ Weiter heisst es darin: „Ich bin 
nur durch die p. Gebauer und den Dr. G. zu einer ungerechtfertigten Strafe ver- 
urtheilt, was mir gar nicht bewiesen, noch bewiesen werden kann, zu einer sol¬ 
chen Strafe, wo ich von Freiheit, Vermögen udö Ehre gekommen bin.“ 


Ich kann wohl hier die Wiedergabe des Thatsächlichen abbrechen und 
darauf einfach hinweisen, dass in allen Kechtsstreitigkeiten, in welche W. ver¬ 
wickelt gewesen ist, sein Verhalten das gleiche war. Niemals beruhigte er sich 
bei dem ersten Entscheide, stets wurden die höheren und höchsten Instanzen bis 
zum Minister und selbst dem Kaiser angerufen. Die Basis des ganzen Verhaltens, 
ja der Grundzug des ganzen Denkens bei Wietek ist die Ueberzeuguug, dass ihm 
Unreoht geschieht. 

Ist das aber als krankhaft zu bezeichnen? Kann nicht wirklich ein Fehler 
in der Rechtsprechung obgewaltet haben und W. fälschlich oder doch zu hart 
bestraft worden sein? Und ist es dann nicht in der Ordnung, dass er sich da¬ 
gegen auflehnt und mit allen erdenklichen Mitteln sein Recht durchzusetzen sich 
bemüht? Und ist es dabei nicht natürlich, dass auch eine immer grössere Er¬ 
regung und Verbitterung bei ihm Platz greifen muss, wenn er wahrnimmt, wel¬ 
cher Vermögensnacbtheil ihm aus seiner Bestrafung erwächst? (Vergl. Dar¬ 
legung des Amis Vorstandes zu Tscherbeney über die Vermögenslage des Wietek, 
M. 34/82, Bl. III.) 

Wenn wir darauf hin das Verhalten des Wietek einer Prüfung unterziehen, 
so finden wir, dass noch ein anderes Moment hinzukommt. Wietek sucht nicht 
einfach für sein vermeintliches Recht zu kämpfen und etwa durch immer erneute 
objective Darlegung des Sachverhaltes für sich zu wirken, sondern stets richtet 
er gegen die Behörden und ihre Vertreter schwere Beschuldigungen und bezich¬ 
tigt sie der persönlichen Gegnerschaft gegen ihn. Feststehend ist für ihn nicht 
nur, dass ihm Unrecht geschehen ist, sondern dass man ihm absichtlich Unrecht 
zugefügt hat, dass man ihn planmässig und conseqnent zu schädigen trachtet. 
Es ist ein allgemeiner Verfolgungs- und Beeinträchtigungswahn, von welchem W. 
beherrscht wird. Von demselben vermag er sich bei keiner Gelegenheit und in 
keinem Augenblicke frei zu machen. In dieser krankhaften Voreingenommenheit 
gebt er an die Beurtheilung aller Maassregeln, aller Vorhaltungen, aller Ent¬ 
scheidungen heran. Diese Voreingenommenheit erklärt seine sonst unbegreifliche 
Handlungsweise, wenn er plötzlich sich weigert, ein Protokoll zu unterzeichnen 
oder einen anderen Arzt beansprucht, da der ihn behandelnde in dem Process 
gegen ihn als Sachverständiger fungirt hat, ihm also feindlich gesinnt ist. Dringt 
er mit einer Klage nicht durch, so wird eine neue angestrengt; wird auch diese 
abgewiesen, so beschwert er sich oder er kündigt schon von vornherein an, dass 
er sich bei ungünstigem Bescheide höheren Oites beschweren werde (vgl. J.-Reg. 
206/87). Und hat er immer vun Neuem Unrecht bekommen, so gelangt er nicht 
zu besserer Einsicht, sondern zu der Ueberzeugung, die Richter, ja alle Behörden 
seien gegen ihn, und so nimmt der Wahn einen immer ausgedehnteren Umfang 
an. Konnte man früher vielleicht glauben, es handle sich um einen mit Zähig¬ 
keit fest gehaltenen Rechtsanspruch, oder um einen eigenwilligen, rechthaberischen 
und ränkesüchtigen Charakter, so tritt jetzt der krankhafte Zug immer deutlicher 
hervor, zumal die vielen ungünstigen Erfahrungen, die Abweisungen und Krän- 


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Dr. Neisser, 


kangen einen Zastand von Gereiztheit in ihm erzeugt haben, welcher ihn immer 
mehr in seine Verfolgungsideen sich einleben and seine Auffassung immer ein¬ 
seiliger werden lässt. Jetzt geht auch zeitweilig im äusseren Verhalten des 
Kranken die ruhige Besonnenheit zu Ende. Er kann sich im gewöhnlichen Trei¬ 
ben des Tages noch beherrschen und überlegt und kühl erscheinen. Sobald aber 
seine Interessensphäre berührt wird, schon beim blossen Anblick von Personen, 
welche im Gerichtshandel eine Rolle, sei es auch nur als Aerzte oder Zeugen ge¬ 
spielt haben, verliert er die mühsam zur Schau getragene Ruhe, er bricht ohne 
Zweck und Ziel in unflälhige Schimpfreden aus, er geräth in einen Zustand von 
Wuth, dass er selbst nicht mehr weiss, was er thut, und der sich äusserlioh nur 
noch wenig von dem Verhalten tobsüchtiger Kranker unterscheidet. 

Diese Gereiztheit in dem Wesen des Exploraten war schon im Juni 1886 
so erheblich, dass der Sanitätsrath Dr. C. die Gefahr betonte, dass Explorat „bei 
seiner krankhaften Nervenreizbarkeit dem Irsinn verfallen“ möchte. Seitdem tritt 
dieselbe in den meisten Schriftstücken des W. in krasser und ungezügelter Form 
zu Tago. Ich verweise nur auf die „Beantwortung“ an den Ersten Staatsanwalt 
vom 2. September 1887 (J. Reg. 206/87). welche unter anderen folgende Sätze 
enthält: „Ich bemerke, hätte es den Denuncianten und der Staatsanwaltschaft 
gelungen, da würden Sie wohl nicht meiner vergessen haben .... Ich weiss 
schon längst, dass von mir keine solche Klage keinen richtigen Gang hatt, nur 
gegen mir; es ist schade, dass der Erste Staatsanwalt nicht mehr weiss, dass 
wegen dieser Sache dreimal dieselben Zeugen geladen worden sind. Ich bin des¬ 
halb genöthigt, bei der Königl. Oberstaatsanwaltschaft mich zu beschweren...“ 
— Nicht minder charakteristisch ist der Brief des W. an die Staatsanwaltschaft 
zu Glatz vom 1. Mui 1888 (I. M. 15/87, BI. 53), in welchem es heisst: „Ange- 
scbuldigt habe ich 15 Tage unschuldig Untersuchung verbüsst, und am 9. No¬ 
vember bei der Strafkammer freigesprochen wurde; es sind mir 120 Mark Un¬ 
kosten entstanden. Bin ich nur zum Berauben und zum Einsperren ge¬ 

boren? Wegen jedem Dreck bald Anträge gestellt, habe nichts mehr zum Auf¬ 
opfern. Warum ist der Joseph W. und Bartholomäus W. nicht wegen falscher 
Anschuldigung belangt, die mich 5 Mal falsch angeschuldigt haben und dem 
Staate und mir immer nur Unkosten verursacht haben, da ist bis heute kein An¬ 
trag vom Staatsanwalt Schmidt gestellt, die wegen Vergehen zu verklagen I Ich 
verlange 30 Mark!“ 

Es Hessen sich aus dem sehr reichhaltigen Actenmateriale eine grosse Fülle 
weiterer Belege für die in dem Geisteszustände desWietek gekennzeichneten Züge 
beibringen, allein ich glaube, dass das Angeführte ein ausreichendes Bild der 
Störung des Wietek gewährt. Vielleicht indess ist es von Werth hinzuzufügen, 
dass Wietek nicht nur, wenn er der Angeklagte bezw. Verurtheilte ist, wo ihm 
also vielleicht durch Richterspruch ein Unrecht zugefügt worden sein könnte, die 
im Einzelnen geschilderte Stellungnahme gegen die Behörden beobachtet, son¬ 
dern ganz ebenso sich verhält, wenn er als Ankläger auftritt. Als Beispiel hier¬ 
für erwähne ich nur seine Denunciationen gegen seinen Bruder Bartholomäus 
Wietek. 

Am 7. September 1884 (III. 763/84) reichte seine Ehefrau Franziska W. 
eine Denunciation gegen Letzteren ein, in welchem sie unter Anderem ihn be¬ 
schuldigte, gegen sie einen Nothzuchtsversuch verübt zu haben. Am 14. Februar 


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Simulation von Schwachsinn bei bestehender Qeistesstörung. 


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1885 erfolgt Seitens der Staatsanwaltschaft ein die strafrechtliche Verfolgung 
ablehnender Bescheid. Am 16. September 1886 nimmt Explorat die ursprüng¬ 
lich von seiner Frau eingereichte Anzeige seinorseits wieder auf, ohne ein neues 
Beweismoment vorzutragen. Am 25. Mai 1887 (J. 141/87) erneut W. die An¬ 
zeige, obgleich ihm ausdrücklich vorher eröffnet war, dass er sich der Gefahr der 
Bestrafung wegen Querulirens aussetze. Am 29. Juli 1887 beschwert er sich 
über die Ablehnung der Verfolgung seiner Denunciation bei der Königl. Ober¬ 
staatsanwaltschaft zu Breslau. Ehe er noch beschieden ist, wiederholt er am 
9. August 1887. am 25. August 1887 und am 5. September 1887 genau die 
selbe Denunciation. Am 7. September 1887 wird seine Beschwerde Seitens der 
Oberstaatsanwaltschaft für unbegründeterklärt. Trotzdem erneut er am 20 Sep 
tember 1887 abermals seinen Antrag! 

Er ist eben durchaus ausser Stande, in unbefangener Weise abzuwägen, 
und während er die Gerichtsbehörden und -Institutionen in ihrer Autorität aner¬ 
kennt und benutzt, um Anderen zu schaden, so erscheint ihm jeder Richterspruch 
als ungerecht, tendenziös und angreifbar, wenn die Spitze des Urtheils sich 
gegen ihn kebtt. Stets fühlt er sich benachteiligt und geschädigt, und wenn 
er die frivolsten und unwahrsten Beschuldigungen gegen Andere vorbringt, stets 
fühlt er sich in der Defensive und wähnt, dass ihm bitteres Unrecht geschehe, 
wenn seinen Denunciationen kein Gehör geschenkt werde. 

Beachtenswert ist ferner der Umstand, dass in den letzten Jahren das Ver¬ 
hältnis des Exploraten zu seinen nächsten Angehörigen eine völlige Aenderung 
erfahren hat. Während er früher Mutter und Geschwister unterstützte, lebte er 
später mit denselben in offener Feindschaft, ohne dass in dem Benehmen der 
Letzteren gegen ihn ein Anlass dazu gegeben wäre. Er verfolgt ihr Thun und 
Lassen mit Misstrauen, hält sich von ihnen für übervortbeilt, wirft ihnen Dieb¬ 
stahl, Meineid etc. vor, ohne dass die Untersuchung irgend welche objectiven 
Anhaltspunkte dafür zu Tage gefördert hätte. Dieser Umschwung in seinem Be¬ 
nehmen und wohl auch in seinem Fühlen und Denken ist so auffällig gewesen, 
dass auch die Angehörigen selbst nach einer Erklärung dafür gesucht haben. 
Während dieselben jedoch dem schädlichen Einfluss der Ehefrau des W. die 
Schuld beimessen, glaube ich nicht fehl zu geben, wenn ich in der sich ent¬ 
wickelnden Kiankheit des Exploraten die Hauptursache der Gesinnungsänderung 
erblicke. 

Es scheint, dass diese krankhafte Störung bei dem p. Wietek schon in dem 
Jahre 1882 vorhanden war; mit Sicherheit lässt sich ihr Bestehen erst seit 
dem Jahre 1884 beweisen, und seitdem hat, wie das in der Natur der Dinge 
begründet liegt, eine mehr weniger continuirliche Steigerung der Intensität des 
krankhaften Zustandes statt gehabt. Allmälig hat das Leiden und die das 
selbe als integrirendor Bestandteil begleitende Erregung eine solche Höhe er¬ 
reicht, dass es nicht angänglich erscheint, dass Wietek ohne fortgesetzte Con- 
flicte in der Aussenwelt lebt, und ich empfehle bei der Gemeingefährlichkeit des 
Exploraten. welcher auch in gesunden Tagen als ein durchtriebener und roher 
Mensch bekannt war, für die dauernde Unterbringung desselben in einer Irren¬ 
pflegeanstalt Sorge zu tragen. 

Nach alledem gebe ich über den Geisteszustand des p. Wietek mein Gut- 
Yierteljahrssehr. f. ger. Med. N. F. LIT. 2. 20 


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306 


Dr. Neisser. 


aohten dabin ab, dass derselbe seit mindestens 4 Jahren und nooh gegenwärtig 
sieb in einem Zustande von krankhafter Störung seiner Geistesthätigkeit be¬ 
findet, durch welchen seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen ist. Im 
Sinne des Allgemeinen Landrechts ist derselbe für blödsinnig zu erachten. 


8 . 

(Jeher 4ei Tod d«rch Chloroform ud Chloral vom gerichts- 

äritlichei Stiidpmkte, 

Von 

Dr. J. Berntr&ier, 

Mtrin6-8tmbearst. 


Der Tod durch Chloroform und durch Chloral hat viel Ver¬ 
wandtes und gleich Räthselhaftes. Da beide Todesarten auch dem 
Gerichtsarzte bei Feststellung der Todesursache und etwaiger Schuld 
dieselben erheblichen Schwierigkeiten bereiten, so verdienen sie wieder¬ 
holter Bearbeitung, und zwar erscheint es bei der auch chemischen 
Verwandtschaft beider Stoffe praktisch, hierbei von den genauer unter¬ 
suchten Chloroform Wirkungen auszugehen und die so gewonnenen 
Resultate bei der Erörterung der Chloraltodesfälle in Anrechnung zu 
bringen, mag man nun der von Liebreich behaupteten Umsetzung 
des Chlorals in Chloroform im Körper zustimmen oder nicht. 


I. Chloroform. 

Feststehend ist, dass Chloroform successive auf die einzelnen Ab¬ 
schnitte des Centralnervensystems — Ganglienzellen des Grosshirns, 
des Rückenmarks, des verlängerten Marks, des sympathischen Systems 
— ein wirkt; es ist jedoch Streitfrage, ob die Affection der Medulla 
oblongata auf specifischer Wirkung des Stoffes beruht oder eine Folge 
der darniederliegenden Circulation ist, welche letztere ihrerseits wie¬ 
derum nicht nur von der schädlichen Beeinflussung der Herzganglien, 
sondern auch der Herzmusculatur abhängig erklärt wird. Ebenso ist 
es ungewiss, wodurch das Chloroform wirkt; die grosse Anzahl der 
hierüber aufgestellten Theorien finden sich in den Arbeiten von 
H. Köhler (Schmidt’s Jahrbücher, Bd. 138, 142, 145), W. Koch 


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J. Bornträger. 


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(Volkmann’s Sammlung, No. 80), Kappeier (Deutsche Chirurgie, 
Lieferung 20) u. A. wiedergegeben. 

Endlich ist unbestimmt, durch welches Organ Chloroform tödtet. 
Kappeier kommt zu dem Resultate, dass man nicht im Stande ist, 
»für alle Chloroformtodesfälle eine befriedigende Erklärung zu geben“, 
vielmehr einen Tod vom Herzen aus — Syncope — und einen von 
der Respiration aus — Asphyxie — annehmen müsse (S. 118). 

Bekanntlich sind bald nach Einführung des Chloroforms in die 
chirurgische Praxis zahlreiche und eingehende Untersuchungen — ich 
erinnere an das Londoner Chloroform-Comitö — über seine physio¬ 
logische Wirkung angestellt worden, über deren Ergebnisse ich auf 
die Sammelwerke, so besonders Schmidt’s Jahrbücher, verweisen muss; 
verschiedene Wirkungen wurden festgestellt; über die Art des Todes 
der Thiere aber, ob durch Erstickung oder durch Herzlähmung, konnte 
man sich nicht einigen. 

Von den wenigen späteren Untersuchern findet Gading (Disser¬ 
tation, Berlin 1879), dass * Chloroformtod in der Regel durch Läh¬ 
mung der Respiration erfolge“, dass beim Tode vom Herzen aus dies 
Organ als bereits vorher erkrankt anzusehen sei. Freilich erscheinen 
mir Gading’s Versuche nicht einwurfsfrei; denn die unter der Glas¬ 
glocke im Chloroformdampf befindlichen Kaninchen gehen nach 19 V 2 
bis 24 Minuten unter heftigster Dyspnoe, wobei „sämmtliche Athem- 
muskeln stark angespannt wurden“, also doch auch wohl die der 
Willkür unterworfenen, bei anscheinend erhaltener Schmerzempfindung 
und Reflexerregbarkeit oder in concentrirter Chloroformatmosphäre in 
30—35 Secunden zu Grunde, wobei doch der Gedanke nahe liegt, 
als seien dieselben durch ungenügende Ableitung der Kohlensäure 
bezw. Mangel an Sauerstoff erstickt; bei den subcutanen Injectionen 
ist freilich das Auf hören der Respiration 45—150 Secunden vor dem 
Herzstillstände einwandfrei beobachtet, doch muss hierbei daran er¬ 
innert werden, dass nach Luftabschluss bei gesundem Herzen die 
Thätigkeit dieses Organs bei 9 Thieren den Respirationsstillstand 
durchschnittlich um 3'/ 4 Minuten überdauerte (Casper-Liman, Ge¬ 
richtliche Medicin, 6. Auflage, 2. Bd., S. 612, Fussnote). 

Dagegen kommt Schmey (Dissertation, Berlin 1885) nach Ver¬ 
suchen an morphinisirten, curarisirten, im Thorax aufgeschnittenen 
und durch künstliche Respiration erhaltenen Thieren zu dem Resultat, 
dass der Tod bei Hunden durch Lähmung des „Coordinationscentrums“ 
im Herzen erfolge, während bei Kaninchen, Katzen, Meerschweinchen 


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•> 0 * 

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308 


J. Bornträger, 


ausserdem noch eine schädliche Beeinflussung der Herzmusculatur 
wahrgenommen werde, und nimmt an der Hand von 2 in der Chlo- 
roformnarcose unter zappelnden Herzbewegungen gestorbenen Kranken 
eine entsprechende Todesart auch für den Menschen an. 

Schon Liebreich (Das Chloralhydrat, 1871) fand bei seinen 
durch Chloroformdärapfe getödteten, anscheinend erstickten Kaninchen 
dennoch die Zeichen der Herzparalyse, nämlich beide Ventrikel und 
Vorhöfe erschlafft und gefüllt; er behauptete daher, das allmälig er¬ 
schlaffende Herz sei der Grund für die Veränderungen in den Lungen 
und sonst im Organismus und schliesslich auch für den Respirations¬ 
stillstand von der Medulla oblongata aus (S. 25). 

Chloroformirt man nun, um sich selbst ein Urtheil zu bilden, 
Frösche und betrachtet gleichzeitig die Schwimmhaut unter dem Mikro¬ 
skope, so sieht man, dass nach einer Weile die Athemzügc aufhören, 
dabei der Blutstrom in den erweiterten Capillaren stockt und nur in 
vereinzelten Gefässen vor sich geht, bis er schliesslich auch hier zu 
stehen beginnt, und die Herzpulsationen selten und schwach werden. 
Befreit man nun den Frosch von dem Chloroform, so constatirt man, 
wie allmälig die Herzcontractionen wieder kräftiger und schneller 
werden, bei langsam wieder in Fluss kommender Circulation nach 
einer Pause von */ 4 —*/ 2 Stunde die Respirationsbewegungen wieder 
beginnen und jetzt der Frosch bald erwacht und sich zu bewegen an¬ 
fängt. Dies Wiedererwachen tritt selbst dann noch ein, wenn das 
Herz bereits vorübergehend Stillstand. Chloroformirt man aber bis zu 
längerem Herzstillstand, so findet ein Auf leben nicht mehr statt; das 
Herz steht in Diastole und ist prall mit Blut erfüllt. 

Somit ist der Chloroformtod für den Frosch zweifellos ein Herz¬ 
tod, wenn auch die Respiration viel früher stillsteht. 

Eine nochmalige Pulsation des Herzens, wenn man es an der 
Ventrikelgrenze durchtrennt, wie Liebreich als Beweis der Hem¬ 
mung von den in der Vorhofswand gelegenen Ganglien aus anführt, 
konnte ich nicht constant beobachten. 

Ein von mir zu Tode chloroformirtes Kaninchen ging anscheinend 
durch Respirationslähmung zu Grunde, doch zeigte das Herz denselben 
paralytischen Zustand, wie ihn Liebreich schildert. 

Beim Menschen ist naturgemäss eine systematische Chlorofor- 
mirung bis zum Tode nicht beobachtet worden; dagegen geben Cas- 
per-Liman unter No. 265 ein genaues Sectionsprotokoll nach einer 
Tödtung durch Cbloroformeinathmung und zwar: Anämie des Gehirns, 


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Original frnm 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



Ucb. d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. gerichtsärztl. Standpunkte. 309 

Oedera der massig blutreichen Lungen, ganz schlaffes, eingeknicktes 
Herz, massige Hyperämie der Leber; also Tod durch (langsame) Herz¬ 
paralyse. Aehnliche Befunde liefert auch No. 264 und ebenso bei 
Sabarth („Das Chloroform“, 1866) No. 27 und weniger prägnante 
No. 2 und 43. 

Die Beobachtungen über Tod durch Verschlucken von Chloroform 
können leider nicht herangezogen werden, da sie theils zu ungenau 
beschrieben sind, theils der Tod erst nach mindestens 24 Stunden 
unter Mitwirkung anderer Störungen erfolgte. 

Hieraus ergiebt sich Folgendes: 

Thiere, welche längere Zeit ohne Respiration existiren können 
(Frösche), sterben durch Chloroform den Herztod; höher organisirto 
Thiere (Säugethiere) sterben ebenfalls den Herztod, wenn die Respi¬ 
ration künstlich unterhalten wird, geschieht das nicht, so ähnelt ihr 
Tod allerdings einer Erstickung, doch überdauert die Herzthätigkeit 
die Respiration kürzere Zeit als sonst bei Erstickung und findet sich 
übereinstimmend bei Fröschen, Meerschweinchen, Kaninchen, Katzen, 
Hunden, Mauleseln, Pferden und schliesslich auch beim Menschen das 
schlaffe, paralytisch zu Grunde gegangene Herz. 

Somit ist der normal toxicologische Chloroformtod ein Herztod; 
der frühe Respirationsstillstand ist ein Zeichen der Erlahmung des 
Herzens. 

Mit diesen Resultaten ist nun aber dem Gerichtsarzte wenig ge¬ 
holfen; denu ein Blick auf die Casuistik lehrt, dass fast sämmtliche 
Chloroformtodesfälle solche sind, welche unter den Händen von Aerzten 
wider alle Erwartung, oft bereits vor Eintritt der Narcose, eintreten. 
Wir haben es also hier nicht, wie sonst bei Vergiftungen, mit einer 
durch tödtliche Dosen bedingten Zerstörung des Lebens zu thun, bei 
welcher die dem Stoffe eigentümlichen Wirkungen der Reihe nach 
zur Erscheinung kommen, sondern, wie dies bereits N. Berend („Zur 
Chloroformfrage“, 2. Beitrag, 1852, S. 30) betont, mit einer Aus¬ 
nahmewirkung: was Tausende unter denselben, ja, unter viel ungünsti¬ 
geren Umständen, und was derselbe Mensch wiederholt gut vertragen, 
das tödtet ein anderes Mal plötzlich, unverhofft, in geringer Dosis. 

Diese Ausnahmewirkung ist denkbar durch 3 Möglichkeiten: 

1. Durch ein abnormes Präparat. 

2. Durch eine abnorme Anwondungsweise. 

3. Durch abnorme Umstände und Factoren im Körper. 

Da die Todesfälle bei absolut reinen Präparaten und vorsichtiger 

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Laufende No. 


310 


J. Bornträger, 


regelrechter Anwendungs weise fortgesetzt Vorkommen, so haben wir 
den Schwerpunkt der Untersuchung auf den dritten Punkt zu legen. 
Hier vermag das Kxperiment an gesunden Thieren nur wenig zu 
leisten; wir müssen daher aus der Casuistik unsere Schlüsse ziehen. 

Unter den vorhandenen Zusammenstellungen bilden die erwähnten 
von Sabarth (1848—1865) und von Kappeier (1865—1875) eine 
fortlaufende Reihenfolge aller bis dahin veröffentlichten Chloroform¬ 
todesfälle. Diese Casuistik will ich ausdehnen; doch werde ich nicht 
eine vollständige Liste aller weiter veröffentlichten Chloroform todes- 
fälle aufstellen, sondern nur solche mit Sectionsbefunden aufnehmen. 

Die relativ grosse Zahl aus der Charitö in Berlin stammender 
Fälle erklärt sich daraus, dass mir gerade die so vorzüglich bearbei¬ 
teten Annalen dieses Krankenhauses zu Gebote standen. Durchsucht 
man die Berichte anderer Krankenhäuser, so findet man unter den 
Rubriken „Collaps“, „Syncope“, „Zufälle“ etc. überall eine ganze 
Anzahl plötzlicher Todesfälle, welche mit demselben Recht oder Un¬ 
recht, wie die folgenden, auf das Chloroform bezogen werden können 
nur wird diese Mühe des Suchens nicht immer durch genaue Berichte 
und Sectionsprotokolle entschädigt. 



Personalien, 


0 b d u 

c t i o n. 


Todesart 

Literatur. 

Krankheit und 
Verlauf. 

Q. 

♦-» 

Aeusseres 
u. All- 

Kopfhöhlc. 

Brusthöhle. 

Bauchhöhle. 

und 

Bemer¬ 

kungen. 



<o 

CS3 

gemeines. 




Küster: 

2 l / t jähr. Mädchen 




Stark. Glottisöd., 


Hers- 

„Fünf 

mit Diphtherie d. 




Croup d. Stimm 


lähnmng. 

Jahre im 

Larynx, stirbt 




bänder, lobuläre 


Ebenso 

Augusta- 

nach einig. Zügen 




Pneumonien in 


stirbt No. 

Hospital“. 

Ch. (1875) plötz 




beiden Lungen. 

. 

12; keine 

S. 76,77 

lieh unt.|Aufhören 




Schwellung der r. 


Section. 

(No. 22) 

d. Athmung u. bei 




Submaxillardrüse. 



u. 94. 

Blässe d. Gesichts. 







Charite- 

44jähr. Potator. L. 

ca. 


Sinusu.ven. 

Herz: Alte Peri* 

Zwerch fe 11: 

Erstickung. 

Annalen 

Angina Ludovici, 

24 


Gefässe: we¬ 

card-Verwachsun 

5. Rip. Milz: 

in Folge 

pro 1876. 

Dyspnoe, Schling* 

St. 


nig fl. Blut; 

gen; Muskel rotb. 

Hämorrhagien 

von Hin¬ 

(Erschien 

beschwerd. Nach 



Pia ödematös. 

mässig derb; r. V. 

in der Pulpa. 

dernissen 

1878.) 

einigen Zügen Ch 



Hirnrinde anä¬ 

sehr breit, mässig 

Nieren: 

in d. Luft¬ 

S. 420 ff. 

Exaltat., Cyanose, 



misch , weisse 

prall mit fl. Blut 

gross, roth. 

wegen ? 


Respirationsstill¬ 



Substanz über¬ 

u. fibrinreich. Ge¬ 

Leber: Cen- 


stand bei guten 



all blutreich; 

rinnseln gefüllt; 

tren der Acini 



Herztön. Tod trotz 



in d. 1. Hemi¬ 

1. V. contrahirt, 

blutreich. 



ikstl. Resp., Luft- 



sphäre erbsen- 

fast leer ;beid. Vh. 
blutbaltig. Lung. 

Magen: 



leinblas., Tracheo 



grosser alter 

Schleimhaut 



1 tomie, Elektro- 

1 



Herd. 

theilw. adhärent, 

geschwollen u 



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UNIVERSITY OF IOWA 




Ueb. d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. geriohtsärztl. Standpunkte. 311 


^ 1 


Literatur. 

Personalien, 
Krankheit und 
Verlauf. 


0 b d u 

c t i o n 


Todesart 

und 

Bemer¬ 

kungen. 

II1 

=3 

* 

p. 

4-> 

*5 

Aeusseres 
u. All¬ 
gemeines. 

Kopfhöhle. 

Brusthöhle. 

Bauchhöhle. 


punctur des Her- 




lufthaltig; Bron- 

geröth. auf d. 



zens. 




chialschleimhaut 

Falt. Darm: 







ausgebuchtet zwi- 

Schleimhaut 







sehen fibrös. Strei- 

und Follikel 







fen,geröthet. Gau- 

geschwollen. 








men, Pharynx, d. 









ganze Kehlk. inn.. 









bes. 1.,stark ödem. 



t 

3 

Ibidem 

25jäh. ängstlicher 

ca. 

Blut 

Sinus gefüllt 

Herz: Oberfläche 

Zwerchfel 1: 

Lähmung 



Mann. Bereits 4- 

24 

normal. 

m. fl. dunkel- 

des r. V. einge- 

4. Rip. Gastro 

des rechten 



mal chloroformirt. 

St. 


rothem Blute. 

sunken, 1. V. con- 

enteritis hae* 

Herzens 



Panaritium. Nach 


• 

Basalarterien 

trahirt, leer; in r. 

morrhagica, 

durch Luft! 



einigen Minut. d. 



leer, Piagefäs. 

V. u. beiden Vh. 

hepar adipös.. 




Einathraung star- 



wenig bluthal- 

fl. Blut. Muskel 

nephritis par- 




ke Exaltation, Re- 



tig. Gehirn 

bräunl. roth, am 

enchymatosa. 




spirationsstillst ; 



feucht u. blut- 

r. V. sehr dünn. 





Zungenvorziehen, 



reich. Ventrik. 

Lungen geröth 





künstl.Resp., Rei- 



serumhaltig. 






zung der N. phre- 









nici, Senkon des 









Kopfes; mehrere 









spontane Athem- 









züge, Tod. 








4 

Ibidem. 

40j. M. Sarcoma 

24 



Herz normal; 1. 

Sarcoma 

Hen- 



supraclaviculare. 

St. 



V. leer. Sarcoma 

hepatis. 

lähiuongt 



Starke Dyspnoe, 




mediastini antici 


Luftein¬ 



Cyanose. Nach Un¬ 




et pulmonum, 


tritt in 



terbindung der V. 




Pleuritis haemor- 


das rechte 



jag int.d. schwin¬ 




rh. sarcomatosa 


Herz? 



den plötzlich Puls 



• 

duplex. 





u. Resp. 








5 

Ibidem. 

27j. M. Sarcoma 



Gehirn 

Herz u. Lungen 

Hyperplasia et 

Erstickung 



mandibiilae sin. 



normal 

normal; in den 

atrophia fusca 

in Folge v. 



Gegen Ende der 




Bronchien einige 

lienis. Gastrit. 

Kinfliessen 



Oper, verschwin¬ 




Blutgerinnsel und 

chronica. Im 

von Blut 



det plötzlich die 




zäbe Flüssigkeit. 

Magen etwas 

in d. Bron¬ 



Resp., dann der 





Blut. 

chien? 



Puls. 








€ 

> Ibidem. 

30j. M. mit erwei¬ 

24 


Pia ödematös 

Herz: l. V.mässig 

Zwerch fei 1: 

Asplrntien 


1877. 

terten Halslymph- 

St. 


blutarm,eben¬ 

contrahirt, d. übr. 

1. 4., r. 3 Rip. 

v. Cb. in d. 


S. 792. 

drüsen starb vor 


so das Gehirn. 

Theil.schlaff; bei¬ 

Milz: Pulpa 

Lungen? 



Eintritt d. Narcos. 




de Vh. voll fl. Blut.j 

dunkelroth. 

Concen- 






L u n g : weite alte Verwachsung.; 

Nieren blut¬ 

trirtes Ein¬ 






starke Rötbung u. Oed., Bron- 

reich, Leber 

dringen in 




chialschleimhaut dunkelroth. 

grau. 

einzel. Ab¬ 

1 1 


| 1 


1 


schnitte? 




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Original frn-m 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



Laufende No. 


312 


J. Bornträger, 



Personalien, 

Literatur. 

Krankheit und 


Verlauf. 



Obduction. 


Kopfhöhle. Brusthöhle. 


Todesart 
und 
Bemer- 

Bauchhohle. kungen. 


7 Ibidem 44j. M. Augenope¬ 
ration. Starb im 
Beginn d Narcose. 


8 Virchow- 84j. Frau m.Fistu- 

Hirsch, la ani. In voller 

Jahres* Naroose im Mom. 

bericht der Oper, plötzl. 

1878, I. ein Schrei u. Still- 
S. 400. stand von Puls u. 

Resp. 

9 Lancet Mann. Verletz, d. 

1878, I. Auges. Nach 12 g 

S. 297. Ch. bleibt erst d. 

Athem, dann der 
Puls weg. Noch 
einz. Athemzüge. 

10 Ibidem 34j. M. Fistula 

II. S. 571. ani. Sehr aufge¬ 

regt. Nach 8 g Ch. 
Strampeln, Pupil- 
lenerweiter., Ver¬ 
schwinden d. Pul¬ 
ses. Einz. Athem¬ 
züge noch 5 Min. 
lang, auch nach 
Aufheben an den 

Füssen. 

11 Ibidem. 15j.M. Ulceration 

S. 683. am Amputations¬ 

stumpf. Nervös. 
10g Ch. Athraung 
bleibt weg gleich 
nach Beendig, d. 
kurzer Operation, 
kommt wied. nach 
Vorhol. d. Zunge; 
Tod b. Herzstillst. 


ca. 

72 

St. 


21 

St, 


6 

St. 


Starke 

Todten- 

starre. 


Sinus voll Im Herzbeutel Zwerch feil: Hen- 

dunkelkirsch- 5 ccm Flüssigkeit. 5. Rip. Milz lähiuuog. 
rothen Blutes. Herz sehr gross, und Nieren 
Pia u. Gehirn beide V. dilatirt, sehr blutreich, 
blutreich und m. reichlich., dick- Leber norm., 
ödomat. Vorn flüssigem, dunkel- Magen¬ 
mitt. im Pons rothem Blute ge- schleimh. 
erbsengrosser, füllt, Lung. sehr geschwollen u. 
eingesunken., blutreich. geröthet. 

dunkelbraun. 

Herd. 

Herz: verfettet, Verschiedene Reflex- 
„fast collabirt“ u. Organe hyper- lähmungm 
leer. Atherom d. ämisch. Hera uni 

Mitralklappe. Alhmung. 


Gehirn blut- Herz: 360g f im 1. Nieren und Langsame 
reich. Hydro- V. u. r. Vh. je 8g Leber blut Her*- 
cephalus ex- fl. Blut. Begin- reich. lahmung. 

ternus. nende Fettdegene- 

_ration d. Muskels 

(mikroskopisch). Lungen: em¬ 
physematos und ödematös. 

Gehirn: Herz welk, blass, Mi lz, Nier, Hera- 
leicht blut- dilat.,leer, Wände Leber blut- labtnung. 
reich. Hydro* dünn; reichliche reich, 

cephalus in- Fettauflagerung 
ternus. u. mikroskopisch 

nachweisb. Fett- 
degenerat. Lun¬ 
gen blutreich. 


Herzbeutel: 8 Nieren und Erstickung, 
ccm Serum. Herz Leber blut¬ 
rech ts stark aus- reich. Magen 
gedehnt d. dun- ausgedehnt d 
kies fl. Blut, links Luft, 
contrahirt. Musk. 
gesund, ebenso d 
Lungen. 


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UNtVERSiTY OF IOWA 







Ueb. d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. gerichtsärztl. Standpunkte. 313 


o 

r> * 

CJ 

s 

za 

JS 

Literatur. 

Personalien, 
Krankheit und 

Verlauf. 

Obductiou. 

Todesart 

und 

Bemer¬ 

kungen. 

. 

* 

*2 

0) 

S 

Aeusseres 
u. All¬ 
gemeines. 

Kopfhöhle. 

Brusthöhle. 

Bauchhöhle. 

W 1* 

Charite- 

54jähr. Frau starb 

ca 

Blut 

Dura injicirt. 

H^rz sehr schlaff*, 


Beri- 

iU 

Annalen 

während der Nar- 

48 

flüssig. 

Hirnsubstanz 

Mu k schmutzig- 


lähmunjc 


1878, 

cose. 

St. 


weich, massig 

dunk. - braunroth. 


(Aspirat. 


S. 781. 




blutreich. 

L u ng sehr blut¬ 


v. Chloro¬ 







reich u. ödematös; 


form?) 







einzelne Stellen 









dunkelkirschroth. 



13 

Ibidem. 

12j. M. Ankylose 

24 

Vircho w: 

Allgemeiner 

Herz: nur 1. V 

Milz u. Le¬ 

Her*- 


1879, 

d. r. Kniegelenks 

St. 

„Das Blut 

Blutreich¬ 

contrahirt, iu den 

ber sehr blut¬ 

lahmnng. 


S. 488 

Nach22gChloral- 


war völlig 

thum. 

Höhl, viel dünnes 

reich. Magen¬ 

(Reflex von 


u. 685. 

chloroform(lproo. 


dünn¬ 


fl. Blut, kein Ge 

schleim h. 

d. Streck. 


Von 

Alkoholzusatz) u. 


flüssig, 


rinnsei. Muskel 

geröth ; Organ 

her be¬ 

Litt 

Bard e- 

Streckung undu- 


schied b 


frisch braunroth, 

durch Gas auf- 

theiligt?) 

|T 

leben in 

lator. Bewegung in 


Stehen viel 


fest. Halsvenen 

getrieben. 

NB. Das 

IJK 

der Deut¬ 

der Herzgegend, 


milchiges 


voll dün. schwarz 


Chlor, war 


schen med. 

Puls, dann Rasp. 


Serum ab; 


rotb. Blut. Lun¬ 


selbigen 


Wochen- 

weg, beide kehren 


die farb¬ 


gen rosenroth, r 


Tags zu 


schr. 1879, 

auf Electricit. wie¬ 


losen Blut- 


total adhärent. 


mehreren 


S.291, ver¬ 

der, Pat. schreit 


körperch. 




Ope¬ 

r i».s 

öffentlicht. 

auf u. schien er¬ 


enthielten 




rationen 



wacht — dann 


vielfach 




benutzt. 

|iJ0 


plötzlich Stillst, v. 


Fettkörn¬ 







Herz u. Athmung., 


chen. M 





14 

Ibidem. 

56j. Frau starb */J 




Herz braun atro- 

Darm: lym¬ 

? 


S. 685. 

Stunde nach Iri¬ 




phirt. Lungen: 

phatischer Ap¬ 




dotomie. 




hyperämiscb. 

parat stark ge¬ 









schwollen. 


F 







Grosse Milz. 


15 

Deutsche 

27j. marant. M. m. 

24 

Muskeln 

Hydrocephai. 

Herz schlaff, 

Zwerchfell: 

Hen- 


medic. 

Blasenstein. Unt. 

St. 

dunkel- 

externus, 

Muskel hellroth- 

5. Rippe. Milz 

läkmntig 


Wochen- 

Convulsion. bleibt 


rothbraun. 

Oedema cere* 

braun. Lungen 

gross, weich, 



schr. 1879, 

das Herz stehen, 



bri. Linsen¬ 

umfangr., blass¬ 

thcilshellrotb, 



S. 280 

nach ■/« St. die 



grosser Herd 

blau , ödematös 

theils schwarz- 




Athmung. 



in der Rinde 

Halsorgane cyano 

rotb. Calculus 







der 2. r. u. 1.1. 

tisch. 

et Carcinoma 







Stirnwindung. 


vesicae, Meta- 









stasis renum. 


w* 16 

Brit med 

27j. M , fussleid.. 




Herz: 1.Seit, leer, 


Aspbjile 


Journal. 

verliert ca. 90 g 




u. contrahirt, r 


; wird als 


1880. 1 

Blut u. stirbt nach 




vollgefüllt mit 


Todesurs. 


S. 99. 

10 g Ch. 




schwarz, fl. Blut. 

angenommen. 

Der Ge- 







Lungen vielfach 

richtsh. wünscht Aether- 







adhärent, r. blut 

anwendung bei congestio- 







reich, 1. unten he- 

nirten Lungen. Paralyse 







patisirt. 

des r. 

f.i 




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Goi igle 


Original from 

UNIVERSITT OF IOWA 




314 


J. Bornträger, 


Laufende No. 1 

Literatur. 

Personalien, 
Krankheit und 

Verlauf. 


0 b d u 

c t i o n. 


Todesart 

und 

Bemer¬ 

kungen. 

36 

d 

■H 

<u 

S 

Aeusseres 
u. All¬ 
gemeines. 

Kopfhöhlc. 

Brusthöhle. 

Bauchhöhle. 

17 

Ibidem 

Pat. will brechen, 




Fettherz. 

Nieren: Gra- 

Her«- 


S. 529. 

souckt Schleim 




Lungenödem. 

nularatrophie 

lähmuBg. 



aus; 7, Min. drauf sinkt d. Kieferl 




(Durch 



herab, erblasst d 

. Gesicht, ver- 




Luftein- 



schwind. Resp. u. Puls. 

Nach Zun- 




tritt?) 



genvorzieh. einz. 

. Athemzüge. 





18 

Wiener 

14j. M. Beinfrass. 


Todten- 

Pia ödematös. 

Herz mit Fett be- 

Zwerch feil: 

Reflex- 


medicin. 

Nach 14g Ch. ruh. 


starre. 

Basalarter. 

wachsen, mässig 

1. 5., r. 4. Rip 

iählllUBgTH 


Wochen* 

Narcose, Zunge 


Ausgiebig. 

leer, im Uebri 

gefüllt mit dun- 

Milz blut- 

Ben und 


sehr. 1881, 

herausgezog., Ope- 


violette 

gen mittlerer 

kelfl. Blut, 1. V. 

reich, ebenso 

Respiration. 


S. 719. 

ration wird be- 


Todten- 

Blutreichth. 

erweitert, Wand 

Nieren und 




gönnen — dasteht 


flecke am 

Kein Chloro- 

bis 1,5 mm dick, 

Leber.Harn 




die Resp., Gesicht 


Rücken. 

formgeruch 

leicht zerrcisslich, 

blase: spärl. 



• 

ist bleich, Pupil- 


Binde- 


braun. Halsvenen 

klarer Urin. 




len eng. Nach Pen- 


häute und 


mässig gefüllt m. 

Darm: mäss. 




dein an d. Füssen 


Lippen 


dunkelflüss. Blut 

Injection, 




spontane Athem- 


blass, Pu- 


Gänseeigross. Col- 

Schleimhaut 




züge, dann Pup. 


pillen 


loidkropf, Luft- 

blassviol. In- 




weit, Tod. 


mittelweit. 


röhre seitl. com- 

tima d. Aorta 








prirairt. 

zeigt gelbliche 









Verdiokung. 


19 

Brit. med. 

Kropfoperat. In d. 




Herz gesund, r. 


Erstickung. 


Journal. 

Narcose wird Pat. 




Hälfte voll fl. Blut 




I. S. 380. 

plötzlich blau im 




Lungen blutr., 





Gesicht u. stirbt 




zahlreiche grosse 

Hasen unt. d. 




trotz vorgeholter 




Pleura. Trachea d. Kropf sehr 




Zunge. 




gedr., Schleimh. 

geschwollen. 


20 

Ibidem. 

38j. Frau, Pota- 



Hirnatrophie. 

Herz v. Fett um- 

Nieren und 

Her«- 


S. 589. 

trix. Beinbruch. 




wachs. Lungen 

Leber fett- 

lähuiung 



Nach 2 Min. Chlo- 




normal. 

reich. 

. 



roformir. ist plötz¬ 









lich Puls u. Resp. 









weg. 







21 

Wiener 

14j. M. Tumor al¬ 


Lichtblaue 

Miliartubercu- 

Herz schlaff, 

Nieren und 

Erstickung 1 


medicin 

bus amFuss; gute 


Todten- 

lose der Pia. 

dünnwandig, r. 

Leber blut- 

Heristlll- 


Presse. 

Narcose vor 6 W. 


flecke an 

Hydrocephal 

wie Kartenpapier; 

reich, Harn- 

stand durch 


1883, 

Nach Erbrechen 


den Seiten, 

extern, u. int. 

r. V. erweitert, m 

blase leer. 

Lufteintrlttl 


S. 1478. 

werden Puls und 


Pupillen 

Gehirn blut¬ 

wenig dunklem, 





Respirat. unregel¬ 


weit. 

arm, feucht. 

dicklichtem Blut 





mässig und ver 




Lungen unten 





schwind.; Schaum 




hyperämisch, ob 





vorm Munde. 70g 




anämisch, in den 





Chi. verbraucht. 




Bronchien etwas 









schaumig-blutiges 









Serum. Luft- und 









Speiseröhre leer. 




Nirgends Chloroformgeruch. 


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Original from 

UNIVERSITY OF IOWA 




ufende No. 


Ueb. d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. gerichtsärztl. Standpunkte. 315 


Personalien, 


Literatur. 


Krankheit und 


Verlauf. 




Obductiun. 


s 

Aeusseres 




Zeit p 

u. All¬ 
gemeines. 

Kopfhöhlc 

Brusthöhle. 

Bauchhöhle. 


Todesart 

und 

Bemer¬ 

kungen. 


22 


Brit. med. 
Journal. 
1884, 

II., S. 874. 


28j. M Fingerver¬ 
letzung. Nach 10g 
Ch. wird Pat. ster- 
torös, Puls und 
Resp. verschwind. 


48 

St. 


Gehirn 
leicht blut¬ 
reich. 


Herz zeigt Fett 
innen u aussen; 
Wand dünn. Aorta 
u Coronararterien 
atheromatös dege- 
nerirt. Lungen 
blutreich u. leicht 
ödematös. 


In der Perito¬ 
nealhöhle 90 
ccm blutiges 
Serum. Milz. 
N i er., Leber. 
Dünndärme 
blutreich. 


Langsame 

Bm- 
lähinungf 
(Asphjxie ?) 





23 


Ibidem. 
S. 1192. 


8ja M. Verbrenn. 4 
d. Finger. Nach St. 
4 g Ch. gute Nar- 
cose. Nach Incis. 
wird sofort d. Ge¬ 
sicht bleich, Back, 
und Lippen blau, 
Pupillen weit ad 
maximum; Tod b. 
vorgezogen. Zunge 
und fortdauernder 
Resp. 


Gehirn 

normal 


Herz gesund, r. 
Seite voll dunkl.J 
ll Blutes, I. zu¬ 
sammengezogen u. 
leer. Pulmonalar¬ 
terie voll dunklen 
Blutes. Lungen, 
gesund. 


Nur Normales 


Reflex* 
lähmungdes 
r Hmms 


24 


Charite- 
Annalen 
pro 1884, 
S. 517. 


41 j. M. Patellar- 48 
fractur. Nach 10g St. 
Ch „trat Syncope 
ein“; Puls u. Resp. 
stockten plötzl.vor 
d.Operat. Aether, 
Strychnin, Elec- 
tricit., Tracheoto¬ 
mie etc. umsonst. 


Blut dick- Hydrocephal. 
flüssig, extern, gering, 
Gehirn blut 
arm, feucht, 
sonst gesund. 


Herz sehrächlaff, 
Waudung dünn, 
Blut dickflüssig, 
ohne Gerinnsel;! 
Fettdegeneration. 
Lungen zurück- 
gesunkeu , sehr 
blutreich. Luft¬ 
röhre: etw. röth 
lieber Schleim. 


Zwerchfell: 
I. 5., r. 4. Rip. 
Milzpulpa 
dunkelroth, 
Leber stark 
fettiginfiltrirt 


Beri- 

lähmung. 

Aspiration 
von Ch.? 







25 


Ibidem. 
S. 717. 




23j. Frau, Ipara. 
Oedem der Beine. 
In 2$ St. 3 Krampf* 
anfäl. m Bewusst¬ 
losigkeit ;Narcose. 
Nach 15gCh. hör- 
ten Resp. u. Puls 
auf. (Sectio cae¬ 
sarea.) 


Icterische 
Färbung 
der Haut 
und Con- 
junctiva. 






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Google 


In Brusthöhle 
massige Flüssig¬ 
keit; im Herzbeut, 
c. lOOccm Serum 
Herz gross, 
schlaff, m reichl. 
Gerinnseln ;Musk. 
dünn, opak, grau 
roth, brüchig, ra. 
gelblichen Färb. 
Lung. blutreich 
u. wie die Glottis 
ödematös 


In Bauch¬ 
höhle mäss. 
Flüssigkeit. 
Milz gross, 
nicht blut¬ 
reich. Nieren 
sehr gross, 
schlaff, opak, 
weissgelbliche 
Streifung der 
Papillenspitz, 
Kelche und 
Becken stark 
erweit. Leber 
fettreich. 


Ben- 

lähmunt 

(Aspirat. 
von Ch.?) 


Original frn-m 

UNIVERSITY OF IOWA 



Laufende No, 


316 


J. Borntrager, 


Literatur. 


Personalien, 
Krankheit und 
Verlauf. 


Obduction. 


Aeusseres 
u. All¬ 
gemeines 


Kopfhöhle 


Brusthöhle. 


Bauchhöhle. 


Todesart 

und 

Bemer¬ 

kungen. 


26 


Ibidem. 
1885, 
S. 503. 


20j. M. m. Drüsen 
tumor. am Halse; 
Defecte am weich. 
Gaum., Verwachs, 
m.d. Rachenwand. 
Es „trat der Tod 
während der Nar- 
cose ein“. 


ca. 

48 

St. 


27 


28 


Centralbl 
f. Chirurg. 
1886, 

S. 45. 


lOj M. Anämie. 
Nach Entfernung 
tuberculös. Hals¬ 
drüsen plötzl. ein 
Schrei, worauf 
Puls u. Resp. weg 
sind. 


Ibidem. 8j M. Parotistum. 

East war schon d 
Tumor entfernt, 
als m. ein. Schrei 
Respir. und Puls 
schwanden. 


29 


Archiv f. 
klin. Chir. 

1887, 

S. 378. 
(Fall von 
Lauen¬ 
stein, ver¬ 
öffentlicht 
von Kap¬ 
pe 1 e r.) 


27j. ängstl.. blei¬ 
cher M. m Bubo, 
vor7Tag schlech¬ 
te Narcose. Nach 
5gCh. setzte wäh 
rend d. Exaltat. d. 
bis dah. gute Puls 
aus, Pupillen ad 
maiim., noch etwa 
5 Athemzüg., Tod 


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Schleim 
häute anä¬ 
misch. In 
d. Mund¬ 
höhle Blut 
in ziem¬ 
licher 
Menge. 


Todten- 
starre. Fl 
Blut in 
den Bein¬ 
venen. 


Pia und Ge - Im Herzbeutel ca. 
hirn blut- 15 ccm Serum 
reich. Herz enth. über¬ 
all fl. Blut, r. V. 
weit, 1. fest con- 
trahirt. Lungen: 
l. bronchopneu- 
monische Herde, 
r. unt. sehr blut 
reich, oben öde- 
matös. Glasiger 
Schleim in den 

__._I Bronchien. 

Epiglottis ödemat. Trachea, 
bes. unten, stark geröthet, mit 
dick. Schleim. Zungenspitze ge- 
schwoll , vom Zungenrand lässt 
sich d. Schleimhaut weit ablösen. 


Herz: beiderseits 
hellroth. fl. Blut. 
Lungen zeigen 
Tuberculose und 
riechen nach Ch 


Oedema 

cerebri. 


Herz: 1. V. m. ge¬ 
ring. excentrisch. 
Hypertrophie, ln 
den Lung leich¬ 
ter Ch. - Geruch. 
Tonsillen u Hals- 
drüs. hyperplast. 


Herzir.V. schlaff, 
enthält geringe 
Menge hellrothen 
Blutes, mit Luft¬ 
blasen vermischt; 
I. V. massig con 
trahirt, leer; Mus¬ 
kel blassroth, 
nicht verfettet. 
Lungen sehr 
hyperämisch. 


Zwerchfell: 1 Aspiration 
l. 5., r. 4 Rip. von Ch.? 
Milz: frische! tsphjxle? 
Schwellung. 

Nieren hyper 
ämisch. Harn¬ 
blase contrah , 
wenig trüber 
Urin drin. Le¬ 
ber: starke 
Stauung. Ma¬ 
gen: 6tat 
mammillonö; 

Darm: zieml.l 
roth, Ileum m. 
geschwollenen j 
Peyer’schen 
Plaques. 

I 

len- 
lähmuog. 


Morbus 

Brightii. 


Herz lähm 

Der Schrei 
wird als 
Reizung d. 
Med. ob¬ 
long. ge¬ 
deutet (cfr. 

Experi¬ 
mente von 
F lo u- 
rens). 

Herzstill¬ 
stand durch 
Lufteintritt. 


Original from 

UNiVERSUY OF [OWA 




Ueb d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. gerichtsärztl. Standpunkte. 317 



Personalien, 

Literatur. 

Krankheit und 


Verlauf. 


32; Virchow- 40j. M. Stirbt in 
I Hirsch Narcose b. gewalt- 
j Jahresber samer Streckung 
I 1888, I, d. Kniegelenks, in- 
S. 367. dem plötzlich die 
i (Gross.) Athmung u. Herz* 
thätigkei taufhört. 

33 Ibidem. Junge Frau. 
1882, I., Selbstvergiftung 
I S 444. durch Chloroform- 
i Inhalation. 


0 b d u c 4 1 0 "• Todesart 

i ' und 

Aeusseres j Beroer- 

u. All- Kopfhöhle. Brusthöhle. Bauchhöhle, kungen. 
gemeines. | 


toi Ibidem. 19jäbr. Frau, ge 23 
! S. 379. schwächt d. Eite- St. 
I rung ein Ovarial- ^ 

' kystoms. Athm. ö 

v. vornherein un- g 
regelmässig; nach 3 
10 Minut. begin* cf 
nende Narcose, ^ 
Brechbewegungen 
— da Pupillen ad 
maxim., Puls weg, 
Respir. stockend. 
Gesicht bläulich 
roth 

31 Brit med. 45j.m. Epitheliom 
Journal, an d. Zunge Nach 
1887, ,11., 6g Ch. flattert der 
‘ S. 782. Puls u. bleibt weg 
l trotz künstl. Ath¬ 

mung u. spontan. 

Athemzüge. 


Keine 
Fäulniss- 
erschein. 
Hautdeck, 
blass,rothc 
Todten- 
flecke am 
Rücken. 
Starke 
Todten- 
starre. 
Blut über* 
all fl. u. 
theerartig. 


Herz: r. V.schla 
u. beinahe leer, I 
V. etwas oontrah 
u. ziemlich viel fl 
Blut enthaltend. 
In jed. Ventrikel 
eine Gasblas., bei¬ 
de zusammen etwa 
wallnussgr., sich 
bei ehern. Unter¬ 
suchung alsStiek- 
stoff erweisend. 


Herz sehr gross 
Höhlen sehr er 
weitert, M. gelbl. 
braun, leicht zer* 
zeisslich, Schnitt¬ 
fläche weich, kör 
nig; Wand des r 
V. transpar.,dünn 
Aorta ausgebuebt. 
und atheromatös; 
mikroskop. nach¬ 
weisbare fettige 
Degeneration des 
Muskels. Lungen 
emphysematos 

Herz gross und 
schlaff, Musk. sehr 
dünn. Fettaufla¬ 
gerung. 


Cyanose u. Nachweis von 
Ecchymo- Chloroform im 
sirung des Gehirn konnte 
Gesichtes nicht be- 
u. derCon- stimmt er- 
iunctiven bracht werd. 


Gesichtes 
u. derCon- 
junctiven 
(Leiche lag 
auf dem 
(Bäuche). 
Blut dun 
kelflüss. 


■enstlll- 
staai iircb 
Uftelatrltt 


■ert- 

lihaug. 


■ere- 

libmmg (d. 

Reflex ?). 


Nirgends Chloroforrageruch oder 
Abnormitäten. 


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Original from 

UNiVERSITY OF IOWA 





Laufende No. 


318 


J. Bornträger, 






Personalien, 

Obduction. 

Todesart 

Literatur. 

Krankheit und 

* 53 

Aeusseres 




und 

Bemer¬ 


Verlauf. 

dL 

u. All¬ 

Kopfhöhle. 

Brusthöhle 

Bauchhöhle. 

kungen. 



<X> 

s: 

gemeines. 




Archiv f. 

28j M wird auf- 

9 

Ziemlich 

Hirn und 

Herz contrahirt, 

Milz weich, 

Tnd darck 

Heilk. 

gefund., na-hdem 

St. 

starke 

Hirnhäute 

ohne Coag., Mus¬ 

Nier. weich, 

d. censerut 

1874, 

er offenbar längere 


Todten- 

feucht und 

kel etwas gelbl., 

anämisch, Le¬ 

Pneumon , 

S. 430 ff. 

• Zeit Ch. auf ein 


starre Le¬ 

hyperämisch 

fett, entart.,weich 

ber zeigt ein¬ 

bez. Luu- 


Taschentuch ge¬ 


derartige 

Lungen nichtre- 

zeln. verfettete 

genaffeclUo 


träufelt u. einge 


Krusten, 


trahirt, r ganz, 1 

Acini, Magen 

überhaupt. 


athraet hat. Be¬ 


Blasen auf 


unt. infiltrirt, öde- 

etwas hyper¬ 

Mikro¬ 


wusstlos, schnar 


den Wan 


matös Das infil* 

ämisch, Darm 

skopisch 


chend; Röthung 


gen, Arro- 


trirte Gewebe ist 

nicht. 

war croup 


u. Erosionen im 


sionen der 


durchlöchert, die 


Entzünd., 


Gesicht; Erbrech , 


Lippen. 


Löcher enthalten 


Abschupp. 


Urticaria an den 


Muskeln 


blutig serös. Flüs¬ 


des Flim¬ 


Gliedern; Fieber, 


dunkel- 


sigkeit. Bron 


merepi¬ 


Dämpfung über d. 


roth. 


chien, Trachea. 


thels,theil- 


Lung.; Urin stark 




Kehlkopf (exclus. 


weise Aspi¬ 


eiweisshaltig, fast 




wahre Stimrabän 


ration des¬ 


<»hne Chlorsalze. 




der), Epiglott. zei¬ 


selben in 


Tod nach l^Tag. 




gen hyperämische, 


die kleinen 


trotz Transfusion. 




theils geschwoll 


Bronchien, 





Schleimhaut und 


Eiterung 





Erosionen. Mund¬ 


u. blasige 





schleimhaut, Pha¬ 


Ektasien d. 


i 



rynx, Oesophagus 


Bronchiol. 






normal. 


u. Alveol 
nachweisb. 

Virchow- 

Mann trinkt 45 g 




Herz: Petechien 

Magen: fleck. 

Erstickung. 

Hirsch 

Ch. Trotz Magen¬ 




auf d. Oberfläche, 

Röthe in Gur 

Paralyse 4. 

Jahresber. 

pumpe Aussetzen 




bes. 1 .; r. V. er¬ 

vat. maj und 

r. Ventr.l 

1878, I., 

des Pulses, Cya- 




schlafft, 1 . fest con¬ 

Pylor., Därra. 


S. 400 

nose, Pupillener 




trahirt. Lungen 

und Perito¬ 



Weiterung, Tod n. 




hyperämisch, ver¬ 

neum hyper 



36 St. 




minderte Crepita 

ämisch; Oeso¬ 







tion; Ecchyraosen 

phagus: ob. 







in der Broncbial- 

viele runde 







schleirahaut. 

rothe Flecke, 
unten Epithel¬ 








verluste. 


Central bl. 

Syphilitischer Po* 



Gefässe der 

Herz: Subperi* 

Magen, Duo¬ 

Erstickung 1 

f. Chirurg. 

tator trinkt 35 g 



Hirnhäute 

cardial. Petechien. 

denum und 

Paralyse d. 

1878, 

Ch., erscheint n 



mässig stark 

Lungen hyper 

Anfangstheile 

r. Ventr.l 

S. 555. 

V 4 St wie betrun¬ 



gefüllt. 

ämisch u. öderaat. 

des Jejunum 



ken; trotz Magen 





zeigen fleckige 



pumpe schwindet 





Röthung, die 



das Bewusstsein 





Speiseröhr. 



Puls u Resp wer 





ira oberen 



den unregelmäss 





Theile kleine 



Nach 26 St. Syn- 





Erosionen. 



cope u. Tod. 





t 


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Original from 

UNIVERSITY OF IOWA 



Ueb. d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. gerichtsärztl. Standpunkte. 319 


3 

cC 


Literatur. 


Personalien, 
Krankheit und 
Verlauf. 


Obduction. 


<D 

S3 


Aeusseres 

u. All¬ 
gemeines. 


Kopfhöhle. 


Brusthöhle. 


Bauchhöhle. 


Todesart 

und 

Bemer¬ 

kungen. 


87 


Vircbow- 
Hirsch 
Jahresber. 
1880, I., 
S. 48G. 


Mann verschluckt 
50-60 gCh. Er¬ 
brochenes u. Stuhl 
riechen nach Ch 
Tod nach 27 St. 


38 Schmidts j Potator trinkt eine 
I Jahrbuch. |Flasche Ch. aus, 
1881, Bd. |liegt 4St. wie todt 


189, S. 236 
(Mygge). 


mit blauem Ge¬ 
sicht; Erbrochen, 
riecht nach Ch., 
Stühle dünu, Spu¬ 
ta blutig. Unter 
Fieber entwickelt 
sieb eine Pneum ; 
Tod am 9. Tage. 


39 


Ibidem. 
1882, Bd. 
194,S.250. 


40 


Brit raed. 
Journal. 
1886, I., 
S. 786 
u 969. 


60j. Mann trinkt 
V* Spitzglas Ch. u. 
stirbt nach lOMin 


Mann wird todt in 
sein. Bette gefund 


An den 
Mundwin¬ 
keln u. Na¬ 
senlöchern 
angetrock¬ 
netes brau¬ 
nes Secret, 
Borken an 
|d. Lippen. 

Mund¬ 
schleim¬ 
haut wie 
verbrannt. 


72 

St. 


Kein auf¬ 
fälliger 
Geruch. 


Lungen hyper- 
ämisch 


Hydropcricard. R. 
V. wenig erweit.. 
jenthält dunkl. fl. 
Blut, l. farblose 
Gerinns. Lung.: 
fibrinöseAdhären 
zen,Congestion, r. 
vorn graue [Hepa¬ 
tisation. Schleim, 
haut d. Larynx. 
der Trachea u. 
Bronchien sam¬ 
metartig, dunkel- 
roth. 


Chloroformge 
ruch b. Durch* 
schneidung d 
Dura und bes 
des Hirns 
selbst. 


M a ge n- 
schleimb. 

roth, ge- 
schwoll., stel 
lenweise necrotisch, viel Schleim; 
stechend. Geruch nach Chlorof. 
u. Knoblauch. 


Ulcerationen 
im Schlund, 
Oesophag, 
Magen u. be¬ 
sonders im 
Duodenum 

Magen: im 
Fundus Ablös. 
der Schleimh 
u. Zerstörung 
bis auf d. sub- 
serös. Gewebe; 
Ecchymosen. 
Im oberen Je- 
jun. unregel¬ 
mässige Ge¬ 
schwüre, meist 
reihenartig 
nach d. Längs 
achs. Schleim¬ 
haut schiefer¬ 
grau. Im 
Oesophag. 
Schleimhaut 
blauroth, Epi¬ 
thel flottirend. 

Magen ent¬ 
hält braune 
Flüssigk. ohne 
Chloroformge 
ruch; Schleim 
haut rothgrau, 
Uefässinject. 
an d. Cardia 


Ttd durch 
Pneomwale. 


Nach 6 
Tagen wird 
Ch., Amei¬ 
sensäure, 
Alkohol 
im Magen 
u. anderen 
Organen 
gefunden. 

Gehirn 
nicht un¬ 
tersucht 
Todesart V 

Chemisch 
wurden 
11,25 R 
Chlorof. im 
Magenin¬ 
halt nach¬ 
gewiesen. 
Todesart ? 


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Original frn-m 

UNiVERSUY OF IOWA 





320 


J. Bornträger, 


Sonach gestaltet sich die Zahl der veröffentlichten Chloroform- 
lodesfälle also: 

Zusammengestellt wurden 

von Sabarth 1848 — 1865 .... 119, 

„ Kappcler 1865—1876 . . . 101, 

„ mir 1876 — 1888. . . . . . . 40, 

Summa . 260. 


Rechne ich dazu etwa 150 weitere Fälle, welche mir bei Durch¬ 
sicht der Sammelwerke ohne nähere Angaben als blosse Notizen auf- 
gestossen sind, so ergiebt das rund 400 Todesfälle innerhalb der nun¬ 
mehr 40jährigen Anwendung des Mittels, also 10 pro Jahr. Bedenkt 
man, dass naturgemäss nicht alle derartigen Fälle veröffentlicht wer¬ 
den, und zieht die Fälle in Betracht, welche uns von bekannten 
Aerzten so gesprächsweise privatim mitgetheilt werden, so ergiebt 
sich, dass diese Zahl der Wirklichkeit keineswegs entspricht. Jacob 
stellte allein für Grossbrit&nnien im Brit med. Journ. folgende Zahlen 
zusammen: 


1882 . 

23, 

1883 . 

11, 

1884 . 

9, 

1885 . 

12, 

Sa. . 

55 


55 = fast 14 pro anno. 

Kappeier (Archiv f. klin. Chirurgie, Bd. 37) zählt von 1876 
bis 1885 incl. 184 Todesfälle. 

Unter obigen 260 Fällen finden sich 7 durch Trinken des Chloro¬ 
forms entstandene, 12 absichtliche oder unabsichtliche Selbsttödtungen 
durch Inhalation; cs bleiben mithin 241 unter ärztlicher Anwendung 
vorgekoramene. Ira Folgenden werden zunächst diese letzteren Fälle 
und zwar ganz speciell die 101 von Kappeier und die No. 1—32 
der von mir gesammelten in Betracht gezogen werden. 

Die Frage ist: Welche Anhaltspunkte geben diese Chloroform- 
todesfälle dem Gerichtsarzto an die Hand, um die Fragen nach Todes¬ 
ursache und Schuld zu beantworten? 


A. Diagnose der Todesursache. 

Die Diagnose der Todesursache gründet sich bekanntlich bei jeder 
Vergiftung, als deren Folge ich zunächst den Chloroforratod ansehen 
will, auf: 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 








Ueb. d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. gerichtsärztl. Standpuukte. 321 


1) die Krankheitserscheinungen, 

2) den Leichenbefund, 

3) den Nachweis dos Giftstoffes, 

4) den Nachweis der Giftigkeit dieses Stoffes am Thier, 

5) die anderweitigen richterlichen Erhebungen. 


1. Die Krankheitserscheinungen vor dem Tode. 

Von Krankheitserscheinungen vorm Chloroformtode kann nicht recht 
die Rede sein; man kann nur von den normal toxicologischen Wir¬ 
kungen des Stoffes und von den den Tod einleitenden und begleiten¬ 
den Symptomen, also der Art des Todes, sprechen. 

Man theilt die Wirkung des Chloroforms am besten in 4 Stadien: 
Erregung — Erschlaffung und Schlaf — Anästhesie — Asphyxie 
bezw. Paralyse. Nun starben von den 133 Fällen, soweit ersichtlich: 



Kappe- 


Meine 



ler’s 

Casuistik. 

Sa. 

bei Beginn der Inhalation“. 

4 

+ 

1 = 

5 

im Stadium der Aufregung“ . 

14 

+ 

5 = 

19 

im Stadium der unvollständigen Narcose“ . 

25 

+ 

10 = 

35 

in voller Narcose“. 

30 


15 = 

45 

nach vollendeter Operation“. 

17 

+ 

] = 

18 

oder unter den bekannten 122 Fällen: 





vor der vollen Einwirkung des Chloroforms“ 

43 

+ 

16 = 

59 

während d. vollen Einwirk. d. Chloroforms“ 

47 

+ 

16 = 

63 


Darnach starben also etwa gleichviel in und vor voller Narcose. 
Kidd berechnete 1861, dass 2 / 3 im Erregungsstadium gestorben seien; 
die Differenz rührt zum Theil daher, dass manche Fälle nicht genau 
genug beschrieben sind, so dass die Einreihung einigermassen willkür¬ 
lich ist. 

Bei dem Eintritt des Todes ist das Plötzliche und Unerwartete 
sowie das Irreparable des Zustandes charakteristisch. In welchem 
Stadium der Narcotisirung der Tod auch eintreten möge, stets heisst 
es in den Berichten: eben noch sprach oder reagirte der Patient, 
eben hatte man sich vom guten Pulse überzeugt u. dergl. — da 
plötzlich stand die Athmung, das Herz still, veränderte sich das Ge¬ 
sicht etc.; sofort eingeloitete kräftigste Mittel vermögen nichts zu 
leisten, während doch bei einfachen Behinderungen der Athmung (in’s 
Wasser fallen, Verschüttetwerden etc.) noch nach längerer Zeit Ret¬ 
tung möglich ist. 

VlarMlJftbrMehr. f. (er. Med. N. F. UI 2. 21 


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UNIVERSITÄT OF IOWA 







322 


J. Bornt räger, 


Besonders hervorznheben sind: 

u ) Plötzliches Umsinken des Körpers nach vorhergehendem Auf¬ 
richten und krampfartigen Zuckungen, Erschlaffen aller Muskeln, 
Niederfallen des Unterkiefers, besonders prägnant im Stadium der 
Exaltation. 

ß ) Erdfahles Gesicht bei Syticope, rothblaues bei Asphyxie. 

y) Dunklerwerden des langsamer und spärlicher fliessenden Blutes 
bei Wunden, Aderlässen. 

d) Auffliegen ad maximum der bis dahin eventuell ganz engen 
Pupillen. Wo der Pupillen überhaupt gedacht wird, ist diese Erschei¬ 
nung gemeldet; bei Kappeier 4raal, unter meinen Fällen 5mal (cfr. 
No. 18). 

f) Ein Aufschrei, der dem Aufhören von Puls und Respiration 
vorhergeht (vergl. Bemerkung zu No. 28), wird mehrfach erwähnt 
(hier 4mal: No. 8,£13], 27, 28); derselbe ist vielleicht in eine Reihe 
zu stellen mit dem bekannten Schrei mancher Epileptiker vor dem 
Anfalle. Auch Trelat (Virchow-Hirsch 1882, I., S. 408) erwähnt 
einen solchen Schrei, d.ann kurze Bowegung mit Arm und Rumpf, 
Syncope, Tod. 

Das Symptom scheint dem Tod durch Herzparalyse eigen zu sein. 

f) Unfreiwilliger Abgang von Urin und Koth wird gelegentlich 
vermeldet. Legros und Onimus (Schmidi’s Jahrbücher Bd. 144, 
S. 23) sahen bei Thieren heftige peristaltischo Bewegung des Darms 
beim Schluss des Lebens auftreten und erklärten dies durch die plötz¬ 
liche Entziehung des arteriellen Blutes. 

t ]) Herzstillstand wie 

Lungenstillstand treten ebenfalls gewöhnlich unerwartet ein, 
manchmal wird der Puls einen Moment vorher weich, verlangsamt, 
doppelschlägig, bezw. die Athmung oberflächlich, verlangsamt oder 
schnarchend genannt, oder es tritt vorher die sub y erwähnte Ver¬ 
änderung des Blutes ein. Zuweilen zeigten sich von vornherein die 
Zeichen „schlechter Narcose“, wie grosse Aufregung, unregelmässiges 
Athmen, Anhalten in Inspirationsstellung etc. Manchmal überdauert 
die Herzthätigkeit die Respiration (No. 2), zuweilen um nennens- 
werthe Zeit (20 Min. bei Kappeler’s No. 83), öfter finden sich noch 
Respirationsbewegungen bei fehlendem Herzschlage (No. 9, 10, 17, 18, 
23, 29, 30, 31), in Fall 15 gar */ 4 Stunde lang. 

Man findet also theils das Bild des syncoptischen, theils des 
asphyktischen Todes, theils verwaschene Bilder. 


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Ueb. d. Tod durch Chloroform u. Chloral v. gerichtsärztl. Standpunkte. 323 

Sabarth rechnet 36mal Asphyxie, 11 mal Syncope, 
Kappeier „ 17 „ „ , 23 „ „ ’ 

Meine Tabelle „ 5 „ „ , 19 „ 

(W. Koch „ 27 „ , ,73. I ) 

(Jacob , 14, „ ,26, „ ). 

Sind obige Zahlen, wie ja die Bemerkungen in meiner Casuistik 
zeigen, auch vielfach unsicher, so folgt doch das augenfällig aus 
dieser Zusammenstellung, dass die Zahl der syncoptisch in der Chlo- 
roformnarcose zu Grunde Gegangenen im Verhältniss zu des Asphyk- 
tischen in letzterer Zeit sehr zugenommen hat. Wir finden nämlich: 

Asphyktische zu Syncoptischen nach Sabarth = 1:0,3, 

« Kappeier = 1 : 1,35, 

* mein. Tabelle = 1 : 3,8, 

» (W. Koch = 1 :2,7) 

(Jacob = 1:1,85). 

Beide Todesarten kommen in allen Stadien der Narcose vor. 
Kappeler’s und meine Casuistik ergiebt: 

Asphyxie. Syncope. 

K. J. Sa. K. J. Sa. 
vor voller Narcose 7 -f 2 = 9, 9-f- 9=18 
in voller Narcose 10 -f- 3 = 13, 14 + 10 = 24. 

Also am häufigsten war Syncope in voller Narcose, dann folgt 
Syncope früher, dann Asphxyie in voller Narcose, dann Asphyxie 
früher. 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die den Chloroformtod ein¬ 
leitenden Erscheinungen sich decken mit denen plötzlicher und irre- 
parabeler Herzparalyse, seltener Asphyxie. 

(Fortsetzung und Schluss folgt.) 


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21 * 

Original from 

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II. Oeffentliclies Sanitätswesen. 


1 . 


Zur Aetiologie der crenpösen PienaMir. 

Von 

Dr. med. lllesell, 

weiland prakt. Arzt in Echte (Provinz Hannover). 

(Schluss.) 


IY. Bei der Ansbreitang der Pneumonie-Epidemien wirken Örtliche 
nnd zeitliche Zustande als Hftlfsnreachen mit 

leb habe schon bei der Besprechung der individuellen Krankheitsdisposition 
nachzuweisen gesucht, dass die Pathogenese der Pneumonie nicht in einem ein¬ 
fachen Acte derConcurrenz von pneumonischen Infectionsstoffen und geschwächten 
Ernährungszuständen bestehen könne, sondern dass es sieb dabei augensoheinlioh, 
wie das von Virchow, Hueppe u. A. neuerdings für die meisten Infections- 
krankheiten angenommen wird, um überaus complioirteVorgänge handelt, welohe 
sich im Organismus unter Mitwirkung der Psyche abspielen, und auf welche die 
Beziehungen des Individuum zur Aussonwell einen sehr verschiedenen, bald sehr 
geringen, bald ausserordentlich schwerwiegenden Einfluss ausüben. Dasselbe In¬ 
dividuum kann sich sowohl durch ausschliesslich innere Ursachen, wie durch de- 
primirende Gemüthsbewegungen, als auch durch lediglich von aussen kommende 
Einwirkungen, wie durch Erkältungen, eine Pneumonie zuziehen, wenn es der 
Infection durch pneumonische Krankheitsstoffe ausgesetzt ist. Daraus folgt, dass 
die einzelnen Erkrankungen einer jeden Pneumonie Epidemie eine gewisse ätio¬ 
logische Selbständigkeit besitzen, und dass Ort und Zeit auf die einzelnen Indi¬ 
viduen, welche während einer Epidemie erkranken, eine ungleichmässige nnd un- 
gleichwerthige Einwirkung haben. Aber auch die speciöschen Krankheitserreger 
dar Pneumonie müssen in ganz verschiedener Weise durch Ort und Zeit beein¬ 
flusst werden können. Denn die Lungenentzündungen treten in einem ländlichen 
Bezirke nur in Form von kleineren und grösseren Dorfepidemien auf, welohe im 
Laufe der Jahre keinen einzigen Ort gänzlioh verschonen, oder besonders bevor- 


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Zur Aotiologie der cronpösen Pneumonie. 


325 


zugen, sich zu allen Zeiten in einem Dorfe zeigen, und stets die Eigenthümlich- 
keit haben, dass sie einige Orte durchsouchen und gleichzeitig andere in näch¬ 
ster Nähe liegende Orte nicht berühren. Die pneumonischen Infectionsstoffe fin- 
den daher in unserem Klima in einem jeden Orte und zu jeder Zeit unter Um¬ 
ständen die Bedingungen, welche zu ihrer Existenz und Fortbildung nothwendig 
sind. Wenn sie daher überhaupt von örtlichen und zeitlichen Verhältnissen ab¬ 
hängig sind, so kann diese Abhängigkeit nicht iri ein und denselben äusseren 
Momenten beruhen, sie muss vielmehr durch die verschiedenartigsten atmosphä¬ 
rischen und terrestrischen Zustände hervorgerufen werden können. Es geht also 
die Bildung und Ausbreitung dor Pneumonie-Epidemien nicht in 
gleichartiger Weise vor sich, und es können sehr verschiedene, 
innerhalbund ausserhalbderlnfectionserreger und derlnfeotions- 
träger liegende Factoren sein, durch deren Zusammenwirken eine 
Epidemie entsteht. 

Welchen Einfluss nun örtliche und zeitliche Verhältnisse auf die Pneu¬ 
monie-Epidemien ausüben, darüber können wir für jetzt nur mehr weniger be¬ 
gründete Vermuthungen hegen. Wir können indess nachweisen, dass die Epi¬ 
demien in keinem abhängigen Verhältnisse von ihnen stehen 

1. Die zeitlichen Verhältnisse. 

Dass die Zeit nicht ohne Einfluss auf dio Pneumonie-Epidemien, ihren Ver¬ 
lauf and ihre Ausdehnung ist geht daraus hervor, dass die Epidemien sich nicht 
gleichmässig über das ganze Jahr vertheilen. Die meisten Pneumonien 
fallen stets in die Winter- und Frühjahrsmonate. 

Die Begünstigung der Pneumonie durch die kältere Jahreszeit muss für die 
gemässigte Zone als eine feststehende Thatsache angesehen werden (Hirsch, 
Jürgensen, Ziemssen, Köhnhorn, Keller. Seitz, Klinger, Port, 
Stortz u. A.). In dem Bezirke Echte tritt sie mit grosser Regel¬ 
mässigkeit zu Tage. Die gesammten 607 Pn. vertheilten sich auf die ein¬ 
zelnen Monate: 


der Jahre 

Januar. 

Februar. 

März. 

April. 

’S 

Juni. 

Juli. 

August. 

September. 

October. 

November. 

December. 

Summa. 


Pn. 


Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

Pn. 

1880 

3 


1 

8 

14 

4 

- | 

—. 

1 

— 

6 

6 

50 

1881 

26 


24 

8 

14 

5 

— 

2 

3 

4 

3 

5 

119 

1882 

11 


13 

10 

11 

3 

3 

2 

3 

5 

1 

5 

77 

1883 

12 

15 

13 

13 

3 

2 

3 

1 

2 

1 

1 

3 

69 

1884 

8 

5 

3 

7 

3 

1 

2 

2 

4 

4 

5 

6 

50 

1885 

ISS 


15 

12 

10 

2 

3 

4 

7 

2 

6 

6 

84 

1886 

El 


34 

29 

25 

12 

10 

8 

— 

— 

6 

6 

158 

Summa 

83 

87 

103 

87 

80 

29 

21 | 

14 ! 

20 1 

16 

28 

39 

607 


Es kommen hiernach auf die Sommermonate Juni, Juli und August 64 Pn., 
auf die Herbslmonate September, October und November gleichfalls 64 Pn., auf 


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326 


Dr. Riesel], 


die Wintermonate December, Januar und Februar dagegen 209 Pn. und auf die 
Frübjahrsmonate März, April und Mai sogar 270 Pn. Die Lungenentzün¬ 
dungen des Winters und des Frühjahrs übertreffen daher die¬ 
jenigen des Sommers und des Herbstes in den 7 Jahren um das 
Vierfache. In den verschiedenen Jahren fällt das Maximum wie das Minimum 
der Pneumoniefrequenz niemals auf ein und denselben Monat, oder auch nur auf 
dieselbe Jahreszeit, vielmehr sind es bald die kalten, bald die kühlen Monate, 
welche die meisten, und ebenso bald die warmen, bald die heissen Monate, 
welche die wenigsten Pneumonien haben. Dabei ist es eine auffällige Erschei¬ 
nung, dass die Monate October, November, December stets eine ungleich gerin¬ 
gere Anzahl von Lungenentzündungen zeigen, als die Monate März, April und Mai. 

In vollkommenem Gegensatz zu dieser Vertheilung der Pneu¬ 
monie über die verschiedenen Jahreszeiten steht der Typhus. Der¬ 
selbe zeigt seine grösste Frequenz im Spätsommer und Herbst, seine geringste 
im Frühjahr. Von den 151